Eintrag im Tagebuch
Selbst heute, wenn ich daran denke, bekomme ich ein leichtes Kribbeln im Magen, als ob alles wieder von vorne beginnen würde.
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Donnerstag, 2. Januar
Katharina! Ich brauche sofort deine Hilfe! Als ich gestern früh morgens meine Freundin anrief, hörte ich mich selbst kaum wieder: Meine Stimme zitterte, mein Herz pochte bis zum Hals. Es ist wirklich ernst, mein Leben steht auf dem Spiel! In zwei Monaten muss ich mich von einer grauen Maus in einen Schmetterling verwandeln eine, an der keiner mehr vorbeisehen kann!
Am anderen Ende blieb es erstmal still. Im Kopf sah ich Catharina förmlich: hochgezogene Braue, das Telefon schief in der Hand, Mund leicht geöffnet. Ich wusste genau, dass sie den Kopf schütteln und sich fragen würde, ob ich übertreibe.
Was für ein Drama! kam es schließlich endlich zurück, mit der typischen Skepsis in ihrer Stimme. Zwei Monate… Na ja, theoretisch machbar, aber das wird viel Arbeit. Was ist passiert?
Ich strich mir gestresst durch meine stumpfen, splissigen, dringend schnittbedürftigen Haare. Welch Ironie! Fünf Jahre lang hatte Catharina immer wieder vorgeschlagen, zusammen zur Kosmetikerin oder ins Fitnessstudio zu gehen. Yoga, Joggen im Park, Pflegeprodukte ich hatte alles abgeblockt. Und ausgerechnet jetzt rief ich sie an und bat sie, mich zu retten.
Erinnerst du dich an den Typen aus der Dating-App, mit dem ich so lange geschrieben habe? versuchte ich, gefasst zu klingen. Aber meine Stimme flatterte noch immer. Ich atmete tief ein und fuhr fort: Alles lief super, und jetzt will er mich treffen.
Welcher von denen? lachte Catharina, und ich konnte sie vor meinem inneren Auge grinsen sehen. Sie machte sich gern darüber lustig, wie viele Versuche ich schon bei Online-Dates gesammelt hatte. Immer mit dem ironischen Spruch, ich solle ein Büro für “Prinzensuche” eröffnen. Sie kannte natürlich mein retuschiertes Profilbild und erinnerte mich unauffällig daran, dass irgendwann die Wahrheit ans Licht käme. Und ich entgegnete jedes Mal: Ach, wahrscheinlich treffen wir uns eh nie.
Der Sebastian! Du hast auch gesagt, der sieht nett aus groß, blond, blaue Augen, erwiderte ich eilig.
Ach der, ja, kam es etwas zögerlich zurück. Und jetzt?
Er will zu den Winterferien nach Hamburg kommen! platzte es aus mir heraus. In zwei Monaten steht er plötzlich vor meiner Tür! Wir schreiben ständig, alles ist so… ich habe Angst, dass er enttäuscht ist, wenn er mich in echt sieht. Das Foto, meine Figur, meine Haare… ich bin eben in natura nicht so poliert.
Jede Sekunde, in der sie nichts erwiderte, wurde mir banger. Ich wollte, dass sie einfach sagt: Keine Sorge, du bist toll so, wie du bist!
Und warum hast du dann überhaupt zugestimmt? fragte Catharina nüchtern. Sie konnte Online-Dates ohnehin nie ernst nehmen. Könnte ja jeder sein, der da schreibt.
Weil er nicht locker gelassen hat… sagte ich kleinlaut. Ich hatte einige Nächte nachgedacht, das Für und Wider abgewogen, aber letztlich einfach zugesagt. Er hatte so charmant geschrieben, so interessiert gefragt… alles fühlte sich für einen Moment richtig an.
Na gut. Dann packen wir es an! seufzte sie irgendwann. Sie war immer die Macherin in unserer Freundschaft. Wir haben wenig Zeit, aber noch ist nichts verloren. Du solltest dir echt mal drei Wochen Urlaub nehmen anfangs wird dein Körper nicht wissen, wie ihm geschieht nach unserem Sportprogramm.
Sport? Fitnessstudio? mir wurde schon beim Gedanken an Gewichte und Laufbänder ganz flau.
Sportstudio, ausgewogene Ernährung, neue Routine, Selbstfürsorge, das volle Programm, zählte sie sachlich auf, als ginge es um eine Einkaufsliste. Mit ein bisschen Schminke allein ist es nicht getan.
Ich nickte obwohl sie es nicht sehen konnte und stellte mir die schweißtreibenden Stunden und endlosen Treppen vor. Doch dann fiel mir wieder Sebastian ein, seine fröhlichen Nachrichten, sein Lächeln und das reichte, mich nicht doch einfach aufs Sofa zurückzuziehen.
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Die ersten Wochen waren furchtbar. Morgens um sieben klingelte der Wecker und mein einziger Instinkt war es, mich noch fünf Minuten tiefer ins Bett zu graben. Catharina hatte einen genauen Trainingsplan geschrieben.
Ich begann mit Gymnastik: sieben Minuten, dann zehn. Nach jeder Einheit schmerzten alle Muskeln bis in die Fingerspitzen, vor dem Spiegel erkannte ich mich kaum. Aber Catharina hatte Adleraugen und Verständnislosigkeit für Ausreden.
Du kannst mehr, glaub mir, sagte sie jedes Mal mit derselben ruhigen, aber entschlossenen Stimme. Noch eine Runde, komm. Wir haben noch einen Monat.
Mit der Ernährung ging es genauso rigoros weiter. Früher hatte ich zum Frühstück ein Brötchen vom Bäcker und einen Latte Macchiato, manchmal auch nur einen Müsliriegel unterwegs. Jetzt gab es Haferflocken mit Obst, Vollkornbrot, Salate mit Nüssen und Avocado, mageres Hühnchen, Quark mit Leinöl und zum Trinken nur noch stilles Wasser. Kekse und Gummibärchen mussten ganz oben in den Schrank, wo ich sie nicht spontan greifen konnte.
Es sind nur acht Wochen, redete ich mir immer wieder ein. Zwei Monate Disziplin, das geht.
Mit der Zeit wurde es leichter. Ich entdeckte neue Rezepte, machte selbst gesunde Aufstriche, lernte, worauf mein Körper wirklich Lust hatte. Mein Teint verbesserte sich, ich wirkte wacher, manchmal sah ich im Spiegel tatsächlich einen Hauch von Frische.
Catharina blieb hartnäckig und ermutigend. Nach und nach lernte ich, wie ich mich am besten pflegen konnte neue Frisur (endlich waren die kaputten Haare weg!), schöne Nägel, ein freundliches Tages-Make-up, das meine Augen hervorhob, und Kleidung, die mir stand und nicht nur bequem war.
Am schwierigsten war der innere Wandel. Früher hatte ich Blicke vermieden, Kopf eingezogen, leise und schnell gesprochen. Jetzt zwang ich mich dazu, aufrecht durch die Straßen zu gehen, Blickkontakt zu halten und freundlich zu lächeln.
Erst war es seltsam, sogar unangenehm, doch Catharina erinnerte mich immer daran:
Die Leute sehen dich, weil du toll aussiehst. Genieße es!
Mit jedem Tag wurde ich entspannter, wurde sicherer. Kollegen sprachen mich an, sprachen über meine Ausstrahlung, wollten plötzlich wissen, woher meine neue Bluse war oder ob ich Tipps für gesunde Ernährung hätte. Im Café nebenan begrüßten mich die Bedienungen mit Namen, auf der Straße zwinkerten mir fremde Männer zu.
Andreas aus dem Marketing suchte neuerdings oft das Gespräch. Wir hatten uns immer mal gesehen, aber nach meinem “Makeover” nahm er mich wirklich wahr. Lustige Bemerkungen im Vorbeigehen, ein gemeinsamer Kaffee in der Mittagspause, Komplimente über mutige Farben bei der Kleidung. Ich wurde verlegen, aber innerlich stieg Freude in mir auf. Mein Gedanke war trotzdem immer: Ob Sebastian all das merkt?
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Eine Woche vor Sebastians Besuch stand ich zuhause vorm Spiegel. Ich sah mein neues Ich: fit, gepflegt, mit offener Haltung und halbwegs selbstsicherem Blick. Ein bisschen Unsicherheit blieb, aber ich wusste, ich hatte gearbeitet, statt einfach nur abzuwarten.
Catharina kam vorbei, begutachtete alles und nickte stolz. Genau in dem Moment vibrierte mein Handy. Sebastian. Ich las und las die Nachricht es änderte sich nichts. Er konnte nicht kommen, hatte spontan keine Zeit.
Mir kamen fast die Tränen alles umsonst? Catharina setzte sich neben mich, legte beruhigend ihre Hand auf meine Schulter.
Weißt du, vielleicht ist das sogar besser so, sagte sie leise, fast behutsam.
Aber warum? Ich hab mich so angestrengt, erwiderte ich verwirrt.
Du brauchst keinen Sebastian, um jemand zu sein. In den letzten zwei Monaten hast du gelernt, dich anzunehmen, dich zu zeigen, und nicht bloß für andere zu leben. Das kann dir keiner mehr nehmen.
Sie hatte recht. Ich hatte mich selbst überrascht mit allem, was ich geschafft hatte. Sebastian war plötzlich gar nicht mehr das Wichtigste.
Weißt du was? Ich atmete tief ein und fühlte eine ganz neue Stärke. Ich geh heute mit Andreas ins Theater. Er fragt mich schon seit Tagen.
Catharina lachte, richtig herzlich. Sie drückte mich fest und sagte:
Das ist meine Katharina! Ich wusste, du schaffst das. Jetzt geht alles erst richtig los.
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Der Theaterabend mit Andreas war ein Glücksfall. Ich zog ein Kleid an, das ich mir dafür gekauft hatte, und als Andreas mir einen Strauß Tulpen überreichte, fühlte ich mich wunderschön weil ich mich selbst so empfand. Das Beste: Es war leicht und unkompliziert, wir amüsierten uns, gingen später noch durch die Speicherstadt spazieren, lachten, redeten offen.
Irgendwann, als wir schweigend auf einer Bank am Jungfernstieg saßen, sah ich zu den beleuchteten Fenstern. Luftig, ruhig, zufrieden. Ich sagte Andreas, wie schön der Abend war, und er sah mich an genauso, wie ich es mir immer gewünscht hatte.
Catharina beobachtete uns von weitem, lächelte, ließ sich leise in einer kleinen Kaffeebar nieder und scrollte durch alte und neue Fotos von mir. Was aus mir geworden war, war mehr als ein äußerliches Make-Over.
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Drei Monate später war Andreas Teil meines Lebens. Kinoabende, Spaziergänge an der Elbe, gemeinsames Frühstück am Wochenende und ganz viel gegenseitiges Verständnis. Unsere Beziehung war gewachsen, weil ich jetzt wusste, was ich wollte und was nicht.
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Am Tag meiner Hochzeit, ein Jahr später, stand ich wieder vorm Spiegel diesmal in einem schlichten, wunderschönen Kleid aus Spitze. Catharina zupfte mein Haar, lächelte und sagte leise: Du bist die schönste Braut, die ich je gesehen habe.
Es war keine Übertreibung mehr sondern ein tief empfundenes Kompliment. Ich sah mein Glück, meine Entwicklung, das alles, was ich mir und dem Leben selbst abgetrotzt hatte. Andreas kam herein, ergriff meine Hand, schaute mich an, als wäre ich alles, was er je gesucht hatte.
Ich bin Katharina, und ich bin glücklich. Nicht wegen Andreas, nicht wegen Sebastian, nicht wegen Komplimenten oder Applaus. Sondern weil mir Catharina gezeigt hat, dass ich all das Gute verdiene so wie ich bin.
Vielleicht ist das der größte Lernerfolg meines Lebens.




