Dringend ein Ehemann gesucht
Mutti, du musst dir unbedingt ganz schnell einen neuen Mann suchen! Unbedingt, noch heute!
Ilse hätte die dampfende Tasse Kaffee beinahe fallen lassen, und ein Spritzer ergoss sich wie ein brauner Tintenfleck auf das altrosafarbene Wachstuch. Sie stellte die Tasse ab, hustete kurz, griff sich an die Stirn und sah ihre Tochter aufmerksam an, als hätte sie vergessen, dass das ihr eigenes Kind war.
Jetzt erklär mir mal genau, was das soll, sagte sie betont beiläufig und versuchte, die Stimme ruhig zu halten. Wie kommst du auf solche Ideen?
Das Mädchen hüpfte von einem Bein aufs andere, senkte die Augen und ließ den Blick mit eigenartiger Versunkenheit über das geometrische Muster des Teppichs wandern. Für Grete war es unangenehm, aber ihr war todernst mit diesem Thema.
Weißt du… Ich habe heute Papa gesagt, du hättest einen neuen Freund, gab sie zögerlich zurück und atmete dann schwer durch, als ob ihr eine schwere Last auf dem leichten Körper saß. Er… hat mich wieder stundenlang gelöchert, ob du endlich jemanden gefunden hast! Jedes Mal sag ich nein, und dann erzählt er minutenlang, dass du den größten Fehler deines Lebens gemacht hast, weil du ihn verlassen hast. Dass niemand sonst so toll wie er sei! Und dass du gar keine Ahnung vom Leben hast.
Sie schaute zu ihrer Mutter auf, und in den blauen Augen spiegelte sich Frust, Ratlosigkeit und eine Prise Ärger nicht auf die Mutter, sondern auf diesen allgegenwärtigen Vater.
Er sagt ja auch ständig, dass du garantiert zurückkommst. Dass du erst merken würdest, was du an ihm hattest. Irgendwann hab ich dann einfach behauptet, du hättest jemanden gefunden.
Ilse strich sich fahrig durchs Haar. Sofort hörte sie das dröhnende Timbre der Stimme ihres Ex-Mannes im Kopf, dieses theatralische Selbstmitleid, die Art, aus jedem Gespräch eine einzige Rechtfertigung seiner Existenz zu machen.
Ich kann mir vorstellen, wie bildhaft er sich in Szene gesetzt hat, meinte sie mit ironischem Zucken der Mundwinkel. Er wird das wohl nie verwinden, dass ich ihn, den perfekten Mann, verlassen habe. Manchmal glaube ich, Ludwig lädt dich nur ein, damit er mal wieder einen Vorwand für seine Monologe hat Small Talk mit dir, Klatsch und Tratsch, Balsam für seine gekränkte Eitelkeit.
Grete seufzte und ließ sich auf das Sofa plumpsen, zog die Beine an, als wäre sie ein verirrter Kater. Sie strich gedankenverloren über den Stoff des Armlehnsessels und versuchte, die Gedanken zu sortieren.
Genau das glaub ich auch, sagte sie leise, ohne ihre Mutter anzusehen. Erst redet er über seine Erfolge in der Firma, dann wie schwer er es hat, dann wie keiner ihn versteht. Und ich muss zuhören. Anderthalb Stunden, weißt du? Und dann noch zehn Minuten fragt er, ob ich was brauche oder wie es in der Schule läuft meistens nicht einmal das.
Grete sprach so meisterhaft nüchtern darüber, als würde sie ihren Tagesplan runterrasseln: Aufstehen, Zähneputzen, Schule, Hausaufgaben. Für sie war das schon so Normalität, dass es nicht mal mehr im Ansatz Emotionen auslöste.
Sie schüttelte sich, als wollte sie das unsichtbare Band zu Ludwigs Stimme abstreifen. Schon früher war ihm alles um sich selbst gegangen, andere Menschen tauchten höchstens am Rand seiner Wahrnehmung auf. Gespräche mit Grete oder Ilse endeten immer mit langen Anekdoten über ihn, seine Taten, seine Heldengeschichten als wäre das ganze Leben nur ein Spiegelbild seiner Größe.
Ilse versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, wie sie fünfzehn Jahre mit so einem Charakter ausgehalten hatte. Vielleicht nur Grete zuliebe, damit das Kind nicht ohne Vater aufwächst. Früher hatte Grete wirklich geglaubt, Ludwig werde sich irgendwann ändern, dass er sich einmal für andere interessieren würde Aber je älter sie wurde, desto deutlicher wurde, dass dem nicht so war. Nach der Trennung war es plötzlich so viel ruhiger niemand beanspruchte mehr die gesamte Luft im Raum für sich allein.
Also, warum jetzt diese Dringlichkeit? fragte Ilse ein wenig genervter, als es beabsichtigt war. Nur weil du ‘was gesagt hast, muss ich jetzt alles auf den Kopf stellen?
Es war wie Zauberei, als Papa das hörte! Grete zog das Kissen an sich, als müsste sie sich schützen. Erst wurde er kreidebleich, dann knallrot, dann hat er plötzlich so geschrien, dass Frau Beier von oben runterkam! Ehrlich, das war fast ein bisschen beängstigend.
Sie schwieg einen Moment, und der Raum füllte sich mit der Erinnerung an ein Echo, das nur in Träumen so nachhallt. Grete sah plötzlich aus, als hätte sie mitten im Zirkus gestanden.
Er wollte alles wissen: Name, Beruf, Größe, Haarfarbe, alles! Ich hab gesagt, das ginge ihn gar nichts an, und dass du nichts willst, was mit ihm zu tun hat Ich wette, der klingelt demnächst bei dir durch.
Ilse wandte sich zum Fenster, stützte den Kopf an den Vorhang und betrachtete Grete. Welch ein Tag. All die Dramatik im fahlen Nachmittagslicht, als stünde die Welt Kopf Ihre Tochter hatte wirklich für ein Schauspiel gesorgt.
Ilse setzte sich seufzend neben Grete auf das altertümliche Sofa und schloss vorsichtig die Arme um sie. Gesagtes lässt sich nicht zurücknehmen.
Warum musstest du das erfinden? fragte sie leise, schaukelte Grete hin und her, als müsste sie trösten. Wir hatten doch gerade etwas Ruhe. Jetzt fängt das Theater wieder von vorne an, und am liebsten würde ich das Telefon aus dem Fenster werfen.
Grete befreite sich ein wenig aus der Umarmung, rückte auf, sodass ihre Stirn im Sonnenlicht wie eine leuchtende Träne glänzte, und schaute ernst zu ihrer Mutter.
Weil du toll bist! sagte sie fest. Du bist hübsch, schlau, alle mögen dich und die Männer sowieso Denk mal an diesen Matthias vom Elternabend! Und Papa redet immer schlecht über dich das wollte ich nicht mehr hören!
Ilse fuhr mit den Fingern durchs weiche Haar ihrer Tochter. In ihren Augen flackerte Wärme und ein Hauch Verunsicherung.
Ich verstehe, Liebling, murmelte sie sanft. Ehrlich, ich dachte, ein neuer Partner wäre für dich das Schlimmste. Es sind ja erst sechs Monate
Das zugeben kostete sie Überwindung. Vielleicht hatte sie unterbewusst Angst, Grete könne einen neuen Mann als Verrat an ihrem Vater empfinden.
Unsinn! prustete Grete. Ihre Entschlossenheit strahlte so überzeugend, dass Ilse unwillkürlich lächelte. Hauptsache, du bist glücklich.
Sie verschränkte die Arme, ein zufriedener Ausdruck auf dem Gesicht. In diesem Moment wirkte sie ungewöhnlich erwachsen.
Die Zweifel in Ilse begannen sich langsam aufzulösen. Vielleicht dachte sie wirklich zu viel über das Gestern und Morgen nach.
Du bist mein Schatz, flüsterte Ilse und zog Grete fest an sich. Danke, dass du für mich da bist.
Grete schmiegte sich an sie und für einen Augenblick schien es, als würde ihre kleine, drahtige Familie von einer wunderbar stillen Geborgenheit umhüllt
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Ilse saß am ungewöhnlich niedrigen Schreibtisch des Bauamts nicht im Traumbüro ihrer Vorstellung, sondern irgendwie im dritten Stock einer alten Villa in Potsdam und starrte auf einen Bericht, der auf wundersame Weise immer länger und verschwommener wurde, je mehr es im Kopf pochte. Jeder Tastenschlag klang wie entfernte Donnerschläge, Gespräche huschten als nebelhafte Stimmen vorbei. Nichts ergab Sinn.
Sie massierte die Schläfen so langsam, dass es gekünstelt wirkte. Schließlich bat sie ihre Kollegin, doch noch einmal bei der Dorotheen-Apotheke vorbeizusehen. Nach der Tablette schmeckte das Leitungswasser metallisch, und trotzdem schien alles nur dumpfer zu werden.
Plötzlich steckte der Hausmeister den Kopf durch die unendlich hohe Tür. Sein Gesicht war höflich, doch seine Augen blickten, als hätte er einen Hund in der Eingangshalle gefunden.
Frau Bäcker, da wartet jemand auf Sie, raunte er. Ihr Ex-Mann, und… er besteht auf einem Gespräch. Wollen Sie runterkommen, oder sollen wir die Polizei holen?
Ilse erstarrte innerlich. Was für ein Tag! Kopfschmerzen, Aktenberge, und nun Ludwig live am Arbeitsplatz. Wollte er ihr wirklich eine Szene machen hier, zwischen Kaffeemaschine und Wandkalendern?
Jetzt cool bleiben, dachte sie, und gönnte sich auf dem Weg in den Flur besonders bedächtige Schritte. Das Dröhnen in ihren Schläfen schien in die anderen Geräusche zu wandern jeder Mitarbeiter, der an ihr vorbeihuschte, war ein Schatten aus einer anderen Zeit.
In der Eingangshalle traf sie Ludwig, der wie ein schräger König von einer Trauminsel auf und ab stolzierte. Mal gestikulierte er wild vor den Augen der jungen Sicherheitsleute, dann wich er wieder zurück. In seinen Bewegungen lag Hektik, als wäre er von einem Windstoß getrieben.
Was willst du? fragte Ilse. Der Ton klang ruhig, doch ihr Brustkorb war festgezurrt wie ein Rolladen im Sturm. Muss das hier sein? Willst du ernsthaft die Polizei kennenlernen? Ein Anruf genügt.
Ludwig wirbelte herum, und sein Gesicht war erst gerötet, dann unheimlich blass als wäre er ein Chamäleon in der Mittagshitze.
DU! stieß er hervor. DU! Grete hat mir alles gesagt. Ganze sechs Monate nach der Scheidung und du hast schon einen Neuen?!
In seiner Stimme schwankten Verzweiflung und Eifersucht, aber das Ganze hatte einen seltsam melodramatischen Ton, als hätte jemand einen Film falsch übersetzt.
Ilse hob die Augenbraue, drehte leicht den Kopf.
Muss ich dir mein Liebesleben ewig erklären? Auch nach Scheidung noch? Reicht es nicht, dass du in der Ehe Treue eher locker gesehen hast?
Ludwig war für einen Moment wie eingefroren. Die Leute aus den Büros liefen vorbei, und für die beiden schrumpfte das weite Foyer zu einer winzigen Bühne.
Du… bist einfach… stammelte er, doch Ilse ließ ihn abblitzen.
Willst du noch eine Szene machen? fragte sie sachlich. Aber nicht hier. Das ist peinlich.
Szene? Ich kann dir zeigen, was eine Szene ist!
Seine Stimme überschlug sich, wuchs zur grotesken Anklage heran: Ich lasse es nicht zu, dass meine Tochter mit irgendeinem Fremden zusammenwohnt! Ich nehme dir Grete weg! Du wirst sie nie wiedersehen!
Ilse hörte die Worte wie in Watte gepackt. Sie sah Ludwig eher wie aus einem seltsamen Puppentheater. Nehmen wird er? Das hätte sie gern gesehen.
Alles raus? konterte sie ironisch. Zirkusdirektor!
Was geht denn hier vor?
An einer Tür erschien ein großer, dunkler Mann im sehr deutschen, sehr stilvollen Anzug, der auf eine ruhige Art wie ein Schaffner in einem Traumzug wirkte. Seine Gelassenheit gefror die Szenerie, die Wachleute standen stramm, als hätte ein General den Raum betreten.
Das ist Privatsache! blaffte Ludwig.
Der Mann Herr Roman Schwenk, wie Ilse in einer Anwandlung von Klarheit erinnerte blickte abwartend, dann trat er langsam dazwischen. Er lächelte, eine Gelassenheit, die Ludwig den Wind aus den Segeln nahm.
Privat ist es nur, wenn Sie nicht den ganzen Flur unterhalten, sagte er schließlich ruhig. Hier ist es öffentlich.
Ilse konnte kaum atmen vor surrealer Fügung der Dinge. Da stand plötzlich Roman Schwenk, der Chef, seine Aura war wie aus Bernstein, und mit einem Schritt war alles anders.
Ludwig schnappte nach Worten. Roman trat direkt zu Ilse, legte den Arm durchaus auffällig um ihre Taille.
Wer ich bin? sagte er kühl, fast langweilig. Ich bin der Mann, der Ilse glücklich macht. Auf meine Partnerin schreit niemand. Ein Ausflug zur Polizei kann da leicht zur Hauptattraktion werden. Und lass Grete in Ruhe, sonst gibt es statt Theater Kassiber.
Ludwig erbleichte, und in seinen Augen spiegelte sich der ganze Zweifel des Traums. Jetzt war der Spuk vorbei zumindest für diesen Moment.
Über Unterhalt brauchst du nicht nachzudenken! warf er noch über die Schulter, als er sich davonschlich.
Brauch ich nicht, murmelte Ilse. Viel wichtiger: Grete muss jetzt nicht mehr zu dir fahren.
Da war Roman immer noch mit seiner warmen, sicheren Hand an ihrer Seite. Ilse spürte einen Anflug von Verlegenheit, ihre Wangen glühten, ihre Füße wirkten zu groß für den Boden des Flurs. Sie trat einen halben Meter zurück und bedankte sich vorsichtig.
Vielen, vielen Dank, Herr Schwenk. Sie ahnen nicht, was das bedeutet.
Roman Schwenks Lächeln war leise und echt.
Kommen Sie heute doch einfach mit mir Mittag essen? schlug er vor.
Er bot ihr galant den Arm, fast zu freundlich für die schnoddrige Kulisse. Ilse zögerte einen Moment, aber dann dachte sie: Warum nicht? Irgendwo musste ja ein Weg aus dieser Traumlandschaft führen.
Sehr gern, sagte sie leise.
Am Tisch in einem nahegelegenen Restaurant rundeten sanftes Licht, duftendes Brot und das Träumen der Musik die harte Stunde ab. Im Dunst des Kaffees, der nach frischer Kirsche roch, vertraute Roman ihr an, schon lange Gefühle zu haben. Nur ihre verschlossene Art, meinte er vorsichtig, habe ihn ausgebremst.
Ich wollte dich nicht bedrängen, erst recht nicht, solange du noch… Er zuckte die Schultern.
Heute, als ich gesehen hab, wie er dich angeschrien hat, konnte ich einfach nicht anders.
Vielleicht war das alles auch nur eine seltsame Szene, irgendwo zwischen Märchen und Wirklichkeit.
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Drei Monate später, in einer lauen Sommernacht in Berlin, war Ilse dann wirklich und doch wie auf Wolken die Ehefrau von Roman Schwenk. Die Hochzeit war festlich, die Gäste tanzten zwischen Seifenblasen und Luftballons, und Ilse bekam von Roman jeden noch so merkwürdigen Wunsch von den Augen abgelesen.
Für Grete war es ein Traumtag sie half beim Kleid, sortierte Haarnadeln und überprüfte das Strumpfband. Nach der Zeremonie umarmte sie beide, und in ihren Augen funkelte echte Freude.
Ich bin so froh für euch! flüsterte sie.
Aber, das klärte sie gleich, Roman wird jetzt nicht Papa genannt:
Du bist cool, Roman. Und ich finds schön, dass Mama nicht mehr alleine ist. Aber: Mein Papa bleibt eben mein Papa, auch wenn er manchmal anstrengend ist…
Roman nickte nur und zwinkerte:
Das ist genau richtig so, Grete. Wichtig ist vor allem, dass wir ein Team sind.
Ludwig bekam eine Einladung per Post einfach, damit er Bescheid wusste, dass das Leben auch ohne ihn weiterläuft. Natürlich erschien er nicht auf der Hochzeit, sondern verbrachte die nächsten Tage damit, all seinen alten Bekannten im Prenzlauer Berg zu erzählen:
Stellt euch das mal vor! Sie lädt mich ein! Nach allem, was passiert ist!
Aber niemand wollte sich wirklich aufregen. Ein alter Uni-Kollege nuschelte: Jeder hat doch sein eigenes Leben
Ludwig wechselte die Platte: Sechs Monate, das ist doch keine Zeit! Wahre Liebe nach so kurzer Zeit? Sie will bloß verdrängen, das ist alles!
Oder: Sie hat mir nie eine Chance gegeben! Hätte ich die gehabt… Doch die Sätze endeten wie auf einer Lesung, bei der alle schon gehen wollen.
Manchmal klang er einfach beleidigt: So viel hab ich für sie gemacht! Und jetzt? Nichts, gar nichts. Und Grete hat sie mir auch weggenommen!
Einer seiner Freunde fragte: Und wofür genau soll sie dir jetzt danken? Für was? Ihr wart doch verheiratet
Und so wurde Ludwig über Wochen immer leiser und verschwand schließlich in seinen vier Wänden, ein Foto von Grete und ein alter Schlüsselbund waren alles, was ihm persönlich blieb. Das Leben drehte sich weiter, ob er wollte oder nicht.
Die Zeit bei Ilse, Roman und Grete wurde eine Zeit voll kleiner stiller Glücksmomente: Abendessen zu dritt, Ausflüge an die Havel, Debatten über Filme auf dem Sofa und das leise Gefühl, dass manche Träume doch etwas Wahres haben.
Und irgendwo wurde immer noch eine Tasse Kaffee verschüttet, wie ein Echo aus einer anderen Welt.




