Ich stellte den letzten Teller auf den Tisch und trat einen Schritt zurück. Zwölf Gedecke. Zwölf Gläser. Zwölf Servietten, zu Dreiecken gefaltet so, wie meine Mutter es immer wollte. Um acht würden die Müllers eintreffen, später kämen noch Martina und ihr Mann. Ein volles Haus, so wie Mama es liebte. Die weiße Tischdecke mit den gestickten Schneeflocken in den Ecken stammte ebenfalls von ihr, noch aus ihrer Aussteuer. Ich strich die Falten glatt und dachte daran, dass ich nun schon das dritte Silvester diesen Tisch allein decke. Ohne sie.
Oma Nina, und der dreizehnte Stuhl?
Ich zuckte zusammen. Sophie stand in der Küchentür, eine Ladung zusätzlicher Teller an die Brust gedrückt. Die Wangen glühten von der Kälte draußen sie war wohl noch einmal im Hof gewesen.
Welcher dreizehnte?, gab ich mich unwissend.
Uroma hat immer einen aufgestellt. Für einen unerwarteten Gast.
Ich drehte mich zum Fenster. Draußen fiel dicker, gemächlicher Schnee wie Wattesträhnen. Mama mochte diesen Schnee, sagte, er brächte Gäste ins Haus. Ich habe sie nie gefragt, welche Gäste sie sich wohl wünschte. Dachte, es sei nur eine Redensart, eine schrullige, alte Angewohnheit.
Uroma gibt es seit drei Jahren nicht mehr, Sophie.
Gerade deshalb.
Sophie sah mich auf ihre spezielle Art an geradeheraus, nicht vorwurfsvoll, aber forschend. Mit ihren zehn Jahren war sie die einzige in der Familie, die sich noch an Mamas Geschichten erinnerte und sie wirklich hörte, nicht nur aus Höflichkeit nickte. Ich hatte das schon lange nicht mehr getan. Immer war etwas zu tun, immer die Arbeit, endlose Buchhaltungsberichte. Nun ist Mama nicht mehr da, und fragen kann ich niemanden mehr.
Na gut, sagte ich. Hol den Stuhl aus dem Abstellraum, den aus Holz, an der Wand.
Sophie lächelte und verschwand. Ich öffnete oben am Buffet die Schublade. In einem Samtkästchen lagen Mamas Ohrringe Tropfen aus Bernstein, gefasst in Silber. Ihr einziges Schmuckstück, das ich trage. Victor meint, sie stünden mir. Aber ich trage sie, weil das kühle Silber an meinem Ohr wie eine Berührung von Mama ist.
Nachdem ich sie eingehängt hatte, schaute ich in den Spiegel. Zweiundfünfzig Jahre. Krähenfüße, Silbersträhnen an den Schläfen. Mama wirkte in meinem Alter jünger oder scheint es mir nur so?
Der dreizehnte Stuhl stand nun am Kopfende des Tisches, so, dass er genau auf die Haustür wies. Ich wollte schon Einwände erheben, dass man dabei mit dem Rücken zum Fenster sitzt, aber ich schwieg. Mama stellte ihn immer so hin. Ohne Ausnahme.
Uroma hat erzählt, begann Sophie, während sie das Tischtuch am neuen Gedeck glattstrich, dass sie einen Bruder hatte. Onkel Gregor. Der ging weg, als sie siebenundzwanzig war. Er kam nie zurück.
Ich erstarrte, die Salatschüssel in der Hand.
Woher weißt du das?
Sie hat es erzählt. Früher, als ich noch bei ihr übernachtete. Wir lagen im Dunkeln, und sie sprach vom Haus, von der Kindheit, vom Bruder. Sie sagte immer, er werde eines Tages zurückkehren. Deshalb hat sie den zusätzlichen Stuhl aufgestellt.
Vierzig Jahre. Vierzig Silvester lang hat meine Mutter diesen dreizehnten Stuhl gedeckt, und ich hielt es für eine Tradition. Für ein Zeichen der Gastfreundschaft oder einen alten Tick. Aber in Wahrheit hat sie gewartet. Jedes Jahr.
Warum hat sie mir das nie erzählt?
Sophie zuckte die Achseln. Vielleicht weil sie hoffte, du würdest selbst fragen.
Ich habe nie gefragt. Kein einziges Mal in zweiundfünfzig Jahren. Nie wollte ich wissen, warum Mama auf diesem Stuhl bestand. Nie fragte ich nach ihrer Kindheit, nach der Familie, nach der Zeit vor mir. Ich nahm sie einfach hin Mutter ist Mutter. Und dann ist sie weg, und ich weiß fast nichts von ihr.
Die Tür im Flur schlug. Victor kam, schüttelte die Schneeflocken ab. Hinter ihm Paul mit seiner Frau Lena. Stimmen, Lachen, Gläserklirren füllten das Haus. Lena brachte ihren berühmten Apfelstrudel mit, Paul eine Flasche Sekt. Victor drückte mich, küsste mich auf die Schläfe.
Du hast wunderschön gedeckt.
Ich lächelte, nahm Mäntel an, goss Tee ein, hörte Verkehrsgeschichten und Wetterberichte. Doch mein Blick kehrte immer wieder zum dreizehnten Stuhl zurück. Leer. Erwartungsvoll.
Mama hat auf jemanden gewartet. Vierzig Jahre lang. Und ich wusste nicht einmal auf wen.
Um sechs klingelte es.
Wir hatten gerade den letzten Bissen vom Vorspeisenteller genommen. Paul erzählte über seinen Job, Lena lachte. Victor öffnete die zweite Flasche Sekt. Sophie saß nachdenklich da, stocherte im Salat. Dann klingelte es. Laut, scharf und überraschend.
Ich mach schon!, rief Sophie, sprang vom Tisch.
Gerade als ich mir die Hände abtrocknete, hörte ich sie rufen: Oma, hier ist jemand.
Etwas in ihrem Ton ließ mich in den Flur eilen.
Auf der Türschwelle stand ein alter Mann mit wildem, grauem Bart. Der Mantel, einst schick, heute schäbig, eine Knopfleiste fehlte. Die Mütze mit herausquellender Watte. Abgetragene Schuhe, einer mit Kordel statt Schnürsenkeln. Ein Obdachloser, wie man sie am Kölner Hauptbahnhof sieht.
Aber er blickte nicht zu uns, sondern aufs Haus auf die Sprossenfenster, den winterlichen Garten, auf die Girlanden am Tannenbaum vor der Tür. Als versuchte er, sich an etwas zu erinnern, etwas wiederzuerkennen.
Guten Abend, sagte er heiser, aber höflich. Entschuldigen Sie, ich bin durchgefroren. Darf ich mich kurz aufwärmen?
Victor trat hinter mich, bereit, zu intervenieren.
Wir geben nichts raus, begann er ruhig, doch bestimmt. Aber ich kann Ihnen heißen Tee bringen. Bleiben Sie bitte draußen.
Er soll reinkommen!, stellte sich Sophie schützend vor die Tür. Ihre Augen leuchteten. Oma Nina, du hast doch selbst den Stuhl aufgestellt! Für einen unerwarteten Gast.
Ich schaute den alten Mann an. Er bettelte nicht, jammerte nicht über Schicksalspech. Stand einfach da und schaute auf mein Haus. Unser Haus. Mamas Haus.
Da fiel mir etwas auf: Seine Hände.
Er hatte die Handschuhe gestrickt, mit Loch am Zeigefinger abgezogen, um die steifen Finger zu reiben. Die Nägel waren sauber, kurz und ordentlich geschnitten. Raue Kältezeichnungen zierten die Haut, doch die Hände wirkten gepflegt. Lange Finger, mit Schwielen auf den Fingerkuppen. Keine Hände eines Landstreichers. Hände, die fein arbeiten konnten.
Kommen Sie herein, sagte ich, ehe ich es richtig bedacht hatte. Heute ist Silvester. Da kann doch niemand draußen frieren.
Victor wollte widersprechen das sah ich an seiner angespannten Kinnlinie. Doch ich legte meine Hand auf seinen Unterarm. Mamas alte Geste, wenn sie meinen Vater zur Ruhe brachte. Eine Geste, die nie versagte.
Na gut, sagte Victor schließlich. Aber nicht zu lange.
Der Mann trat ein und sah sich um. Drehte langsam den Kopf nach rechts Richtung Küche. Dann nach links zur Stube und zum Weihnachtsbaum. Da flackerte etwas in seinem Blick. Wiedererkennen? Oder Einbildung?
Die Küche ist rechts, oder?, fragte er leise.
Ja, nickte Sophie. Woher wissen Sie das?
In solchen Häusern ist das oft so, murmelte er. Verzeihung. Ich war lange nicht in einem richtigen Haus.
Wir führten ihn in die Stube. Paul blickte unzufrieden, Lena rückte an den Rand ihres Stuhls, suchte Halt bei ihrem Mann. Nur Sophie lachte, lief um den Gast herum und deckte für ihn auf.
Ich setzte ihn auf den dreizehnten Stuhl. Er ließ sich vorsichtig, fast ehrfürchtig nieder. Hände auf den Knien, der Rücken aufrecht, trotz Alter und Müdigkeit.
Ich bringe Ihnen etwas zu essen, sagte Sophie.
Vielen Dank. Sie sind sehr freundlich.
Seine Stimme klar, mit guter Aussprache, ohne jenen schnarrenden Ton, den viele von der Straße mitbringen.
Sophie stellte ihm Teller mit Kartoffelsalat, Braten und einem Stück Brot hin. Er nahm die Gabel, wie jemand, der es gewohnt ist nicht mit grobem Griff, sondern elegant und sicher. Aß ruhig, von zuhause geprägt.
Wie heißen Sie eigentlich?, fragte Sophie und setzte sich ihm gegenüber.
Er hob den Kopf.
Gregor.
Mir zitterte die Hand, der Weinkelch schwankte, ein Tropfen landete auf der Tischdecke. Gregor. Onkel Gregor, von dem Sophie gesprochen hatte. Vage erinnerte ich mich: ein Verwandter, der wegging, als ich noch klein war. Neun war ich damals, und er war selten da wohnte am anderen Ende der Stadt, arbeitete viel. An sein Gesicht erinnerte ich mich nicht. Nur an Mamas Tränen nach seinem Weggang. Es musste Zufall sein. Gregors gibt es schließlich viele.
Und der Nachname?, bohrte Sophie freundlich nach.
Andreas.
Wie benommen suchten meine Finger Mamas Ohrringe. Andreas. Mein Großvater hieß Andreas Andreas Schäfer. Er war gestorben, bevor ich zur Welt kam, ich kannte ihn nur von Fotos.
Schmeckt gut, sagte der alte Mann, stellte den leeren Teller ab. So etwas Hausgemachtes hatte ich lange nicht.
Möchten Sie noch etwas?, fragte Sophie.
Nein, danke. Es reicht.
Da saß er nun, die Hände auf den Knien, und schaute zum Weihnachtsbaum. Die Lichter, der alte Stern auf der Spitze. In seinen blassblauen, müden Augen lag etwas Vertrautes. Ein Funkeln, das ich seit zweiundfünfzig Jahren kannte. Das Glitzern, das Mama in denselben Augen hatte.
Nina, sagte der alte Mann plötzlich und schaute mich an, könnten Sie mir bitte das Salz geben?
Nina.
So hat mich nur Mama genannt. Nina, komm essen. Nina, zieh dich warm an. Niemand sonst sagt das. Victor ruft mich Nin oder Ninchen. Paul sagt Ma. Sophie nennt mich Oma Nina. Bei der Arbeit bin ich Frau Nina Andreas.
Woher kennen Sie meinen Namen?
Er erstarrte, Gabel halb erhoben. Da lag Furcht in seinem Gesicht, oder Unsicherheit?
Ich… habe es aufgeschnappt, als Sie gerufen wurden.
Doch niemand hatte heute Abend Nina gesagt.
Ich schwieg und reichte das Salz. Drehte mich zum Fenster, wo der Schnee immer noch langsam fiel.
Den ganzen Abend über achtete ich auf seine Hände.
Viertel vor zwölf hoben wir die Gläser. Victor sprach einen Toast über Familie, Gesundheit, Glück im neuen Jahr. Alle prosteten. Der alte Mann Gregor trank still, in winzigen Schlucken. Der Sekt? Nur symbolisch angefeuchtet.
Mitternacht. Sophie rief Frohes neues Jahr!, Lena drückte Paul, Victor küsste mich. Ich beobachtete den alten Mann. Still saß er da, die Augen auf den Weihnachtsbaum. Die Lippen bewegten sich, als würde er Worte murmeln. Ein stilles Gebet? Zählte er innerlich die Glockenschläge?
Nach dem Jahreswechsel spielte Sophie Musik. Paul und Lena tanzten im Nebenzimmer, Gelächter und Oldies drangen herüber. Victor schlummerte im Sessel, erschöpft von Gesellschaft und Sekt. Sophie war ins Telefonieren mit Freundinnen vertieft.
Ich begann zu räumen.
Gregor saß noch wie gehabt aufrecht, Hände im Schoß, Blick zum Baum.
Da hörte ich knarrend den Stuhl.
Gregor stand langsam auf, als hätte er Angst, sich die alten Gelenke zu verrenken. Ging zum Weihnachtsbaum. Streckte die Hand aus und richtete den Stern auf der Spitze aus. Ein uralter, von Oma noch, vergoldet, das Gold schon abgeschabt.
Er drehte den Stern. Zwei Zentimeter nach links.
Etwas in mir riss.
Diese Bewegung. Diese Geste. Mama hat das jedes Jahr getan. Immer, nach dem Schmücken des Baums, trat sie schließlich ans Ende und drehte den Stern nach links. Genau zwei Zentimeter. Ich hatte sie gefragt, warum, doch sie lächelte nur: So ist es richtig, Nina. So muss es sein.
Ich trat auf ihn zu. Mein Herz schlug so laut, ich dachte, er müsse es hören.
Warum haben Sie das gemacht?
Er zog scharf die Hand weg, drehte sich um. Furcht im Blick.
Gewohnheit.
Wessen Gewohnheit?
Stille. Er sah mich an blassblaue Augen, Augenringe, müder Bart. Doch die Augen… Das waren die meinen. Mamas.
Sie kannten meine Mutter, sagte ich, ohne Frage.
Er senkte den Blick.
Zinaida Andreas?, murmelte er. Ja, ich kannte sie.
Woher?
Er hielt inne. Schaute zum Baum, als suchte er dort die Antwort.
Wir sind im selben Haus groß geworden.
Ich hielt den Atem an. Im selben Haus? Das kann viel heißen: Nachbarn, ferne Verwandte, Freunde der Familie.
In diesem Haus? Doch ich ahnte es schon.
Ja.
Mir wurde schwindlig. Ich machte einen Schritt näher.
Wer sind Sie?
Stille.
Hier war das Kinderzimmer, sagte er leise, seinen Blick auf den Flur gerichtet. Die kleine Kammer am Ende, mit Fenster zum Hof. Im Winter hatte das Glas immer herrliche Eisblumen. Wir… wir saßen oft davor und stellten uns vor, wozu sie wohl gehören.
Da ist jetzt der Abstellraum.
Ich weiß. Er wartete. Wir, Zina und ich… Er verstummte.
Ja?
Er schüttelte den Kopf. Nichts. Entschuldigen Sie. Ich brauche etwas Luft.
Und verließ das Haus, ohne den Mantel.
Nach einer halben Stunde fand ich ihn draußen am Holzzaun, auf der Bank. Schnee auf Schultern, Mütze, Bart. Er saß einfach da und sah auf die erleuchteten Fenster.
Ich schlüpfte in Mamas alten Daunenmantel, noch von früher, aber warm. Ging raus zu ihm.
Sie frieren.
Nicht zum ersten Mal.
Ich setzte mich daneben. Die Bank war selbst durch den Mantel eiskalt. Schnee rieselte aufs Gesicht, kitzelte die Haut.
Erzählen Sie.
Was?
Alles. Wer Sie sind. Woher Sie Mama kennen. Warum Sie heute gekommen sind.
Lange saßen wir schweigend, dann betrachtete er seine Hände die gepflegten Hände mit den Schwielen.
Zina war meine Schwester, sagte er schließlich leise. Die jüngere. Ich ging fort, als sie siebenundzwanzig war. Ich war dreißig.
Mir wurde schwindlig. Ich klammerte mich an die Lehne der Bank.
Sie sind Onkel Gregor?
Er zuckte. Drehte sich zu mir.
Sie hat von mir erzählt?
Meiner Enkelin. Sophie. Heute hat sie es mir gesagt. Uroma hat dich jedes Jahr erwartet. Deshalb der zusätzliche Stuhl. Vierzig Jahre lang.
Er legte das Gesicht in die Hände, die Schultern bebten.
Dreiundvierzig Jahre, flüsterte er. Dreiundvierzig Jahre habe ich mich nicht getraut zurückzukommen.
Warum?
Er nahm die Hände herunter. Tränen glänzten auf den Wangen, gefroren im Bart.
Mein Vater… wir hatten furchtbar gestritten. Ich sagte Dinge, die man seinem Vater nicht sagt. Ich behauptete, er hätte mir das Leben ruiniert. Ich kann ihn nicht mehr sehen wollte, verließ das Haus. Ging nach Norden, auf Montage. Dachte, in einem Jahr hätte sich alles gelegt. Aus einem wurden fünf, aus fünf zehn, aus zehn zwanzig. Dann… er hob die Hände dann war die Scham zu groß. Zu viel Zeit vergangen, zu viel passiert. Ich dachte, es sei einfacher, wenn man mich für tot hält.
Und Zina? Mama?
Er verzog das Gesicht vor Schmerz.
Ich glaubte, sie hasse mich jetzt auch. Dass sie auf Papas Seite war. Ich schrieb ihr nie. Aus Angst, sie würde nicht antworten. Oder auf eine Art, die mich verstoßen würde.
Sie hat dich erwartet, flüsterte ich heiser. Vierzig Jahre lang war der Stuhl gedeckt. Jedes Silvester. Sie hat auf dich gewartet.
Er hob den Blick.
Ich erfuhr, dass sie gestorben war, im letzten Jahr. Ganz zufällig, in einer alten Zeitung auf dem Bahnhof. Ihr Name war dort Zinaida Andreas. Ein Bild, sie grau, alt. Und unten stand: verstorben nach schwerer Krankheit. Da wusste ich jetzt ist es zu spät. Dreiundvierzig Jahre hatte ich Zeit. Jetzt ist alles vorbei.
Warum bist du denn trotzdem gekommen?
Weil sie gewartet hat. Vierzig Jahre lang. Der Stuhl stand. Sie hoffte auf mich. Also musste ich wenigstens noch einmal das Haus sehen. Das Haus, unserer Kindheit, wo wir fröhlich waren, wo… Seine Stimme brach ab. Wo ich alles kaputt gemacht habe.
Wir saßen still, der Schnee deckte uns zu. Mamas Daunenmantel roch noch immer nach ihrem Lieblingsparfum 4711, das sie nie aufgab.
Ich glaube Ihnen irgendwie nicht, sagte ich schließlich. Es ist einfach schwer zu fassen. Jeder könnte behaupten, Mamas Bruder zu sein. Haben Sie einen Beweis?
Er schwieg. Schaute lange auf die Fenster.
Im Kinderzimmer im Abstellraum. Damals ritzten Zina und ich eine Botschaft in die Wand mit einem Nagel, 1962. Da war ich elf. Sie war acht.
Die Tapeten sind fünfmal gewechselt worden.
Ich weiß. Aber auf dem Putz muss es noch sein, an der rechten Seite des Fensters, in Höhe eines Kindes. Wir standen auf einem Hocker.
Ich stand auf, spürte meine Beine kaum.
Kommen Sie.
Der Abstellraum roch nach alten Stricksachen, nach Papas Büchern und nach Zeit. Ich knipste die Funzel an, trat ans Fenster.
Der rechte Fenstereck, in Höhe eines Kindes. Ein Meter ungefähr.
Hier?
Etwas höher. Wir standen doch auf dem Hocker.
Ich suchte nach Werkzeug. Alte, stumpfe Schere für diesen Zweck okay.
Ich hob die erste Tapetenschicht ab die beigen von letztem Jahr, dann das grüne Blumenmuster aus den Neunzigern, blaue aus den Achtzigern, gelbe aus den Siebzigern, rötliche aus den Sechzigern.
Darunter grauer, rissiger Putz.
Ich nahm das Handy, schaltete die Taschenlampe ein, Hände zitternd.
Da, Buchstaben, krakelig, ins Graue gekratzt, wie ein Kind es macht. Tiefe Linien.
Hier wohnten wir. Gregor und Zina, 1962.
Mir entglitt das Handy. Ich sank auf die Knie, fuhr mit den Fingern über die tiefe Schrift. Zweiundsechzig Jahre lag diese Einritzung unbemerkt hier, von keiner Tapete getilgt. Sein und Mamas gemeinsames Geheimnis.
Die habe ich eingeritzt, sagte Gregor leise hinter mir. Zina hatte Angst, dass Mama schimpft. Dann sagten wir: Kein Problem, die Tapete hält alles geheim. Unser ewiges Geheimnis.
Ich drehte mich um. Da stand er alt, vom Leben gezeichnet, fremd. Und doch: so vertraut. Mamas Bruder. Mein Onkel. Der, den sie vierzig Jahre lang erwartete.
Also wirklich Gregor, mein Onkel Gregor.
Ja, Nina. Ich bins. Du warst ganz klein, neun erst, als ich wegging. Aber ich erinnere mich, wie ich dich auf den Knien gewiegt habe. Zina rief immer: Nina zu Onkel Gregor! Darum ist mir das heute herausgerutscht.
Wir saßen bis zum Morgengrauen in der Küche.
Ich brühte Tee auf, wie Mama ihn wollte stark, mit Thymian. Holte ihr letztes Glas Himbeermarmelade hervor eingekocht im letzten Sommer, ehe sie krank wurde.
Gregor erzählte. Vom Norden Flensburg, Hamburg, von Montage, Arrest, von all den Jahren ohne Wohnung, von Schlafsälen, Bahnhöfen. Von der stetig wachsenden Angst, wieder heimzukehren.
Ich war Uhrmacher, sagte er und deutete auf die Hände. Vor dem Fortgehen. Werkstatt in der Wilhelmstraße. Uhren, Wecker, kleine Mechanik. Die Finger wissen es heute noch. Das hier sind Schwielen vom Werkzeug Pinzette, Schrauben, Lupe.
Er zeigte mir die Hände, so gepflegt, wie sie mir schon an der Tür aufgefallen waren.
Weißt du, warum ich alles gemieden habe? Nicht nur wegen der Scham. Sondern, weil ich fürchtete, Zina würde mich wegschicken. Nach so vielen Jahren ohne ein einziges Wort. Ich hätte Kontakt aufnehmen können. Aber ich hatte Angst.
Angst wovor?
Dass sie sagt: Geh. Für mich bist du tot. Nicht wissen ist leichter, als das zu hören.
Sie hätte es nicht gesagt.
Woher willst du das wissen?
Sie hat den Stuhl gedeckt, sagte ich und legte meine Hand auf den Tisch zwischen uns. Jedes Jahr. Vierzig Jahre. Auch noch als sie krank war und aufstehen nicht mehr konnte sie bat mich darum. Und ich verstand nie, wozu. Sie wartete auf dich.
Er schwieg lange. Hinter dem beschlagenen Scheiben dämmerte das neue Jahr.
Die Ohrringe, sagte er plötzlich. Bernstein, gefasst in Silber. Die schenkte ich Zina zum achtzehnten Geburtstag. Vom ersten Lehrlingslohn. Ich sparte drei Monate. Sie war so glücklich. Sie sagte, sie würde sie ihr Leben lang tragen.
Ich griff mir an die Ohren. Die Tropfen aus Bernstein, das kalte Silber. Mamas Geschenk jetzt verstand ich, von wem.
Sie hat sie nie abgelegt, sagte ich. Nicht im Krankenhaus, nicht einmal als es störte.
Gregor weinte. Still, Tränen liefen in den Bart.
Ich stand auf und nahm Mamas wollenen Schal vom Schrank. Er roch nach 4711 und etwas, das ich nie ganz benennen konnte. Es roch nach Zuhause. Nach Kindheit.
Ich legte Gregor den Schal um die Schultern.
Frohes neues Jahr, Onkel Gregor.
Er ergriff meine Hand, drückte sie an seine Wange. Sie war nass von seinen Tränen.
Sie hat mich nicht mehr erlebt, flüsterte er. Nur drei Jahre hätte ich früher kommen müssen. Drei Jahre…
Aber du bist gekommen. Besser spät als nie. Genau das hat Mama erwartet.
Er sah mich an, die Augen geschwollen.
Sie hätte sicher gewollt, dass du bleibst.
Bleiben?
Hier. Bei uns. In diesem Haus.
Er schwieg. Draußen stieg die blasse, winterliche Sonne auf. Der Beginn des neuen Jahres.
Am Morgen, als sich das Licht seinen Weg durchs vereiste Fenster bahnte, betrat ich das Wohnzimmer.
Onkel Gregor saß am dreizehnten Stuhl. Vor sich dampfender Tee. Neben ihm Sophie, die ihm lebhaft etwas erzählte, die Hände flogen, und er lauschte lächelnd zum ersten Mal wirklich glücklich.
Der Stern auf dem Baum war nach links geschwenkt. Genau wie Mama es immer gemacht hatte. Jetzt wusste ich, es war ihr Zeichen. Ein stilles Band zwischen Bruder und Schwester. Das Zeichen, dass sie miteinander verbunden blieben, über Jahrzehnte hinweg. Sie wartete vierzig Jahre. Und er kehrte doch noch zurück um endlich selbst den Stern zu wenden.
Paul saß in seinem Eck und musterte Gregor skeptisch. Lena klapperte in der Küche, tat, als wäre alles beim Alten. Vielleicht war es das sogar. Ein fremder alter Mann fremde Sorgen.
Victor kam dazu, legte schützend den Arm um mich.
Er bleibt also?, fragte er leise.
Ja.
Nina Bist du sicher? Wir kennen ihn kaum. Man weiß nie
Er kennt die Inschrift, Victor. Unter fünf Schichten Tapete: Hier wohnten wir. Gregor und Zina, 1962. Das kann keiner wissen.
Victor seufzte. Er war ein guter Mensch vorsichtig, vernünftig, aber gut. Und er liebte mich genug, um meine Entscheidung zu akzeptieren.
Na dann Aber wenn irgendetwas
Ich sah auf Onkel Gregors Hände. Er hielt die Teetasse mit Bedacht Hände eines Uhrmachers. Hände, die die Wand ritzten, die Bernsteinohrringe schenkten.
Mama hat diesen Stuhl vierzig Jahre lang gedeckt. Drei Jahre stand er leer. Es reicht.
Sophie winkte mir zu.
Oma Nina! Onkel Gregor sagt, er kann Uhren reparieren! Stell dir vor meine Wanduhr funktioniert seit Ewigkeiten nicht! Er meint, er kann sie wieder zum Schwingen bringen!
Ich trat an den Tisch, legte Onkel Gregor die Hand auf die Schulter genau wie Mama. Als Gruß, als Zeichen von Zuhause, als Geborgenheit.
Frohes neues Jahr, sagte ich. Auf einen neuen Anfang.
Er legte seine Hand auf meine. Sie war warm.
Danke, Nina. Seine Stimme zitterte. Danke, dass ich bleiben darf.
Draußen fiel noch immer leiser Schnee groß, ruhig. Mama sagte immer, solcher Schnee bringe Gäste ins Haus.
Sie hatte Recht. Wie immer.
Vierzig Jahre hatte sie gewartet. Drei Jahre war es zu spät. Doch nun ist der dreizehnte Stuhl nicht mehr leer.
Manchmal braucht Versöhnung viele Jahre. Aber wenn das Herz offen bleibt und ein Stuhl am Tisch bereitsteht, ist es nie zu spät für einen neuen Anfang.





