Meine Wohnung – unverhandelbar!

Die Wohnung gebe ich nicht her

Helga Baumann hörte sie noch auf der Treppe. Zuerst die hohe, unzufriedene Stimme der Schwiegertochter, dann das gemurmelte Echo ihres Sohnes. Sie machte sich nicht die Mühe, genauer hinzuhören. Stattdessen stellte sie den Wasserkessel auf und trat ans Fenster. Draußen nieselte der Oktoberregen, nasse Blätter lagen auf dem Vordach des Nachbareingangs, und der ganze Innenhof wirkte zu dieser Morgenstunde besonders grau und trist.

Als die Tür aufging, drehte Helga sich zunächst nicht um.

Mama, wir wollten mal reden, sagte André. Sie hörte seiner Stimme an, dass er das Gespräch am liebsten schon wieder beendet hätte, ehe es überhaupt begann.

Setzt euch, ich mache Tee.

Wir brauchen keinen Tee, das war Nadine, die Schwiegertochter. Sie betrat als erste die Küche, André blieb im Flur stehen. Helga wandte sich doch um. Nadine stand noch im Mantel, die Tasche über der Schulter, das Gesicht entschlossen und kühl wie jemand, der ein Urteil bereits gefällt hat.

Dann zieh zumindest den Mantel aus, sagte Helga ruhig.

Frau Baumann, das ist ernst. Wir sind wegen der Wohnung hier.

Da war es also. Helga wandte sich langsam wieder dem Fenster zu, als könnte sich draußen plötzlich etwas verändert haben.

Die Wohnung, wiederholte sie.

Ja. Sie wissen ja, wir brauchen mehr Platz. André verdient ordentlich, ich auch aber München ist nun mal München. Nadine sprach sachlich, fast geschäftlich. Die Wohnung ist auf Sie angemeldet, Sie leben allein. Wir sind zu dritt, mit Leon. Wir brauchen einfach ein bisschen mehr Raum.

Leon ist Ihr Sohn, sagte Helga. Keine Frage, nur eine Feststellung.

Natürlich.

Wie alt ist er jetzt?

Neun, Mama. Was hat das denn damit zu tun? mischte sich André nervös ein.

Komm doch rein, André, sagte Helga. Ohne Vorwurf, ohne Ärger. Nur der feste Ton, der immer half. André kam in die Küche, stellte sich an den Kühlschrank, die Hände in den Taschen. Zweiundvierzig Jahre alt mittlerweile, und stand doch wieder da, wie damals vor der Mathearbeit in der Schule.

Ihr wollt also, dass ich ausziehe, sagte sie.

Wir haben gedacht, Sie könnten vielleicht zu Christa ziehen, schlug Nadine vor. Sie hat ein Haus am Ammersee, ihr seid doch befreundet, da wäre es nett für Sie.

Christa ist im vergangenen Juni gestorben, sagte Helga.

Nadine öffnete den Mund, schloss ihn wieder. André wechselte nervös das Standbein.

Mama, sie wusste das nicht…

Nein. Sonst hätte sie gefragt. Endlich sah Helga sie beide nacheinander an. Lange genug, bis sie sich unwohl fühlten. Geht nach Hause. Ich rufe euch an.

Mama…

André. Jetzt geht.

Sie gingen. Nadine ohne ein weiteres Wort, André sah sich an der Tür noch einmal um, sagte dann aber nichts mehr. Die Wohnungstür schlug zu, zuerst die Küchentür, dann die Haustür. Helga stand noch zehn Minuten am Fenster. Der Regen hörte nicht auf. Der Wasserkessel hatte längst abgeschaltet.

Achtunddreißig Jahre lebte sie schon in dieser Wohnung.

Hierher brachte sie André aus dem Krankenhaus, hier machte er seine ersten Schritte, hier weinte sie um Franz, als er starb. André brachte alle seine Freundinnen hierher, bis er Nadine kennenlernte. Helga korrigierte in diesen Wänden bis spät nachts Schüleraufsätze. Hier feierte sie ihre Pensionierung.

Die Wohnung hatte zwei Zimmer, lag im vierten Stock, mit Blick auf den Hof. Nicht neu, nicht luxuriös, aber ihr eigenes Reich. Die Wände kannten den Tapetenkleister von Franz, sie hatten sie nie überklebt. In der Küche hing immer noch das schiefe Regal, das Franz angebracht hatte sie hatte es nie geradegerückt.

Helga machte sich Tee, setzte sich an den alten Tisch, an dem sie früher mit Franz zu Abend aßen, umschloss die Tasse fest mit beiden Händen.

Sie war jetzt siebenundsechzig. Und allein.

Drei Tage später rief sie an. Aber nicht bei André.

Sie griff zu einer Nummer, die sie lange nicht mehr gewählt hatte.

Hallo?

Irmgard, hier ist Helga. Helga Baumann von Franz.

Pause.

Frau Baumann! Mein Gott, wie lange ist das her! Wie geht es Ihnen?

Es geht. Sie schwieg. Und dir?

Gut soweit. Wir sind nach Augsburg gezogen, nach dem Tod von Mama, wissen Sie? Ich arbeite in der Bibliothek, Klaus unterrichtet. Enkelkinder noch keine, hoffen aber drauf…

Irmgard, ich bräuchte deinen Rat.

Ja? Erzählen Sie!

Helga berichtete kurz, ohne Drama, ohne Klagen. Irmgard hörte einfach zu, unterbrach nicht das hatte Helga immer an ihr geschätzt.

Ich verstehe, sagte Irmgard leise, als Helga fertig war. Und was denken Sie?

Ich weiß es nicht, genau deshalb rufe ich ja an.

Sie sind zu nichts verpflichtet. Es ist Ihre Wohnung.

Ja, das verstehe ich. Aber André…

André ist ein erwachsener Mann, Frau Baumann. Zweiundvierzig Jahre.

Er ist mein Sohn.

Ja. Sie sind seine Mutter. Das heißt nicht, dass Sie ihm alles schulden.

Helga schwieg. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, und der Hof lag still und glänzte im Nachmittagslicht.

Sie haben immer Klartext gesprochen, meinte sie schließlich.

Sie haben mirs beigebracht.

Sie redeten noch ein bisschen weiter, über Augsburg, die Bibliothek, darüber, wie Irmgard manchmal an Franz dachte. Als sie auflegte, blieb Helga lange mit dem Hörer in der Hand sitzen.

Irmgard Meier hatte damals an ihrer Schule Biologie unterrichtet, zwölf Jahre jünger als Helga. Nach Franz Tod war sie oft vorbeigekommen, hatte geholfen dann hatten sich die Wege wie so oft verloren.

Helga legte das Telefon ab, schlenderte zum Flurregal mit den Fotos: André als Kind, dann in Uniform, später auf der Hochzeit. Franz lachend am See, mit Angel. Sie selbst, jung, vor der Tafel.

Fotos von Nadine gab es keine nicht aus Antipathie, es hatte sich einfach nie ergeben.

Eine Woche später meldete sich André.

Mama, wie gehts?

Es geht, mein Junge.

Hast du über das, was wir besprochen haben, nachgedacht?

Habe ich.

Und?

Komm am Sonntag vorbei, aber allein. Ohne Nadine.

Pause. Sie hörte, wie er überlegte.

Mama, sie ist doch meine Frau.

Ich weiß. Aber komm bitte allein.

Er kam am Sonntag gegen zwölf, rief unten an. Sie hatte Suppe aufgewärmt, einfach weil sie noch vom Freitag übrig war.

André zog die Jacke aus. Sie bemerkte, dass er etwas abgenommen hatte oder ihn einfach lange nicht gesehen?

Setz dich, es gibt Mittagessen.

Mama, ich bin nicht hungrig.

Setz dich trotzdem.

Er tat es. Sie stellte Teller, Brot und Sauerrahm auf den Tisch, setzte sich gegenüber.

Iss.

Mama, können wir reden?

Wir reden. Du isst, ich rede. Sie verschränkte die Hände. Sag mal, erinnerst du dich, wie wir gearbeitet haben, Papa und ich?

Er sah auf.

Ja.

Papa in der Fabrik, ich an der Schule. Fünfundzwanzig Jahre gemeinsam gespart, verzichtet. Die Wohnung war kein Geschenk. Sie war Papas Lohn nach x Jahren doch abbezahlt haben wir sie selbst. Kannst du das nachvollziehen?

Mama

Kannst du das nachvollziehen?

Ja, sagte er leise.

Gut. Sie schwieg kurz. André, ich habe nicht vor, die Wohnung herzugeben. Sie ist meine Erinnerung an deinen Vater. Ich bleibe, solange ich kann.

Er legte die Löffel weg.

Mama, wir haben keinen Platz. Leon wächst, braucht ein Zimmer.

Ihr wohnt seit sieben Jahren zur Miete. Eure Entscheidung.

Das ist rausgeschmissenes Geld.

Euer Geld, nicht meins.

André stand auf, lief hin und her. Sie sah, dass er die Art zu gehen von Franz hatte immer leicht nach vorne geneigt, wie in Eile.

Nadine meint, du liebst uns nicht, sagte er.

Nadine sieht vieles anders.

Mama.

André, du bist mein Sohn. Ich liebe dich. Aber ich muss nicht mein Zuhause aufgeben, um das zu beweisen. Denk bitte darüber nach.

Er schwieg.

Ess jetzt mal, sagte sie ruhig. Die Suppe ist wirklich gut.

Er aß. Später saßen sie fast schweigend zusammen. Sie erzählte vom Nachbarn Frau Schneider, die sich den Arm gebrochen hatte. Er berichtete knapp von der Arbeit. Dann ging er.

Sie räumte den Tisch ab, wusch ab. Trocknete die Hände an dem rot-weiß-karierten Handtuch, das hier seit fünfzehn Jahren hing.

Erst, als sie die Küche verließ, lehnte sie sich kurz mit dem Rücken an die Wand, schloss die Augen ein paar Sekunden.

Dann richtete sie sich auf, ging ins Wohnzimmer.

Ihre Nachbarin Frau Schneider besuchte Helga alle paar Tage. Sie wohnte gegenüber, allein, mit dem Arm im Gips, war noch hilfloser als zuvor. Ihre Tochter lebte in Hamburg, kam nur an Weihnachten.

Ach Helgalein, du schon wieder, sagte Frau Schneider jedes Mal. Du musst dich nicht so abplagen.

Ach was, erwiderte Helga. Sie brachte mal Suppe, mal Kuchen, auch guten Tee. Sie half im Haushalt, wischte gelegentlich durch.

Frau Schneider war fünf Jahre älter, früher eine imposante Erscheinung, inzwischen eingefallen, kleiner geworden. Sie erzählte viel: vom verstorbenen Mann, von der selten anrufenden Tochter.

Weißt du, sagte sie einmal, als sie beim Tee saßen manchmal frage ich mich, warum ich immer alles für sie getan habe? Alles gegeben. Und jetzt ist sie in Hamburg, ihr geht es gut.

Komm, lass das, munterte Helga sie auf.

Aber wie denn sonst?

Helga antwortete nicht. Sie mochte Ratschläge nie, weil sie wusste: die helfen selten.

Im November, als der Gips runterkam, der Arm aber noch schmerzte, fragte Frau Schneider:

Erzählst mir mal was von deinem Sohn?

Was soll ich sagen.

Kommt André vorbei?

Selten.

Und Schwiegertochter?

Gar nicht.

Frau Schneider schwieg, dann:

Ach Helga, einsam ist das schon.

Einsamkeit ist keine Krankheit. Man kann damit leben.

Da musste Helga selbst kurz wegschauen.

Helga, du bist immer so stark, so geradeaus. Aber du bist ja auch nicht aus Stahl.

Weiß ich.

Du, vielleicht solltest du öfter mal jemanden um dich haben. Außer mir.

Du zählst.

Zweiundsiebzig bin ich, Helgalein.

Sie lachten darüber. Es war gut, einfach zu lachen.

Im Dezember erfuhr Helga von Maike.

Es war Frau Zimmermann, die sie darauf brachte, sie leitete einen Malkurs im Kommunalen Zentrum. Sie rief an einem Freitagabend an.

Helga, kurze Frage. Du warst doch Lehrerin?

Ja. Schon fünf Jahre in Rente.

Ich hab da ein Mädchen, Maike, elf. Schweres Elternhaus, Mutter überfordert. Das Jugendamt war schon da. Maike ist klug, sehr begabt, besucht meinen Kurs seit drei Jahren. Ein super Mädchen.

Und wie kann ich helfen, Tamara?

Sie wohnt bei dir im Haus. Wohnung zwölf. Rede mal mit ihr. Du kannst so gut zuhören.

Ich kenn keine Maike.

Jetzt schon.

Helga saß lange im Sessel, ehe sie sich aufraffte, Mantel anzog, auf den Flur trat.

Wohnung zwölf war im zweiten Stock. Sie klingelte, ein schmales Mädchen mit dunklen Augen öffnete.

Wen suchen Sie? fragte sie vorsichtig.

Dich. Bist du Maike?

Ja.

Ich bin Helga Baumann, wohne oben. Frau Zimmermann bat mich, dich zu besuchen.

Das Mädchen schaute schweigend, trat dann zur Seite.

Kommen Sie rein.

Drinnen war es kühl, feucht. In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr, Licht brannte nur im Wohnzimmer.

Ist deine Mutter da?

Nein, sie arbeitet.

Also bist du allein?

Mhm.

Heute schon gegessen?

Maike schwieg. Das genügte Helga als Antwort.

Komm mit zu mir. Es gibt Krautsuppe, und einen Kuchen.

Maike musterte sie lange.

Sie kennen mich doch gar nicht.

Jetzt schon. Du bist Maike, elf Jahre, malst gern. Das reicht.

Sie stiegen gemeinsam in den vierten Stock. Helga deckte den Tisch, Maike saß still, blickte umher, auf Bücher, Fotos, das schiefe Regal.

Viele Bücher, bemerkte sie.

Ich war Lehrerin, Deutsch und Literatur.

Und jetzt?

Rente.

Und das ist Ihr… (sie deutete auf das Bild von Franz)

Mein Mann. Er lebt nicht mehr.

Ach so.

Maike nickte mit ernster Miene. Kein überflüssiges Wort. Helga war überrascht, gewöhnlich versuchten Kinder in solchen Momenten zu trösten oder schauten betreten weg.

Maike aß viel, bedankte sich. Beim Hinausgehen fragte sie:

Darf ich nochmal kommen?

Komm gern.

Sie kam häufiger, erst einmal wöchentlich, dann immer öfter. Sie machte ihre Hausaufgaben in der Küche, während Helga kochte. Sie erzählten viel. Maike sprach über die Schule, Frau Zimmermann, vom Traum, Künstlerin zu werden.

Das ist schwierig, sagte Helga.

Ich weiß. Wills trotzdem.

Dann willst dus richtig.

Maike lachte. Sie hatte ein warmes, richtiges Lachen.

Über ihre Mutter sprach sie kaum. Einmal sagte sie nur:

Sie ist nicht böse. Sie hats nur schwer.

Es gibt so Zeiten, antwortete Helga.

Sie verurteilen sie nicht?

Nein.

Warum?

Weil ich nicht alles weiß.

Ist richtig, vermutlich.

Im Januar meldete sich André wieder. Er klang anders, unsicherer.

Mama, wie gehts dir?

Gut, und dir?

Ja, äh… also, Nadine war wohl zu forsch mit der Wohnung. Ich hab ihr das gesagt.

Helga schwieg kurz.

Gut, dass dus gesagt hast.

Wir suchen eine andere Lösung. Vielleicht kaufen wir mal was.

Das ist der richtige Weg, André.

Bist du böse?

Nein.

Sicher?

Ja. Komm mal vorbei, dann essen wir zusammen.

Er kam zwei Wochen später, diesmal mit Leon. Nadine sei beschäftigt, meinte er.

Leon war ein ruhiger, ordentlicher Junge, etwas schüchtern, beobachtete den Vater dauernd.

Oma, begann er leise, als sie den Kuchen reichte, hast du eine Katze?

Nein. Willst du eine?

Er hob den Blick.

Mama erlaubt nicht.

Dann eben nicht, sagte Helga. Dann gibts keine.

Leon aß, starrte zum Fenster. André glotzte ins Handy, dann legte er es weg. Beide schwiegen sie auf ihre Art.

André, sagte Helga.

Hm?

Wie gehts Nadine? Alles okay?

Ja. Kleine Pause. Sie meint, man muss für alles kämpfen.

Ich verstehe.

Bist du mir nicht böse?

André, ich war lange Lehrerin. Ich habe alles gesehen. Sie schenkte Tee nach. Ich bin nicht böse auf Nadine. Aber ich bleibe wohnen.

Ja, Mama. Das ist deine Wohnung.

Er sagte es ruhig, ohne Zwang. Vielleicht hatte er es endlich verstanden oder war einfach müde, vielleicht hatte Nadine ihre Meinung geändert. Helga wusste es nicht.

Aber es war ein guter Tag. Leon bat um noch ein Stück Kuchen. André erzählte einen Kollegenwitz. Helga lachte.

Nach ihrem Weggang stellte Helga sich vor die alten Fotos, sah Franz mit Angel an.

Du hättest das schneller geklärt, sagte sie leise.

Franz lachte sie vom Bild aus an.

Im Februar passierte etwas Unerwartetes.

Maikes Mutter stand vor Helgas Tür. Eine etwa 35-jährige Frau, müde, schlecht gekleidet. Sie hatte diesen besonderen Blick, wie jemand, der sich streiten möchte, aber doch nicht glaubt, Recht zu haben.

Sie sind Frau Baumann? fragte sie.

Ja.

Ich bin Svetlana, Maikes Mutter.

Ich weiß. Kommen Sie doch rein.

Ich bleib nur kurz. Svetlana ließ sich Zeit. Hat Maike Ihnen von mir erzählt?

Ein wenig.

Was denn?

Dass Sies nicht leicht haben.

Svetlana schwieg, trat dann einen Schritt nach innen.

Warum nehmen Sie sie zu sich?

Sie isst bei mir und macht Hausaufgaben, mehr nicht.

Ich kann mich schon selbst kümmern.

Natürlich.

Ich arbeite halt bis spät, sagte Svetlana, fast entschuldigend.

Kommt vor. Helga machte Tee. Magst du einen?

Svetlana starrte sie an.

Wie bitte?

Tee. Komm, setz dich.

Sie tranken zusammen. Helga stellte keine Fragen. Sie redeten über das Haus, die Nachbarn, Frau Schneider und ihren Arm.

Nach und nach erzählte Svetlana selbst. Sie arbeitete als Kassiererin, immer im Wechsel. Maike kannte ihren Vater nicht, war immer das Mädchen meiner Mutter, Svetlana sprach stockend.

Sie ist toll, sagte Helga schließlich.

Weiß ich.

Sie will Künstlerin werden.

Svetlana wirkte überrascht.

Hat sie Ihnen das erzählt?

Hat sie.

Mir auch. Ich weiß nur nicht, wie das gehen soll, murmelte sie. Künstler, ist das überhaupt ein Beruf?

Kommt auf den Künstler an.

Vielleicht. Sie schwieg. Sie mag Sie, wissen Sie? Sie erzählt immer, von Ihnen. Frau Baumann dies, Frau Baumann das.

Helga spürte, wie sich etwas in ihr erwärmte.

Verjagen Sie sie nicht, bat Svetlana plötzlich.

Hab ich nicht vor.

Sie ist gern bei Ihnen. Das sieht man.

Dann kommt sie halt, wann sie mag.

Svetlana lächelte plötzlich, ihr Gesicht entspannte sich.

Vielleicht komme ich auch mal vorbei.

Sie kam, und ab Frühling wurde es zur Gewohnheit. Manchmal brachte Maike ihre Mutter direkt mit. Sie saßen zu dritt, redeten und Helga wunderte sich, wie aus Nachbarschaft langsam Vertrautheit wächst.

Im März meldete sich Irmgard aus Augsburg.

Wie gehts dir?

Besser als im Herbst.

Und André?

Hat sich beruhigt. Alles friedlich.

Und warum?

Keine Ahnung. Vielleicht hat er nachgedacht. Helga blickte zum Fenster hinaus auf das erste richtige Frühlingsgrün. Irmgard, ich hab’ da ein Mädchen, Maike. Zweiter Stock, kommt oft, macht Hausaufgaben, lacht viel.

Tja, da siehst dus wieder, meinte Irmgard warm.

Was?

Das Leben geht weiter. Nur nicht immer dort, wo man es erwartet.

Helga antwortete nicht, strich mit dem Daumen über das Telefon.

Du bist klug, Irmgard.

Habs von dir gelernt.

Sie lachten.

Im April kam Nadine allein vorbei. Sonntag, elf Uhr, rief an.

Sie betrat die Wohnung, schaute sich um, als wäre sie zum ersten Mal da.

Tee? fragte Helga.

Gern, danke.

Sie setzten sich an den Tisch. Nadine wirkte verändert ruhiger, ohne Rüstung.

Ich wollte nur sagen, sie sprach rasch dass ich im Herbst im Unrecht war. Wegen der Wohnung. Das war nicht meine Entscheidung.

Helga schwieg, ließ sie ausreden.

André hats mir erklärt. Nadine umklammerte die Tasse. Ihr lebt hier euer ganzes Leben. Ich hatte kein Recht.

Deine Meinung durftest du sagen, sagte Helga. Meinungen kann man haben.

Aber ich habs gefordert.

Das stimmt.

Nadine blickte Helga an, fast verunsichert.

Sie sagen nicht einfach macht nichts.

Nein.

Die meisten würden das sagen.

Ich bin nicht die meisten.

Sie tranken Tee, aßen Kuchen. Nadine erzählte über Leons Schule, über Jobwechsel, Helga hörte meist zu.

Beim Hinausgehen zögerte Nadine:

Kann ich mal einfach so vorbeikommen? Ohne André, einfach reden?

Natürlich. Jederzeit.

Als sie gegangen war, sah Helga ins Spiegelbild: Siebenundsechzig Jahre, graue Haare im Dutt, Falten. Hände, die alles können.

Ob Nadine nochmals kommt, wusste sie nicht. Aber wann immer jemand klingelte, konnte sie selbst entscheiden, ob sie öffnete.

Der Sommer schlich sich heran. Im Mai war es noch kühl, dann plötzlich grün und warm. Helga öffnete die Fenster, ließ den Duft der Linden herein.

Maike war fast täglich da, zeichnete am großen Tisch. Helga las, kochte oder war einfach nur da. Sie mussten gar nicht viel sagen.

Frau Baumann, wollten Sie mal ein anderes Leben? fragte Maike eines Tages, den Stift in der Hand.

Anderes wie?

Eben eins, das ganz anders läuft.

Nein, sagte Helga. Ich hätte manches gern anders gehabt, aber nicht ein ganz anderes Leben.

Zum Beispiel?

Franz hätte länger leben dürfen. Aber ich hätte keinen anderen Mann gewollt.

Maike blickte auf.

Ich will manchmal ein anderes.

Weiß ich. Mit elf ist das normal, wenn man klug ist.

Bei Ihnen ist es schön. Fast wie daheim.

Helga erwiderte nichts, blickte nur auf das ruhige Kind.

Im Juni stürzte Frau Schneider wieder. Kein Bruch, aber sie war hinfälliger, Helga schaute täglich nach ihr.

Du bist bald überfordert, stöhnte Frau Schneider.

Ach Quatsch. Ich mach das gern.

Oft kam auch Frau Schulz aus dem dritten Stock, laut, fröhlich. Sie redeten zu dritt über alles mögliche: Kinder, Enkel, das Leben früher und heute.

Das Mädchen vom zweiten, Maike, kommt oft zu dir? fragte Frau Schulz.

Ja.

Ihre Mutter ist okay, nur halt überfordert.

Weiß ich.

Sie musterte Helga forsch.

Du bist seltsam. Die Schwiegertochter verletzt dich, du vergibst. Holst Maike ins Haus. Wirst Freundin von Svetlana. Andere würden sich in ihrer Ecke verkriechen.

Will ich nicht.

Ist dir nicht einsam?

Doch, manchmal. Aber das ist kein Grund, sich zu verkriechen.

Frau Schneider nickte.

Deshalb mag ich dich, Helga. Weil du mittendrin lebst.

Im Juli kamen André und Leon. Nadine blieb diesmal daheim. André war gut gelaunt, sommerlich gebräunt.

Leon war gewachsen, redete mehr, war weniger schüchtern.

Oma, kannst du Schach? fragte er mit ernster Miene.

Natürlich. Dir beigebracht?

Papa.

Die Figuren sind wie immer in der Kommode.

Sie spielten. Leon dachte lange über seine Züge nach. André schaute fern.

Oma, ist das Mädchen oft da, Maike? fragte Leon während der Partie.

Ja. Woher weißt du das?

Papa sagts. Er zog mit dem Springer. Ist sie so alt wie ich?

Ein wenig älter. Elf.

Ich bin neun. Leon überlegte. Kann ich mal dabei sein, wenn sie da ist?

Bestimmt, wenn Mama nichts dagegen hat.

Papa, darf ich?

Frag Mama, sagte André.

Papa? Jetzt so nachdrücklich, dass André doch aufsah.

Na gut, darfst du.

Helga sah ihren Enkel an. Neugierig, offen. Sie ließ ihn fast gewinnen, zumindest ein bisschen.

Im August kam Svetlana mit ernster Miene.

Frau Baumann, ich hätte ein Jobangebot weiter weg, besser bezahlt aber weit für Maike. Sie wäre noch mehr allein.

Maike kann nach der Schule zu mir, wie bisher.

Ich will Sie nicht dauernd belasten.

Es ist keine Belastung.

Warum tun Sie das? Wir sind ja nicht verwandt.

Verwandtschaft ist nicht immer Blut. Manchmal sind es die Menschen, die einfach da sind.

Svetlana schaute lange in den grauen Hof, dann leise:

Ich nehme die Stelle an.

Gut so.

Danke.

Trink lieber einen vernünftigen Tee, der bei dir taugt gar nichts.

Svetlana lachte, und auch diesmal kamen keine Tränen.

Im September war alles ruhig. Maike kam in die sechste, Leon in die vierte Klasse. Helga staunte manchmal selbst, dass die beiden sich kaum kannten.

Mitte des Monats brachte Nadine spontan eine Torte zum Kaffee.

Oma, Leon hängt sehr an Ihnen, sagte sie über den Kuchen. Ist das okay?

Warum denn nicht?

Ich hatte Angst, dass es ihm irgendwann weh tut, wenn naja, falls mal was ist.

Nadine, weh tuts immer irgendwann. Das ist kein Grund, etwas Schönes zu vermeiden.

Sie sehen vieles anders. Ich mache vieles anders.

Einfach nur anders. Weil ich älter bin und Zeit hatte, Fehler zu machen.

Sie haben Fehler gemacht?

Viele.

Und dann?

Bin ich weitergegangen. Was sonst?

Danke für dieses Gespräch, ehrlich.

Man kann lernen, nicht mehr Energie auf Ärger zu verschwenden, sagte Helga.

Ich werde mir Mühe geben.

Im Oktober, genau ein Jahr nach jenem ersten Streitgespräch, saß Helga mit Maike in der Küche.

Maike malte mit Farben, die Helga ihr im Sommer gekauft hatte.

Was malst du? fragte Helga.

Die Wohnung. Das Fenster, das schiefe Regal.

Helga blickte auf das Regal. Dort stand nun ein Topf mit Geranien, den Frau Schneider im August gebracht hatte.

Zeigst du mir das Bild, wenns fertig ist?

Klar.

Sie schwiegen. Helga hielt ein Buch, las aber nicht, hörte stattdessen den Wind draußen, das Prasseln der Regentropfen, das Kratzen von Maikes Pinsel.

Frau Baumann?

Ja?

Darf ich ehrlich sein? Mama meint, wir könnten vielleicht bald umziehen, nur drei Straßen weiter. Eine Tante hat da eine Wohnung frei.

Helga sagte erst nichts.

Das dauert noch. Vielleicht doch nicht, mal sehen. Aber Mama sagt, sie gibt rechtzeitig Bescheid.

Das ist richtig so.

Werden Sie traurig?

Ja.

Und dann?

Bin ich eben ein bisschen traurig. Und dann geht es weiter.

Und ich?

Drei Straßen, der Bus fährt. Das kriegen wir hin.

Maike warf ihr einen forschenden Blick zu, dann malte sie weiter.

Sie sind komisch, Frau Baumann.

Sagen viele.

Komisch, aber gut.

Danke.

Ich male Sie auch mit drauf im Sessel, mit Buch. Darf ich?

Klar.

Und das schiefe Regal.

Und das.

Helga schlug das Buch auf, las jetzt wirklich einige Zeilen.

Draußen rauschte der Herbstregen, Blätter klebten am Sims. Irgendetwas war anders als vor einem Jahr drinnen.

Das Telefon klingelte, André.

Mama, bist du beschäftigt?

Nein, komm gern vorbei.

Wir würden nächste Woche kommen, Nadine, ich, Leon. Vielleicht zusammen Mittag essen?

Hier bei mir?

Wenn das passt.

Dann nächsten Freitag, um eins.

Super. Mama wie gehts dir, wirklich?

Sehr gut, André. Sogar besser als letztes Jahr.

Das freut mich… Mama, ich…

Sag nichts, André. Komm einfach am Freitag.

Wir kommen.

Helga legte auf. Maike malte weiter.

War das Ihr Sohn?

Ja.

Ist er nett?

Helga blickte aus dem Fenster.

Er ist meiner. Das reicht als Antwort.

Maike nickte.

Nach ein paar Minuten sagte sie:

Fertig. Wollen Sie sehen?

Sie drehte das Blatt um. Helga beugte sich, sah das Fenster mit Regen, das schiefe Regal mit Geranie, den Sessel mit Gestalt.

Ähnlich? fragte Maike.

Sehr, sagte Helga.

Ehrlich?

Ja. Nur das Gesicht

Gesichter sind schwer. Aber ich probiers noch mal.

Mach das.

Wieder wurde geklingelt. Helga ging öffnen.

Nadine war da, mit einer Tüte Äpfel.

Ich war einkaufen, hab Antonovka-Äpfel erwischt, die essen Sie doch so gern.

Komm rein, sagte Helga.

Haben Sie Besuch?

Maike. Sie malt.

Darf ich?

Natürlich.

Nadine zog die Jacke aus, ging in die Küche.

Hallo, sagte sie zu Maike.

Hallo, erwiderte Maike ruhig.

Das Bild ist von dir? Sehr schön.

Nadine legte die Äpfel auf den Tisch. Ich will nicht stören, wollte nur Äpfel abgeben.

Bleib ruhig sitzen, forderte Helga sie auf.

Wirklich?

Ich sags nicht zum Spaß. Zu dritt trinkt es sich schöner Tee.

Nadine lächelte. Maike zeigte ihr das noch unfertige zweite Bild.

Sie wollen wirklich Künstlerin werden? fragte Nadine sie.

Ja. Glauben Sie nicht?

Nadine überlegte.

Doch, ich glaubs.

Helga stellte die Tassen auf den Tisch, schenkte Tee ein. Hinter dem Fenster brach ein Sonnenstrahl durch das Grau.

Wollen Sie sehen? fragte Maike.

Ja, gern, sagte Nadine.

Gut.

Sie drehten das Blatt um. Für einen Moment war alles im Raum einfach nur gut drei Leute, Tee, Herbst, Gemütlichkeit.

Und Helga wusste: Das ist das Leben. Nicht so, wie geplant. Nicht immer leicht. Aber lebendig.

Und das ist alles, was zählt.

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Homy
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