Der Wintergast
In einem deutschen Dorf, irgendwo in der Lüneburger Heide, senkte sich der Abend im Winter besonders früh herab, und bei Schneesturm zog die Dunkelheit noch schneller auf. Gegen sieben Uhr abends war draußen nichts mehr zu sehen, nur weißer Wind, der Schnee auf das Fensterglas drückte, ihn langsam hinabrutschen ließ.
Ich saß damals am schweren Eichentisch im Esszimmer und arbeitete an einem Manuskript.
Der Abgabetermin war erst auf den zweiten Januar datiert, aber ich hatte es mir zur Angewohnheit gemacht, nicht zu trödeln. Was sonst hätte ich auch tun sollen in der Silvesternacht ganz alleine, siebzig Kilometer bis nach Hamburg, und der Fernseher stand seit Jahren still?
Das Haus in Nordheide hatten mein Mann und ich vor zwanzig Jahren gekauft. Damals dachten wir: Für den Sommer, als Datsche, frische Luft, Natur. Doch dann starb mein Erik, und ich brauchte die Stadt nicht mehr. Ich zog ganz hierher, mit meinem Laptop, meinen Manuskripten und mit meiner Katze Frieda, die gerade auf der Heizung schlief und von der Schneewelt draußen nichts ahnte.
Die Nachbarn hatten in den ersten zwei Jahren Verständnis gezeigt. Dann hörten sie auf damit. Sie gewöhnten sich. Elisabeth König Lektorin, wohnt in dem Haus mit den blauen Fensterläden, geht für die Post oder zum Einkauf alle drei Tage, hält sich aus allem raus und erwartet niemanden. Eine angenehme Nachbarin.
Das Manuskript lag ausgedruckt vor mir. Ganz oben stand der Autorenname: J. Merz. Acht Monate hatte ich mit diesem Roman verbracht, acht Monate überarbeitet, gestritten, Anmerkungen zurückbekommen angenommen oder abgelehnt , und dann wieder an den Text gesetzt. Den Autor kannte ich nicht. Nur seinen Nachnamen, nur das Initial, nur das Manuskript 380 Seiten über einen Menschen, der lange Zeit einen falschen Weg ging und es dann begriff.
Ein gutes Buch.
Ich hatte vieles bearbeitet, erkannte den Unterschied. Dieser Text war echt. Da sprach eine wirkliche Stimme nicht erlernt, nicht nachgemacht. Solch eine Stimme ist selten und kann nicht antrainiert werden. Der Autor wusste das offenbar, und vielleicht hatte er genau davor Angst.
Das Telefon klingelte um halb acht.
Elli, sag mal, wann gibst du eigentlich ab? fragte Judith aus dem Verlag. Ihr Ton war entschuldigend es war Feiertag, sie wusste das.
Am zweiten, erwiderte ich.
Mach doch nicht so einen Stress. Kann noch bis zum zehnten liegen, es sind schließlich Feiertage.
Am zweiten, sagte ich erneut.
Judith schwieg kurz. Sie wusste, Diskussion war zwecklos.
Du bist da wieder ganz alleine, oder?
Frieda ist auch da.
Elisabeth.
Judith.
Sie lachte, verabschiedete sich. Ich wandte mich wieder dem Manuskript zu, fand die markierte Stelle und starrte erneut auf einen Absatz, der mir seit Tagen Kopfzerbrechen bereitete.
Seite 117. Dritter Absatz von oben. Da stand ein Satz ich spürte, er passte dort nicht, aber wusste nicht recht, warum. Es lag nicht an den Worten oder am Sinn, es war der Rhythmus. Die Formulierung war langatmig, der Text sackte darunter in sich zusammen. Fünfmal hatte ich schon Alternativen ausprobiert, fünfmal wieder gelöscht.
Beim sechsten Versuch klappte es.
Zufrieden, notierte ich es, las nochmal und klappte das Notebook zu. Noch zwei Stunden bis zu jenem Klopfen.
Das Klopfen vernahm ich gegen halb zehn.
Nicht ans Fenster an die Tür.
Zuerst dachte ich, es sei der Wind. Aber Wind klopft nicht, Wind drückt. Es waren aber drei Schläge, dann noch einmal zwei.
Frieda öffnete ein Auge, schloss es wieder.
Ich stand auf, trat ans Fenster, schob den Vorhang beiseite und schaute zur Veranda. Da stand ein Mensch. Alleine, kein Auto, rundherum Schnee, er mittendrin, in einem karierten Mantel, der offenbar schon längst nicht mehr gegen die Kälte schützte. Die Laterne am Gartentor warf wackelnd ihr Licht, und ich sah, dieser Mensch war keine Gefahr einfach nur durchgefroren und hilflos.
Auf dem Land lässt man niemanden vor der Tür, besonders nicht bei Schnee.
Ich zog meine Jacke an und ging zur Haustür.
Guten Abend, sagte der Mann auf der Schwelle. Seine Stimme war leise, etwas rau. Entschuldigen Sie die späte Störung. Mein Handy ist leer, das Auto liegt im Straßengraben, ich habe Ihr Licht gesehen.
Ich musterte ihn. Groß seine Kopfspitze reichte fast bis zum Türrahmen. Der Mantel durchnässt, in einer Hand hielt er eine Brille, in der anderen nichts, weder Tasche noch Rucksack. Die Gläser beschlugen immer noch, deshalb trug er sie nicht.
Kommen Sie herein, sagte ich.
Er trat ein, langsam, ohne Eile, höflich einer, der weiß, wie empfindlich die Grenze zwischen Gastfreundschaft und Störung sein kann.
Das Auto steht weit weg? fragte ich, während er den Schal ablegte.
Ungefähr zweihundert Meter, die Fahrspur war ungünstig ich bin abgerutscht. Er hielt inne. Ladegerät für das Handy liegt noch zu Hause, das Navi hat alles leergesogen.
Verstehe.
Während er im Flur den Mantel auszog, stellte ich den Wasserkocher an. Als ich zurückkam, hielt er immer noch seine beschlagenen Brillengläser. Erst als sie die Wärme seiner Hand annahmen, setzte er sie auf.
Hängen Sie den Mantel gerne dort auf, deutete ich zum Haken am Spiegel.
Vielen Dank. Er tat es, setzte die Brille auf. Johannes.
Elisabeth. Ich wies Richtung Küche. Kommen Sie.
Im Dorf kannte jeder jeden. Zum nächsten Ort Hohenfelde waren es sechs Kilometer über das Feld. Ein paar Wohnhäuser, Sommerkinder und -gäste, aber im Winter fast niemand. Zwischen Hohenfelde und unserem Dorf lag ein alter Windschutzstreifen und eine schlechte Landstraße.
Sie kommen aus Hohenfelde? fragte ich, während er sich an den Tisch setzte.
Ja. Hab ein Haus im Herbst gekauft, bin das erste Mal jetzt im Winter da. Er grinste schief. Hätte mir denken können, dass das im Winter eine ganz andere Sache ist.
Wetterbericht nicht angeschaut?
Doch, da stand irgendwas von mäßiger Schneefall.
Mäßig auf der Autobahn oder auf dem Feld sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Jetzt weiß ich das.
Ich stellte ihm die Tasse hin. Heißer Tee, keine weiteren Fragen. Er hielt die Tasse mit beiden Händen, verharrte einfach so einen Moment.
Das mit dem Auto ist halb so wild, sagte er. Wird schon abgeschleppt. Muss nur telefonieren.
Das Ladegerät ist da hinten, zeigte ich auf die Steckdose beim Kühlschrank, und das Kabel liegt bereit.
Er stand auf, schloss sein Telefon an, setzte sich wieder. Griff sofort zur Tasse, suchte die Wärme.
Sie wohnen schon lange hier?
Fünf Jahre ganzjährig. Früher nur für die Ferien.
Und vermissen Sie die Stadt nicht?
Nein.
Er hakte nicht weiter nach. Das schätzte ich.
Sein Handy war schon damals altmodisch solche Modelle gab es seit drei Jahren nicht mehr zu kaufen, klein, abgewetzt an den Ecken. Das Aufladen von null auf fünf Prozent brauchte vierzig Minuten ich hatte das gleiche Gerät gehabt.
Also würde er erstmal bleiben.
Ich trank einen Schluck Tee, fragte:
Haben Sie schon gegessen?
Heute früh.
Heute früh?
Ich ging davon aus, nicht lange unterwegs zu sein.
Im Kühlschrank stand eine Suppe von gestern, Graupensuppe. Ich stellte sie auf den Herd. Er widersprach nicht, bat nicht um Umstände einfach stilles Warten. Auch das war richtig.
Während die Suppe heiß wurde, schwiegen wir. Kein peinliches Schweigen, nur das einer winterlichen Stube. Draußen schien die Schneedecke ihren monotonen Ton zu summen, Frieda schnaufte auf der Heizung, das Küchenlicht war gelb und warm. Es war seltsam, dass da jemand Fremdes in meiner Küche saß und trotzdem störte es nicht. Eigentlich war mir das sonst immer unangenehm.
Den Wasserkocher stellte ich nach einer halben Stunde erneut an.
Draußen schien das Schneetreiben endlos. Wir löffelten Suppe, redeten kaum nicht aus Mangel an Gesprächsthemen, sondern weil nichts drängte.
Es ist ruhig bei Ihnen, bemerkte er.
Immer ruhig. Außer Wind.
Nein, ich meine: Innendrin. Er nickte in Richtung Wohnstube. Kein Radio, kein Fernseher.
Doch, ein Radio gibt es. Klein, auf der Fensterbank. Schalte ich manchmal ein.
Verstehe. Er schwieg kurz. In Berlin kann ich nicht mehr ohne Kopfhörer arbeiten. Immer ist irgendwer durch die Wand hörbar Schritte, Stimmen. Das stört.
Arbeiten heißt Schreiben?
Ja.
Was schreiben Sie?
Prosa. Er blickte in seine Tasse. Die letzten zwei Jahre einen Roman. Sehr lange Arbeit.
Kommt vor.
Im Herbst abgegeben. Seitdem weiß ich nicht, was tun.
Dieses Gefühl kannte ich gut. Nicht aus mir selbst von anderen Autoren. Nach Abgabe herrschte oft eine Leere, die einen ratlos zurückließ. Manche stürzten sich sogleich ins nächste Projekt, andere wanderten Wochen wie Verlorene umher, manche hörten ganz auf. Jeder hat da seinen Weg.
Das geht vorbei, sagte ich.
Weiß ich. Aber jetzt eben nicht.
Frieda kam von der Heizung, schnupperte kurz an seiner Hand, verschwand zurück. Johannes sah ihr nach.
Ist das ein gutes Zeichen? fragte er.
Mittelmäßig. Wäre sie geblieben wäre es sehr gut.
Dann arbeite ich an meinem Ruf, meinte er ernst.
Ich lachte.
Darf ich etwas fragen? sagte er später.
Fragen Sie.
Warum der zweite?
Ich verstand zunächst nicht.
Die Deadline, erläuterte er. Sie sagten am Telefon, dass Sie am zweiten abgeben. Heute ist Silvester, Sie sitzen über dem Text, obwohl zwei Tage Puffer wären. Warum jetzt?
Die Frage war sehr genau. Zu genau für jemanden, der aus dem Schneesturm hereingeschneit kam und sich eigentlich um das Auto und die Bergung kümmern sollte.
Gewohnheit, antwortete ich.
Welche?
Keine halben Sachen liegen lassen, wenn sie fast fertig sind.
Er blickte mich an. Glaubte es nicht völlig eher so, als hätte er einen Teil der Wahrheit gehört.
Außerdem gäbe es keinen Grund, zu warten, fügte ich hinzu. Silvester feiere ich nicht besonders. Arbeiten ist besser, als auf die Uhr zu starren.
Verstehe, sagte er. Ohne Mitleid, nur zur Kenntnis genommen.
Auch das war angenehm.
Wir schwiegen miteinander. Draußen rüttelte der Wind an den Fensterläden des Nachbarhauses die Nachbarn waren schon im November abgereist, kommen erst wieder im Frühling. Ich kannte das Geräusch, es war mir vertraut, aber an diesem Abend war es lauter als sonst.
Sie haben an der Arbeit gesessen, als ich kam, sagte Johannes. Das klang nicht wie eine Frage, eher wie eine Feststellung.
Ja.
Was machen Sie beruflich?
Lektorin für Belletristik.
Spannend.
Meistens schon.
Er musterte mich einen Moment länger als sonst.
Macht es Ihnen Freude, sich mit fremden Texten zu beschäftigen? Drückt das nicht?
Ich dachte nach.
Schlechte Texte drücken. Gute machen das Gegenteil. Da möchte ich alles noch besser machen. Es ist wohl wie eine Restaurierung. Die Struktur ist vorhanden, aber überflüssiges Material muss fort.
Er nickte, leise, eher in sich hinein.
Sind Sie übelgenommen, wenn jemand an Ihrem Text schneidet? fragte ich.
Worauf?
Wenn Ihre Worte gestrichen werden.
Ach, sagte er. Nur wenn etwas Wesentliches fehlt.
Und wie erkennen Sie, was wesentlich ist?
Wenn es nach dem Streichen schmerzt, wars wichtig. Wenn nicht, konnte es weg.
Ich sah ihn an. Ein guter Gedanke sehr präzise und sehr Schriftsteller-artig. Das denkt man sich nicht ohne eigene bittere Erfahrung.
Sie hatten schon schlechte Lektorate?
Verschiedene. Er überlegte. Bei meinem ersten Buch hat die Lektorin so viel gestrichen und umformuliert, dass von meiner Geschichte kaum noch etwas übrig blieb. Aus einem alten Seemann wurde ein Büroangestellter. Ich übertreibe, aber das ist der Kern.
Und Sie haben trotzdem zugestimmt?
Ich war neunundzwanzig. Dachte, die wissen es besser.
Und später?
Später habe ich gemerkt, dass besser wissen eben nicht gleich Recht haben ist.
Ich nickte. Stimmt. Ein Lektor kann im Handwerk überlegener sein aber nicht den Ton des Autors hören. Das ist wichtiger.
***
Draußen war nun tiefe Nacht, keine Lichter von irgendwoher, und der Schnee wurde dichter die Laterne am Tor verschwand fast im Weiß.
Johannes trank bereits die zweite Tasse Tee. Frieda kam wieder vorbei, diesmal blieb sie nicht stehen. Ich merkte, dass er sie nicht rief richtig, sie mochte das nicht.
Darf ich? Er deutete auf das Bücherregal am Fenster.
Natürlich.
Er stand auf, trat zu den Regalbrettern. Drei Reihen: Krimis, Romane, alles Übrige bunt gemixt. Schweigend ließ er seinen Blick über die Buchrücken gleiten, ohne sie zu berühren. Dann kam er zurück.
Viele Krimis, stellte er fest.
Lese ich zur Entspannung. Da wird am Ende alles gelöst.
Im Leben nicht?
Seltener.
Er nahm seine Tasse.
Erzählen Sie von dem Roman, forderte er mich auf.
Ich überlegte kurz, welchen.
Den, den Sie lektorieren.
Warum interessiert Sie das?
Ich finde es spannend. Sie sagten, ein guter Text ist wie ein Restaurierungsprojekt. Ich würde gerne wissen, was Sie daran reizt.
Es war ein ungewöhnliches Gespräch. Ein Fremder am Küchentisch, die Tasse in beiden Händen, fragt nach meinem Beruf. Ich konnte mich gar nicht erinnern, wann jemand zuletzt so gefragt hatte nicht aus Höflichkeit, sondern wirklich aus Interesse.
Es ist ein Roman über einen Menschen, begann ich. Er tut lange etwas, das er für richtig hält. Dann merkt er, dass er sich eigentlich nur vor einer Alternative fürchtete. Es ist die Geschichte vom Unterschied zwischen Gewohnheit und echter Wahl.
Und wie endet es?
Er geht. Nicht vor den Menschen sondern fort von sich selbst, von der Person, die er war. In meinen Augen das einzig stimmige Ende.
Johannes schwieg.
Sie mögen das Ende?
Ja. Der Autor wollte erst ein anderes.
Welches?
Dass die Hauptfigur zurückkehrt. Zu dem, was sie verlassen hatte.
Haben Sie ihn überzeugt?
Ich habe es angemerkt. Der Autor hat selbst entschieden. Ich stellte die Tasse ab. Es muss so sein. Ich darf vorschlagen, der Text aber gehört ihm.
Er blickte auf den Tisch. Sein Schweigen wirkte nachdenklich, nicht bloß höflich abwartend.
Warum halten Sie das Fortgehen für das bessere Ende? fragte er.
Weil Rückkehr darauf antwortet, wohin man geht. Fortgehen aber darauf, wer man ist.
Er sah mich an.
Haben Sie das selbst so gesagt? Oder stammt es aus dem Roman?
Das sind meine Worte. Sie standen als Notiz im Text.
Er schwieg wieder. Ich ließ ihm Zeit.
Sie arbeiten schon lange als Lektorin?
Acht Jahre.
Denken Sie immer so über Enden?
Nicht immer. Nur bei ehrlichen Geschichten. Unehrliche können enden, wie sie wollen überzeugt nie. Eine ehrliche Geschichte aber folgt dem einzig möglichen Ende. Die Aufgabe des Lektors ist, das nicht zu verderben.
Johannes starrte aus dem Fenster. Lange als ob er etwas abwog.
Das ist bestimmt schwer, sagte er schließlich.
Was?
Richtiges Lesen. Nicht für sich, sondern für den Autor.
Ich dachte nach.
Manchmal. Wenn der Autor sich sperrt. Nicht erkennt, was er tut. Aber dieser nicht.
Der jetzige?
Ja.
Woran merken Sie das?
Ich hielt meine Tasse und suchte nach einer Antwort, die über den Plot hinausging nach etwas, das mich selbst berührt hatte.
Es gibt dort einen Satz, begann ich. Ich habe ihn geändert, und der Autor hat zugestimmt. Aber bis heute frage ich mich, ob es richtig war.
Wie stands ursprünglich?
Über den Schneesturm. Der Autor schrieb es lang aus, es störte den Lesefluss. Ich habe gekürzt es wurde präziser, aber irgendetwas ging dabei verloren.
Was verloren?
Genau das kann ich nicht in Worte fassen. Etwas Lebendiges.
Lesen Sie vor, wie es bei Ihnen nun steht.
Ich schaute ihn an. Eine seltsame, aber nicht abwegige Bitte.
Der Schneesturm wählt nicht. Er bleibt einfach, wenn alles andere vergeht.
Johannes schwieg.
Nicht nur einen Moment, sondern deutlich länger. Etwas veränderte sich. Nicht im Raum in ihm. Er starrte auf den Tisch, hielt die Tasse zu fest, zu unbeweglich. Er dachte nicht nur über den Satz nach, er erkannte ihn.
Stimmt etwas nicht? fragte ich.
Nein. Pause. Ich hatte ihn anders geschrieben. Der Sturm fragt nicht wohin er weiß nur, dass bloß das geblieben ist, was keine Angst vor Kälte hat.
Ich stellte die Tasse ab.
Langsam. Weil ich Zeit brauchte zum Begreifen.
Der Satz stand im Originalmanuskript. Seite 117, dritter Absatz von oben. Ich erinnerte mich, denn ich hatte drei Tage lang daran gefeilt, bevor die neue Fassung entstand. Nur ich und die Redaktion kannten die Änderung. Das Original nur Autor und Lektorin.
Das Buch war noch nicht veröffentlicht. Nirgendwo zitiert.
Sie sind J. Merz, sagte ich.
Keine Frage.
Er schaute auf.
Johannes Merz, sagte er. Ja.
Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Es war seltsam und doch nicht seltsam, denn irgendwie hatte ich es von Anfang an gespürt, ohne es zu begreifen wir saßen zwei Stunden am Tisch, sprachen über Enden und Leere, all die Zeit hatte ich an seinem Roman gearbeitet und er an seinem Text geschrieben, acht Monate hatten wir zusammen am selben Werk gefeilt ich bloß unwissend.
Ich habe Ihr Buch redigiert, sagte ich. Acht Monate.
Ich weiß. Der Verlag erwähnte E. König als Lektorin. Er stockte kurz. Ich kannte nur das Initial.
E. König.
Elisabeth König, das bin ich.
Wir kannten uns. Durch den Text, durch Anmerkungen, durch angenommen und abgelehnt am Rand. Er hatte mein vorgeschlagenes Finale akzeptiert, meine Streichung im vierten Kapitel abgelehnt. Ich hatte auf Änderungen in Teil zwei bestanden, er war nach einer Woche eingegangen. Wir rangen um jeden wichtigen Entschluss in diesem Roman ohne uns je begegnet zu sein.
Doch ich kannte ihn inzwischen. Nicht als Mensch am Tisch, sondern als Stimme im Text. Ich wusste, dass seine Sätze länger wurden, wenn er nervös war, und kurz, wenn er sich sicher fühlte. Dass er Zeit für fremde Eingriffe brauchte, nicht vor Eigensinn, sondern wegen Nachdenklichkeit. Ich wusste, dass er kein Problem damit hatte, abgelehnt hinzuschreiben, ohne sich erklären zu müssen.
Von mir wusste er nichts als einen Buchstaben.
Etwas unfair vielleicht.
Und dann kam er in einer Schneenacht und klopfte an meine Tür.
***
Warum haben Sie nichts gleich gesagt? fragte ich.
Was? Er schien ehrlich erstaunt. Ich wusste nicht, wer Sie sind. Ich habe nur Schriftsteller gesagt.
Und ich meinte nur Lektorin.
Ja. Er nickte. Wir haben beide nicht zu Ende ausgesprochen.
Er hatte recht. Ich erwähnte nie Verlag Nordlicht, er sagte nicht Roman bei Uhlmanns in der Redaktion. Wir waren beide Menschen, die wenig von sich erzählen. So kommt es.
Ihren Satz habe ich gekürzt, sagte ich. Weil er zu lang für den Text war, der Rhythmus stimmte nicht.
Ich weiß. Ich habe zugestimmt.
Ihr Original ist besser.
Er blickte mir in die Augen.
Finden Sie?
Ja. Mein Satz ist präziser, Ihrer wahrhaftiger. Manchmal gilt Wahrhaftigkeit mehr.
Er schwieg lange.
Kann ich das Original wieder haben?
Es ist bereits in der Redaktion. Ich überlegte kurz. Aber wenn Sie es wünschen, sagen Sie es an, dann bekomme ich es zur Überarbeitung zurück.
Nein. Er schüttelte den Kopf. Lassen Sie es so. Sie haben recht: Rhythmus zählt auch.
Ich widersprach nicht. Aber es war mir wichtig, dass er gefragt hatte.
Das Telefon an der Steckdose piepte leise fünfzehn Prozent Aufladung. Nun könnte er telefonieren. Johannes blieb sitzen.
Haben Sie den Roman ganz gelesen? fragte er.
Dreimal. Lektoren lesen stets dreimal: Zuerst, um zu verstehen, dann, um zu fühlen, zuletzt, um zu arbeiten.
Was haben Sie gefühlt?
Ich stellte die Tasse ab, blickte ihn an.
Dass der Autor sehr lange gerungen haben muss. Und schließlich verstanden hat.
Er senkte den Blick.
Genau so, sagte er leise.
Der Roman ist sehr gut, fügte ich hinzu. Ich sage das selten. Er ist echt.
Er schwieg nur und nickte ich spürte, wie wichtig es ihm war, doch zum Aussprechen fehlte ihm offenbar die Übung. Vielleicht schon immer.
Wir verstummten wieder. Diesmal war es ein anderes Schweigen keines, das Leere füllte, sondern eins, das Raum für etwas Bedeutendes ließ.
Waren Sie von Anfang an alleine? fragte er.
Ich verstand, was gemeint war: Nicht heute überhaupt.
Nein. Mein Mann starb vor fünf Jahren.
Es tut mir leid.
Muss es nicht. Ich schüttelte den Kopf. Der Schmerz ist nicht mehr so groß. Nur anders.
Er sagte nicht ich verstehe, wie viele es tun und doch nicht meinen. Er wartete ab, fragte dann:
Warum Nordheide?
Hier ist es ruhig. Und hier waren wir Erik und ich zusammen. Also ist er hier noch ein wenig da.
Johannes nickte. Langsam.
Und Sie? Warum Hohenfelde?
Ich ließ mich vor zwei Jahren scheiden. Die Berliner Wohnung leer. Er schwieg kurz. Daher hab ich das Haus gekauft. Damit die Leere eine andere Art von Leere wird.
Überrascht lachte ich. Genau das, was ich oft nicht erklären konnte, wenn man mich fragte, wozu ich ganz allein ein Haus im Dorf brauche.
Genau das, sagte ich.
Sie verstehen das?
Sehr gut.
Er lächelte wieder leise in sich hinein. Doch diesmal erkannte ich es besser.
Sie haben im vierten Kapitel den Monolog gestrichen, meinte er.
Ja.
Warum?
Weil der Held aussprach, was der Leser längst wusste. Es war überflüssig.
Ich mochte ihn.
Ich weiß. Sie schrieben es als Kommentar.
Sie antworteten mit verstanden, aber nein.
Ja, weil ich es verstand, aber trotzdem nein. Ich blickte ihn an. Am Text zu hängen ist normal. Aber Anhänglichkeit ist kein Argument.
Er schwieg etwas.
Sie haben recht, sagte er dann. Ohne den Monolog ist es besser. Später habe ich es eingesehen.
Man sieht das immer erst später.
Kränkt Sie das nicht?
Was denn?
Dass der Dank erst später kommt. Nicht sofort.
Ich überlegte.
Nein. Hauptsache, das Buch wird gut. Ist das geschafft, sage ich mir angenommen das genügt.
Johannes schaute mich lange an. Nicht wie einen Fremden sondern wie jemanden, den er schon ein wenig kannte.
Ich dachte immer, Lektorate seien gesichtslos, sagte er.
So soll es auch sein. Im Text geht es nicht um uns.
Aber Sie sind nicht gesichtslos.
Das ist ein Problem, sagte ich leise.
Nein, meinte er. Nein.
***
Dreiundzwanzig Uhr fünfundvierzig.
In fünfzehn Minuten ist Mitternacht neues Jahr, sagte Johannes.
Ich weiß.
Draußen war das Schneetreiben ganz still geworden nur noch weiße Flocken auf dem Glas, kein Wind mehr. Die Laterne am Gartentor schaukelte nicht länger. Es schneite nun langsam, geruhsam, als wäre selbst der Winter müde.
Haben Sie etwas anderes als Tee? fragte er.
Weißwein. Geöffnet, seit Weihnachten.
Geht das?
Sicher. Es ist weiß.
Hervorragend.
Ich stand auf, holte die Flasche aus dem Kühlschrank. Zwei Gläser einfache Wassergläser, Sektgläser habe ich nie gehalten. Ich schenkte ein.
Worauf? fragte er.
Auf das neue Jahr, sagte ich.
Das ist zu allgemein.
Dann: Auf die Wahrhaftigkeit. Die manchmal wichtiger ist als die Genauigkeit.
Er sah mich an. Und ich wich nicht aus zum ersten Mal an diesem Abend ließ ich meinen Blick bei ihm, obwohl es mir zuvor immer schwergefallen war.
Gut, sagte er.
Das Zwölf-Uhr-Signal hörte ich übers Radio alt und klein stand es seit Erik es im ersten Sommer ans Fenster gestellt hatte. Ich hatte es nie weggeräumt, nur die Batterien ausgetauscht. Punkt Mitternacht redete es immer von Festen an anderen Orten. Eine Gewohnheit.
Heute war alles anders.
Wir stießen an. Schweigend. Frieda auf der Heizung dehnte sich, gähnte lautlos und schlief weiter ein. Draußen fiel der Schnee nun in großen, langsamen Flocken.
Das Handy bimmelte dreißig Prozent.
Johannes sah hin, dann zum Fenster, schließlich zu mir.
Nachts kommt hier kein Abschleppdienst, bemerkte er.
Nein. Sicher nicht vor dem Morgen.
Haben Sie einen Platz zum Schlafen?
Ich nickte.
Das Sofa im Arbeitszimmer. Das Manuskript räume ich weg.
Lassen Sie es ruhig, sagte er. Ich störe nicht.
Nicht stören. Das passte zu ihm nicht ich mache keinen Lärm, nicht schlafe leise. Er meinte wirklich: Mir ist Ihr Rückzugsort wichtig, ich will nicht eindringen.
In Ordnung, sagte ich.
Ich stand auf, um noch einmal Wasser aufzusetzen. Nicht weil ich Tee wollte, sondern weil ich etwas mit den Händen tun musste.
Elisabeth, sagte er plötzlich.
Ich drehte mich um.
Ich bin froh, dass mein Auto im Graben landete.
Ich sah ihn an. Er saß am Küchentisch, hielt sein Glas mit beiden Händen und sagte, was er für wahr hielt, ohne Lächeln, ohne Einleitung, einfach so.
Ich weiß noch nicht, sagte ich ehrlich.
Verstehe ich. Er nickte. Das ist okay.
Das Wasser kochte.
Ich goss beide Tassen auf seine und meine. Reichte ihm seine. Er dankte, nahm sie.
Draußen fiel lautlos der Schnee. Der Sturm war vorbei.
Aber er ging nicht.
Und ich fragte nicht, wann.
Im Nebenzimmer lag das Manuskript, Seite 117, dritter Absatz von oben. Dort stand seine Aussage in meiner Bearbeitung, und irgendwo in ihm die ursprüngliche. Beide zum selben Thema was bleibt, wenn alles andere vergeht.
Vielleicht war das die Wahrheit.
Ich saß am Tisch mit meiner Tasse, er mir gegenüber, und draußen war kein Schneesturm mehr. Nur leiser Schnee und das neue Jahr, das schon da war.




