Im überfüllten Bus tobte das typische Berliner Vormittagschaos. Rentner saßen mit vollgepackten Stoffbeuteln, diskutierten über steigende Brötchenpreise und den wechselhaften April. Auf einem der Sitze am Gang hockte ein junger Typ, etwa achtzehn Bartschatten, Tattoos auf Arm und Hals, trug ein schwarzes T-Shirt und sah aus, als hätte er seit der Wiedervereinigung nicht mehr richtig geschlafen. Reden oder Lächeln? Fehlanzeige. Er starrte stoisch ins Leere, als wäre er gar nicht da.
An der nächsten Haltestelle stopfte sich eine Mutter mit zwei kleinen Kindern in den Bus. Ein Kind klammerte sich an ihre Hand, das andere an ihre Seite. Freie Plätze? Natürlich nicht. Die Frau ließ ihren Blick schweifen und fixierte sofort den jungen Mann. Sie stapfte auf ihn zu und sagte so laut, dass sogar der Fahrer zuckte:
Junger Mann, rücken Sie mal ihren Hintern hoch. Ich habe hier zwei Kinder!
Es wurde schlagartig still wie in einer schwäbischen Bäckerei nach Ladenschluss. Einige Passagiere drehten sich neugierig um. Der Typ schaute hoch ruhig, aber er blieb sitzen.
Sehen Sie das nicht? Ich stehe hier mit zwei kleinen Kindern! Oder ist Ihnen das total Wurst?
Die angespannten Hälse der Mitfahrer reckten sich schon in ihre Richtung.
Die Jugend von heute hat echt keinen Respekt mehr, ließ sie jetzt die ganze Karre wissen. Sitzt hier rum, während eine Mutter mit Kindern stehen muss!
Der Typ antwortete trocken:
Ich hab niemanden beleidigt.
Dann stehen Sie gefälligst auf, blaffte sie. Ist doch das kleine Einmaleins der Höflichkeit! Ein echter Mann bleibt nicht sitzen, wenn eine Mutter mit Kind daneben steht.
Ein älterer Herr nickte. Die Dame legte noch nach:
Ist Ihnen das zu schwer? Sind die Tattoos zu schwer für Sie?
Sind Sie sicher, dass Sie nur wegen Ihrer Kinder mehr Recht auf einen Sitzplatz haben?
Aber hallo! Ich bin Mutter. Und du? Was hast du für Argumente?
Eine Spannung lag plötzlich in der Luft, dick wie der Berliner Nebel. Der Typ stemmte sich langsam mit einer Hand am Griff nach oben.
Siehste, geht doch, sagte die Mutter mit einem seligen Grinsen, als hätte sie gerade das Bingo gewonnen. Ging ja doch einfacher als gedacht.
Doch plötzlich tat der junge Mann etwas, bei dem allen der Mohnstreusel aus dem Gesicht fiel. Die Fortsetzung im ersten Kommentar Was meint ihr, wer liegt richtig?
Kaum waren die Worte verklungen, zog er langsam sein Hosenbein hoch. Zum Vorschein kam eine blitzende Metallprothese, die im Schein der Buslampen schimmerte. Ein leises Raunen, irgendwer murmelte Oh Gott. Ein älterer Herr starrte beschämt auf seine Schuhe, eine Dame mit blauem Haar hielt sich erschrocken den Mund zu.
Die Mutter wurde blass wie Vanilleeis im Winter. Ihre Streitlust verpuffte sofort. Sie rang nach Worten vergeblich. Die Kinder klammerten sich noch fester an sie.
Der junge Mann ließ das Hosenbein wieder sinken und setzte sich wortlos. Kein erhobener Zeigefinger, kein beleidigtes Knurren, bloß eine stille, alltagsmüde Miene.
Der Bus war plötzlich so ruhig, dass man den Regen aufs Dach hätte trommeln hören können. Da murmelte ein Fahrgast: Man sollte eben nicht über Leute urteilen, nur weil sie Tattoos haben oder jung sind. Mehrere nickten verstohlen.
Die Mutter schwieg. Sie stand einfach still da und starrte hinaus in das milchige Licht der Berliner Straßen.





