Ich will leben, Andreas!
Herr Doktor Georg Schneider, Herr Schneider, was ist nur mit Ihnen?
Die Krankenschwester Hannelore griff nach dem Ärmel des Chirurgen. Doch sie konnte ihn nicht halten; erschöpft lehnte er sich an die Wand, den Kopf tief in die Armbeuge gesenkt, und schwieg.
Hannelore dachte sogleich, mit einem Anflug von Stolz auf das Pflegepersonal, wieder daran, wie sehr sich Ärzte für ihre Patienten aufzehren, beinahe bis zum Umfallen arbeiten und das wird nie wirklich geschätzt. Der Patient, den Herr Schneider eben noch operiert hatte, würde das ohnehin nie sehen.
Herr Schneider, was haben Sie denn? Ich kann gleich…
Nicht nötig, der Arzt löste seine Stirn von der Wand, taumelte zur Tür der Ärztestation und drehte sich noch zu Hannelore um, Alles in Ordnung, machen Sie sich keine Sorgen.
Georg ließ sich erschöpft auf das braune Ledersofa fallen und schloss kurz die Augen. War denn wirklich alles in Ordnung? Solche Schwindelanfälle kannte er inzwischen wohl Überarbeitung, am wahrscheinlichsten.
Früher hatte er noch echte Wochenenden gehabt. Da konnte er nach all dem Krankenhaus-Trubel der Woche wirklich abschalten: mit seiner Frau Freunde besuchen, mit den Kindern in den Englischen Garten fahren.
Jetzt aber… Wenn alle Ärzte für drei Kliniken arbeiten, wie soll es da Erholung geben? Dazu war das nun sein zweites Eheglück Lisa, seine Frau, war einiges jünger, die Kinder auf dem Gymnasium, und die Ausgaben liefen. Und… ja, er wollte auch endlich ein neues Auto.
Aber das war nicht das Wichtigste. Viel bedeutender war, dass Georg es gewohnt war, gebraucht zu werden, er wollte der Beste sein, wollte anerkannt werden, von ärztlichen Erfolgen träumen… Das hatte die letzten zwanzig Jahre auch alles geklappt. Patienten rannten ihm die Türe ein, Kollegen schätzten ihn, er wurde eingeladen, ihm wurde viel versprochen, und er verdiente gut.
Paul, er rief seinen Anästhesisten-Kollegen, ist deine Ines heute im Dienst?
Grüß dich, Georg. Ja, die ist heute da.
Und am Ende des Tages lag Georg bereits bei Ines im MRT, lauschte den unangenehmen Geräuschen, über die selbst die Musik aus den Kopfhörern kaum noch hinwegtäuschen konnte.
Da kam plötzlich diese Angst, so stark, dass er am liebsten sofort den Notknopf drücken wollte, damit sie ihn befreiten aus dieser Röhre, die wie ein Mühlstein auf dem Herzen lag. Er versuchte sich abzulenken, an etwas Schönes zu denken. Aber was gab es denn noch, woran man sich gern erinnerte?
Sein Gedächtnis wanderte die Treppe seiner Lebensstationen müde hinab. Zweite Ehe… da war er längst Chefarzt, Familienvater, und sie, Lisa, war die junge Grundschullehrerin seiner Tochter Miriam. Doch selbst die Erinnerungen prallten an den hämmernden Tönen des MRT ab Arbeit, zu Hause, Arbeit. Die erste Ehe war schlimmer, eine unschöne Scheidung. Diese Erinnerungen ließ er gleich ganz aus.
Studentenzeit? Ja! Die ersten vier Jahre!
Da fand sein Gedächtnis Halt, wurde abgelenkt, und die Geräusche des MRT waren für einen Moment vergessen. Ferien auf dem Bauernhof, Medizinsommer unter Freunden, Karla aus der Mensa, in die alle verliebt waren…
Georg, Victor und Andreas drei Medizinstudenten, die sich bereits beim Auswahltest befreundet hatten. München war für alle neu, sie wohnten im Studentenwohnheim.
Andreas, der Brillenträger aus einem niederbayerischen Nest, ein nachdenklicher, ein wenig verträumter Junge mit unglaublicher Ausstrahlung. Seine ruhigen, klugen Worte und die blauen, tiefgründigen Augen hinter der Brille hätten jedem gut getan.
Andreas hatte ein phänomenales Gedächtnis, wusste jedes Prüfungsthema auswendig, konnte jede Frage beantworten.
Victor war das genaue Gegenteil. Ein stattlicher Bursche aus einem thüringischen Dorf, immer laut und sorgenfrei. Er war ständig in Aktion, schrieb Spickzettel, knüpfte schon beim Einzug Kontakte auf dem ganzen Flur und redete mehr, als er lernte.
Auch Georg bangte um die Prüfungen. Es schien ihm, er sei der einzige, der es nicht packt. Andreas Wissen und Victors Redegewandtheit staunten ihn. Doch von den Vieren im Zimmer bestand nur Michael die Aufnahmeprüfung nicht; Georg, Victor und Andreas blieben Freunde.
Im ersten Jahr gab es noch kein Zimmer im Wohnheim und Andreas fürsorgliche Mutter, Frau Bärbel Weiss, war eigens angereist und fand eine kleine Wohnung für die drei Jungs.
Gott schütze euch, Jungs! Kommt gut miteinander aus, sagte sie zum Abschied herzlich, als sie nach ein paar Tagen zurückfuhr, nachdem sie einen Monat lang Tiefkühlgerichte vorgekocht und alles für ihren Sohn vorbereitet hatte.
Donnerwetter, Frau Weiss, deine Mutter ist ne Wucht, Andreas. Was macht sie denn beruflich?
In einem Klosterladen, antwortete Andreas kauend.
Wo? Beide schauten überrascht.
Sie verkauft Kerzen in der Kirche. Und noch anderes…
Sie ist also gläubig?
Klar. Ich bins auch, kam es leise von Andreas.
Die Blicke der Freunde glitten zu den kleinen Ikonen am Fensterbrett.
Sind das etwa deine? Ich dachte, die hätte Frau Weiss vergessen.
Nein, hat sie extra für mich dagelassen.
Victor war wie immer direkt:
Seid ihr nicht ein bisschen schräg drauf? Warum dann Medizin studieren, wenn ihr an sowas glaubt? Nach dem Motto: Gott hilft…
Der Arzt heilt den Körper, Gott die Seele, sagte Andreas ruhig, und die Jungs zuckten nur mit den Schultern.
Über Glauben sprachen sie danach selten. Sie merkten nur, dass Andreas sich bekreuzigte, aber diskret, unaufdringlich. Andreas war ein guter Student, war immer besonnen und schlichtete Streit zwischen dem hitzigen Victor und dem sturen Georg mit klugen Worten.
Solche Kleinigkeiten des Alltages schienen ihn wenig anzurühren. Wenn Victor und Georg sich über Hausarbeit aufregten, nahm Andreas einfach den Lappen und wischte den Boden.
Ist doch keine große Sache. Besser putzen als sich aufzuregen…
Und die anderen machten aus Verlegenheit mit.
Vielleicht half Gott Andreas, vielleicht war er ein Talent von Geburt, aber er bestand das erste Semester mit Bestnote. Sein Latein klang, als hätte er es von klein auf gelernt. Er war das verbindende Band in der Freundschaft.
Und er verliebte sich als erster. Über den Fachschaftsrat lernte er schließlich Marianne kennen. Klein, mit schwarzem Pony, lebhaft und gütig. Schon ab dem zweiten Jahr waren sie stets händchenhaltend unterwegs.
Victor aus dem Dorf entpuppte sich wider Erwarten als engagierter Praktiker. Bereits im zweiten Semester sprang er beim Rettungsdienst ein, fiel bei den Kliniken als zuverlässig auf und bekam wichtige Aufgaben.
Georg lernte gewissenhaft, ohne große Leistungen, aber mit Interesse. Er wollte einfach ein guter Arzt werden.
***
Der MRT schob Georg in die Freiheit. Er atmete tief durchs Fenster ein. Wo kam nur diese plötzliche Platzangst her?
Ines trat herein, begann das Gerät zu lösen.
Und, Ines? Schon nachgeschaut?
Noch kurz, der Radiologe schreibt gleich den Befund. Ich rufe dich, wenn es fertig ist, dabei wich ihr Blick seinem aus, bestimmt nur, weil sie auch müde war.
Ich hole die Bilder lieber morgen. Ich will nach Hause.
Doch noch bevor er sein Arbeitszimmer verließ, rief Ines und brachte ihm selbst den Befund, die CD und die Aufnahmen.
Georg, du bist Arzt, du verstehst alles. Bitte schiebe nichts auf. Geh zu Professor Althaus. Er soll draufschauen.
Georg überflog den Befund, legte zuhause die CD in den Computer, starrte lange auf die Bilder, ohne wirklich zu begreifen, dass das seine eigene Schädelaufnahme, sein Gehirn und seine Entzündung war klar und deutlich.
Es fühlte sich an, als betrachtete er das MRT eines Patienten, nie sein eigenes. Selbst auf dem Nachhauseweg kam das Bewusstsein nicht. Es durfte einfach nicht wahr sein.
***
Professor Althaus war der beste Neurochirurg der Klinik.
Ich könnte es freundlicher ausdrücken, aber du bist selbst Chirurg, besser als ich. Wozu beschönigen? Du siehst es ja selbst…
Es sieht schlimm aus, das ist das Ende?
Ach, der Neurochirurg zog die Stirn kraus, rutschte auf dem Stuhl, Jetzt fang bloß nicht wie eine hysterische Patientin an! Du weißt, alles liegt in der Hand des Chirurgen und vielleicht auch Gottes.
Es kommt mir unwirklich vor, einfach so. Gerade wollte ich zum Medizinerkongress nach Berlin, mit der Familie entspannen. Und jetzt… Was würdest du an meiner Stelle tun?
Ich würde nach Berlin fahren, aber in die Klinik von Dr. Schilling. Die haben die beste Statistik, absolute Innovationen. Nur…
Nur was?
Dr. Schilling operiert nicht mehr selbst, aber sein Team ist spitzenmäßig. Leider: Warteliste ein Jahr im Voraus. Wie du da reinkommst, keine Ahnung… Aber für Kollegen sollten sich Wege finden. Du bist ein Arzt mit Handschlag. Lass es uns versuchen…
Georg arbeitete, operierte, schrieb Diagnosen. Schmerzen machten ihm kaum zu schaffen nur gelegentlich Schwäche und Schwindel, doch die wusste er zu umgehen.
Er begann Kontakte nach Berlin zu suchen. Doch Althaus hatte recht es war nahezu unmöglich.
Schließlich musste er seiner Frau beichten, sie startete sofort die Kofferaktion für Berlin.
Lisa, ich muss allein nach Berlin fahren.
Was? Wieso das? Sie legte die Bluse aus der Hand, schaute verletzt, Bist du verrückt? Und die Kinder?
Es ist keine Tagung, kein Konzert, ich muss in Behandlung. Ich habe einen Gehirntumor… Die letzten Worte sprach er langsam aus, und allein als er sie sagte, glaubte er es. Davor hatte er sich geweigert, es zuzulassen.
Lisa blickte ihn an, Tränen stiegen in die Augen.
Mein Gott… Georg… Wie konnte das passieren? Heißt das… Ich muss doch mitkommen.
Nein, Lisa, noch ist keine OP geplant. Es kann sein, dass ich warten muss… Vielleicht lange.
Ist es so ernst, Georg? Sie setzte sich zu ihm, Erzähls mir…
Und wie ein kleiner Junge, die Nase schnäuzend, begann Georg, statt als Arzt, ganz durcheinander, von seinen Ahnungen, von den Untersuchungen, den Ergebnissen zu berichten. Auch von seinen Hoffnungen, der verstrichenen Zeit, den Ängsten…
Lisa hörte zu, mit ihrer Bluse im Schoß, schweigend, die Stirn gefurcht. Er war einfach froh, seiner Seele Luft machen zu dürfen. Er dachte, mit seiner ersten Frau hätte es solche Gespräche niemals gegeben.
***
Zeugen Jehovas lehnen Bluttransfusionen ab, sie berufen sich auf die Bibel: Du darfst das Fleisch mit der Seele, mit dem Blut, nicht essen.
Es war das vierte Studienjahr und die Freunde saßen in der Vorlesung.
Geistliche lehnen die Organspende ab, obwohl das Gesetz sie erlaubt. Die Kirche ist gegen jede Methode, Kinder außer durch natürliche Geburt zu empfangen. Sie verdammt sogar Leihmutterschaft und alle Eingriffe in die Entstehung. Das sind nur ihre eigenen, fragwürdigen Dogmen. Kirche und Medizin, sagt man, schließen sich gegenseitig aus.
Das stimmt so nicht, kam ruhig aus dem Saal.
Wie meinen Sie? Wer war das?
Ich, Andreas stand auf, Kirche und Medizin helfen beide dem Menschen, ein gutes Leben zu führen.
Wollen Sie widersprechen?
Wozu streiten? Es ist einfach so, sagte Andreas und setzte sich.
So einfach nicht! Kommen Sie nach vorn. Nehmen Sie Stellung! Der Dozent lächelte gewitzt; aus seinen Augen verschwand die Müdigkeit.
Andreas ging ungern nach vorn. Der Dozent fragte Andreas antwortete ruhig.
Die Kirche sorgt sich um die Seele. Wenn ein Paar keine Kinder bekommen kann, rät sie zu Demut. Vielleicht hat Gott einen anderen Weg. Künstliche Befruchtung mit Samen des Ehemanns ist kein Problem. Nur mit drittem Spender wird es abgelehnt, weil das die Ehe verletzt und verantwortungsloses Vatersein fördert.
Und Leihmutterschaft? Da kommen Zellen der Eltern zusammen…
Aber auch an die Leihmutter ist zu denken. Das verkompliziert alles, für Mutter und Kind…
Ach, Unsinn! schimpfte der Dozent, Die Orthodoxie sollte an die Seele denken, aber auf Kosten des Glücks? Ich sah überzeugte Gläubige, die das Herz ihres verstorbenen Sohnes nicht für eine Organspende gaben. Ein anderes Kind starb. Ist das christlich?
Ja. Sie konnten es nicht geben.
Da haben Sie uns offenbart: Religion als Opium fürs Volk! Am meisten verbreitet und eine große Gefahr für die Medizin, nun war der Dozent richtig in Fahrt, ruderte wild und sprach fast wütend, Die Kirche hat Angst, dass der Mensch Gott übertrumpft. Dann verlöre die Kirche ihren Einfluss.
Der Dozent bemühte sich, Andreas Argumente auszuhebeln, doch Andreas blieb gelassen, sprach verständlich, zitierte die Bibel. Im Grunde verteidigte er mit seinem Glauben auch seine Mutter, das kleine Backsteinkirchlein im Dorf, zu dem ihn schon die Großmutter führte, und alle Gläubigen und sich selbst.
Die Studenten hörten gebannt zu. Der Dozent schimpfte und redete sich immer mehr in Rage. Am Ende war klar: Die Zuhörer entschieden, dass Andreas die bessere Haltung hatte.
Von diesem Tag an bekam Andreas Schwierigkeiten vors Sprechszimmer beim Dekan zitiert, kam er niedergeschlagen zurück, redete wenig. Nur mit Marianne sprach er offen. Und sie schwieg eh diskret.
Andreas erschien im fünften Jahr nicht mehr an der Uni. Sie erhielten einen Brief: Sein Weg sei ein anderer, er verabschiede sich freundschaftlich und dankt. Die Freundschaft solle bleiben.
Georg und Victor waren schockiert. Der Beste von allen! Hochbegabt er könnte ein großartiger Arzt werden… Fast hätte er das Studium beendet! Wie konnte er nur?
Sie trafen Marianne. Sie schwieg. Erst als sie am Wochenende zu Andreas Heimatdorf fuhren, empfing Frau Weiss sie freundlich. Ihr Sohn habe das Priesterseminar gewählt, berichtete sie stolz. Auf dem Rückweg mit reichlich Proviant verstanden und akzeptierten sie es doch nicht ganz.
Wie konnt er nur, mein lieber Gott! schlug Victor auf sein Knie.
Siehst du, wir fluchen schon. Da hat Gott ihn wirklich von uns genommen… Dummkopf, der Andreas.
***
Was für eine Kerze? Ach, hör, Klaus! Ich fahre zu einem Freund. Habe meinen Urlaub schon eingetragen.
Sie saßen im Bereitschaftszimmer, Georg sprach mit Dr. Klaus Althaus. In drei Tagen musste Georg nach Berlin. Diesmal mit der Bahn selbst das Autofahren wurde wegen Schwindel zu riskant, und er hoffte nun auf die OP.
Zu welchem Freund?
Einem Studienfreund. Über zwanzig Jahre nicht gesehen. Der ist vom fünften Jahr ins Priesterseminar gegangen jetzt Pfarrer. Ganz in der Nähe. Fahre morgen hin.
Ich würd es mir überlegen.
Muss aber.
Das berühmte Städtchen mit seinen Kirchen und Wallfahrerwegen entpuppte sich als verschlafen und bescheiden. Was hervor stach, war die Dichte an Kirchen an jeder Ecke ein Turm.
Georg steuerte das Kloster St. Benedikt an. Seltsam die Fahrt dorthin verlief ohne einen Schwindelanfall. Der Weg zu Gott, lächelte er.
Weiße Mauern, Türmchen, Kuppeln im Kiefernwald… Und hier war alles wie in einem Baden-Württembergischen Heilbad: perfekter Parkplatz, geschmückte Wege, gepflegte Blumenanlagen, golden leuchtende Kuppeln, dass es in den Augen brannte.
Jemand wies ihm: Es ist gerade Messe, der Pfarrer ist beschäftigt, Sie müssen warten Er schämte sich zu fragen, was Messe genau bedeutete und wie lang das noch dauerte. Also spazierte er umher.
Hinter der Klosterkirche lag ein kleines Friedhof, ein Weg führte zum Fluss. Dort stand ein Brunnen, einige alte Frauen kletterten den Hang hinauf, statt die Treppe zu nehmen, immer wieder, als seis ein Ritual. Eine Brücke überquerte das Wasser, auf der anderen Seite schimmerten weitere Klostergebäude.
Wieso war er eigentlich hergekommen? Er müsste längst an seine OP denken…
Gehen Sie nicht zur heiligen Quelle? fragte eine junge Frau mit Tuch.
Zur heiligen? Ach, ich…
Da vorne stehen Flaschen. Dreimal die Treppe hinab und den Hang hinauf, dann schöpfen, sie lachte freundlich.
Warum?
Das wissen Sie am besten, warum Sie hier sind.
Er war still, griff sich eine Flasche, stieg zum Brunnen, hinunter, hinauf, und das dreimal. Nicht so einfach wie es aussah. Dann trank er den kalten, süßen Quell und wurde plötzlich froh nun erschien sein Weg nicht mehr vergeblich.
Als die Menge nach der Messe den Pfarrhof verließ, zögerte alles. Der Geistliche trat aus der Kirche große Gestalt, volle dunkle Stimme, ordentliche Barttracht. Georg dachte das ist nicht Andreas, Andreas war schmaler, kleiner, immer mit Brille…
Doch plötzlich trafen zwei blaue, helle Augen direkt die seinen und er erkannte Andreas.
Er trat näher.
Na, Glück auf, Herr Pfarrer!
Eine ältere Frau zischte: Sagen Sie ‘Grüß Gott, Herr Pfarrer!’, so spricht man!
Aber Andreas lächelte bereits.
Georg! Mensch, sei gegrüßt, Freund
Sie umarmten sich. Gläubige strebten auseinander, und die zwei spazierten durch den Klosterpark.
Was für ein Tag! Was für eine Freude. Marianne wird sich freuen.
Sie? Ihr seid?
Meine Frau, ja. Kinderärztin hier. Wir haben fünf Kinder. Nur der Jüngste ist noch zehn.
Krass. Ich hab auch drei… eine Tochter aus erster Ehe, die beiden anderen jetzt. Und du, hier im Kloster?
Genau. Uns gefällt es hier. Wir könnten auch in den Dom wechseln, aber wir bleiben. Es ist ein besonderer Ort.
Bist du gewachsen?
Ja! Auch nach zwanzig wächst man noch.
Und Brille?
Hab ich operiert, Kontaktlinsen helfen.
Dann ist medizinisches Fortschritt kein Widerspruch zum Glauben, was?
Sie lachten beide.
Weißt du noch, was für Tricks wir mit der Bib der LMU veranstalteten? Du hast die Bibliothekarin so schön abgelenkt und Victor…
Ach Gott, und ihr lasst das Buch fallen, voll peinlich…
Und wie du getan hast, als kennst du uns nicht!
War halt peinlich… Mein Gott.
Ich besuch deine Mutter immer mal noch. Wie gehts ihr?
Sie? Nun, schwerfällig. Lebt jetzt als Schwester im Konvent, im Nachbardorf.
Krasse Karriere!
Natürlich…, Andreas lachte.
Eine Frau mit Schal flüsterte Andreas etwas zu.
Entschuldige, mein Lieber. Weite Wege, viele kommen. Gleich kommt mein Fahrer, der bringt dich zu unserem Haus. Marianne empfängt dich, ich komme später.
Wie du meinst, Georg hob die Hände, Andreas segnete ihn.
Mit dem Wagen folgte er Andreas Fahrer zu dessen Haus. Ein hübsches, niedriger Bau mit Dachgeschoss, gepflegter Garten, Kapelle im Hof.
Marianne empfing Georg herzlich, immer noch wie früher. Überall Blumen auf den Fensterbänken, Marienbild, Kerzchen. Doch im Übrigen war alles modern und hell, mit Fernseher, Computerecke, Küche mit moderner Technik. Der kleine Sohn war zu Hause.
Georg vergaß, was er überhaupt hier wollte. Er fühlte sich wie unter Familie. Sie aßen, er erzählte von sich, ließ alles in Bezug auf seine Krankheit aus, und schlief dann auf der Hängematte auf der Veranda ein.
An Rückfahrt dachte er nicht mehr. Er hatte doch Urlaub.
***
Kennst du die Geschichte?
Natürlich! Anfangs schrieben Victor und ich uns Briefe, später telefonierten wir. Aber zuletzt… leider der Kontakt verloren. Ich habs versucht, mein Sohn auch per Internet Gottes Fügung.
Nimmst du es mir übel?
Gott richtet allein, aber jeder muss vor seinem eigenen Gewissen bestehen. Sag, Georg, was bedrückt dich? Ich sehe es doch…
Ein bösartiger Gehirntumor…
Andreas seufzte.
Schlecht. Morgen bist du also mit bei der Messe, falls du nicht stehen kannst, setzt du dich, dann zur Beichte und Kommunion. Danach sehen wir weiter…
Klingt, als würdest du mich schon beerdigen.
Ach was… Aber denk dran: Am Ende bist du auf dich gestellt. Kein Arzt, kein Priester kann das für dich lösen. Nur du selbst entscheidest. Ich zeige dir nur den Weg, alles andere macht deine Seele.
Soll ich alles erzählen, wie damals…?
Nicht jetzt. Morgen bei der Beichte.
Seltsam, wie in dieser Nacht die Geschichte, wie Georg Victor die Verlobte ausgespannt hatte, sich ganz anders anfühlte wie Reue, nicht wie Entschuldigung.
Freunde, und dann Feinde in einer Minute.
***
Nach der Messe nur wenige Teilnehmer.
Andreas begann: Christus steht unsichtbar bei deinem Bekenntnis, ich bin nur Zeuge. Sprich, Georg.
Georg begann stockend.
Ich hab Victor immer alles geneidet. Im Hörsaal, im Wohnheim, überall wurden alle Mädchen um ihn herum. Und dann noch Anna.
Die Geschichte war so: Victor arbeitete bereits fleißig in der Klinik, als irgendwann Anna, die Tochter eines Beamten aus Frankfurt (der mit Problemen eingeliefert worden war), in ihrem Leben auftauchte. Sie war täglich in der Klinik. Bald verband sie und Victor mehr. Sie pendelten zwischen München und Frankfurt, neue Türen gingen für Victor auf.
Verstehst du, Georg blickte hoch, dann weg, Ich war eifersüchtig. Ich hab Anna einmal eingeredet, Victor hätte was mit Kathrin Karyanov. War natürlich meine Einbildung Ich bereue…
Bei der Hochzeit von Wolfgang Smidt kam es dann zu dem einen verhängnisvollen Kuss. Victor, immer Stimmungsmacher, war mit Anna da, Anna wurde ihm langweilig. Ich ging mit ihr auf den Balkon, Victor sah uns später hieß es, er hätte einen Moment gewartet, dann sei er gegangen. Wir habens gar nicht gemerkt.
Noch am selben Tag zog Victor aus dem gemeinsamen Zimmer, und Anna und ich zogen Wochen später zusammen. Wir redeten nicht mehr miteinander. Im Studium ignorierte er mich.
Aber das Leben strafte mich dafür. Anna war nur kurz zärtlich, dann… In Frankfurt nahm die Schwiegermutter alles in die Hand, später sogar einen neuen Mann. Anna wollte nur noch Luxus. Wir gingen zurück nach Bayern, da zeigte sie ihr wahres Gesicht. Es war eine schwere Trennung.
Und das war nicht mal mein schlimmster Fehler. Bei einer OP starb ein alter Mann, und ich traf eine falsche Entscheidung. Und es gab weitere Fehler. Ich war nicht treu Wusstest du das, das hätte ich früher nie gedacht, aber nach der Hochzeit wars schnell passiert… Und einmal ließ ich sogar eine hübsche Pflegerin versetzen, weil sie mir nicht gefiel. Wer sollte mir widersprechen?
Als ich Lisa traf, wurde alles ruhiger. Sie ist eine einfache Frau vom Land. Sie war sogar die Lehrerin von Miriams Klasse. Meine Tochter und sie sind jetzt eng befreundet. Lisa ist wunderbar. Und trotzdem auch sie habe ich einmal betrogen… nicht oft, aber es geschah.
Er war still. Was noch erzählen? Alles kam ihm plötzlich so absurd vor.
Kannst du meine Sünden vergeben, Andreas?
Das kann nur Gott. Wichtig ist, dass du ehrlich bereust.
Georg sah auf, plötzlich traten Tränen in die Augen. Er umklammerte das Lesepult und sank auf die Knie.
Sag Gott, dass ich bereue, Andreas, bitte, flüsterte er, Ich will leben. Ich will Lisa lieben, meine Kinder aufwachsen sehen, meinen Sohn zur Schule bringen. Ich will arbeiten, ganz einfach nur Arzt sein, egal wo. Sags Gott…
Unser Herr Jesus Christus möge mit seiner Gnade die Schuld deines Herzens vergeben…, Andreas sprach das Gebet.
Dann verstummte er, Georg hob die roten Augen und begegnete dem klaren, unendlichen Blick seines Freundes.
Du solltest Victor finden, mit ihm reden, ihn um Verzeihung bitten, murmelte Andreas.
Und wie? Ich muss doch übermorgen nach Berlin.
Du wirst ihn finden. Er arbeitet in Leipzig, im Universitätsklinikum. Vielleicht solltest du zu ihm statt nach Berlin?
Ach komm, du glaubst nicht ernsthaft… Georg stand langsam auf.
Warum denn nicht? Und was seine Chirurgie angeht, die ist gar nicht so rückschrittlich, wie du glaubst.
Sicher. Aber ich spreche erst in Berlin vor. Es eilt.
Und such das Mädchen von damals, die wegen dir gehen musste.
Das ist machbar. Das kriege ich hin… Georg zögerte, Ich werde sie finden. Bete für mich, Andreas. Am wichtigsten ist, dass ich den OP-Termin bekomme… Sonst muss ich wohl doch nach Leipzig.
Vor der Abreise stieg Georg bestimmt fünfzehnmal den Hang zum Fluss hinab und hinauf, immer dreimal mit Wasser schöpfen zwischendurch
Die Pilger sahen nach ihm, schlugen das Kreuz. Möge Gott helfen.



