Auf der Suche nach Erleuchtung im Alpenvorland: „Kofferstimmung“ Kapitel 10

Nach Bayern zur Erleuchtung. “Reiselust und Sinnsuche”, Kapitel 10

Anneliese, pack die Sachen! Wir fahren nach Bayern!

Klara stürmte in die Bibliothek, als hätte sie einen Schatz entdeckt. Anneliese hob den Kopf vom Benutzungsformular, das sie gerade ausfüllte, und blickte ihre Freundin an. Klara war ganz die Alte rote Windjacke, Jeans mit zerschlissenen Knien und ein Rucksack auf dem Rücken. Ein Energiebündel, das niemand bremsen konnte.

Nach Bayern? fragte Anneliese ungläubig. Wann denn?

Im August, in einer Woche! Ich hab schon alles organisiert. Yoga-Retreat, meditatives Zelten, Berge, Workshops. Eine Gruppe Esoteriker, alles erfahrene Leute. Ich will Erleuchtung, Anneliese! Und glaub mir, dir würds auch nicht schaden.

Erleuchtung? Anneliese lachte. Klara, ich bin Bibliothekarin. Erleuchtung ist quasi mein Beruf.

Gar nicht wahr! Klara ließ sich gegenüber nieder, zog Ausdrucke aus ihrem Rucksack. Hier schau: Bayern, Kraftorte. Schamanische Wanderungen, Flüsse, frische Bergluft. Unterkunft im Zelt, vegetarisches Essen, jeden Tag Yoga, Meditation, Seminare. Und Ausflüge zu den heiligen Stätten.

Anneliese blätterte in dem Prospekt. Berge, Flüsse, Zelte am Ufer, Menschen in weißer Kleidung, die im Sonnenuntergang meditieren. Wunderschön, aber Zelten? Vegetarisches Essen? Sie sah Klara an, ihre begeisterten Augen, und wusste: Diskussion zwecklos.

Wer fährt noch mit?

Ungefähr zehn Leute. Alle aus der Umgebung: München, Augsburg. Die Veranstalter sind Profis, das ist nicht ihr erstes Mal. Ich hab mit ihnen telefoniert. Anneliese, das ist eine Chance! Du liebst Abenteuer und das hier ist ganz was Neues. Yoga, Berge, Energie.

Ich hab noch nie Yoga gemacht, gestand Anneliese vorsichtig.

Lässt sich lernen! Es sind viele Anfänger dabei. Wichtig ist nur der Wille.

Und Ferdinand? Anneliese musste an ihren Freund denken, das Herz wurde ihr schwer. Wir wollten doch gemeinsam verreisen

Fährt er mit? hakte Klara nach.

Wohl kaum, seufzte Anneliese. Er mag solche Abenteuer eher nicht. Der steht mehr auf Angeln, Wald und Lagerfeuer. Aber Esoterik, Meditation

Umso besser! Klara klatschte in die Hände. Soll er halt zu Hause warten. Du fährst, findest dich neu, kommst verändert zurück. Er wird von dir begeistert sein.

Abends rief Anneliese Ferdinand an und berichtete von Klaras Idee, dem Retreat, Zelten und Yoga. Er hörte zu, dann meinte er:

Bayern ist schön, war aber noch nie länger als zum Skifahren dort.

Möchtest du nicht vielleicht mitkommen? fragte Anneliese, obwohl sie die Antwort kannte.

Ist nicht meins, entgegnete er. Esoterik, Retreats Ich geh lieber angeln. Aber für dich los, mach das. Dir tut sowas sicher gut.

Hast du keine Angst, mich allein loszulassen? wollte sie wissen, halb im Spaß, halb im Ernst.

Was sollte ich da fürchten? lachte Ferdinand. Du bist unsere Abenteurerin. Ich warte. Hauptsache, du kommst erleuchtet zurück.

Abgemacht, bekräftigte Anneliese.

Sie legte auf, betrachtete den Prospekt, den Klara ihr dagelassen hatte. Sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich Erleuchtung brauchte. Aber Bayern, die Alpen! Davon träumte sie seit Jahren. Abenteuer riefen. Und Ferdinand? Der würde warten. Das zählte.

Na dann, Freundin, sagte sie am nächsten Tag zu Klara. Pack die Zelte ein. Ich bin dabei. Wir fahren nach Bayern!

Zur Erleuchtung! kicherte Klara.

Zur Erleuchtung, stimmte Anneliese zu.

Sie ahnte noch nicht, was sie in diesem geheimnisvollen Land erwartete, welche Begegnungen, welche Erkenntnisse. Aber sie spürte: Das wird eine außergewöhnliche Reise. Und sie war bereit. Fast.

***

Der Bus setzte sich früh morgens am Münchner Hauptbahnhof in Bewegung. Anneliese wusste sofort: Dies würde eine ganz andere Reise werden als alles, was sie bislang erlebt hatte. Die Truppe war bunt zusammengewürfelt freundlich gesagt. Gegenüber saßen zwei junge Frauen in langen Leinenkleidern, mit bunten Armbändern und offenem, wildem Haar. Neben ihnen eine Frau, etwa fünfzig, in einem knallorangefarbenen Kaftan und riesigen Klunkerohrringen, die bei jeder Regung klimperten. Dahinter, auf der anderen Seite, ein Mann in weißem Leinenhemd, bestickt, und mit einem echten Wanderstab, verziert mit Bändern und Glöckchen.

Was für ein Zirkus? wisperte Anneliese zu Klara, als sie es sich an einem Fensterplatz gemütlich machten.

Kein Zirkus, hauchte Klara zurück, aber ihre Augen funkelten. Wahrheitssucher. Davon habe ich im Internet gelesensolche Leute fahren nach Bayern, auf der Suche nach Erleuchtung.

Mit Wanderstab? Anneliese konnte ein Grinsen kaum unterdrücken.

Nicht lachen, stieß Klara sie an. Jeder geht seinen Weg.

Der Bus ließ die Stadt hinter sich, draußen zogen Felder, Wälder, kleine Dörfer vorbei. Die Gespräche im Bus rissen nie ab. Die Frau im orangefarbenen Kaftan berichtete von ihrer letzten Bayerntour, als sie die Erleuchtung packte und ihr Leben änderte.

Ich hab meinen Job bei der Sparkasse gekündigt, verkündete sie so laut, dass alle mithörten. Reiki! Heute helfe ich Menschen, ihre Seelen zu heilen. Alles wegen Bayern!

Mir wurde bei uns in den Alpen klar, dass ich Tierärztin werden sollte, warf eine der Frauen im Leinenkleid ein. Studier jetzt. Früher mochte ich gar keine Tiere.

Anneliese hörte zu und wusste nicht, ob sie lachen oder staunen sollte. Sie wandte sich an Klara:

Und was soll sich bei dir offenbaren?

Och, Klara überlegte. Einen eigenen Laden aufmachen vielleicht. Oder noch Kinder kriegen. Aber eigentlich will ich einfach ausspannen, die Landschaft genießen. Das mit der Erleuchtung ergibt sich ja vielleicht.

Sehr vernünftig, seufzte Anneliese. Ich hatte schon Angst, wir landen in einer Sekte.

Kein Kult, beruhigte Klara. Nur ein bisschen schräge Leute. Ohne die wärs doch langweilig.

Fast zwei Tage waren sie unterwegs. Übernachtet wurde in einem kleinen Motel an der Landstraße. Dann begann das Alpenvorland zu leuchten in der Ferne tauchten die Berge auf. Erst sanfte, bewaldete Hügel, dann Felswände, die steil in den Himmel ragten. Anneliese klebte am Fenster, vergaß ihre Mitreisenden. Die Romantic Road schlängelte sich in Serpentinen, jeder Bogen eröffnete neue Ausblicke: Felsen, wild rauschende Flüsse unten, in der Ferne Gipfel, die in Wolken verschwanden.

Klara, sieh mal! Sie zupfte die Freundin am Ärmel. Schaut aus wie Alpen, echte Alpen!

Sind ja auch die Alpen, stellte Klara klar. Und mindestens so schön wie die in der Schweiz.

Sie drehten sich die Hälse wund, fotografierten. Irgendjemand im Bus begann, eine Mantra zu singen. Es war Anneliese egal: Die Berge zogen ihren Bann. Felsen, wie versteinerte Riesen. Manche wie Burgen, andere wie Tiere, wieder andere wie Gesichter uralter Gottheiten.

Da, der Felsen! Sie zeigte Klara einen Felsen, der an einen schlafenden Ritter erinnerte. Sieht menschlich aus!

Kraftort, sagte die Frau im orangefarbenen Kaftan bedeutungsschwer, als sie sie hörte. Jeder Stein spricht. Man muss nur hinhören.

Anneliese überlegte kurz, nachzufragen, wie man einen Stein hört. Sie ließ es bleiben jeder sein Erleuchtungserlebnis.

Die erste lange Pause war auf dem Pass Fernsteinsee. Auf dem Aussichtspunkt konnte Anneliese kaum stehen vor Staunen. Unten schlängelte sich ein Fluss durchs Tal, die blauen Schatten der Berge verschwammen in der Ferne, und darüber spannte sich ein weiter, wolkenloser Himmel.

Das ist einfach… flüsterte sie.

Bayern, antwortete der Mann mit dem Stab. Hier breitet sich die Seele aus.

Anneliese sog die Aussicht ein. Schlichte Erinnerungssteine markierten den Pass; sie ließ sich vor einem fotografieren. Klara lief schon mit der Kamera überall herum.

Komm rüber! rief sie. Hier musst du hin!

Klara hatte einen überhängenden Felsen entdeckt, der fast auf die Straße zu stürzen drohte. An den Stein war eine Bretterstange gelehnt, zusammen mit einem angeklebten Blatt Spitzwegerich und der Aufschrift: Steinchen, werd bloß nicht krank! Anneliese fand das charmant und schoss ein Foto.

Weiter gings. Die Romantic Road leitete sie tiefer in die Berge. Als sie am Zusammenfluss von Loisach und Isar Pause machten, stockte Anneliese der Atem.

Die beiden Flüsse fließen nebeneinander; die Loisach trüb und milchig, die Isar klar und türkis. Sie stoßen zusammen, laufen aber erst noch getrennt weiter, nur ganz unten im Tal vereinen sie sich.

Das liegt an der Wasserdichte, erklärte der Guide. Tonerde in der Loisach, Isarwasser hingegen rein aus den Bergen. Schicksale, die nebeneinanderlaufen und irgendwann vielleicht verschmelzen.

Anneliese starrte auf die Fluten und dachte: Im Leben laufen Wege auch so. Manchmal nebeneinander, jeder für sich. Erst später, ganz vielleicht, werden sie eins.

Am Abend erreichten sie das Lager am Fuß eines steilen Hangs an der Loisach. Die Zelte waren im Nu aufgebaut. Klara und Anneliese teilten sich eines. Mit Seilen und Stangen war es etwas trickreich; doch der Mann mit dem Stab half kommentarlos und baute es in Windeseile zusammen. Anneliese speicherte den Handgriff ab.

Na, wie gefällts dir? fragte Klara abends beim Lagerfeuer, als sie Tee kochten.

Ich weiß nicht, gab Anneliese offen zu. Eine völlig andere Welt. Berge, Flüsse, diese ganzen Leute und ihre Mantras… Das ist fremd.

Gewöhn dich dran, lachte Klara. Nur eine Woche, kein Monat.

Nachts fand Anneliese kaum Schlaf. Die Loisach rauschte, so laut, als ob der Fluss alle Geräusche der Welt verschluckte. Sie lag da, lauschte und spürte, wie etwas in ihr zu schwingen begann. Keine Erleuchtung nur das Gefühl, am Leben zu sein.

Schlafst du? flüsterte Klara.

Nein.

Ich auch nicht. Ganz schön laut.

Das ist Bayern, flüsterte Anneliese. Es spricht zu mir.

Klara kicherte leise.

Schon wie die anderen mit ihren Mantras.

Unsinn, grummelte Anneliese. Ich fühle einfach, dass dies ein besonderer Ort ist.

Sie schloss die Augen, und der Fluss sang seine Melodie. Irgendwo in den Alpen heulte der Wind, die Sterne funkelten durch das Zeltdach Anneliese spürte: jetzt beginnt das Abenteuer. Eine Reise in ein Land, in dem Berge reden und Flüsse nebeneinanderlaufen. Wo jeder etwas finden kann, selbst eine Bibliothekarin aus Holzkirchen.

***

Der erste Vormittag begann mit Klingeln: Kuhglocken am Rand der Wiese. Anneliese tauchte aus dem Schlaf auf, verwirrt, alles roch nach Waldboden und Rauch. Neben ihr schnaufte Klara im Schlafsack. Auf der anderen Seite klimperte irgendjemand an Glöckchen und sang leise:

Aufstehen, Zeit für die Praxis! Die Sonne kommt! Energie! Raus auf die Matten!

Was zum ? stöhnte Anneliese. Klara, was soll das?

Yoga, flüsterte Klara und schlüpfte already in ihre Jogginghose. Los jetzt, versau den Start nicht!

Anneliese kroch aus dem Zelt, die Augen tränend vom Sonnenlicht. Auf der Wiese wurden schon Yogamatten ausgerollt. Die Frau im orangen Kaftan saß reglos im Lotussitz. Die zwei Mädels im Leinenkleid reckten sich geschmeidig wie Katzen. Der Mann mit Stab? Stand eben kopfüber Kopfstand!

Kopfstand? rieb sich Anneliese die Augen. Normal ist das nicht.

Für die schon, klärte Klara auf, ihre Matte ausbreitend. Los, halt mit!

Die Lehrerin, eine drahtige Frau in weiß mit langem Zopf und seligem Lächeln, ging zwischen den Yogis umher.

Tief einatmen! Füllt jede Zelle mit Sonnenenergie!

Anneliese atmete tapfer tief durch und versuchte “herabschauender Hund”. Hände nach vorn, Becken hoch, Beine strecken.

Ooooch jappste sie, als ungeahnte Muskelgruppen Alarm schlugen. Nicht Hund, sondern eher eine Garnele!

Nicht reden, atmen, zischte Klara, die recht flott die Stellungen nachmachte.

Seit wann kannst du das? japste Anneliese.

Fernsehyoga, mit Barbara und Beate. Komm, jetzt Baumhaltung.

Anneliese stand auf einem Bein, das andere am Knie, Hände übern Kopf. Drei Sekunden, dann kippte sie, riss Klara um, beide landeten auf der Matte.

Ihr seid wie Kinder! prustete die Frau im Kaftan. Erstes Mal, hm?

Sieht man das? fragte Anneliese schweißnass.

Das kommt. Die Seele freut sich, der Körper wehrt sich. Normal.

Nach der Stunden fühlte sich Anneliese wie ein krummer Ast, unfähig zu tanzen aber merkwürdig leicht im Kopf.

Komme mir vor wie ein Stock, sagte sie beim Frühstück am Feuer.

Dafür bist du auf Erleuchtungsweg, witzelte Klara.

Nach dem Müsli mit Tee wurde angekündigt: Heute geht es weiter zum Pass Jochberg.

Nicht ganz ohne, die Straße, warnte der Guide. Nichts für Zartbesaitete.

Der Bus brummte, abseits vom Asphalt. Auf Geröllwegen hüpften sie über Bodenwellen.

Festhalten! gellte Klara bei jedem Buckel.

Bin dran! schrie Anneliese zurück. Wohin fahren wir?

Zum Paradies!

Hoffentlich nur im übertragenen Sinne!

Doch am Roten Tor, bizarren Felsen aus rotem Stein, vergaß Anneliese das Gerüttel. Die Seen leuchteten türkis, smaragdgrün, milchig. Klar doch Fische? Fehlanzeige.

Heiliger See, erklärte die Frau im Kaftan. Hier fängt keiner Fische, niemand badet. Ein Kraftort.

Aber warum keine Fische? wunderte sich Anneliese.

Weils nicht nötig ist, die rätselhafte Antwort.

Der Guide half aus:

In Bergseen fehlt Nahrung, das Wasser ist eiskalt. Fische finden da nichts.

Höher zog sich die Schotterpiste, schneebedeckte Spitzen grüßten aus der Ferne. Hier lagen Grabhügel alter Führer und Rituale vergangener Zeiten.

Spürt ihr? fragte der Mann mit Stab. Andere Zeitrechnung hier.

Mir ist eher schlecht, gestand Anneliese ehrlich.

Klara lachte, ohne zu spotten.

An einer Bergwirtschaft Beim Sepp bogen sie ab. Mehr ein DDR-Museum unter freiem Himmel: alte Zweiräder, Lenin-Porträts, Pionierhalstücher, Platten von Degenhardt Erinnerungen an das frühe Bayern.

Ist das eine Ausstellung? staunte Anneliese über Gagarins Porträt an der Wand.

Nein, mein Zuhause, erklärte der Hausherr, ein älterer Mann mit mächtigem Schnauzbart. Und für Gäste gibts Kräutertee.

Tee ausm Samowar, Honigwaben, Blick in die Berge. Anneliese fühlte sich wie bei Opa im Dorf.

Alles selbst gesammelt? erkundigte sie sich.

Überall zusammengetragen, nickte er. Damit die Jungen wissen, wo sie herkommen. Kaum einer liest heute noch Bücher.

Anneliese dachte an die Bibliothek, ihre Bücher, an die Besucher, die kommen, um Erinnerung zu finden. Sie merkte: Sie und der Sepp sind irgendwie vom selben Stamm.

Oben am Pass Jochberg, als sie ausstiegen, stockte ihr der Atem. Unten, tief im Tal, floss ein Fluss, winzige Gestalten am Ufer. Über ihren Köpfen: Adler kreisten.

Die fliegen unter uns, staunte Anneliese.

Was? fragte Klara.

Siehst du die Adler? Wir sind drüber.

Sie stand am Abgrund, blickte auf die Adler, und spürte, dass die Zeit stillstand.

Erleuchtung? fragte Klara.

Keine Ahnung, murmelte Anneliese. Aber pures Glück.

Am Nordhang des Karwendel verbrachten sie die nächste Nacht, Basislager im Dorf Lenggries. Die Stille war ohrenbetäubend. Der Nachthimmel samtig, übersät mit Sternen, so strahlend, als könne man sie greifen.

Am Feuer spielten sie Mundharmonika, der Sohn einer Mitreisenden schlug auf eine Rahmentrommel. Urklänge, gemischt mit Flammenknistern, Wind und der Ruhe der Berge.

Wie in einer anderen Welt, meinte Anneliese.

Ist es ja, meinte Klara. Ein Welt, die wir verloren haben, und hier wiederfinden.

Anneliese blickte in die Sterne. Morgen kommt ein neuer Tag, neue Berge, neue Wege, neue Entdeckungen und sie war bereit. Kein Yoga-Könner, nicht erleuchtet aber voll Leben. Denn diese Reise bedeutete: fühlen. Hier und jetzt da sein. Im Wunderland, wo Berge sprechen und Sterne Herzklopfen machen.

***

Der Morgen am Karwendel began im Nebel. Anneliese kroch aus dem Zelt und war stumm vor Ehrfurcht: Nebel im Tal, nur die scharfen, weißen Gipfel stachen heraus. Schwebend wie Traumschlösser über den Wolken. In der Ferne weideten Kühe, ihre Glocken klangen traurig, der Fluss rauschte, Vögel schrien, dazwischen die besondere Stille der Berge.

Fast wie im Kino, sagte Anneliese.

Das ist Bayern! grinste Klara. Besser als jeder Film!

Yoga am Morgen machte Anneliese mittlerweile keine Angst mehr. Sie wusste, was sie erwartete und trotz Muskelkater: Sie strengte sich an. Die Trainerin schritt lächelnd über die Matten:

Tiefer atmen! Spürt die Energie der Erde, wie sie nach oben steigt, euch ausfüllt, zum Himmel entlässt.

Die meint das ernst, oder? wisperte Anneliese.

Vollkommen, antwortete Klara. Also los, gib dir Mühe. Wir werden erleuchtet!

Anneliese schloss die Augen und stellte sich vor, wie Energie die Beine hochkroch. Stattdessen spürte sie vor allem die Kälte. Doch irgendwie machte das nichts. Sie stand, atmete, spürte die Sonne, wie der Nebel wich, Bayern erwachte.

Ich glaub, jetzt kapiere ichs, sagte sie nachher zu Klara.

Was denn?

Warum die das machen Yoga, Meditation, früh aufstehen.

Und warum?

Um zu spüren, dass man lebt.

Frühstück: vegetarisch. Müsli, Kräutertee, Brot mit Honig. Anneliese, sonst deftig bayrisch, war erst skeptisch. Aber nach dem Morgen und bei diesem Blick aus der Berghütte war das Porridge köstlich.

Weißt du, meinte sie, ich glaube, ich kann mich dran gewöhnen.

Woran denn? fragte Klara.

Am Aufwachen mit Bergblick. An so ein Leben.

Nach dem Essen: die Begegnung mit dem Schamanen. Anneliese lief es kalt über den Rücken. Ein Schamane wie aus Kindheitserzählungen. Aber live!

Der Schamane war ein Mann um die Fünfzig, lange graue Haare, Bart, tiefe Augen, die einen zu durchschauen schienen. Er trug einen bunten Trachtenkittel, am Brustkorb Glöckchen, in der Hand eine Rahmentrommel.

Setzt euch in den Kreis, sprach er ruhig. Seine Stimme gebot Respekt.

Sie setzten sich ins Gras, der Schamane zündete Feuer, warf Kräuter dazu. Der Rauch war süßlich, würzig.

Bayern, ein Kraftplatz, begann er. Hier sind die Grenzen zwischen den Welten dünn. Hier sprechen die Geister. Hier kannst du hören, was du in der Stadt nie hören würdest.

Er schlug die Trommel, der Klang hallte durch die Berge. Anneliese erschrak ein wenig: Die Trommel klang wie ein eigenes Wesen, sie atmete, spach, rief.

Der Schamane begann zu singen, Kehlkopfgesang, dunkle, vibrierende Töne direkt aus dem Bauch der Erde, so schien es. Langsam, im Rhythmus der Trommel, veränderte sich Zeit und Raum. Anneliese wusste nicht mehr, wo sie war.

Ruft er Geister? flüsterte Klara. Keine Antwort. Anneliese lauschte nur dem Gesang.

Der Schamane umrundete den Kreis, blickte jedem in die Augen, murmelte Sätze. Als er bei Anneliese angekommen war, spürte sie Gänsehaut. Seine Augen waren schwarz, voller Glanz, wie Sternenlicht.

Du suchst, sagte er fest. Immer. In Büchern, in Reisen, in Menschen.

Ja, sagte Anneliese leise.

Du wirst finden, nickte er, wandte sich an Klara. Gemeinsam werdet ihr finden.

Er schüttelte Tierknochen in den Kreis, prüfte sie, blickte auf:

Für beide: Ein weiter, glücklicher Weg. Viel Reisen, viele Begegnungen. Habt keine Angst.

Woher wissen Sie das? fragte Anneliese heiser.

Der Schamane lächelte.

Bayern weiß. Ich bin nur der Bote.

Nach der Zeremonie saßen sie lange still am Feuer, tranken Kräutertee. Jeder war innerlich bewegt. Anneliese sah die Berge: Sie erschienen jetzt lebendig, atmend, fast sprechend.

Wie gehts dir? fragte Klara.

Hab immer noch Gänsehaut, gestand Anneliese. Ich weiß nicht, was das war. Aber es war… echt.

Das war Bayern, sagte Klara. Jetzt verstehst du, warum man zurückkommen will.

Sie verstand es längst. Die Begegnung mit dem Schamanen hatte in ihr etwas verschoben. Vielleicht war er einfach ein feiner Psychologe, aber er sagte genau das, was sie hören musste. Der Zauber der Berge tat sein Übriges.

Der Rückweg hatte keine Eile mehr. Jetzt, nach dem intensivsten Erlebnis, durften sie einfach nur genießen, auf- und einatmen. Das Geysirseelein begrüßte sie mit blubberndem türkis. Als würde die Erde unter ihnen ausatmen.

Sind das Geysire? fragte Anneliese, als sie die Blasen und Strudel sah.

Mini-Geysire, erklärte der Guide. Das Wasser erwärmt sich, steigt auf, das Muster ist jedes Mal anders. Jedesmal eine neue kleine Welt.

Anneliese stand auf dem Holzsteg, schaute ins Wasser es war, als sei der See lebendig, atmend, sich ständig verwandelnd.

Danach: die Ruine des alten Wasserkraftwerks. Der Guide erzählte die Geschichte von Bau, Betrieb und Stilllegung. Ein Denkmal der Vergangenheit, wie der Sepp mit seinem DDR-Museum. Anneliese dachte: Die Zeit vergeht, die Erinnerung bleibt.

Am Fernsteinsee machten sie Halt. Und dann geschah das Tageshighlight: Ihr Mitreisender, ein stiller Vierzigjähriger, holte plötzlich aus dem Gepäck einen Fahrradhelm.

Was denn jetzt? staunte Anneliese.

Mein Ziel, sagte er ruhig. Den Pass per Rad hinunter. Dafür bin ich hier.

Irrsinn! rief Klara.

Aber auch mutig, lächelte die Frau im orangefarbenen Kaftan. Jeder hat seinen Weg zu sich selbst.

Sie sahen zu, wie er dem Hang hinunter verschwand mutig auf seinem Rad.

Verrückt, murmelte jemand.

Wagemutig. Schön, schwärmte die Frau im Kaftan. Jeder sucht seine eigene Erleuchtung.

Anneliese blickte dem Radler nach und dachte: Ja, für jeden gibts einen eigenen Pfad. Der eine sucht Yoga, der andere Radabenteuer, ich suche in Büchern, in Menschen. Und finde immer mehr, als ich dachte.

Zurück in Holzkirchen lebte Anneliese lange nach. Sie wachte morgens auf und merkte: da sind nun keine Berge, kein rauschender Fluss, kein Schamane mehr. Aber etwas war geblieben.

Und? Erleuchtet? fragte Ferdinand, als sie zu ihm nach Hause kam.

Keine Ahnung, lächelte Anneliese. Aber ich sah Adler von oben, hörte Kehlgesang, stand am Geysirseelein und spürte, wie die Erde atmet.

Stark, sagte er ernst. Das muss ich auch mal erleben.

Fahren wir, sie nahm ihn bei der Hand. Beim nächsten Mal zusammen.

Versprochen, nickte er.

Abends schlug Anneliese ihr Tagebuch auf und schrieb: Bayern. Ich war dort. Ich habe die Berge gesehen, die Flüsse, den Himmel. Ich habe das Geheimnis gestreift. Und auch wenn es mein erstes großes Abenteuer dorthin war, weiß ich: Wohin ich auch reise das zauberhafte Bayern wohnt nun immer in meinem Herzen.

Sie schloss das Buch, sah aus dem Fenster. Der Wald rauschte, der Duft von Erde und Herbst lag in der Luft. Doch sie meinte, den Fluss zu hören, sah Gipfel im Nebel, roch Lagerfeuerrauch.

Bayern blieb bei ihr. Für immer. Das war die wichtigste Erkenntnis die Reise führte nicht in die Berge oder ans Meer, sondern zu sich selbst. Zu der, die keine Angst hat, die sucht, die findet. Zu der, die weiß: Die Welt ist riesig und schön und offen für sie. Für sie und alle, die bereit sind, aufzubrechen.

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Homy
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