Als er gefunden wurde, wandten sich alle ab. Doch zwei Jahre später berichten Medien aus den USA und Japan über seine Geschichte.

Als ich ihn das erste Mal fand, wandten sich alle ab. Zwei Jahre später schreibt man in Amerika und Japan über ihn.

Es war ein klarer Frühlingsmorgen, als ich in unseren kleinen Garten hinter dem Haus in Freiburg ging, um Petersilie für das Mittagessen zu holen. Plötzlich blieb ich wie angewurzelt stehen. Dort, direkt neben dem Kompost, saßen zwei winzige Kätzchen dicht aneinandergedrückt und fiepten kläglich. Das eine wirkte kräftig und wohlgenährt, das andere Ich ging in die Hocke und nahm das schwächere Kätzchen ganz vorsichtig auf den Arm.

Ach du meine Güte, was ist denn nur mit dir passiert, du armer Wicht? murmelte ich.

Der kleine Körper zitterte, die Augen waren fast völlig mit Eiter verklebt und standen so nah beieinander, dass es schien, als hätte die Natur ihnen keinen Platz gelassen. Das dünnste Fell hing in zerzausten Fetzen. Seine Schwester dagegen eine Bilderbuchkatze: sauber, rundlich und mit perfekten Proportionen.

Ich ging still ins Haus, holte aus der Hausapotheke Augentropfen und begann, das kleine Gesicht vorsichtig mit warmem Wasser und Watte zu reinigen.

Du schaffst das. Du wirst es schaffen, flüsterte ich immer wieder.

Die ersten Wochen verschwammen. Ein endloser Wechsel zwischen verschiedenen Tierarztpraxen in Freiburg und Umgebung. Futtermittelunverträglichkeit, Koordinationsprobleme, schwache Gelenke die Liste der Diagnosen schien kein Ende zu nehmen. Ich nannte das Kätzchen Fritz, und jeden Tag kämpfte er tapfer weiter, auch wenn ihm alles schwerfiel.

Schau dir das mal an!, lachte ich, als Fritz wieder einmal beim Waschen seitlich umfiel, weil seine Beine ihn nicht mehr richtig trugen. Du bist mein kleines Wunder, Fritzi!

Die süße Schwester wurde fast sofort adoptiert, doch Fritz blieb bei mir. Nie habe ich an diese Entscheidung gezweifelt.

Etwa ein halbes Jahr später, als der Kater sichtbare Fortschritte gemacht hatte, betrachtete ich ihn ganz genau. Noch immer diese ungewöhnlich nah beieinanderstehenden Augen, aber jetzt verliehen sie ihm einen Ausdruck ständiger Überraschung. Wie jemand, der jede Sekunde etwas Neues entdeckt und nicht fassen kann, wie verrückt die Welt ist.

Fritz, du siehst aus wie ein Mensch, der vergessen hat, den Herd auszuschalten!, musste ich lachen, als ich wieder ein Foto von ihm machte.

Meine Galerie war bald voll: Fritz, der schlafend wie ein ewig staunender Philosoph aussah, Fritz im absurden Liegen auf dem Sofa, Fritz, der schon wieder am Fensterbrett vorbeisprang, denn richtig koordinieren konnte er sich nie.

Eines Tages besuchte mich meine alte Schulfreundin Sabine. Sie verschluckte sich beinahe am Kaffee, als sie Fritz entdeckte.

Mensch, Anna, was ist das denn!?

Das ist mein Fritz, mein Lieblingskater.

Der der schaut immer so?

Immer. Als hätte er gerade erfahren, dass der Schwarzwald kein Märchen ist.

Sabine zückte sofort ihr Handy und knipste mehrere Fotos hintereinander.

Melde ihn zum Längster-Schwanz-Wettbewerb an! Der läuft diese Woche im Stadtviertel!

Ich zuckte die Schultern. Fritzens Schwanz war tatsächlich beachtlich, aber doch wohl kaum rekordträchtig. Trotzdem, warum nicht? Wir könnten uns so auch die anderen Tiere ansehen.

Auf dem Wettbewerb betrachteten die Organisatoren Fritz lange und flüsterten miteinander. Ich dachte schon, sie wären einfach nur über seine ungewöhnliche Erscheinung erstaunt.

Eine junge Frau im T-Shirt mit Veranstaltungslgo kam schließlich zu mir.

Ihr Kater ist einzigartig! Sie sollten ihn im Internet zeigen. Machen Sie doch mal ein Video!

Meinen Sie, das interessiert jemanden?

Ganz sicher!

Zuhause zögerte ich lange. Dann blickte ich auf Fritz, der wie immer schief dasaß, mit aufgerissenen staunenden Augen, als hätte er gerade ein Ufo entdeckt.

Was meinst du, Fritzi, bist du bereit für den Ruhm?

Das erste Video hatte drei­hundert Aufrufe. Das zweite schon über tausendfünfhundert. Und das dritte…

Das dritte Video stellte alles auf den Kopf.

Anna, hast du das gesehen?!, rief mein Mann Jörg und stürmte mit dem Tablet ins Wohnzimmer. Fritz hat schon siebzigtausend Fans!

Ich konnte es kaum fassen. Die Benachrichtigungen explodierten. Kommentare wie:

Das ist das niedlichste Tier, das ich je gesehen habe!

Sein Gesicht ist mein Montagmorgen-Feeling.

Wo hast du den Kater gefunden? Ich will auch so einen!

Er schaut, als wundere er sich immer noch, wie er in diesem Katzenkörper gelandet ist!

Schnell merkte ich, dass ein privates Profil nicht mehr ausreichte. Ich erstellte einen eigenen Account für Fritz: kleine Geschichten aus seinem Leben, wie er Sonnenflecken jagte und wieder gegen die Wand rannte, wie er mit halb geöffneten Augen schlief oder nachdenklich auf der Fensterbank saß wie ein alter Professor.

Die Follower stiegen täglich: 15.000, 20.000, 30.000 Ich kam kaum hinterher.

Plötzlich schrieben Journalisten im Messenger. Zuerst die Freiburger Tageszeitung, dann ein bekanntes Blatt aus Baden-Württemberg, schließlich ein großes Nachrichtenmagazin aus Berlin. Und das war nur der Anfang.

Anna, da schreibt ein Amerikaner!, meinte Jörg und reichte mir das Handy. Er will ein Interview.

Es stellte sich heraus: Ein Redakteur des amerikanischen Magazins The Mirror wollte unbedingt über meinen außergewöhnlichen Kater berichten. Danach meldeten sich ein deutscher Lifestyle-Blog, eine Nachrichtenwebsite aus Australien und schließlich eine japanische Tageszeitung.

Fritz, du bist jetzt ein internationaler Star!”, sagte ich und kraulte ihn hinter den Ohren. Stell dir vor, in Tokio sprechen Leute über dich!

Fritz sah mich an, als hätte er soeben das große kosmische Rätsel gelöst, drehte sich auf den Rücken und reckte schnurrend den Bauch in die Luft völlig unbeeindruckt vom Wirbel um seine Person.

Einige Wochen später stand ein Fernsehteam aus Hamburg vor der Tür. Ich war nervös ob Fritz die Kameras verschrecken würden? Doch er blieb ganz er selbst: saß schief da, starrte mit seinen runden Augen, versuchte aufs Sofa zu springen und landete natürlich wieder daneben.

Wahnsinn! So natürlich, rief der Kameramann begeistert.

Zum Schluss schüttelte mir die Regisseurin herzlich die Hand.

Danke, dass Sie diesem Tier geholfen haben. Die Welt ist ein bisschen freundlicher durch Menschen wie Sie.

Ich brachte die Gäste zur Tür, ein dicker Kloß im Hals. Passierte das wirklich mir und diesem kranken Kätzchen, das ich einst neben dem Kompost aufgehoben hatte?

Abends saßen wir auf dem Sofa, Fritz kuschelte sich schwer atmend auf meinen Schoß. Draußen nieselte es, drinnen spendete die Stehlampe warmes Licht.

Weißt du, Fritz, sagte ich leise, ganz am Anfang sagten viele, du würdest eh nicht lange leben. Ich solle meine Zeit, mein Geld für ein defektes Tier nicht verschwenden. Aber jetzt… jetzt sehen dich Menschen auf der ganzen Welt. Sie schreiben, dass du ihnen Mut machst, dass dein Gesicht sie zum Lachen bringt, wenn alles schwer ist.

Fritz schnurrte laut und sah mich an, als hätte er ein neues Naturgesetz entdeckt.

Du bist der Beweis dafür, dass jede Kreatur eine Chance verdient. Was für den einen wie ein Makel wirkt, macht dich besonders. Liebe vermag Wege zu öffnen, von denen viele nicht zu träumen wagen.

Schon wieder neue Nachrichten diesmal aus Litauen.

Ich hätte nie erwartet, mit internationalen Redakteuren zu sprechen, nie gedacht, dass mein kranker Kater aus dem Garten je die Herzen so vieler berühren könnte. Aber vor allem war Fritz einfach am Leben, im Rahmen seiner Möglichkeiten glücklich und das war das Eigentliche.

Er kletterte zwar nie wie die anderen Katzen auf Bäume, aber er konnte mit seinem außergewöhnlichen Blick hunderttausend Fremden Freude schenken. Und das bedeutete mehr als alles andere.

Danke, Fritzi, flüsterte ich. Dass du gekämpft hast, dass du zeigst: Es gibt nur wenig ausweglose Lagen. Was es oft fehlt, sind Liebe und Geduld.

Fritz schnurrte behaglich ein letztes Mal, seine Augen schimmernd im Licht wie ein Philosoph, der weiß, dass der Weg das Wunder ist.

Und irgendwo vielleicht in Tokio, vielleicht in Boston klickte jemand auf die Seite von Fritz aus Freiburg, sah die Bilder dieses Katers und begriff eine einfache Wahrheit: Schönheit ist relativ, aber Freundlichkeit bleibt. Und genau diese Freundlichkeit kann einen schwachen, kranken Streuner in einen kleinen Star verwandeln, der Tausenden Licht schenkt.

So habe ich gelernt: Es gibt keine hoffnungslosen Fälle nur zu wenig Mitgefühl. Und das habe ich nie wieder vergessen.

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Homy
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Als er gefunden wurde, wandten sich alle ab. Doch zwei Jahre später berichten Medien aus den USA und Japan über seine Geschichte.
Entschuldigung, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe! Alles lief ab wie in einem typischen deutschen Fernsehfilm oder einer Satire: Abends sitzt der Ehemann am Laptop, die Ehefrau erledigt den Haushalt, plötzlich löst die Autoalarmanlage aus, und der Mann stürmt – zum Glück ist Sommer – im T-Shirt auf den Hof. Währenddessen wischt die Frau Staub und rutscht zufällig mit der Maus an den Computer, der Bildschirm leuchtet wieder auf. Nein, es war nie Jaras Art gewesen, das Handy ihres Mannes zu kontrollieren, in seinen Taschen zu wühlen oder ihm über die Schulter zu schauen – das fand sie einfach ungehörig. Doch diesmal war wirklich alles nur Zufall. Ein schneller, flüchtiger Blick auf den Bildschirm – ausgerechnet das Wort „Liebling“. Peinlich berührt dreht sie sich weg, denkt noch, damit könne auch sie gemeint sein – vielleicht „meine liebe Frau“ oder gar die Lieblingssalami – trotzdem sieht sie wieder hin. „Ja, mein Liebling“, schreibt ihr Mann auf einer Dating-Plattform, dabei ist sein Foto für jeden sichtbar – „morgen sehen wir uns, wie abgemacht, ich denke jede Stunde an unser letztes Treffen. Du bist einfach der Wahnsinn!“ „Und du bist mein Bärchen“, zwinkert ihm die drahtige Rothaarige zu. „Ich habe immer noch Muskelkater von letzter Nacht.“ Als der Mann abrupt rausrennt, werden die Messages hektisch: „Bärchen, wo bist du? Ich vermisse dich!“ Jara sinkt mit dem Putzlappen auf das Sofa. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Gestern hatte ihr Mann gesagt, es gebe im Büro ein wichtiges Event, sie hatte sein Hemd gebügelt, Krawatte ausgesucht, Hosen aufgebügelt – für dieses „Event“ also… Der Mann kehrt zurück, schimpft lautstark über einen Fußball, den Halbwüchsige gegen das Auto schossen. Jara hört zu und nickt an den richtigen Stellen, ist mit den Gedanken aber ganz woanders. Glücklicherweise ist ihr Mann an diesem Abend nicht in romantischer Stimmung und sie schlafen getrennt ein. „Ich denke morgen darüber nach“, nimmt sie sich ein Beispiel an Scarlett O’Hara, aber schlafen kann sie kaum. Am nächsten Morgen fährt der Mann ins Büro, Jara macht Großputz. Heute bringt ihre Mutter den kleinen Stas zurück, der eine Woche auf dem Land war. Putzen, putzen – und immer wieder der quälende Gedanke: „Was nun?“ Noch kann sie es kaum fassen, Erinnerungen spülen neue Hinweise hoch. Die vertraute Welt ist zusammengebrochen und es gilt, die Trümmer zu sortieren. Eines weiß Jara sicher: Verzeihen kann und will sie ihm niemals. Nicht einmal, wenn er sich entschuldigt, alles bereut oder ein Versprechen ablegt. Irgendwann wird der Schmerz weniger, aber Verrat bleibt. Gleichzeitig weiß sie: Stas ist zweieinhalb, ein Kita-Platz ist frühestens im Herbst frei, also kann sie nicht arbeiten gehen. Ihren Eltern auf der Tasche liegen? Um Unterhalt kämpfen? Jetzt im Schockzustand die Scheidung einreichen? Wird sie das durchhalten? Oder sich doch überreden lassen zu bleiben und es später bereuen? Also – die Scheidung ist beschlossen, aber nicht jetzt. So hält sie still. Führt weiter Haushalt und Kinder, bügelt Hemden, sucht Krawatten raus, lacht über seine Witze. Einzig die Ekelgefühle kann sie nicht unterdrücken – unter Vorwänden meidet sie „diese“ Pflichten, was dem Ehemann anscheinend recht ist. Zuletzt blüht er regelrecht auf, kommt mit Blumen, summt Lieder, dichtet neue Geschichten zu Dienstreisen zusammen. Im Oktober bekommt Stas einen Kita-Platz, Jara fängt wieder an zu arbeiten – und reicht sofort die Scheidung ein. Der Mann ist entsetzt, begreift nicht, was passiert. Als er schließlich die Wahrheit erfährt, gibt er Jara die Schuld: „Berechnende Frau! So was wie dich nennt man zu Recht Hausschlampe! Erst auf meine Kosten leben, dann, wenn das Kind im Kindergarten ist, Tschüssikowski? Ich hab gedacht, meine Frau ist anders – dabei bist du wie alle anderen!“ Die Freunde stehen auf seiner Seite, verurteilen Jara. Sogar ihre Mutter wirft ihr vor: „Wie konntest du nur? Wolltest du dich trennen, dann hättest du es gleich tun sollen, nicht so hinterhältig! Ich hätte nicht gedacht, dass meine Tochter so kleinlich ist.“ „Entschuldigt bitte, dass ich euren Erwartungen nicht entsprochen habe“, antwortet Jara allen. Doch bei ihrer Entscheidung bleibt sie.