Ich hasse dich nicht
Und doch ist alles wie früher
Friederike zupfte nervös am Saum ihres Ärmels und beobachtete aus dem Taxi heraus die Straßen Berlins, die merkwürdig verschwommen wie Linien auf einer gewellten Landkarte am Fenster vorbeizogen. Das waren diese Straßen, auf denen sie einst mit Johannes um die Wette gerannt war, lachend, träumend, Pläne schmiedend, an die sie sich jetzt zu erinnern versuchte, als seien es Eindrücke aus einem alten Märchen. Sieben Jahre Sieben Jahre hatte sie kein echtes deutsches Brot gerochen, kein Herbstlaub im Tiergarten gesehen. Ihr Herz flatterte wie eine Motte am Fenster.
Wir sind da, die Stimme des Fahrers schwebte sanft in ihren Tagtraum und verließ ihn gleich wieder, wie Rauch in den Morgenhimmel.
Das Taxi gleitete an den Bordstein neben einem grauen Plattenbau in Charlottenburg. Friederike tastete mechanisch nach Handy und Portemonnaie, reichte dem Fahrer einen Schein fünfzig Euro, eigentlich wars zu viel, oder zu wenig? , und stieg aus. Die Tür fiel hinter ihr zu, und für einen Moment stand sie reglos da, sog die Luft Berlins ein, die nach Regen, nach dem Brot des Bäckers Liebling an der Ecke und nach Kindheit roch. Es war ein Duft, den es im trubeligen München, wo sie wohnte, so nie geben konnte. Das war Heimat, dieses eigentümlich süße Ziehen in der Brust, das Freude und Angst zugleich war.
Offiziell war sie nur auf Stippvisite. Um ihre Mutter zu besuchen, um ein paar Papiere durchzusehen, wie es der bürokratische Zufall wollte. Aber da war noch ein anderer Grund, einer, der sich im schattenhaften Reich des Traumes verkroch. Sie wollte Johannes sehen. Sehnsucht so drückend, als stecke in jedem Gliedmaß ein Magnet, der ihn anzog. Vielleicht könnte ja doch alles ganz anders kommen?
Sie wusste längst, dass Johannes hier war. Sie verfolgte sein Leben nicht, nein, aber über Freundinnen und einen unverfänglichen Facebook-Feed hörte sie: Der Johannes, der arbeitet jetzt bei einer großen Firma, hat ne schöne Wohnung, hat sogar seine Mutter nachgeholt … Jedes Mal, wenn sein Name an ihr Ohr drang, schien sie zu fühlen, wie sein Schatten flüchtig an ihr vorbeihuschte, einen Moment lang Freund, dann ein Gespenst, und dann rannte sie wieder vor sich selbst davon.
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Am nächsten Tag irrte Friederike durch die Straßen der Berliner Mitte, vorbei an spiegelnden Boutiquen, unter hellblauen S-Bahn-Brücken hindurch, alles kam ihr vertraut und seltsam unwirklich vor, als sehe sie die Szenen aus einem schleppenden Traum. Da war der Kiosk, an dem sie Panini-Bilder gesammelt hatte; die Bank, auf der sie und Sonja nach Schulschluss mit Eis saßen; das Café, in dem sie ihren ersten Latte Macchiato zu sprühen drohte.
Und plötzlich war er da.
Johannes, auf der anderen Straßenseite. Im graugrünen Mantel, das Haar wie damals, ein bisschen länger vielleicht, aber er wandelte wie ein Geist, das Kinn leicht gesenkt, die Gedanken offen wie eine Tür in der Nacht. Friederike erstarrte, ihre Lungen vergessen das Atmen. Alles an ihm war vertraut und doch ungreifbar, jedes Detail ausgerollt aus einer anderen Zeit.
Ohne Nachdenken stolperte sie über die Straße; der Ampelmännchen pirouettierte von Gelb auf Rot, ein Fahrradfahrer schrie etwas, Autos hupen doch ihr Herz machte einen Lärm, als trampelte es durch ganz Berlin.
Johannes! rief sie atemlos, als sie ihn beim Späti einholte.
Ihre Stimme war brüchig, voller Verlangen und Angst. Er drehte sich um und sie sah nichts. Keine Freude, keine Wut, nur einen ruhigen Spiegel.
Friederike? sprach er monoton, beinahe mechanisch.
Seine Gleichgültigkeit zerschnitt sie tiefer als jede Beschimpfung. Plötzlich brachen sieben Jahre von Worten und Schweigen aus ihr hervor, und Tränen rannen in Strömen über die Wangen, so, dass sie selbst die kühle Luft kaum spürte.
Johannes, ich bin schuldig ich weiß, ich habe kein Recht aber ich liebe dich! mehr ein Flüstern als ein Ausruf. Sie umschlang ihn krampfhaft, die Straßen und Passanten lösten sich auf, als wäre Berlin nur Kulisse einer Schneekugelwelt, und er die einzige Realität.
Für eine Sekunde eine winzige Sekunde spürte sie, wie er widerstehen wollte, dann ließ er ihre Schultern los, trat zurück, seine Augen eiskalt, ein Blick, so deutsch, so entschieden, so voller Festigkeit.
Geh, flüsterte Johannes ihr ins Ohr, so leise, als wärs Wind im Advent.
Ein Hauch von Verachtung blitzte in seinen Blick, dann wandte er sich ab und ging ohne ein Wort, und Friederike blieb stehen wie ein vergessener Schatten auf dem Gehweg. Die Stadt rauschte weiter, Radfahrer, Mütter mit Kinderwagen, irgendwo rief jemand nach einem Hund, alles so greifbar, so fremd. Nur ihr eigenes, stockendes Atmen klang nach.
Das ist das Ende, pflanzte sich ein Gedanke in ihr fest wie eine brennende Kerze.
Sie schlurfte wie auf Stelzen in ihr altes Zuhause, benommen, das Leben um sie her ein Nebel, der sie nur noch müde machte. In der Wohnung setzte sie sich stumm an den Esstisch, die Mutter kam ins Zimmer, erkannte alles an Friederikes Augen, und seufzte nur, stellte schweigend Tee auf, als hätte sie auf genau diesen Moment Jahre gewartet. Die Geräusche das Knistern des Wassers, das Klopfen der Teelöffel das alles hüllte Friederike ein wie ein Flickenteppich aus Erinnerungen.
Er hat nicht verziehen, hauchte sie, die Finger um den Tee geschlungen, während sie ins dunkle Gold der Tasse starrte.
Die Mutter setzte sich still an ihre Seite, ihre Hand über Friederikes Schulter. So wie sie früher war, wenn Friederike mit aufgeschürftem Knie nach Hause kam. Da war sie wieder das Kind, und all ihre klugen, erwachsenen Entscheidungen schmolzen dahin wie Spülwasser.
Du hast es geahnt, sprach die Mutter mit dieser eigentümlich berlinerischen Wehmut.
Ja, Friederike nickte, und die Müdigkeit in der Stimme hätte auch aus Regenwolken stammen können. Aber ich habe gehofft. Dumm, oder?
Nein, widerlegte die Mutter sanft. Aber du hast Johannes wehtun müssen. Er war wie Kai aus Die Schneekönigin. Sein Herz eingefroren.
Friederike lehnte sich zurück, die Bilder der Vergangenheit tauchten wie lose Blätter auf dem Wasser auf. Alles schien damals so einfach. Zwanzig Jahre alt, jung und voller Ideen. Johannes der schweigsame Baumeister, der nicht in schönen Worten, sondern in Gesten lebte, Träume von einem kleinen Architekturbüro in Moabit, Pragmatismus und Zukunft in jedem Satz. Aber sie wollte keine Warten, keine halben Lösungen.
Dann kam das Angebot aus München, ein Job bei einer Kommunikationsagentur, den Onkel Dieter ihr verschafft hatte. Plötzlich roch die Zukunft nach Geld, nach U-Bahn und Marienplatz. Friederike packte, zog, suchte Glück.
Und dann kam Torsten. Älter, ein charmanter Unternehmer. Sie sahen sich im Literaturhaus. Er verstand sich darauf, Geschenke zu machen, Krawatten, Blumen, Einladungen zum Konzert, Uhren mit Armbändern aus Stahl. Du solltest nicht deinen Horizont begrenzen, sagte Torsten. Es war leicht, sich mitziehen zu lassen: italienische Restaurants, Taxis, von denen man weiß, dass sie 30 Euro kosten, Shopping auf dem Viktualienmarkt. Ein bisschen Paris, ein bisschen Glanz, alles wie im Traum.
Irgendwann war sie Torstens Freundin. Nicht aus brennender Liebe, sondern weil es so bequem war. Keine Sorgen mehr um Miete, um Lebenshaltungskosten. Alles so einfach und dabei so seltsam weit von Johannes entfernt, dass sie ihn schon anklagte, dass er nichts zu bieten hätte.
Zurück in Berlin, auf Heimaturlaub, kam sie nicht, um Johannes zu erklären, sondern um Erfolg zu zeigen. Ein Café am Savignyplatz, sie im schicken Kleid, am Finger ein Ring mit großem Stein, die neue Handtasche, der arrogante Lacher. Johannes kam zufällig herein, im Blaumann, und ihre Blicke trafen sich. Und statt Reue zu zeigen, genoss sie den Moment des Triumphes. Aber als er ging, und ihr Gast weiter redete, schrumpfte ihre Freude auf die Größe eines Knopfes. Plötzlich kam sie ihr Leben vor wie eine Szene aus einer überteuerten Opernkulisse.
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Erst als Zeit verging, merkte Friederike, dass sie in eine Falle geraten war. Torsten war bald weniger aufmerksam, schickte sie allein zum Friseur, bemängelte ihre Art zu lachen zu proletarisch, sagte er. Die Kälte kroch wie ein Nebel durch die Wohnung. Wenn sie ihn ansprach, fragte er nur noch: Was willst du noch?
Sie redete es sich schön, schob es auf Stress und Geschäft doch sie wusste insgeheim, dass sie für Torsten nur einen glänzenden Status hatte, und dass dieses Glänzen nicht ewig hielt. Die schönen Kleider hingen bald wie ausgelutschte Gespenster im Schrank, Schmuckstücke lagen herum wie ungebrauchtes Spielzeug.
In langen Nächten fand sie sich am Fenster, blickte auf Lichter, fragte sich, wie es wohl wäre, zurück zu können. Doch Gedanken an Johannes verjagte sie wie Motten im Licht, weil alles andere zu schmerzhaft war. Sie erinnerte sich an seine rauen, warmen Hände, an das unaufgeregte Glück. Mit ihm war sie keine Prinzessin, aber willkommen, einfach sie selbst.
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Am dritten Tag ihres Berlin-Besuchs spazierte Friederike durch den verworrenen Traum-Park am Lietzensee, der gleichzeitig voller Herbstlaub und voller Kindergeschrei war. Die alte Bank unter dem Kastanienbaum, vergilbte Blätter, der Ort, wo sie mit Johannes von Fenstersonne, Hundehütte und vom Geräusch der Kastanien redeten. Die Worte von damals klangen in ihren Ohren, jetzt wie eine ferne Melodie: Wenn wir mal eine Wohnung mit riesigen Fenstern hätten
Aus diesen Gedanken riss sie die Stimme von Martin ein gemeinsamer Freund aus Schulzeiten. Er tauchte auf, als käme er aus einer anderen Schicht des Traums, nickte und lächelte:
Ich hätte dich nicht hier erwartet, Friederike. Wie gehts dir?
Sie zwang sich zu einer normalen Miene, schluckte die Tränen hinunter und antwortete:
Alles gut. Ich besuche nur Mama.
Martin schlug vor, sich zu setzen, und sie redeten über Belangloses oder das, was wie Banales erschien. Nach einer Weile kam auch von ihm die Frage:
Hast du Johannes gesehen?
Friederike entwich die Luft, die sie zurückgehalten hatte, und sie lauschte ihrer eigenen Stimme beim Bekenntnis:
Ja. Gestern. Er hasst mich.
Martin, das Gesicht ernst und voller Mitgefühl, faltete die Hände, wartete. Dann erzählte er ihr von Johannes Schmerz, vom Suchen nach neuer Liebe, von seinen Versuchen, wieder zu leben, von seiner Verzweiflung.
Du bist einfach gegangen, sag ihm das nicht noch einmal weh, Friederike. Er konnte lange nicht schlafen, ist manchmal betrunken nachts durch Charlottenburg geirrt. Es reicht, lass ihn jetzt einfach in Ruhe
Sie schwieg lange, hielt die Tränen kaum zurück. Alles an ihr zitterte, in sich zusammengesunken und voller Selbstanklage. Sie war gekommen, um zu trösten und Vergangenes zu versöhnen, hatte aber alles noch viel schlimmer gemacht.
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Am Abend saß Friederike am Fenster in der Küche ihrer Mutter, schaute hinaus auf ein Berlin, das im Lichtspiel der Straßenlaternen schwamm, rotgelbe Tupfer, Neonzeilen, Schatten in Bewegungen. Erinnerungen flackerten an ihr vorbei wie Zugfenster, Zukunft und Vergangenheit wickelten sich um sie. Sie stellte sich vor, wie die Jahre mit Johannes hätten sein können, wie sie gemeinsam Träume gebaut hätten, ein Frühstück am Sonntag, Krach und Versöhnung, Leben eben.
Am Morgen packte sie ihre Sachen, langsam, fast rituell. Ihre Mutter drückte sie still.
Pass auf dich auf, Kind.
Der Hauptbahnhof war wie ein Labyrinth aus Licht und Stimmen. Friederike kaufte ein ICE-Ticket nach München. Während der Zug durch die blaue Berliner Vorstadt rollte, das Brandenburger Tor im Rückblick, wusste sie, dass ein Abschnitt endgültig zu Ende war. Irgendwo dort, auf den Straßen, blieb ein Stück von ihr. Johannes war fort.
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Ein halbes Jahr wurde sie wieder Teil von München, sah Isar und Maximilianstraße. Nach außen war alles wie gehabt: Büro, Gespräche, Freunde, der Rhythmus einer Großstadt, die keine Geschichte kannte. Doch in ihr war alles anders. Sie flüchtete nicht mehr vor dem, was geschehen war, sie nahm es an.
Eines Abends, der Dunst von Basilikum und Nudeln noch in der Luft, bimmelte ihr Handy. Ungeduldig Spam, dachte sie nahm sie es auf und las. Eine anonyme Nachricht, nur ein Satz:
Ich hasse dich nicht. Aber ich kann dir nie verzeihen.
Friederike verharrte. Der Bildschirmlichtschein malte ihr ein neues Gesicht in die Küche. Sie verstand nicht, woher die Nachricht kam, was sie zu bedeuten hatte Trost, Vorwurf, Abschied? Aber sie spürte, dass hier noch ein Faden hing, der nicht zerrissen war.
Zum ersten Mal seit Jahren lächelte sie unter Tränen ein kleines, schiefes, echtes Lächeln.
Vielleicht ist das nicht das Ende, dachte Friederike. Vielleicht würde das Schweigen ein Gespräch werden, irgendwann. Vielleicht reden sie doch noch einmal, ohne Schuld, ohne Rechtfertigung. Vielleicht gibt es ein neues Kapitel im ewigen deutschen Traum vom Abschied und vom Wiedersehen.
Und bis dahin reichte es ihr zu wissen: Sie ist nicht vergessen. Ganz gleich, wie fern, ganz gleich, wie verloren. Ein Herz denkt noch manchmal an sie.
Und das war genug.




