Und immer wieder träumte sie von ihrem lieben Hans
Oma Gertrud hörte das laute Gezänk aus der Küche. Die Enkelin und Urenkelin stritten. Ihre Enkelin, die vierzigjährige Katharina, mit ihrer Tochter, der schlaksigen, jungen Annemarie, die spät nach Hause von einer Feier zurückgekommen war.
Offenbar hatte Katharina Annemarie mit dem Küchentuch gezüchtigt. Annemarie weinte, rechtfertigte sich, schrie zurück, und Katharina überschlug sich in ihren Vorwürfen.
War das die passende Zeit fürs Streiten? Draußen war tiefste Nacht. Aus der Sicht der vielen gelebten Jahre erschienen der alten Gertrud alle Auseinandersetzungen überflüssig, ziellos, unbrauchbar, ja gar beängstigend.
Ihre Gedanken kreisten bei tieferen Dingen, bei Fehlern ihres Lebens, und sie rechnete längst alles laute und hässliche Wort als Sünde an. Ihr blieb ja, im Alter ohnmächtig und schwach, nicht vieldenken, erinnern, nachsinnen.
Herrgott, lass sie doch zur Ruhe kommen! flüsterte sie in ihrem Gebet. Herr, schicke Frieden!
Gertrud spürte mit zunehmenden Tagen ihr Ende nahen. Doch irgendetwas hielt sie fest. Keine Schmerzen mehr, keine Furcht, nur leise Unzufriedenheit über das alte, schwache Fleisch, das sie nicht loslassen wollte. Sie hatte seltsamerweise noch Hunger, wollte sich drehen im Bett, manchmal einfach nur sitzen und aus dem Fenster betrachten.
Jeden Abend bat sie Katharina, sie in den Kissen höher zu betten, das Fenster und die Vorhänge zu öffnen. Sie schaute hinaus und glaubte manchmal, Sterne zu sehen. So war es auch heute, vorbereitet auf die Nacht, als das Gezänk begann.
Kath…Kath…, rief sie, wollte die Aufmerksamkeit der Enkelin ablenken, aber Katharina hörte vor Wut auf ihre Tochter gar nicht hin.
Dafür schmetterte wenig später Annemarie die Tür auf, warf sich ins Sessel am Fußende von Gertruds Bett und rollte sich dort zusammen. Schluchzend, wimmernd, die Nase ziehend.
Katharina kam fünf Minuten später ebenfalls herein, tat, als habe sie einen Grund, rückte irgendetwas an Gertruds Lager zurecht und warf ihrer Tochter nur einen kalten Blick zu.
Ab ins Bett jetzt!
Lass mich. Ich bleib heute Nacht bei Oma. Ich bau mir hier das Sessel zum Schlafen um.
Annemarie sprang auf, holte Bettzeug. Das Zimmer von Oma Gertrud lag auf der anderen Seite des Hauses abseits von Küche und Kinderzimmer. Wahrscheinlich wollte Annemarie so zeigen, wie verletzt sie von ihrer Mutter warsie weigerte sich, bei ihr zu schlafen.
Ihr Bruder war im Ferienlager, und Annemaries Vater, Eugen, arbeitete in Bayern und war selten zu Hause. Der war anschmiegsam und beschützte stets seine Tochter, jetzt aber war niemand da, um sie gegen ihre strenge Mutter zu verteidigen.
Siehst du, Oma! Sie hats klar gesagtum elf soll sie zu Hause sein! Jetzt ist es ein Uhr. Immer das gleiche Theater mit diesem taugenichtsen Stefan. Schon bei der Polizei bekannt… Und alles Reden bringt nichts grummelte Katharina, nicht mehr laut, sondern eher, um Annemarie und sich selber zu überzeugen Die Uni schafft sie auch nicht…
Seufzend machte Annemarie ihr Sessel zurecht. Ihre Bewegungen waren fahrig. Gertrud schwieg, lag in ihren Kissenes war besser, kein Öl ins Feuer zu gießen. Ganz ruhig griff sie nach dem Kamm vom Nachttisch, strich nochmal über ihre dünnen Haare und steckte ihn wieder weg, als hätte sie begriffen, dass die Nacht noch nicht vorbei war.
Annemarie ging sich noch waschen, zog Hose und Pulli aus, kroch im Unterhemd und Slip unter ihre Decke. Die Nase klang noch immer verschnupft.
Oma… rief es nach einer Weile leise vom Sessel, Stört dich das Mondlicht nicht beim Schlafen?
Ach, Kind, nicht besonders. Seh den Mond so oder so kaum noch. Wenns dich stört, dann schließ die Vorhänge.
Nein… lass offen. Der Mond ist manchmal der einzige, der mich versteht.
Ach, Kindchen. Liebendas versteht doch jede, aber die Jungen machen halt viele Fehler. Und deswegen sorgt sich deine Mutter.
Hat sie denn auch Fehler gemacht?
Oh ja… Rede mal mit ihr, irgendwann, von Herz zu Herz. Vielleicht erzählt sie es dir.
Kannst du mir nicht erzählen? Annemarie hob ihren blonden Kopf Vielleicht versteh ich dann, warum sie ist, wie sie ist.
Ach … ich weiß nicht. Frag sie direkt.
Ja, sie würde mir ja grad erzählen! Annemarie ließ den Kopf wieder ins Kissen fallen.
Aber ohne Ehrlichkeit kann man sich schwer verstehen. Frag doch.
Naja, nicht alles kann man Kindern erzählen. Aber Oma, ich werd in einem Monat achtzehn. Hab ich dann das Recht, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen? Und wem soll ich mich anvertrauen, wenn nicht meiner Mutter? Meiner Freundin Jutta vielleicht? Die hält mich sowieso für dumm…
Wieso dumm? Gertrud setzte sich etwas auf und blickte rätselnd herüber.
Ach, lass gut sein… murmelte Annemarie.
Eine Zeit lang schwiegen beide.
Weißt du, Annemarie suchte nach Worten, Liebe kann manchmal feststecken. Es geht nicht mehr weiter, verstehst du? Und trotzdem sollte das doch, oder? Man selbst zieht Grenzen und sagt Bis hierher!. Und dann wirds kalt…
Oma Gertrud runzelte die Stirn, versuchte, die Gedanken ihrer Urenkelin zu erfassen, doch das Alter machte das schwierig. Und so antwortete sie, wie sie es verstand:
Liebe ist Liebe, Kind. Sie bringt Schmerz, Bitterkeit, aber auch Glück. Sackgassen… dafür ist sie nicht gemacht. Das gibts nicht Liebe und Sackgasse.
Gertrud war eine gebildete Frau. Seit Kriegsende hatte sie als Krankenschwester gearbeitet, zunächst beim Roten Kreuz im Lazarett, dann später Jahre lang im Krankenhaus zu Göttingen. Dort hatte sie auch ihre Reife gewonnen, einen Abschluss gemacht, doch viel wichtiger waren die Lebenserfahrungen in jenen schwierigen Jahren.
Ach Oma, manchmal passierts eben.
Wieder schwiegen sie miteinander. Annemarie hielt Gertrud für uralt und steif, und Gertrud glaubte, Annemarie wäre noch ein Kind, das von Gefühlen faselte, die es nicht ganz verstand.
Doch in dieser Nacht wollten beide nicht schlafen. Annemarie wälzte sich, seufzte.
Schaust du die Sterne an, Annemarie? fragte Gertrud, das Sessel stand tiefer, die Sicht auf die Urenkelin war schlecht Weißt du, dein Uropa hat immer gesagt: Wenn du lang auf einen Stern starrst, scheint es, als blickt jemand von dort zurück.
Hast du ihn sehr geliebt, Oma? erklang es aus dem Sessel.
Wen? Deinen Opa? Ja, das Leben war lang, verschieden wars. Aber dann hab ichs gemerkt, wie sehr ich ihn geliebt hab später erst…
Ach! Annemarie tauchte mit dem Kopf über der Sessellehne auf Du warst doch sechzehn, als ihr geheiratet habt, nicht? Damals wars erlaubt, aber uns mit achtzehn ists zu früh…
Es war eine andere Zeit, Annemarie…
Aber Liebe bleibt Liebe, egal wann! warf die Urenkelin ein.
Gertrud stritt nicht weiter. Wer weiß schon Genaueres über die Liebevielleicht hatte Annemarie Recht. Damals zählte etwas anderes, man sah die Jungs als Ernährer, Stützen. Ist das heute noch so?
Oma, mir fällt was ein. Dein Hans war fünfzehn Jahre älter als du. Du warst fast noch ein Kind. Klar, jeder Mann schaut nach einer Jüngeren. So ist das mit der Liebe.
Gertrud schwiegund auch Annemarie tat es. Ihr war fast selbst peinlich, so etwas ausgesprochen zu haben.
Oma, bin ich wirklich so dumm? Erzähl mir von dir… Wir schlafen eh nicht. Erzähl… die Wahrheit!
Flugs zog Annemarie das eigene Deckbett zurück, im Mondschein blitzten ihre weißen Unterhosen, sie hüpfte zu Gertrud, bettete sie höher und setzte sich aufs Sessel zu ihren Füßen.
Gertrud war vom Tag erschöpft, der Mund nicht sehr gesprächig, aber um die aufgebrachte Annemarie zu beruhigen, begann sie zu erzählen.
Ach, was solls, zuckte sie die Schultern, Nur Leid… Kennengelernt hab ich deinen Uropa im Lazarett, Ende dreiundvierzig, das Lazarett übervoll, überall Verwundete, Blut, Verbände. Ich sah eher aus wie ein Junge, kurz geschoren es gab oft Läuse unter den Neuankömmlingen. Die Uniform rutschte, von Weiblichkeit keine Spur. Sie nannten mich oft Kamerad.
Gertrud schüttelte leicht den Kopf.
Die Hände wund vom Karbol und Spiritus. Draußen marschierten Soldaten durch die Kleinstadt, Kolonnen, alles floss in Richtung Westen. Wir pufferten, was das Schicksal uns zusandte. Manchen Jungen hielt ich im Sterben die Hand. Da war einmal ein Partisan, sechzehn Jahre, wie ich. Ihn hab ich ins Herz geschlossen, und als er starb, bin ich in Tränen ausgebrochen…
Sie blickte Annemarie an, die ganz still geworden war.
Plötzlich kam Hans, setzte sich neben mich, nahm mich in den Arm, ließ mich weinen. Er sagte: Wein nur, Schwester. Da weinte ich mich in seine Schulter aus. Später wurde er gesundgepflegt und blieb, die Stadt aufzubauen. Seine Familie war weg, Frau und Kind im Bombardement gefallen. Er brachte mir manchmal Äpfel, heimlich in die Tasche geschoben. Ich sah in ihm keinen Mann er war schon Dreißig, unrasiert, hinkte noch…
Wieder stockte Gertrud.
Die Zeit verging. Mir wurde klarer war mir ans Herz gewachsen, wie Familie. Er wusste, ich wollte weitermachen mit Ausbildung. Eines Tages trat er Rasur-glatt vor mich, bat den Doktor dazu. Sie wollten wissen, wohin ich wollte…
Der Doktor meinte, mein Schulabschluss reiche nicht. Hans schlug vor:
Lass uns heiraten, Gertrud! Dann kannst du mit mir fort, und wenns nicht klappt, hielt er mir sein Ehrenwort, zwing ich dich zu nichts!
Gertrud hielt inne, Annemarie zog die Beine an.
Ich war wie erstarrt. Sah ihn als Vater, nicht Ehemann. Aber da stand er, im Paradeanzug. Ich dagegen mit selbstgenähten Schlüpfern, klapperdürre Gestalt, das Kleid hing wie ein Sack. Doch sie redeten weiter auf mich ein.
Dann sagte Hans: Nur auf dem Papier, keine Sorge. Du sollst dich entwickeln.
Und, Oma? Wie gings weiter? Annemarie tauchte aus ihrer Versunkenheit auf.
Wir wurden getraut in Münster, dann fuhr ich mit ihm nach Göttingen. Mein Mantel, ein Geschenk des Doktors, all mein Hab und Gut im Militärrucksack. Hans benahm sich wie am Feiertag, begleitete mich, half mir. Zwei Jahre wohnten wir wie Vater und Tochter in einer Wohnung, nichts geschah zwischen uns.
Wie habt ihr das gemacht? Getrennte Betten?
Ja, zwei Betten, ich zog mich hinter dem Schrank um. Später habe ich zu ihm ins Bett gekrabbelt, wenn mir die Füße froren oder ich meinen Tag erzählen wollte. Als ich älter wurde, dachte ich: Der Mann muss gelitten haben, er hat mich stets beschützt und beschenkte mich mit hübschen Kleidern, Strümpfen, Schuhen…
Ein bestimmtes Kleid, himmelblau mit kleinen Sternen, liebte ich besonders. Ich wurde weiblicher, ließ die Haare wachsen. Die Ärzte im Krankenhaus warfen mir inzwischen schon Blicke zu, aber ich wusste: Mein Herz gehört nur Hans.
Aber war das wirklich dein Mann oder doch nur wie ein Vater? zweifelte Annemarie.
Beides vielleicht. Ich schämte mich nie, zog mich offen um, und doch liebte ihn auf meine Art. Er war mein Ein und Alles. Wir teilten unser Leben, gemeinsam gekocht, er holte mich täglich mit dem Werkswagen von der Schule abdarauf war ich richtig stolz…
Das kann ich nicht verstehen, Oma. Und dann?
Dann kam das Unglück…
Verhaftung, oder? Hat Mama mal angedeutet.
Ja. Nachkriegszeit, viele wurden abgeholt. Wegen irgend so einer Sabotage am Werksgelände, Hans wurde nachts festgenommen. Ich strickte über Nacht warme Socken für Päckchen. Am Tag der Verhandlung war Volk im Saal, er flüsterte mir ins Ohr: Lass dich scheiden, Gertrud. Jetzt bist du frei. Ich bin fortan ein Feind.
Da schoss mir eine Träne übers Gesicht.
Annemarie kroch zu ihrem Großmutter ans Bett und streichelte ihre Füße.
Weinst du? Nicht weinen, Oma. Ging es allen damals schlecht?
Ja, besonders den Kindern! Die hielten sich an ihre Mütter, und die Mütter wurden deportiert. Ich… Ich bin Hans nachgereist, bis in den Schwarzwald. Arbeitete dort in einer kleinen Siedlung. Es gab einige Frauen wie mich, die ihren Männern in die Verbannung folgten.
Später wurden sie in den Ruhrpott gebracht. Im nächsten Lager suchte man dringend eine Sanitäterin, da kam meine Ausbildung gerade recht. Hoch war die Sterblichkeit ich kämpfte wie im Lazarett.
Wir lebten zusammen, und irgendwann wagte ich es, wirklich seine Frau zu werden. Eugen wurde dort geboren. Deine Oma Lena kam erst später nach Freiburg, als wir nach der Amnestie heimkehren durften. Den Kleinsten, Jakob, bekam ich mit vierzig, Hans war schon über fünfzig. Er starb viel zu früh, der Kleine war erst neun…
Annemarie kauerte da, Nachdenklichkeit im Gesicht.
Oma, ich versteh das Leben nicht… Bei euch war alles verkehrt herum.
Verkehrt? Mag sein. Was meinst du damit?
Die Liebe kam erst nach dem Zusammenleben. Heute verlangen alle Liebe zuerst…
Verlangen? Ach Kind, du verwirrst mich. Liebe ist kein Gebot, keine Pflicht, sie wird uns geschenkt oder verdient, nicht gefordert.
Vielleicht reden wir am Thema vorbei…
Oder meinst du Zweisamkeit? Gertrud musterte ihre Urenkelin, und dämmerte, worum es eigentlich ging.
Genau. Eben dieses Miteinander schlafen. So nennen wir das heute.
Jutta hatte Annemarie schon gesagt: Wenn du ihn liebst, lässt du ihn an dich ran, sonst sucht er sich eine andere.
Das ist etwas anderes, Annemarie. Das ist nicht Liebe.
Vielleicht ist es für mich das Höchste, Oma! plapperte Annemarie schnell.
Nein, Kindchen. Wahre Liebe ist, wenn dein Großvater mich nach der Geburt ins Bad trug, weil ich alleine nicht konnte. Oder als dein Vater, damals jung, quer durch die Stadt rannte, als im Werk ein Unfall war. Oder als deine Tante Ilse sich ins Wasser stürzte, um ihren Mann zu retten. Das ist Liebe.
Gertrud musste husten vor lauter Reden.
Trink einen Schluck, Oma, Annemarie schenkte Wasser ein.
Gertrud nahm einen Schluck, bettete sich wieder.
Aber wenn er so stark liebt, dass er nicht länger warten kann? Er sagt, das sei Liebe. Und ich, wenn ich Angst habe, bedeutet das dann, ich liebe ihn nicht? Er hat sich schon an Jutta rangemacht, sagt, Natalie würde ihn nehmen…
Und was willst du? Fürchtest du, er heiratet dich nicht?
Ich weiß nicht… Vielleicht täusche ich mich und mein Gefühl ist gar keine Liebe? Ich will, dass es für immer ist, für das ganze Leben, wie bei dir und bei meinen Eltern.
Dann höre auf dein Herz, Kind. Wer wahrhaft liebt, zwingt nicht. Leidenschaft ist gefährlich, Liebe ist ruhig. Ich selbst wusste es damals ganz genau… Es gab keinen Zweifel, und ich bin gegangen, weil ich es wirklich wollte.
Gertrud wunderte sich über ihre Offenheitso offen hatte sie noch nie mit Annemarie gesprochen.
Aber draußen am sternklaren Himmel hatte sie das Gefühl, von einem bestimmten Stern angestarrt zu werden, und dass gerade darum die Erinnerungen kamen.
Sie schlief ein, Annemarie schlief längst im Sessel. Sie wusste später gar nicht, wie sie aus Omas Bett gekrochen war, ob sie die ganze Geschichte überhaupt zu Ende erzählt hatten.
Warum nur diese nächtlichen Geständnisse? War es nicht der Zauber der Nacht? Nicht umsonst sagt man, sie steckt voller Magie.
Sie hob sich noch kurz, sah ihre Urenkelin anzusammengerollt in weißen Unterhosen. Über solche Dinge hatten sie gesprochen… Vielleicht war es nicht falsch. Vielleicht hatte Gott sie genau in dieser Nacht zusammengeführt. Wer weiß…
Ihre Tochter Lena war früh an schwerer Krankheit gestorben. Katharina war von ihr gebliebenwillensstark, aufbrausend, doch verzeihend. Jetzt kümmerte sie sich um Gertrud, und es war nicht leicht: Das Haus war groß, die Arbeit nicht enden wollend, zwei Kinder, und dazu Gertrud selbst. Kein Wunder, dass die Nerven spannten.
Am Morgen schlief Gertrud lange.
Katharina half ihr beim Waschen, setzte sie hoch und brachte Porridge.
Schreie nicht so viel mit Annemarie, sagte Gertrud tadelnd Man kann das Schicksal nicht aufhalten. Rede offener, erzähl mal von dir.
Ach, wie kannst du? So etwas erzählt man doch keinem Kind! Aber wenn ich sie so sehe mit Stefan, mir wird ganz schlimm… Dann liegt er da, Bier in der Hand, und sie taumelt ihm nach wie ein verliebter Welpe. Und iss nun ordentlich, Oma, ich muss gleich einkaufen gehen…
Du warst damals genauso, deine Mutter hat auch geschimpft. Hast du je gehört?
Ach Oma, nimms nicht übel. Was habt ihr nur die halbe Nacht geredet? Ich habe fast alles gehört…
Ach, Kind, aus meinem Leben habe ich gemacht, heute ging es. Kamen wohl die Erinnerungen hoch.
Katharina ging, und Gertrud dachte an die Jugend ihrer Enkelinauch da war die Liebe groß gewesen. Die Hochzeit war geplant, sie warteten auf die beiden. Doch Katharina kam allein, in Tränen, und bald stellte sich heraus, sie war schwanger. Der Geliebte verschwand.
Wie sehr hatte sie damals gelitten! Gertrud hatte sogleich bestimmt: Das Kind wird geboren, wir schaffen das gemeinsam! Aber das Kind kam nicht, im fünften Monat verloren, trotz all der Hoffnung.
Katharinas Kinder wussten von der Geschichte nichts, der Ehemann schon. Er war ein guter Mann, ihr Eugen, und liebte sie.
Später kam die Nachbarin, eine alte Freundin, und sie dachten wehmütig an die Jugend, weinten ein bisschen zusammen.
Am Tag danach kam Katharina wie erleichtert zu Gertrud.
Oma, was immer du zu Annemarie gesagt hast, sie hat sich von Stefan getrennt. Endgültig, wird wohl besser so sein. Sagt, er hat schon eine neue, und sie bleibt jetzt allein…
Tatsächlich? Dann ists wohl so. Traurig ist sie?
Ja, liegt den ganzen Tag still da. Ich lass sie in Ruhe.
Erzähl ihr von dir…
Meinst du? Ach, ist das nicht peinlich? Ich bin doch ihre Mutter…
Mach es. Jetzt ist der richtige Moment.
Na gut… Ich versuchs.
Gertrud hörte noch das leise, vertraute Sprechen von Mutter und Tochter aus dem Zimmer. Offenbar lagen sie eng zusammen und sprachen über das Herz, über das, was Müttern am schwersten fällt. Die Abendsonne lag hell und freundlich im alten Zimmer.
Und als später beide in die Küche kamen, klapperten die Pfannen, aus den Stimmen klang Versöhnung, und Gertrud wurde ganz schwer die Augen. Sie schlief ein.
Und wieder träumte sie von ihrem Hans. So verlässlich und lieb, voller stiller Zärtlichkeitals wäre er geradewegs von seinem Stern zu ihr gekommen.
Sie rannte über eine taunasse Wiese, im blauen Kleid mit kleinen Sternen. Jede Blume, jeden Halm konnte sie sehen.
Und mittendrin, in weißem Hemd, mit offenen Armen, wartete er auf sie. Stark, jung. Und ein unaussprechliches Glück war es, in seine Arme zu sinken, als hätten sich an ihren Lippen die Seelen berührt.





