Ich habe meinen Neffen für eine Woche bei mir aufgenommen, und jetzt benimmt er sich, als wäre er der Chef in meinem Haus

Tagebuch, 23. Mai

Ich sitze hier mit einer Tasse Kamillentee vor dem Fenster und frage mich, wie es so weit kommen konnte. Sieben Jahrzehnte habe ich auf dem Buckel, vier Jahrzehnte davon als Lehrerin im Dienst, und fast mein ganzes Erwachsenendasein in dieser Wohnung in Leipzig verbracht. Und vor ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass ich nur noch Gast in meinem eigenen Zuhause bin.

Es begann vor zehn Jahren. Meine Schwester Ruth rief aus Dresden an es war ein heißer Juli. Gisela, sei so lieb und hilf uns doch, flehte sie. Lukas wurde von seiner Frau rausgeworfen. Wenn du ihn für eine Woche bei dir wohnen lässt, bis er was Neues gefunden hat In Leipzig findet er sicher bald eine Stelle, die Löhne sind da ja besser. Der Gedanke, meinem Neffen auszuhelfen, schien selbstverständlich. Ich war gerade erst in Rente, Carl war inzwischen gestorben, meine Tochter Stefanie lebte längst mit ihrer Familie in Hamburg. Die leere Zwei-Zimmer-Wohnung war ruhig zu ruhig. Und was bedeutet ein Besuch schon, wenn man ansonsten allein ist? Ich sagte also zu.

Lukas kam mit einem einzigen Koffer und einem schiefen Lächeln. Tante Gisela, wirklich, vielen Dank. Ich bleibe nicht lange, Ehrenwort. Sobald ich eine Arbeit finde, zieh ich aus. Anfangs schien das noch glaubhaft er war oft unterwegs, schrieb Bewerbungen, ging zu Vorstellungsgesprächen. Ich kochte Frühstück für ihn, wusch seine Sachen, fragte abends nach den Fortschritten und hoffte, dass es mir gut tut, jemanden umsorgen zu können.

Nach einem halben Jahr fand er eine Stelle als Assistent in einer kleinen Firma im Norden der Stadt. Die Bezahlung war nicht berauschend, meinte er; eine eigene Wohnung könne er sich erst mal nicht leisten. Lass mich noch ein paar Monate bleiben, bat er. Ich spar schon, ich zahle auch meinen Anteil an der Nebenkostenabrechnung. Und so bekam ich Monat für Monat 80 Euro extra in bar. Es fühlte sich fair an.

Doch aus Monaten wurden Jahre. Lukas richtete sich immer bequemer ein. Er holte sein eigenes Bett, einen großen Computer-Schreibtisch, sogar seine Bücherregale kamen irgendwann nach. Aus meinem gemütlichen Nähzimmer wurde sein Reich.

Als er meinte, er müsse sich für die Arbeit in Leipzig anmelden, blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihm zum Bürgeramt am Augustusplatz zu gehen. Es ist nur eine Formalität, Tante! Du bleibst alleinige Eigentümerin, keine Sorge. Ich glaubte ihm.

Als Stefanie davon erfuhr, war sie entsetzt. Mama, bist du denn verrückt? Den kriegst du da nie wieder raus! Schon zehn Jahre lebt der da und du zahlst! Er nutzt dich aus! Zuerst wollte ich das nicht wahrhaben. Doch Lukas veränderte sich mit der Zeit. Er brachte häufig Freunde mit, feierte bis in die Nacht, verschmutzte die Küche, ließ den Abwasch stehen. Sein Anteil an den Nebenkosten blieb irgendwann komplett aus. Ich habe Kredit abzubezahlen. Ich geb es dir später, murmelte er. Dieses später kam nie. Und als ich ihn erinnerte, schimpfte er nur: Du hast mich eingeladen! Nun beschwer dich nicht.

Ich fühlte mich immer weniger als Hausherrin. Er bewohnte mein altes Arbeitszimmer, beanspruchte sämtliche Stauraumflächen im Bad, beschlagnahmte das Wohnzimmer für seine Fußballabende. Kannst du heute Abend den Krimi schauen, Tante? Ich will Champions League sehen. Wenn ich nachfragte, hieß es am nächsten Tag, da laufe ein Boxkampf. Irgendwann kaufte ich mir einen kleinen Fernseher fürs Schlafzimmer.

Als Stefanie zu Besuch kam, war sie schockiert. Mama, was ist mit deiner Wohnung passiert? Überall seine Sachen, sein Rasierwasser man spürt dich kaum noch! Ich zuckte nur hilflos mit den Schultern. Er ist hier gemeldet, Kind. Ich kann nichts tun. Doch! Das ist noch immer DEINE Wohnung, und du bist im Recht!

Wir saßen eben in der Küche, als Lukas hereinkam, sich ein Bier nahm und ohne zu grüßen in sein Zimmer ging. Stefanie rief ihm nach: Wir müssen reden. Du wohnst seit zehn Jahren hier, es reicht. Lukas lachte nur auf. Ich habe Meldeadresse, das ist gesetzlich abgesichert. Ihr könnt mich nur gerichtlich loswerden, und das dauert Jahre.

Am nächsten Tag saßen Stefanie und ich in einer Anwaltskanzlei. Frau Dr. Krause, eine sachliche Dame Mitte fünfzig, hörte sich alles an und erklärte schließlich: Solche Situationen sind leider nicht selten. Rechtlich gesehen hat Ihr Neffe durch die Anmeldung ein Nutzungsrecht. Wenn er zudem nicht zahlt, Nachbarn sich beschweren oder er Vertragsbruch begeht, gibt es Wege aber langwierig sind sie. Gerichtliche Schritte können sich über Jahre ziehen, gerade wenn der Betroffene keinen anderen Wohnsitz hat. Sie brauchen Nachweise, Zeugenaussagen, Dokumente zur Nichtzahlung

Drei Jahre, maximal noch länger, meinte sie. Mir wurde schwindlig. So viel Lebenszeit. Aber einen anderen Ausweg sahen wir nicht. Gemeinsam mit Stefanie fing ich an, Beweise zu sammeln. Ich bat meine Nachbarin Fräulein Wagner, ob sie bestätigen könne, dass es nachts oft laut sei. Sie willigte ein. Auch Frau Fritz und Herr Baum aus dem Stockwerk darüber sagten ihre Unterstützung zu. Offenbar war Lukas nicht nur mir lästig geworden.

An einem Abend, als ich wieder um Ruhe bat, kanzelte Lukas mich endgültig ab. Früher warst du netter, Tante!, fauchte er. Jetzt bist du nur noch verbittert und nörgelst. Etwas in mir riss. Ich beschloss, jetzt mit aller Konsequenz zu handeln auch wenn ich jahrelange Prozesse befürchten musste.

Die Monate zogen sich. Der Gang zum Gericht war zermürbend. Lukas war eingeschnappt, redete kaum mehr, behandelte die Wohnung wie Hotel all inclusive. Im Prozess sagte sein Anwalt, Lukas habe kein alternatives Zuhause, und ich hätte ihn solange eingeladen. Frau Dr. Krause hielt dagegen: Er ist berufstätig und voll zahlungsfähig, sollte sich längst um einen eigenen Wohnsitz kümmern. Das Verhalten, insbesondere die Missachtung der Mitbewohnerin und Nichtzahlung der Kosten, ist nicht länger tragbar.

Nach vier Verhandlungen fiel endlich das Urteil: Lukas bekam sechs Monate Aufschub, dann müsse er (notfalls unter Zwang) ausziehen und sich abmelden. Ich wusste nicht, ob ich feiere oder weine sollte. Weitere sechs Monate als Gast in meiner eigenen Wohnung, aber immerhin ein Ende in Sicht.

Lukas war nach dem Urteil schweigsamer. Er begann, Kisten zu packen, suchte offenbar auch wirklich nach einer anderen Bleibe. Irgendwann setzte er sich sogar mit mir an den Küchentisch. Tante, sei nicht sauer. Eigentlich weiß ich, dass ich dich ausgenutzt habe. Es war einfach bequem. Jetzt wirds Zeit, dass ich gehe.

Erst glaubte ich ihm nicht. Aber tatsächlich zog er zwei Monate später aus, zu einem Kumpel nach Halle. Als die Wohnung endlich wieder mir allein gehörte, konnte ich kaum glauben, wie still es plötzlich war. Stefanie half mir bei der Renovierung des alten Arbeitszimmers. Jetzt mach dir hier einen schönen Musikraum, schlug sie vor.

Und das tat ich. Neue Tapeten, Vorhänge, das Klavier ans Fenster. Ich übte wieder Walzer, lud Freundinnen ein. Endlich hatte ich mein Reich zurück.

Was mir bleibt, ist eine Lektion. Ich muss meine Grenzen wahren. Auch wer helfen will, darf dabei nicht sich selbst verlieren. Sogar enge Familie kann dich ausnutzen, wenn du dich nicht schützt. Diese Erfahrung wünsche ich niemandem, darum schreibe ich sie nieder vielleicht hilft es jemandem, vorsichtiger zu sein. Ich jedenfalls werde nie wieder leichtfertig jemanden anmelden in meiner Wohnung, egal wie dringend er um Hilfe bittet.

Jetzt, in diesem spätsommerlichen Leipzig, genieße ich meine Freiheit. Ich habe gelernt, auch mal Nein zu sagen, meine Tür bewusst geschlossen zu halten. Und endlich endlich fühle ich mich wieder zu Hause.

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Homy
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Ich habe meinen Neffen für eine Woche bei mir aufgenommen, und jetzt benimmt er sich, als wäre er der Chef in meinem Haus
Unser Nachbar liebte es, nachts um 2 Uhr laut Rockmusik zu hören. Ich kaufte meinem Sohn eine Geige und wir begannen, Punkt 8 Uhr morgens, wenn der Nachbar gerade einschlief, Tonleitern zu üben.