Brief von mir selbst
Der Umschlag war orange. Knallig, fast schon lächerlich farbenfroh wie eine Mandarine am Berliner Wintermorgen, zwischen grauen Briefen und flyerglaubwürdigem Sushi-Reklamezeug. Und mittendrin fand ihn schließlich Franka, als allerletztes, beim üblichen Postrauskramen.
Auf der Vorderseite: ihre Handschrift. Ihre Adresse in Berlin-Neukölln. Ihr voller Name: Franka Mathilde Schwalberg.
Sie drehte den Umschlag um. Absender auch sie. Und derselbe Name.
Franka stand mit einer Tüte aus dem Edeka in der linken Hand im kalten Hausflur. Ratlos. Wer erlaubte sich hier so einen Spaß? Sie verglich die Schrift das lange t, die kleine extravaluierte Schlaufe am r, das machte nur sie, seit der 7b, als Frau Lüdecke damals meinte: Schwalberg, du schreibst wie der Finanzbeamte deiner Träume. Und das war tatsächlich nett gemeint.
Der Schriftzug blieb über die Jahre derselbe. Noch ein Vorteil von fehlender Motivation zur Selbstoptimierung.
Also rauf in den vierten Stock. Rein in die Einzimmerwohnung mit Ausblick auf ein gut frequentiertes Müllhäuschen. In der Diele der alte unsichere Haken für das einzige Mäntelchen, ein tristes Schuhregal, der Spiegel, den sie jeden Morgen fixierte und sich jedes Mal dachte: Geht schon. Funktionsfähig. Nicht schön, nicht ausgeruht. Funktionsfähig. Das reicht in Neukölln.
Abends schien das Licht ins Zimmer orange, satt, als hätte jemand Honig aufs Parkett gegossen. Das war der eigentliche Pluspunkt dieser Wohnung. Wenn man nicht zählt, dass die BVG mit Verspätung wenigstens dazu passt. Und jetzt, 18 Uhr, tastet sich das Licht die Wand entlang, bis zur verstaubten Bücherwand, zur Tasse mit kaltem Morgentee, bis zum Foto von Mama im grob geschnitzten Holzbilderrahmen.
Franka setzt sich an den Küchentisch, reibt sich die Schultern. Sie kleben schon wieder oben schwebend, bereit, jede Hiobsbotschaft abzufangen. Ein Nebeneffekt von zehn Jahren Büro, davon sechs Jahre Chefwechsel und konstant steigender Strebermüdigkeit. Ihr Körper bereitete sich inzwischen schneller aufs Schlechte vor als sie selbst.
Da lag also dieser Umschlag.
Orange. Dickes Papier. Keine einzige Macke. So, als hätte jemand damit einen Meditationskurs belegt. Sie strich langsam über ihren Namen.
Kein Scherz. Sie kennt ihren Schriftzug besser als ihr eigenes Gesicht.
Vorsichtig riss sie die Lasche auf und zog den Inhalt heraus. Ein Blatt Papier DIN A4, nichts anderes, und etwas Flaches, Glänzendes.
Sie entfaltete den Zettel.
Hallo. Du bist es. Also, du aus dem März Zweitausendfünfundzwanzig. Du bist jetzt siebenunddreißig, hockst nachts um zwei in deiner Küche und es geht dir mies. Du schläfst die vierte Nacht nicht, glaubst, du kriegsts nicht hin. Mit dem Job. Mit dir. Mit dieser Stadt, die einen von allen Seiten würgt.
Ich schreibe dir, weil es sonst keiner macht. Morgen ruft eine Freundin an, übermorgen Mama, aber jetzt um zwei bist nur du da.
Hier das, was du dir sagen wolltest:
Du solltest dich erinnern: Damals hast dus geschafft du schaffst es wieder.
Hab dich lieb. Du verdienst das.
Wenn du das liest, ist ein Jahr rum. Dann hast du durchgehalten. Und dann wars nicht umsonst.
Franka legt den Zettel ab.
Sie hat einen Kloß im Hals. Nicht vor Tränen vor Schock. Das ist sie. Jedes Wort. Die sichere Satzmelodie, das typische Komma nach jetzt, sogar die Angewohnheit, mit hier einen Absatz zu starten.
Nur: Sie erinnert sich nicht.
Sie weiß nicht mehr, jemals sowas geschrieben zu haben. Keine Ahnung vom orangen Umschlag, von der Auswahl des Papiers. Ein ganzes Jahr und nie ist es ihr eingefallen.
Da sieht sie das Foto.
Es war beim Herausziehen herausgerutscht und liegt jetzt mit der glänzenden Seite nach unten auf dem Tisch. Franka dreht es um.
Auf dem Bild eine Frau. Graues Gesicht, zwei-Finger-Schatten unter den Augen, die Mundwinkel trocken und auf Sparflamme gebunden. Haare zu einem halbherzigen Dutt gefesselt, links hängt alles raus. Und der Pulli alt, ausgebeult, den hat Franka letzten Sommer entsorgt.
Sie kennt den Pullover, und sie kennt das Gesicht.
Das ist sie. Vorjahres-März. Franka aus der dunklen Zeit.
Unterm Bild, kleine krakelige Schrift: Du bist stärker geworden. Schau mich an dann weißt du, woher du kamst.
Franka legt das Foto zu dem Brief. Das orangene Licht sinkt auf Tisch und Foto. Das Gesicht wirkt wärmer aber nicht wirklich fröhlich.
Da fällt ihr wieder ein.
***
März zweitausendfünfundzwanzig. Zwei Uhr nachts. Küche dieselbe. Nur auf dem Tisch ein Laptop, der ihr schon beim ersten Blick Kopfschmerzen besorgt.
Franka sitzt im T-Shirt und Pyjamahose, barfuß, kalte Füße, klickt nicht auf Instagram, nicht auf SpOn. Sie sucht egal was. Vielleicht ein Zeichen, vielleicht eine Ausrede, morgens aufzustehen.
Damals lag sie drei Tage am Stück einfach nur im Bett. Keine Faulheit. Es war wie ein nasser Lappen auf der Brust. Das Gegenteil von Motivation.
Die Trennung war schon drei Jahre her. Alexander war gegangen, 2023 zur Kollegin. Stefanie aus der Buchhaltung, mehr Lachen, weniger Nachfragen, war die Begründung. Franka weinte nicht groß. Sorgte seine Socken in zwei Koffer und sagte schmucklos: Abholen. Er tat es.
Danach ein Jahr und sechs Monate Arbeit. Durchgepowert, nie Urlaub, keine Wochenenden. Einkäuferin in einem Berliner Bauunternehmen namens BauWelt heißt: Lieferanten ab 8 Uhr, Excel-Tabellen bis 22 Uhr, und dazwischen Teams-Meetings, bei denen Chef Kröger stets nur ins selbe Horn stocherte: Baubranche schwächelt. Wir straffen. Wer nicht klarkommt, hat selbst Pech.
Franka kam klar. Sie tat, sie hielt durch, meckerte nie.
Im Herbst 2024 macht der Körper dicht. Erst der Schlaf. Dann der Appetit. Irgendwann der Wille, auch nur aus dem Haus zu gehen. Im Januar schläft sie mit Netflix-Lärm ein, isst fast nichts, redet kaum wenn, dann mit Mama am Telefon. Aber selbst das fällt schwer.
Ihre Mutter, Hannelore Schwalberg aus Wittenberg, macht jeden Abend Kontrollanrufe: Franka, hast du gegessen? Und Franka gelogen: Klar, Suppe. Suppe war das Letzte, woran sie dachte.
In jener Nacht im März 2025 googelte sie aus Frust Brief an mein Zukunfts-Ich. Warum? Sie weiß es nicht mehr, wahrscheinlich ein Werbebanner, den sie im Halbschlaf gesehen hatte. Erstes Ergebnis: Zeitkapsel.de. Man tippt einen Brief, wählt eine Frist ein Monat bis zehn Jahre und bezahlt ein paar Euro. Echte Post. Echter Umschlag.
Franka wählt Orange. Das Leben ist grau genug. Sie schreibt mit der Hand, scannt die Seite, lädt sie hoch. Dann schießt sie ein Selfie am Küchentisch, mit Laptop-Funzel-Licht. Fügt alles als Anhang bei. Bezahlt die 4,90 Euro. Zwölf Monate Gebühr.
Klappe zu, Laptop aus, Schlafen. Und ein Jahr lang komplett vergessen.
Denn ab diesem März läuft das Leben wieder an. Unrund, ruckelig, wie ein Berliner Altbauaufzug. Aber es läuft.
Im April 2025 sucht Franka sich eine Therapeutin. Zum ersten Mal überhaupt. Kurze Haare, Praxis Kreuzberg, 50 Minuten pro Woche. Beim dritten Mal heult sie zwanzig Minuten am Stück. Beim sechsten Lachen seit zwölf Monaten mal wieder.
Im Juni gibts die Beförderung. Senior-Einkäuferin. Chef Kröger nach dem Meeting: Schwalberg, Sie jammern nicht, Sie liefern. Ich seh das. Franka nickt, setzt sich, die Schultern wie immer bis zu den Ohren. Freude und Angst wie Pommes Schranke, gibts nur zusammen.
Im Herbst alles etwas leichter. Suppe kocht sie wieder selbst. Sonntags geht sie raus mit Buch und Thermoskanne in den Treptower Park. Ruft Mama von sich aus an.
Und den Brief vergisst sie komplett. Wie den Fahrradschlosscode, der seit Jahren im Schreibtisch gammelt: Er ist da, aber rauscht halt im Hintergrund.
Bis heute.
Franka sitzt mit Brief und Foto in der Hand und blickt auf die Frau von damals. Graues Gesicht, tiefe Schatten, ausgebeulter Pulli.
Und sofort dieser ewig nörgelnde innere Kommentar: Siehste? Immer noch nicht gut genug. Nichts geändert.
***
Diesen inneren Grantler kennt sie schon ewig. Sie weiß gar nicht, wann er einzog zur Trennung vielleicht, oder davor. Seine Stimme nie laut, nie hysterisch, sondern fast fürsorglich das tut besonders weh.
Beförderung war Glück. Kröger hat keinen besseren gefunden.
Du tust nur so, als wärst du stabil. Schau dich an. Schultern oben, vier Stunden Schlaf, Frühstück = Panik mit Milch.
Wirst auch weggeKündigt. Die Frage ist nur wann.
Franka hört zu. Nicht aus Überzeugung eher aus Gewohnheit. Er ist so verlässlich da wie ihr eurozentrischer Handschrift-Schnörkel.
Am nächsten Morgen 19. März steht sie um sechs auf. Dusche. Kaffee. Mascara. Routine.
Im Büro bei BauWelt in der Kottbusser Straße fünfter Stock, Großraum, 32 Schreibtische hält sich seit drei Wochen kollektives Flüsterflattern. Jetzt hat Kröger offiziell Gespräche gestartet: Die Logistikabteilung wurde bei der ersten Kündigungsrunde schon arg ausgedünnt. Alle wackeln.
Sie schwingt sich an ihren Tisch. Admin Steffi schenkt ihr das berühmte, leicht verkrampfte Berliner Lächeln. Auch sie wartet.
Franka loggt sich ein. Passwort: sechs Ziffern, Mamas Geburtstag blind getippt. Posteingang: 114 ungelesene Mails. Lieferant aus Magdeburg pleite, Lager meldet zu wenig Schrauben, Buchhaltung meckert Aktenschluss. Unspektakuläre Panik. Wenn da nicht die lauernde Stille im Büro wär.
Um elf dann Meeting.
Kröger schlurft in den Konferenzraum. Kurz, stämmig, Dutt wäre bei ihm fast schon ironisch, knipst nervös am Kugelschreiber.
Kurzes Update: Fischer aus Projekt verlässt uns. Zumindest offiziell freiwillig. Aber das versteht ihr eh, wie das heutzutage läuft.
Julia Fischer. Neunundzwanzig. Holt mittwochs immer belegte Brötchen und schreibt Zettel mit Bedient euch!, weil sie findet, Gemeinschaft fange im Magen an. Franka erinnert sich auch an den Weihnachtsfeier-Geständnisrauch auf dem Balkon, als Julia zitternd beichtete: Mein Kater Olli bleibt, aber die Wohnung krieg ich womöglich nicht gehalten. Man kann ja kein Haustier kündigen.
Und noch was, Kröger knackt weiter, Im April gibts die dritte Runde. Wir optimieren weiter. Wer bleibt, hängt vom Quartalsergebnis ab.
Franka sitzt kerzengerade, Schultern wie ein IKEA-Lampenständer. Der innere Kommentar: Siehste, war doch klar. Bis April ist noch Zeit zu zittern.
Nach dem Meeting lehnt sie sich draußen am Wasserspender an. Schließt für drei Sekunden die Augen.
Im Kopf zwei Stimmen. Eine leise: Du hasts damals geschafft du packst es wieder. Aus dem Brief. Aus dem Umschlag. Aus dem letzten März.
Und eine andere, lauter: Ach bitte. Ein Stück Papier aus dem Internet für fünf Euro. Julia hat das auch nix mehr genutzt die sucht morgen mit Kater Olli am Schoß ein neues Leben.
Franka öffnet die Augen, trinkt Wasser.
Dann zurück am Arbeitsplatz, Lieferantentabelle aufrufen. Arbeiten. Das kann sie wenigstens.
Abends, um sieben, Zuhause: Buchweizen und Frikadelle. Der Anruf kommt. Mama.
Franka, mein Schatz, wie läufts?
Passt schon, Mutter. Arbeitsmäßig etwas wild.
Hast du gegessen?
Ja, gerade. Buchweizen.
Prima.
Stille. Hannelore Schwalberg kann als gelernte Kinderbibliothekarin auch aus schweigen Deutungshoheit ablesen. Und an ihrer Tochter probiert sie das seit 37 Jahren jeden Tag.
Franka, du klingst wieder so naja zusammengeschnürt.
Nur müde, Mama.
Das hast du mir letztes Jahr auch immer gesagt. Und dann lagst du drei Tage lang einfach rum.
Franka schließt die Augen.
Diesmal ist wirklich nur Arbeit. Nicht wie damals.
Ich bin da, immer, ja? Ich komm gern am Wochenende rauf mit echtem Eintopf. Nicht Tütensuppe.
Franka grinst. Zum ersten Mal heute.
Noch nicht, Mama. Alles gut.
Es folgen zehn Minuten Smalltalk über Mamas Blutdruck, über Frau Krenz, die jetzt eine Katze namens Schneeball hat (und das ganze Haus beschallt), über den Frühling, der in Wittenberg gefühlt drei Wochen früher dran ist. Im WhatsApp schickt Hannelore einen Blumenfoto-Schnappschuss: Frühling ist da und du hockst in Berlin und tust so, als wär Winter ewig. Die Mundwinkel zucken minimal nach oben. Alltagskleinkram tut manchmal Wunder.
Mama fragte nie nach Enkeln oder Männern. Dreißig Jahre mit Grundschulkindern lehren Demut und Geduld. Wer reden will, redet der Rest wird besser mit Kuchen abgefangen.
Franka räumt ab. Dann bleibt ihr Blick wieder am Brief hängen.
Du bist stärker geworden. Schau mich an dann weißt du, woher du kamst.
Sie greift das Foto. Stellt es vorm Spiegel auf.
Um 21 Uhr ruft Annemarie an.
Annemarie ist Schulfreundin, seit 22 Jahren, ihre Stimme schwer, rauchig, immer so, als wäre Lachen ein Nebenjob. Frankschen, raus damit.
Was raus?
Alles! Ich weiß, bei euch ist wieder Schicht: Max aus deinem Team hat in die Ex-Alumni-WhatsApp gepostet, bei euch bricht Panik aus.
Franka seufzt.
Ist so. Heute flog wieder eine. Und Kröger meinte, im April kommt die finale Runde.
Und du?
Noch drin. Aber noch ist das Stichwort.
Weißt du noch vor nem Jahr? Nachts, als du meintest, dass du das nicht packst. Jetzt schau: Du bist noch hier. Befördert. Machst dir Buchweizen selbst und gehst mir ans Handy.
Franka schweigt.
Hörst du mich?
Klar.
Gut so. Also, hör auf dich selbst zu beerdigen.
Annemarie redet noch zehn Minuten von ihrem Job (verkauft Designerküchen, hasst alle Kunden, die beim vierten Beratungsgespräch die Farbe ändern), von ihrer Katze Klößchen, die den neuen Sessel ruiniert hat, und davon, dass man spätestens Samstag Wein trinken gehen muss.
Franka hört zu. Denkt: Annemarie wiederholt das des Briefs. Fast wortgleich. Als hätten sie, ihre Mutter und der Brief ein geheimes Motivations-Kartell.
Sie legt auf. Es ist zehn. In der Wohnung Stille. Nicht bedrückend, nicht schlimm eben Berliner Standard. Der Kühlschrank summt, draußen eine S-Bahn, irgendwo ein Kindergeschrei, als pfeife Wind.
Franka tappt ins Bad. Licht an, Spiegelbild.
Ihr Gesicht. Achtunddreißig, braune Haare, leichte Welle. Haut normal, leicht gerötet vom Tee. Schatten unter den Augen, aber kompakt, nicht mehr wie damals auf dem Foto. Einfach Working Class Hero.
Sie nimmt das Foto, stellt es neben den Spiegel.
Zwei Frankas.
Eine im Spiegel jetzt, lebendig, ruhig, leicht genervt.
Eine auf dem Foto. Grau, müde, bittend.
Ein Jahr Unterschied.
Der innere Meckerer stichelt: Na und? Nichts gewonnen. Licht im Bad ist eh schmeichelhaft. Du bist immer noch
Aber Franka sagt laut zum ersten Mal seit ewig in den Spiegel:
Nein.
Der Spiegel zeigt ein Gesicht, das ganz anders schaut, als es die vorige Franka konnte: ruhig, klar, ein bisschen ungläubig.
Nein, wiederholt sie. Das war. Jetzt bin ich wer anders. Siehst du?
Sie hebt das Foto neben ihr Gesicht.
Damals. Und jetzt.
Der Grantler schweigt. Für einmal.
Barfuß, mit Foto und Hausanzug steht Franka im Bad und betrachtet sich ohne Selbstkritik.
Nicht gut genug, nicht stand ich das durch? oder fällt gleich alles auseinander?
Einfach nur: Hingesehen.
Und etwas entdeckt nicht die Heldin, nicht die perfekte Frau, sondern jemanden, der noch da ist. Mit müden Augen, einer widerspenstigen Strähne. Mit Händen, die 320 Lieferanteneingänge unterschrieben und nie gezittert haben. Mit Schultern, die zwar oft oben stehen, aber eben stehen.
***
In der nächsten Nacht kommt der Schlaf spät. Nicht aus Panik sondern weil die Gedanken kreisen.
Sie blickt zurück. Nicht aufs Geschehen, sondern aufs Gefühl: Wie zum ersten Mal seit Monaten wieder Frühstück gekocht und wirklich gegessen wurde. Wie sie einfach nur auf einer Parkbank saß und die Sonne ins Gesicht fiel. Wie sie in der Therapie über ihre eigene Entschuldigungslust lachte.
Das Jahr bestand aus Miniaturen. Aus so etwas wird Leben gemacht.
Der innere Grantler flüstert nochmal: Das zählt ja nicht! So leben doch alle
Und Franka denkt: Was, wenn er lügt? Nicht, weil er mies drauf ist, sondern weil er nie anders gelernt hat. Für ihn ist Licht ein Märchen, das andere erleben.
Sie geht in die Küche. Klickt die kleine Lampe an.
Der orange Umschlag liegt da. Franka dreht ihn auf die Rückseite, schnappt die einzige funktionierende Gelschreiber und schreibt:
Hallo nochmal. Du bists, März 2026. Jetzt bist du achtunddreißig. Die Arbeit ist unklar, das Leben erst recht. Aber du bist noch da.
Vor einem Jahr hab ich dir einen Brief geschrieben. Aus der Nacht. In einer Dunkelheit, die endlos war und keinen Ausgang kannte.
Heute hab ich den Brief bekommen. Und weißt du was? Mich zu erkennen auf dem Foto hat drei Sekunden gedauert.
Drei Sekunden das ist ein ganzes Jahr.
Jetzt schreibe ich aus Wärme, nicht mehr aus Schmerz. Denn wenn du das liest, dann hast du wieder ein Jahr geschafft.
Hab dich lieb. Du verdienst das.
Deine Franka, März 2026.
P.S.: Wenn die Schultern schon wieder bei den Ohren sind runter damit. Sofort. So. Prima.
Sie faltet das Blatt, steckt es in den Umschlag denselben, den sie heute aus dem Briefkasten gezogen hat. Rückseite. Adresse drauf.
Dann den Laptop an. Zeitkapsel.de, Versand auf März 2027 einstellen, Scan hochladen. Nach kurzem Zögern wieder ein Selfie am selben Küchentisch.
Das neue Gesicht: nicht grau, kein Schattenmeer. Normal. Ein bisschen müde, aber echt. Die Lippen leicht hochgezogen eher ruhig als siegesbewusst.
Foto hochladen, bezahlen, Laptop aus.
Und ans Fenster treten.
Die Berliner Nacht flackert durch die Straßenlampe. Taxis, spät fahrende Busse, irgendwo ein Lieferando-Fahrrad. Still. März, zwei Grad.
Sie steht barfuß am kalten Boden und spürt, wie die Schultern langsam runtergleiten. Ganz von allein.
Der kommentierende Grantler will ansetzen sie hört aber nicht mehr hin.
Sie schaut der Stadt zu denkt an die Frau, die in einem Jahr den Umschlag kriegt. Vielleicht ist sie dann befördert, vielleicht wohnt sie noch immer zwischen Mitwohnern und Marder-Katzen, vielleicht ist sie verliebt oder auch nicht. Egal.
Wichtig ist: Im Umschlag wird ein Foto liegen. Und der Satz: Schau mich an. Dann weißt du, woher du kamst.
Und die Frau wird schauen. Und sehen.
Franka lächelt, macht das Licht aus und geht ins Bett.
Draußen: Märznacht, kühl und voller Asphaltdunst.
Drinnen: Ruhe.
Auf dem Tisch: der nächste orange Umschlag.
***
Am Morgen weckt sie nichts als Licht. Kein Wecker. Helles, silbernes Licht durch das Fenster, frisch, kein dunkelorange mehr. Anderes Licht. Neues.
Sie steht auf, macht die Teekanne an.
Der Umschlag liegt da. Daneben das Foto, der letztjährige, der Brief.
Nein, nochmal lesen wird nicht nötig. Sie legt alles ordentlich zusammen als wäre es etwas, das man aufbewahrt.
Dann aus dem obersten Schrank ein schlichter Glasrahmen, längst gekauft, nie benutzt. Das alte Foto rein, aufs Regal vor die Bücher.
Graues Gesicht, tiefe Schatten, ein ausgeleierter Pulli.
Nicht, um Schmerz zu konservieren sondern den Weg.
Der Wasserkocher klickt. Franka gießt sich Tee ein, hält die Tasse fest mit beiden Händen und schaut in die Scheibe.
Sie sieht sich selbst im Fenster ungeschminkt, in Schlappklamotten und mit heißem Becher in der Hand.
Innen: Still. Keine Stimme.
Sie trinkt aus. Zieht sich an. Tasche schnappen, ab zur Tür.
Kurz auf dem Flur: Schulter-Check.
Sie hängen tief. Locker. Nicht eingerastet, nicht wartend auf das Nächste Drama.
Franka dreht den Schlüssel um und geht zur Arbeit.
Und auf dem Küchentisch: ein neuer oranger Umschlag. Mit Brief und aktuellem Foto, bereit zur Reise.
In einem Jahr wird er ankommen. Und sie wird sich sehen. Vielleicht erkennt sie sich wieder nicht denn in einem Jahr ändert sich alles.
Oder fast.
Der Schriftzug bleibt. Das berühmte lange t, das persönliche Schlaufen-r. Wie in der Schule. Immer gleich.
Und der entscheidende Satz steht drinnen, schwarz auf weiß: Du hasts damals geschafft du schaffst es wieder.
Nur diesmal: Nicht mehr aus Dunkelheit geschrieben.
Sondern aus Licht.




