Das ist das Kind von Igor…

Das ist das Kind von Tobias…

Diese Geschichte geschah neulich in Stuttgart, in einer gepflegten Altbauwohnung im vierten Stock eines neunstöckigen Hauses. Dort lebte eine junggebliebene, berufstätige Rentnerin, eine alleinstehende Frau mit Namen Waltraud.

Ihr Leben lief in geregelten Bahnen wenig Außergewöhnliches, fast schon vorhersehbar: Rente, Arbeit, Freundinnen, gelegentliche Reisen zu den Enkeln, die eigene, betagte Mutter im Nebenort unterstützend.

Auch jener Tag war wie aus einem Briefmarkenalbum ausgeschnitten.

Am Morgen rief Waltraud ihre Mutter an, um sich nach dem Befinden zu erkundigen.

Ein Tag wie jeder andere also. Ein Sonntag. Sie arbeitete in Rente noch im Rhythmus 24 Stunden Dienst, drei Tage frei am Empfang einer Privatklinik, wo sie Anrufe entgegennahm und Termine koordinierte.

Und heute… Was war heute? Natürlich: Kochen und zu der Mutter gehen tägliches Ritual. Um ehrlich zu sein: eine Verpflichtung, die öfter mal ein Seufzen und Augenrollen provozierte.

Zweimal um die Ecke bis zu ihr keine Distanz. Kochen? Kein wirkliches Hindernis. Zumal die Mutter noch Reste von gestern im Haus hatte, Sauerkrautsuppe und Hefekuchen. Was wirklich nervte: der fünfte Stock ohne Aufzug…

Und dann ihre Klagen! Die Mutter wusste zu erzählen Dramen in mindestens drei Akten, von den Tücken sämtlicher Krankheiten und deren Höchstständen. Keine Lösungen nötig, denn die Diagnosen der Ärzte waren von der Mutter durchlaufen, reformuliert, mit Nachbarsweisheiten und Ratschlägen von Professorin Hannelore Mälzer aus dem Gesundheitsmagazin angereichert.

Waltrauds Hinweise wurden als Laienmeinung abgeschmettert was wusste sie schon, speziell über jene geheimnisvolle innere Medizin, von der die Mutter sprach? Und das, obwohl Waltraud 40 Jahre lang OP-Schwester in einer renommierten Stuttgarter Klinik gewesen war.

Was verstehst du schon! Welches Skalpell, haha?

Na ja. Ein Tag wie ein Tag.

In den Supermarkt wollte sie noch… Am Weg zur Mutter würde sie anhalten. Den Müllsack hatte sie schon in den Flur gestellt, trat zum Spiegel, um sich ein wenig Lippenstift aufzutragen. Für eine Frau in den Sechzigern sah sie erstaunlich jung aus nur feine Fältchen um die Augen verrieten das Alter. Kurzer, silbriger Haarschnitt, große Ohrringe, freundliches Gesicht, nur ein winziges Kräuseln an den Wangen war vielleicht aufgefallen.

Roggenbrot für die Mutter, gute Butter dazu, dachte sie sich, als es an der Tür klingelte.

Ihr Treppenhaus war mit Türsprechanlage ausgestattet. Wer mochte hier so früh klingeln? Bestimmt Frau Meinke, die Nachbarin. Waltraud hatte sie ab und zu zum Kaffee eingeladen.

Noch den Lippenstift in der Hand, ging sie zur Tür und öffnete.

Davor stand ein blasses Mädchen mit langen, hellen Zöpfen, gestreiftem Shirt, dunkelgrauer Hoodie, Jeans und Rucksack. All das bemerkte Waltraud später bewusst. Zunächst sah sie nur das Gesicht des Mädchens und das Baby, in ein braunes Tuch gehüllt, an ihrer Brust.

Die Augen schmal, angespannt; die Wangenknochen markant. Das Mädchen atmete hörbar, drängte sich ganz nah, schob ihr das Bündel in die Arme und sagte knapp:

Das ist für Sie!

Waltraud nahm das Kind wie aus Reflex den Lippenstift immer noch in der Hand , spürte das Gewicht, senkte den Blick… Gott! Ein Baby.

Als sie wieder aufsah, war das Mädchen bereits auf dem Weg nach unten.

Waltraud trat auf den Flur, unbewusst dem Mädchen nach. Wieso hatte sie ihr das Baby gegeben?

Das ist das Kind von Tobias, und ich muss studieren… Ihre Eilige Stimme verklang auf der Treppe.

Die Tür unten fiel ins Schloss.

Stille…

Waltraud stand noch eine Weile auf der Galerie, wartete, hoffte ein bisschen, das Mädchen käme zurück. Dann trat sie wieder in den Flur, blickte auf den Müllsack, dachte seltsam: Den Müll nicht vergessen, wenn ich zur Mama gehe.

Ein fremder Beutel stand nun auch im Flur. Sie hatte gar nicht bemerkt, wann das Mädchen ihn abgestellt hatte.

Erst danach wurde sie kalt.

Mein Gott! Ein echtes Kind. Hatte sie Tobias gesagt? Wirklich Tobias?

Mit dem Baby auf dem Arm kehrte sie ins Wohn- zimmer zurück, sank aufs Sofa. Ja, eindeutig, sie sagte Tobias.

Aber welcher Tobias?

Ihr eigener Sohn hieß Leonhard sie hatte nur ihn. Familiärer Mann, zwei Enkel für Waltraud, und alle lebten mit Leos Frau in Freiburg, während Waltraud in Stuttgart wohnte.

Ihr Mann war vor fünf Jahren gestorben Johannes.

Nichts ergab Sinn. Und dann regte sich das Kind in ihren Armen. O Gott!

Schnell legte sie das Baby aufs Sofa, wickelte es aus beigefarbener Overall, winziger Säugling, Schnuller in Froschform. Kaum älter als vier Wochen.

Na, du kleines Ding… Waltraud strich ihm über die Stirn, das Baby schmatzte mit dem Mund und döste gleich wieder ein.

Sie vermutete die Antworten im Beutel. Doch da fanden sich nur zwei Flaschen, eine Dose Pre-Milchpulver, eine Packung Windeln und Babykleidung.

Sie spürte ein zögerliches Warten, so als würde das Mädchen gleich wieder vor der Tür stehen, das Kind holen, sich entschuldigen, und alles wäre wie gewohnt: Müll, Supermarkt, Mutter…

Waltraud trug erst einmal ihr Make-up fertig auf, stand am Fenster, hielt Ausschau nach dem Mädchen.

Doch es kam niemand. Und was für eine Absurdität!

Nach einiger Zeit quengelte das Baby. Waltraud stand unbeholfen daneben. War das überhaupt ihre Aufgabe durfte sie es wickeln, füttern? Sie schaute immer wieder nach draußen. Wartete…

Schließlich musste der Overall aus. Darunter Strampelhose und Hemdchen.

Ein Mädchen.

Erst jetzt fiel Waltraud die ganze Verantwortung auf die Schultern. Sie begriff mit einem Mal: Das Mädchen hatte ihr das Kind zugeschoben!

Tobias… Tobias…

Könnte es sein…?

Ihr Sohn war in seiner Jugend ein wilder Vogel gewesen, wie oft hatte sie ihn wegen wechselnder Freundinnen ausgeschimpft. Sogar mit nach Hause brachte er manchmal welche mit. Doch das war lange vor seiner Ehe in entfernten Jahren.

Aktuell schien seine Familie zu funktionieren. Kleine Startschwierigkeiten, ja, aber jetzt, nachdem das Haus abbezahlt war, das Auto neu, die Kinder größer…

Na, du Süße. Nicht weinen, gleich machen wir dich frisch.

Mein Gott! Die Mutter hat ihr eigenes Kind abgegeben?

Ihrem Kopf war das alles noch nicht klar, aber die Hände griffen sicher zu den Windeln, rieben sie sauber, zogen das Stramplerchen wieder an, wiegten das nörgelnde Mädchen und gingen in die Küche Babymilch musste gemischt werden.

Da klingelte das Telefon. Mit dem Kind auf dem Arm rang sie nach dem Hörer.

Warum gehst du nicht ran? Die Mutter am Apparat.

Ach so, Mama. Was ist?

Bist du schon im Laden?

Noch nicht.

Weißt du, worüber ich mich freuen würde?

Sag einfach, Mama.

Birnen. Aber nicht die von letztem Mal, sondern die davor. Die mit dünner Spitze und roter Backe, weich bitte. Nicht so wie die letzten, die…

Das Mädchen zuckte auf ihrem Arm, machte Geräusche.

Okay, Mama. Ist gut.

Was ist denn bei dir los?

Nichts, Fernseher.

Fernseher… Mach aus, los, sonst ist das beste Brot weg!

Waltraud legte wieder auf, wiegte das Baby, las auf der Dose nach, wie man Milch mischt.

Was sollte sie bloß tun?

Leonhard!

Ende Mai… das bedeutet…, sie zählte die Monate. Im August war er in einer Dienstreise nach Leipzig. Tobias genannt? Könnte er wirklich so lügen?

Vielleicht. Männer eben, dachte sie. Und nach außen der perfekte, verantwortungsbewusste Mann. Wer weiß schon, was drinnen passiert.

Sie prüfte die Milch. Zu heiß, also unter kaltem Wasser abgekühlt.

Ihr linker Arm war schon taub. Sie war entwöhnt von solch winzigen Babys. Früher hätte sie acht Kilo- Kinder herumgetragen.

Was sollte sie tun? Die 112 wählen? Aber was, wenn das Leos Kind ist? Sie schaute das Baby intensiv an ja, eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer kleinen Enkelin war da.

Was dann? Skandal, Leos Frau würde das nie verzeihen. Und die Kinder?

Ach, der Gedanke machte sie schwindlig.

Hier, kleine Maus… tapfer.

Das Baby nuckelte, schmatzte zufrieden, Waltraud lächelte unwillkürlich. Sie merkte, wie sehr sie sich nach einem Kleinen gesehnt hatte.

Als die Kleine eingeschlafen war, legte Waltraud sie vorsichtig ab und rief Leo an. Doch die Nummer war nicht erreichbar.

Verdammt…

Sie entschied sich, abzuwarten. Bloß nicht dem Sohn schaden! In ihrem Herzen hoffte sie, das Mädchen würde umkehren. Keine asoziale Gestalt, eher eine schmale Studentin.

Nur… der Mutter wollte sie davon nichts erzählen. Sie ahnte lange Leidensgeschichten, Warnungen, nervenzerfetzende Vermutungen.

Stattdessen rief sie ihren Enkel Max an und erfuhr, dass Papa gerade zur Montage für Windkraftanlagen am Bodensee war dort gab es keinen Empfang, und erst übermorgen wurde er zurück erwartet. Aber mit Mama simste er am Abend, alles gut.

Ach Max, ihr hättet mich ja warnen können! brummte Waltraud.

Obwohl sie wusste, dass Leo ständig herumreiste und sie ihm wahrlich keine Meldung abverlangte. Aber dieser Umstand brachte sie einfach in Rage.

Sie rief ihre Schwiegertochter Birgit an, bat, Leo abends auszurichten, dass sie dringend auf einen Anruf warte.

Ist was passiert? Soll ich Leo was sagen? fragte Birgit.

Nein, einfach, dass ich warte. Vielen Dank!

Birgit versprach es.

Mama, mein Fuß tut weh, ich komme heute nicht, log sie hinterher ihrer Mutter am Telefon vor, aber du hast ja noch Gulasch, Brot reicht auch…

Die Mutter stöhnte, stellte Fragen, drohte den Aufstieg in den fünften Stock an, rief fünfmal zurück.

Nach dem Telefonat war Waltraud erleichtert, schlüpfte in ihr Hauskleid, setzte sich zur Kleinen und dachte nun langsam und klarer.

Vermutlich war sie einfach überrumpelt worden, als sie das Baby annahm. Andererseits ab und an werden Kinder an fremde Haustüren gelegt. So ist die Welt.

Was hielt sie ab, jetzt die Polizei zu rufen und das Baby wieder abzugeben?

Zum einen die Angst um ihren Sohn was, wenn es doch ein Kind von Leo war? Dann gar die Schuld. Und Anzeige machen, zur Polizei gehen, alles erklären? Außerdem bewegte sie das Gesicht des Mädchens fast mehr. Deren Blick haftete wie ein Abdruck an ihrem Gedächtnis: diese Mischung aus Verzweiflung, Wut und Gewissheit, das Richtige zu tun.

Aber beraten musste sie sich mit jemandem. Mit einer alten Freundin!

Brigitte, du wirst es nicht glauben mir haben sie ein Baby vor die Tür gelegt…

Brigitte war unaufgeregt und tat analytisch. Sie versprach, nach der Arbeit dazuzukommen.

Keine Panik, Waltraud, das klären wir! Nur nichts überstürzen.

Du meinst, noch nicht zur Polizei?

Warte etwas. Wir müssen Tobias finden.

Mein Gott, Brigitte, welchen Tobias?

Den Vater! Gibts in eurem Haus keine Tobiasse?

Keine Ahnung, über neunzig Parteien, neun Etagen. Die hat vielleicht die Wohnung verwechselt?

Möglich. Vielleicht aber auch Leo. Los, versuch, ihn zu erreichen.

Bis zum Abend verging der Tag voll Pflege für das Mädchen. Waltraud recherchierte im Internet Still- und Fütterungszeiten, las sich in Babypflege ein, badete die Kleine, massierte ihren Bauch, sang sogar ein Lied.

Und der Fuß? Und morgen dann nicht? nervte die Mutter.

Waltraud war überzeugt, dass sich alles bis morgen klärt, versprach, zu ihr zu kommen.

Brigitte kam nach Feierabend, nahm die Babykleidung genau unter die Lupe, befragte die Nachbarn. Sie sprach nicht vom Baby, erzählte stattdessen etwas von einem Brief an Tobias…

Na bitte! schlug sie fröhlich die Tür zu.

Leise! Das Mädchen ist gerade eingeschlafen.

Ach, so eine Kleine schläft immer. Sie lugte ins Zimmer, das Mädchen wachte prompt und weinte, Ich hab ihn gefunden! flüsterte Brigitte jetzt unnötig.

Im sechsten Stock, selbst Haustürseite, wohnte ein Tobias, der grundsätzlich als Vater infrage kam.

Ich schwöre, sie hat die Wohnung verwechselt, keuchte Brigitte vor Enthusiasmus, Komm!

Wohin?

Na, zu ihm, Tobias! Wir klären das jetzt.

Und wenn er alles abstreitet?

Wir kriegen das schon raus.

Brigitte, das ist doch Schmu! Da stehen wir da, und er hält uns für verrückt.

Willst du nicht die Wahrheit erfahren?

Waltraud wollte. Das Mädchen wurde geschaukelt, den Aufzug nahmen sie nicht, echt und leise stiegen sie die Etage hinauf, klingelten.

Ja? alte Stimme.

Wir suchen Tobias, antwortete Brigitte.

Eine kleine krumme Oma öffnete, blickte grimmig, winkte und schob sich tiefer in die Wohnung.

Tobi! Wieder für dich!

Brigitte ging mutig hinein, Waltraud blieb an der Schwelle. Ein Mann um die dreißig, Brille, Bart, bequeme Kleidung, erschien aus dem Wohnzimmer.

Ja? Gehts ums Handy?

Handy? Nein, es geht um etwas anderes. Sehen Sie, Waltraud hat Ihr Baby.

Betretenes Schweigen. Er schaute von einer zur anderen.

Mein… Baby? Die Augen traten ihm fast aus dem Kopf, Ne, ich hab kein Kind.

Aber im Haus hier gibts nur Sie als Tobias, insistierte Brigitte.

Ich hab wirklich keine Kinder, beteuert der Mann.

Tja, das müssen Sie erstmal beweisen. Waltraud wurde das Baby gebracht Wohnung verwechselt, vermuten wir.

Moment, ich erklärs mal, Brigitte. Ich wohne im Vierten, heute Morgen tauchte ein Mädchen auf, sprang rein, ließ mir ein Baby da und rief: Das ist Tobias Kind! Dann war sie weg. Ich kenne keinen Tobias. Sehen Sie?

Und warum ich? Er tippte auf seine Brust.

Wollen Sie es einfach nicht zugeben? musterte Brigitte scharf.

Doch, eben gar kein Kind! Wer war das Mädchen?

Sie hat sich nicht vorgestellt… Tut uns leid, wir haben uns wohl geirrt.

Waltraud zog Brigitte aus der Wohnung. Sie stiegen schon wieder hinunter.

Oder ich könnte helfen? Ich bin ITler. Wir könnten einen Aufruf machen: Mutter gesucht!. Foto vom Baby, Alter…

Nein, nein, danke, wiegelte Waltraud ab. Sie misstraute solchen Methoden und wusste: Gesetzlich Polizeiruf.

Schade, der Mann zuckte die Schultern, sagen Sie ruhig Bescheid, ich bin eh fast immer zu Hause.

Diese junge Generation! schüttelte Brigitte den Kopf, Meinst du, er lügt?

Nein. Eher so ein Computertyp, Couch-Kumpel. Kaum Frauenheld.

Leo meldete sich nicht, also wieder Birgit angerufen:

Oh, Entschuldigung, Mama, ganz vergessen. Heute war Schwimmbad, dann Fußball morgen braucht Max dringen die neue Ausrüstung, und Leo meldete sich auch. Was für ein Tag!

Hätte Birgit geahnt, was für ein Tag heute wirklich war…

Morgen, da rufe ich die Polizei! Doch kaum lag Waltraud im Bett, zog sich das Bild des Mädchens vor ihre Augen: Hoffnung, Angst und Verzweiflung und sie fragte sich, was geschehen würde, gäbe sie das Kind ab?

Die Nacht war furchtbar. Waltraud wachte beim kleinsten Geräusch, trug das Baby herum, machte die Flasche… Am frühen Morgen schliefen sie beide ein.

Sie wurde vom Mutter-Anruf geweckt.

Und, wie gehts dem Fuß? Heute kommst du?

Waltraud blickte hinaus, dann aufs Kind.

Ich komme.

Birnen kaufen, nicht vergessen und…

Kinder brauchen schließlich frische Luft. Sie knotete das Mädchen in ihr Tuch, zog sie an. Die Babykleidung war fast neu und schön. Sie gingen zum Supermarkt und plötzlich war der Einkauf gar nicht mehr so einsam. Nur der fünfte Stock…

Was ist das? staunte die Mutter.

Wer, nicht was. Nimm die Sachen, Waltraud reichte die Einkaufstüten und brachte das Baby ins Wohnzimmer. Sie musste selbst fast umfallen vor Müdigkeit.

Woher?

Ach, Nadja aus dem dritten Stock bat mich, eine Stunde auf die Kleine aufzupassen sie musste dringend zum Friseur.

Und dein Fuß?

Geht wieder.

Sie bestaunten das Mädchen beide. Für einen Moment gab es keine Beschwerden über Krankheiten.

Schau mal, wie sie den Finger greift. Wie süß! Wie heißt sie denn?

Ich hab den Namen gar nicht gefragt, ist ja auch nur für eine Stunde.

Ohne Namen! tadelte die Mutter kopfschüttelnd.

Am Heimweg dachte Waltraud ernsthaft über einen Namen für das Baby nach. Warum? Wer weiß. Aber sie wollte erraten, welchen Namen die Mutter vielleicht gewählt hatte.

Wieder zu Hause, SMS: Teilnehmer erreichbar. Leo!

Sie setzte sich mit der Kleinen auf dem Schoß gleich ans Telefon und schilderte alles verdattert.

Was? Mama, ich bin verheiratet, staunte Leo. Das ist ein Irrtum! Ruf unbedingt die Polizei an. Oder mach ich das?

Nein, nein. Nur sie ist eben hungrig und ich… Wir waren ja spazieren, und ich, frische Mischung geholt… gleich…

Mama, Polizei! Sofort. Ich mache mir Sorgen um dich…

Ach, hab dich nicht so, sagte sie und fing sich, ich hab mir halt viel eingebildet, und das Kind ist so… so süß…

Ach, du solltest Mal Fabians Tochter in Pflege nehmen! Mir ist das nicht geheuer.

Unsinn! Ich kläre das heute. Brigitte hilft auch…

Nicht heute, jetzt! Sofort! Ruf an.

Doch Waltraud tat es noch nicht. Die Kleine hatte Hunger, die Windel war zu wechseln so viel zu tun! Danach würde sie Brigitte anrufen… und…

Oh weh abgeben musste sie das Mädchen. Wohin? Wohl zur Kinderklinik. Sie überlegte, wohin genau. Aufgrund ihrer Berufserfahrung kannte sie alle Häuser, rang jedoch mit dem Gedanken: Nirgends hätte es das Baby besser als bei ihr.

Aber… sie hatte morgen wieder Dienst und das hier war eine Straftat: ein fremdes Kind zu behalten, ohne es zu melden…

Da hatte Leo Recht.

Sie seufzte und machte die Kleine fertig. Müde war sie, aber… wie erfüllend ihre Tage gerade waren!

Sie schliefen fast gleichzeitig ein die Kleine auf ihrem Arm nach einem letzten Fläschchen.

Der Wecker war dieses Mal das Klingeln an der Tür.

Waltraud zog vorsichtig ihren Arm unter dem Mädchen heraus, schaute durch den Spion und erstarrte. Sie öffnete.

Wo ist sie? Wo haben Sie sie abgegeben? Warum haben Sie nicht gleich was gesagt?

Vor der Tür stand, am Türrahmen haltend, genau diese unglückliche Mutter das Mädchen, das ihr das Baby gebracht hatte. Die Augen fahrig, hysterisch, barfuß in T-Shirt und Shorts, trotz der Kühle. Die Haare flatternd, außer Atem wie nach einem Sprint.

Was nicht gesagt? Waltraud war selbst noch halb im Schlaf.

Dass Sie es nicht sind, stammelte das Mädchen.

Wahrscheinlich, weil ichs doch bin, hob Waltraud die Brauen, und weil Sie so schnell weg waren.

Na, gut. Sie wissen doch, wo, oder? Sie wissen es doch? Sie flehte in den Augen so ehrlich.

Ja sie hatte erwartet, dass Waltraud wusste, wo ihre Tochter war, sie sollte es wissen, bitte, bitte!

Waltraud trat zurück.

Kommen Sie rein.

Das Mädchen kam hereingestürzt, wollte die Adresse hören, wo ihr Kind untergebracht war, und weiterhetzen auf der Suche nach ihm. Sie starrte Waltraud an, hoffend.

Sie schläft dort, antwortete Waltraud stockend.

Wo? Genau, bitte. Sie wissen es doch GENAU?

Genau da: im Schlafzimmer. Sie schläft.

Waltraud winkte, wies auf das schlafende Baby. Erst kam das Mädchen zögernd, dann, als sie ihre Tochter sah, knickte sie ein, sank auf den Teppich und brach in Tränen aus. Sie schluchzte so sehr, dass Waltraud sie aufrichten, ihr Wasser und dann Tee bringen musste und Schokolade, aus medizinischer Sicht.

Zwischen den Tränen erzählte das Mädchen doch: Sie hieß Annelie, ihre Tochter Mia.

Die Geschichte, so alt wie die Zeit. Ihr Kopf war so jung, fast grün vor Unerfahrenheit entschuldige, Feminismus. Sie studierte im selben Pflegeschulhaus, in dem auch Waltraud ihre Ausbildung erlebte, damals noch als Schwesternschule. Annelie kam vom Land, irgendwo bei Ulm.

Vergangenen Sommer verliebte sie sich in Tobias, Stuttgarter Student. Ein einziges Mal war sie in seiner Wohnung gewesen, Nummer 21. Mit Tobias. Er hatte anfangs die Verantwortung übernommen, vieles versprochen, auch dass seine Mutter helfen würde.

Nach Silvester: Funkstille. Handynummer tot.

Sie wusste von der Uni, dass er nach Hamburg gewechselt war, gleiche Fachrichtung. Adresse unbekannt. Vielleicht logen sie sie an.

Zu Hause? Vater und Stiefmutter der Vater verfluchte sie, schmiss sie raus, zahlte keinen Cent mehr.

Sie blieb hochschwanger im Wohnheimzimmer. Eine Tante unterstützte sie manchmal, aber studieren und leben… ein Drahtseilakt.

Tobias tauchte online ab und zu auf, aber letztlich ignorierte er sie und ihre Nachrichten.

Geboren hatte sie Mia hier in Stuttgart. Zurück ins Wohnheim ging nicht; vorübergehend half eine Freundin. Ihr Ziel: die Prüfungen schaffen und ins nächste Semester. Sie war eine gute Schülerin.

Doch wie das Schicksal so spielt alles brach zusammen: Freundin bat, sie auszuziehen, Geld war alle, zur Prüfung gehen? Unmöglich, Mia war auf den Armen. Und dann, in den sozialen Netzwerken, entdeckte Annelie die neue Freundin von Tobias, Bilder voller Glück, während sie weinte.

Da erinnerte sie sich: Meine Mama hilft. Sie wanderte, wie in Trance, zu Haus Nummer 21, gab Mia ab. Sie weinte, rannte zur Bushaltestelle, lernte abends, schlief kaum.

Am Morgen schrieb sie Tobias, lasse Mia bis nach der Prüfung bei seiner Mutter. Doch da kam heraus: Seine Mutter wusste nichts, er wusste nichts. Also raste sie zurück, in Shorts, Tränen, obwohl sie glaubte, das Baby sei bei Oma und es war bei einer fremden Frau.

Sie hatte das Haus verwechselt. Ihr Tobias wohnte in einem baugleichen Block, im Nachbarhof, ebenfalls in Wohnung 21.

Ich hab seine Mutter auf Fotos gesehen. Die sah Ihnen wirklich ähnlich! Sogar der Haarschnitt, und… Mein Gott, was hab ich getan!, sie verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Weißt du, wie man sagt: Wer ein Meisterwerk schafft, bitte nicht das eigene Werk verleugnen. Ich dachte immer, was für eine Mutter muss das sein, die dieses Kunstwerk verlässt? Doch jetzt sehe ich: Gut, dass du da bist. Gehst du jetzt zu Tobias Mutter?

Nein… Annelie schüttelte den Kopf. Ich bin fast verrückt geworden heute Nacht. Nein, niemals. Ich geh zurück ins Wohnheim, irgendwie weiter na ja. Ich hab Sie wohl sehr aufgeregt?

Ja, ehrlich gesagt schon. Ich musste an meinen Sohn denken der hat eine Familie, ich hab Angst bekommen… Und wir müssen uns noch bei Tobias Nachbarn entschuldigen. O Gott, was haben wir veranstaltet!

Sie erzählte von ihrem Ausflug zu Tobias im Detail. Da musste Annelie lachen durch die Tränen.

Der arme Mann! Soll ich hingehen, mich entschuldigen?

Ach! Du bleibst heute einfach hier. Ich lebe allein. Mein Sohn meint ja immer, ich solle ein Zimmer vermieten. Na, dann! Bleib.

Bei Ihnen? Nein, ich hab kein Geld!

Bleib für diesen Monat. Dann siehst du weiter. Wann ist deine Prüfung?

Übermorgen. Aber…

Gut, dann ab ins Schlafzimmer.

Annelie ließ sich in den Sessel plumpsen, während Waltraud das Gästebett fertig machte, sprach beruhigend auf sie ein.

Ich arbeite morgen. Du kümmerst dich einfach um Mia und paukst etwas. Heute holst du später deine Sachen. Im Kühlschrank findest du alles… Mia schläft eh noch viel. Milch hab ich frisch geholt. Aber du hast doch noch Stillen…

Als Waltraud sich umsah, schlief Annelie. Und daneben Mia.

Brigitte… flüsterte Waltraud ins Handy, Nein, ist nicht von Leo. Der hat angerufen… Und auch nicht vom Nachbarn… Hör zu! Sie schläft… Sie ist zurück. Und nein, ich setz sie nicht vor die Tür… Oh, wie gut, dass ich nicht bei der Polizei angerufen habe!

***

Das Stillen klappte, die Prüfungen schloss Annelie mit gut und sehr gut ab. Zu Waltrauds Mutter ging nun Annelie oft mit fünf Stockwerke…

Und Wunder! Die Mutter hörte plötzlich lieber auf Annelies Ratschläge.

Sie kennt sich schließlich mit den neuesten Dingen aus…

Nach der Prüfung stieg Annelie in die Schichtarbeit bei den Johannitern ein, Kontakte von Waltraud halfen. Gemeinsam teilten sie die alltäglichen Aufgaben die Medizin war für Annelie inzwischen Berufung.

Der Nachbar Tobias erkannte, dass seine Oma medizinische Betreuung brauchte. Spritzen, Salben Annelie erledigte das.

Im Herbst dann zog sie mit Sack und Pack und Mia zwei Etagen höher, um sich um die Oma von Tobias zu kümmern und ihr eigenes Herz von bitterer Enttäuschung über die ewige, perfekte Liebe zu heilen und ein Leben in Schönschrift neu zu anfangen.

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Homy
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