Fünfzehn Jahre Schweigen
Du hast schon wieder diesen Quark gekauft?
Helga Weber stellte ihre Tasche auf den Küchentisch, ohne sich umzudrehen. Sie wusste ganz genau, was sie sehen würde: Manfred, wie er am Fenster sitzt, die Frankfurter Allgemeine hinter seiner Brille, ihn aber nicht liest, sondern sie über den Brillenrand hinweg fixiert. Wirklich immer so. Wie ein strenger Lehrer, der die Schülerin beim Abschreiben erwischt hat.
Das ist Quark, Manfred.
Das sehe ich. Aber ich frage mich, warum du genau den aus der blauen Packung kaufst. Der ist doch immer so sauer.
Der ist nicht sauer. Der ist einfach nicht so fettig wie der, den du magst.
Also hast du den geholt, der dir schmeckt, und nicht mir.
Helga fing an, die Einkäufe auszuräumen: Äpfel in die Schale, Brot in den Holzbehälter, Milch in den Kühlschrank. Routine eben, fast automatisch. Nach achtunddreißig Jahren Ehe wusste jede Hand ganz genau, wohin was gehörte.
Ich habe beide Sorten gekauft. Schau in die Tüte.
Manfred guckte nicht nach. Er hob einfach wieder die Zeitung hoch.
Sag doch nächstes Mal, dass du zwei Sorten kaufst. Dann würd ich mir keine Gedanken machen.
Helga hätte fragen können, worüber er sich Gedanken machte. Aber sie tat es nicht. Manche Fragen stellt man sich nur im Kopf, weil aus ihnen ein Streit würde, aus dem Streit drei Tage Schweigen. Und Schweigen ist mit zweiundsechzig schwerer zu ertragen als mit dreißig.
Sie war zweiundsechzig. Manfred fünfundsechzig. Sie lebten in Wiesbaden, in einer Dreizimmerwohnung im fünften Stock ohne Aufzug. Die letzten zehn Jahre, so glaubte Helga, zählte sie eher die Stufen nach unten als nach oben. Runter geht immer leichter.
Ihre Tochter, Klara, rief am selben Abend an, als habe sie es gespürt. Klara lebte in Berlin, arbeitete in einem Logistikunternehmen, hatte ihren Mann Daniel, den siebenjährigen Sohn Emil und rief immer dienstags gegen acht an.
Und, wie läufts bei euch?
Gut, Klaralein. Dein Vater liest, ich habe geputzt, alles ruhig.
Mama, du sagst immer alles ruhig. Das macht mir eher Sorgen.
Was denn für Sorgen?
Andere sagen mal gut oder ich bin fix und fertig oder wir haben uns gezofft wegen irgendwas. Bei dir ist immer nur ruhig.
Helga wechselte aufs Sofa, näher zum Flur. Dort hörte man Manfreds Fernseher nicht so laut.
Wir haben uns über Quark gestritten, sagte sie und musste selbst kichern.
Über Quark?
Ich habe die blaue Packung gekauft. Er sagt, der ist zu sauer.
Am anderen Ende war kurz Stille. Helga stellte sich vor, wie Klara in ihrer warmen und etwas chaotischen Berliner Küche sitzt, zwischen Emils Kinderzeichnungen am Kühlschrank, und in Gedanken etwas bewegt, das sie nicht direkt aussprechen würde.
Mama, das ist nicht wegen dem Quark.
Klara.
Nein, ich muss das jetzt endlich sagen… Papa macht dich fertig. Das sehe ich jedes Mal, wenn ich komme. Du läufst zuhause umher, als würdest du dich dafür entschuldigen, dass du überhaupt existierst.
Du übertreibst.
Nein. Erinnerst du dich, im Januar hast du eine Tasse runtergeschmissen? Du warst so erschrocken, deine Hände haben gezittert. Ein normaler Mensch schimpft oder lacht. Du bist erstarrt und hast auf Papa geschaut.
Lange Stille von Helga.
Das war eine alte Tasse. Die fand ich schade.
Mama…
Klaralein, ist schon spät. Emil schon ins Bett gebracht?
Ein Seufzen, das Helga immer öfter hörte die letzten Jahre. Nicht genervt, nicht vorwurfsvoll, einfach müde. Wie jemand, der merkt, dass Reden nichts bringt.
Ja, er schläft. Ich ruf dich Donnerstag wieder an.
Mach das.
Helga blieb noch ein bisschen im Sessel sitzen, nachdem sie aufgelegt hatte. Das kleine Nachtlicht im Flur ein Überbleibsel aus alten Zeiten mit honiggelbem Glas tauchte alles in warmes Licht. Gekauft hatte sie es 1987, noch vor Klaras Geburt, und es hatte all die Umzüge überlebt.
In der Küche setzte der Wasserkocher auf. Also war Manfred aufgestanden.
Helga erhob sich und ging auch in die Küche.
Er stand am Herd, schaute zum Fenster raus. Draußen war es Nacht, nur eine Straßenlaterne schimmerte und die Silhouette des Kastanienbaums, der jedes Frühjahr längst hätte gefällt werden sollen, aber immer noch da war. Manfred trug seinen abgewetzten Bademantel grün, an Kragen und Manschetten ausgeblichen. Helga sagte jedes Jahr, sie solle einen neuen kaufen, tat es aber nie.
Kannst nicht schlafen?, fragte sie.
Doch, alles gut. Ich wollte nur Tee.
Sie holte zwei Tassen raus. Seine große blaue mit Bester Papa drauf, das hatte Klara ihm mal gemalt. Für sich selbst die kleine weiße, ohne Aufdruck.
Setz dich, ich mach uns welchen.
Manfred setzte sich. Es war eine andere Art von Schweigen als tagsüber. Kein angespannter Nebel, sondern einfach Stille.
Hat Klara angerufen?, fragte Manfred irgendwann.
Ja. Alles gut bei ihnen.
Und Emil?
Ist gesund. Bald kommt die Schule.
Schon?
Im September.
Manfred nickte, hob die Tasse, stellte sie ab.
Bist du jetzt sauer auf mich wegen dem Quark, sagte er, kein Zweifel, eine Feststellung.
Nein, bin ich nicht.
Doch, du bist sauer. Ich seh das.
Helga schaute ihn an. Da lag etwas in seinem Blick, was sie lange nicht gesehen oder lange übersehen hatte so was wie Anstrengung.
Manfred, ehrlich, ich bin nicht böse. Es ist nur… ich bin müde immer wieder zu erklären, dass zwei Sorten Quark doch in Ordnung sind.
Ich wollte nichts hören, ich hab nur gefragt.
Du hast aber so gefragt, als ob ich schon wieder alles falsch mache.
Das war nicht meine Absicht.
Doch, durch deine Art zu fragen.
Er hob die Tasse, nahm einen Schluck.
Du findest immer was, sagte er. Sonst hast du wenigstens geschwiegen.
Und da war der Moment, in dem Helga die Tasse mit beiden Händen wärmte und schwieg. Ein Gespräch, der kurz nach Beginn ins Leere lief. Wie fast immer.
Eine Woche später fuhr sie nach Berlin.
Nicht, weil Klara sie eingeladen hätte das tat sie ja ohnehin dauernd , sondern weil sie einen Termin bei Dr. Bräuer hatte, ihrer Hausärztin aus Studienzeiten, und dachte, sie bleibt noch drei Tage bei Klara und Daniel. Manfred hatte nichts dagegen. Er war ohnehin nie genervt, wenn sie wegfuhr. Sagte nur, er brauche mal Ruhe was genau das hieß, wusste Helga nie.
Berlin empfing sie mit all seiner Hektik und dem U-Bahn-Geruch. Klara kam mit Emil am Gleis; Emil krallte sich sofort an Omas Tasche und zog sie zum Aufzug.
Der fährt automatisch!, erklärte er vorsorglich.
Ich weiß, mein Junge, sagte Helga und nahm seine Hand.
Klara ging schweigend nebenher, beobachtete sie. So schaute sie immer, wenn Helga kam prüfend, nicht wertend. Wie eine Ärztin, die schaut, ob der Patient stabil ist.
Du bist dünner geworden, meinte Klara im Auto.
Ach was, Unsinn.
Mama, ich seh das. Die Wangen sind richtig schmal.
Das liegt am Licht.
Das ist Licht aus dem U-Bahnhof, kein Schönheitslicht, klar, aber ich seh es trotzdem.
Emil saß hinten, baute aus Fingern Pistolen und schoss auf Passanten. Helga dachte, wie schnell Enkelkinder groß werden. Im Februar war sie zuletzt da, damals war er noch kleiner.
Wie gehts Papa?, fragte Klara.
Alles okay. Hat ein bisschen mit dem Blutdruck zu kämpfen.
Mir gehts nicht um die Gesundheit. Sondern um euch.
Nicht jetzt, Klara.
Gut. Später.
Später kam schneller als Helga dachte am Abend, als Emil schlief und Daniel im Arbeitszimmer verschwand. Sie saßen zusammen in Klaras Küche genau so, wie Helga es durch die Telefonate kannte: warm, leicht chaotisch, mit Emils farbigen Bildern am Kühlschrank. Auf einem hatte die Familie gemalt, und Helga suchte lange, wer sie darauf sein sollte.
Mam, ich will dir was sagen bitte nicht gleich abwinken.
Ich hör zu.
Ich hab’ in den letzten Monaten viel über psychische Gewalt in Familien gelesen. Nicht zum Spaß, sondern weil ich dich anschaue und mich sorge.
Helga nahm sich ein Mohnplätzchen. Die Mohnsamen krümelten auf die Tischdecke.
Und was siehst du?
Du rechtfertigst dich immer. Selbst wenns gar keinen Grund gibt. Im Auto vorhin auch, du hast direkt angefangen zu erklären, warum du abgenommen hast. Das ist so ein Reflex. Schutzreflex. Wer immer kritisiert oder bewertet wurde, der fängt an, sich permanent zu rechtfertigen.
Helga sammelte die Mohkrümel zusammen und schob sie auf die Untertasse.
Klara, wir sind achtunddreißig Jahre verheiratet. Da gibts halt alles Mögliche.
Ich weiß, dass es das gibt! Daniel ist auch nicht immer ein Engel. Aber ich laufe nicht mit so einem Gesicht durch die Wohnung wie du manchmal. So ein Blick, als wartest du drauf, dass du gleich wieder einen Spruch bekommst.
Helga schaute lange auf die Tischdecke. Auf der Kinderzeichnung stand ein oranger Männchen in der Mitte, ohne Hals. Das war sicher sie.
Manfred ist kein schlechter Mensch, sagte sie schließlich.
Das weiß ich. Es gibt halt Menschen, die verletzen, ohne es zu wollen oder zu merken. Aber es tut trotzdem weh.
Du bist doch die Studierte, Klara.
Ja, und? Aber ich rede über dich, nicht über Bücher. Sag mal, weißt du überhaupt, wann du zuletzt was nur für dich gemacht hast? Nicht weil du müsstest, sondern weil du einfach Lust drauf hattest?
Helga dachte nach. Es war eine überraschend schwere Frage.
Letzten Sommer. Auf dem Schrebergarten. Ich habe Phlox gepflanzt. Eigentlich wollte Manfred Erdbeeren. Aber ich wollte Phlox. Und ich hab ihn einfach gesetzt.
Und?
Er ist gewachsen. Herrlich pink.
Klara legte ihre Hand auf Mamas.
Siehst du? Dann bist du noch da, Mama.
Was das wirklich bedeutet, fragte Helga nicht mehr. Aber nachts lag sie lange wach im Gästezimmer und dachte an den Phlox. Pink und zottelig und einfach wunderschön.
Am nächsten Morgen ging sie zu Dr. Bräuer.
Die war acht Jahre älter als Helga, längst in Rente, aber empfing noch ein paar langjährige Patientinnen. Sie kannten sich noch aus Wiesbaden und hatten den Kontakt nie ganz verloren.
Na, lass dich mal anschauen, sagte Dr. Bräuer und setzte ihre Brille runter. Genau wie Manfred früher immer, aber ganz anders.
Hast abgenommen, stellte Helga fest.
Ich merke das. Wie ist dein Blutdruck?
Alles im Rahmen.
Und schlafen?
Es dauert lange. Schon seit einem Jahr.
Dr. Bräuer schrieb alles in ihren altmodischen Leder-Notizblock. Ginge sicher auch digital, aber das Papier blieb ihr treu.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du nicht einschlafen kannst?
Helga war über die Frage erstaunt. Erwartet hatte sie Blutdruck und Werte, keine Gedanken.
Verschiedenes, sagte sie vorsichtig.
Verschiedenes denkst du über früher nach oder über später?
Eher über den Tag. Gespräche. Was ich gesagt hab, was ich lieber anders gesagt hätte.
Dr. Bräuer legte den Stift beiseite.
Helga, ich kenne dich lange. Sag doch ehrlich: Was passiert hier gerade in deinem Leben?
Und Helga redete. Anders als bei Klara, ehrlicher und genauer. Über Quark, nächtliche Stille, das ständige Rechtfertigen, den Phlox.
Dr. Bräuer hörte einfach zu.
Findest du das eigentlich normal? fragte sie später. Also nicht moralisch, sondern einfach… dass es dir nicht gut damit geht?
Ich dachte immer, das wäre halt so.
Das Leben kann unterschiedlich sein. Sie zog einen Zettel aus dem Block. Ich geb dir eine Adresse. Eine Psychologin in Wiesbaden. Jung, aber wirklich gut. Vielleicht hilft Reden.
Mit zweiundsechzig soll ich sowas noch machen?
Gerade dann! Mit dreißig hofft man, das Leben klärt sich selbst. Mit zweiundsechzig muss man was tun.
Helga hieß immer richtig Helga Weber, geborene Sommer. Aufgewachsen in Fulda, für die Liebe nach Wiesbaden gezogen. Dreißig Jahre lang Deutsch-und Literaturlehrerin. Seit fünf Jahren in Rente. Keine große Feier, einfach letzter Schultag, Blumen der Achten fertig.
Sie liebte ihren Beruf. Wenn Schüler plötzlich einen Text wirklich fühlten, einen klugen Gedanken ins Klassengespräch warfen, dann wusste sie, das war nicht nur die Figur im Buch. Das war sie selbst.
Daran dachte sie auch im Zug zurück. Der Name der Psychologin auf dem Zettel war Annika Krüger.
Manfred empfing sie zu Hause, ohne ein Wort zu verlieren. Er hatte selbst gekocht seltsame Gerstensuppe, die er früher nie gemacht hätte.
Was ist das?, fragte Helga.
Suppe, brummte Manfred.
Woraus?
Aus dem, was da war.
Sie probierte. War tatsächlich gut.
Schmeckt mir, sagte sie.
Manfred musterte sie, als wolle sie ihn veräppeln. Dann griff er zur Zeitung.
Sie aß zu Ende, spülte ab und verschwand ins Schlafzimmer. Holte den Zettel raus. Annika Krüger. Die Nummer war schön sauber drauf geschrieben.
Sie rief nach drei Tagen an, hielt das Handy lange in der Hand, bevor sie wirklich wählte.
Krüger, hallo?
Hallo, ich habe die Nummer von Frau Dr. Bräuer… Ich hätte gerne einen Termin.
Sehr gerne. Wie ist Ihr Name?
Helga Weber.
Kommen Sie am Mittwoch um vier?
Die Praxis lag zentral, altes Altbaus, hohe Decken. Helga ging und überlegte, was sie sagen würde, wenn sie jemand von früher träfe. Wenn, dann würde sie die Wahrheit sagen man ist ja Erwachsen.
Annika Krüger war etwa vierzig, zurückhaltend, kurze Haare, sehr aufmerksame Augen. Zwei bequeme Stühle, ein Glastisch, Wasser. Sehr angenehm.
Erzählen Sie.
Und Helga erzählte. Jetzt anders, weil Annika kluge Fragen stellte und Altverstaubtes wieder offen war.
Wie fühlen Sie sich, wenn Manfred Sie so über die Brille hinweg ansieht?
Unwohl.
Mehr?
Als hätte ich was falsch gemacht.
Ist das so?
Nein. Es sind nur Einkäufe. Aber es fühlt sich immer so an.
Helga stockte. So einfach, so offensichtlich warum war sie darauf nicht früher gekommen?
Wann war das anders?
Am Anfang. Da fand ich ihn spannend. Er war so sicher. Ich war eher unsicher. Ich habe ihm vertraut.
Hat sich das verändert?
Ja, heute glaube ich, dass er einfach immer Recht haben muss.
Wann haben Sie das begriffen?
Schon lange. Aber es zu begreifen und zu akzeptieren, sind zwei Paar Schuhe.
Annika nickte.
Helga, das, was Sie beschreiben, ist nicht einfach Charakter. Man nennt es systematische Entwertung du bist mit jemandem, der ständig, vielleicht unbewusst, deine Meinung abwertet. Dann beginnt man, das selbst zu glauben.
Aber er will doch nicht verletzen.
Vielleicht nicht. Aber es passiert trotzdem.
Helga schaute aus dem Fenster. April, die Kastanie war schon leicht grünlich.
Und was mache ich jetzt mit diesem Wissen?, fragte sie.
Erstmal reicht Wissen. So fängt Veränderung an. Ein kleiner Schritt, aber ein echter.
Sie lief zurück nach Hause. Über das Wort Entwertung dachte sie viel nach. Über Geldentwertung wusste sie Bescheid aber dass Menschen entwertet werden?
Im nächsten Quartal ging sie alle zwei Wochen zu Annika. Nach jedem Besuch fühlte sie sich… nicht besser, nicht schlechter, eher klarer.
Im Juni kamen Klara und Emil. Daniel blieb in Berlin. Sie waren zehn Tage dort, und das war… seltsam. Emil spielte Fußball im Hof, Klara und Manfred redeten auf der Terrasse. Helga hörte nicht hin.
Eines Abends fand Klara sie beim Fotografenschauen im Wohnzimmer.
Wann ist das?, fragte Klara und setzte sich dazu.
Weiß nicht mehr… Da waren wir noch jung.
Sie standen am Wasser, Manfred lachte. Helga schaute nicht in die Kamera, sondern zur Seite.
Du warst schön, sagte Klara.
War?
Jetzt auch, aber damals halt jung.
Vierundzwanzig. Wir waren gerade ein Jahr verheiratet.
Da lacht er. Früher hat er öfter gelacht…
Klara legte das Foto zurück.
Mama, wie gehts dir wirklich?
Helga überlegte nicht lange diesmal.
Ich gehe zu einer Psychologin, sagte sie.
Klara hielt inne.
Schon lange?
Seit April.
Und?
Seltsam, aber es hilft. Ich verstehe mehr, warum ich so lebe.
Klara sah sie lange an.
Weiß Papa das?
Nein.
Wirst du es ihm sagen?
Weiß nicht. Wahrscheinlich nicht.
Warum nicht?
Weil er meint, das wäre rausgeworfenes Geld und normale Leute regeln sowas mit sich selbst.
Und? Was wirst du ihm antworten?
Helga stellte das Album zurück.
Weiß ich noch nicht. Immerhin fang ich an, überhaupt drüber nachzudenken. Früher war ich einfach nur still.
Im Juli fuhren Helga und Manfred zum Schrebergarten. Kleine Hütte, zwanzig Kilometer außerhalb, Manfred meinte wie immer, alles sei verwildert. Helga brachte alles in Ordnung. Der Phlox vom letzten Jahr blühte üppig am Zaun, rosa und weiß, wie sie es mochte.
Manfred ging daran vorbei.
Man müsste mal das Unkraut am Zaun rausholen. Alles zugewuchert.
Das ist kein Unkraut. Das ist Phlox.
Phlox nimmt aber Platz weg.
Macht nichts.
Er hielt inne. Sah sie an, dann die Blumen, dann sie.
Was ist los mit dir in letzter Zeit?
Wie meinst du das?
Du bist anders. Du diskutierst.
Das hab ich schon immer getan.
Nee. Früher hast du aufgehört, wenn ich widersprochen habe.
Helga spürte etwas in sich, nicht Angst, sondern Standhaftigkeit.
Ich habe halt was zu sagen.
Hat dir Klara das eingeredet?
Nein. Ich denke selbst nach.
Er wurde still und ging ins Haus. Helga blieb am Zaun und fingerte zärtlich an einem Phloxblütenblatt herum. Es war ein echtes Leben darin.
Im August lief die Stunde bei Annika wieder anders.
Sie verändern sich, sagte die Psychologin.
Ich stimme jetzt öfter nicht mehr direkt zu. Nicht bösartig, aber ich stehe zu meinem Gefühl.
Was passiert dann?
Er ist irritiert.
Und wie gehts Ihnen dabei?
Am Anfang wollte ich gleich die weiße Fahne hissen, aber inzwischen halte ich es aus.
Anstrengend?
Sehr. Fast wie gegen Wind anlaufen.
Annika musste lachen.
Tja, ehemalige Deutschlehrerin erkennt man an den Bildern.
Das Lachen fiel Helga leichter als früher.
Frau Weber, überlegen Sie eigentlich, wie Sie künftig leben wollen unabhängig von Manfred? Was brauchen Sie, um sich lebendig zu fühlen?
Das traf sie. Ich will schreiben.
Was?
Weiß noch nicht. Ich habe früher Kleingeschichten verfasst, nie jemandem gezeigt. Dann hat Manfred mal eine gelesen und gesagt, das sei Amateurkram. Und dann hab ichs gelassen.
Gibts die Hefte noch?
Ja, irgendwo oben im Schrank.
Holen Sie sie raus!
Im Oktober fand sie tatsächlich das Heft blaue Umschlag, eine alte Schulheft. Sie las als Erstes: Der Herbst kam dieses Jahr unerwartet wie immer. Sie lachte. Und weinte ein bisschen. Dann kochte sie sich Tee und las weiter.
Im November schrieb sie eine kleine Geschichte. Nicht für jemanden, nur für sich. Es ging um eine Frau, die Blumen pflanzt, und alle sagen, das lohne sich nicht. Die Frau war vielleicht nicht Helga, aber sicher auch nicht irgendjemand sonst.
Klara rief in jener Woche an.
Mama, wie gehts?
Ich schreibe.
Pause.
Echt?
Ja. Bitte lach nicht.
Ich lache nicht. Ich freue mich. Zeigst du mir was?
Mal schauen.
Weiß Papa das?
Nein.
Sagst du es ihm?
Helga blickte auf das winterliche Grau. Die Kastanie draußen war kahl, die Spatzen saßen dick eingepackt. Doch Helga sah über sie hinaus ins Milchige des Himmels.
Ich sag ihm, dass ich schreibe. Aber zeigen vielleicht noch nicht.
Was denkst du, sagt er?
Etwas. Aber ich sehe dem nicht mehr so ängstlich entgegen.
Das ist schon viel, Mama.
Ich weiß.
Im Dezember sagte sie Manfred Bescheid.
Nach dem Abendessen, sie mit Heft, er wie immer mit seiner Zeitung.
Was schreibst du da?, fragte er plötzlich.
Geschichten.
Schon lange?
Seit dem Herbst.
Warum nicht erzählt?
Ich wusste nicht, ob es wichtig ist.
Warum nicht?
Das überraschte sie. Helga hob den Kopf.
Vor fünfzehn Jahren hast du gesagt, das sei Amateurkram, erinnerte sie ihn.
Manfred verzog die Stirn.
Echt? Weiß ich gar nicht mehr.
Er war sichtlich beschämt.
Ich wollte dich nicht verletzen.
Ich weiß.
Du hast also fünfzehn Jahre nicht geschrieben, wegen einem Wort?
Wegen vielen. Das war das Einzige, das ich genau weiß.
Schweigen. Manfred legte die Zeitung beiseite. Das war ungewöhnlich.
Kann ich mal was lesen?
Weiß nicht.
Na gut. Soll ich Tee machen?
Gerne.
Er ging in die Küche. Helga schaute ihm nach und dachte: So ist das Leben. Weniger durch große Gespräche als durch winzige Wellen verändert es sich. Oder eben nicht. Wer weiß.
Im Januar rief Klara an.
Mama, wir überlegen, ob ihr Silvester nicht mal zu uns kommt? Emil freut sich auf Opa.
Ich frag Manfred.
Und du?
Mit Vergnügen.
Überred ihn.
Helga lachte.
Klaralein, der Strichmännchen auf deinem Familienbild am Kühlschrank das orangene ohne Hals. Das bin ich, oder?
Natürlich. Weil du in der Mitte bist.
Ist das wichtig?
Ja. Emil sagt, wer in der Mitte steht, hält die Familie zusammen.
Helga war einen Augenblick still.
Mittenmensch also?
Genau. Und Mama ich bin stolz auf dich. Das war mutig, was du gemacht hast.
Helga schwieg lange. Draußen lag Schnee auf der Kastanie, die Spatzen kuschelten sich.
Ich weiß noch nicht, wohin das alles führt, sagte sie leise.
Das weiß eh niemand vorher. Das ist normal.
Bist du eigentlich glücklich, Klara?
Meistens schon. Aber es gibt schwierige Tage.
Ich freu mich, wenn du es bist.
Bist du es, Mama?
Helga dachte nach. Ganz ehrlich.
Ich weiß nicht, was Glück heißt. Aber es gibt diese kleinen Stücke, wo ich es spüre.
Zum Beispiel?
Wenn ich schreibe. Lese. An Phlox denke.
Phlox. Unbedingt wieder pflanzen diesen Sommer.
Mach ich. Ganz bestimmt.
Sie schwiegen. Das war das andere, warme Schweigen.
Darf ich eine dumme Frage stellen, Mama?
Na klar!
Wärst du wieder mit Papa zusammen, wenn du damals schon alles gewusst hättest?
Helga dachte nach.
Ich weiß es nicht. Vielleicht ist das auch Quatsch dann gäbe es dich und Emil und den Phlox nicht.
Was machst du jetzt?
Leben. Schreiben. Weiter Annika besuchen. Mich nicht mehr von dem Wort Amateurkram klein machen lassen.
Zeigst du mir mal eine Geschichte?
Helga blickte zum Heft auf dem Fensterbrett.
Ja. Wenn sie fertig ist.
Wann das ist, entscheidest du, ja?
Genau, Klaralein. Ich.
Im Februar meldete sie sich für ein Schreibseminar im Kulturzentrum an. Erwachsene sitzen dort jeden Donnerstag, schreiben, tauschen sich aus. Helga schwieg im ersten Moment und hörte zu. Auf dem Heimweg dachte sie: Mit zweiundsechzig noch was Neues? Nein, es ist nicht dumm. Einfach ungewohnt. Und ungewohnt ist nicht gleich lächerlich.
Als sie nach Hause kam, fragte Manfred:
Wieder Therapie?
Nein, Literaturkurs.
Er blickte sie lange an, überrascht.
Du meinst das ernst?
Sehr ernst.
Warum das Ganze?
Weil ich es spannend finde.
Er nickte. Überlegte lange.
Na gut. Ich hab Kartoffeln gekocht. Hunger?
Hab ich.
Helga zog sich um, kam in die Küche. Die Kartoffeln waren gut. Manfred starrte auf seinen Teller.
Ist der Kurs weit?
Halbe Stunde zu Fuß.
Läufst du im Dunkeln?
Ist Februar, klar. Aber überall sind Laternen.
Du könntest auch Bus fahren.
Ich gehe gern zu Fuß. Da kann ich nachdenken.
Manfred nickte. Scheint was sagen zu wollen, schweigt aber erst. Dann irgendwann:
Helga
Ja?
Ich Also ich bin manchmal ganz schön schwierig.
Helga legte ihr Besteck hin.
Bist du.
Ich meine das nicht böse.
Weiß ich.
Ich bin so aufgewachsen, dass alles seine Ordnung braucht. Und wenn nicht, dann stresst mich das.
Manfred, deine Ordnung muss nicht meine sein.
Ich weiß. Oder ich fang an, das zu kapieren.
Deshalb war ich übrigens bei Annika.
Was sagt die?
Sie fragt mich, was ich will. Was ich fühle. Was ich brauche.
Und?
Das fühle ich inzwischen.
Manfred schwieg lange.
Vielleicht sollten wir mal richtig miteinander reden, murmelte er dann, schaute aus dem Fenster. Ich kann das nur nicht über sowas reden.
Es ist Übungssache.
Er drehte sich zu ihr.
Wollen wir das zusammen üben?
Helga schwieg. Und dann, nach einem Moment:
Ja. Wir könnens versuchen.
Manfred setzte sich wieder; er holte Tee, goss ein, die große blaue Tasse für ihn, die kleine weiße für sie, dazwischen eine Schale Mohngebäck vom Vortag.
Helga wärmte die Hände an ihrer Tasse.
Draußen war Februar. Schnee auf der Kastanie. Und draußen im Schrebergarten schlummerten unter der gefrorenen Erde die Zwiebeln ihres Phlox. Rosa und weiß, ein bisschen zerzaust. Im Frühling würden sie wiederkommen. Das wusste sie sicher.
Manfred wollte etwas sagen, zögerte.
Wirst du mir mal erzählen, was du schreibst?
Wenn ich soweit bin.
Und wann ist das?
Helga schaute über ihre kleine weiße Tasse hinweg.
Das entscheide ich, Manfred.
Er nickte. Ganz leise:
Okay.
Und beide schwiegen. Aber das Schweigen war ein anderes.





