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Lena, bist du endlich fertig? Ich komme sonst zu spät zur Schule! ruft Clara, während sie das letzte Hemd von Konstantin ausschüttelt und auf die Leine auf dem Balkon hängt. Der unsanierte Balkon mit den abgeblätterten Wänden ist trotzdem ihr liebster Ort in der Wohnung.

Clara tritt an das Geländer und bleibt stehen. Vom siebten Stock aus genießt sie den weiten Blick über die Elbe und die Dächer von Dresden. Die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings überschwemmen die Landschaft, so hell, dass Clara die Augen zusammenkneift und die kühlen Metallstreben umklammert. Das ist Leben! Alles hell und strahlend, alles liegt vor einem, so viel, dass es fast weh tut vor Glück! Auch sie wird es schaffen. Alles wird werden wenn sie es nur schafft, ihre Aufgaben zu erledigen.

Eine Wolke schiebt sich kurz vor die Sonne. Clara fröstelt und wacht aus ihren Gedanken auf. Plötzlich ist alles wieder alltäglich. So ist das eben: Zuerst träumt man schwupps, ist man in der Realität. Obwohl… wie hat Judith noch mal gesagt? Realität ist das, was wir selbst daraus machen? Vielleicht hat sie recht. Judith ist schließlich klug, sie hat die Uni geschafft. Sie sagt immer, Clara hätte auch alle Chancen. Aber ob sie möchte, das sei die Frage. Wollen reicht eben nicht, denkt Clara und seufzt. Papa schafft es alleine kaum mit den Kleinen. Es fehlt vorn und hinten das Geld. Vermutlich hat sie gar keine andere Wahl, als einen Job zu nehmen und zu helfen. Das Studium wird warten müssen.

Clara wirft einen Blick auf die kleine Uhr, die sie von ihrem Vater in der zweiten Klasse bekommen hat, und erschrickt. Sie wird zu spät in die Schule kommen! Schnell schnappt sie sich das leere Waschbecken und drängt durch die Balkontür.

Lena schläft noch, Hände unter die Wange geschmiegt, so friedlich, dass Clara ihre kleine Schwester bestaunt: diese endlosen Wimpern, fast wie ein Schmetterlingsflügel. Die blonden Locken über das Kissen verteilt. Clara kann sich nicht durchringen, sie zu schneiden, so viel Ärger sie beim Kämmen auch machen, denn solche Schönheit muss bewahrt werden. Ihre Mutter hatte die gleichen Locken. Clara verzieht das Gesicht an die Mutter denkt sie ungern. Vieles kann man verzeihen, aber Verrat nicht. Und Mutter hat sie und die Geschwister verlassen. Lena war noch ein Baby. Sie nennt Clara oft Mama, was auf dem Spielplatz für hochgezogene Augenbrauen sorgt. Clara muss schmunzeln, wenn sie an die empörten Damen denkt.

Sie sind hierher gezogen, nachdem die Oma gestorben war und die Wohnung dem Vater überlassen wurde. Zu fünft wurde es in der kleinen Zweizimmerwohnung unerträglich. Die geräumige, alte Wohnung der Großmutter war für alle ein Neuanfang.

Die Großmutter war Professorin und sehr strikt, im Haus grüßte sie kaum jemand, hielt die Nachbarn für einfältig. Als Kind verstand Clara nicht ganz, warum. Später ging sie nur noch mit widerwilligem Pflichtgefühl zu Oma, erledigte stumm die Aufgaben und verschwand schnell wieder. Widerworte duldete Oma nie.

Du bist wie deine Mutter. Aus dir wird sicher nichts, es sei denn, unsere Gene schlagen durch! Bildung ist deine einzige Rettung, sonst endest du wie sie.

Clara schwieg dann nur. Papa schimpfte nie mit ihr, aber sein Schweigen, die Trauer im Gesicht das traf Clara mehr als alle Vorwürfe. Also blieb sie ruhig und arbeitete, bis sie hinausging ohne Reue. Nur einmal platzte sie heraus:

Deine Geschwister sind vermutlich nicht einmal von deinem Vater. Ich will nie wieder von diesen Bastarden in meinem Haus hören!

Dann komme ich eben nie wieder! rief Clara und ballte die Fäuste.

Oma schaute erstaunt, aber Clara kehrte ihr den Rücken, schnappte ihre Jacke, rannte heim. Lena lallte im Laufstall, Clara warf die Schuhe in den Flur und hob sie auf den Arm.

Du bist meine! Und Konstantin auch! Wir sind eine Familie, egal was andere sagen!

Papa schaute überrascht aus dem Bad. Lena begann zu weinen, als sie Claras Tränen auf den Wangen spürte, und Konstantin kam aus der Küche herbeigelaufen.

Was ist los mit euch?

Keine Ahnung…

Typisch Frauen! rief er, umarmte seine Schwestern und fragte: Gibt es Abendessen? Papa und ich haben Nudeln gemacht.

Ein Anruf von der Oma kam eine Stunde später. Clara stellte das ungewaschene Geschirr ab, drehte das Wasser ab. Papas Stimme wanderte von Verwunderung zu Ärger. Clara hockte sich auf den Stuhl, zog die Knie an die Brust. Gibt es wieder Streit?

Doch Papa kam später in die Küche, umarmte sie und sagte:

Du musst nicht mehr zu Oma gehen.

Warum?

Weil dich niemand beleidigen oder demütigen darf, verwandtschaftlich hin oder her.

Eine riesige Last fällt von Clara ab. Endlich ohne Vorwürfe und ständige Schuldgefühle. Zeit für sich und die Geschwister. Zwei Jahre später stirbt Oma. Die letzten Wochen verbringt Clara täglich im Krankenhaus. Die gebrechliche Frau im Krankenhaus ist kaum mehr dieselbe. Aber ihr Ton bleibt.

Ich bleibe. sagt Clara.

Kind…

Das ist richtig so.

Die Schwestern atmen auf, als sie verstehen, dass Clara als Vermittlerin fungiert.

Du bist ein tolles Mädchen! sagt die Oberschwester und legt einen Arm um Clara. Aber halte deiner Oma keine Vorwürfe nach. Wer sein Herz verschließt, bleibt unglücklich. Sie wird gehen, ohne wirklich etwas im Leben verstanden zu haben.

Am letzten Tag ist Oma leise und blickt nur noch hinaus in den grauen Himmel. Clara schreibt an einem Aufsatz, packt dann den Block ein und will gehen.

Clara… Oma flüstert. Verzeih mir bitte. Für alles… Das Leben ist dumm verlaufen… Pass auf deinen Vater auf…

Clara nickt, küsst Oma auf die Wange und verlässt das Zimmer. Die Nachricht von Omas Tod erreicht sie noch am selben Tag. Sie nimmt die Kleinen, sitzt mit ihnen stumm im Zimmer. Für Papa war Oma viel bedeutender sie weiß, er wird lange in der Küche hocken, Tränen abwischen und am nächsten Tag das Frühstück machen.

Der Umzug ist chaotisch. Lena ist dauerkrank, Konstantin widerspenstig. Papa pendelt zwischen Arbeit und Wohnung. Clara packt Schachteln und hofft, dass hier alles besser wird. Wer sie erhört, weiß sie nicht aber sie spürt es.

Nach und nach hat jeder im neuen Heim seinen Platz. Lena schläft meist bei Clara, Konstantin verbringt die meiste Zeit in der Küche. Schulaufgaben werden am großen Küchentisch gemeinsam gemacht.

Salz in die Kartoffeln! ruft Clara, während sie an Physikaufgaben sitzt.

Die Suppe kocht, was jetzt?

Gleich! Sie legt den Stift weg, schneidet Gemüse.

Ich versteh diese negativen Zahlen nicht! Hilfst du mir, Clara?

Zeig mal her!

Lena sitzt daneben und malt mit Buntstiften, schließlich wollen die Großen auch fleißig sein.

In der Anfangszeit lastet alles an Clara. Papa arbeitet, die Kinder sind ihr Job. Mit Konstantin klappt es gut, mit Lena weniger. Kindergarten hilft, aber Lena ist oft krank und Clara muss die Schule schwänzen. Dann begegnet sie Judith, ihrer Nachbarin.

Die Bekanntschaft entsteht zufällig auf dem Spielplatz. Lena will schaukeln, aber es ist voll.

Mama! ruft Lena kläglich, und sofort werden die Frauen am Rand aufmerksam.

Was, sie soll die Mutter sein? Um Himmels willen, wie alt ist das Mädchen denn? Kaum zu glauben! Schnell wird getuschelt und getadelt Deutschlands Moralapostel in Aktion.

Lena schreit, Clara ist ratlos, da schaltet sich Judith ein.

Was ist hier los?

Die Nachbarin in schicker Jeans trägt ihren Sohn auf dem Arm. Die lauten Stimmen verstummen.

Wir haben eine neue Nachbarin und manche stört das.

Was ist das Problem? Judith sieht den Frauen in die Augen.

Das Mädchen mit Kind! Sie ist doch noch selber eins das Jugendamt müsste da mal hinschauen! So was kann nicht gut gehen.

War das alles? Judith hebt eine Braue.

Die Frau stammelt und verlässt den Spielplatz. Judith wendet sich an Clara.

Wer ist das kleine Mädchen?

Meine Schwester.

Alles klar. Gibts noch Fragen?

Wie heißt du? fragt Judith.

Clara. Und das ist Lena.

Judith. Ohne Frau Nachbarin bitte. Ich bin noch keine alte Dame.

Bald werden Clara und Judith Freundinnen. Mancher wundert sich über die Verbindung eines Teenies mit einer Frau knapp Dreißig. Aber sie tut ihr gut der perfekte Glücksfall.

Judith hat als Familienanwältin ordentlich Respekt im Wohnviertel. Sie weiß viel über die Nachbarn, behält aber alles für sich. Sie hilft Clara oft im Haushalt.

Wenn du wüsstest, was ich alles über sie weiß! lacht sie beim Gardinenabnehmen. Aber das bleibt unter uns. Alle wollen gut dastehen, und ihre Geheimnisse erst recht verbergen. Wer möchte schon als Alimenteverweigerer oder herzloser Enkel gelten?

Clara versteht. Auch ihr Vater zog um, weil niemand die Geschichte der Mutter wissen sollte.

Clara vertraut Judith als erster von der Mutter. Sie hat immer alles in sich hineingefressen. Was, wenn sie wie Oma recht hat und selbst so wird?

An einem stressigen Tag bittet Judith Clara, die Katze zu versorgen.

Ich hab heute Gericht, könnte spät werden. Meine Sprechstunde zieht sich auch. Kannst du Lutz füttern? Sonst motzt er.

Es ist halt eine Katze…

Judith lacht.

Wehe, ich sperre ihn ein! Dann kratzt er an der Tür, bis ich nachgebe.

Sie gehen in die Küche zu Lutz, dem dicken Kater.

Pass auf! Eins, zwei, drei…

Klatschen gegen die Tür Clara erschrickt.

Siehst du? So geht das die halbe Nacht! Judith nimmt ihn auf den Arm. Eigentlich ist er mein Chef.

Clara füttert Lutz später, Judith kommt erschöpft nach Hause. Und plötzlich weint sie, vergräbt die Stirn in den Händen.

Tut mir leid, Clara. Blöde Sache, ich hab niemand zum Reden… Meine Mama ist tot. Und sonst keiner mehr.

Und ich? Bin ich nichts?

Judith schmunzelt durch die Tränen.

Du und deine Locken… Weißt du, jede Frau will, was sie nicht hat. Ich hätte so gern Locken und ein Kind.

Judith erzählt von ihrer Fehlgeburt, von Maximilian und wie alles schiefging. Der lang geplante Thailand-Urlaub, der Unfall… Danach Abstand, Tränen, keine Rettung für die Ehe. Am Ende blieb Judith alleine. Und als Maximilian Jahre später zurückkehrte, blieb eine Freundschaft aber ein gemeinsames Kind würde es wohl nie geben.

Die Ärzte sagen, es geht nicht mehr. Mein Fehler, sagt das Schicksal…

Aber Judith, kann man da nichts versuchen?

Die Chancen stehen schlecht. Und wenn es nicht klappt?

Dann kannst du immer noch weinen. Aber gib nicht einfach auf!

Judith umarmt Clara dankbar.

Woher kommt so viel Weisheit bei dir, obwohl du noch so jung bist?

Gute Lehrer, murmelt Clara und greift zum Wasserkocher.

Erzähl mal. Du hast nie gesagt, warum nur dein Papa da ist. Wo ist deine Mutter? Nun los, Offenheit gegen Offenheit.

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Homy
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Ohne „man muss“ Anton öffnete die Tür und sah auf dem Küchentisch drei Teller mit eingetrockneten Nudeln, einen umgestürzten Joghurtbecher und ein aufgeschlagenes kariertes Schulheft. Kostas Rucksack lag mitten im Flur, Vera saß auf dem Sofa, den Blick ins Handy versenkt. Er stellte seine Tasche ab, zog die Schuhe aus. Eigentlich wollte er etwas zu den Tellern sagen, doch plötzlich schnürte ihm die Erschöpfung die Kehle zu – er ging einfach zum Tisch, nahm einen Teller und trug ihn zur Spüle. „Papa, ich spüle gleich ab“, sagte Vera, ohne hochzusehen. „Schon gut.“ Er drehte das Wasser auf und hielt den Teller unter den Strahl. Die Nudeln wurden weich und verschwanden im Abfluss. Als er das Wasser abgestellt hatte, stand er einen Moment da und betrachtete das nasse Geschirr. „Vera, wo ist Kosta?“ „In seinem Zimmer. Mathe machen.“ „Und du?“ „Ich bin fertig.“ Er trocknete sich die Hände ab, ging in Kostas Zimmer. Sein Sohn lag auf dem Teppich, stützte den Kopf auf die Faust, im Heft waren anderthalb Aufgaben notiert. „Hallo“, sagte Anton. „Hi.“ „Wie läuft’s?“ „Geht.“ „Hausaufgaben?“ „Mach ich.“ Anton setzte sich auf die Bettkante. Kosta warf ihm einen Seitenblick zu, wandte sich dann wieder dem Heft zu. „Papa, was ist los?“ „Ich weiß nicht“, sagte Anton. „Bin einfach müde, glaube ich.“ Er wusste es wirklich nicht. Seine Mutter hatte am Morgen angerufen und verlangt, er solle vorbeikommen und beim Ausräumen des Schranks helfen, im Büro hatte sich die Besprechung bis sechs gezogen und in der U-Bahn war er an die Tür gepresst gewesen. Und jetzt saß er in Kostas Zimmer und merkte, dass er keine Lust hatte, über die Teller, über Hausaufgaben oder Ordnung zu reden. Er wollte nicht einfach die Funktion erfüllen, nach Hause kommen und funktionieren. „Komm, lass uns in der Küche zusammensetzen“, schlug er vor. „Alle zusammen.“ „Warum?“ „Einfach reden.“ Kosta verzog das Gesicht. „Schon wieder wegen der schlechten Deutschnote?“ „Nein. Nur reden.“ „Papa, ich bin nicht fertig mit den Aufgaben.“ „Machst du später. Fünf Minuten.“ Er stand auf, ging hinaus und rief nach Vera. Sie hob den Kopf und seufzte missmutig. „Im Ernst?“ „Im Ernst.“ Sie warf ihr Handy aufs Sofa und folgte ihm. Kosta kroch aus seinem Zimmer und blieb in der Küchentür stehen, als traue er sich nicht ganz hinein. Anton setzte sich an den Tisch, schob das Heft beiseite. Vera setzte sich gegenüber, Kosta hockte am Stuhlrande. „Was ist los?“, fragte Vera. „Nichts ist los.“ „Und warum dann?“ Anton schaute sie an, dann Kosta. Kostas Blick war ängstlich, als rechne er mit etwas Schlimmen. „Ich will nur reden“, sagte Anton. „Ehrlich. Ohne ‚Man muss Hausaufgaben machen‛, ‚Man muss spülen‛, das ganze ‚muß‘.“ „Heißt das, ich muss heute nicht abspülen?“, fragte Kosta vorsichtig. „Wird hinterher gemacht. Mir geht es um was anderes.“ Vera verschränkte die Arme. „Du bist heute seltsam.“ „Seltsam“, stimmte er zu. „Weil ich müde bin, so zu tun, als sei alles in Ordnung.“ Sie schwiegen. Er suchte nach Worten, aber in seinem Kopf war nur Leere. „Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll“, begann er dann. „Aber ich glaube, wir tun alle nur so. Ich komme nach Hause, ihr tut so, als wäre alles okay, ich tu so, als würde ich es glauben. Wir reden über Schule und Essen, aber eigentlich reden wir überhaupt nicht.“ „Papa, du nervst gerade“, sagte Vera leise. „Warum?“ „Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich selbst nicht klarkomme und Angst habe, ihr kommt auch nicht klar, und ich merke es nicht mal, weil ich so mit mir beschäftigt bin.“ Kosta zog die Augenbrauen zusammen. „Ich komm klar.“ „Wirklich?“ Anton sah ihn an. „Und warum schläfst du dann seit zwei Wochen immer erst nach Mitternacht?“ Kosta schwieg und starrte auf den Tisch. „Ich höre, wie du dich hin und her wälzt“, sagte Anton. „Und morgens siehst du aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen.“ „Hab einfach keinen Bock zu schlafen.“ „Kosta.“ „Was denn, ‚Kosta‘?“ „Sag, was wirklich ist.“ Kosta zuckte mit den Schultern, wandte sich ab. „In der Schule ist alles gut. Ich mache meine Aufgaben. Was noch?“ „Es geht mir nicht um die Aufgaben.“ Vera mischte sich ein: „Papa, warum bohrst du so bei ihm nach?“ „Ich bohre nicht. Ich will verstehen.“ „Aber er will nicht reden. Das ist sein Recht.“ Anton schaute sie an. „Okay. Dann sag du, wie es bei dir ist.“ Sie grinste kurz. „Bei mir? Super. Ich lerne, treffe meine Freundinnen, alles wie immer.“ „Vera.“ Sie schwieg, schaute weg. „Was?“ „Du gehst seit einem Monat kaum noch raus. Deine Freundin hat dich zweimal eingeladen, du hast abgesagt.“ „Na und? Ich hatte einfach keine Lust.“ „Warum nicht?“ Sie presste die Lippen zusammen. „Weil mich das genervt hat, das ganze Gerede über Jungs und so. Okay?“ „Okay“, sagte er. „Mir kommt‘s vor, als wärst du oft traurig.“ Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie etwas abschütteln. „Ich bin nicht traurig.“ „Gut.“ Es wurde still. Nur der Kühlschrank brummte hinter ihnen. „Ihr wisst was“, sagte er zögernd, „ich will euch jetzt nicht erziehen. Und ihr sollt mich nicht trösten. Ich sag‘s einfach direkt: Ich habe Angst. Jeden Tag. Ich habe Angst, dass das Geld nicht reicht, dass Oma krank wird und nichts sagt, dass ich im Büro entlassen werde. Ich habe Angst, dass ihr etwas durchmacht und ich es nicht merke, weil ich mit mir beschäftigt bin. Ich bin müde, so zu tun, als sei alles unter Kontrolle.“ Vera blinzelte und sah ihn aufmerksam an. „Du bist doch erwachsen“, sagte sie leise. „Du musst doch klarkommen.“ „Ich weiß. Aber ich komme nicht immer klar.“ Kosta hob den Kopf. „Was passiert, wenn du nicht klarkommst?“ „Keine Ahnung“, antwortete Anton ehrlich. „Dann muss ich eben um Hilfe bitten.“ „Bei wem denn?“ „Bei euch zum Beispiel.“ Kosta runzelte die Stirn. „Aber wir sind doch Kinder.“ „Klar, ihr seid Kinder. Aber ihr seid auch Teil dieser Familie. Manchmal brauche ich einfach, dass ihr mir die Wahrheit sagt. Nicht ‚alles okay‘, sondern wie es wirklich ist.“ Vera streifte den Tisch ab, als würde sie Krümel sammeln. „Wozu musst du das wissen?“ „Damit ich nicht allein bin.“ Sie sah ihn an, und in ihren Augen war ein Funken Verständnis. „Mir macht die Schule Angst“, sagte Kosta plötzlich. „Da ist ein Junge, der sagt jeden Tag, ich bin doof. Und alle lachen.“ Anton spürte einen Stich in der Brust. „Wie heißt er?“ „Sag ich nicht. Du gehst sonst hin, dann wird’s schlimmer.“ „Ich gehe nicht. Versprochen.“ Kosta sah ihn misstrauisch an. „Wirklich?“ „Wirklich. Aber ich muss wissen, dass du nicht allein bist.“ Kosta nickte, senkte den Kopf. „Ich bin nicht allein. Dima ist okay. Wir sitzen nebeneinander.“ „Gut.“ Vera seufzte. „Ich will nicht auf die Uni“, sagte sie leise. „Alle fragen, wo ich hingehe, und ich weiß es nicht. Überhaupt nicht. Kommt mir vor, als würde ich nirgends hinkommen, weil ich nichts kann.“ „Vera, du bist vierzehn.“ „Ja und? Alle wissen schon, was sie machen. Nur ich nicht.“ „Nicht alle.“ „Alle, die ich kenne.“ Er schwieg einen Moment. „Mit vierzehn wollte ich Geologe werden. Dann hab ich‘s mir anders überlegt. Ein paar Mal sogar. Und jetzt arbeite ich ganz woanders.“ „Und, ist das okay?“ „Mal so, mal so. Manchmal ja, manchmal schwer. Das Leben muss nicht vorgeplant sein.“ Vera nickte unsicher. „Alle sagen, man muss sich festlegen.“ „Sagen sie“, stimmte er zu. „Aber das sind ihre Worte, nicht deine.“ Sie sah ihn fast an, als wollte sie lächeln. „Irgendwie bist du heute anders.“ „Ich bin müde, immer richtig zu sein.“ Kosta grinste. „Darf ich dich was fragen?“ „Klar.“ „Hast du wirklich Angst?“ „Ja.“ „Und was machst du, wenn du Angst hast?“ Anton dachte nach. „Ich stehe morgens auf und mache irgendwas. Auch wenn ich nicht weiß, ob‘s richtig ist. Hauptsache, ich tue was.“ Kosta nickte. „Verstehe.“ Sie saßen still. Anton schaute sie an und wusste: Er hatte nichts entschieden, keine Antworten gegeben, keine Sorgen genommen. Aber etwas war anders – er hatte gezeigt, dass er nicht nur Funktion ist, sondern Mensch. Und sie haben es genauso gezeigt. „Na dann“, sagte Vera und stand auf, „ich spüle mal ab.“ „Ich helf“, sagte Kosta. „Ich auch“, sagte Anton. Sie standen auf, Vera öffnete den Wasserhahn, Kosta holte den Schwamm. Anton griff nach dem Handtuch und begann abzutrocknen. Sie arbeiteten schweigend, aber es war eine andere Stille – keine leere, sondern eine gefüllte. Als der letzte Teller auf dem Abtropfregal lag, trocknete Vera ihre Hände und sah ihren Vater an. „Papa, können wir mal wieder so reden? Irgendwann.“ „Klar“, sagte er. „Wann du willst.“ Sie nickte und ging in ihr Zimmer. Kosta blieb stehen, trampelte herum. „Danke, dass du dich nicht um den Jungen kümmerst“, sagte er. „Wenn’s ganz schlimm wird, sagst du mir Bescheid?“ „Mach ich.“ „Dann lass uns Mathe zu Ende machen.“ Sie gingen in Kostas Zimmer, setzten sich zusammen aufs Teppich. Anton nahm das Heft, schaute auf die Aufgaben. Kosta rückte näher heran, und sie rechneten Seite an Seite, nicht hektisch, fast wie immer. Aber Anton wusste jetzt, hinter diesen Aufgaben steckt ein Junge, der Angst hat – und dass er, Anton, nicht nur als Kontrolleur daneben sitzen kann, sondern als einer, der selbst Angst hat und trotzdem jeden Morgen aufsteht. Das war nicht viel, aber es war ein Anfang.