Nicht so eine Jule

Nicht so eine Annika

Annika! Schon wieder?! Himmel, du bist wirklich ein einziges Missverständnis wie schaffst du das immer?!

Mama, ich weiß es nicht. Das ist einfach passiert

Meine Mutter zog mir die schmutzige Jacke aus, die durchnässten Stiefel und die Mütze, von der mittlerweile der Bommel fehlte.

Alle Kinder sind brav, nur du Annika! Wie oft denn noch?

Ich betrachtete den zerrissenen Saum meines Kleides und seufzte.

Dabei wars so lustig gewesen! Der Zug hatte diesmal wirklich großartig ausgesehen! Doof nur, dass Max mich am Saum zu fest gezogen hatte. So ist eben das Kleid kaputtgegangen. Und Frau Katharina meinte, dass sie zum Nähen nicht angestellt sei und meine Mutter das machen müsse. Hat sie ja auch irgendwie recht! Aber dann musste ich den ganzen Nachmittag in der Ecke auf dem Stuhl sitzen von der Brotzeit bis zum Abend. Ich kann doch nicht meine Unterhose den Jungs zeigen! Das macht man nicht! Das sagt Oma immer. Und sie kennt sich in solchen Dingen aus!

Zum Beispiel auch, dass ich so eine bin. Mama sieht das nicht so, aber Oma stört das überhaupt nicht.

Hör auf, immer auf dem Kind rumzuhacken! Was soll das?

Mama, du hast mich auch so erzogen! Und jetzt ist das falsch? Wenn ich Annika nicht erziehe was soll denn aus ihr werden?

So eine kluge, hübsche Frau wie du! Was willst du noch mehr?

Ach, lass doch diese Albernheiten! Annika! Geh dich umziehen! Sofort!

Erleichtert atmete ich aus und verschwand in mein Zimmer, während meine beiden liebsten Menschen sich weiter stritten. Sie brauchten mich ja eh nur als Anlass, dachte ich.

Einmal fragte ich Oma, was das denn überhaupt so eine sei, und sie lachte nur:

Einfach so zu schimpfen ist langweilig, Kind. Nur wenns wirklich notwendig ist, machts Spaß!

Bin ich euer gemeinsames Problem?

Das wichtigste! Du bist unsere Einzige! Da macht man sich Sorgen, was aus dir wird. Jede von uns geht da ihren eigenen Weg. Deine Mutter streng, weil sie meint, ohne das gehts nicht. Und ich Tja, meine Strenge hab ich bei deiner Mutter verbraucht, für dich bleibt nichts übrig. Da muss ich mir was anderes ausdenken. Zum Beispiel Lebkuchen.

Ich mag keine Lebkuchen!

Na dann eben ein Bonbon.

Schon besser. Oma, liebt Mama mich?

Na klar liebt sie dich! Mehr als alles auf der Welt mehr als mich!

Warum schimpft sie dann immer?

Eben deshalb.

Komische Liebe Du magst mich doch auch, aber schimpfst nicht so.

Ich bin deine Oma, sie ist die Mama. Sie hat mehr Verantwortung. Daher liebt sie dich eben auf ihre besondere Weise. Verstehst du?

Nein!

Dann ists wohl noch nicht an der Zeit. Irgendwann merkst dus!

Nur kam dieses irgendwann irgendwie nie.

Ich wartete und wartete ohne Erfolg Je älter ich wurde, desto strenger wurde Mama.

Was soll ich nur mit dir machen?! Soll ich darauf warten, bis du mir ein Baby in der Schürze nach Hause bringst?

Ich hörte diesen Satz oft, verstand aber lange gar nicht, was er bedeutete. Ich kicherte dumm über Mamas Gejammer und dachte dabei immer an meinen zerrissenen Rock aus dem Kindergarten. Am liebsten hätte ich mal gefragt, wie man durch ein Loch noch etwas nach Hause bringen kann, aber das wäre definitiv zu riskant gewesen. Mama hätte da keinen Spaß verstanden und ich hätte wieder Ärger bekommen wie immer.

Mamas Sorgen waren jedoch völlig unbegründet.

Die linkische, aber durchaus sympathische Annika hielt sich für ganz durchschnittlich. Was Oma sagte, war egal immerhin gab es einen Spiegel!

Und was sah Annika da? Nichts Gutes! Kleine Augen, ein dünner Zopf aus dunklen Haaren und Pickel auf der Nase. Hübsch war was anderes!

Die bittere Wahrheit über sich selbst hatte Annika schon längst akzeptiert, also machte sie sich über ihr Aussehen keine Gedanken. Das war einfacher! Auch für Mama. Modische Fummel brauchte ich nicht, Schuhe auch nicht. Die alten Turnschuhe reichten für jeden Anlass, bis auf einen: Wenn Oma und ich mal ins Theater gingen, musste ich etwas Vernünftiges anziehen.

Das Theater liebte ich, aber es war leider selten drin. Das Geld fehlte für die Karten. Oma legte zwar von jeder kleinen Rente etwas zurück, aber das dauerte Ab der siebten Klasse half ich dann schon bei der Nachbarin und hütete ihre Zwillinge, um mein erstes Taschengeld zu verdienen. Die zwei waren zwar quirlig, aber wenigstens pflegeleicht und ich, ohne Geschwister, fand das eigentlich eher schön als lästig.

Herrlich! Ich kam, wir spielten, ich fütterte sie und dann ab nach Hause. Niemand tobte auf meinem Kopf herum, malte in meine Hefte oder wollte das Zimmer teilen. Großartig!

Nicht, dass ich egoistisch war aber ich verstand schon damals: Kinder kosten. Und zwar richtig. Was hatten wir schon? Mamas Gehalt als Krankenschwester, selbst wenn sie in der Notaufnahme arbeitete, plus Omas Rente. Und das Fehlen eines Vaters. Den hatte ich nie gesehen und ehrlich gesagt, vermisste ich ihn auch nicht.

Mit Mama sprach ich nie über ihn warum ihr noch mehr Nerven rauben? Ihr reichte doch schon ich allein! Und dann noch Oma, die geistig immer mehr abbaute. Manchmal erinnerte sie sich immerhin noch an meinen Vater, und erzählte mir die Geschichte aus Mamas Leben, solange ich sie noch verstand.

Deine Mutter war ihm egal.

Warum?

Ein Frauenheld! Der hatte viele so wie sie. Aber da hört ja keiner auf mich Sie war verliebt, dachte, er wird sie heiraten, der Rest seien alles Jugendsünden.

Hat er sie geheiratet?

Na klar. Deine Mutter kriegt, was sie will. Aber was bringts? Kaum wusste er von ihr mit dir schwanger, war er verschwunden. Keiner weiß, wohin. Nur einen Zettel hat er hinterlassen.

Was stand drauf?

Das sind ihre Sachen, Annika. Lass sie ruhen. Nur eins: Du warst für deine Mutter so ein großes Glück, dass sie in der Schwangerschaft wie auf Eiern gelaufen ist, jeden Tag Angst hatte, dass dir was passiert. Und danach hörte sie auch nicht auf. Jetzt weißt du, warum sie dich ständig ausschimpft und dich unbedingt erzieht.

Deswegen?

Natürlich! Sie hat solche Angst um dich, dass sie nachts manchmal nicht schläft und zu dir ans Bett kommt und dir übers Haar streicht. Oft gesehen. Sprich sie darauf an dann wird sie nur schimpfen. Das ist ihr Geheimnis. Sie liebt dich, Annika. Auf ihre Art.

Viel klarer gehts ja nicht Aber, Oma, hast du mit Mama auch so hart geschimpft?

Na freilich. Jede Mutter hat denselben Tick. Aus Angst tut man alles Mögliche für sein Kind und bereuts dann wieder.

Aber warum überhaupt Angst?

Wegen dem eigenen Kind? Weiß ich selbst nicht, Annika. Das versteht man erst, wenn man mal Mutter ist.

Ich hab dazu nichts gesagt, aber natürlich gedacht: Ich werde es ganz anders machen. Ich werde meine Kinder niemals dauernd ausschimpfen, sondern anders erziehen. Tja naiv war ich. Aber wer ist das in dem Alter nicht?

Mit Kindern rechnete ich ehrlich gesagt auch nicht. Wer würde sich schon für so eine wie mich interessieren? Klein, nicht gerade schön und dazu noch dickköpfig wie ein Dachs. Wenn ich mich einmal festbeiße, dann Pech gehabt!

Nach dem Abschluss begann ich im selben Krankenhaus, in dem Mama arbeitete. Und schon gings los!

Immer war alles falsch: Zu lebhaft, zu freundlich mit Patienten das würde missbraucht, meinten sie. Und wozu sich so viel Mühe geben? Die wechseln doch ständig einer geht, der nächste kommt. Man sollte sich nicht zerreißen, niemand bräuchte das!

Nur, ich wollte nicht hören. Mir tat jeder Kranke leid. Der Mensch leidet! Hat Schmerzen! Wie schwer kann es da sein, eine Spritze zu geben oder das Bett zu richten? Ein nettes Wort das tut nicht nur Katzen gut, sondern auch Patienten

Sogar Mama warnte:

Kind, halt dich zurück! Solche wie dich mag man hier nicht. Streit nützt doch keinem. Wir brauchen dein Gehalt. Für Oma. Eine Betreuerin wäre zu teuer, das weißt du. Und wir können sie doch nicht ins Heim geben ….

Mama, ich kanns nicht anders! Manche Pfleger schreien die Kranken an und schimpfen dauernd.

Die Arbeit ist hart. Und nicht jedes Gemüt hält das aus. Ihr seid zu dritt in der Abteilung mit so einem Herz und das ist schon was! Die Stationsleitung lobt dich zwar, aber bittet mich auch, dass du ruhiger wirst. Man kann niemanden zwingen, sich zu ändern. Über dein Vorbild vielleicht bringt das was.

Das dauert!

Ach Annika, nach wem kommst du bloß?

Nach dir, offensichtlich.

Annika!

Was denn?

Nichts. Mach, was deine Mutter dir sagt!

Und auch wenn ich Mama selten folgte ich zettelte zumindest keinen Krach an. Sicher hatte sie irgendwie recht. Aber da war diese alte Dame in Zimmer Drei. Die war so bockig wie hundert Kakerlaken, aber zu mir lächelte sie. Über andere Schwestern piesackte sie sich, aber über mich hat sie sich nie beschwert.

Und sie war nicht die Einzige. Es gab viele Wütend auf ihre Familien, schmerzerfüllt, erschöpft. Annika bekam alles mit. Die Verwandten kamen, verstrickten sich in Erbschaftsstreit oder sonstige Nichtigkeiten und die Patienten weinten danach. Oder wurden bitter.

Wie soll man sie da nicht verstehen?

Mama wollte davon nichts wissen. Hauptsache, Annika gings gut. Aber wie soll es einem selbst gut gehen, während ringsum alle unglücklich wirken?

Man kann nicht alle retten aber ein paar wohl doch.

Und von mir aus sollen die Kolleginnen lachen und meinen, ich sollte ins Kloster, weil ich angeblich selig bin. Das ist ihre Sache! Oma sagte immer: Der Karawane muss weiterziehen egal, was kommt.

Und so zog meine kleine Karawane weiter, schaufelte Sand, rang manchmal nach Luft.

Es ist einsam, wenn dich fast niemand versteht. Und schlimmer wirds, wenn dir keiner sagt, dass dein So-Sein vollkommen in Ordnung ist

Wirklich gebraucht hab ich andere Meinungen zwar nicht ich wars gewöhnt. Aber seit Oma so verwirrt war, hatte ich niemanden mehr, mit dem ich richtig reden konnte. Mama seufzte nur und drängte mich, endlich an mich selbst zu denken. Freundinnen heirateten nach und nach, warfen mir ihre Brautsträuße zu.

Ich werf ihn nicht mehr du bist dran, Annika, nimm schon!

Ich nahm sie, klar. Will ja niemanden verärgern. Der Richtige kam aber trotzdem nicht. Vielleicht hatte er sich verlaufen oder war für mich einfach nicht vorgesehen. Gibts doch Menschen, die ohne zweite Hälfte leben? Eben ganz für sich?

Ich fügte mich. Sogar das Hoffen ließ nach. Die Heldentat einer Tatjana Larin würde ich nie bringen ich würde niemals einem Mann von mir aus ein Geständnis machen.

So pendelte ich zwischen Krankenhaus, dem Tierheim meiner Freundin, wo ich ab und an half, und Omas Pflegebett, die mich immer seltener als ihre Enkelin erkannte. Mama drängte mich rauszugehen, aber inzwischen war ich schon eine richtige alte Jungfer und wollte von Liebe und Familie nichts mehr wissen.

Mama, wenn du Enkel willst sags doch! Zwei geb ich dir. Heute geht das ja ganz einfach.

Annika! So zynisch musst du gar nicht sein!

Was denn? Prinzen gibts halt nicht so viele! Du weißt ja, wies läuft Naturgesetz. Was erwartest du von mir?

Ich will, dass du glücklich bist

Dann hör auf, mich ständig zu verkuppeln. Mein Privatleben will sich nicht einrichten, dem gehts so wunderbar wie es ist. Also kratz nicht weiter dran.

Darauf schwieg Mama und überlegte, welcher Bekannte noch einen Sohn hätte. Blieb nur noch, auf Zufälle zu hoffen.

Und dann bescherte das Schicksal wirklich etwas nur völlig anders, als ich es mir ausgemalt hatte.

Ich hatte geträumt, er würde einfach so in meiner Nähe auftauchen und geduldig warten, bis ich bereit bin. Aber es kam ganz anders.

Die Hauptrolle in meinem Leben übernahm ausgerechnet jene bockige Oma in Zimmer Drei. Maria Bäcker hieß sie und war berüchtigt, weil sie regelmäßig kam. Jeweils zwei Mal im Jahr, immer das gleiche Spiel. Schon bei ihrer Ankunft stöhnte die ganze Station.

Es geht wieder los mit den Beschwerden! Annika, das ist deine Lieblingspatientin du darfst sie begrüßen!

Maria Bäcker blühte sichtlich auf, als sie mich im Flur sah:

Meine Kleine, wie schön, dich zu sehen! Wenigstens ein freundliches Gesicht zwischen lauter Vampiren da draußen!

Ach, so schlimm sind die doch nicht!

Du bist noch zu jung, Kind. Das Leben zeigt schon, wer wie tickt!

Ich diskutiere da nicht. Kommen Sie, ich bringe Sie ins Zimmer. Sonst erschrecken sich alle noch!

Sollen sie ruhig! Nur zu ihrem Besten!

Sie sind manchmal wirklich bockig, Frau Bäcker.

Das stimmt wohl! Aber meine Katze, die ist noch schlimmer. Die solltest du mal kennenlernen!

Ich lächelte, dann war sie schon wieder vergessen. Ein Fehler, wie sich bald herausstellte.

Beim nächsten Aufenthalt war Maria Bäcker sehr still und anders als sonst sie stritt nicht, diskutierte nicht, sondern ließ sich wortlos ins Zimmer führen und drehte sich zur Wand. Auf meine besorgten Fragen antwortete sie kaum:

Geh jetzt, Annika später vielleicht.

Natürlich dauerte es keine Stunden, da wusste ich Bescheid. Sie war krank, hatte sich freiwillig aufnehmen lassen.

Mit ihren Kindern verkracht, arme Frau wär sie doch netter gewesen. Dann würde ihr jemand Wasser ans Bett bringen!

Den Spruch ließ ich so stehen. Wer versteht schon, was in einer Familie los ist? Urteilen ist leicht von außen. Meist hat jeder seine eigene Wahrheit.

Nach Feierabend schaute ich noch mal bei Maria Bäcker rein.

Wie geht es Ihnen? Soll ich was besorgen?

Lange sah sie mich an, dann sprach sie leise:

Annika, ich wollte dich um etwas bitten aber ich weiß nicht, wie. Bitten ist nie meins gewesen. Meine Mutter war resolut und hat mir immer beigebracht: Sieh zu, dass du alles selbst schaffst! Aber was, wenn du irgendwann nicht mehr kannst? Das hat sie nicht gesagt

Was gibts? Sagen Sies ruhig!

Weißt du, ich habe eine große Familie, aber keine, der ich vertraue. Das Leben alles erledigt, und doch, Glück hatt ich keines. Nur Arbeit, Sorgen, das Übliche. Freude? Kaum mal einen Löffel. Probleme? Säckeweise! Meine Hoffnung war, die Kinder anders großzuziehen. Fehlanzeige! Zu sehr verwöhnt, jetzt teilen sie schon mein Zeug, bevor ich tot bin Und alles, was ich getan habe, war nur für sie. Die Wohnung überschrieben, Mutterhaus verkauft, Kinder großgezogen. Und jetzt? Uninteressant Weder ich, noch Annika, bitte, nimm meine Miezi!

Ihre Katze?!

Sie ist lieb, nur ein bisschen eigen. Aber clever! Die wusste, dass ich weg muss. Sie hat mich nicht gehen lassen wollen. Sie versteht alles

Ich war unsicher. Ich mochte Tiere, aber bei uns zu Hause war das wegen Oma und dem Geld nie Thema. Es war schon knapp genug.

Maria Bäckers Blick war aber so verzweifelt, dass ich nicht ablehnen konnte. Sie hing wohl wirklich an dem Tier ihre einzige Freude. Wer war ich, das zu bewerten? Ich entschied: Wenn ich helfen kann, dann helfe ich eben.

Nach Dienstschluss fragte ich Mama nach ihrer Meinung, dann fuhr ich mit der Straßenbahn zur Wohnung von Maria Bäcker, um Miezi abzuholen.

Ich nehme Miezi bei mir auf, aber nur vorübergehend, Frau Bäcker. Jetzt werden Sie gesund und dann kümmern Sie sich wieder um Ihre Katze!

Natürlich, Annika danke.

Sie nickte mit feuchten Augen das war das erste Mal, dass sie wie eine normale, alte Frau wirkte, und nicht wie eine Furie.

An der Adresse angekommen, zögerte ich. Der Schlüssel lag bereit, trotzdem wollte ich nicht allein rein. Lieber bat ich in der Nachbarwohnung um Begleitung.

Sie wollen ? Die junge Frau auf dem Arm ein Kleinkind.

Entschuldigung, Maria Bäcker bat mich, ihre Katze zu holen. Könnten Sie solange in der Tür bleiben?

Trauen Sie sich nicht, alleine rein? Verständlich! Die Oma ist speziell. Ich bleib hier stehen, machen Sie schnell, ja?

Das Kind quietschte zustimmend und ich startete meine Rettungsaktion.

Kaum drinnen, sauste eine schwarze Katze blitzschnell an mir vorbei Richtung Treppenhaus und war weg. Ich rief ihr vergeblich nach.

Schloss zu! rief die Nachbarin. Sie erwischen sie nicht mehr, die ist fix und fies! Viel Glück.

Ich rannte trotzdem hinterher vielleicht war die Haustür zu.

Natürlich nicht. Die offenen Türen, Männer trugen Möbel Umzug.

Haben Sie eine Katze gesehen? fragte ich ohne Hoffnung.

Einer deutete auf einen Baum. Dort oben Miezi fauchte und miaute.

Die Männer lachten, aber helfen tat keiner.

Miezi, komm runter, Miez-Miez-Miez!

Ein wütendes Fauchen als Antwort.

Ich musste also hochklettern. Nasse Herbstluft, Regen fing an. Ich wollte nur nach Hause, mit Tee und aufgeklappten Kopfhörern Netflix schauen und jetzt das!

Aber ich hatte mein Wort gegeben also los!

Rucksack ab, Mantel zu hoch auf den Baum!

Nur noch ein Stück, dann hab ich sie, dachte ich, als mich Miezi fast ins Gesicht schlug.

Miezi, spinnst du?

Ich unterdrückte den Witz mit ihrem Schwanz vielleicht versteht die Katze ja wirklich jedes Wort!

Tatsächlich erwischte ich sie am Genick und schob sie unter meinen Mantel.

Dann kam die nächste Überraschung: Runter war schwieriger als rauf. Plötzlich viel weiter, als angenommen Ich presste die Augen zu.

Mama

Recht hoch. Es regnete stärker, ich fluchte wie Maria Bäcker.

Miezi klammerte sich an mein Shirt, als wäre sie plötzlich wieder ganz zahm.

Die Zeit verging, ich zitterte niemand half mir mehr.

Handy vibrierte pausenlos, aber ich wagte keine Bewegung. Hilfe rufen? Bloß nicht vor allen!

Na, bequem da oben? erklang plötzlich eine spöttische Männerstimme.

Ich zuckte zusammen fast wärs gut gegangen.

Nicht bewegen! Ich hol dich runter! Bleib wo du bist

Er lachte da blieb mir auch nix anderes übrig.

Kurz darauf erschien er tatsächlich mit einer Leiter. Irgendwoher hervorgezaubert.

Na los, runter oder willst du übernachten?

Ich hab Höhenangst murmelte ich schüchtern.

Plötzlich packte mich jemand am Bein, ich rutschte ungeschickt und war schon auf der Leiter.

Ich hab dich. Langsam runter, ich halt dich!

Ich gehorchte. Kaum standen wir beide unten, riss sich Miezi los. Ich packte sie gleich wieder und schob sie zurück in den Mantel.

Du bist ganz schön entschlossen, stellte der Junge fest und grinste.

Schmal, unspektakulär, aber sehr freundlich.

Soll ich dich nach Hause begleiten?

Nein, danke, ich schaff das erwiderte ich zuerst, ärgerte mich dann aber. Er hatte mir sogar eine Leiter gebracht!

Entschuldigung und danke! Ohne Sie stünd ich da bis morgen früh.

Und warum?

Höhenangst

Wieso kletterst du dann am Baum rum?

Für die Katze Entschuldigen Sie, ich muss heim, Mama macht sich Sorgen.

Machs locker nach dem, was ich von deinem Hintern gesehen und für dich riskiert hab, sag einfach Jonas zu mir. Wo wohnst du?

Nicht weit.

Da wurde mir erst richtig warm. Eine fröhliche, eigentümliche Wärme, vom Kopf bis in die Fingerspitzen. Ich grinste ohne Grund über jedes Wort, das Jonas sagte.

Unter meinem Mantel still und andächtig saß Miezi, ließ sich das beim Heimweg gefallen und störte das Glück in diesem seltsamen Moment nicht.

Jonas brachte mich nach Hause und stand am nächsten Tag nach Dienstschluss im Park vor dem Krankenhaus. Wir kauften zusammen Katzenfutter, da Miezi nur ganz bestimmte Sorten wollte und lieber hungerte, als zu fressen, was sie nicht kannte.

Lange blieb Miezi nicht bei mir. Nach gut einer Woche holte Maria Bäckers Tochter sie ab.

Mama vermisst sie so Wir sind jetzt wieder beide zusammen.

Sie nehmen Ihre Mutter zu sich?

Natürlich! Sie hat lange gezögert, aber jetzt kommt sie mit zu mir. Danke für alles!

Und ich winkte der Frau hinterher und dachte wieder: Was weiß man schon, wie es bei anderen daheim aussieht? Was fehlt, was fehlt nicht das lässt sich im Dunkeln nie wirklich sagen.

Anstatt mich zu fragen, wie andere leben, sollte ich vielleicht lieber an meinem eigenen Leben bauen. Erst recht, wenn plötzlich jemand kommt, mit dem man es gerne teilen würde.

Und dann ist es ziemlich egal, wer das erste Wort über Gefühle sagt. Das Wichtigste ist doch, ob der Mensch im rechten Moment Zeit und eine Leiter für einen hat. Und niemals das Gefühl gibt, man wäre irgendwie falsch. Sondern einfach nur genau richtig ist, so wie man ist.

Das ist meine wichtigste Lektion aus all den Jahren: Für den Richtigen bist du immer richtig. Und irgendwann merkst du das auch.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: