Die Mutter drückte sie fest an sich, küsste sie und fragte sich: „Wem ähnelt sie bloß?“ Und seufzte leise. Bekannte zeigten sich verwundert und stellten dieselbe Frage. Ob wohl ein Freund Viktor beeinflusst hatte, seine Mutter einen Verdacht hegte oder Viktor selbst an der Treue seiner Frau zu zweifeln begann – eines Abends kam er jedenfalls nach der Arbeit missmutig nach Hause.

Die Mutter drückte ihre Tochter an sich, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und fragte sich insgeheim: Wem sieht sie denn nur ähnlich? Dann seufzte sie. Auch Bekannte wunderten sich stets und stellten dieselbe Frage. Ob wohl einer von Viktors Kumpels ihm einen Floh ins Ohr gesetzt hatte, oder ob Viktors Mutter selbst langsam Verdacht schöpfte? Vielleicht hatte Viktor einfach so plötzlich an der Treue seiner Frau gezweifelt jedenfalls kam er eines Tages ungewöhnlich grimmig von der Arbeit nach Hause.

Viktor, was machen wir denn jetzt bloß? Es ist doch viel zu früh. Klara ist gerade mal zwei Jahre alt, hat erst vor Kurzem die Windeln verabschiedet. Und ich habe kaum durchgeatmet.

Von einem Mutterschutz ins nächste ehrlich, das macht mich fertig, klagte Johanna. Klara ist doch noch ein Baby und will ständig getragen werden. Wie soll ich sie mit einem dicken Bauch noch hochheben?

Wir werden bald zu viert sein und du arbeitest immer noch allein. Vielleicht sollten wir mit dem zweiten Kind noch etwas warten?, schlug Johanna zögerlich vor und erschrak fast vor ihren eigenen Worten.

Viktor blinzelte streng: Was hast du denn jetzt vor? Schlag dir das aus dem Kopf. Er wurde sanfter. Sorry, mein Fehler. Wir schaffen das schon. Ich such mir einen Nebenjob.

Wenns wieder ein Mädchen wird, seh ich überhaupt keine Probleme. Nach der Großen ist genug Kleidung übrig. Den Kinderwagen brauchen wir auch nicht neu kaufen.

Der Altersunterschied ist eh klein, vielleicht freunden sie sich an. Und wenns ein Junge wird… Viktor grinste, dann stell ich einen Antrag auf mehr Wohnraum.

So einigten sie sich darauf. Klara war Johannas Augenstern und wurde von ihr verwöhnt, wie es sich für ein lang ersehntes Erstgeborenes gehörte. Sie konnte einfach nicht anders, als sie immer wieder an sich zu drücken und zu küssen, auch als der Bauch allmählich kugelrund wurde. Insgeheim hoffte Johanna beinahe, dass das zweite Kind vielleicht doch nicht bleiben würde sie traute sich nur nicht, sich das selbst einzugestehen.

Aber die Natur hatte ihren eigenen Plan. Die Schwangerschaft verlief problemlos, und zum errechneten Termin wurde bei den Schumachers, mitten in Bremen, noch eine Tochter geboren.

Als Johanna das zweite Mädchen zum ersten Mal füttern wollte, irritierte sie erstmal der helle Flaum auf dem Kopf der Kleinen. Sowohl Johanna als auch Viktor waren dunkelhaarig, auch Klara war mit fast schwarzen Haaren geboren, die später erst aufhellten. Vielleicht ist es bei dieser ja andersherum, beruhigte sich Johanna.

Das Baby mit den strahlend blauen Augen und milchweißer Haut zog sofort sämtliche Blicke auf sich. Die frischgebackenen Eltern schenkten ihr den seltenen Namen Frauke passte zu Klara, die Initialen blieben gleich, und fanden darin eine Bedeutung, die wohl nur sie selbst verstanden.

Wie ausgerechnet zwei so unterschiedliche Mädchen der gleichen Familie entspringen konnten, wusste niemand zu erklären. Frauke war nicht nur ganz anders als ihre Schwester, sie unterschied sich sogar äußerlich vollkommen von ihren Eltern. Je älter sie wurde, desto deutlicher fiel der Unterschied ins Auge als hätte ein norddeutscher Westwind sie einfach hergeweht.

Allmählich wurde auch ihr Haar ein bisschen dunkler und bekam einen goldblonden Ton. Gelassen und gemütlich bestaunte sie die Welt durch ihre himmelblauen Augen.

Wem sieht sie bloß ähnlich?, fragte sich Johanna immer wieder und seufzte. Auch die Freunde beäugten Frauke neugierig und stellten die gleiche Frage.

Irgendwas hatte in Viktors Kopf einen Schalter umgelegt ob ein Freund ihm was eingeredet hatte oder er einfach selbst ins Grübeln kam? Jedenfalls kam er eines Abends heim, schwieg ewig und schaute Johanna vorwurfsvoll an. Schließlich platzte es aus ihm heraus, begleitet von herrlicher norddeutscher Melancholie.

Irgendein blonder Typ hatte damals mit Johanna geflirtet vielleicht, so muskelte es in Viktor, war er doch mehr als nur ein harmloser Verehrer gewesen. Oder haben sie im Krankenhaus etwa die Babys vertauscht? Auch wenn sowas selten vorkommt…

Ich bin dir nicht fremd gegangen! Das ist unsere Tochter, niemand hat sie vertauscht!, rief Johanna unter Tränen, empört über Viktors unfaire Verdachtsmomente.

Fortan gab es zu Hause täglich Zoff, und die Trennung schien unausweichlich. Johanna fing schon an, Sachen zu packen. Erst da bekam Viktor Panik. Schließlich liebte er seine Frau. Sie würde die Kinder mitnehmen, er bliebe allein zurück und das wollte er auf keinen Fall. Er wollte doch nur Gewissheit.

Es war so peinlich, immer wieder gefragt zu werden: Wieso sieht das Kind aus wie ein Eisbär und hat nichts von Mama oder Papa? Viktor kam sich schon vor wie ein Elch mit bunt geschmücktem Geweih. Er bat Johanna zu bleiben, kündigte aber an, einen Vaterschaftstest zu machen. Johanna heulte wieder los.

Wie soll ich bleiben, wenn du mir nicht glaubst? Mach doch gleich für Klara auch einen Test, wer weiß, vielleicht hab ich auch die spazierengeschleppt. Komm, wir lassen es gleich ganz mit uns.

Viktor sammelte selbst Speichel von Frauke und ein Haar von Klara, brachte beides höchstpersönlich ins Hamburger Labor. Dort nervte er die Angestellten so lang mit Fragen, wie sicher das Ganze sei und ob man da was vertauschen könnte, dass sie ihm feierlich versicherten: Unmöglich!

Auch die Mädchen bekamen den Krach mit. Frauke, gerade mal vier, spürte genau, dass Mama und Papa sich ihretwegen stritten. Und Klara sagte es ganz offen:

Du bist gar nicht meine Schwester. Dich hat uns jemand untern Kinderwagen gelegt. Wegen dir wollen Mama und Papa sich scheiden lassen!

Frauke brach in Tränen aus, ließ sich auch von Mama kaum beruhigen. Klara begann sogar, Pläne auszubrüten, wie man die kleine Schwester wieder loswird dann gäbe es keinen Streit mehr, so logisch tickt ein Kinderherz.

Eines Tages musste Johanna einkaufen gehen, ließ die Mädchen ausnahmsweise allein. Der Papa war sowieso noch auf der Arbeit. Klara zog Frauke an und führte sie aus. Sie schleppte die Kleine immer weiter vom Haus weg war fast ein kleiner Ausflug nach Bremerhaven.

Johanna suchte nach der Rückkehr vergeblich nach den Kindern. Auch Nachbarn hatten die Mädchen zwar gesehen, aber wichtiger war die nächste Folge ihrer Lieblings-Telenovela. Als Viktor nach Hause kam, stieß er zur mittlerweile panischen Suche dazu. Der Abend nahte, noch immer kein Lebenszeichen.

Schließlich riefen sie bei der Polizei an. Nach einer Stunde hatten sie beide Mädchen gefunden. Frauke wurde von einer älteren Dame im Polizeipräsidium Bremen gemeldet sie hatte ein kleines, weinendes Mädchen allein im Hof gefunden. Klara hatte sich in einer dunklen Ecke verlaufen und wusste nicht mehr zurück.

Überglücklich, aber entsetzt verzichteten die Eltern sogar aufs Schimpfen. Klara verriet natürlich nicht, dass sie die kleine Schwester absichtlich hatte aussetzen wollen. Zuhause flammten die Vorwürfe wieder auf: Johanna warf Viktor vor, nie da zu sein, Viktor ihr, die Kinder allein gelassen zu haben. Was, wenn sie von einem Auto erfasst worden wären? Oder Schlimmeres? Die Fantasie der Eltern schwang so richtig auf Hochtouren.

Als Viktor endlich den Brief vom Labor in der Hand hielt, stand glasklar darin: Er war der Vater, von beiden Mädchen. Kein Betrug, keine Vertauschung. Die Sache mit den Genen wurde ihm erklärt manchmal setzen sich eben vergessene Ahnen durch. Selbst eine blonde Ur-Oma soll es in der Familie mal gegeben haben.

So kehrte langsam wieder Frieden in der Familie ein. Doch Frauke fühlte sich trotzdem fehl am Platz und Klara konnte sich nie wirklich mit ihrer Schwester anfreunden. Wenn sie sich zankten, kam der Spruch wie aus der Pistole: Du bist nicht meine richtige Schwester. Niemand hat dich lieb. Klara bekam neue Kleider Frauke trug die alten auf, fertig.

Frauke weinte manchmal, schwieg aber. Sie wusste: Beschweren brachte nichts. Auch Mama sagte oft: Warum bist du nicht wie Klara? Die sitzt still und macht keinen Unsinn! Da zog sich Frauke in eine Ecke zurück, schloss die Augen wenn sie niemanden sah, sah sie auch keiner. Ein geheimer Rückzugsort, wenigstens für einen Moment.

Klara machte ihr Abitur und dachte gar nicht an Studium wozu, wenn man hübsch ist? Beim Tanzen lernte sie einen netten Typen kennen, heiratete fix. Die Schwiegereltern handelten mit gebrauchten Autos. Mama liebte Frauke natürlich auch, aber Klara blieb ihr Goldstück. Die Jüngere hatte das Gefühl, immer nur verglichen zu werden und meist nicht zu ihren Gunsten.

Schau, was Klara für einen tollen Mann gefunden hat! Mach was aus dir! Stattdessen malst du und träumst zuhause. Geh doch mal raus!, hörte Frauke.

Als im Abschlussjahr ein Mitschüler sich für Frauke interessierte, war sie so dankbar, dass jemand sie mochte, dass sie sich auf eine Beziehung einließ. Als sie merkte, dass sie schwanger war, erschrak sie erstmal der Junge war nett und sprang nicht sofort ab, aber seine Mutter war entsetzt. Sie erschien bei den Schumachers und forderte die Abtreibung.

Doch diesmal stellte sich überraschend Viktor hinter seine Tochter. Vielleicht, weil er früher so stur war, vielleicht aus echtem Mitgefühl: Sie bekommt das Kind. Ich dulde kein Leid mehr für meine Tochter. Und wenn euch der Enkel nicht passt wir kommen auch allein zurecht.

Die eigene Familie schickte den werdenden Vater nach München zum Studium zur Tante, Frauke wechselte ins Heimstudium. Die Schule bemühte sich, einen großen Skandal zu vermeiden. Die Abschlussprüfungen absolvierte sie zuhause, nur mit prüfenden Lehrern dabei. Die Englischlehrerin hatte Mitleid mit Frauke sie bekam eine gute Note. Nur: Wozu, jetzt, wo sie eh bald Mutter war?

Viktor arbeitete viel, machte sich Sorgen. Eines Tages kam er vom Dienst heim, legte sich zum Fernsehschläfchen und wachte nicht mehr auf. Als Johanna ihn abends rufen wollte, war er schon tot. Die Wohnung war plötzlich voller Wehklagen, Notarzt, und dann wieder Stille.

Frauke bekam vom Tod des Vaters nur wenig mit sie lag gerade zur Geburt im Krankenhaus. So kam am Tag, als ihr Vater starb, ihr Sohn Max zur Welt.

Die Trauerfeier verpasste sie, doch die Mutter kam ins Krankenhaus zur Entlassung, schwarz vor Kummer, und murmelte zu Hause: Du hast ihm das angetan. Frauke war von Anfang an nur eine Last gewesen aber den Enkel schloss die Mutter ins Herz. Max war einfach too sweet, hell wie ein kleiner Engel, blaue Augen, goldene Haare. An eine neue Ehe von Frauke glaubte die Mutter aber nicht mehr: Wer will denn schon eine Frau mit Kind?

Ich brauche keinen, sagte Frauke. Wenn schon mein eigener Vater gezweifelt hat ein anderer Mann wird Max bestimmt nicht lieben. Max wuchs ruhig und klug heran. Fünf war er, als sich Klara, seit Jahren mit ihrem Mann glücklich, wieder in das Leben einmischte. Der unerfüllte Kinderwunsch sorgte nach Jahren für Streit mit der Schwiegerfamilie die wollten unbedingt einen Stammhalter. Ihr Mann suchte Ablenkung, Klara blieb aber wegen der Wohnung. Und zu ihrer Mutter wollte sie nun wirklich nicht zurück.

Der Konkurrenzkampf zwischen den Schwestern erreichte ein neues Level. Diesmal wollte Klara Frauke einen Mann zuschustern. Ein junger, gutaussehender IT-Fachmann, der regelmäßig ihren Computer reparierte. Klara hatte selbst ein Auge auf ihn geworfen, wurde aber brüsk zurückgewiesen. Also drückte sie Frauke ihr eigenes Blind Date aufs Auge: Geh doch mal mit ihm Kaffee trinken, vielleicht ist der ja was für dich. Irgendein Mann muss sich ja mal finden, du kannst doch nicht immer allein bleiben.

Klara war überzeugt: Frauke wird sich lächerlich machen zu pummelig, alleinerziehend, nie im Leben würde ein Mann auf sie stehen. Gewonnen, falls er Frauke doof fände dann hätte sie den ITler für sich und könnte wieder bei Mama einziehen. Passte für Klara in jedem Fall.

Frauke putzte sich heraus, stylte ihr Haar, schminkte sich aber kein bisschen. Er soll mich so sehen, wie ich bin. Sie kannte den Typen ja nicht mal wirklich, war eher skeptisch.

Im Café sah sie ihn sofort: allein an einem kleinen Tisch, das Handy als Schutzschild vor sich. Sind Sie Tom?, fragte Frauke.

Ja, und Sie?

Ich bin Johannas Schwester. Frauke eben.

Etwas erstaunt, aber freundlich, bot Tom ihr einen Kaffee an. Hier gibts übrigens ziemlich leckeren Kuchen. Wollen wir was bestellen?

Woher wissen Sie das?

Ich treff mich öfter hier mit Kunden. Dann stierte er wieder aufs Handy Klara ging nicht ran.

Frauke musterte ihn: schmale Augen, Stoppelbart und windschiefe Frisur. Es juckte sie förmlich, sofort die Schere zu zücken.

Nach einer peinlichen Stille fragte Frauke: Stör ich Sie?

Nein, nein. Kommt Ihre Schwester noch? Klara meinte, ich solle herkommen. Frauke seufzte. Vielleicht sollte ich einfach gehen…

Doch da kam schon der Kaffee. Jetzt sind Sie schon mal hier, stößt der Kuchen wenigstens nicht allein auf.

Ich esse nichts, danke. Frauke schob den Teller von sich.

Essen Sie nichts, weil Sie Angst haben, zuzunehmen? Sie sehen sehr gut aus. Das steht Ihnen ehrlich!, meinte Tom. Aber Männer stehen doch auf schlanke Frauen, murmelte Frauke. Wer sagt das? Was wissen Sie denn schon von Männern?

Nichts…, gab sie zu. Ich hab einen Sohn. Max, fünf Jahre alt. Hat Ihnen das Klara erzählt?

Musste sie? Tom zuckte mit den Schultern.

Trotz Fraukes Verdacht, dass Klara sie schon wieder reingelegt hatte, brachte Tom sie nach Hause. Sie plauderten unterwegs, vor allem Tom redete, Frauke hörte zu. Am Schluss fragte er sogar nach ihrer Nummer.

Wozu? Ich will Sie wiedersehen. Ich hab so viel von mir erzählt, jetzt würde ich gern auch mal mehr von Ihnen hören. Erst nach einer Woche rief Tom wieder an: Tut mir leid, viel zu tun gewesen. Heute Abend hab ich Zeit, wie wär’s mit einem Kaffee?

Frauke war zunächst unsicher. Ihr Tagesablauf richtete sich eben nach Max, aber sie beschloss, Tom eine Chance zu geben.

Sie saßen im Café und Frauke erzählte vorsichtig, wie sie aufgewachsen war: die Streitereien, der ewige Kampf zwischen den Schwestern, ihr Gefühl, nie geliebt zu werden. Im Lauf des Gesprächs begriff sie selbst, wie sehr all das sie geprägt hatte.

Beim Verlassen des Cafés schloss sich ihnen eine streunende Hündin an. Tom sprang noch in den Supermarkt, kaufte ein Baguette, Wurst und bezahlte nebenbei die Einkäufe für eine alte Dame, die vor lauter Euro-Stückchen fast den Taschenrechner brauchte. Tom packte sogar noch eine Tafel Schokolade, ein bisschen Wurst und Eis obendrauf.

Warum Eis? fragte Frauke.

Weißt du, meine Oma hat Eis geliebt. Aber sie hat sich das nie gegönnt, hat immer gespart.

Siehst du mich etwa auch nur als Streuner oder alte Frau? Nur aus Mitleid? fragte Frauke.

Unsinn! Du gefällst mir total. Und Tiere und Alte sind halt oft die, die wirklich auf Hilfe angewiesen sind. Und ich hab das Geld warum nicht helfen?

Die Hündin schnappte Wurst und Baguette und verschwand zufrieden.

Abends rief Klara an: Und, wie war dein Date? Gut, erwiderte Frauke knapp. Was war gut? Wir treffen uns wieder. Danke, dass du uns bekannt gemacht hast. Was, echt? Du stehst auf so einen Rüpel? Er ist einfach toll, Klara.

Klara legte irgendwann auf, erschien aber kurz darauf bei Mutter und Schwester in der Wohnung. Frauke brachte Max ins Bett und lauschte, wie die beiden in der Küche tuschelten.

Diese blöde Kuh hat einfach immer Glück! Ich wollte, dass er sich in mich verliebt stattdessen fällt er auf diese Schaf herein!, fluchte Klara.

Was redest du da? Du hast doch einen Mann, empörte sich die Mutter.

Pff. Der läuft mir doch bald weg, wird sich eh scheiden lassen. Was soll ich machen, Mama? Ich bin so unglücklich! Warum verliebt sich dieser IT-Horst ausgerechnet in die Dicke, Unbeholfene, noch mit Kind dazu?

Klara war so in Rage, dass ihre Mutter plötzlich an die Brust griff, nach Luft rang und die Augen verdrehte. Frauke alarmierte sofort den Notarzt. Glücklicherweise kam Mama mit einem kleinen Schlaganfall davon der Schaden hielt sich in Grenzen.

Zwei Monate später heiratete Frauke Tom und zog mit Max zu ihm. Die Mutter besuchte sie fast täglich. Klara hatte sich mit allen zerstritten und suchte ihr Glück irgendwo in Bayern.

…Eltern glauben ja oft, Kinder verstünden nichts und könnten alles überhören. Aber sie bekommen alles mit und ziehen ihre ganz eigenen Schlüsse. Und manchmal dreht sich das böse Spiel um Liebe und Rivalität ganz schnell gegen einen selbst.

Kinder hören nicht auf das, was die Großen sagen. Aber sie machen nach, was sie tun.

James Baldwin

Die Worte, die eine Tochter zu hören bekommt ob sie Zuspruch bringen oder verletzen speichert sie als Wahrheit über sich selbst und über menschliche Beziehungen.Frauke blickte eines Abends, nach einem langen Tag, auf ihren Sohn und ihren Mann, die lachend am Küchentisch saßen. Max kicherte, weil Tom ihm ein Stück Möhre wie einen Vampirzahn in den Mund gesteckt hatte. Für einen Moment schien es, als leuchtete ihr kleines Zuhause heller als alles, was sie je kannte.

Als sie sich dazusetzen wollte, stieß sie beinahe mit dem Fuß an die alte, abgewetzte Reisetasche, die sie letztes Jahr gepackt hatte damals, als sie glaubte, zum zweiten Mal aufbrechen zu müssen. Jetzt schob sie mit dem Zeh die Tasche tiefer unter die Bank. Sie würde nicht mehr weglaufen. Nicht vor Klara, nicht vor Mama, nicht mehr vor sich selbst.

Nach dem Essen zogen sie zu dritt durch den nahen Stadtpark. Die Luft roch nach Sommerregen und taufrischem Gras. Max rannte voraus und wirbelte hinter einer Bank einen Schwarm Tauben auf. Frauke lächelte. Sie hatte gelernt, dass Liebe sich nicht erzwingen ließ aber dass sie überall war, wo Menschen einander hielten und einander halfen.

In der Ferne klingelte ein Fahrrad. Frauke dachte an den Satz, den sie sich so oft eingetrichtert hatte: Warum bist du nicht wie Klara? Heute antwortete sie innerlich leise: Weil ich eben ich bin.

Max kam angerannt, stürmisch, mit rotem Gesicht: Mama, komm, schnell, schau mal da sind ganz viele Blumen für dich!

Sie ließ Tom an ihrer Seite stehen, bückte sich zu Max, griff seine kleine, klebrige Hand und sog den Augenblick ein wie warme Sommerluft. Es war nur ein Augenblick, aber im Herzen wusste sie: Das reichte. Es war genug. Sie würde nie mehr jemand anderes sein wollen.

Und so stapfte sie mit ihrem Kind durch den Abend, ein bisschen leiser als die anderen, aber mit leuchtenden Augen und von diesem Tag an wusste sie, dass ihr Leben, so wie es war, vollkommen richtig war.

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Homy
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Die Mutter drückte sie fest an sich, küsste sie und fragte sich: „Wem ähnelt sie bloß?“ Und seufzte leise. Bekannte zeigten sich verwundert und stellten dieselbe Frage. Ob wohl ein Freund Viktor beeinflusst hatte, seine Mutter einen Verdacht hegte oder Viktor selbst an der Treue seiner Frau zu zweifeln begann – eines Abends kam er jedenfalls nach der Arbeit missmutig nach Hause.
Mein Mann wollte mir eine Lektion erteilen und zog zu seiner Mutter. Als er zurückkam, traute er seinen Augen nicht…