Simon fuhr ins Dorf, um seine Tante zu besuchen, die ältere Schwester seiner Mutter. Noch auf dem Sterbebett hatte seine Mutter ihn gebeten, auf Tante Lieselotte aufzupassen. Tante Lieselotte war klein und gebrechlich geworden. Schon mehrmals hatte Simon sie überreden wollen, doch endlich zu ihm in die Stadt zu ziehen. Dort hätte sie ihr eigenes Zimmer, könnte im Hof spazieren, es gab andere ältere Damen, vielleicht sogar Freundinnen für sie, alles wäre leichter. Aber die Tante weigerte sich vehement, ihr Haus zu verlassen.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als alle drei Monate fünf Tage unbezahlten Urlaub zu nehmen, um sie zu besuchen. Zwei Tage verbrachte er auf der Reise ein weiter Weg mit Umsteigen und drei Tage half er ihr im Haushalt. Gut, dass Simon Abteilungsleiter war und sich solche Kurzurlaube leisten konnte. Und sein Chef war zudem ein alter Freund. Doch in diesem Jahr, im Frühling, schaffte Simon es nicht, sie im März zu besuchen zu viel Arbeit. Erst Ende April kam er endlich.
Tante Lieselotte war nach dem Winter deutlich schwächer geworden, und ihre Nachbarin, Frau Margarethe, berichtete, dass sie bereits zweimal den Notarzt gerufen hatten. Warum habt ihr mir das nicht gesagt?, fragte Simon. Jedes Mal, wenn ich angerufen habe, hieß es, alles sei in Ordnung. Sie hat es mir verboten. Sagte, erst wenn sie gestorben sei, solle ich dir Bescheid geben. Sie wollte dich nicht von der Arbeit abhalten.
Simon ging zum Dorfladen, um Zucker und Salz zu kaufen, wie seine Tante es ihm aufgetragen hatte, und dann gleich alles andere Notwendige Mehl, Dosenwurst, Kondensmilch. Als er zurückkam, saß beim Gartentor ein junger Schäferhund-Welpe, höchstens fünf Monate alt. Das Tier sah ungewöhnlich aus: großer Kopf, längliche Schnauze.
Tante Lieselotte, woher hast du denn den Welpen? Der ist vor einem Monat zugelaufen. Ich hab das Gartentor geöffnet, und da saß er, ganz zitternd vor Kälte, abgemagert. Ich hab ihn aufgepäppelt. Er macht mir Gesellschaft.
Simon strich dem Hund über den Kopf, der legte vertrauensvoll seinen Schädel auf Simons Knie. Simon liebte Hunde, hatte als Kind immer davon geträumt, einen treuen Freund zu haben. Die Eltern hatten es ihm jedoch nie erlaubt. Heute war für einen eigenen Hund kein Platz im Alltag. Die Katze, die seine Frau Annika einmal angeschafft hatte, war nach drei Jahren einfach verschwunden. Kinder hatten Simon und Annika nicht; Annika konnte keine bekommen, und sie hatten sich damit abgefunden, reisten viel, lebten für sich.
Wie heißt denn dein Findelhund? Timmi. Nach meinem alten Kater.
Simon musste lachen: Findest du das nicht komisch, einem Hund einen Katzennamen zu geben? Ach was, hauptsache, er reagiert drauf.
Solange Simon im Haus seiner Tante weilte, folgte Timmi ihm auf Schritt und Tritt. Doch dann kam die Abreise. Simon bat Tante Lieselotte, künftig wirklich Bescheid zu geben, wenn es ihr schlechter ginge oder sie etwas bräuchte. Er käme immer, und Medikamente solle sie sich ruhig bestellen.
Ach Simon, ich strapaziere dich doch jetzt schon. Bald hat sich das ohnehin erledigt. Ach, Lieselotte, sowas darfst du nicht sagen. Ich komme gern und du bist keine Last.
Da sah die Tante ihn bittend an: Simon, darf ich dich um etwas bitten? Wenn ich sterbe – kümmer dich um Timmi. Er hat auch eine Seele. Ich verspreche es. Ich finde für ihn ein gutes Zuhause. Nein, nimm ihn zu dir. Ich glaube, er ist nicht einfach so zu mir gekommen.
Timmi schmiegte sich mit der Schnauze an Simons Knie und blickte ihm tief in die Augen. Abgemacht, falls es soweit kommt, nehme ich Timmi zu mir.
Einen Monat später starb die Tante. Simon bestattete sie, hielt die Totenfeier gemeinsam mit den Nachbarn ab. Er brachte Timmi mit zum Friedhof. Danach kam der Tag der Abreise zurück in die Stadt. Simon hatte Maulkorb und Leine gekauft; sie fuhren zur Bahnstation.
Simon kaufte Tickets im Abteil für Reisende mit Tier. Während sie das Abteil betraten, sträubte sich Timmi plötzlich und knurrte den Mann am Fenster an. Der starrte entsetzt: Sind Sie verrückt geworden, fahren einfach mit einem Wolf? Was redest du da? Das ist mein Hund Timmi. Das ist kein Hund, ich bin Jäger, das ist ein Wolf!
Timmi bleckte die Zähne. Nimm das Biest raus, oder ich schlag es tot! Beruhige dich, solange du Timmi nicht belästigst, passiert gar nichts. Setz dich in den Gang, wenn du Angst hast.
Der Mann entschwand, Simon und Timmi blieben allein. Timmi, bist du etwa doch ein Wolf?, fragte Simon. Timmi legte treu die Schnauze auf sein Bein und wedelte. Na, was auch immer du bist du bist ein toller Kerl.
Da erschien die Schaffnerin mit misstrauischem Blick: Ist das da nicht doch ein Wolf? Oder ein Schäferhund? Dieser Verrückte spinnt. Das ist eine seltene Schäferhund-Rasse. Suchhund, gehört zu mir. Papiere? Natürlich, Moment… Simon tastete in den Taschen. Ach, Timmi, deine Papiere hab ich an der Fahrkartenausgabe liegenlassen. Sie wissen ja, ohne Papiere hätte ich doch kein Ticket bekommen! Natürlich, sagte die Schaffnerin, die Tochter von Frau Margarethe, und ging.
Am nächsten Morgen kamen sie an. Simon führte Timmi direkt in die Tierarztpraxis an der Straßenecke. Die Tierärztin musterte Timmi: Sind Sie vom Zirkus? Nein, wieso? Sie haben einen Wolf.
Simon seufzte: Kein Zirkus. Timmi kam aus dem Dorf zu mir, auf Wunsch meiner verstorbenen Tante. Die Ärztin trat näher, untersuchte Timmi und sagte dann überzeugt: Das ist ein Mischling. Irgendwo ein deutscher Elternteil dabei. Wolfhund-Mixe sind loyal und sanftmütig, keine Sorge. Ich melde ihn an, impfe ihn, dann gibts keinen Ärger.
Annikas Herz schloss Timmi sofort ein. Sie badete, fütterte, spazierte mit ihm durchs Viertel. Zehn Monate zogen ins Land. Über die Weihnachtsferien, am frühen Abend, beschloss Annika, Timmi und sich selbst etwas Bewegung zu gönnen zu viele Stunden daheim gesessen. Sie gingen gemeinsam in den Park, zehn Minuten vom Haus entfernt.
Als sie dort auf den Wegen bummelten, spitzte Timmi plötzlich die Ohren und rannte in die Dunkelheit. Annika rief ihm nach, vergebens Minuten vergingen. Gerade überlegte sie, Simon anzurufen, da kam Timmi zurück, etwas im Maul schleppend. Annika lief ihm entgegen es war ein Neugeborenes, quicklebendig. Obwohl sie selbst Ärztin war, verständigte sie sofort Notarzt und Polizei.
Beide kamen schnell. Annika konnte nicht mit ins Krankenhaus, weil Timmi dabei war. Sie brachte den Hund nach Hause, holte Simon, beide fuhren ins Kinderheim. Es war ein Mädchen, einen Monat alt, gesund. Bei ihr lag ein Zettel: Sie heiße Valerie, die Mutter bitte, sie guten Menschen zu geben.
Annika bat, das Kind zu sehen, und schloss es ins Herz. Simon begriff ihren stummen Wunsch, nickte. Annika erklärte: Ich bin Ärztin. Mein Mann und ich möchten das Kind adoptieren. Man versprach ihnen, Valerie nicht weiterzuvermitteln.
Zwei Monate später lebte ein kleines Findelkind in Simons und Annikas Familie Valerie, gefunden von Streuner Timmi, der wahrlich nicht ohne Grund einst vor Lieselottes Tür gesessen hatte.




