Zufällige Begegnung
Der Wintermantel von Kathrin wärmte längst nur noch von unten. Das meiste der Daunenfüllung war verrutscht, oben glich er schon mehr einem dünnen, vom Wind durchwehten Regenmantel. Unten retteten gestrickte Wollhosen und warme Filzstiefel, den wollenen Schal zog sie über die Schultern, die sie in die Ärmel schob, damit die Kälte nicht ins Mark kroch.
Das Auto, das ihre alte Handelsfreundin Annegret versprochen hatte, hatte sie im Stich gelassen. So standen sie nun, von Taschen und Koffern umstellt, am Straßenrand und hielten nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau. Es war klar, dass all ihr Gepäck unmöglich in ein einziges Auto passen würde, deshalb trennten sie sich, jede suchte ihr eigenes Glück.
Als Kathrin früher als Angestellte für ihre Chefin arbeitete, gab es diese Schwierigkeiten nicht. Doch das Geld reichte hinten und vorne nicht sie zog allein zwei Kinder groß und so hatte sie sich vor Kurzem entschieden, selbst mit Annegret auf Einkaufstour nach Polen zu fahren.
Mehr Geld brachte das auch nicht ein, die eingeführte Ware lag noch unverkauft zu Hause, doch Probleme gab es seitdem mehr als genug.
Täglich musste sie morgens die Ware auf den Flohmarkt bringen und abends wieder abholen, zu Hause bis in den vierten Stock schleppen in mehreren Gängen, falls der Sohn nicht da war.
Vor nicht allzu langer Zeit sang sie noch lautstark Wende, das ist unsere Chance!, jetzt hatte sich das Leben hässlich verändert: Der Betrieb, in dem sie arbeitete, war nach der Wende dichtgemacht worden, sie war entlassen, ihr Mann spurlos verschwunden übrig blieb nur, dass sie sich als Markthändlerin versuchte. Eigentlich hatte sie immer gedacht, für den Handel sei sie absolut ungeeignet.
Und so stand sie jetzt am Straßenrand, im Matsch, eigentlich noch immer eine junge Frau, doch die Lippen aufgeplatzt, das Gesicht gerötet von den ständigen Zugwinden beim Markt, die Augen tränend.
Die Autos donnerten vorbei und spritzten grauen Schneematsch hoch. Kathrin versuchte, nicht auf all das zu achten, blickte stattdessen auf die Dächer und die kahlen Bäume, wo der Schnee wenigstens noch weiß und clean lag. Im Leben gab es genug Schmutz, man musste nicht auch noch absichtlich draufstarren.
Dann hob sie wieder die Hand, winkte, diesmal hielt tatsächlich ein verschmutzter Opel.
Fahren Sie Richtung Kronprinzenstraße? Für einen fairen Preis?, fragte sie zur offenen Tür und verstummte sofort.
Sie erkannte ihn sofort. Es war, als wären all die Jahre nicht vergangen. Er hatte sich kaum verändert, vielleicht war er sogar besser geworden derselbe ernste, zugleich geheimnisvolle Blick, leicht gelüpfte Brauen, das sanfte Lächeln.
Während sie noch versuchte, sich zu fassen, war er schon ausgestiegen und lud ihre Taschen eilends in den Kofferraum.
Kathrin plumpste auf den Vordersitz, zog ihren Schal zurecht und suchte nach Gründen für ihr Aussehen sie wollte ihm erklären, warum sie heute so abgekämpft aussah. Bestimmt hatte auch er sie erkannt.
Oder …?
So viele Jahre. Wie viele?
***
Damals war sie zweiundzwanzig. Für ihr Diplompraktikum wurde sie in ein altes Forsthaus bei Rinteln im Weserbergland geschickt. Ihr Verlobter, Sebastian, wartete schon daheim in Hannover. Alles war geplant: Praktikum-Abschluss-Hochzeit.
Was sollten schon drei Monate Praktikum ändern? Nichts
Kathrin wurde in einem Zimmer bei Frau Margarete einquartiert, eine ältere, aber herzliche Frau, die ebenfalls im Forst arbeitete und mit ihrem schwerhörigen Schwiegervater lebte. Kathrin war von Natur aus aufgeschlossen, sie half mit, kümmerte sich mit Margarete um den alten Herren.
Eines Tages erlitt dieser vor Kathrins Augen einen Schwächeanfall. Sie lief zu den Nachbarn, doch niemand zu Hause. Auf einmal tuckerte ein Traktor die Straße entlang. Sie winkte, und ein junger Mann sprang heraus: groß, gut aussehend, ernster, rätselhafter Blick.
Sie rannten ins Haus, er hob den Alten, als wöge er nichts, trug ihn zum Traktor und setzte ihn aufs Vordersitz. Kathrin sprang hinterher, unruhig, ob alles gut gehen würde.
Sie schafften den Opa zu einer Krankenschwester im Ort, gerade als der Rettungswagen kam. Der junge Mann kletterte ebenfalls in den Rettungswagen, fuhr mit ihr mit.
Erst als der Alte sicher im Krankenhaus war, kamen sie zum Reden.
Er war ebenfalls im Forst tätig, wohnte sogar um die Ecke. Sein Name: Markus.
Es war inzwischen spät geworden. Sie hatten den Opa in der Klinik, Gott sei Dank rechtzeitig untergebracht, aber wie nach Hause kommen? Der Rettungswagen fuhr nicht mehr zurück über die matschigen Forstwege.
Komm, schlug er vor, die Mutter eines Freundes wohnt ganz in der Nähe. Da übernachten wir, morgen früh fährt uns einer der Männer mit.
Kathrin hatte ein gutes Gefühl, der Typ war anständig, keine falsche Berührung. Trotzdem, sie zögerte.
Ach, ist mir unangenehm. Ich übernachte im Krankenhaus. Ihr nehmt mich morgen mit, okay?
Wo willst du da schlafen? Auf den Stühlen? Keine Sorge. Frau Linde ist sehr herzlich, das Haus riesig. Ich leg mich eh mit Gerd in den Schuppen.
Kathrin ließ sich überreden. Markus hatte recht sie schlief, wie sie noch nie geschlafen hatte, auf dicken Federbetten. Am Morgen weckte sie Frau Linde mit einem freundlichen Lächeln.
Während sie Kathrin Frühstück machte, erzählte sie, dass Markus mal verheiratet gewesen sei, die Schwiegertochter sei aber davongelaufen, den kleinen Sohn hat sie ihm gelassen. Markus sei ein anständiger Kerl, hält Schweine, verkauft Fleisch, baut das Haus aus. Sie lobte ihn, als halte Kathrin schon halb um seine Hand an.
Kathrin lächelte. Sie hatte einen Verlobten Sebastian, jung, angehender Ingenieur, die Hochzeit war schon fast in Sicht. Außerdem, sie war selbstbewusst, voller Pläne, geschiedene Männer mit Kind interessierten sie nicht.
Doch nach diesem Zwischenfall lief ihr Markus immer öfter über den Weg draußen, beim Mittagessen im Kantinenhaus, beim Gang durch den Forst. Margarete kannte ihn gut, zusammen brachten sie den Großvater wieder nach Hause.
Der Markus ist verknallt in dich, neckte Margarete sie. Ich hab ihn gefragt, wie du bist, und er wurde knallrot. Ihr passt zusammen.
Ach was! Ich hab doch Sebastian!
Na und ist er schon dein Mann? Markus ist ein verlässlicher Typ. Der hat schon seinen eigenen Schweinestall. Sein Sohn braucht dringend eine Mutter.
Und Kathrin? Deren Herz schlug immer öfter schneller, wenn sie Markus sah. Er war aufrecht, strahlte Kraft aus, man spürte seine Wärme von weitem. Alle begegneten ihm mit Respekt.
Sprich lieber mit Prünzler, hörte sie von den Männern im Forst.
Sie galt als Dame reingeschneit übergangsweise ins Dorf, schlank, hochgewachsen, im schwingenden, milchkaffeefarbenen Mantel, so hell, dass er zum lokalen Schlamm gar nicht passte. Sie schwebte beinahe durch die nassen Gassen. Die Männer wurden wortkarger, trauten sich nicht zu fluchen, bemühten sich.
Gute Frau, was verschlägt Sie zu uns?
Kathrin, warte ich fahr dich rüber.
Es war nicht weit bis ins Dorf, doch es regnete, sie stieg zum Traktor von Markus.
Mit wem ist Ihr Sohn du, Markus?, fragte sie etwas steif, Männer mit Kind kamen ihr immer besonders erwachsen vor, dabei war Markus nur zwei Jahre älter.
Sag ruhig du! Mein Sohn ist bei meiner Mutter. Eine Nachbarin hilft manchmal. Er besucht den Kindergarten. Wächst schon…
Wie heißt er?
Leonard. Rascal wie sonst was musst immer auf der Hut sein. Die Oma kämpft schon mit ihm. Er sah sie an: Gefällts dir eigentlich überhaupt bei uns?
Warum nicht…
Warte nur. Wenns endlich taut, wirds grün bei uns. Wir haben tolle Ecken, da hinten fließt die Weser. Nur die Straßenbeleuchtung ist grad abgestellt. Aber das ändert sich, ich kümmer mich darum.
Sie fuhren durch die dunkle Straße. Der Gemeinderat hatte das Licht abgeschaltet, Strom war zu teuer geworden. Schon damals fiel auf, dass Markus Verantwortung für alles zu übernehmen schien.
Damals wusste sie noch nicht, dass diese Fähigkeit das Wichtigste an einem Mann ist.
Markus’ Aufmerksamkeiten wurden immer deutlicher er brachte Holz für Margarete, besorgte Medizin für den alten Mann. Aber Kathrin kämpfte mit ihren Gefühlen.
Nie konnte sie sich vorstellen, als Städterin hier hängen zu bleiben. Die Stadt hielt sie kaum fest, nur Sebastian und die Erwartungen der Familien. Sie sah, wie ihr Verlobter blass vor Kummer sein würde, wenn sie ihm von einer neuen Liebe erzählen würde. Die Mutter wäre enttäuscht.
Du willst in einem Kaff leben?, käme verständnislos. Und dann, dass ihr künftiger Mann ein geschiedener Schweinezüchter sei. Sie, akademische Hoffnung der Familie…
Abends, wenn nur das Heulen des Windes und Hundebellen zu hören war, malte sie sich aus, wie es wäre, mit Markus zusammen zu sein. Sicher würde er sie lieben, sie beschützen auch seinen Sohn liebevoll aufnehmen. Vielleicht kämen eigene Kinder dazu, die ihm ähnelten.
Aber noch fehlten ihr die Kraft und der Wille, dieses neue Leben zu wählen. War es Feigheit, zu wenig Erfahrung?
Eines Tages aber wurde alles klarer. Sie holte Wasser am Dorfbrunnen, als sie einen kleinen blonden Jungen am Brunnenrand herumturnen sah. Gefährlich! Hätte er reingeklettert, wäre er verschwunden. Kathrin eilte hin.
He, was machst du da! Ist gefährlich! Wo ist denn deine Mama?
Sie sah sich um, eine unscheinbare, graue junge Frau hetzte die Straße entlang. Der Junge riss sich von Kathrin los, klammerte sich heulend an den Rock der Frau.
Er wäre beinahe reingefallen, ich …
Leonard, nicht weinen, du weißt doch…
Die Frau warf ihr einen leicht abweisenden Blick zu.
Ich hab nicht aufgepasst. Danke.
Sie nahm Leonard an die Hand, ging mit ihm fort.
War das etwa Markus Sohn? Leonard? Kathrin erschrak. Ein fremdes Kind, an das sie sich erst hätte gewöhnen müssen…
Bald darauf kam Markus Mutter, Elisabeth, zu Kathrin. Weinend, erzählte sie, Leonard habe sich an die Nachbarin, Sabrina, gewöhnt, und Sabrina liebe Markus. Alles sei anders geworden, seit Kathrin da war sie habe Sabrina den Mann weggenommen.
Kathrin war fassungslos. Sie sollte die Verführerin sein? Dachte sie bislang doch immer, Markus habe ihr fast Sebastian weggenommen! Sie war doch selber das Opfer, doch nun sah sie sich als Auslöser einer kleinen Katastrophe.
Markus flehte sie an: Bleib hier, geh nicht zurück. Am Bahnsteig redete er endlos, seine Mutter und Sabrina hätten sich das alles zusammengereimt. Sabrina sei nicht die Richtige still, farblos, verkam in seiner Präsenz.
Sie ist ewig zurückhaltend, so Margarete, das passt nicht. Ihr
Doch Kathrin war verletzt und wollte nichts mehr hören. Sie würde niemandem im Weg stehen. Ihre Geschichte sollte eine andere sein, eine städtische. Mit jedem Zweifel an Markus war sie gleich wieder fest entschlossen, zu Sebastian zurückzukehren.
So stand er am Bahnsteig: kariertes Hemd, hochgekrempelte Ärmel, breite Schultern, die Stirn in Sorge gefurcht, der Blick leer. So erinnerte sie sich an ihn all die Jahre.
Sie weinte unter dem rhythmischen Schlagen der Zugräder.
So endete das Praktikum nach drei Monaten.
Doch die Jugend heilt viele Wunden. Sie machte weiter, drehte sich nicht mehr um, heiratete Sebastian, lebte das geordnete Ehe- und Familienleben.
**
Kathrin saß jetzt wieder im Auto, nestelte am Schal, suchte nach Rechtfertigungen bereit, zu erklären, warum sie so angeschlagen aussah. Sicher hatte er sie erkannt.
Oder? Sie hatte sich sehr verändert war kräftiger geworden, die Lippen offen, der Mantel lächerlich, der Schal
So viele Jahre. Wie viele?
Sechzehn. Ja, sechzehn Jahre.
Zunächst fuhren sie schweigend.
Ganz schön mieses Wetter, sagte sie schließlich, als ein Gegenauto eine Fontäne von Dreckwasser über den Wagen spritzte.
Hier in der Stadt, ja. Außerhalb ist die Luft klar, die Straßen überraschend frei.
Du bist also oft außerhalb?
Pendle hin und her. Geschäfte eben.
Danke fürs Mitnehmen. Der Wagen meiner Freundin ist ausgefallen. Normalerweile habe ich ein Auto, aber heute Ich zahl selbstverständlich
Er warf ihr einen langen Blick zu, und Kathrin wusste: Er hatte sie erkannt.
Hallo, sagte sie leise, sicherheitshalber.
Hallo, Kathrin!
Du hast mich erkannt? Ich dachte schon, du hättest mich längst vergessen.
Vergessen? Niemals, sein Blick kehrte auf die Straße zurück.
Kathrin spürte einen brennenden Schmerz irgendwo unter den Rippen, all die Erinnerungen: seine Hände, seine Stimme, sein Blick. Es wurde ihr plötzlich heiß, sie zog das Wolltuch vom Kopf.
Wie gehts dir, Markus?, hauchte sie.
Für einen Moment ließ er eine Pause, als warte er selbst darauf, aus dem Bann der Vergangenheit zu erwachen.
Und dir? Ich komm zurecht. Die Zeiten sind, wie sie sind. Du sicher auch
Und du? Noch beim Forst?, lenkte sie auf Gemeinsames ab.
Ach was, er lachte, den Betrieb gibts schon lange nicht mehr. Ich hab früh gekündigt. Mache mein eigenes Ding.
Klar jetzt ist das das Beste. Ach, deine eigene Farm? Sie erinnerte sich, dass Markus Schweine hielt und Fleisch verkaufte.
Farm, Firma und auch Handel. Wurst, Fleisch, alles.
Alle handeln jetzt, lachte sie.
Plötzlich erinnerte sie sich, den Namen Prünzler auf Würstchenpackungen gesehen zu haben Prünzler GmbH. Sie hatte gedacht, reiner Zufall.
Moment. Diese Würste, Frikadellen von Prünzler, die sind von dir?
Könnte man so sagen. Schmecken sie nicht? Er blickte sie mit traurigem Lächeln an.
Doch, doch meine Mutter fährt sogar extra für sie einkaufen. Das hätte ich nie erwartet…
Er sprach, als wolle er sich für seinen Erfolg entschuldigen.
Wir haben ganz klein angefangen. Den Stall vergrößert, zu viel Fleisch, zu viel Personal alle möglichen Leute haben ihren Job verloren. Wir haben improvisiert, dann kamen die erste Fabrik, später eigene Läden dazu.
Und alles allein gestemmt?
Ich hab ein Team. Aber ich bin der Chef. Viele aus dem Dorf sind immer noch dabei. Jetzt liefern wir im ganzen Bundesland.
Kathrin spürte, wie unpassend sie wirkte. Im verbeulten Wintermantel, Filzstiefeln einst die Großstadtdame im hellen Mantel, Markus der Landjunge. Jetzt war sie abgerutscht, er steil aufgestiegen sie hatten die Rollen getauscht.
Und dein Sohn?
Markus lächelte.
Drei.
Drei Kinder?
Genau drei Söhne. Und du?
Einen Sohn und eine Tochter, antwortete Kathrin und tupfte sich die Stirn.
Leonard ist bei der Bundeswehr, war im Auslandseinsatz. Wir sind fast kaputt gegangen vor Sorge, Sabine hat schon graue Haare davon bekommen. Aber im Frühling kommt er zurück, Gottseidank. Der Mittlere macht eine Ausbildung, der Jüngste ist noch in der Grundschule.
Sabine Also war er doch mit der unscheinbaren Nachbarin zusammengekommen.
Wie gern hätte Kathrin ihm jetzt gestanden, wie sehr sie ihren damaligen Entschluss bereute! Ihr war so oft danach Und jetzt, wo sie ihn sah
Sebastian war ein armseliger Ehemann gewesen. Anfangs war alles noch in Ordnung, er arbeitete in seinem Ingenieurberuf, zog mit ihr sogar nach Niedersachsen, sie bekamen eine Dienstwohnung. Die Kinder waren klein, vieles schwer, aber es ging.
Doch er fing bald an zu streiten, wechselte ständig den Job, trank zu viel. Sie verloren ihre Wohnung, zogen zur Schwiegermutter, und schließlich ging er fort. Es gab Krach mit der Schwiegermutter.
Kathrin hielt es nicht mehr aus, ließ sich scheiden und zog mit den Kindern zu ihrer Mutter. Der Vater, ihre Stütze, war da schon tot.
Wie gern hätte sie Markus alles erzählt, aber sie sagte stattdessen:
Mein Großer ist jetzt in der zehnten Klasse, meine Tochter in der achten. Die Zeit rast.
Ja, sie vergeht zu schnell.
Sie schwiegen. Über das Wichtigste hätte man reden können, doch jeder dachte, es sei nur für ihn so wichtig.
Kathrin spürte Schuld aber dann erinnerte sie sich an Markus Mutter und Sabrina. Sie war den beiden ja doch irgendwie nicht im Weg gestanden. Damals war es nur die eigene Verletztheit, ein naiver Stolz sie hätte ja niemandem schaden wollen.
Und du jetzt?, fragte er beiläufig.
Wie du siehst. Bin rausgeflogen. Jetzt mache ich mein eigenes Ding, sie strich sich die Haare zurück. Allein ist es schwer.
Und der Mann? Sebastian hieß er, stimmts?
Du erinnerst dich? Kathrin staunte.
Natürlich. Ich hab dich schließlich als Braut gesehen. Bin damals wie verrückt mit dem Auto bis in eure Hochzeitsgesellschaft hinterher gefahren.
Was? Sie drehte sich zu ihm.
Ja. Margarete hatte es mir einen Tag vorher erzählt: Kathrin heiratet morgen. Ich hab alles stehen gelassen, bin einfach losgefahren. Du sahst so glücklich aus. Da hab ich mich nicht getraut, dich anzusprechen. Ich bin heimgefahren und hab Sabine dann einen Antrag gemacht.
Oh Gott Hätte ich das gewusst…, sie fühlte sich ausgelaugt.
Damals hätte ich nur noch alles kaputt gemacht. Du warst strahlend und glücklich.
Vielleicht. Die Hochzeit war ein großes Ereignis, aber lange war ich nicht glücklich. Nach fünf Jahren war Schluss, ich zog samt Kindern wieder zu meiner Mutter.
Schade, nickte er.
Ich habs überlebt, sagte Kathrin trotzig. Ich kann mehr, als ich dachte. Die Kinder gehen ordentlich zur Schule, mein Großer will Arzt werden. Mir gehts gut. Und verkaufen muss ich halt auf dem zugigen Flohmarkt zwar, aber ich hab meinen Stammplatz. Es läuft schon.
Sie wollte ihm zeigen, dass sie nicht völlig gescheitert war. Vielleicht fehlte ihr der große Erfolg, aber sie kam klar.
Markus hörte schweigend zu, die Stirn leicht gerunzelt.
Und deine Frau Sabine?
Er zuckte die Schultern, dachte sichtlich an etwas anderes.
Sabine? Sie backt jetzt Brot.
Brot? Selbstgebacken?
Anfangs ja jetzt hat sie den Laden Das Backhäuschen. Kennst du den?
Ja, klar, war ich ein- zweimal. Ist sie die Chefin?
Genau. Extra für sie gebaut. Ihr Brot war immer gut, also haben wir das Geschäft ausgebaut.
Kathrin erinnerte sich: Eine Freundin hatte sie kürzlich in dieses Backhäuschen geschleppt, den Kuchen gelobt. Sie hatten die Besitzerin gesehen zierlich, tätige junge Frau mit kurzem Haarschnitt, im weißen Kittel mit roséfarbenem Schal. Ihr Gesicht hatte Kathrin seltsam vertraut gewirkt. Damals hatte sie sich gefragt, wie so eine junge Frau so erfolgreich sein konnte.
Jetzt ergab alles Sinn.
Das ist gleich hier, oder?, Markus bremste an, suchte nach der richtigen Adresse. Kathrin konzentrierte sich wieder.
Noch die nächste Querstraße.
Markus parkte, sprang aus dem Wagen.
Wie im Traum sah sie zu, wie er loslief, einen Strauß weißer Chrysanthemen aus einem der Blumenläden holte und ihr wortlos in den Schoß legte, ihre strickgrauen Hosen beschneidend.
Kathrin starrte auf die Blumen, ihre Augen verschwammen. Schnell wischte sie sich die Tränen weg hatte sie doch gerade noch behauptet, eine starke Frau zu sein.
Markus half ihr dann mit den Koffern bis zur Wohnung, der Treppenaufgang voller Graffiti. Sie drückte die Blumen an sich, fassungslos.
Kommst du noch mit rauf? Sie hoffte fast, er würde ablehnen. Im Flur herrschte Chaos, überall Ware, Kartons, Tüten ihre Mutter war zu Hause, sicher mit neugierigen Fragen.
Was soll’s, wenn er es gesehen hätte er hätte sie verstanden. Vielleicht sogar bemitleidet
Nein, Kathrin, ich muss los, heute gibts noch viel zu tun, sagte er, fasste sie am Handgelenk, hielt es einen Moment, als würde er Abschied nehmen.
Dann lief er die Treppe herunter und war weg.
Rufen? Alles erzählen?
Kathrin schaute ihm nach und begriff: Für ihn war es jetzt noch schwerer. Er nahm Abschied, sie würden sich nie wiedersehen. Und seltsam, das erleichterte sie.
Sie schleppte die Einkäufe in die Wohnung.
Gleich stand ihre Mutter im Flur, plapperte von Neuigkeiten, Problemen und Alltag Kathrin hörte gar nicht zu, fühlte noch immer seine Hand an ihrem Handgelenk. Sie zog die Filzstiefel aus, stellte sie auf die Heizung alles lief automatisch ab.
Dann setzte sie sich an den Tisch.
Mama, erinnerst du dich an den Jungen aus meinem Praktikum? Damals, in Rinteln, der junge Bauer, der Interesse an mir hatte?
Ach ja, ja, irgendwie… Warum?
Du meintest damals: Kein Gedanke Schweinezüchter und Dorfleben
Hab ich wohl gesagt. Wärst du heute nicht besser dran.
Ich hab ihn heute getroffen.
Getroffen? Wo denn?
Ist doch egal. Mama, bei den Prünzler-Wurstwaren das ist sein Unternehmen. Seine Frau die Besitzerin vom Backhäuschen.
Die Mutter hielt die Tasse in der Luft an. Dann stellte sie sie langsam ab, und ein tiefer Schatten glitt über ihr Gesicht. Nach einer Pause, wohl mehr zu sich selbst als zu ihrer Tochter, sagte sie:
Sich das Leben aussuchen das kann keiner. Wenn Menschen könnten, würden sie sich darum prügeln.
Kathrin tat ihre Mutter leid.
Schon gut, Mama. Wir kommen klar. Heute hab ich zwei Anzüge und drei Jacken verkauft. Wird schon!
Eben. Wüsste man nur immer vorher Doch die Nachricht ließ die Mutter nicht los.
Bald kam ihr Sohn nach Hause: groß, aufrecht, ernster, leicht rätselvoller Blick. Jetzt erst sah Kathrin, wie sehr er seinem leiblichen Vater ähnelte.
Und einst glaubte die ganze Familie, ein drei Kilo schweres Kind könne tatsächlich ein Frühchen sein? Natürlich glaubten sie ihr, niemand zweifelte an Kathrin. Sie war nie die Leichtsinnige gewesen.
Der Junge setzte sich.
Mama, bitte nicht böse sein. Ich arbeite neuerdings im Reitclub kümmer mich um die Pferde, wird nach Stunden bezahlt. Keine Angst, meine Schule leidet nicht, ich verspreche es
Kathrin lächelte schwach. Gestern hätte sie noch geschimpft, heute
Mach nur, Markus. Du bist alt genug. Jede Arbeit ist wertvoll. Und Geld wirst du brauchen. Ich bin nicht dagegen.
Er rührte glücklich in seinem Teller, warf verstohlene Blicke zur Mutter irgendetwas war anders an ihr, doch was?
Kathrin konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Sie weinte und trauerte nicht, nein. Es war ein seltsamer Zustand.
Sie betrachtete die weißen Chrysanthemen, dachte an das Schicksal, die Begegnung von heute, an das, was beiden noch bevorstand, jeder für sich neue Wege ins Ungewisse.
Jede von diesen Begegnungen trennt das Leben in ein Davor und ein Danach. So war es seiher wieder ein neuer Abschnitt.
Und es würde noch Überraschungen geben, noch Gelegenheiten für Glück und Wandel im Leben jedes Einzelnen auch wenn sie sich nie wieder begegneten, hatten sie einander geprägt.
Alles hat seinen Grund.
Und diese Begegnung heute war ihr wohl geschenkt, um etwas ganz Wesentliches zu begreifen.




