Zwischen Wahrheit und Traum

Zwischen Wahrheit und Traum

Weißt du, wie es draußen in München aussieht, wenn es schneit? So ruhig, so gedämpft, dass man das eigene Herz schlagen hört. So saß Friederike, eingerollt in eine flauschige Decke, auf ihrem Lieblingssessel. Draußen tanzten die Schneeflocken leise auf das Fensterbrett, als wollten sie nicht stören ein stiller Winterwalzer. Die ganze Wohnung war getränkt mit dieser besonderen Vorfreude: Friederike kam gerade von der Anprobe ihres Brautkleids zurück. Weiß und elegant wie sie es sich immer erträumt hatte. In der einen Hand noch die Tüte mit dem Haarreif, kleinen Perlenohrringen, einer feinen Kette lauter Details, die das große Ganze vollenden sollten.

In Gedanken plante sie schon den Tag: Wie das Kleid an ihr aussehen würde, wie das Licht auf ihren Schmuckstücken spielen wird, wie die Blicke der Freunde und Verwandten über sie gleiten. Pure Aufregung, Herzklopfen, Glück.

Plötzlich unterbrach ein forderndes Klingeln an der Tür diese harmonische Stille. Friederike zuckte zusammen und zog sofort die Decke fester um sich. Sie schaute aufs Handy: zehn vor sieben. Wer kommt denn um die Uhrzeit? Ob der Paketbote noch etwas vergessen hat? Oder Frau Schneider von nebenan, die mal wieder Zucker borgen will?

Sie griff zur Türkette, linste durch den Spion. Draußen ein Mann, eindeutig zu groß für den Nachbarn aus dem Erdgeschoss. Das Gesicht nicht zu erkennen. Sie zögerte, ob sie öffnen sollte.

Wer ist da?, rief sie vorsichtig, bemüht, gelassen zu klingen.

Ich bins, David, kam die gedämpfte Stimme durch die Tür ihr war sofort klar: Das war David. Wir müssen reden. Es ist wichtig.

Nicht unbedingt das, was sie hören wollte. David und Friederike kannten sich gut, doch so dringend und so spät? Hoffnungslos, da hätte sie ahnen können, dass es kein unkompliziertes Gespräch wird. Vielleicht was mit Julia? Sie schloss auf und öffnete langsam einen Spalt.

David stand da, Schultern voller Schnee, der langsam auf seinem dunklen Dufflecoat schmolz und nasse Flecken hinterließ. So blass und angespannt hatte sie ihn selten gesehen, und irgendwie lag neben Kälte auch eine seltsame Unruhe in seinen Augen.

Komm rein, murmelte sie, widerwillig, und trat zur Seite. Du bist ganz nass.

David trat ein, zog sich nicht mal die Schuhe aus der frisch geölte Parkett musste darunter leider kurz leiden. Aber das schien ihm grad völlig egal zu sein. Er setzte sich auf die Sofakante und starrte ins Leere, als hätte er da draußen im Schneegestöber was ganz anderes gesehen als Friederike.

Nach einer Minute Schweigen wandte er sich ihr zu, knetete seine Handschuhe.

Friederike… ich kann nicht mehr. Ich muss dir etwas sagen: Ich liebe dich.

Für einen Moment hörte Friederike ihr Herz nicht mehr. War das jetzt sein Ernst?

David, du Sie kam nicht mal dazu, den Satz zu beenden.

Er trat näher, als würde er sonst nie wieder den Mut zu diesen Worten finden.

Ich weiß, du heiratest bald Simon ist ein guter Typ und das alles klingt verrückt, aber ich halt das nicht mehr aus. Ich habs so lange versucht, zu vergessen, weiterzumachen geht einfach nicht! Schon mit Julia fing ich nur an, weil du ihre Freundin bist. Ich wollte dir einfach näher sein. Aber geliebt hab ich sie nie! Wirklich nie!

Was sollte sie dazu sagen? Friederike war fassungslos Julia, die Freundin, der Knotenpunkt ihres Freundeskreises. War das alles für einen Plan? Die Ehrlichkeit traf sie wie ein kalter Windstoß.

Sie legte die Decke sanft über den Sessel, als könne sie damit die Realität wieder ordnen. Der Raum wurde plötzlich eng, die Luft dichter.

David weißt du, was du da sagst? Ich liebe Simon, wir planen unser Leben zusammen. Das ist doch nicht bloß irgendeine kleine Schwärmerei Und Julia

Er nickte. Aber anstatt einzulenken, redete er noch weiter, diese Mischung aus Schmerz und Entschlossenheit in den Augen.

Schon. Doch ich konnts nicht länger für mich behalten, auch wenn´s eig schon zu spät ist. In ein paar Wochen bist du für mich unerreichbar! Heute oder nie. Und Julia … Sorry, sie war nur ein Mittel zum Zweck für mich. Ich weiß, wie mies das klingt.

Friederike wurde es ganz kalt im Bauch. Ach du lieber Himmel, wie wird Julia reagieren?

Sie bemühte sich um eine ruhige Stimme: David, hör auf. Ich bin mit Simon verlobt. Das, was du spürst das ist nicht Liebe, das ist irgendwas anderes Und Julia, du bist ihr so nah gekommen…!

Er nahm all seinen Mut zusammen, kniete sich auf den Boden und zog wie im Film eine kleine Schachtel hervor. Der Ring darin funkelte schüchtern.

Lass Simon. Komm mit mir. Ich mach dich glücklich, das schwör ich.

Friederike war wie erstarrt. In ihrem Kopf rauschten Erinnerungen vorbei wie David sich auf Partys an Julia gewandt hat, wie fürsorglich er sie hielt, wie Friederike sich damals darüber gefreut hatte, dass Julia so verliebt war. Und jetzt, alles nur Fassade?

Steh auf, flüsterte sie, kaum hörbar. Bitte, steh auf.

Mit den Worten verfiel alles in eine seltsame Dramatik. David stand langsam auf, immer noch voller Hoffnung, aber man konnte ihr entgleiten sehen.

Glaubst du mir nicht?

Friederike holte tief Luft.

Doch, ich glaube dir, echt. Aber das ändert doch alles nichts. Ich liebe Simon, den werde ich heiraten. Du bist mein Freund, mehr nicht.

Er griff nach ihrer Hand, wollte wissen: Und wenn ichs früher gesagt hätte?

Sie lächelte traurig, zuckte mit den Schultern: Wahrscheinlich hättest du dieselbe Antwort bekommen. Du bist ein toller Kerl, aber… du bist nicht der, mit dem ich mein Leben teilen will.

David wich keinen Schritt zurück. Aber da ist doch was zwischen uns! Du kannst das doch nicht leugnen!

Sie wich einen halben Schritt zur Tür; ein Hauch Angst mischte sich in ihr Gefühl. Davids Blick war seltsam irgendwie fixiert und fremd.

Da ist nichts. Gar nichts. Und was du für Liebe hältst, ist nur eine Projektion. Du willst etwas, das es nie gab. Sei so gut, David: Lass uns dieses Gespräch beenden.

Er ballte die Fäuste, aus Frustration, nicht aus Zorn. Kämpfte mit sich selbst, suchte Worte.

Du irrst dich, Friederike. Ich weiß, was ich fühle. Das ist Liebe!

Es wurde immer schwieriger, ruhig zu bleiben. Friederike wollte nicht, dass die Situation eskalierte. Aber das Thema Julia, das konnte sie so nicht auf sich beruhen lassen.

David, hast du mal an Julia gedacht? Sie liebt dich, sie glaubt wirklich, du bist ehrlich! Wie kannst du so mit ihren Gefühlen spielen?

David wich zurück, schaute zu Boden: Ich weiß, ich hab Mist gebaut. Aber auch jetzt würde ich nichts anders machen traurig, oder?

Friederike schüttelte den Kopf. Du kannst Glück nicht auf dem Leid anderer bauen. Und du bist in mich verliebt, aber kennst mich kaum. Meine echte Seite, unsere Gespräche, unser Alltag das alles hast du dir ausgemalt, aber nie erlebt. Rede wenigstens mit Julia und sei ehrlich zu ihr.

Er murmelte: Warum, es bringt doch nichts mehr

Ihr wurde bewusst, dass es hier kein Mitleid geben durfte sie wollte, dass David sie in Ruhe lässt. Also sagte sie ganz klar: Ich will nichts mehr von dir hören weder ich noch Julia.

David schaute sie noch einen Moment forschend an. Dann: Ich geh… Aber ich geb dich nicht auf. Irgendwann wirst du merken, dass wir zusammengehören.

Friederike schüttelte den Kopf. Lass das. Bau dein eigenes Leben auf. Such dir eine, die du wirklich lieben kannst. Aber bitte, geh jetzt.

Er ging langsam zur Tür, sein ganzes Wesen schwer, als müsste er jeden einzelnen Schritt gegen den Wind machen. An der Schwelle drehte er sich nochmals um.

Danke für deine Ehrlichkeit, sagte er einfach. Aber ganz verabschieden werd ich mich nicht.

Dann schloss er leise die Tür und verschwand.

Erst jetzt merkte Friederike, wie sich langsam die Anspannung löste. Sie trat ans Fenster, schaute ihm nach, wie er im Schneetreiben verschwand, langsam, Schultern tief, mächtig bedrückt. Es lief ihr kalt den Rücken runter. Was, wenn er bei Julia auftrumpft? Was, wenn er nicht locker lässt?

Sie griff zum Handy, wählte direkt Julias Nummer. Es dauerte. Dann rauschte es in der Leitung und Julias Stimme klang etwas nervös: Was ist? Du klingst so ernst. Ist alles ok?

Friederike musste sich sammeln.

Julia, David war gerade hier. Er hat Nun, er hat gestanden, dass er mit dir nur zusammen ist, weil er mir näher sein wollte. Er hat gesagt, er hat dich nie geliebt. Es tut mir wahnsinnig leid.

Lange Stille. Man konnte förmlich hören, wie Julia drüben das Gehörte sortierte. Schließlich krächzte sie: Und was jetzt? Ist das dein Ernst?

Friederike versuchte ruhig zu bleiben: Ich weiß es auch nicht genau. Ich will dich nicht verletzen, aber du bist meine beste Freundin. Ich glaube, David kommt gleich zu dir. Bist du allein zuhause? Ich hab wirklich ein ungutes Gefühl, wie er gerade drauf war!

Nach kurzem Schweigen: Mach dir keine Sorgen Ich komm klar. Danke, dass dus gesagt hast.

Verzeih, dass du so davon erfahren musstest. Wirklich.

Schon gut. Lieber die Wahrheit.

Sie legten auf, und Friederike blieb wieder allein mit der Stille und dem aufgewühlten Wind draußen vor dem Fenster. Zwei Freunde, zwei Wege, ein Neuanfang, auch wenns verdammt weh tut.

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Julia saß auf der Küche, das Handy immer noch in der Hand, neben sich den lauwarmen Tee seit Minuten unberührt. Ihre Gedanken wirbelten wie Schneeflocken durcheinander: Wie David sie zum ersten Mal zum Essen eingeladen hat, wie charmant und witzig er war, ihr das Gefühl gab, besonders zu sein. All diese Erinnerungen jetzt: eine Lüge? Ein kaltes Ziehen im Magen. Die Realität macht kurz und schmerzlos Schluss mit den schönen Vorstellungen.

Plötzlich klingelte es. Julia zögerte, ging aber dann an die Tür. David stand davor, Schnee auf den Haaren, das Gesicht blass, der Blick zerzaust wie ein Kind, das erwischt wurde.

Julia, stotterte er los, ich muss dir was sagen Ich

Sie unterbrach ihn mit klarer, fester Stimme: Friederike hat mir schon alles gesagt. Es gibt nichts mehr, was du mir erklären könntest.

Stockend stand er da, sichtlich nervös, ringte eine Sekunde lang um Worte.

Sie hat wirklich schon angerufen Hatte gehofft, ich kriegs noch selbst hin.

Julia verschränkte die Arme, hielt ihn fest auf Abstand: Warum bist du hier? Um mir noch ein bisschen mehr weh zu tun?

Er trat einen Schritt auf sie zu, sie wich zurück.

Julia, ich will mich nur entschuldigen. Für alles. Für die Lügen, das Hinhalten, die Enttäuschung. Ehrlich.

Ihr war klar: Das war schon alles, was sie brauchte. Kein Mitleid, keine weiteren Worte. Sie erwiderte eisig: Du hättest ehrlich sein können. Schon von Anfang an. Und jetzt das hier

David zog eine kleine Ringbox aus der Tasche und reichte sie ihr beinahe flehend.

Hier, nimm das. Es war für Friederike gedacht, aber ich will es nicht mehr haben.

Julia betrachtete das filigrane Gold ein Drama mehr, was keiner braucht.

Behalte ihn, sagte sie Ton so kalt wie das Wetter draußen.

David wurde noch blasser, nahm den Ring zurück und schluckte schwer.

Julia, ich würde alles wieder gutmachen, wenn ich könnte.

Sie schüttelte leicht den Kopf: Das kannst du nicht. Ich brauch Abstand. Bitte, geh jetzt.

Er nickte wortlos, ließ sie zurück. Kaum war David draußen, da klingelte es gleich wieder.

Sie schaute, erkannte Simon Friederikes Verlobten. Groß, gepflegt, mit ernster Mine.

Darf ich reinkommen?, fragte er kühl.

Julia ließ ihn wortlos herein; drinnen stand David noch immer stumm in der Ecke.

Simon fixierte David: Ich weiß alles. Glaub ja nicht, du kommst damit durch.

Bevor David protestieren oder sich rechtfertigen konnte, war Simon schon bei ihm.

Spar dir die Worte. Du hast zwei Frauen hintergangen, meine Verlobte verletzt. Du verdienst keine Mitgefühl.

Er schlug zu ein einziger gezielter Hieb, Davids Lippe platzte auf.

Wenn du Friederike oder Julia noch einmal nahekommst, wirds richtig ungemütlich für dich. Ist das klar?, fauchte Simon.

David schluckte, versuchte Haltung zu bewahren, spürte aber, dass er chancenlos war.

Simon wandte sich Julia zu, sein Blick wurde sanfter: Es tut mir leid, dass das passieren musste. Aber manchmal helfen Worte einfach nicht mehr.

Julia rang um eine Antwort. Ich weiß, vielleicht hat ers verdient Ich danke dir, dass du Friederike beschützt. Und mich ein bisschen auch.

Simon nickte, setzte sich ein paar Minuten zu ihr, sprach ruhig und klar.

Als er schließlich ging, hinterließ er eine seltsame Stille und etwas wie Erleichterung.

Julia saß noch lange einfach da, ließ die letzten Stunden an sich vorüberziehen. Es war vorbei, ja. Doch vielleicht war es gerade das, was ein echter Neuanfang braucht.

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David taumelte durch die verschneiten Straßen von München. Er nahm den Schmerz am Mund kaum wahr was viel schlimmer war, war dieses Loch im Innern. Zwei Menschen verloren. Julia für immer, Friederike hatte er nie wirklich gehabt. Alles kaputt gemacht, alles, wovon er geträumt hatte, lag jetzt wie Schnee am Bodenkalt, schwer, still.

Am nächsten Morgen kam er mit blauem Auge und beschädigtem Stolz ins Büro. Die Kollegen tuschelten hinter vorgehaltener Hand er nickte nur knapp zum Gruß. Dann, eine Woche später, beantragte er per E-Mail die Versetzung nach Hamburg. Sein Chef schien zu merken, dass jede Diskussion sinnlos wäre. David packte seine Sachen, ließ alles zurück.

Doch vorher brachte er den Ring zurück zum Juwelier und nahm das Geld knapp 800 Euro und überwies es Julia. Sorry. Das steht dir zu, schrieb er im Betreff. Kein Erklärungsversuch. Nur das Nötigste.

Als der erste Schnee fiel, bestellte er ein Taxi. Stand rauchend in der Kälte vorm Haus, schaute ein letztes Mal zurück. Ich habs verbockt, murmelte er. Nicht trotzig, sondern ehrlich. Dann glitt das Taxi Richtung Hauptbahnhof raus aus München, rein ins Ungewisse. Ein Neuanfang, irgendwo.

Währenddessen saßen Julia, Friederike und Simon in einem kleinen Café am Viktualienmarkt. Drei heiße Tassen Kakao, genau das, was man an so einem Tag braucht. Die Stimmung war ruhig, entspannt. Sie sprachen über die Hochzeit, schmiedeten Pläne. Über das Leben danach und das, was sie voneinander gelernt hatten.

Julia blickte aus dem Fenster, ihre Stimme leiser als sonst: Ich bin nicht mehr wütend auf ihn. Es ist einfach schade, dass alles so kommen musste.

Friederike legte tröstend ihre Hand auf Julias Arm. Dahinter keine Taktik, sondern echte Freundschaft: Du hast was Besseres verdient. Ehrlich.

Julia lächelte leise. Vielleicht zum ersten Mal echt seit Wochen. Ich werde es finden. Das weiß ich jetzt, sagte sie ruhig.

Draußen wirbelte der Schnee als würde er alles zudecken, was weh tat. Drinnen war es warm, ein neues Kapitel wartete schon. Ohne Selbstlügen. Ohne Halbwahrheiten. Und irgendwie auch mit ein wenig Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft.

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Homy
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Ein Mensch braucht einen Menschen