Kein Weg zurück – Entscheidung am Scheideweg

Kein Weg zurück

Birgit stellte ihre Teetasse auf den Tisch und blickte zu ihrem Mann. Er stand am Spiegel im Flur und zupfte nervös am Kragen seines neuen Hemds. Das Hemd war eng geschnitten, fein kariert so etwas trägt doch eher ein Mann von fünfundzwanzig, nicht einer, der in einem Monat fünfzig wird.

Markus, gehst du zur Arbeit oder hast du ein Date?

Zur Arbeit, wohin sonst.

Ich habe nur gefragt. Das ist einfach nicht dein Stil.

Er drehte sich zu ihr um. Etwas in seinem Blick war fremd geworden. Ein Hauch von Ungeduld, ein seltsames Abwesendes, als müsse er dringend los und sie würde ihm dabei im Weg stehen.

Birgit, Menschen kaufen sich neue Kleidung. Das ist völlig normal.

Ich sage doch gar nichts.

Genau. Du sagst nichts, aber du schaust so.

Er griff nach dem Mantel nicht den alten grauen, der seit sieben Jahren an der Garderobe hing, sondern einen neuen, kurz geschnittenen, dunkelblauen. Birgit begleitete ihn mit Blicken, nahm ihre Tasse und ging in die Küche. Draußen war es Anfang März, feuchtkalt, und der Himmel war schwer und grau. Auf der Fensterbank stand eine Geranie. Jeden Dienstag goss sie sie und strich den kräftigen, herben Geruch mit der Nase ein ein Duft von Zuhause. Sie lehnte die Stirn gegen die Scheibe. Zum letzten Mal waren sie gemeinsam ausgegangen im Oktober, damals ins Theater. Der Abend hatte ihr gefallen, ihm wohl weniger, er schwieg auf dem Heimweg.

Fünfundzwanzig Jahre. Schon lange zählte sie nicht mehr, wie viele Tage das sind.

Birgit arbeitete als Buchhalterin in einem kleinen Bauunternehmen am Stadtrand von Leipzig. Sie mochte die Routine, der Kollegenkreis hatte sich über die Jahre kaum verändert. Sie wurde respektiert; selbst ältere Kollegen sprachen sie förmlich an. Sie war ordentlich, pünktlich, zuverlässig, nie zu spät, nie vor Feierabend weg. Auch zu Hause herrschte Ordnung. Jeden ersten Sonntag wechselte sie die Tischdecke: ein sauber gebügelter, leichter Leinenstoff mit zarten Streifen. Ihr Bademantel war flauschig, Farbe warme Milch drei Jahre war er nun alt und wurde sorgsam behandelt. Abends ein Buch, dazu Tee und selbstgekochte Johannisbeermarmelade, eingekocht im August. Das Leben verlief wie ein maßgeschneidertes Kleid: alles an seinem Platz, nichts zu viel.

Veränderungen bei Markus spürte Birgit das erste Mal im Februar. Plötzlich war er Mitglied im Fitnessstudio. Das hätte nichts Besonderes sein müssen, wäre da nicht die Art gewesen, wie er es ihr beim Abendbrot sagte: Nicht Ich will was für die Gesundheit tun, sondern Ich habe es satt, ein Wrack zu sein. Birgit dachte sich damals nichts weiter. Viele Männer stecken mit fünfzig in so einer Phase Midlife-Crisis, wie man so schön sagt. Die einen schaffen sich Hanteln und Diätpläne an, um zu beweisen, dass noch nicht alles vorbei ist. Soll er doch, Sport schadet nie.

Dann kam ein neues Parfum. Süßlich, scharf, wie Chemie, nicht das, was sie von ihm kannte. Früher roch er nach dezentem Holz, kaum wahrnehmbar. Das neue Parfum hing noch lange in der Luft, nachdem die Wohnungstür zugefallen war. Einmal sah Birgit sich die Flasche im Bad an: französischer Name, schwarzer Flakon mit silbernen Lettern. Sie stellte es wieder zurück.

Danach das neue Hemd. Jeans, schmal, mit modischen Rissen am Knie, entdeckt beim Einräumen im Schrank ganz offensichtliche Markenware. Sie hing sie zurück und schloss die Tür.

Ab März kam Markus abends immer später nach Hause zunächst einmal die Woche, dann immer öfter. Die Erklärungen klangen vertraut: Noch ein Meeting, ein Projekt, ein Freund, der Hilfe braucht. Birgit nickte und hörte zu. Vertrauen, das hatte sie gelernt. Fünfundzwanzig Jahre sind mehr als eine Zahl es sind Fäden aus Gewohnheiten und gemeinsamer Zeit.

Doch in ihrem Innern zog es und zerrte. Nicht wie ein Schmerz, eher wie eine alte Narbe, die bei Regen zu zwicken beginnt.

Im April bemerkte sie, dass Markus sein Handy nie aus der Hand legte. Früher lag es offen herum, jetzt wurde es stets in der Tasche getragen. Ging ein Anruf ein, verließ er den Raum. Einmal kam sie in die Küche, da drehte er das Handy abrupt um, Display nach unten, und fragte, ob sie Hilfe beim Kochen brauche. Das war neu.

Ihre Freundin Jutta, eine Freundin aus Studienzeiten, sagte nur trocken:

Birgit, willst du es dir schönreden? Das ist Lehrbuch. Midlife-Crisis pur. Meiner hat sich damals mit achtundvierzig ein Motorrad gekauft, nach drei Monaten war er es leid und hat es wieder verkauft.

Markus ist nicht wie andere.

Sie sind immer nicht wie die anderen, bis sie dann eben doch so sind.

Hör auf, mich verrückt zu machen.

Ich sags dir doch nur, damit du hinschaust.

Birgit schaute. Doch je genauer sie hinsah, desto weniger verstand sie. Ihr Mann war da, aß, schlief, redete mal von der Arbeit, mal davon, dass der Wasserhahn tropft. Alles wie immer und doch nicht wie früher. Er wirkte wie ein Gast. Nicht unfreundlich, nicht grob fremd. Als würde er für sich leben, abseits von ihr, und die Worte fielen nur in den Raum, damit es nicht auffällt.

Eines Abends fragte sie ihn vorsichtig, als sie in der Küche Tee tranken. Wie immer bekam er zuerst die Tasse.

Markus, ist alles in Ordnung bei dir?

Geht so.

Du wirkst seit einiger Zeit… abwesend.

Er hob den Blick.

Ich bin gestresst, schwierige Phase im Büro.

Ich verstehe. Ich wollte nur wissen.

Ist schon gut, sagte er und biss ins Plätzchen.

Der Mai war warm. Birgit pflanzte wie jedes Jahr Petunien auf dem Balkon rot und weiß, gekauft auf dem Wochenmarkt bei der alten Frau mit den braunen Händen. Morgens wurde gegossen, kontrolliert, ob schon neue Blüten kamen. Ihr kleines Feierabendglück niemand wollte etwas, niemand fragte.

Markus kam im Mai mehrmals erst um Mitternacht heim, von Geschäftsessen. Birgit stritt nicht. Sie lag wach, hörte, wie er sich leise durchs Bad schlich, das Parkett unter seinen Schritten knarzte. Das Einschlafen fiel immer schwerer.

Einmal fragte sie ihn geradeheraus:

Markus, hast du eine andere?

Er schwieg einen Moment zu lange, um ein einfaches Nein zu sagen.

Wie kommst du darauf?

Ich frage ja nur.

Birgit, spinn doch nicht.

In Ordnung, sagte sie, und das Thema war beendet.

Und doch verschob sich in ihr etwas Grundlegendes. Kein Zerbrechen, kein Zusammenfallen eher wie ein Schrank, den man verrückt hat, sodass der Raum ganz anders erscheint.

Im Sommer übernachtete Markus ein paar Mal bei einem Freund. Birgit packte Hemd und Hose in eine Tüte, stellte sie an die Tür und schwieg. Vielleicht hatte Jutta wirklich Recht, Midlife-Crisis vergeht. Männer verlieren sich in solchen Jahren, irgendwann finden sie sich wieder. Fünfundzwanzig Jahre wirft man nicht einfach so weg.

Mitte Juli setzte Markus sich ihr gegenüber an den Küchentisch. Das karierte Hemd vom Frühling. Er verschränkte die Hände und sah schweigend aus dem Fenster, auf die Geranie. Birgit saß still mit ihrer Teetasse, sie wusste längst, was jetzt kommen würde.

Birgit, wir müssen reden.

Sag schon.

Ich gehe.

Sie stellte die Tasse ab. Der Tee war noch heiß. Sie spürte das Keramik-Wärmen in den Händen.

Zu wem gehst du?

Er stockte kurz.

Sie heißt Alina. Sie ist zweiundzwanzig. Ich habe sie vor einem halben Jahr kennengelernt.

Auf dem Balkon nebenan goss jemand Blumen, das Wasser tropfte gleichmäßig hinunter.

Seit Februar also, sagte Birgit leise.

Ungefähr, ja.

Damals mit den neuen Hemden.

Birgit

Ich klage dich nicht an. Ich füge nur Puzzleteile zusammen.

Er sah sie an, eine Mischung aus Verlegenheit und Schuld. Vielleicht hatte er Tränen oder Wut erwartet, irgendetwas, das ihn besser fühlen ließe.

Verstehst du nicht ich musste wissen, dass mein Leben noch nicht vorbei ist wir sind wie Senioren, sieh uns an.

Du bist neunundvierzig, Markus.

Eben das, ja!

Und was soll das bedeuten?

Er stand auf. Ging durch die Küche, stellte seine Tasse in die Spüle um sich zu beschäftigen, nicht um zu schauen.

Wir leben wie Nachbarn. Täglich das Gleiche: Tischdecke, Geranie, fünf Uhr Tee. Das ist kein Leben, Birgit, das ist ein Sumpf.

Das ist ein Zuhause, flüsterte sie. Das habe ich fünfundzwanzig Jahre gebaut.

Ich weiß. Ich danke dir dafür. Aber ich kann nicht mehr.

Sie sah ihn an und dachte, dass sie diesen Mann wohl nie ganz wirklich gekannt hatte. Vielleicht war er immer schon so gewesen und sie hatte nie genau hingeschaut.

Holst du deine Sachen heute?

Überrascht über die Nüchternheit schüttelte er den Kopf.

Nein, nicht heute. Nach und nach.

In Ordnung.

Sie goss den Rest Tee in die Spüle, stellte die Tasse ab, trocknete die Hände am Handtuch und verließ die Küche. Im Wohnzimmer öffnete sie das Fenster. Draußen roch es nach warmem Asphalt und etwas Linde vom Park. Sie atmete. Morgen, dachte sie, gieße ich die Petunien. Die Butter wird knapp muss ich einkaufen.

Solche kleinen Gedanken retten mehr als jedes große Wort.

Die ersten Wochen nach seinem Auszug fühlten sich seltsam an. Nicht unendlich schwer sie stand auf, aß, ging zur Arbeit, goss die Blumen. Doch in der Wohnung hatte sich etwas im Ton verändert. Es war zu still, eine Art Vakuum. Seine Sachen standen nicht mehr im Bad, der Haken im Flur war leer. Eines Nachmittags kaufte Birgit einen neuen Haken und hing ihre Tasche daran.

Jutta kam schon am ersten Samstag vorbei, brachte einen Sauerkrautkuchen und blieb bis zum Abend.

Wie gehts?

Geht schon.

Birgit, im Ernst.

Es geht. Es ist schwer, aber es geht. Merkst du den Unterschied?

Ja, Jutta schwieg. Hat er dir alles gesagt?

Ja. Wir seien nur noch Altleute im Sumpf.

Ach was, Sumpf Das war sein Sumpf, nicht deiner.

Birgit schenkte Tee nach. Draußen wurde es dunkel, der Kuchen stand halb angeschnitten auf dem Brett. Die Lampe über dem Esstisch verbreitete warme Helligkeit. Sie dachte: Ich kann es schön machen, gemütlich aber für wen?

Sie ist zweiundzwanzig, Jutta.

Ich weiß.

Das ist keine Eifersucht. Es ist seltsam. Als ich zweiundzwanzig war, war Markus schon erwachsen. Jetzt ist er mit einer Zusammen, die so alt ist, wie ich damals war.

Er versucht, Zeit zurückzudrehen. Sie wollen das alle.

Zeit dreht man nicht zurück.

Nein. Das wird er erst noch merken.

Birgit sagte nichts. Auch sie spürte ein Ziehen im Innersten wie ein Möbelstück an der falschen Stelle.

Auf Arbeit wusste niemand Bescheid, und sie verzichtete auf Erklärungen. Kollegen merkten, dass sie wortkarger war, aber Birgit Krüger war noch nie eine große Plaudertasche gewesen. Die junge Kollegin Katharina fragte einmal, ob alles gut sei; Birgit nickte und bekam daraufhin einen Automatenkaffee spendiert eine kleine, rührende Geste.

Der August verging in Lethargie. Weder gut noch schlecht einfach starr. Birgit kochte Marmelade wie jedes Jahr, bescherte sich die abgehobene Fruchtmasse zum Brot. Die Johannisbeeren waren in diesem Jahr besonders süß und groß. Die Gläser reihten sich im Vorratskeller auf wie eine Versicherung, dass das Leben weiterging, egal was war.

Einmal klingelte Markus, um restliche Sachen zu holen. Er kam an einem Samstagmorgen, sie ließ ihn herein. Er ging schweigend durch die Wohnung, packte Bücher, Werkzeuge, Papiere. Kurz verweilte er in der Küche, schaute auf Tisch und Geranie.

Und, wie gehts?

Gut.

Sei mir nicht böse.

Ich bin nicht böse, Markus. Ich lebe einfach.

Er nickte und ging. Sie schloss die Tür, hörte seine Schritte auf der Treppe. Dann machte sie sich Rührei zum Frühstück, verteilte ein paar Kräuter. Nach dem Essen goss sie die Petunien sie blühten kaum noch, der September nahte.

Die Scheidung lief im Oktober, leise und ohne Dramatik. Sie fand eine junge, pragmatische Anwältin, die alles zügig regelte. Die Wohnung gehörte Birgit seit jeher, es gab nichts zu streiten. Markus wollte nichts. Vielleicht ließ die neue Liebe kein Platz für den alten Besitz.

Birgit verließ das Leipziger Amtsgericht, trat vor das graue, nieselige Oktoberwetter. Sie schlug den Mantelkragen hoch, nahm die Straßenbahn nach Lindenau, kam an der Bäckerei vorbei und kaufte einen Mohnzopf. Zuhause gab es Tee und Brot, und sie saß am Fenster, sah dem zögerlichen Treiben der Blätter zu.

Beziehungspsychologie geht davon aus, dass die eigentliche Trennung lange vor der offiziellen Trennung beginnt. So las sie später in einem Artikel, über den sie zufällig im Internet stolperte. Das war wahr, dachte sie. Es fing an zu reißen, als sie sein Schweigen im Theater bemerkte und das Handy, das immer auf dem Kopf lag. Sie wollte es nur nicht aussprechen.

Der November brachte Frost und neuen Rhythmus. Birgit meldete sich zu einem Aquarellkurs an, in einer kleinen Werkstatt in der Südvorstadt. Jeden Mittwochabend malte sie Blumen, Landschaften, viel zu zaghaft noch, die Farben zu blass, die Proportionen nicht richtig doch das ruhige Tun und die bunten Flecken wirkten beruhigend.

Die Kursleiterin, eine Frau mit langen Silberohringen, sagte einmal:

Sie dürfen mehr riskieren. Papier hält einiges aus.

Birgit dachte, das galt wohl für mehr als nur Malen.

Jutta rief jede Woche an oder kam vorbei. Sie redeten über Bücher, die Arbeit, Nachrichten. Nach und nach wurde Markus seltener Thema. Birgit bemerkte das und war fast froh darüber. Nicht, weil es ihr egal war sondern weil da endlich wieder Raum für anderes war.

Ab und zu fragte sie sich: Was habe ich falsch gemacht? Und jedes Mal, wenn sie ehrlich antworten wollte, fand sie nichts. Sie war treu, ordentlich, hausfraulich, genügsam. Vielleicht war das ihr Fehler, dachte sie. Immer zu glauben, das reiche.

Doch mit der Zeit verflog auch dieser Gedanke. Sie wusste einfach nicht, was sie hätte anders machen sollen.

Der Winter brachte Schnee. Birgit kaufte sich neue Stiefel bordeauxrot, bequem, flach. Die Kollegin meinte, sie stünden ihr richtig gut.

Im Januar rief Jutta an, ihre Stimme klang sonderbar zugleich aufgeregt und vorsichtig.

Birgit, sitzt du?

Ich stehe am Herd. Was gibts?

Hast du von Markus gehört?

Nein. Wir haben keinen Kontakt mehr.

Er hatte einen Herzinfarkt. Direkt im Club, wurde mir erzählt.

Birgit drehte den Herd ab.

Wirklich?

Ja, ziemlich schlimm wohl. Im Club ist er zusammengebrochen, Notarzt kam. Tamara aus seinem Büro hat mir das erzählt.

Lebt er?

Ja. Liegt im Krankenhaus. War wohl doch alles zu viel für ihn.

Birgit schwieg und schaute durch das beschlagene Fenster. Draußen fiel Schnee, große, dicke Flocken.

Und wie gings ihm in letzter Zeit?

Offenbar zu wild. Seine Alina, mit ihr war er ständig unterwegs, Partys, Nächte durchgemacht, Fitnessstudio wie ein Verrückter. Für so was war sein Herz zu alt.

Ich verstehe.

Was machst du jetzt?

Ich weiß noch nicht.

Sie legte das Telefon auf die Anrichte und blickte eine Weile hinaus. Auf dem Hof bauten Kinder einen Schneemann. Sie spürte eine Mischung ein wenig Sorge, mehr Müdigkeit und, tief darin, seltsamerweise Erleichterung: Sie war hier, nicht dort.

Am nächsten Tag rief sie im Krankenhaus an, fragte nach der Station und Besuchszeiten. Der Zustand sei stabil, wurde ihr bestätigt.

Am Abend packte sie eine Tasche: stilles Wasser, Äpfel, selbst gebackene Haferkekse. Sie zog den Mantel an und fuhr los.

Krankenhäuser riechen überall gleich nach Desinfektion, linoleumwarmer Luft und der Angst auf den Gängen. Birgit ging zur Rezeption, nannte den Namen, eine junge Schwester führte sie zur Station.

Als sie eintrat, lag Markus nahe am Fenster. Er war sichtlich gealtert, abgemagert, die Haut aschfahl, dunkle Ränder unter den Augen. Kein Mann, der sich in der Jugend wiederfand, sondern einer, dem das Leben einen Streich gespielt hatte.

Er starrte sie einen Moment an, als könne er es nicht glauben.

Birgit?

Hallo, Markus.

Sie stellte die Tasche ab, setzte sich zu ihm.

Ich hätte nicht gedacht, dass du kommst.

Nun, hier bin ich.

Er blickte sie an, in den Augen lagen Müdigkeit und Scham.

Wie fühlst du dich?

Besser. Gestern wars heftig. Eine Woche soll ich noch bleiben.

Gut, dann ruh dich aus.

Birgit er brach ab, nestelte an der Bettdecke. Alina war nicht da. Ich habe sie angerufen, als ich herkam. Sie sagte, sie komme. Aber sie war nicht da.

Birgit sah auf die Äpfel in ihrer Tasche.

Ich weiß.

Woher?

Ich ahnte es.

Er schloss die Augen, schwieg lange.

Ich war ein Narr, Birgit.

Möglicherweise.

Nein, ganz sicher. Ich dachte, mit diesem Mädchen werde ich jung, aber nun, es wurde mir etwas vorgemacht.

Birgit antwortete nicht. Draußen lag der Schnee, das Licht des späten Tages fiel ins Zimmer.

Birgit, ich ich wollte dich um Verzeihung bitten.

Lass das lieber. Du sollst dich jetzt nicht anstrengen.

Doch, lass mich das sagen: Du warst meine Familie, mein Zuhause. Ich habe das nicht erkannt. Ich wünschte, ich könnte zurück.

Sie sah seine Hände auf der Decke, Hände, die sie seit fünfundzwanzig Jahren kannte. Die Hände veränderten sich nicht so sehr.

Birgit, ich will zurück.

Das Zimmer war still.

Hörst du mich?

Ja.

Ich will zurückkommen. Ich habe verstanden, dass ich ohne dich … er brach ab. Das war alles Unsinn.

Birgit stand auf, trat ans Fenster. Ein Spatz hüpfte auf dem Ast vor dem Fenster. Sie betrachtete die Szene.

Sie fragte sich selbst: Was empfinde ich wirklich? Und fand nur Ruhe. Kein Hass, keine Wut, keine Liebe. Nur Frieden. Wie nach langer Krankheit, wenn das Ziehen nachlässt.

Markus, sagte sie leise ohne sich umzudrehen, du wirst gesunden. Die Ärzte kriegen dich wieder hin, du kommst auf die Füße.

Ich meine doch

Ich weiß, was du meinst. Und ich freue mich, dass du lebst. Aber ich komme nicht zurück.

Er zuckte zusammen.

Warum?

Birgit dachte nach, suchte nach einem ehrlichen und doch nicht verletzenden Wort.

Weil ich Mitleid empfinde, und Sorge. Aber keine Nähe mehr. Manche Dinge kommen nicht zurück. Der Brunnen ist leer.

Birgit, bitte

Ich bin gekommen, weil ich dich nicht vergesse. Ich habe dir Äpfel und Wasser mitgebracht. Das ist echt, das bin ich. Aber zu zweit weitergehen geht für mich nicht mehr. Es ist vorbei.

Er schloss die Augen, schwieg lange.

Ich verstehe.

Gut.

Sie griff nach ihrer Jacke, ordnete den Kragen.

Ich sage der Schwester, sie soll gut auf dich achten. Ruf deinen Sohn an er soll es wissen.

Wir haben kaum noch Kontakt

Ruf ihn an. Er ist dein Sohn.

Sie griff nach ihrer Tasche, blieb an der Tür noch einmal stehen.

Die Äpfel, Markus sind Boskop. Echte, feste. Iss sie.

Sie ging hinaus, leise wie beim Eintreten.

Im Flur roch es nach Desinfektion und Krankenhauswärme. Birgit streifte am Schwesternzimmer vorbei, nickte zum Abschied und trat hinaus auf die Treppen. Die Luft war klar und frisch. Sie stieg hinab, drückte die schwere Glastür auf und trat hinaus.

Draußen war es hell und leise, der Schnee knirschte. Sie lief zur Haltestelle, dachte daran, was sie Jutta erzählen würde. Vielleicht nichts. Erst einmal allein bleiben mit dem eigenen Gefühl.

Der Bus kam schnell, sie setzte sich ans Fenster. Die Stadt glitt vorbei: kahle Bäume, Laternen, Menschen mit Einkaufstaschen. Leben, das weiterlief.

Sie dachte: Nicht der Auszug des Mannes ist schwer, das Eigentliche ist, was danach kommt wieder aufbauen, nicht rächen, nicht warten neu anfangen. Nicht leicht, gar nicht.

Birgit trat an ihrer Haltestelle aus, zog den Mantel enger. Sie kannte den Weg, jeden Abschnitt Apotheke, Bäckerei, Spielplatz. Die Schaukel quietschte, kein Kind da.

Die Treppe hoch, Wohnung aufschließen. Drinnen war es warm und roch nach Zuhause. Sie schlüpfte in die Puschen, stellte den Teekessel auf. Die helle Leinentischdecke lag, wie immer, sauber gebügelt auf dem Tisch. Sie strich die Kante glatt.

Während das Wasser kochte, trat sie ans Fenster. Die Geranie war etwas verstaubt. Mit dem Zeigefinger fuhr sie vorsichtig über ein Blatt war Zeit, wieder abzuwischen.

Der Teekessel pfiff.

Sie goss Tee ein, wärmte die Hände an der Tasse.

Draußen ging nach und nach die Straßenbeleuchtung an, lautlos und zögerlich, wie oft im Januar.

Birgit nippte am Tee, dachte daran, dass sie am Freitag auf den Markt musste Milch und Eier und ein paar kräftige Äpfel kaufen. Vielleicht Apfelkuchen backen, Jutta hatte schon lange nach dem Rezept gefragt.

Das wollte sie tun, Freitag.

Und am Mittwoch weitermalen, Winterlandschaft.

***

Draußen toste Leipzig, laut und wirr. Hier aber, in dieser kleinen Küche mit Geranie auf der Fensterbank, war es ruhig Birgits eigene Ruhe. Die gab sie nicht mehr her.

Das Telefon lag auf dem Tisch. Er könnte anrufen. Bitten. Sie wusste, dass sie abheben würde. Fragen, wie es ihm geht, raten, auf die Ärzte zu hören. Anders konnte sie nicht.

Aber zurückgehen würde sie nicht.

Wissen Sie was, Frau Krüger, sagte sie leise zu sich selbst, und wundersam klang die Stimme fest in dem leeren Raum, das war kein Sumpf. Das war Leben. Nur nicht seins.

Sie trank aus, spülte die Tasse. Ging ins Wohnzimmer, knipste die Stehlampe an, denn nur Deckenlicht mochte sie zum Lesen nie.

Das Buch lag parat, die Seite markiert. Sie las weiter. Draußen fiel sanfter Schnee, die Geranie stand still, auf dem Tisch lag die Decke glatt.

Alles war an seinem Platz.

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Homy
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Kein Weg zurück – Entscheidung am Scheideweg
Eine Lektion fürs Leben: Sie hielt ihn für arm – bis sie seine Visitenkarte sah!