Mein Mann starrte die Tagesschau, während ich flüsterte meine Geheimnisse in fremder Bettwäsche
Elsa stand im Türrahmen des Wohnzimmers, mit einem zerknüllten Taschentuch in der Hand. Ihr Atem ging stoßweise als wäre sie gejoggt, dabei waren es nur ein paar Schritte von der Küche.
Günter, ich muss mit dir sprechen, begann sie leise.
Günter saß in seinem Lieblingssessel, den Blick wie angewurzelt auf den Fernseher gerichtet. Nachrichten. Immer Nachrichten. Der Ministerpräsident versprach irgendetwas, der Bundestag hatte wieder etwas beschlossen. Er blinzelte nicht einmal.
Günter, wiederholte sie lauter. Anna hat heute angerufen. Sie und Martin kriegen sich wieder in die Haare. Sie hat geweint. Martin kommt abends nie heim, geht nicht ans Handy. Ich habe Angst, dass sie
Klärt das unter euch, brummte Günter, ohne den Blick abzuwenden. Ihr Frauen wisst doch immer Rat. Jetzt sei ruhig, da kommt was zu den Renten.
Elsa erstarrte. Sie stand und sah nur noch seinen Hinterkopf: tadellos kurz geschnittenes, graues Haar, ein gerader Nacken. Militärisch aufrecht, selbst im Morgenmantel. Wie lange war dieser Hinterkopf schon ihr Halt? Achtundzwanzig, neunundzwanzig Jahre? Jetzt war er nur noch Mauer. Eine schalldichte Wand, an der ihre Worte zerbrachen.
Unsere Tochter ist unglücklich, sagte sie kaum hörbar, eigentlich nur zu sich selbst. Und dich interessieren nur die Renten.
Keine Antwort. Vielleicht hatte er es nicht gehört. Vielleicht wollte er nicht. Was machte das schon aus?
Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Tür zu, aufs Bett sinken. Sie nahm ihr Handy, Finger zitterten. Dieser eine Kontakt. Sie starrte lange aufs Display. Dann drückte sie Anruf.
Hallo? Elsa? Die Stimme war weich, schimmerte wie warmer Kerzenschein.
Ach, Alexander, flüsterte sie. Er Er sieht doch gar nicht, wies mir geht! Anna gehts schlecht, aber das juckt ihn nicht. Ich schreie quasi in eine leere Halle.
Erzähl mir alles, sagte Alexander. Ich hör zu. Erzähl mir alles, was dich bewegt.
Und sie erzählte. Tränen liefen, die Worte sprangen ihr heraus. Er schwieg meist, hin und wieder ein: Ja, verstehe dich so gut, Fühl dich umarmt, Keiner hat es verdient, so behandelt zu werden. Genau die Sätze, die sie ersehnte. Sätze, die Günter nie sagte.
Nachdem sie aufgelegt hatte, fühlte sie sich leichter. Wie immer nach ihren Gesprächen mit Alexander. Als hätte sie den schweren Rucksack abgestreift. Sie wischte sich die Wangen trocken, richtete ihre Haare und trat in den Flur. Günter sah noch in den Fernseher. Nachrichten waren vorbei, jetzt lief irgendwas über Angeln am Chiemsee.
Das Leben floss weiter. Als wäre nichts geschehen.
***
Drei Monate zuvor ihr Leben: gleich leer, aber ohne Alexander. Einfach leer.
Vormittags stand sie auf, machte das Frühstück. Günter verschwand im Keller zu seinen Werkzeugen oder zu alten Bundeswehrkumpel, um über die guten alten Zeiten zu reden. Elsa blieb allein. Wohnungsputz, Mittag kochen, dann vor dem Fenster sitzen. Auf den Abend warten. Günter kam heim, aß still, schaltete den Fernseher ein. Elsa setzte sich daneben, versuchte, etwas zu erzählen. Er gab einsilbige Antworten oder gar keine. Dann ins Bett zu weit voneinander entfernt, als lägen sie auf zwei Inseln.
Einsamkeit in der Ehe so nennt man das. Mit einem Menschen das halbe Leben verbracht, sich aber wie Robinson auf einer einsamen Insel fühlen. Sie sprach mit Freundinnen darüber. Die aber zuckten bloß die Schultern: Ach, ist überall so. Die Männer werden mit dem Alter schweigsam. Die Freundinnen warens gewohnt hatten sich gefügt. Elsa konnte das nicht. Sie brauchte, dass jemand zuhört. Dass jemand sieht, wies ihr geht.
Eines Morgens sah sie am schwarzen Brett im Edeka: Computer-Grundkurs für Senioren Internet verstehen und nutzen. Sie dachte sich: Warum eigentlich nicht? Wenigstens gehts raus, wenigstens lernt sie neue Leute kennen, raus aus diesen vier Wänden.
Günter nur: Wozu, Elsa? Mit siebenundfünfzig lernt man das nicht mehr.
Ich bin keine achtzig, gab sie noch zögerlich zurück.
Trotzdem Quatsch, winkte er ab. Dir ist auch langweilig.
Sie schwieg. Wie immer.
Die Kurse fanden im Lesesaal der Stadtbücherei statt. Zehn Leute, alles ihre Generation, ähnliche Sorgenfalten. Die Dozentin, eine geduldige Frau mit lächelnden Augen. Elsa spürte zum ersten Mal seit Jahren, dass sie etwas für sich selbst tat. Sie lernte E-Mails schreiben, wie man nach Rezepten googelt. Es machte Spaß.
Alexander saß zwei Tische weiter. Mittfünfziger, Brille, ein sanftes Gesicht. Kein Adonis, kein Herkules. Einfach ein Mann im grauen Wollpullover, immer glatt rasiert. Auch er war Anfänger am Computer. In den Pausen quatschten sie locker in der Gruppe Wetter, Arzttermine, Kinder.
Nach einem Kurs fragte er schüchtern: Trinken wir einen Kaffee? Da hinten im Waldschlösschen. Schöner Laden.
Sie willigte ein. Warum nicht? Einfach Kaffee mit einem einfachen Menschen.
Sie saßen am Fenster, tranken Cappuccino, aßen Zwetschgendatschi. Redeten über Technik, wie schwer das Umgewöhnen ist.
Meine Tochter lacht, wenn ich wieder etwas falsch mache, sagte Alexander. Papa, das weiß jedes Kind! Aber jedes Kind ist eben kein Papa. Und ich lerne lieber langsam. Ist doch keine Schande, oder?
Meine auch, antwortete Elsa, aber sie hat gerade andere Sorgen Ehekrise.
Schlimm?
Sie wollte das gar nicht erzählen, aber es sprudelte aus ihr heraus:
Sie sagt nicht viel, nur Weinen am Telefon. Ich kann ihr nicht helfen. Und Günter auch nicht. Der verschließt die Ohren.
Alexander sah sie an:
Er will nicht zuhören?
Keine Ahnung vielleicht kann ers nicht mehr? Ich komme mir manchmal unsichtbar vor in meiner eigenen Wohnung. Wie ein Gespenst.
Sie verstand nicht, warum sie das diesem Mann anvertraute. Vielleicht, weil er sie ansah. Zuhörte. Nie unterbrach.
Verdammt traurig, meinte Alexander fast flüsternd. Keiner sollte sich so fühlen. Vor allem daheim nicht.
Elsa nickte. Halt suchend. Lidschläge wie Abwehr gegen die Tränen.
Sie saßen lange da. Beim Abschied war etwas anders. Ganz leise.
***
Künftig trafen sie sich jeden Mittwoch nach dem Kurs im Waldschlösschen”. Anfangs Reden übers Wetter, über Computerprobleme. Dann urplötzlich offenbarte Elsa immer mehr. Wie schwer die Beziehung zu Günter war, wie unsichtbar sie sich fühlte. Dass sie manchmal lautlos schreien wollte, nur dass er mal reagiert.
Alexander hörte stets zu. Mit ruhigen Fragen, verständnisvollen Blicken und Sätzen wie, Du verdienst mehr, Elsa. Das ist nicht gerecht. Ich verstehe dich. Sie trank diese Worte wie Regenwasser nach Dürre. Denn zuhause bekam sie sie nie.
Einmal kam sie zu spät zum Abendbrot. Günter hockte in der Küche, finster.
Wo warst du? fragte er kurz angebunden.
Der Kurs ging länger, log Elsa. Zum ersten Mal in der Ehe.
Er sagte nichts, ging ins Wohnzimmer. Sie lehnte am Küchentisch, die Hand an der Tasche Schuldbewusstsein gemischt mit Erleichterung. Dass er keinen Aufstand machte. Nicht fragte, warum sie trübe Augen hatte. Nicht bemerkte, wie leicht sie log.
Das machte ihr Angst. Nicht der Betrug, sondern, dass es so einfach war.
***
Die Kurse endeten nach vier Wochen. Die Kaffeetreffen mit Alexander blieben. Elsa erfand Gründe: zum Bäcker, zur Freundin, in die Apotheke. Günter fragte nicht nach eigentlich fragte er nie nach ihr.
Mit Alexander konnte sie stundenlang reden. Meist über Günter. Über das zähe Nebeneinander, über die Leere, über Krise und Stillstand. Alexander wurde zur Schulter, an die Elsa sich weinend lehnte. Ihr Rettungsanker.
Ich verstehe einfach nicht, rührte Elsa im Latte, wie wir wieder Nähe aufbauen sollen. Ich habs oft versucht. Ihn gefragt. Ihm Reisen vorgeschlagen, erzählt, was mich bewegt. Er blockt nur ab. Er hört mich einfach nicht mehr.
Vielleicht braucht er Hilfe? Psychologische? Nach so vielen Jahren…
Niemals, wehrte Elsa ab. Für ihn sind Therapeuten Scharlatane. Wir lösen das unter uns, sagt er. Nur dass es eben nie gelöst wird.
Alexander legte seine Hand auf ihre.
Wann hatte Günter zuletzt ihre Hand gehalten? Sie wusste es nicht mehr.
***
Dann war dieser verhängnisvolle Abend.
Elsa kam von Alexander zurück. Schuldgefühl und ein seltsames Glück im Bauch. Sie hatten nur geredet. Das war keine Affäre. Oder? Sie machte doch nichts Schlimmes. Sie hatte nur jemanden gefunden, der sie verstand. Ist das Sünde?
Günter hockte im Wohnzimmer. Sie bemühte sich um Freundlichkeit:
Günter, sollen wir heute zusammen essen? Ich mach dein Lieblingsgericht Frikadellen mit Kartoffeln.
Genervter Blick: Hab keinen Hunger, Kopfweh. Mach dirs allein und lass mich.
Ich wollte doch nur, fing Elsa an.
Was wolltest du? scharf. Dass ich mich um dich kümmere? Hab zu tun. Und überhaupt: Ich biete Wohnung, Essen, Ruhe. Was fehlt dir denn noch?
Zuwendung, sagte sie leise. Mir fehlt deine Zuwendung.
Ich habe keine Zeit für deine Marotten, blaffte er. Jetzt lass mich.
Kleine Dinge, die brechen. So fühlte sich ihr Inneres: zerbrechlich, unauffällig, aber unwiderruflich kaputt.
Sie ging ins Schlafzimmer, griff zum Handy, wählte Alexander:
Kann ich zu dir kommen? Es geht mir so schlecht. Bitte.
Keine großen Fragen. Nur eine Adresse.
Bei Alexander angekommen, wurde sie mit Tee und einem Taschentuch empfangen. Sie schluchzte lang, dann kamen alle Worte heraus: Günters Kälte, ihre Rolle als Haushälterin, das Verlorensein.
Alexander hielt sie fest. Einfach nur gehalten werden. Sie schluchzte noch einmal, aus Selbstmitleid, Verzweiflung und Erleichterung, dass sie wenigstens hier echt war.
Alles wird gut, flüsterte er. Du bist nicht allein.
Sie sah ihn an. Wärme und Verstehen in seinen Augen ihr fiel das Atmen schwer.
Und dann küsste er sie.
Sie wehrte sich nicht, konnte es gar nicht. Zu lang war sie nicht mehr begehrt worden.
Sie blieben diese Nacht beieinander, der Kuss war nicht der Mittelpunkt. Hauptsache, da hielt jemand ihre Hand, strich ihr Strähnen aus dem Gesicht und sagte: Du bist schön. Klug. Wertvoll. Dinge, die Günter nie mehr sagte.
Am Morgen fuhr sie heim. Ohne umzudrehen. Günter fragte nicht, wo sie war.
***
So begann ein Doppelleben. Tagsüber Günters Ehefrau leise, artig, unsichtbar. Ab und an in den Abendstunden sie selbst, bei Alexander. Er wurde die Tablette gegen Verzweiflung. Nach jedem Treffen hatte sie Kraft für Günters Kälte. Kraft zum Eingeschwungensein.
Warum betrügen Frauen? Elsa hatte nie darüber nachgedacht. Nun kannte sie die Antwort. Nicht immer wegen Leidenschaft, sondern aus Verzweiflung. Aus dem animalischen Wunsch, gehört zu werden. Der emotionale Betrug einer Ehefrau beginnt nicht mit dem Kuss sondern mit dem Moment, wo der eigene Ehemann aufhört zuzuhören, während jemand anders zu lauschen beginnt.
Schuldgefühle klebten an ihr. Dick und schwer. Sie betrog Günter. Ihren Partner seit fast dreißig Jahren. Den Vater ihrer Tochter. Trotzdem sie konnte nicht mehr loslassen. Mit Alexander konnte sie endlich atmen.
Manchmal versuchte sie, ihm das zu erklären:
Alexander, ich fühle mich schrecklich. Ich betrüge meinen Mann. Ich lüge ihn an. Aber ohne dich geht es nicht. Nur du hörst mich. Nur du verstehst.
Alexander seufzte mit traurigem Lächeln:
Ich will nicht Grund für deine Schmerzen sein.
Du bist nicht schuld. Günter ist schuld. Wäre er anders
Er wird nicht anders. Menschen ändern sich nicht.
Sie wusste, er hatte recht. Günter würde immer derselbe bleiben: verschlossen, wortkarg, gleichgültig. Weggehen wagte sie nicht. Zu sehr fürchtete sie das Alleinsein. In ihrem Alter alles auf Anfang?
Also lebte sie weiter in zwei Welten. In einer Ehefrau, in der anderen Frau.
***
Die Monate zogen vorüber. Elsa gewöhnte sich an ihr Doppelleben. Selbst das schlechte Gewissen wurde schwächer. Sie redete sich ein: Alexander war doch nur ihr verstehender Freund, Liebhaber als Schulter zum Anlehnen. Der Einzige, der sie in diesem Ehe-Höllenritt über Wasser hielt.
Doch auch Alexander begann sich zu verändern. Immer häufiger lag etwas Müdes in seinem Blick. Sie fragte ihn:
Was hast du, Alexander? Du bist traurig.
Alles gut, sagte er. Nur viel Arbeit.
Sie bohrte nicht nach. Es ging ihr mehr ums Reden über sich. Ums Erzählen, um Kopf und Herz zu lüften.
Irgendwann fragte eine Bekannte:
Elsa, was ist mit dir? Du bist anders. Glühst innerlich.
Wie meinst du das?
Na, hast du etwa nen Liebhaber? Ein verschmitztes Lachen.
Elsa lachte zu schrill: Quatsch. Ich besuche bloß Computerkurse. Da fühlt man sich jünger.
Die Freundin glaubte ihr nicht. Doch weitergeredet wurde nicht.
Eines Abends kam es zu einem dieser seelisch schmerzhaften Nicht-Streits mit Günter.
Elsa kochte Suppe. Stell dir vor, sagte sie beim Rühren, Anna hat angerufen. Mit Martin läuft’s wieder! Sie waren zusammen draußen, haben geredet. Sie ist richtig glücklich!
Günter blätterte stumm in der Zeitung: Na, immerhin.
Sie sind sogar zum Paartherapeuten. Hat funktioniert. Vielleicht sollten wir…
Er unterbrach, ohne aufzublicken: Wir brauchen keinen Therapeuten. Bei uns passt alles.
Passt? Wir reden wochenlang nicht miteinander. Leben wie Nachbarn. Findest du das normal?
Er legte die Zeitung ab. Elsa, wir sind beide über fünfzig. Keine Teenies mehr zum Nächtelang-Reden. Ich hab dir Wohnung, Sicherheit und Ruhe geboten. Kind gut hingekriegt. Was fehlt?
Du fehlst mir, sagte sie leise. Dass du mir zuhörst.
Er seufzte.
Ich kann diese Leier nicht mehr hören. Wenns dir nicht gefällt, sag’s halt. Wenn du gehen willst, geh. Erspar mir die Vorwürfe.
Er verließ die Küche. Elsa hob stumm den Kochlöffel. Tränen liefen ihr übers Gesicht, sie ließ sie einfach laufen.
Sie griff zum Handy, wählte Alexanders Nummer:
Kann ich kommen? Gleich. Es geht nicht mehr.
Ja komm, sagte er nach kurzer Pause.
***
Im Bus zu ihm raus blickte Elsa durch Tränenschleier auf die Straßenlaternen. Sie wusste, dass sie weglief. Dass sie Alexander benutzte. Doch stoppen konnte sie sich nicht.
Er ließ sie herein, auch wenn sie ihre Schuhe nicht mal auszog. Sie setzte sich aufs Sofa.
Elsa, was ist los?
Sie sprudelte los, hastig, die Sätze holperten: Glaubs nicht: Wieder der ewig gleiche Frust! Ich will ja nur reden, auch mal von Anna erzählen er nennt mich bloß Schallplatte. Sagt, soll halt gehen, wenn’s mir nicht passt… Er versteht einfach nicht, wie weh das tut! Ich verlange doch nichts Unmögliches
Elsa, unterbrach Alexander leise, aber mit Nachdruck.
Sie erstarrte. Sah ihn mit großen Augen an.
Können wir mal eine Stunde nicht über deinen Mann reden? Willst du nicht mal wissen, wie es mir geht?
Elsa öffnete den Mund. Schloß ihn wieder. Sie wusste nichts zu sagen. Zum allerersten Mal sprach Alexander sowas aus.
Ich es tut mir leid. Ich hab nicht daran gedacht
Du hast nie daran gedacht, sagte er, ohne Groll, nur als Feststellung. Du redest immer. Ich höre zu. Mir wird immer klarer: Eigentlich brauchst du gar nicht mich, sondern nur meine Ohren.
Sie schaute Alexander an, sah ihn zum ersten Mal wirklich: Kein Retter, kein Trostspender, sondern ein müder Mann mit Krähenfüßen und hängenden Schultern. Jemand, der ebenfalls Unterstützung bräuchte. Den sie übersehen hatte.
Oh Gott, was hatte sie getan? Sie hatte nur einen anderen Unsichtbaren gegen einen anderen eingetauscht diesmal als stoischen Zuhörer. Sie missbrauchte ihn, wie Günter sie als Haushälterin missbrauchte.
Alexander, seufzte sie, vergib mir. Es stimmt. Ich war egoistisch. Ich habe nie deine Geschichte gefragt.
Ich will nicht, dass du Schuldgefühle hast, murmelte er. Ich bin halt einfach müde davon, dein Kummerkasten zu sein, immer. Ich habe selbst Sorgen. Aber du hast nie gefragt.
Sie nickte. Ihr Hals schmerzte vor Kloß.
Und außerdem, fuhr er fort, was tun wir hier Elsa? Du wirst dich nie trennen, ich weiß das. Die Angst vor dem Alleinsein hält dich. Ich will aber mehr. Eine echte Beziehung nicht die permanente Traurigkeit und mein Mitgefühl. Das ist keine Liebe. Das ist Abhängigkeit.
Elsa stand langsam auf. Ihre Beine waren wie Gummi. Ihr Kopf drehte sich.
Du hast recht, sagte sie. Es passt nicht. Es tut dir nicht gut, mir auch nicht. Leb wohl, Alexander.
Sie lief zur Tür. Er hielt sie nicht auf. Nur leise: Lebe wohl, Elsa. Pass auf dich auf.
Elsa trat hinaus in die Novembernacht. Frostiger Wind fuhr ihr durch die Haare. Sie wusste nicht wohin. Nach Hause zum tauben Günter? Oder irgendwo anders? Alexander war müde geworden, sie zu retten. Sie musste nun erstmals selbst an ihre kaputte Ehe ran.
Das lag nun alles bei ihr. Nicht Günter musste sich ändern. Nicht Alexander konnte sie mehr retten. Sondern sie allein.
Im Bus nach Hause starrte sie auf die vorbeigleitende Stadt. An jeder Ecke Erinnerungen die Drogerie, die Apotheke für Günters Blutdruckmittel, der Park aus ihrer Jugend, Jahre her, als Günter noch lachte.
Als sie spätabends nach Hause kam, brannte Licht. Günter saß im Sessel, wie immer mit der FAZ.
Er hob den Kopf: Wo warst du?
Sie stand im Flur und sah ihn an. Wie oft hatte sie sich diese Frage gewünscht?
Spazieren, erwiderte sie.
So spät?
Ja.
Er runzelte die Stirn: Du wirkst seit Tagen komisch.
Das hätte sie amüsieren können: Monatelang betrügt sie ihn, und jetzt fällt ihm ihr komisch auf.
Nichts ist. Ich wollte allein sein.
Er zuckte mit den Schultern: Geh schlafen, ist spät.
Sie legte sich ins Bett. Später kam er auf seine Seite. Rücken zu ihr.
Elsa lag wach, sah die Dunkelheit an. Emotionaler Betrug, von dem Psychologen so oft reden: Er war keine Rettung. Sie hatte geglaubt, wenn sie einen Zuhörer findet, wird sie glücklicher. Doch das Gefühl der Leere wurde schlimmer.
Worum geht es bei allem? Um das verzweifelte Bedürfnis, gehört zu werden. Nicht um Leidenschaft. Nicht um Sehnsucht. Einfach nur darum, dass irgendwer sie sieht.
Aber Alexander war müde vom Zuhören. Günter hatte niemals angefangen.
Was nun?
***
Die Woche verging. Elsa funktionierte Kochen, Putzen, Einkaufen. Günter tat, als bemerke er nichts. Oder merkte es wirklich nicht.
Alexander meldete sich nicht mehr. Sie auch nicht. Leiser Abschied, aber wohl der richtige.
Trotzdem war das Alleinsein schlimmer als je zuvor. Elsa wusste nun: Schuld trägt sie. Nicht die Männer. Weil sie es zugelassen hatte, ihr Glück von Fremden abhängig zu machen.
Eines Abends fragte Günter plötzlich:
Alles gut, Elsa? Du bist so wortkarg in letzter Zeit.
Sie blickte hoch. Besorgnis in seinem Blick? Oder Einbildung?
Alles okay.
Wirklich?
Wirklich.
Dabei ahnte sie, solche Fragen waren Höflichkeit. Kein echtes Interesse.
Doch später in der Küche:
Elsa, ich habe mir gedacht vielleicht fahren wir am Wochenende weg? Nach Regensburg, oder in die Rhön. Mal ausspannen?
Sie drehte sich um: Wozu das?
Wozu? Na zur Erholung. Wir waren seit Jahren nicht mehr gemeinsam unterwegs.
Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte: Freude? Argwohn? Bitterkeit?
Gut, nickte sie. Lass es uns probieren.
Am Samstag fuhren sie ins Kurhotel am Waldrand. Ein kleines, schlichtes Haus, Fichten ringsum. Elsa war seit Menschengedenken nicht mehr in so einem Kurort gewesen. Sie gingen durch bemooste Wege, atmeten klare Luft. Günter war schweigsam wie immer, aber entspannter.
Beim Abendbrot fragte Günter:
Erinnerst du dich, wie wir uns kennengelernt haben?
Sie war verwundert: Natürlich. Tanztee damals. Du hast mich zum Walzer gebeten.
Du hattest ein blaues Kleid an, sagte er. Die schönste Frau im Saal.
Sie wusste nicht, was sagen. Soetwas hatte er lange nicht mehr gesagt.
Warum erinnerst du dich jetzt daran, Günter?
Er zuckte mit den Schultern: Hab halt nachgedacht. Wir haben so viel gemeinsam erlebt. Tochter großgezogen, vielleicht bald Enkel. Und trotzdem hab ich gar keine Ahnung, was du fühlst. Nicht wirklich.
Sie schwieg. In ihr schnürte sich etwas zu.
Ich weiß, ich bin kein Romantiker. Bei uns hießs immer: Männer sind hart, Männer schweigen. Gefühle zeigen ist Schwäche. Ich lebte so. Vielleicht ist das Quatsch.
Elsa legte ihre Hand auf den Tisch. Er sah sie an, legte seine Hand auf ihre.
Verzeih, sagte er. Wenn ich ein schlechter Mann war.
Sie schüttelte den Kopf: Du bist nicht schlecht. Nur anders.
Wollen wir versuchen, mehr Nähe zuzulassen? Ich weiß nicht, wie das geht aber wollen wirs probieren?
Sie nickte. Und begann zu weinen einfach so.
Günter reichte ihr umständlich eine Serviette: Hab ich was Falsches gesagt?
Nein, hauchte sie. Genau richtig. Danke.
Sie saßen lange so. Händchen haltend. Ohne Worte. Aber das Schweigen fühlte sich anders an. Leiser. Sanfter.
***
Nach der Rückkehr entdeckte Elsa eine neue, winzige Hoffnung. Nicht Glück, keine Euphorie. Aber vielleicht würde sich manches doch noch ändern. Vielleicht bedeutete eine Ehekrise nicht nur Ende, sondern auch Anfang.
Günter blieb Günter still, bisweilen unwirsch, doch er fragte ab und zu: Wie war dein Tag? Hörte manchmal ihren Erzählungen zu. War nicht immer präsent, aber bemühte sich.
Auch Elsa bemühte sich. Hörte auf, das Unmögliche zu erwarten. Nahm Günter wie er war. Akzeptierte, dass sie bleiben wollte.
Sie blieb. Noch jedenfalls.
Eines Abends klingelte das Handy. Alexander stand im Display.
Elsa starrte lange auf den Namen. Dann drückte sie auf Ablehnen und löschte ihn für immer.
Wer war dran? fragte Günter.
Falsche Nummer, sagte sie ruhig.
Günter wandte sich wieder seiner Zeitung zu.
Elsa saß in der Küche und schaute hinaus auf die dunklen Straßen von Nürnberg. Sah ihr Spiegelbild eine Frau, nicht mehr jung, aber lebendig.
Ob es richtig war, Alexander gehenzulassen? Ob sie hätte gehen sollen? Ein Neuanfang, aber Angst lähmt mit fast sechzig.
Deshalb blieb sie. Im Haus, in der Ehe, bei einem Mann, der sich bemühte zu hören, auch wenns schwer fiel. Ohne den Zuhörer-Liebhaber, der selbst müde war.
Nun blieb sie sich selbst. Und das war seltsamerweise am schwersten. Denn jetzt gab es keine Ausreden mehr.
Wieder das Handy. Anna.
Hallo, meine Kleine, hob sie ab.
Mama! Wir wollten dieses Wochenende zu euch kommen. Dürfen wir?
Natürlich, Schatz. Ich backe Apfelstrudel.
Mama, wie geht es dir? Du klingst müde.
Elsa wollte zuerst routiniert Alles wunderbar sagen. Doch dann antwortete sie ehrlich.
Ich bin etwas erschöpft. Aber es geht.
Bei uns ist alles gut, sagte Anna. Wir reden jetzt viel. Martin wusste gar nicht, wies mir wirklich ging. Als ichs ihm sagte, hat er sofort etwas geändert. Mama es ist schön, gehört zu werden, weißt du?
Ja, sagte Elsa leise. Das ist sehr schön.
Sie redeten noch. Dann legte Elsa auf.
Gehört zu werden ist schön. Dieses Bedürfnis hatte ihre ganze Geschichte geschrieben. Warum Frauen betrügen? Nicht immer wegen Begehren. Meist, um Gehör zu finden. Emotionaler Betrug beginnt mit dem ersten Ich höre dich. Dem ersten Erzähl mir mehr. Mit dem Tropfen Aufmerksamkeit, der zuhause fehlt.
Aber Affäre heilt nicht die Wunde. Sie ist nur Salbe auf den Bruch. Elsa wusste das jetzt.
Günter kam in die Küche:
Willst du noch Tee?
Ja, gern.
Er füllte Tassen. Saß still zu ihr, während das Wasser kochte. Goss ihr Tee ein, gab Zucker hinein, wie sie es mochte.
Sie schwiegen beim Trinken. Doch Elsa fühlte sich diesmal nicht wie ein Geist. Sie war da. Lebendig. Vielleicht nicht glücklich. Vielleicht nicht vollkommen verstanden. Aber da.
Und das war irgendwie genug.




