Die zweite Familie

Die zweite Familie

Ich wachte gegen drei Uhr nachts auf, weil es im Haus zu ruhig war.

Nicht einfach nur ruhig es war eine falsche Stille. So eine Leere, die entsteht, wenn etwas Gewohntes plötzlich fehlt und man noch nicht begreift, was es ist, aber schon spürt, dass dort, wo eben noch etwas war, jetzt ein Loch klafft.

Matthias lag nicht neben mir.

Ich blieb einen Moment liegen, lauschte. Draußen rauschte Regen, irgendwo fuhr ein Auto vorbei. Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte 3:14. Ich streckte eine Hand nach seiner Bettseite aus. Das Laken war kalt.

Er war also schon länger fort.

Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Matthias konnte oft nachts nicht schlafen, saß dann in der Küche oder stand auf dem Balkon. Er sagte, der Job lasse ihn nicht los, es gingen ihm zu viele Gedanken durch den Kopf. Daran hatte ich mich gewöhnt. Nach zweiundzwanzig gemeinsamen Jahren gewöhnt man sich an vieles.

Ich stand auf, zog meinen Bademantel über und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken.

Im Flur war es dunkel, doch durch eine angelehnte Tür ins Wohnzimmer fiel ein schmaler Lichtstreifen. Ich schlich leise, um ihn nicht zu wecken, falls er dort auf dem Sofa eingeschlafen war. Kurz vor der Tür hielt ich inne, weil ich seine Stimme hörte leise, fast ein Flüstern, aber deutlich.

Ich versteh das. Aber jetzt kann ich nicht sprechen, sie ist da.

Pause.

Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut. Ich regel das.

Wieder Stille, diesmal länger.

Schläft Leo? Gut. Sag ihm, dass Papa bald kommt.

Ich stand schweigend im dunklen Flur. Die Worte sickerten langsam in mich ein, schwer und gewichtig.

Leo. Papa.

Matthias war vierundfünfzig. Unser Sohn Leonhard wohnte in Hamburg und war achtundzwanzig. Ein kleiner Leo existierte in unserem Leben nicht. Niemals.

Ich betrat das Wohnzimmer nicht. Drehte mich um und ging zurück ins Schlafzimmer. Legte mich ins Bett. Schloss die Augen.

Aber Schlaf kam nicht.

Ich lag auf dem Rücken und starrte in die Dunkelheit. Sie war so tief, dass ich den Plafond nicht sah, und das war gut, denn ich wusste nicht, wohin ich blicken sollte. Die Gedanken drehten sich nicht, wirbelten nicht wie sonst nachts. Sie waren erschreckend klar. Kalt. Aneinandergereiht.

Leo schläft.

Papa kommt bald.

Sie ist da.

Sie. Das war ich. Ich war sie. Nicht Anna, nicht Frau, nicht Geliebte. Nur sie ein Hindernis, das erwähnt werden musste.

Ich hörte, wie Matthias zurück ins Schlafzimmer kam. Sich leise auszog. Ins Bett legte. Ich rührte mich nicht. Er lag nur wenige Zentimeter entfernt, und ich spürte seine Körperwärme doch sie war plötzlich fremd.

Wenige Minuten später schlief er gleichmäßig.

Ich schlief bis zum Morgen nicht mehr.

Mein Name ist Annemarie Berger. Ich bin sechsundfünfzig Jahre alt und unterrichte deutsche Literatur an einem Berufskolleg in Nürnberg. Wir wohnen seit Jahren in einer Drei-Zimmer-Wohnung im fünften Stock eines Plattenbaus in der Humboldtstraße. Vor zweiundzwanzig Jahren habe ich Matthias Berger geheiratet, Bauingenieur. Wir haben einen Sohn.

Bis zu dieser Nacht war das mein ganzes Leben.

Am Morgen stand Matthias wie jeden Werktag um sieben auf. Rasierte sich, frühstückte, fragte, ob von gestern noch Suppe übrig sei. Ich sagte ja, wärmte auf. Er aß schweigend, las auf dem Handy. Ich trank meinen Kaffee und sah ihn an.

Während ich ihn ansah, fragte ich mich: Was weiß ich eigentlich sicher? Nur ein Gespräch, ein paar Sätze. Vielleicht war es doch ein Neffe jemand, den ich nicht kannte? Vielleicht war alles ganz anders?

Aber ich war Lehrerin für Literatur. Ich wusste zwischen den Zeilen zu lesen. Sie ist da verriet genug.

Wann bist du heute zurück? fragte ich.

Wie immer. Bin gegen acht zu Hause, vielleicht halb neun.

Gut.

Er ging. Ich schaute ihm noch aus dem Fenster hinterher, wie er zum Wagen lief. Gerader Rücken, entschlossener Schritt. Der graue Mantel, den wir vor drei Jahren zusammen in der Galeria gekauft hatten.

Ich weinte nicht. Ich dachte, ich müsste weinen, aber da kam nichts. Stattdessen war da dieses Gefühl, wenn man lange über einem Problem grübelt und dann plötzlich den Fehler findet. Keine Freude, kein Trost. Nur Klarheit.

Ich griff zum Telefon und rief in der Schule an, meldete mich zum ersten Mal seit Jahren ohne ersichtlichen Grund krank.

Dann begann ich zu überlegen.

Matthias arbeitete im Ingenieurbüro. Häufig auf Dienstreise, vor allem in den letzten Jahren. Köln, München, Frankfurt. Manchmal für eine Woche, manchmal für zwei. Ich fragte nie zu viel. Ich vertraute ihm.

Ich loggte mich in unser altes gemeinsames E-Mail-Postfach ein, das wir vor zehn Jahren für Rechnungen angelegt hatten. Meistens war ich die einzige, die es benutzte. Wie erwartet: Benachrichtigungen vom Hausmeisterservice, Werbung. Nichts.

Doch Matthias hatte auch eine berufliche Mailadresse. Das Passwort hatte er in ein kleines blaues Notizbuch geschrieben, das er in einer Schublade seines Schreibtisches aufbewahrte. Ich hatte nie hineingesehen aus Prinzip. Jeder braucht seinen Raum.

Jetzt öffnete ich die Schublade und sah nach.

Das Passwort stand auf Seite drei, in ordentlicher Schrift.

Ich loggte mich ein.

Zwei Stunden las ich E-Mails. Meist Arbeit: Pläne, Kundenabsprachen. Alles sachlich, professionell. Ich begann zu zweifeln, ob ich das Gespräch in der Nacht zu dramatisch aufgefasst hatte.

Dann entdeckte ich einen Archiv-Ordner, den er versteckt hatte.

Dort fand ich Mails von einer Frau. Viele. Über mehrere Jahre.

Ich las sie alle. Langsam und gründlich.

Sie hieß Claudia. Claudia Seifert. Sie war vierzehn Jahre jünger als ich. Sie hatten sich vor acht Jahren auf einem Seminar in München kennengelernt. Leo, der Leo, den ich in dieser Nacht gehört hatte, war sechs.

Sechs Jahre.

Ich saß am Schreibtisch meines Mannes und dachte: Sechs Jahre. Neben mir lebte jemand, der ein Kind hatte. Sechs Jahre kochte ich, wusch seine Hemden, fuhr mit ihm ans Meer, feierte Hochzeitstage, sorgte mich bei Krankheit, plante Urlaube. Sechs Jahre.

Ich ließ nichts fallen, schrak nicht auf. Ich las einfach weiter.

Claudia schrieb sehr schön. Lebendig, fehlerlos. Sie schien ihn zu lieben. Und er schrieb ihr ein anderer Mensch in diesen Zeilen: lockerer, offener. Solche Briefe hatte ich nie von ihm bekommen. Wir schrieben uns nur Nachrichten wie Bin später da oder Kannst du Brot holen.

Die letzte Mail von ihr war drei Wochen alt. Leo gehe seit neuestem in den Kindergarten, sie vermisse Matthias und wünsche sich endlich Klarheit. Das Wort war im Text unterstrichen als wollte sie darauf aufmerksam machen.

Von Matthias Antwort fand ich keine Spur. Vielleicht war sie gelöscht.

Ich klappte den Laptop zu. Ging in die Küche, stellte Wasser für Kaffee auf.

Während der Kessel rauschte, starrte ich aus dem Fenster. Auf dem Hof spielte ein kleiner Hund, ein quirliger Terrier, dessen Besitzer ein älterer Herr in blauer Jacke geduldig hinterherschlenderte.

Ich dachte: Erst will ich mit Leonhard sprechen. Nein, noch nicht. Erst muss ich mir selbst klar werden.

Ich goss Kaffee auf und begann, strukturiert zu denken.

Was will ich? Nicht, was ich fühlen soll, sondern was ich will.

Die Antwort kam schnell und überraschend klar.

Ich wollte Wahrheit. Keine Erklärungen, keine Schuldzuweisungen. Nur, dass er mir ins Gesicht sagte, was ist. Keine Theaterstücke mehr, in denen er zwei Leben spielte und ich im Publikum saß und applaudierte.

Doch bevor ich sprach, wollte ich alles wissen.

Die nächsten Tage lebte ich in zwei Welten.

Die eine war die von Annemarie Berger, wie immer. Ich ging zur Arbeit, korrigierte Hefte, kochte Abendessen, fragte Matthias, wie sein Tag war. Lächelte. Ließ mir nichts anmerken.

Das war einfacher als gedacht. Vielleicht, weil er ohnehin kaum genau hinschaute. Vielleicht auch, weil ich es gewohnt war, leise zu sein.

In der anderen Realität recherchierte ich. Ohne Hast, wie vor einer schwierigen Unterrichtsstunde.

Ich fand in seiner Tasche ein altes Handy mit Nachrichten, im Sportbeutel, den er immer auf Reisen mitnahm. Ich las nur ein paar Chats, machte Fotos davon. Zur Sicherheit.

Aus einer Mail merkte ich mir die Adresse: München, Schwanthalerstraße. Ich fuhr nicht hin. Es reichte mir zu wissen, was ich wusste.

Danach vereinbarte ich einen Termin bei einer Rechtsanwältin. Dr. Barbara Römer. Mitte dreißig, konzentriert, mit kurzem, sandfarbenem Haar.

Erzählen Sie, was vorgefallen ist, sagte sie und klappte den Block auf.

Ich berichtete. Sachlich, ohne Emotionen.

Sie hörte zu, machte Notizen.

Steht die Wohnung auf Ihren beiden Namen?

Ja, zur Hälfte.

Gibt`s noch etwas? Auto, Haus?

Das Auto ist seins, Gartenlaube gibt es nicht. Ein kleines Gemeinschaftssparkonto.

Verstehe. Sie legte den Stift weg. Sind Sie sich sicher, dass Sie sich trennen wollen?

Ich sah sie an. Eine interessante Frage.

Ich will zunächst ein Gespräch mit meinem Mann. Aber ich will meine Rechte kennen. Ohne Illusionen.

Sehr vernünftig. Sie nickte. Dann gehen wir Schritt für Schritt.

Wir sprachen fast zwei Stunden. Ich ging mit Notizen nach Hause und dem Gefühl, Handlungsspielraum zu haben. Das gab mir Kraft.

Ich mochte Optionen.

Das Gespräch mit Matthias legte ich mir auf Samstag fest.

Nicht, weil der Tag passte. Ich wollte nur vier Tage Zeit, bis dahin war alles nur noch Tatsache. Eine, mit der man umgehen muss.

Am Freitagabend rief ich Leonhard an.

Er wohnte in Hamburg, arbeitete als Architekt, hatte seit kurzem eine Freundin, die Frieda hieß. Ich rief ihn sonst sonntags an.

Jetzt war es Freitag.

Mama? Ist alles in Ordnung?

Ja, alles gut. Ich wollte nur reden.

Pause.

Du klingst so anders, Mama…

Leo, ich spreche morgen mit Papa. Es ist wichtig. Ich will, dass du das weißt.

Worüber?

Ich schwieg.

Ich erzähle es dir Sonntag, nach dem Gespräch. Was immer passiert du bist unser Sohn, wir beide lieben dich. Das bleibt.

Stille.

Wollt ihr euch trennen?

Ich weiß es nicht. Noch nicht.

Was ist denn los?

Sonntag, Leo. Ich rufe dich an, versprochen. Ist das okay?

Wieder Pause.

Okay. Ich bin für dich da.

Ich weiß. Gute Nacht.

Der Samstag war grau und kalt. November in Nürnberg halt. Matthias stand spät auf, wie immer am Wochenende. Ich machte Frühstück. Wir aßen schweigend. Er blätterte durch die Zeitung, ich schaute hinaus.

Schließlich sagte er:

Ich wasche das Auto, es ist voller Dreck.

Bleib kurz, Matthias. Wir müssen reden.

Er blickte auf, ganz ruhig.

Worüber?

Ich stand auf, räumte Teller weg, setzte mich wieder ihm gegenüber am Tisch.

Über Leo. Über Claudia Seifert. Über München.

Sekundenlang tat sich nichts. Schließlich legte er die Zeitung weg.

Woher weißt du…

Spielt keine Rolle. Ich weiß es. Seit Tagen.

Schweigen.

Leo ist sechs? fragte ich.

Ja.

Matthias… rede.

Er stand auf, ging ans Fenster, drehte sich dann um.

Das war keine Absicht. Es ist einfach passiert. Ich hab nichts geplant.

Aha.

Als ich von dem Kind erfuhr, wollte ich es dir sagen. Wirklich.

Aber du hast es nicht getan.

Nein.

Acht Jahre Das ist nicht passiert. Das ist eine Entscheidung.

Er schwieg.

Willst du bei ihr sein? fragte ich.

Er antwortete nicht gleich. Schaute lange auf den Boden.

Ich weiß es nicht.

Das war wahrscheinlich das Aufrichtigste, was er je sagte. Und auch das Schlimmste. Acht Jahre hatte er zwischen uns beiden gelebt und doch nie wirklich entschieden. Claudia wollte Klarheit, ich lebte in einer Illusion.

Du hast einen Sohn, Matthias. Er wächst ohne Vater auf.

Ich seh ihn oft.

Ich weiß. Ich habe die Mails gelesen.

Er schaute hoch.

Du hast meine Mails gelesen?

Ja. Es tut mir leid.

Früher hätte ich das nie gesagt es klang fast ironisch, aber es kam einfach so heraus.

Er wandte sich wieder ab.

Was erwartest du von mir?

Ich will, dass du dich entscheidest. Endgültig und ehrlich. Nicht weil ich es verlange, sondern weil du Verantwortung trägst. Für mich. Für Claudia. Für das Kind. Für Leonhard.

Weiß Leo Bescheid?

Nein. Ich rufe ihn heute noch an.

Er drehte sich zu mir um.

Annemarie, ich wollte nie, dass du

Ich weiß, dass du es nie wolltest. Aber es ist passiert. Und jetzt müssen wir beide entscheiden, wie es weitergeht.

Ich stand auf und stellte meine Tasse in die Spüle. Sagte mit dem Rücken zu ihm:

Ich war schon beim Anwalt. Ich kenne meine Rechte. Kein Streit die Wohnung wird geteilt. Wer bleibt, klären wir. Aber ich werde nicht ewig warten. Zwei Wochen hast du.

Wofür?

Für eine Entscheidung: Entweder bleiben und versuchen, etwas aufzubauen, oder du gehst. Einen dritten Weg gibts nicht.

Was aufbauen, Annemarie? Du weißt

Das ist deine Frage, nicht meine. Klär das mit dir selbst.

Ich ging ins Schlafzimmer. Setzte mich aufs Bett.

Das war also das Gespräch, vor dem ich solche Angst hatte. Kurz, kühl, ohne Tränen. Ohne Drama. Nicht so, wie ich es mir in schlaflosen Nächten ausgemalt hatte.

Ich weinte nicht. Ich wollte einfach nur, dass es endlich still ist.

Eine Stunde später rief ich Leonhard an.

Die nächsten zwei Wochen wohnte Matthias weiter in unserer Wohnung, wir sprachen aber kaum. Kein Streit aber auch kein Gespräch. Unsere Mahlzeiten fanden versetzt statt, geschlafen wurde in verschiedenen Zimmern. Ich ließ ihn nicht zu einem Freund oder ins Hotel ausziehen. Er sollte spüren, was es heißt, die Konsequenzen auszuhalten.

Nach drei Tagen fragte er:

Willst du auch was von den Bratkartoffeln?

Danke, später vielleicht.

Annemarie, so kann das nicht weitergehen.

Wie denn?

Schweigen!

Wir schweigen nicht. Du denkst nach, ich warte.

Er schwieg.

Ich denke nach.

Gut.

Am nächsten Wochenende reiste Leonhard an. Ich hatte ihn nicht gebeten, aber er kam. Umarmte mich am Flur, fest, wie man umarmt, wenn Worte fehlen.

Wie gehts dir?

Gut. Ehrlich.

Papa zu Hause?

In der Küche.

Ich hörte ihre Stimmen, verstand die Worte aber nicht. Erst ruhig, dann etwas lauter, dann wieder still.

Nach einer halben Stunde kam Leo zu mir ins Wohnzimmer, setzte sich neben mich.

Mama, er will bleiben.

Weiß ich.

Und was jetzt?

Ich sah ihn an erwachsen, mit den gleichen Schultern, dem gleichen Blick wie sein Vater als junger Mann.

Leo, das entscheide ich. Nicht du. Ich weiß, dass du möchtest, dass alles wieder wie früher wird. Aber das geht nicht. Es geht nicht mehr.

Wieso? Den Leuten passiert sowas

Sicher. Aber es gibt Dinge, die kann man nicht zurücknehmen oder ungeschehen machen. Dein Vater hat ein Kind, Leo. Und dieses Kind braucht einen Vater, der da ist nicht einen, der nur zwischendurch auftaucht.

Findest du, er soll zu ihr gehen?

Ich sage, es gibt hier keine perfekte Lösung. Was immer er tut jemandem wird wehgetan.

Leo schwieg.

Das macht mich fertig.

Mich auch. Aber du schaffst das. Du bist erwachsen.

Und du?

Ich dachte einen Moment nach.

Ich schaffe das schon.

Exakt nach zwei Wochen setzte Matthias sich am Küchentisch mir gegenüber und sagte, er wolle bleiben. Claus und er hätten gesprochen, sie hätten sich geeinigt. Für Leo wollte er da sein, aber mit Claudia war es vorbei.

Ich hörte zu und sah ihn an.

Hast du das entschieden, weil du es willst, oder weil das der bequeme Weg ist?

Er runzelte die Stirn.

Wie meinst du das?

Matthias, wenn du bleibst aus Bequemlichkeit, dann ist das nicht fair. Ich akzeptiere deine Entscheidung, egal wie sie ausfällt. Aber sag mir bitte die Wahrheit.

Er schwieg lange. Dann:

Ich will bleiben. Ehrlich. Aber ich weiß, dass du mir schwer vertrauen kannst.

Nein, sagte ich, im Moment nicht.

Wir versuchten es.

Es war nicht leicht. Es gibt Dinge, die weiß man, und trotzdem tun sie an den unerwarteten Stellen weh. Wenn er sich verspätete, ohne Bescheid zu sagen. Wenn er sich mit dem Handy in einen anderen Raum zurückzog. Wenn er am Abend schweigsam war und ich nicht wusste, was er denkt.

Wir gingen einmal zu einer Paartherapeutin. Matthias sagte, das sei nichts für ihn. Ich ließ es dabei.

Nach drei Monaten fuhr Matthias wieder nach München angeblich zur Arbeit. Vielleicht stimmte das sogar. Ich kontrollierte nicht mehr. Doch in dieser Nacht, als er weg war, verstand ich, dass ich nicht mehr konnte. Nicht, weil ich nicht verzieh sondern weil ich nicht mehr nicht wissen konnte. Jede Dienstreise, jeder spätere Anruf ließ die alten Zweifel zurück.

Es war unfair. Auch ihm gegenüber.

Als er zurückkam, sagte ich beim Abendessen:

Matthias, wir müssen reden.

Er sah mich an und wusste sofort, was kommt.

Du willst die Scheidung?

Ja.

Er setzte sich. Lange schweigend.

Ich war bei ihm, bei Leo. Du hast Recht. Er fragte mich, ob ich jetzt bei ihm wohnen werde.

Ich sah Matthias an.

Wie alt ist er?

Sechseinhalb.

Das ist ein wichtiges Alter.

Ich weiß.

Wir schwiegen.

Bist du böse auf mich? fragte er.

Nein. Nicht mehr. Aber wir müssen uns nicht länger was vormachen.

Die Scheidung dauerte vier Monate. Frau Dr. Römer kümmerte sich um alles. Die Wohnung verkauften wir, teilten das Geld. Ich fand eine neu renovierte Zweizimmerwohnung, dritte Etage, guter Blick auf den Park. Zum ersten Mal in meinem Leben richtete ich mich ganz nach meinem Geschmack ein: warme Wände, ein apfelgrünes Sofa, ein Lesesessel am Fenster, ein Regal für meine Bücher.

Mama, es ist schön hier, sagte Leonhard, als er die neue Wohnung sah.

Danke, antwortete ich.

Matthias zog im März nach München. Er mietete eine kleine Wohnung in Claudias Nähe. Ein kurzer Anruf höflich. Wir sprachen, wie Bekannte, die sich Gutes wünschen, aber auf Distanz leben.

Geht es dir gut? fragte er am Ende.

Ja, sagte ich. Es stimmte.

Das nächste Jahr verging schnell und doch anders. Zeit vergeht anders, wenn man allein lebt. Kein endloses Fernsehbegleitprogramm, auf das ich Rücksicht nehmen muss. Kein Warten mehr, dass er kommt. Nur ich und meine Abende, meine Stille.

Ich las endlich wieder nicht für den Unterricht, sondern für mich. Turgenev, Frisch, Bachmann, ein paar aktuelle Romane, die mir Kolleginnen empfohlen hatten.

An Sonntagen ging ich spazieren mein Viertel in Nürnberg ist ideal: der Park am Dutzendteich, schöne Wege, besonders im Herbst.

In der Schule erschien ich manchen verändert. Nicht äußerlich, mehr entschieden, sagte meine alte Kollegin, Frau Tamara Steiner, nach einer Konferenz zu mir:

Annemarie, du bist anders als früher.

Wie meinst du das?

Du bist irgendwie mehr du selbst.

Ich dachte darüber nach. Wahrscheinlich hatte sie recht.

Leonhard meldete sich wöchentlich, manchmal öfter. Er erzählte von seinem Job, von Frieda. Irgendwann fragte er vorsichtig:

Mama, bist du dort nicht einsam?

Manchmal. Aber es ist eine andere Art von Einsamkeit. Eine, die Raum gibt.

Raum für was?

Für mich.

Du bist stark, sagte Leo leise.

Ich bin normal. Nur hatte ich genug Zeit, alles zu durchdenken.

Im Oktober rief Matthias an sieben Monate nach seinem Umzug.

Annemarie, Leo hat heute Geburtstag. Sieben Jahre. Ich wollte, dass du das weißt.

Warum er mir das sagte, verstand ich nicht ganz.

Grüß ihn von mir, antwortete ich.

Meinst du das ernst?

Ich überlegte.

Ja. Er kann nichts dafür. Und du… du bist bei ihm?

Ja. Ich wohne jetzt bei ihnen.

Das ist gut, Matthias.

Kurze Pause.

Gehts dir gut?

Ja, wirklich.

Das freut mich, meinte er ehrlich.

Wir legten auf, und ich fühlte keinen Groll nicht, weil ich besonders großherzig war. Groll kostet Kraft, und ich brauchte meine Energie für anderes.

Im November, fast exakt ein Jahr nach jener Nacht im dunklen Flur, wachte ich wieder um drei Uhr auf.

Die Wohnung war still. Richtig still. Meine Stille, in meinen Wänden.

Ich blieb einen Moment liegen, hörte der Stille zu, stand dann auf, zog Hausschuhe an, ging in die Küche.

Draußen begann es zu schneien der erste Schnee des Jahres, dicke, langsame Flocken. Der Straßenlaterne im Hof gab dem Schnee einen goldenen Schimmer.

Ich setzte den Wasserkocher auf, griff ein Buch aus dem Regal ein alter Roman einer französischen Autorin über eine Frau, die mit Fünfzig ans Meer zieht. Ich war noch nicht am Ende, wusste nicht, wie es ausgeht.

Ich goss Kaffee ein, schlug das Buch auf.

Draußen fiel weiter der Schnee.

Ich las.

Am Sonntag rief Leonhard an.

Mama, alles gut bei dir?

Ich lese, draußen schneit es.

Bei uns auch. Frieda meint, wir sollen dich bald besuchen kommen. Dürfen wir?

Natürlich. Ich freu mich.

Nächste Woche?

Gern am Wochenende.

Pause.

Mama, bist du wirklich in Ordnung?

Ich sah zum Fenster. Der Schnee fiel weiter in gleichmäßigem Rhythmus.

Ja, Leo. Mir gehts gut.

Ganz sicher?

Ganz sicher. Kommt. Ich backe einen Apfelkuchen.

Mit Äpfeln?

Natürlich.

Abgemacht, sagte er. Und ich hörte in seiner Stimme etwas wie Erleichterung. Oder vielleicht war es das Gefühl, das man hat, wenn man jemanden lange anschaut und endlich spürt: alles wird gut.

Ich hab dich lieb, sagte ich.

Ich dich auch, Mama.

Wir verabschiedeten uns. Ich stellte das Telefon ab, nahm den Kaffee und schaute durch das Fenster der innere Hof wurde langsam weiß, wie frisch eingepackt, bereit für einen Neuanfang.

Ich blätterte weiter in meinem Buch die Heldin stand am Meer. Die Autorin hatte nicht geschrieben, wie es weitergeht. Vielleicht würde sie zurückkehren. Vielleicht bleiben. Vielleicht etwas tun, das niemand zuletzt erwartet hätte.

Ich schlug eine neue Seite auf.

Und verstand: Manchmal gibt das Leben keine einfachen Antworten aber es zeigt uns, dass ein sauberer, neuer Anfang möglich ist, wenn wir den Mut haben, ihn zuzulassen.

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Homy
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