Hey Franziska, du glaubst nicht, was ich gestern alles erlebt habe ich muss dir unbedingt davon erzählen!
Also, ich Marianne hab den ganzen Tag in meiner kleinen Küche in München gestanden. Plötzlich hats an der Tür geklingelt. Die Verwandtschaft von Dieter ist da, setzt sich direkt mit erwartungsvollen Gesichtern an den Tisch. Seine Tante fragt gleich: Und wo gibts denn das Bratenfleisch? Ich entgegne freundlich: Da vorne, Tante Gerda, ist doch die gefüllte Gans. Die Tante guckt so abfällig auf den Bräter, steht extra betont auf: Das kann ja keiner essen. Komm, wir fahren nach Hause. Und Dieter, mein Herr, steht natürlich gleich mit auf und blafft noch hinterher: Na super, lebst halt alleine, wenn du nicht mal richtig kochen kannst. Da fängt er ernsthaft schon an, seinen Kram in die Reisetasche zu werfen.
Ich also abends fix und fertig, ruf dich an: Hallo, Franziska? Marianne hier. Ja, genau! Mensch, die Verbindung ist ja mal wieder katastrophal. Ich wollte dir eigentlich sagen, dass ich dieses Jahr nicht zu euch komme. Warum? Wozu denn? Ihr seid doch komplett du mit Peter, die Tochter mit Mann und Kids. Und ich? Soll mir Salat reinziehen und dann für das Doppelte Taxigeld nach Hause eiern? Bei anderen übernachten kann ich einfach nicht, du weißt das doch. Was ich dann mache? Nichts Großes. Ich leg mich einfach schlafen.
Warst du ja die letzten fünf Jahre nach meiner Scheidung immer meine Rettung zu Silvester, gell?
Gerade willst du mich selbst anrufen, sagst du. Ihr fahrt diesmal nach Hamburg zu Peters Tante. Viel Spaß, sag ich noch. Und dann kommts: Problem? Meine Nichte Marie kommt und braucht für ein paar Tage eine Bleibe, kannst du sie nicht aufnehmen? Ich so, du kennst mich doch, ich mag keine Fremden in der Wohnung… Aber gut, der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, ich stimme zu. Zack, Verbindung weg. Ich leg das Handy leicht genervt aus der Hand, denk mir aber: Na, ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich zum Fest doch nicht ganz allein bin.
Also fix in den Supermarkt, bisschen Salat und Gemüse geholt für mich reicht das ja, aber einem Gast solls ja schmecken. Koche Kartoffeln, schnipple Gurken und überleg.
Früher, damals mit Dieter verheiratet, war das alles anders. Da kamen ab dem 30. schon seine ganze Landverwandtschaft aus Niederbayern. Das war ein Trubel! Die Küche ein einziger Dampf- und Fettnebel trotz offenem Fenster. Grießnockerlsuppe, Leberkäse, jede Menge Deftiges. Ich hatte zu tun, überhaupt alles irgendwie zu jonglieren. Und kochen durfte ich eigentlich nie seit dem Avocado-Salat von mir. Der kam gar nicht gut an Tante Gerda hat nur Was für ein Schmarrn! gesagt und alle anderen haben gleich genickt. Und immer dieses Gejammere: bei uns ist alles wenigstens in richtiger Mayonnaise getränkt! Die Männer hocken sich hin, gleich Bierschnaps auf den Tisch. Bis Mitternacht am 31. halten die mit Müh und Not durch.
Nach dem zweiten Januar hauen sie dann ab, lassen aber alles dreckig zurück. Und ich darf dann eine Woche putzen und lüften. Dieter bleibt einfach noch auf dem Land und feiert weiter. Kommt heim, schlecht gelaunt, unrasiert und lässt sich daheim erst mal wieder anmeckern, dass er ja so eine Frau geheiratet hat, die nicht ordentlich kochen kann. Die Exfreundin Irmgard, von der ich ihn abspenstig gemacht haben soll, fällt dann auch wieder im Gespräch. Ich hab mir die Vorwürfe immer zu Herzen genommen, mich schuldig gefühlt. Ich konnte eben ohne das deftige Zeug mit Speck und Knödeln wenig anfangen.
Blieb mir halt nur, mit dir, meiner Schulfreundin, zu meckern. Irgendwann hattest du die Nase voll und hast mich überredet, zur Abwechslung alle einzuladen ich solle einfach alles selber machen! Zusammen kochten wir an dem Tag leichte, moderne Snacks. Die Verwandten kommen, setzen sich an den Tisch und wieder Tante Gerda: Wo ist jetzt das Fleisch? Ich: Da vorn, die gefüllte Gans. Und das Kartoffelpüree? fragt sie. Irgendwann steht Gerda empört auf: Ist doch bloß Kaninchenfutter! Zack, ruft ihr Mann sie, sie fahren ab. Der ganze Tross zieht mit Türknallen ab.
Dieter atmet nur schwer: Leb du mal schön allein. Ich für meinen Teil lass mich nicht abschieben aber DU vielleicht schon! Wirft grimmig seine Sachen in den Koffer und geht.
Mitten im Chaos hör ich die Klingel. Das wird sicher Marie sein, denke ich. Tür auf und da steht kein junges Mädel, sondern ein knapp über vierzigjähriger Typ, freundlich, sympathisch. Guten Abend, Johannes Siebert, ich bin Peters Neffe aus Hamburg. Ich wollte euch überraschen, aber die sind ja weg. Sie sind Marianne, oder? Ich nur so: Aber Franziska hat doch was von einer Nichte erzählt Johannes grinst: Na, vielleicht lags am schlechten Empfang?
Ich lass ihn rein, er meint ganz unkompliziert: Seien Sie nicht böse, aber mein Zug zurück geht erst am ersten Abend. Ich bleib Ihnen also nicht lange auf der Pelle. Ich geh zurück in die Küche, kippe die Kartoffeln ab.
Johannes zwinkert: Wollten Sie den ganzen Silvesterabend nur einen Salat essen? Ich, schon leicht gereizt: Tja, brauchen Sie ein richtiges Büffet wie im Dorf? Mit Fleischwolf, Ochsenschwanzragout, Omas Mayonnaisesalat?
Er lacht: Um Gottes willen! Ich steh eh mehr auf Fisch. Ich zucke mit den Schultern: Fisch hab ich leider nicht. Und so richtig zubereiten kann ich den auch nicht.
Da wirft er sich in den Mantel, ruft im Gehen: Kein Problem, ich besorg alles! Und bevor ich was sagen kann, ist er raus.
Ich muss ja ehrlich lachen: Erwartet hatte ich eine distanzierte, jüngere Verwandte, und jetzt das!
Große Stunde später kommt er zurück die Tüten voll mit Sachen, im Arm eine echte, kleine Tanne. Ich: Was soll das denn jetzt? Johannes: Na, Silvester ohne Tanne geht doch nicht! Der Waldduft, der jetzt in der Wohnung liegt, ist himmlisch. Jetzt fehlen nur noch Mandarinen, sag ich. Johannes lacht: Das hab ich natürlich auch dabei! Plus einen guten Sekt. Und jetzt ab in die Küche, bereiten wir zusammen was vor!
So ging das los, wir hängten gemeinsam die Tanne voll, schnippelten Gemüse, lachten, er zeigte mir, wie man Garnelen putzt (hätte ich nie gekonnt!) und einen Karpfen füllt. Plötzlich wars kurz vor Mitternacht. Wir stoßen mit Sekt aus der Pfalz an Aufs neue Jahr und aufs Glück! rufen wir und leeren die Gläser.
Danach erzählen wir bis morgens. Er über seine Ex (Stichwort: Fernfahrer, sie hat ihn sitzen lassen), ich über Dieter und die ganzen Missverständnisse. Irgendwann johlen wir über unsere Kindheitserinnerungen ich, wie ich mal auf einen Baum geklettert bin und von Herrn Schubert aus dem dritten Stock runtergeholt werden musste; er, wie er in der Schule dem Direktor den Stuhl an den Boden geklebt hat und dafür Hausarrest bekommen hat.
Schließlich bringt er mich zum Lachen, bis mir fast die Tränen kommen. Irgendwann gähne ich er sagt bestimmt: Ab ins Bett, den Rest räume ich auf! Ich geb nach, verschwinde, penne sofort ein.
Am nächsten Tag: Johannes weckt mich früh, meint vorsichtig: Marianne, ich muss los. Der Zug schafft sich nicht von allein. Ich, halb verschlafen: Hättest mich ruhig wecken können Er fährt mir sachte durch die Haare: Du hast so friedlich geschlafen, ich wollt dich einfach lassen. Machs gut!
Ich bringe ihn zur Tür, wir lachen, aber irgendwie ists traurig. Dann fragt er plötzlich: Sag mal, darf ich dich überhaupt nochmal besuchen? Wenn ich wieder frei hab? Ich strahle: Natürlich. Komm vorbei ich freu mich. Er zieht mich kurz zu sich, gibt mir einen Kuss und ich kann gar nicht antworten, weil er schon Bis bald flüstert.
Und da steh ich, ganz verklärt am Türrahmen, fass mir an die Lippen. Weißt du, manchmal ist das Leben echt ein Zufallssurfer du kennst Leute ewig und plötzlich entpuppen sie sich als totale Flachpfeifen. Und dann gibts Menschen, eine Nacht, und du denkst, du hattest sie schon immer in deinem Leben.
Sag, was du willst, aber an Silvester passieren wirklich Wunder. Neue Liebe, neues Leben manchmal reicht ein kleiner Zufall und alles ist anders.




