Apfelchen
Du bist genauso wie deine Mutter!
Wie denn, Oma? Katharina spannte unbewusst den Körper, bremste sich aber sofort. Wovor wollte sie sich eigentlich verteidigen?
Du bist eigenwillig! Hast immer deinen eigenen Kopf! Niemand konnte deine Mutter je belehren, und du bist ganz genauso!
Was soll ich denn hören?
Mich! Du sollst auf mich hören! Und Respekt zeigen! Denn ich habe mehr Lebenserfahrung! Hast du das verstanden?
Katharina starrte verblüfft auf ihre leicht zerzauste, vor Wut gerötete Großmutter, die ihr mit einem Finger drohend vor der Nase herumfuchtelte.
Schon interessant Warum verlangt sie eigentlich so sehr, dass man ihr zuhört? Die kommt daher, und will alles bestimmen!
Katharina bewegte leicht die Finger, als würde sie einen Radiergummi darin spüren könnte sie heute doch nur ein paar Schatten wegwischen, hier etwas heller machen Dunkles mochte sie nicht. Lautstarke Streitereien, Gezänk, erhobene Stimmen das lag ihr nicht. Ihre Mutter hatte nie so mit ihr gesprochen. Sie hatte immer gesagt, vernünftige Menschen könnten zuhören und einander wirklich verstehen.
Mach die Ohren auf, Katharina, und pass gut auf! Ganz wie die Hasen! Weißt du, warum Hasen so gut zuhören können? Weil der Fuchs sich so leise anschleicht. Wer nicht gut aufpasst zack, ist er gefressen!
Nein, Mama, bitte nicht! Kleine Katharina hielt beim Erzählen den Atem an und blickte die Mutter an.
Natürlich nicht! Deshalb ist der Hase ja so klug. Hört immer gut zu und ist schnell auf den Beinen! Kein Fuchs kann da etwas machen!
Das war längst her. Katharina war fast erwachsen, aber die Geschichten und Lektionen ihrer Mutter hatte sie nie vergessen.
Seltsam Früher dachte sie, ihre Mutter übertreibe maßlos. Jetzt wusste sie, wie recht sie stets gehabt hatte.
Man nehme nur diese “Oma”. Katharina hatte sie bis vor einem Jahr gar nicht gekannt. Sie lebte bislang mit ihrer Mutter in einem kleinen Ort an der Ostsee, besuchte den Kindergarten, stritt gelegentlich mit Lena und Annegret, war danach aber sofort wieder versöhnt und rannte mit ihnen die Promenade entlang zum Eis. Dann kam die Schule, dann Michel, der erste Kuss am Strand im Sonnenuntergang.
Und ihre Mutter war immer da
Katharina drückte automatisch die große, türkisfarbene Perle ihres Armbands zwischen den Fingern von ihrer Mutter selbst gefertigt.
Und? Falsch ist sie? Aber schau, wie schön sie geworden ist! Weißt du, manchmal ist das Echte ganz bitter und schwer, und manchmal kann auch ein Ersatz dich glücklich machen und wärmen.
Wie das?
Denk an neulich. Worüber hast du und Annegret euch gestritten?
Sie sagte, wir seien arm, weil ich keine Marken-Sneaker bekäme, sondern Fälschungen von Onkel Rudi. Sie meinte, sie sähen doch ganz anders aus.
Das stimmt. Deine Sneaker hat Onkel Rudi gemacht. Aber niemand hat behauptet, sie seien Markenware, oder?
Nein
Dafür sind sie aus gutem Leder, sehen toll aus und wurden mit Liebe gemacht. Onkel Rudi kann gar nicht anders. Magst du sie?
Ja!
Na und? Wen interessiert es, was draufsteht? Wichtig ist, dass du dich freust und weißt, worauf es ankommt. Am Ende ist viel wichtiger, dass der Mensch innen echt ist.
Darüber dachte Katharina damals lange nach. Sie wusch noch den Boden in ihrem Zimmer auf und dann sogar in dem ihrer Mutter. Später, in der Küche, fragte sie während die Mutter ihr Lieblings-Aprikosenmarmelade rührte:
Mama, heißt das, Annegret ist keine richtige Freundin für mich? Erst ist sie nett, dann gemein. Ich weiß doch, dass ihr meine Sneaker eigentlich gefallen haben. Warum hat sie es dann nicht gesagt?
Woher weißt du das?
Lena hats gesagt. Sie meinte, Annegret hätte zu Hause ein Riesendrama gemacht und neue, noch bessere Schuhe verlangt.
Oh, Katharina sagte ihre Mutter Ingrid und legte die Kochlöffel beiseite, um Katharina in den Arm zu nehmen. Sei nicht so streng. Sie ist noch ein Kind, wie du
Ich bin kein Kind!
Katharina drehte sich in den Armen ihrer Mutter, hob den Kopf, die Augen funkelten vor Ärger auf sich selbst. Sie wusste, sie hatte ihrer Freundin Unrecht getan.
Für mich schon, lächelte Ingrid. Für eine Mutter bleiben die Kinder immer die Kleinen. Daran ist doch nichts falsch. Wie sehr hätte ich mir manchmal gewünscht, selbst nochmal klein zu sein. Einfach so, um getröstet zu werden
Sie küsste Katharina auf den Scheitel.
Aber jetzt, mein Schatz, du weißt, sie hat schon oft bewiesen, was du ihr bedeutest. Erinnerst du dich, wie sie dich nach Hause getragen hat, als du die Schaukel runtergefallen bist? Und dabei hat sie sich selbst die Knie blutig geschlagen. Oder wie sie dir ihre neuen Filzstifte geschenkt hat, weil du krank warst? Sie wollte, dass du ihr das schönste Bild malst und es über ihr Bett hängst. Vergiss das nicht. Die Schuhe das ist alles nicht so wichtig. Nur nicht verlieren, was ihr habt.
Sie war schon da
Warum?
Um sich zu entschuldigen.
Und du?
Ich habe gesagt, ich will sie nicht sehen und wir sind nicht arm!
Warst du böse?
Sehr.
Und jetzt?
Jetzt auch noch. Aber ein bisschen weniger
Dann warte noch mit dem Versöhnen, bis die Wut ganz weg ist. Sonst bleibt was übrig und ihr zerstreitet euch wirklich!
Wie Katharina ihre Mutter in solchen Momenten vermisste Sie hätte jetzt sicher gewusst, was zu sagen und zu tun ist. Gerade jetzt. Wo Oma im Haus war
Ihre Großmutter tauchte wie aus dem Nichts auf.
Katharina hatte bis dahin weder vom schlechten Gesundheitszustand ihrer Mutter noch vom geplanten Besuch ihrer Ex-Schwiegermutter gewusst. Doch eines Tages war sie einfach da.
Na, Ingrid, wer hätte gedacht, dass wir uns wiedersehen! rief eine korpulente, schwitzende Frau, lehnte sich erschöpft an den Gartenzaun und schnappte nach Luft. Unerträgliche Hitze! Ich weiß nicht, wie ich das aushalte
Guten Tag, Frau Gertrud Müller!
Katharina warf ihrer Mutter einen erstaunten Blick zu, als sie den fremden Tonfall hörte.
Das ist Katharina? Gertrud begutachtete das Mädchen von oben bis unten. Sieht dir kein bisschen ähnlich! Bist du sicher, dass sie Saschas Tochter ist?
Du bist und bleibst du selbst! Nun schwang Lachen in Ingrids Stimme und Katharina entspannte sich ein wenig. Vielleicht wird es nicht so schlimm
Katharinas Großmutter gefiel ihr nicht. Sie war laut, nervös, unbeherrscht und brachte Unruhe ins Haus.
Ein einziges Chaos hier! Ist es so schwer, Ordnung zu machen, Ingrid? Du hast doch eine Tochter! Wie soll sie als Frau was lernen? Ihr Mann wird sie am ersten Tag rauswerfen! Zu Recht!
Warum ließ sich ihre Mutter das alles gefallen? Sie lächelte sogar ein rätselhaftes Lächeln während Gertrud alles herumriss und ihre eigenen Vorstellungen von Ordnung durchsetzte.
Die Katzen verkrochen sich verschreckt in sämtliche Ecken, und Greif, der Hund, den Onkel Rudi Katharina geschenkt hatte, schlurfte in den Garten und legte sich in den Schatten. Bei zu großem Lärm aus dem Haus knurrte er dumpf.
Da! Das einzige vernünftige Lebewesen hier ist der Hund! Der weiß, dass er besser wegbleibt! Tiere haben im Haus nichts verloren!
Kaum hatte Gertrud das ausgesprochen und beim Hantieren mit dem Wischmopp auch noch erreicht, dass die Katzen ins Freie flüchteten, zeigte Katharina zum ersten Mal eine eigene Stärke. Sie schnappte sich ihren Liebling Moppel und zog ihn demonstrativ mit in ihr Zimmer ab.
So nicht! Katharina! schnarrte Gertrud, aber Greif bellte von draußen.
Ich beschütze sie! Katharina drehte sich betont und sah ihrer Oma fest in die Augen. Die Katzen bleiben hier. Und Greif auch. Sie waren schon immer hier und Sie sind die Besucherin. Das ist unser Zuhause. Wenn Sie Ordnung wollen, dann fügen Sie sich ein. Zuhause können Sie machen, was Sie wollen.
Katharina! Ingrid schnappte nach Luft und schlug sich die Hand vor den Mund. So hatte sie ihr Mädchen noch nie erleben müssen.
Doch zur ihrer eigenen Überraschung wurde Gertrud nicht etwa zornig. Sie kniff die Augen zusammen, grinste schief und brummelte:
Na also, ganz wie unsere Leute! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ingrid, du hättest meine Enkelin besser erziehen können!
Seitdem ließ sie die Katzen zwar in Ruhe, stieß sie manchmal mit dem Fuß beiseite, aber verjagte sie nicht mehr.
Doch gab es ohnehin bald Wichtigeres. Das Leben raste davon; Katharina sah den Zeigern der alten Standuhr auf dem Wohnzimmerschrank zu und wünschte sie blieben stehen.
Warum rennt die Zeit nur so? Wozu? Mama war noch so jung! Sie brauchte sie doch so sehr! Das war nicht gerecht!
Aber Zeit lässt sich nicht beirren. Sie zählt kalt die Minuten unaufhaltsam.
Ärztinnen, Medikamente, Krankenhaus
Ingrid starb an einem frühen Frühlingmorgen.
Am Tag zuvor hatte Katharina zum ersten Mal die Fenster geöffnet, und der Duft der Ostseebrise strömte herein.
Bald blüht dein Kirschbaum, Mama. Ganz bald.
Ich hoffe, ich werde das noch sehen, mein Schatz
Als Katharina vom Tod der Mutter erfuhr, riss sie im Zorn einen Ast ab, der ans Fenster von Ingrids Schlafzimmer ragte. Wer sollte jetzt noch hinschauen?
Gertrud machte mit Katharina keine Umstände. Sie zog sie in ihre kräftigen Arme, zog ein riesiges Taschentuch hervor und befahl:
Weine! Schrei! Lass alles raus! Nimm das nicht mit dir herum! Du hättest nichts tun können jeder hat seine Zeit
Woher sie wusste, was Katharina fühlte? Sie hatte recht. Katharina fühlte sich schuld, dass die Mutter so hart gearbeitet, so wenig geruht hatte Alles für sie, für ihre Tochter, für ihre Ausbildung.
Und was hatte Katharina getan? Mit Michel und den anderen am Wasser herumgehangen statt zu lernen. Sie rutschte in der Schule ab, bis fast kein Jahr mehr blieb. Sie fing sich zwar, aber sagte der Mutter nichts, wollte sie nicht beunruhigen
Den Brief von Ingrid gab Gertrud Katharina erst zu Ingrids vierzigstem Tag nach dem Tod.
Hier. Jetzt darfst du ihn lesen. Deine Mutter gibt dir einen Auftrag.
Warum ist der Umschlag offen? Katharina betrachtete den schlichten weißen Umschlag, ohne Briefmarke oder Adresse.
Für Katharina mehr stand draußen nicht, in Ingrids schwungvoller Schrift.
Für wie alt hältst du mich? Klar, ich kann dir unsympathisch sein, aber Briefe lesen, die nicht für mich sind? Da hörts auf! So, jetzt geh! Ich hab zu tun. Wenn du willst, hilf mir später. Ich habe keine Zeit für Kummer!
Katharina bemerkte sofort, dass Gertrud beleidigt war, als sie aus der Küche abtauchte und die Tür leise hinter sich schloss. Keine wütenden Worte, diesmal kein Streit, nur ein Schnauf und ein verstohlener Blick. Katharina lehnte kurz ihre Stirn an den Türpfosten, dort wo ihre Mutter früher Bleistiftstriche für Katharinas Wachs gemacht hatte.
Oh, wie bist du groß geworden, Katharina! So erwachsen!
Die Stimme ihrer Mutter war so deutlich, dass Katharina erschrak.
Erwachsen! Das wäre sie gerne gewesen und klüger! Sie hätte andere nicht zu Unrecht verletzt. Ihre Mutter hätte das nicht gut gefunden.
Katharina schloss leise die Tür ihres Zimmers, setzte sich auf den Boden und legte den dicken Umschlag auf den Schoß. Es fiel ihr schwer, ihn zu öffnen. So vieles hätte sie ihrer Mutter nun sagen wollen. So vieles hatte sie nie von ihr gehört
Voller zitternder Hände zog sie die mit kleiner Schrift bedeckten Seiten aus dem Umschlag, riss aus einem karierten Schulheft. Neben ihr schnurrte Moppel, der dicke Kater.
Mein liebes Apfelchen! Hör sofort auf zu weinen! Du bist stark. Warum also Tränen? Das Leben ist so schön, voll von Gutem! Lerne, es zu schätzen. Verschwende deine Zeit nicht für das, was nicht sein kann. Meinst du, wir hätten zu wenig Zeit für uns gehabt? Ich sage: Wir hatten genug! Viel mehr, als du je ahnst. Aber ich will dir alles erzählen, du hast ein Recht darauf.
Wo soll ich anfangen vielleicht bei dem Tag, als ich deinen Vater kennenlernte. Er war besonders. Gleich hab ich mich verliebt, obwohl meine Freundinnen nur meinten: Der mit den roten Haaren? Sie verstanden nicht, war nicht ihr Typ. Doch er war wie ein warmer Sonnenschein. Du kamst nach mir, nur die Sommersprossen, die hellen Augen und die Nase die hast du ganz von ihm. Sonst bist du meiner Familie ähnlich. Dein Großvater, sein Mutter Gertrud.
Katharina, sie ist eine gute Frau. Nimm ihre Wutausbrüche nicht so schwer. So war sie immer: direkt, manchmal grob, aber herzlich und verlässlich.
Du wirst fragen, warum du sie nie kanntest. Das war meine Schuld. Ich war jung und dumm, konnte sie nicht verstehen, wir stritten und ich zog mich zurück.
Vergib mir!
Mit deinem Vater lebte ich gut und glücklich bis er eine andere Liebe fand. Das passiert, mein Schatz
Nicht, weil er mich nicht mehr mochte, und schon gar nicht, weil du ihm egal warst. Er fand nur jemanden, um den sich alles zu drehen schien.
Und die Welt von davor? Tja Die war vorbei. Ich liebte ihn wohl immer ein wenig mehr als er mich. Er blieb bei mir, solange es ging deinetwegen. Doch dann traf er diese Frau, und er konnte nicht mehr lügen. Er war immer ehrlich
Jetzt verstehe ich, aber damals war ich verzweifelt. Es tat so weh. Dann kam Gertrud.
Sie kam mit dem festen Willen, ihren Jungen zu retten. Wollte, dass wir zusammenbleiben. Doch sie fing gleich an: Wo ist hier Ordnung?, und ich explodierte. Wir warfen uns so vieles an den Kopf, das ich heute noch bereue. Und am Ende sagte ich, dass du nicht ihre Enkelin seist
Wie dumm ich gewesen bin! Ein Fehler ist schnell gemacht, aber schwer zuzugeben.
Hätte ich daran gedacht, wie sie bei meiner Risikoschwangerschaft alles stehen und liegen ließ, monatelang für mich sorgte, kochte, putzte Sie ging erst, als sie sicher war, dass dir nichts mehr passierte.
Ich ahnte nicht, dass sie mit der neuen Frau deines Vaters sprach, sie zurechtwies und dann die Kinder von ihr später dennoch wie ihre eigenen liebte. Ja, Katharina, du hast einen Bruder und eine Schwester. Wenn du möchtest, stellt sie sie dir vor. Ich habe sie darum gebeten. Je mehr Familie um dich, desto besser. Es wird mir das Herz leichter machen.
Überleg es dir mal.
Jetzt aber: Lerne! Ich wünsche dir so sehr eine Zukunft nach deinem Geschmack! Bitte, triff deine Entscheidungen selbst! Niemand darf für dich festlegen, wie du leben sollst! Du hast Talent, mein Kind, vergiss das nicht! Du kannst malen, deine Taschen und Bilder sind bei Touristen immer beliebt. In Hamburg oder Berlin wird sich das leichter verkaufen lassen. Gib deinen Traum nicht auf, lass ihn Wirklichkeit werden! Ich habe ein wenig gespart, das reicht für ein Jahr. Den Rest schaffst du schon allein! Denk daran, mein Schatz, dass du das Leben nutzen sollst, das du bekommen hast.
Ich liebe dich. Ich habe Angst um dich, aber ich glaube an dich. Du bist stark und klug!
Hör auf zu weinen, sag ich!
Deine Mama.
Katharina legte den Brief beiseite und saß lange da, den Kopf gesenkt, während die Tränen langsam versiegten. Mama hatte verboten zu weinen!
Moppel war längst zusammengerollt eingeschlafen, nur ab und zu zuckte er im Traum, während Katharina noch immer da hockte und über ihre Zukunft nachdachte.
Die Antwort kam, als Gertrud in der Tür erschien und mit energischem Griff das Licht anknipste:
Aufstehen! Genug Trübsal geblasen. Jetzt gibts Tee, und wir reden. Es gibt etwas zu tun, nicht zu beweinen!
Vom Kunststudium hält Gertrud nichts. Sie schimpfte, dass eine solide Ausbildung Steuerfachangestellte gescheiter wäre, aber Katharina wollte gar nicht hören. Da sagte Gertrud ihrer Enkelin, sei genauso stur wie jemand, der nie zugeben konnte, wie sehr ein einziges Wort ein Leben zerstören kann.
So viele Jahre Schweigen! Hab euch überall gesucht! Woher sollte ich ahnen, dass deine Mutter deinen Vornamen änderte und einfach den Nachnamen. Nicht mal den Mädchennamen! Total fremd! Wie hat sie das geschafft?
Onkel Rudi hat geholfen.
Um den kümmere ich mich noch! Solch ein Helfer! Hat mir jede Hoffnung genommen, dich je wiederzufinden! Der kann was erleben!
Lass ihn in Ruhe, Oma! Er war gut zu uns. Jahrelang hat er geholfen. Er wollte, dass Mama ihn heiratet.
Und?
Sie wollte nicht. Hat gesagt, sie liebt Papa. Ich wusste doch gar nicht, dass er noch lebt! Hätte ich all das gekannt, ich hätte sie überredet!
Na, du bist ja eine! Gertrud knallte einen Teller ab. Iss. Und denk nach! Was ist das schon für ein Beruf Künstlerin? Werde anständige Buchhalterin, dann bist du sicher!
Oma! Nicht vor anderen!
Und? Rechne immer zuerst für andere, dann kommt dein eigenes Geld!
Nein! Das will ich nicht! Das bin ich nicht!
Woher soll ich das wissen!
Ich will dich nicht enttäuschen, Oma, aber ich will tun, was mir Freude macht! Mama hat gesagt, sie hat das Geld für mich hinterlegt. In einem Monat werde ich 18. Du gibst es mir und ich gehe meinen Weg. Du hast dann keine Sorgen mehr mit mir!
Gertrud schnappte nach Luft, hob mahnend ihren Zeigefinger, ließ es aber mit einem Mal gut sein. Sie blickte Katharina aufmerksam an, grinste, und formte mit drei Fingern das berühmte Kindergartensymbol für Verschwörung.
Da, siehst du! Ich fahre mit, und passe auf, dass aus dir wirklich eine gute Künstlerin wird! Ich habe es deiner Mutter versprochen und jetzt Schluss! Essen!
Einige Jahre später, in einer kleinen Galerie im Herzen Berlins, schlenderte eine seltsame Gruppe durch die Ausstellung.
Eine rothaarige, leicht zerzauste, robuste Frau; ein großer, schlaksiger junger Mann mit stylischer Brille und langer Nase; und Katharina mit ihrem einjährigen Sohn auf dem Arm.
Und? fragte Katharina (nachdem sie sich hundertmal vorgenommen hatte, nicht zu fragen) und wartete doch auf das Urteil von der, die sie bis hierher getragen hatte.
Gertrud schaute sie an, schnaubte gespielt streng und nahm Katharina das Kind aus dem Arm. Sie tupfte ihm die Nase ab, bettete den Jungen bequem und ließ ihn auf ihre Schulter sinken. Dann nickte sie:
Gut ists! Schöne Rahmen, toll gemalt. Na ja, du verschwendest so viel Farbe, das nervt aber immerhin! Katharina! Das Atelier könnte aber sauberer sein! Ich war heute morgen da, da siehts schlimm aus! Gernot! Sie drehte sich zum Brillenträger Und du? Schau doch mal hin!
Was denn, Frau Müller?
Siehst du nicht die Ringe unter ihren Augen? Sie schläft nicht! Also: Ich nehme Emil heute mit! Ihr schlaft aus, ruht euch aus, und dann kommt ihr nächste Woche vorbei! Alles klar? Dann sind wir weg, ja mein Kleiner?
Und auf dem Weg zur Tür bleibt Gertrud kurz bei Katharina stehen, streicht sanft über ihre Wange und flüstert:
Deine Mutter wäre so stolz auf dich. Ich bin es auch. Das weißt du, oder? Gut gemacht, mein ApfelchenKatharina nickte stumm, schluckte und musste plötzlich lachen, als Emil sich mit aller Kraft an Gertruds Hals krallte so fest, dass ihr fast die Brille verrutschte.
Also du mit dir kann ich alles schaffen! brummte Gertrud leise und zwinkerte Emil zu.
Katharina sah ihnen nach, wie sie, ein bisschen schief, aber würdevoll, durch die Galerie stapften, den kleinen Jungen auf dem Arm, und sie spürte auf einmal, wie leicht der Atem sein konnte. Da war kein schweres Herz mehr, sondern ein Flügelschlag, federleicht. Sie hörte ihre Mutter sacht lachen, dort, wo das Licht durch die Fenster fiel.
Der Brillenträger zog sie wortlos an sich, eine Umarmung, sicher und zart. Durch das Fenster wehte leise eine Brise herein, trug Kirschblütenduft auf den fröhlichen Stimmen der Straße. Katharina schloss die Augen, lächelte und wusste:
Manchmal dauert es ein ganzes Leben, bis ein Apfel seinen Platz findet aber wenn er fällt, wächst ein Baum. Und irgendwo in der Sonne saßen vielleicht Ingrid und Onkel Rudi, vielleicht auch Sascha und nickten einander zu.
Sie öffnete die Augen und spürte, heute endlich war sie angekommen zu Hause, in ihrem Leben. Und draußen, an der Tür, wartete schon ein neuer Frühling.




