Ich hatte Angst zu sterben, doch sie… waren einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt

Damals, viele Jahre ist es nun her, da lag ich im Bett des Zimmers 214 im Städtischen Klinikum Nummer 3 am Rande von Kassel. Ich erinnere mich noch an das gleichmäßige Piepen der Monitore, das entfernte Klappern der Wagen im Flur und an eine Angst, die mich nicht losließ: Die Angst vor dem Sterben, und noch mehr, die Angst, dabei ganz allein zu sein.

Das Telefon klingelte, als ich mühsam nach der Krankenschwester rufen wollte. Seit drei Stunden pochte ein Druck in meiner Brust, jeder Atemzug ein Kampf.

Mama, ich habe selbst genug um die Ohren, kam die erschöpfte und verärgerte Stimme meiner Tochter durch den Hörer. Du bist erwachsen, Du schaffst das schon alleine.

Leonie, bitte mir geht es sehr schlecht, sagte ich, den Tränen nahe. Der Arzt meinte, ich brauche eine Operation Komm für eine Stunde vorbei, bitte.

Mama, ich bin auf der Arbeit. Die Kinder vom Kindergarten abholen, das Abendessen muss auf den Tisch. Ruf doch Paul an, der hat doch Zeit.

Der Ton wurde stumm. Meine Tochter hatte aufgelegt. Ich starrte aufs Display, während mir die Tränen über die Wangen rollten. Zwei Kinder hatte ich allein großgezogen nach dem Tod meines Mannes. Alles hatte ich für sie getan meine Jugend, meine Energie, mein Herzblut. Und jetzt lag ich hier in diesem Krankenhaus, und niemand war da, nicht einmal für ein Glas Wasser.

Meine Zimmernachbarin, Hildegard Köhler, eine rundliche Frau um die sechzig mit warmen braunen Augen, blickte besorgt von ihrem Bett zu mir hinüber.

Kommt niemand?, fragte sie leise.

Sie sind beschäftigt, wischte ich mir die Tränen weg. Haben ihre eigenen Familien.

Jeder hat Familie, seufzte Hildegard. Aber auch Mütter sind Menschen. Mein Sohn ruft mich jeden Tag an, fragt, wie es geht. Kommen kann er nicht wohnt doch in München. Aber immerhin ruft er an.

Ich nickte bloß und drehte mich zum Fenster. Draußen nieselte ein Oktoberregen. Grauer Himmel, graue Fassaden, graues Leben. Einsamkeit ist im Krankenhaus noch spürbarer als zuhause fremde Stimmen, fremde Sorgen, fremde Menschen.

Ich wählte Pauls Nummer. Er ging erst nach einigen Klingeln ran, im Hintergrund Verkehrslärm.

Mama, ich fahre gerade. Was ist los?

Paul, ich ich bin im Krankenhaus. Herz-OP. Die Ärzte sagen, es ist ernst. Bitte, komm Nur kurz.

Wann ist die OP?

Übermorgen.

Hör zu, Mama. Ich hab morgen einen wichtigen Termin, das Projekt steht auf dem Spiel. Du verstehst doch das ist mein Job, das bedeutet Geld. Kathrin ist mit den Kindern bei ihrer Mutter, die Wohnung steht Kopf. Du bist stark, Du hast immer alles geschafft. Du packst das auch jetzt.

Aber, Paul

Ich kann nicht, Mama. Nach der OP meldest Du Dich. Ich überweise Dir was für die Medikamente.

Wieder nur das Tuten der Leitung. Ich legte das Handy beiseite und schloss die Augen. Ein Kloß im Hals. Du schaffst das alleine, hatten sie gesagt. Aber wie? Wie, wenn man vor Schmerzen das Bett nicht verlassen kann? Wie, wenn die Angst vor dem Sterben die Gedanken betäubt?

Ich dachte damals zurück, alles erschien wie gestern, als Leonie mit 25 Jahren selber hier lag, mit einer Blinddarmentzündung. Keine Minute war ich von ihrer Seite gewichen, hatte auf einem Klappstuhl geschlafen, gefüttert, gewaschen, umgezogen. Erwachsene Tochter, aber Mutter bleibt Mutter. So hatte ich es gelernt: Kinder dürfen ihre Eltern im Alter niemals fallenlassen.

Paul als Kind Lungenentzündung, Wochen im Krankenhaus. Ich habe unbezahlten Urlaub genommen, beim Essen gespart, alles, nur um da zu sein. Ich las ihm vor, hielt seine Hand, wenn es nachts schlimm wurde. Er war acht, aber für mich blieb er immer mein Kind.

Alles gegeben, und jetzt braucht mich niemand mehr, murmelte ich.

So darfst Du nicht denken, schob Hildegard ihre Teekanne herüber. Magst Du einen Tee? Frisch aufgebrüht, noch heiß.

Danke Sie sind wirklich freundlich.

Ach was, ich kenne das nur zu gut. Letztes Jahr lag ich auch alleine hier, da war es eine andere Dame, die mir geholfen hat. Darum gebe ich es weiter.

Wir tranken still unseren Tee und hörten in den Fluren das Laufen der Schwestern, das Rumpeln der Essenswagen, leise Stimmen. Krankenhausalltag, gleichgültig für das Leid der Einzelnen.

Am Abend kam Frau Dr. Busch, eine rundliche Frau Anfang vierzig mit freundlichen, aber müden Zügen.

Frau Schmidt, wie fühlen Sie sich? Kommt Familie morgen vor der Operation?

Nein…, flüsterte ich. Sie haben leider keine Zeit.

Sie blickte von der Akte auf und sah mich einen langen Moment an.

Ich sehe das jeden Tag. Ein sanftes Lächeln. Die Einsamkeit der Älteren ist zu einer Epidemie geworden. Die Kinder werden groß… und vergessen.

Ich will niemanden verurteilen, sagte ich, am Bettlaken nestelnd. Das Leben ist voll: Arbeit, Verpflichtungen Ich verstehe das schon.

Sie verstehen, aber es schmerzt. Die Ärztin nickte. Das ist in Ordnung. Den Schmerz fühlen zu dürfen auch den seelischen ist kein Zeichen von Schwäche. Die OP wird nicht leicht, aber wir tun alles. Ruhen Sie sich aus, morgen spricht noch der Anästhesist mit Ihnen.

Als sie gegangen war, meinte Hildegard: Eine gute Ärztin, das spürt man. Die gibt nicht einfach nur Rezepte aus.

Die Nacht zog sich endlos. Schmerzen kamen und gingen. Ich starrte an die Decke, wo sich im Licht der Laternen Schatten bewegten.

Im Halbschlaf drängten sich Erinnerungen auf. Leonie, noch ein Kleinkind mit Löckchen, rennt mir mit einem Strauß Butterblumen entgegen. Mama, für dich! Paul, stolz mit dem ersten guten Zeugnis. Guck, ich habe mich angestrengt! Die Jugendlichen, maulig, aber trotzdem kamen sie mit Kummer zu mir. Leonie im Brautkleid, wunderschön. Danke, Mama, für alles Paul, erwachsen, mit seinem eigenen Sohn. Jetzt weiß ich, wie sehr du uns geliebt hast.

Wann wurden sie mir fremd? Zuerst wurden die Anrufe spärlich. Dann die Besuche ritualisiert: zu Weihnachten, zum Geburtstag. Dann gar nicht mehr. Tut mir leid, Mama, keine Zeit. Wir sind froh, wenn wir mal das Wochenende erholen können. Und dann gar keine Ausreden mehr.

Vor einem halben Jahr hatte ich es versucht, mit Leonie zu reden.

Ich sehe die Enkel so selten Darf ich sie mal am Wochenende nehmen?

Mama, lass es bitte. Sie haben Sport, Musikschule, Nachhilfe. Sie haben keine Zeit.

Aber ich könnte doch…

Mama, bitte. Misch dich nicht ein. Wir kommen zurecht.

Das tat damals weh und jetzt klang es wie ein Urteil in meinen Ohren. Alles, was ich hatte: Zeit, Kraft, ja auch mein Geld, war in die Kinder geflossen. Nach dem Tod meines Mannes noch auf einer zweiten Stelle gearbeitet, selbst auf Kleidung verzichtet, Hauptsache sie hatten alles. Und jetzt? War ich störend geworden.

Am Morgen kam Schwester Vera, eine stämmige Frau mit kräftigen Händen.

Na, Großmutter, wie war die Nacht?, fragte sie, während sie meinen Tropf wechselte.

Schlecht Fast nicht geschlafen.

Vor einer OP schläft kaum jemand. Sie raffte meine Decke zurecht. Sind Sie ängstlich?

Ich habe Angst und fühle mich allein. Wie ein alter Hund. Die Kinder kommen nicht.

Vera setzte sich auf mein Bettende. Wissen Sie, wie lange ich schon hier bin? Zwanzig Jahre. Und immer häufiger sehe ich das: Kinder, die ihre Eltern allein lassen. Früher gab es mehr Respekt, mehr Zusammenhalt. Heute sind die Alten isoliert. Das ist ein gesellschaftliches Problem.

Vielleicht bin ich selbst schuld, wischte ich mir die Tränen weg. Vielleicht habe ich ihnen zu viel abgenommen…

Oder zu viel verlangt?, brachte sich Hildegard ein. Ich habe meine Kinder auch immer zu Leistung ermahnt: Arbeite, sei erfolgreich. Aber Zuneigung, Mitgefühl? Das habe ich nicht genug beigebracht. Sie sind brav und kalt.

Vera nickte. Bringen wir nichts mehr zurück, ändern wir es eben, so wie es ist. Wichtig ist nun, dass Sie lernen, für sich selbst zu sorgen.

Aber wie, wenn man weiß, dass man seinen Kindern gleichgültig geworden ist?

Probieren Sie, für sich zu leben. Nur für sich. Das ist schwer, nach einem Leben voller Pflichterfüllung. Aber manchmal muss man es lernen.

Sie verließ das Zimmer, und ihre Worte hallten nach: Für sich selbst leben Was war das? Mein ganzes Leben hatte sich ums Geben gedreht: für die Familie, für die Enkel, für den Haushalt. Freunde? Über die Jahre gehen lassen. Hobbys? Keine Zeit. Interessen? Die Kinder.

Der Tag zog langsam vorbei. Ärzte kamen und gingen; ich antwortete wie in Trance. Mein Versuch, nochmal anzurufen, blieb erfolglos: Leonie ging nicht ran; Paul meldete sich kurz angebunden vom Meeting: Melde mich später.

Am Abend bekam ich eine neue Zimmernachbarin, vermutlich um die achtzig. Sie wurde auf einer Liege hereingerollt, Schwestern schlossen sie an Apparate an, hängten Infusionen.

Gibt es Angehörige?, fragte Dr. Busch.

Die Tochter kommt vielleicht morgen, antwortete eine Schwester.

Ich sah die Frau an und sah in ihr mich selbst: hilflos, einsam, vergessen. Nicht die Krankheit, sondern die Abwesenheit der näheren Menschen, das war das Schlimmste am Altwerden.

Psychologische Hilfe für ältere Leute im Krankenhaus ja, das bräuchte es, dachte ich. Aber es kam kaum jemand, und was sollte der auch sagen? Alles wird gut? Deine Kinder werden sich wieder kümmern? Illusion.

Am Tag vor der OP nahm ich all meinen Mut zusammen und rief Leonie an:

Bitte, komm für eine halbe Stunde. Vielleicht überstehe ich die OP nicht, vielleicht sehe ich dich zum letzten Mal…

Mama, jetzt übertreib nicht. Herzoperationen sind Routine. Die Ärzte wissen, was sie tun.

Aber ich habe Angst… und fühle mich so allein. Alles mein Leben, habe ich für euch…

Hör auf damit! Das hast Du doch beschlossen, nicht wir! Wir haben nicht verlangt, dass Du Dich so aufopferst, immer alles kontrollierst, immer Dankbarkeit willst. Jetzt können wir nicht jedes Mal die Welt anhalten, wenn es Dir schlecht geht. Ich habe auch ein Leben, Mama!

Ich schnappte nach Luft, Tränen liefen mir übers Gesicht: Wie kannst Du so sprechen? Ich bin Deine Mutter!

Eben drum bin ich ehrlich, Mama. Deine Liebe war immer etwas Erdrückendes. Du hast unser Leben gelebt, nie deins. Aber wir können das nicht zurückgeben, was Du von uns erwartest.

Lange sagte ich nichts. Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht habe ich meine Fürsorge zu Forderungen gemacht. Ich sah durch Tränen die Bilder der Vergangenheit: Wie ich Leonie den ersten Freund ausredete, weil er mir nicht passte. Paul, den ich zum Maschinenbaustudium überredete, obwohl er Künstler werden wollte. Immer noch Kontrolle, immer noch hineinregieren.

Vielleicht hast du Recht, flüsterte ich. Aber ich wollte euch doch nur beschützen

Ich weiß, Mama. Aber dein am besten war nicht immer unser am besten. Ich kann nicht kommen, aber ich rufe nach der OP an.

So lag ich lange wach, bewegte die Gedanken hin und her. Hildegard ließ mich schweigend in Ruhe.

Am späten Abend kam Vera mit dem Abendbrot.

Kommt denn jemand morgen?

Nein. Aber vielleicht ist es gut so. Ich sehe inzwischen, dass ich auch Fehler gemacht habe.

Fehler gehören dazu und sie sind nie nur einseitig. Aber das macht die Einsamkeit nicht weniger schwer. Sie strich mir über die Hand. Sie dürfen sich jetzt erstmal selbst trösten lernen. Nicht für die Kinder, nur für sich.

Ich wusste nicht, wie das gehen sollte, aber ich nickte.

Der OP-Termin war morgens um zehn. Früh wurde ich vorbereitet, und während ich durch die langen Flure auf der Liege gefahren wurde, starrte ich an die kalte weiße Decke. Die pure Angst. Was, wenn ich nicht aufwache? Und niemand erfährt es. Meine Kinder werden vielleicht erst abends anrufen, oder noch später.

Frau Schmidt, keine Sorge, sagte Dr. Busch über mich gebeugt. Erfahrener Chirurg, wir tun unser Möglichstes.

Danke, flüsterte ich.

Im OP war es plötzlich grell, kalt, fremde Hände, leise Stimmen unter Masken. Der Anästhesist sprach etwas, ich hörte es kaum. Flashs von Erinnerungen: Pauls Gesicht, Leonies Lachen, mein Mann alles driftete davon. Wenn ich überlebe, will ich manches ändern, dachte ich noch, ehe das Narkosemittel mich hinabzog.

Ich wachte auf der Intensivstation auf. Mein Körper war schwer, der Schmerz dumpf, aber anders. Neben mir eine Schwester, die an Schläuchen arbeitete.

Da sind Sie ja wieder. Alles gut verlaufen. Wie fühlen Sie sich?

Es tut weh, flüsterte ich.

Ich lasse gleich noch Schmerzmittel da. Ruhen Sie sich aus, morgen aufs Zimmer zurück.

Ich schloss die Augen. Ich hatte es überstanden. Und musste nun ohne die Hilfe der Kinder weiterkommen. Doch komischerweise war der Gedanke nicht mehr so furchteinflößend. Irgendetwas hatte sich gewandelt in mir. Ein anderer Blick aufs Leben, vielleicht.

Nach zwei Tagen kam ich zurück ins Zimmer 214. Hildegard lächelte: Schön, Sie wiederzusehen! Ich habe mir Sorgen gemacht.

Danke, es ist schön, dass wenigstens jemand das hat.

Haben die Kinder angerufen?

Leonie einmal, Paul schickte eine Nachricht. Aber das ist schon in Ordnung. Ich erwarte von ihnen nichts mehr.

Schwester Vera hatte mir aus der Apotheke gleich Medikamente und ein bisschen Obst mitgebracht. Hildegard rückte mit ihrem selbst gebackenen Apfelkuchen an. Die anderen Patienten schauten vorbei und fragten nach meinem Befinden. Fremde Menschen wurden mir in dieser Zeit vertrauter als meine eigenen Kinder.

Nach einer Woche wurde ich entlassen. Dr. Busch erläuterte noch die Nachsorge, schrieb Rezepte.

Sie brauchen zu Hause Unterstützung. Kommt jemand für Sie?

Eher nicht, antwortete ich. Aber ich schaffe das. Ich habe gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen.

Sie sah mich mitleidig an sagte aber nichts mehr dazu.

Ein Taxi brachte mich in die kleine Wohnung am Stadtrand von Kassel. Der Fahrer half mir, die Tasche hochzutragen. Ich bedankte mich, schloss die Tür und die Stille empfang mich wie ein alter Bekannter. In der Küche, wo sonst das Leben tobte, war es nun ruhig. Am Kühlschrank klebten Urlaubs-Magneten von meinen Kindern. Die Fotos an der Wand: Leonie mit Zahnlücke, Paul in der Schultüte, Hochzeit, Silvester, die Enkel. Alles so weit weg.

Ich setzte mich ans Fenster, sah dem ersten Schnee des Jahres zu. Früher hätte ich sofort meine Kinder angerufen: Schaut, es schneit! Wisst ihr noch, wie ihr euch als Kinder gefreut habt? Heute schwieg ich.

Das Handy summte. Leonie.

Mama, bist du gut angekommen? Wie gehts Dir?

Alles gut, danke, dass Du anrufst.

Ich komme nächste Woche vorbei, bringe was zu Essen, mache ein bisschen Ordnung.

Nicht nötig. Ich komme schon zurecht.

Wirklich? Erleichterung in ihrer Stimme. Wenn was ist, melde Dich.

Mach ich.

Ich legte auf und sah wieder in den Schneefall. Der Schnee drehte sich im Licht der Laterne. So schön. Eigentlich hatte ich das lange nicht mehr wahrgenommen ich war immer so beschäftigt mit den Kindern gewesen.

Vielleicht hatte Vera Recht. Vielleicht war jetzt Zeit, für mich zu leben. Nicht egoistisch, sondern einfach, um mich wiederzufinden. Die Frau, die ich war, bevor mich die Mutterrolle ganz vereinnahmte. Mich wieder an eigene Wünsche erinnern, ein neues Hobby finden, loslassen was nie zurückkommt.

Ich stand auf, setzte den Wasserkocher auf und holte mir meine schönste Tasse aus dem Schrank. Nicht aufheben, bis Gäste kommen sondern für mich selbst. Warum immer für andere das Beste aufheben?

Ich brühte mir Tee auf, rührte den Honig unter, den ich von Hildegard zum Abschied erhalten hatte. Ich setzte mich ans Fenster, langsam den Tee trinkend, den Schneeflocken zuschauend. Noch lag eine lange Genesung vor mir, ein harter Winter, ein einsames Alter. Doch vielleicht war das gar nicht so schlimm.

Oft wird Einsamkeit als Fluch gesehen. Aber vielleicht ist sie auch eine Chance. Endlich bei sich selbst ankommen, ohne ständig Erwartungen zu erfüllen. Mein ganzes Leben war ich Mutter, Hausfrau, Arbeiterin gewesen. Jetzt durfte ich einfach Elisabeth sein.

Das Handy vibrierte. Eine SMS von Hildegard, die sich meine Nummer aus Neugier notiert hatte: Frau Schmidt, hier ist Hildegard. Wie fühlen Sie sich? Wenn Sie Hilfe brauchen, melden Sie sich oder einfach nur zum Reden. Zum ersten Mal seit Tagen musste ich lächeln. Ich schrieb: Danke, mir gehts gut. Lass uns nächste Woche mal telefonieren.

Der Schnee fiel weiter. Die Stadt ging unter seiner Decke schlafen. Und hier, im dritten Stock im Westen von Kassel, saß eine zweiundsiebzigjährige Frau, trank Tee aus einer schönen Tasse und fing an, das Alleinsein nicht als Strafe, sondern als neuen Abschnitt ihres Lebens zu begreifen.

Ich trank aus und schaute auf die Uhr. Neun. Früher hätte ich nun immer meine Kinder angerufen, gefragt, wie es ihnen geht, was die Enkel treiben. Heute lehnte ich mich zurück und schaltete den Fernseher ein. Es lief ein alter Film. Ich schaute ihn an, ganz für mich.

Vielleicht lag die Schuld nicht allein bei den Kindern. Vielleicht lag sie auch in mir, weil ich so lange fremdes Leben gelebt habe. Nach dem Tod meines Mannes klammerte ich mich an meine Kinder, später verfolgte ich ihr Leben aus der Ferne, gab Ratschläge, sorgte mich um alles. Sie brauchten diese Fürsorge bis sie erwachsen waren. Nun war ich überflüssig. Statt loszulassen, forderte ich Aufmerksamkeit, schmollte über fehlende Anrufe.

Vera hatte mit psychologischer Unterstützung nicht Unrecht. Vielleicht konnte ich in einer Gruppe lernen, mein neues Leben zu akzeptieren. Die Einsamkeit älterer Menschen ist bei uns zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema geworden: Kinder ziehen weg, Freunde sterben, die Arbeit fehlt. Es bleibt eine Leere, die man füllen muss.

Ich nahm einen Block und einen Stift. Was will ich vom Leben?, schrieb ich oben hin. Was wollte ich? Natürlich kam der erste Gedanke: Dass die Kinder mich öfter besuchen. Ich strich es wieder durch. Das sind Wünsche über andere nicht über mich.

Ich will lernen zu malen, schrieb ich. In der Jugend malte ich gern, dann kamen Haushalt, Beruf, Kinder. Ich will Romane lesen, die mich interessieren, nicht nur Ratgeber. Ich will kochen lernen für mich. Ich will spazieren durch den Park, Bäume anschauen, ohne an Aufgaben zu denken.

Die Liste wuchs, und je mehr ich schrieb, merkte ich: Da ist noch etwas von mir übrig.

Die nächsten Tage vergingen mit Erholung. Die Schmerzen ließen nach, Schritt für Schritt konnte ich mich mehr bewegen. Leonie kam tatsächlich, brachte Lebensmittel, blieb vielleicht zwanzig Minuten, die jüngste Tochter krank zu Hause.

Wie gehts?

Langsam besser.

Gut. Ich muss los.

Danke, dass Du da warst.

Und sie ging wieder. Ich war nicht mehr gekränkt. Ich verstand: Ihre Welt war einfach eine andere. Früher hatte ich geglaubt, Kinder würden alles zurückgeben, was ich investiert hatte. Aber so funktioniert das Leben nicht. Es gibt kein Gleichgewicht von Geben und Bekommen.

Nach zwei Wochen lud mich Hildegard zu Tee und Kuchen ein. Ich fuhr hin das erste Mal seit dem Krankenhaus. Ihre Wohnung war klein, warm, der Duft von Apfelstrudel hing in der Luft.

Endlich Gesellschaft! Mein Sohn sitzt in München, Freundinnen krank, und du bist da, lachte sie.

Wir sprachen übers Krankenhaus, das Alter, die Kinder. Ihre Situation war ähnlich: allein, selten ein Anruf, die Enkel fast fremd.

Ich mache ab nächster Woche einen Englischkurs, bekannte sie. Mit sechzig! Aber warum nicht?

Toll!, meinte ich begeistert. Ich denke über Malkurse nach.

Mach das! Im Nachbarschaftshaus bieten sie einen an. Da geh ich mit!

Das war der Anfang von etwas Neuem. Ich meldete mich im Kurs an. Die erste Stunde war etwas befremdlich, zwischen wildfremden Leuten, viele selbst im Rentenalter. Die Kursleiterin, eine junge Frau namens Anna, war sehr geduldig. Beim Malen vergaß ich alles Schmerz, Sorgen, Kinder. Nur ich und das Papier.

Meine Kinder riefen ab und zu an. Ich berichtete ruhig vom Kurs, von Spaziergängen, von Freunden. Leonie war erstaunt: Du klingst anders, Mama.

Vielleicht. Man lernt nie aus.

Ein Monat verging, dann der nächste. Es wurde Winter. Ich konnte wieder allein spazieren, malte draußen Schneelandschaften. Im Kurs entstand eine Freundschaft, mit Margarete, einer lebenslustigen Witwe. Wir trafen uns oft auf einen Kaffee.

Zu den Kindern blieb das Verhältnis kühl, aber ich verzweifelte nicht mehr daran. Ich begriff: Man kann lieben, ohne ein Leben im Schatten der Kinder zu führen. Man kann Mutter sein oder einfach Elisabeth.

Kurz vor Weihnachten rief Paul mich an, aufgeregt:

Mama, bist Du an Silvester allein?

Nein, Hildegard hat eingeladen oder ich gehe zu Margarete.

Ach so Wir hätten Dich sonst gern eingeladen. Also, wenn Du willst

Danke, ich überlegs und rufe zurück.

Komisch, aber zum ersten Mal drängte es mich nicht zum Familienfest. Ich hatte jetzt eine eigene Wahl.

Am Ende fuhr ich doch nicht als Bedürftige, sondern gelassen, als Gast bei Paul. Die Enkel tobten, die Schwiegertochter kochte und ich war einfach da, nicht mehr alles kontrollierend.

Zurück zuhause nahm ich am Fenster wieder Tee und blickte in den verschneiten Hof. Die Einsamkeit der Älteren ist bitter. Aber sie ist nicht das Ende. Sie ist eine andere Lebensschrift, die gefüllt werden will mit neuen Dingen.

Meine Blocknotizzettel wuchsen: Ich will glücklich allein sein lernen, schrieb ich irgendwann. Und strich diese Zeile doppelt unter.

Draußen schneite es weiter. Ein neues Jahr hatte begonnen. In den Zimmern des Klinikums warten schon andere Großmütter auf einen Anruf oder einen Besuch. Doch ich, Elisabeth Schmidt, habe gelernt, mich selbst nicht zu vergessen.

Den Mut, sich selbst ein Freund zu sein das ist vielleicht das größte Geschenk, das das Alter einem machen kann.

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Homy
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Ich hatte Angst zu sterben, doch sie… waren einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt
Kann ich den Winter mit dir verbringen? Die Gaspreise sind hoch und ich habe keine Kraft, um Holz zu hacken.