Gefängnisinsassin

ZEIT IN ZWANGSPAUSE

Ein alter Reisebus stößt qualmend Abgase aus, knattert weiter und lässt eine Frau allein an der Landstraße zurück. Sie blickt sich um hier hat sich nichts verändert. Der Fahrweg ist noch immer zerfahren und voller öliger, schwarzer Erde. Das Dickicht ist besprenkelt vom Spritzwasser der vorbeifahrenden Autos. In der Ferne liegt ein kleines Dorf, es schlängelt sich eng entlang des Waldsaums. Aus den Fenstern leuchten in der Dämmerung gelbe Vierecke, Hunde bellen und Gänse schnattern unzufrieden in der Dämmerung.

“Ja, hier ist alles wie früher”, denkt Vera. “Fast alles.” Nur auf dem Hügel rechts, da stehen keine leuchtenden Traktoren und Ernter mehr. Jetzt klafft Leere, nur Dunkelheit, wohin man sieht. Sie weiß nicht, was aus Hof Bauer geworden istvermutlich haben die Erben nach dem Tod des Besitzers alles verkauft.

Vera betritt die Hauptstraße des Dorfes. Es würde sie nicht überraschen, wenn hinter einer Ecke jemand einen Stein nach ihr werfen würde. Sie hat das Gefühl, aus jedem Fenster starren sie vorwurfsvolle Blicke an. Sie zieht ihr Kopftuch noch tiefer ins Gesicht, hofft, unerkannt zu bleiben. Was erwartet sie? Gibt es ihr Elternhaus noch? Sie hat keine andere Wahl sie musste zurückkehren, zurück nach Oberweiler, ihrem Heimatdorf, auch wenn die Leute sie hier hassen. Wegen ihr haben sich vor sechs Jahren viele auf dem Hof ihren Lebensunterhalt verloren.

Seitdem hat sie sich sehr verändert, äußerlich wie innerlich. Von dem naiven Bauernmädchen mit den leuchtend blauen Augen, das einst den mürrischen Thomas Bauer eroberte, ist nichts mehr geblieben. Damals war Vera eine attraktive Frau mit einer ordentlichen Figur, ihre offenen blauen Augen blitzten neugierig. Sie lebte allein, am Rand eines Hangs in einem alten Haus. Thomas Bauer, der Großbauer, war die wichtigste Persönlichkeit im Dorf. Ohne ihn das Dorf hätte stillgestanden. Als Vera damals bei ihm einzog, glaubte sie, das große Los gezogen zu haben.

Doch es lief nicht so, wie sie es sich erträumt hatte. Thomas fühlte sich als Gutsbesitzer, war launisch und kontrollsüchtig. Für ihn war Vera eine Art Dienstmagd, für Vergnügen und Küche. Zunächst merkte Vera das gar nicht, geblendet von seiner Aufmerksamkeit. Erst nahm er ihr sämtliche Freundinnen, dann verbot er ihr, Kleidung zu tragen, die nach seiner Meinung zu offenherzig war, Make-up war auch tabu. Ihr ganzer Alltag verwandelte sich in einen endlosen Katalog von Verboten.

Sie blieb daheim, kochte Eintöpfe, putzte Zimmer und von Arbeit war keine Rede. Ständig hatte Thomas Angst, sie hätte einen anderen. Seine Eifersucht brachte ihn an den Rand des Wahnsinns. Vera versuchte, sich zu erklären, zu beweisen, dass sie treu war, doch bald erkannte sie: Das Problem lag nicht bei ihr, sondern bei ihm. Egal wie sie sich bemühte, Thomas war nie zufrieden.

Als Thomas handgreiflich wurde, zog Vera zurück in ihr Elternhaus am Hang, in der Hoffnung, das alles wie einen bösen Traum vergessen zu können. Doch dann kam der eigentliche Schicksalsschlag.

Am Tag nach ihrem Auszug stand Thomas in der Tür. Vera wischte gerade den Küchenboden, der Wind wehte durch alle geöffneten Türen, und die frische Luft ließ den Raum sauber und freundlich erscheinen. Sie verlor sich in der monotonen Arbeit, fand Trost im gleichmäßigen Schrubben. Plötzlich trat Thomas mit dem Fuß gegen den Eimer, das Wasser flutete über den Boden. Vera wusste, nach dem Eimer würde sie dran sein.

Was danach geschah, erinnert sie kaum, ihre Erinnerung blendet aus. Sie kommt erst wieder zu sich, als Polizisten den Hof füllen, man hält ihr eine Plastiktüte vor die Nase darin ein Küchenmesser. Neugierige Nachbarn drängen am Zaun, in der Küche ist das Chaos ausgebrochen. Mittendrin liegt Thomas.

“Hat den Mann um den Verstand gebracht!”, schimpfen die Leute vor dem Zaun. “Immer mit den Reizen spielen und dann!” “Ging ihr doch gut! Hatte alles!” “Hat einen anständigen Mann ins Grab gebracht!” “Was wird jetzt aus uns? Dank ihm hatten wir hier Arbeit!” Empört brummt die Menge: “Was nun? Wie sollen wir leben?”

Vera erhält sechs Jahre Freiheitsentzug in einer deutschen Frauenjustizvollzugsanstalt, Normalvollzug. Die Haft war schwer, aber nicht so furchtbar, wie sie befürchtet hatte. Sie fand, dank ihres friedlichen Wesens und ihrer Empathie, Freundinnen. Ihr neues Alltagsleben half ihr, die Zeit zu überstehen. Von der einstigen Schönheit ist nichts geblieben: Das Haar hat graue Strähnen, die Haut ist fahl geworden, das Bedürfnis, sich zu schmücken, ist verschwunden. Nie hätte sie gedacht, einmal im Gefängnis zu landen. Früher meinte sie, dort säßen nur asoziale, verlorene Gestalten. Doch wie ein deutsches Sprichwort sagt: Vor Armut und Gefängnis ist niemand gefeit. Das Leben kann sich in einem Moment ändern. Nun ist sie eine Ex-Insassin.

Sie läuft, das Gesicht im Tuch versteckt, das Herz pocht. Gibt es ihr Zuhause überhaupt noch? Vielleicht haben sie das Häuschen schon abgerissen, um daraus Brennholz zu machen … Doch auf dem Hang, zwischen zwei großen Birken, sieht sie die vertrauten Mauern. Zwischen den Bäumen weht ein kühler Hauch, unten im Einschnitt plätschert ein Bach, Frösche quaken. Wie oft hat sie von diesem Moment geträumt, von diesem Anblick!

Schattenhaft huscht sie durch das Gartentor, tastet nach dem Versteck für den Hausschlüssel. Sie öffnet die Tür und erwartet feuchten, modrigen Geruch aber es riecht frisch. Sie klickt den Lichtschalter und warmes, gelbes Licht füllt die Küche. Sauber ist es, auf der Fensterbank blüht eine Geranie in rosafarbenen Dolden. Vera ist verwirrt. Auch im Wohnraum ist alles unberührt. Jemand hat während ihrer Abwesenheit auf das Haus achtgegeben.

“Vera, Veeera!”, ruft jemand aus der Diele. Nachbarin Gertrud stürmt herein. “Oh wie du dich verändert hast”, sagt sie zur Begrüßung. “Ich sah das Licht und hab dir gleich was zu essen gebracht. Nach der langen Fahrt musst du ja hungrig sein.” Sie stellt eine Flasche frische Milch und ein in Stoff eingewickeltes Brot auf den Tisch. “Danke”, lächelt Vera, “du hast auf das Haus aufgepasst?” “Natürlich”, antwortet Gertrud, “ein Haus darf nicht alleine bleiben …” “Danke. Tausend Dank.” Vera wird ganz gerührt, Tränen glitzern auf ihren Wimpern. “Ich gehe jetzt lieber die Männer sind noch ziemlich sauer auf dich. Wenn mein Mann erfährt, dass ich bei dir war, gibts Ärger.”

Nun fühlt sich Vera ein wenig leichter, wenigstens jemand steht zu ihr. Sie gießt sich ein Glas frischer Milch ein, da klopft es schüchtern an die Tür. Ein etwa dreizehnjähriger Junge steht da, übergibt ihr unbeholfen ein Paket. “M-Mama hats geschickt”, stottert er und drückt ihr das Bündel in die Hand. “Sag deiner Mutter danke”, sagt Vera, und der Junge verschwindet, sie weiß nicht mal, wessen Sohn er ist. In sechs Jahren sind die Kinder groß geworden, sie erkennt sie kaum wieder. Aus dem Paket steigt der Duft von geräuchertem Schinken in die Nase.

Plötzlich platzt Sofie ihre alte Freundin von früher ohne zu klopfen ins Haus und umarmt sie herzlich. Einst, vor Thomas, waren die beiden unzertrennlich. Vera bricht in Tränen aus: “Ich dachte, niemand würde mehr mit mir sprechen …” “Ach, hör doch auf”, sagt Sofie lachend. “Wir Frauen halten doch zusammen! Ist doch klar, das war Notwehr, egal, was die Leute sagen. Die Männer kapieren unsere Sorgen sowieso nicht, deshalb sind sie so sauer. Gertrud hat gesagt, du bist wieder da darum bring ich dir Gemüse aus meinem Garten. Heute ruh dich aus, morgen reden wir stundenlang!”

So viel Herzenswärme rührt Vera zu Tränen. Sie merkt, wie sehr sie die Dorfbewohner unterschätzt hat. Die Frauen verstehen und unterstützen sie. Glücklich nimmt sie ein Bad und legt sich ins frisch bezogene Bett doch kaum hat sie die Augen geschlossen, klopft es kräftig ans Fenster. Selbst im Dunkeln erkennt sie die Gestalt von Herrn Martens, dem heimlichen Dorfsprecher, respektiert von allen.

“Bleib drin”, sagt er, “wir reden durchs Fenster. Wir Männer haben uns überlegt, dass es Unsinn ist, dir weiter böse zu sein. Manche Frauen verstehen vielleicht nicht alles, aber du trägst keine Schuld. Klar, ohne Arbeit ist es schwer, aber Thomas war auch nicht ohne Fehl. Khem, egal, da brauchts jetzt keine weiteren Worte. Wir haben gesammelt, damit du fürs Erste dein Auskommen hast. Nimm das, Vera.” Es ist ihr unangenehm, das Geld zu nehmen, aber Herr Martens wirft es einfach durchs Fenster und verschwindet in der Nacht.

Autorin: Anneliese SchubertLangsam schließt Vera das Fenster. Sie hält das Bündel in den Händen nicht nur das Geld, sondern auch all die guten Wünsche, die unausgesprochen darin liegen. Noch immer zittern ihre Finger, nicht vor Angst, sondern weil sie so lange keinen Platz mehr in ihrer eigenen Geschichte hatte. Im Haus ist es still, nur das leise Ticken der Küchenuhr und das entfernte Klopfen des Regens auf das Dach begleiten sie.

Vera setzt sich in die vertraute Stube ans Fenster und schaut hinaus auf das dunkle Dorf. Ein Licht nach dem anderen wird gelöscht, bis nur noch ihr Fenster golden leuchtet. Früher wäre sie vor Scham fast gestorben, jetzt spürt sie einen eigenartigen Frieden. Das schlimmste ist bereits geschehen. Das Leben, das sie kannte, hat sich gewandelt.

Über der Lichtung hebt sich langsam Nebel, und im Morgengrauen kräht irgendwo ein Hahn. Vera fühlt zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie Zuversicht. Ihre Schultern entspannen sich, sie atmet tief und nimmt den Geruch von feuchter Erde, Brot und frischer Milch in sich auf. Sie weiß: Das Dorf erinnert sich aber es kann auch verzeihen. Und in der Küche, in der sie nicht mehr Verbotene, sondern wieder Vera ist, beginnt leise ein neues Leben.

Noch bevor die Sonne aufgeht, nimmt sie Stift und Papier und schreibt: Für alle Frauen in Oberweiler. Für einen Neuanfang. Sie weiß nicht, wie viele lesen oder zuhören werden aber eines hat ihr die Nacht zurückgegeben: den Mut, wieder zu hoffen. Und während draußen auf den Äckern der Tau glitzert, legt Vera das Blatt zu den anderen Vorräten auf die Fensterbank. Mit jeder Zeile, die sie schreibt, wird das Unrecht von damals kleiner. Und als Vogelstimmen das Schweigen brechen, öffnet Vera die Tür und lässt das Licht herein.

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Homy
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