An die Heiligkeit der Mutter glauben…
Der Typ war im Knast, sagt man, zuvor in Kriegsgefangenschaft! Und sie tja, das hätte man nicht gedacht Kultur hat sie angeblich trotzdem.
Ach, die passt eh nicht zu uns. Sieh dir an, was für eine feine Dame, unsere Frau Baronin… Baronin Sabine! Die war es doch, die sich damals im Stadtrat beschwert hat, als die Parzellen verteilt wurden. Ganz still, aber wehe, wehe…
Genau. Und jetzt hat sie schon wieder einen dicken Bauch… und so ein flatterhaftes Weib. Denkt die überhaupt nach? Als Alleinerziehende, mit zwei Kindern, ist das heute nicht gerade leicht!
Du weißt doch, was los ist, oder? Da gibt es doch diesen Herrn von der Getreideabteilung, der macht ihr schöne Augen. Clevere Frau, und dann tut sie immer so intellektuell. Entweder läuft sie zum Stadtrat oder sucht nach einem besseren Kerl. Dabei lebt ihr Mann noch…
Sabine
Die zweistöckigen, verputzten Baracken standen rechtwinklig zu den Gleisen, nicht weit vom Bahnhof. Provisorisch waren sie gebaut worden, eigentlich nur zur kurzfristigen Nutzung als Unterkunft für die Bauarbeiter des neuen Stahlbetonwerks und der anliegenden Gleise. Sabines Ehemann, Thomas, arbeitete vor dem Krieg genau dort als Leiter der Werkstatt. Auch ihm wurde eine eigene Wohnung in Aussicht gestellt.
Glücklich kam das junge Paar 1939 in diese Kleinstadt am Rhein. Im Frühjahr 1941 kam dann die kleine Anneliese zur Welt. Ein zu früh geborenes, zartes, fast violettes Kind. Sabine fand in der Pflege ihrer Tochter völlig auf.
Doch bald darauf stand das Werk still Kriegsausbruch.
Thomas, was machen wir denn jetzt, was wird aus uns? fragte Sabine ihren Mann.
Verwandtschaft hatte sie hier nicht. Ihre Eltern hatte man 1932 nach Ostpreußen zwangsumgesiedelt; die Großmutter wohnte noch in irgendeinem halb vergessenen Dorf in Mecklenburg. Katzenelend, wie Sabine annahm. Solange der Vater lebte, brachte er immer Lebensmittel vorbei. Aber heute weiß Sabine nicht, wie es ihr geht.
Thomas wurde eingezogen. Die Baracken füllten und füllten sich wie eine zweite Arche Noah mit Leuten, die die Not hierhertrieb, aus allen Ecken. Mehr Platz gab es nirgends.
Vom ständigen Rattern der Züge, der Vibration, und einem Fundament aus Sand fielen ständig neue Risse in die Wände. Sabine und ihre Nachbarn spachtelten und pinselten alles zu, stellten wenigstens Geranien und Gardinen ins schiefe Fenster eine Art Heimatgefühl.
Sabines finanzielle Reserven waren bald aufgebraucht. Schließlich, am Tiefpunkt der Hoffnungslosigkeit und mit knurrendem Magen, zog sie mit Anneliese auf dem Arm zum Rathaus. Sie setzte sich ins Vorzimmer und erklärte, sie wolle hier zu Ende hungern. Man half ihr als Kindergärtnerin im städtischen Hort. Das rettete sie über die Zeit; die Kinder wurden wenigstens notdürftig versorgt. Ganz verhungert sind sie nie.
Der Krieg war vorbei. Doch Thomas kam nicht zurück. Sabine und ihre Tochter warteten und warteten… Sabine fing auf dem Werksgelände an und bekam Rationen wie alle anderen auf Lebensmittelkarten. Jeder hoffte auf bessere Zeiten sie kamen nicht. Wer keine Todesnachricht erhalten hatte, wartete auf Heimkehrende. Aber nicht alle kamen wieder. Es begann die Hungerzeit.
Aus Sabines Fenster im zweiten Stock ihres Minizimmers konnte man die Züge sehen. Sie kamen und gingen, von Norden nach Süden und zurück, voller Fracht und Menschen. Manchmal standen sie tagelang am Bahnhof, rangierten und fumelten an irgendetwas herum.
In diesen Hungerjahren wurde Sabine immer dünner. Sie war ohnehin zierlich, aber jetzt wirkte sie wie ein Schatten, das Gesicht wettergegerbt und faltig. Anneliese war sechs. Ständig Hunger. Auch zu den Lebensmittelkarte-Rationen war es zu wenig.
Das alles war zur Normalität geworden. Sabine kämpfte um jeden Tag, hoffte auf ein Wunder, dass irgendjemand helfen würde.
Ihr Vater war im Krieg gefallen, die Mutter kurz nach Kriegsende gestorben. Sabine hütete deren letzten Brief, schaute immer wieder auf das abgewetzte Foto, die Mutter mit Minischlapphut und Schleier ein liebevoller Blick. Schöne Mama… Sabine versprach ihr: Durchhalten, niemals aufgeben.
Sabine wartete auf Thomas. Wen sonst. Aber in letzter Zeit immer hoffnungsloser.
Keine Post von ihm. Sie wusste, dass seine Kompanie eingekesselt worden war, dann kamen sie frei und wurden nach Fernost verlegt. Umstationiert an die japanische Front, erzählte sie allen, auch wenn jeder wusste, wo ihr Mann wirklich war. Aber das war ja nur vorübergehend, dachte Sabine. Hoffte und wartete. Das Hoffen wurde schwerer.
Anneliese erzählte sie: Papa ist ein Held. Was der Wahrheit entsprach es gab sogar ein Gruppenfoto auf dem Panzer. Man sah ihn kaum, aber Anneliese wusste sofort, welcher ihr Papa war mit denselben dunklen, traurig lächelnden Augen wie sie selbst.
Anneliese
Anneliese war fast den ganzen Tag allein zu Hause. Sie starrte auf die Kuckucksuhr und die kleine Schüssel auf dem Tisch. Kaum auszuhalten, bis zwölf zu warten dann endlich essen. In der Schüssel: Haferbrei und ein Graubrot-Endstück. Manchmal schaffte sie es nicht, aß früher, schielte schuldbewusst zur Uhr und ärgerte sich, dass die Zeiger so langsam gingen.
Dann setzte sie sich ans Fenster, beobachtete die Straße, wartete mit knurrendem Bauch auf Mama. Im Sommer hingen auf der anderen Straßenseite in den Gärten rote Äpfel. Anneliese träumte davon, wie sie hineinbiss, der Saft ihr übers Kinn lief. Sie wischte sich das Kinn und schluckte.
Das Letzte ist, zu stehlen!, stellte die gar nicht strenge Mama sehr streng fest.
Anneliese wusste das, beneidete die frechen Nachbarsjungen trotzdem.
Und die Gemeinschaftsküche war ihr ein Graus. Die Gerüche waren furchtbar. Jeder kämpfte ums Überleben, wie er konnte. Onkel Hans aus Zimmer elf schnitt sein Brot haltlos dick, löffelte dazu deftig nach Huhn duftende Suppe. Seine alte Mutter, eine Macht im Hinterhof, brachte immer was aus ihrem Garten. Die Bewohner der Baracken sahen diese Leute als kleine Aristokraten.
Der Essensgeruch in der Küche machte Anneliese ganz duselig. Wie schafft er das nur?, dachte sie. Mir würde ein einziger Löffel reichen. Sie hätte ihn gern gefragt, ob sie ein Stück Brot haben könne. Aber das tut man nicht. Betteln ist verboten. Stehlen noch mehr.
Kartoffeln
Im Herbst ergatterte Sabine endlich ein kleines Kartoffelstück. Das Feld war früher ein Gemeindeacker hinterm Haus. Schon im März, als noch Schnee lag, kursierte das Gerücht, das Feld werde an die Mieter vergeben. Sabine rannte von der Arbeit direkt aufs Feld, mit Kopftuch über dem Hut, eine Schaufel dabei obwohl noch alles gefroren war und zog die stolpernde Anneliese hinter sich her.
Damals war jeder Meter Grund Gold wert. Sie sah schon von Weitem die Menschen aus allen Richtungen zum Feld eilen.
Zu spät. Überall wurde geschrien, Stöcke in den Schnee gehauen, Ecken abgesteckt. Auch die mit eigenen Gärten räumten gleich groß ab. Sabine und Anneliese irrten verzweifelt herum, suchten wenigstens ein Fleckchen. Annelieses Stiefel wurden vom Schnee ganz nass.
So traurig hatte Anneliese ihre Mutter lange nicht gesehen. Sabine weinte auf dem Heimweg.
Ach, Kopf hoch, Anneliese, wir kämpfen noch mal!
Am nächsten Morgen kleidete sich Mama extra schön, bürstete sich eine Hochsteckfrisur, steckte die gute Brosche an. Sie marschierte ins Rathaus und schrieb dort eine Beschwerde.
Eine Woche später kam die Stadtrats-Kommission, begleitet vom Militär, um das Feld neu zu verteilen. Anwohner überwachten die Sache. Schnell war klar, wer die Beschwerde geschrieben hatte Sabine hatte plötzlich ein eingeschlagenes Fenster und eine feine Fäustchen-Zeichnung auf der Tür. Das war aber alles, die Leute hatten Respekt.
Sabine und Anneliese bekamen fünf kleine Parzellen und vom lokalen Landwirt sogar Saatkartoffeln. Noch einige Eimer Kanonenfutterkartoffeln holte Sabine extra auf dem Markt. Kaum war der Schnee weg, legte sie los mit Spaten.
Anneliese beobachtete, wie ihre kleine, zierliche Mutter Stein und Bein umschaufelte. Die Hände rieben sich gleich Blasen auf. Sabine lächelte trotzdem tapfer. Anneliese schlug hinterher mit dem zweiten Spaten noch die Erdklumpen klein.
Neue Hoffnung lag über diesem Flecken Erde ihr Ticket für den Herbst und die lange, hungrige Winterzeit.
Zusammen jäteten und hackten sie, schleppten Wasser vom Brunnen. Im September ernteten sie ordentlich. Anneliese war glücklicher über sabines Freude als über die Kartoffeln selbst. Mama hievte die schweren Säcke in ihr winziges Zimmer. Ganz nebenbei: Die neue Erdigkeit, die bald in der Wohnung hing, elektrisierte die beiden nicht etwa, sondern schmeckte nach Sattwerden.
Auch ein bisschen Möhre und Rote Beete wuchsen. Sogar Zwiebeln direkt vor dem Fenster eine pure Festlichkeit!
Eine freundliche Bekannte erlaubte ihnen, ein paar Kartoffeln im Keller zu lagern. Sabine zählte jede einzelne nach, sehr peinlich berührt, zugleich voller Angst vor dem Hunger, den sie schon einmal überlebt hatten.
Äpfel
Genau in diesen etwas besseren Tagen passierte das Unglück.
Anneliese, komm schon!, rief Kathi, Nachbarstöchterchen und Freundin. Der Max klettert gerade in die Gärten nach Äpfeln. Vielleicht fällt für uns was ab!
Nach gelungenen Raubzügen bekamen auch die Mädchen ab und zu einen Apfel. Anneliese schimpfte zwar immer, traute sich aber nie zu verzichten so ein Apfel war wie ein heiliger Gral.
Nichts war in letzter Zeit süßer als Rote Beete. Sie fing immer an, das Obst zu bestaunen, es im Dunkeln im Schrank zu drehen und schließlich ganz heimlich das erste Mal abzubeißen.
Mit Kathi blieb sie diesmal nicht am Straßeneck der Holzhäuser, sondern lief mit ihr in Richtung Gärten. Sie waren schließlich nur unterwegs.
Beim Schuhebinden hakte es. Der Schnürsenkel fasste kaum durch die Öse. Genau da hörte sie Kathis Ruf:
Lauf, Anneliese…! Und weg war die Freundin samt Jungs.
Anneliese blickte auf, sah die Jungen auf sie zu rennen, schwer atmend, Schuhe klatschten auf den Matsch. Plötzlich drückte ihr jemand einen schweren Jutebeutel voll Äpfel in die Hände.
Sie rannte mit seltsam abgleitendem Stiefel hinterher, bis sie von hinten unsanft umgerannt wurde. Sie fiel, schürfte sich die Knie auf. Ein fremder Mann zerrte sie am Arm nach oben.
Na, hast du kein schlechtes Gewissen? So klein und schon ‘ne Diebin!
Ich… ich bin keine Diebin, stammelte Anneliese.
Ach, und das da? Der Mann zerrte ihr den Beutel aus der Hand. Wo wohnst du? Wir gehen zu deiner Mutter… Und er zog sie entschlossen in Richtung Baracken.
Meine Mama arbeitet aber
Dann gehen wir zu mir! Und warten, bis sie da ist. Dann sehen wir weiter.
Anneliese weinte. Ich hab doch nicht gestohlen
Ja, ja! Kenne ich. Ihr räumt ständig die Bäume leer. Langsam reicht’s!
Er schleppte sie in ein prachtvolles Haus hinterm Zaun. Die grüne Fensterläden, geschnitzte Rahmen, überall Astern, ein ganzer Obstgarten, dazu eine meckernde Ziege und eine muhende Kuh. Ganz anderes Kaliber als ihr eigenes Zimmer in der Baracke.
Im Wohnzimmer stand ein runder Tisch mit Spitzendecke, im Regal ordentlich Akten, hinter Glas Porzellanfigürchen. Auf dem Teppich überm Bett prangte ein Märchenschloss samt Schwan und Prinzessin. Anneliese setzte sich, den Rücken kerzengerade. Sie hatte das Gefühl, gleich sei die Hinrichtung, und am schlimmsten war ihr die Sorge um Mama.
Der Hausherr war klein, mit Halbglatze, trug Hemd mit Nadelstreifenhose. Im Jackett steckten lauter Bleistifte. Seine Mutter war eine schwerhörige Alte, der er alles brüllte.
Wie kann man so taub sein, Mutter! Unterm Fenster rauben sie uns aus und du merkst nix! Wenn ich nicht zufällig nach Hause gekommen wäre, wäre der ganze Garten leer! Diese Schlingel! Nur Unfug! Verstehst du das überhaupt, Oma?
Anneliese wäre am liebsten im Boden versunken.
Die Alte stand auf, ließ sich zu Anneliese runter.
Hast du Angst? Musst du nicht. Der schimpft nur. Hunger hast du aber, oder?
Anneliese schüttelte tapfer den Kopf der Hunger war plötzlich vom Schreck überdeckt.
Ach was, doch, murmelte Oma freundlich und stellte eine dampfende Suppe auf den Tisch.
Anneliese schämte sich, sie aß wie ein Wolf; der Hausherr schaute nur wortlos vorbei.
Als erstes kam dann Kathis Mutter, Frau Schmidt.
Herr Wagner, Herr Wagner, die Mädchen haben nichts gestohlen! Sie wissen, dass sie auch einen Apfel abkriegen, aber gestohlen das war nicht!
Anneliese durfte dennoch nicht gehen, erst wenn Sabine käme. Sabine kam, wortlos, mit verrutschtem Barett, entschuldigte sich und klammerte Anneliese an sich.
Ach, na gut…, seufzte Herr Wagner. Meinen Zaun hätte sie eh nicht allein überwunden. Es war eben wohl nur Pech!
Beim Gehen drückte er Sabine sogar einige Äpfel in die Hand, die sie ablehnte also steckte er sie Anneliese zu.
Ich sag keinem was, versprochen!, rief er ihnen nach.
Anneliese war erleichtert, verstand aber nicht, warum Mama sich nicht mehr freute so schlimm war es doch gar nicht ausgegangen. Sie erwartete eine Standpauke, die aber nie kam. Sabines Gedanken waren anderswo, sie blieb still.
Bald besuchte Herr Wagner sie zuhause mit einem Paket. Anneliese bekam einen feinen Kartoffelpuffer mit Zwiebel so warm, dass er auf der Zunge schmolz.
Er lobte den Kartoffelvorrat, forschte nach der Ernte. Mama kochte Tee, doch wurde traurig und müde. Und sie schien ständig zu hoffen, er möge bald gehen. Sobald er ging, atmete sie auf.
Aber Herr Wagner kam bald wieder diesmal mit einer Dose Bonbons. Anneliese wurde zum Spielen geschickt. Danach sah sie ihre Mutter heimlich weinen. Schimpfte er Mama wegen der Apfelsache?
Nach etwa einem Monat verkündete Kathi plötzlich:
Deine Mama hat jetzt einen Freund, oder?
Was? Einen Freund?
Na ja, einen Mann. Sie will nicht, aber muss es doch Meine Oma sagt, das wäre vernünftig. Der Wagner ist Buchhalter bei der Getreidefirma, hat Geld, Haus, und seine Mama ist alt. Ihr habt nix. Im Winter wirds wieder schwer für euch. Deine Mama ist zu stolz
Wie, ein anderer Mann? Sie hat doch noch Papa! Für Anneliese war und blieb ihr Vater ein lebendiger Kriegsheld, nur ein bisschen ausgesperrt im Nirgendwo. Mama wartete, Mama liebte Papa das konnte nicht anders sein!
Quatsch! Wenn Papa tot wäre, gäbs ne Todesanzeige, wie bei Frau Meier! Und unsere Mama weiß immer, dass er zurückkommt.
Kathi verstand das nicht. Wie auch! Kindersorgen machen ohnehin schnell wieder Platz für Rodelausflüge…
Brief
Der Herbst schlich sich an. Erst Raureif auf dem Gras, dann plötzlich, eines Morgens, alles zugeschneit. Schnee auf den Dächern, auf der Sitzbank, sogar auf dem Hut vom Postboten.
Anneliese sah aus dem Fenster, als Herr Stauff der Postbote den Hausflur betrat. Während des Krieges blieb er oft vor dem Haus stehen. Kein Todesbrief, nur Post!, rief er manchmal. Sagte er nichts, kam der Todesbrief. War er wortkarg, nahm er einen Schluck aus der Flasche mit dem Empfänger, und zog weiter mit den dunklen Nachrichten. Anneliese fürchtete ihn; heute nach dem Krieg auch. Immer noch kamen manchmal so düstere Briefe.
Post für dich, sagte Herr Stauff und gab ihr einen Umschlag.
Sie knallte die Tür zu, wartete ab, lugte dann wieder raus, schnappte den Brief und warf ihn auf den Tisch, verkroch sich auf das Sofa. Bloß kein Todesbrief für Papa…
Als Sabine heimkam, müde wie immer, entdeckte sie erst spät die Post. Anneliese ließ sie sich erst umziehen, dann zeigte sie auf den Brief. Sabine riss ihn auf, überflog die Zeilen, suchte noch einmal im Umschlag, drehte den Brief um, als ob sie mehr erwartete.
Anneliese hielt es nicht mehr aus, schlich zu Mama und schaute mit ins Papier. Es war ganz anderes als sonst. Wenige Zeilen, viele Zahlen. Zahlen kannte Anneliese.
Sabine wirkte ratlos, doch sie weinte nicht, zerriss sich auch nicht.
Mama, ist Papa gestorben?
Sabine sah sie an, als hätte sie das gar nicht verstanden.
Was? Nein, Anneliese, nein! Papa lebt. Aber… aber er kann lange nicht heimkommen. Nicht bald. Siehst du? Er kommt nicht.
Anneliese fiel ihr um den Hals. Hauptsache kein Todesbrief, Hauptsache Mama weint nicht.
Und liest dus mir vor?
Mama las. Dass alles in Ordnung sei, und dass er sie liebt und sie sich wiedersehen werden. Sie las lange, und Anneliese wunderte sich, wie man aus so wenig Buchstaben so viel erzählen konnte.
Und die Zahlen?
Mama rollte den Brief schnell zusammen.
Das sind Daten. Nur Daten, wann Papa geschrieben hat. Erzähl aber bitte niemandem, dass er geschrieben hat. Einfach nicht.
Warum? Kathi behauptet, Papa ist tot und du heiratest Wagner, dass er dein Schatz ist.
Unsinn, Anneliese! Was für ein Quatsch. Wir haben Papa. Er lebt. Hör nicht auf die Leute, ja?
Das versprach Anneliese.
Im Frühling hieß es wieder Kartoffeln pflanzen! Auch Herr Wagner half als stiller Helfer auf dem Feld, blieb aber stets leicht brummig.
Und als der Sommer nahte, rief Kathi lautstark, dass Sabine wieder einen dicken Bauch habe und das Kind nicht von Papa sei, sondern vom Wagner!
Anneliese hatte längst bemerkt, dass Mama schwanger war. Über so etwas wurde in ihrer Kindheit aber nicht offen gesprochen. Und für sie war der neue Bruder oder die Schwester natürlich von Papa und Mama wie sollte es anders sein?
Etwas anderes hätte gar nicht sein dürfen…




