Der Geruch einer anderen Frau
Schnupperst du schon wieder an seinem Sakko?
Larissa stand in der Tür zum Schlafzimmer, die Arme verschränkt. Ihre Stimme hatte jenen Ton, den man benutzt, wenn jemand etwas Peinliches tut.
Ich schnuppere nicht. Ich räume nur auf, sagte ich, ohne mich umzudrehen.
Nina. Du hältst das Sakko seit drei Minuten zwei Zentimeter vor die Nase.
Woher weißt du, wie lange?
Weil ich reingekommen bin, dich gesehen habe, dann in die Küche bin, mir Tee gemacht habe, und du stehst immer noch da.
Langsam hängte ich das Sakko auf einem Kleiderbügel in den Schrank zurück. Ich tat das bedächtig, beinahe rituell, als wäre das Sakko aus Glas.
Da ist ein fremder Geruch dran, sagte ich leise.
Nina.
Ich bilde mir das nicht ein. Es ist ein verborgener Duft. Weiblich. Ein Parfum.
Larissa nahm ihre Teetasse mit beiden Händen, pustete auf den Dampf.
Er war auf einer Konferenz. Da sind viele Leute, begrüßen sich, manchmal fällt eine Umarmung, alle stehen im Fahrstuhl.
Das ist kein Fahrstuhlgeruch.
Wonach soll denn ein Fahrstuhl riechen?
Larissa, ich bin nicht erst seit gestern verheiratet.
Eben. Dreiundzwanzig Jahre, Nina. Da könnte man auch lernen, zu vertrauen.
Ich schwieg. Schließe die Schranktür und blicke mein Spiegelbild an. Vierundfünfzig Jahre, blonde Haare mit grauen Strähnen, die ich längst nicht mehr färbe, der Rücken gerade. Mein Gesicht ist müde, aber nicht resigniert. An diesem Morgen ist etwas in mir an seinen Platz gefallen, fast hörbar, mit einem leisen, klaren Klicken.
Der Geruch war da. Ich spürte ihn.
Es war nicht mein Parfum. Ich benutze seit Jahren nur eins, Fleur de Nuit, ein kleiner französischer Hersteller, zufällig am Münchener Flughafen entdeckt. Vanille, weißer Moschus, etwas Holziges im Abgang. Sanft, fast heimisch. Was ich auf Thomas Sakko roch, war anders. Lauter, jünger. Florale Kopfnote, darunter scharf, fordernd, ungeduldig.
Ich hätte es vielleicht übersehen, wenn nicht folgendes passiert wäre: Thomas kam am Donnerstagabend von der Konferenz in Frankfurt zurück. Am Freitagmorgen hängte ich sein Sakko in den Schrank. Am Sonntag, als ich es herausnahm, um es zur Reinigung zu bringen, roch es immer noch genauso. Drei Tage. Drei Tage im geschlossenen Schrank, neben meinen Sachen.
So bleibt nur ein Duft haften, der großzügig aufgetragen oder direkt von Haut übertragen wurde.
Mach dich nicht verrückt, rief Larissa aus dem Flur. Im Ernst. Du bist eine kluge Frau.
Auch kluge Frauen bemerken Offensichtliches.
Kluge Frauen werfen nicht dreiundzwanzig Jahre Ehe wegen eines Geruchs im Schrank weg.
Ich nahm das Sakko, schob es sorgfältig in den Kleidersack für die Reinigung. Dann hielt ich inne. Legte den Sack ungeöffnet wieder zurück auf das Regal.
Solls erstmal liegenbleiben.
Thomas Müller war nach unseren Maßstäben erfolgreich. Geschäftsführer eines Bauunternehmens in Nürnberg, das er vor zwanzig Jahren selbst gegründet hatte. Edles Auto, die richtigen Kontakte, auf Konferenzen der Mann mit der starken Stimme. Ich war immer an seiner Seite gewesen. Nicht im Schatten, aber auch nie voran. Ich führte unseren Haushalt, kümmerte mich um unsere Tochter, regelte alles, was Thomas entging: Ärzte, Schule, Renovierungen, die regelmäßigen Besuche bei seinen Eltern in Augsburg, Geburtstagsgeschenke für Kollegen. All die unsichtbare Arbeit, die selbstverständlich erscheint.
Unsere Tochter Marie lebt, seit drei Jahren, in Berlin, arbeitet in der IT, ruft sonntags an. Das Leben wurde leiser. Ich habe mit Aquarell angefangen, dann spanisch gelernt, ein paar Stunden. Einen kleinen Garten am Haus angelegt, darin Ruhe gefunden. Im Garten ist alles logisch. Man weiß, wann man was macht und was am Ende dabei herauskommt.
Mit Thomas ist es die letzten zwei Jahre anders geworden. Viele Geschäftsreisen, immer später zu Hause, das Handy mit dem Bildschirm nach unten auf dem Tisch. Er lacht am Telefon so, wie er es bei mir längst nicht mehr tut. Ich habe all das eigentlich nie bewusst beachtet wie ein sperriges Möbelstück, an das man sich schließlich gewöhnt.
Doch der Geruch. Der war anders.
Mittwochs und freitags roch ich ihn. Thomas kam später, rief manchmal um acht an: Zieh dich nicht um meinetwegen um, ich komme später. Ich wartete nicht. Aß allein, spülte, las oder sah etwas im Fernsehen. Er kam oft erst um zehn, manchmal noch später. Küsste mich auf die Stirn. Frischer Luftzug, manchmal Kaffee, manchmal ein Schimmer von Draußen.
Doch eines Mittwochs wieder dieser Geruch. Dieser florale, scharfe, fordernde. Beim Hineinkommen an der Garderobe, als ich so tat, als ordne ich meinen Schal, griff ich sein Jackett, hielt kurz mein Gesicht daran.
Ja.
Wieder er.
Mir wurde kalt. Nicht vor Angst, sondern vor dieser Klarheit, die einen schlagartig durchzuckt, wenn man erkennt, wovor man sich fürchtete.
Wie war dein Tag? rief ich aus dem Flur.
Okay, das Meetings hat sich ewig gezogen, rief er aus der Küche. Klappern von Tellern, das Summen der Mikrowelle.
Meeting mit wem?
Eine kurze Pause. Vielleicht eine Sekunde.
Mit Weber. Wegen dem Projekt in Gostenhof.
Ich hing seine Jacke zurück, ging in die Küche, goss mir Wasser ein.
Weber war heute da? Ich sah zum Fenster.
Ja. Warum?
Du hast letztes Mal gesagt, er sei in Hamburg.
Wieder eine Pause, diesmal länger.
Ist zurück. Hatte einiges zu klären.
Thomas stand mit dem Rücken zu mir am Herd, rührte in einem Topf. Seine Haltung war tadellos, breite Schultern, die Schläfen schon grau. Achtundfünfzig, aber sah jünger aus. Er achtete immer auf sich.
Willst du Tee? fragte er.
Nein, danke.
Ich verließ die Küche, legte mich hin, schlief erst spät.
Was ich nicht verstand: Was fühlte ich eigentlich? Es war keine Wut, kein Groll jedenfalls nicht sofort. Es war etwas anderes, Unangenehmes. Wie, wenn man stundenlang wanderte und plötzlich merkt, dass man vom Weg abgekommen ist und es langsam dunkel wird.
Larissa rief am Freitag an.
Und? Wie geht’s?
Geht.
Nina, so klingst du nie, wenn wirklich alles okay ist.
Larissa, sag mal wenn ein Parfum drei Tage an Kleidung im geschlossenen Schrank bleibt, was heißt das?
Schweigen.
Dass das Parfum gut ist, sagt Larissa vorsichtig.
Oder dass der Kontakt intensiv war.
Oder dass die Leute dicht nebeneinander standen.
Drei Tage, Larissa.
Nina, hör mir zu. Du baust gerade ein ganzes Haus aus einem einzigen Stein. Ein Geruch beweist nichts. Ein Geruch bleibt ein Geruch.
Ich weiß.
Sprich mit ihm. Frag ihn direkt.
Was soll er dann sagen?
Weiß ich nicht. Vielleicht die Wahrheit.
Larissa. Wenn er fremdgeht, sagt er nicht die Wahrheit. Und tut ers nicht, gelte ich als verrückte Frau.
Du wirkst sowieso schon verrückt. Entschuldige. Aber es ist so.
Ich lachte kurz, trocken, aber ehrlich.
Ich bin in Ordnung, sagte ich.
Du bist es nicht. Aber du wirst es schaffen. Wie immer.
Nach dem Gespräch ging ich in den Garten. Ende September, schon kühl, aber die Erde noch warm. Ich jätete das Beet mit den letzten Ringelblumen, die sich gegen den Herbst wehrten. Meine Hände arbeiteten gewohnheitsmäßig, der Kopf wurde ruhiger.
Ich wollte mir nichts vormachen. Vielleicht war ich paranoid. Vielleicht war es wirklich Zufall: Konferenz, fremdes Taxi, eine Frau im Fahrstuhl daneben. Vielleicht phantasiere ich. Dreiundzwanzig Jahre. In solch einer Zeitspanne kann ein Kopf lernen, Bedrohungen zu wittern, wo keine sind.
Aber: Ich habe mittwochs erneut geschnuppert.
Der gleiche Geruch. Punktgenau.
Ich tat später das, wofür ich mich, seltsam genug, insgeheim ein wenig zufrieden fühlte. Ich nahm meinen eigenen Parfumflakon und tupfte einen Tropfen hinein, genau dorthin, wo der andere Duft immer zu finden war. Hängte die Jacke zurück.
In der nächsten Woche, als Thomas wiederkam, wartete ich. Fleur de Nuit war noch zu riechen, mein Vanilleduft, mein Zuhause. Aber daneben, wieder der Florale, Scharfe.
Nicht eingebildet.
Ich begann anders zu denken. Nicht mehr Geht er fremd?, sondern Wie gehe ich damit um? Eine neue, schwierigere Frage. Psychologe? Ich ging ein Mal hin, fasste alles harmlos zusammen, merkte aber, dass sie, kaum Mitte dreißig, gar nicht wirklich verstand. Nicht, weil sie schlecht war. Sie kannte nur nicht dieses Leben: dreiundzwanzig gemeinsame Jahre, die plötzlich fremd riechen.
Sich scheiden lassen? Es fiel mir schwer, nur das Wort zu denken. Wohnung, Garten, all das, was juristisch so sehr verknüpft ist. Was wird Marie sagen? Was Thomas Mutter, die ich regelmäßig im Heim besuche?
Ich dachte an alles, was ich in diesen Mann investiert habe, und dass solche Gedanken den ganzen Geist ausfüllen können, wie Wasser ein Gefäß.
Nina, erinnerst du dich, dass du früher immer gesagt hast: Wenn ich je von einer Affäre erfahre, gehe ich sofort? fragte Larissa mal, bei Tee in ihrer Küche. Sie lebt seit zehn Jahren allein und wirkte danach freier, gelöster, als wäre etwas in ihr wieder gewachsen.
Ja, das weiß ich noch.
Und jetzt?
Jetzt weiß ich, dass Reden und Handeln zwei verschiedene Dinge sind.
Und was fühlst du?
Ich dachte nach.
Weißt du, wie es ist, wenn ein Zahn lange weh tut und plötzlich ist alles still? Und im ersten Moment weißt du gar nicht, was fehlt?
Komischer Vergleich, Nina.
Ich weiß. Aber genau so fühlt es sich an. Nicht schmerzhaft. Unbequem. Wie ein Möbelstück, gegen das man ständig läuft.
Liebst du ihn?
Ich schwieg lang nicht, weil es schwer war, sondern um ehrlich zu sein.
Ich bin an ihn gewöhnt. Das ist nicht dasselbe wie Liebe. Aber es ist etwas.
Etwas?
Etwas Großes. Etwas, das mein Leben war, dreiundzwanzig Jahre lang.
Larissa schenkte Tee nach. Draußen nieselte es. Es roch nach Zimt; sie hatte eine Stange mit aufgebrüht.
Wartest du, bis er selbst es dir sagt?
Nein. Ich warte, bis ich für mich genug weiß.
Genug wofür?
Damit ich mir sicher bin. Nicht für einen Streit. Für mich selbst. Um nicht später zu zweifeln.
Larissa sah mich lange, ernst an.
Du bist längst sicher, sagte sie leise.
Ja. Aber ich will sie sehen.
Warum?
Ich antwortete nicht sofort, schaute in den Regen.
Keine Ahnung. Ich will es einfach.
Anfang November sagte Thomas, es gäbe am Freitag das zehnjährige Firmenjubiläum. Ein kleines Bankett im Bayerischen Hof, Partner, Kunden, ein paar Leute aus dem Rathaus. Ich solle lieber zu Hause bleiben, geschäftliche Sache, ich würde da niemand kennen, es würde nur langweilig für mich.
Ich komme mit, sagte ich.
Er hob den Blick vom Handy.
Es wird wirklich nicht spannend. Es geht nur um Projekte, Baukram
Thomas, es ist das Jubiläum deiner Firma. Ich war die letzten zehn Jahre dabei. Ich komme mit.
Stille. Dann legte er das Handy weg.
Wie du meinst, sagte er neutral.
Am Freitag zog ich mein dunkelblaues Kleid an, die silbernen Ohrringe, die Marie mir schenkte. Mein vertrautes Parfum, Vanille. Im Spiegel dachte ich: Ich sehe nicht jung aus, aber gut. Richtig gut, auf eine erwachsene, eigene Weise.
Thomas war schneller fertig, stand im dunklen Anzug im Flur, Handy in der Hand. Er sah auf, als ich rauskam.
Du siehst schön aus, sagte er, wie nebenbei.
Ich weiß, erwiderte ich, griff meine Tasche.
Im Hotel war es voll und laut, es roch nach Essen, Wein, etwas Parfüm, leise Musik spielte. Ich blieb nah bei Thomas, reichte Hände, lächelte, wechselte Worte. Dreiundzwanzig Jahre Ehe haben mich das gelehrt.
Nach einer Stunde, an einem kalten Buffettisch, roch ich es.
Florale Kopfnote, scharfer Unterton, jung, fordernd.
Ich rührte mich nicht; drehte den Kopf, als würde ich nur schauen.
Da stand sie, vielleicht fünfunddreißig, dunkle Haare streng zurück, bordeauxrotes Kleid, gepflegte Erscheinung. Sie unterhielt sich lachend, hielt ein Glas mit beiden Händen. Schön. Ich betrachtete sie nicht wütend oder eifersüchtig. Nur sachlich, wie jemand, der im fremden Ort einen Passanten ansieht.
Dann sah sie über die Schulter zu mir. Unsere Blicke trafen sich ganz kurz. Dann wandte sie sich rasch ihrem Gesprächspartner zu. Da war ein kaum wahrnehmbares Zucken in ihrem Gesicht.
Ich nahm ein Stück Käse vom Teller und aß ruhig.
Wer ist das? fragte ich Thomas leise, deutete auf die Frau.
Wer? Er schaute hin, zögerte. Ach, das ist Sabine aus der Planungsabteilung.
Wie lange arbeitet sie schon bei dir?
Seit ungefähr einem Jahr. Sie ist wirklich gut.
Verstehe.
Ich legte die Hand auf seinen Arm und lächelte, als wäre alles in bester Ordnung. Thomas blickte mich erstaunt an, lächelte ebenfalls. Wir blieben noch eine Stunde, redeten, lachten, spielten unsere Rollen. Niemand hätte einen Verdacht geschöpft.
Auf dem Heimweg schwiegen wir. Das Radio lief leise, draußen spiegelte sich die nasse Stadt. Ich dachte daran, morgen Marie anzurufen, im Garten die letzen Ringelblumen rauszunehmen. Seltsam ruhig war ich, aber das Gefühl war nicht leer es war schwer, dicht wie frische Erde.
Zu Hause zog ich die Schuhe aus, setzte Wasser auf. Thomas ging sich umziehen. Ich stand in der Küche, beobachtete das aufkochende Wasser, dachte nach. Nicht, was zu tun sei. Sondern wusste nur: Ich weiß jetzt alles. Musste nur noch bis zum Ende gehen.
Thomas kam in Jeans in die Küche, holte sich ein Wasser.
Bist du müde? fragte er.
Ein bisschen.
Eigentlich hättest du nicht kommen sollen. War langweilig, oder?
Nein. Ich bin froh, dass ich da war.
Er blickte auf. Mein Ton war wohl nicht wie sonst.
Nina, ist was?
Ich goss mir Tee ein, setzte mich.
Thomas, setz dich.
Was soll das jetzt?
Bitte setz dich.
Er setzte sich, schaute vorsichtig.
Du betrügst mich, sagte ich. Nicht fragend. Feststellend.
Stille. Dicht, voller unausgesprochener Dinge.
Nina
Fang nicht an, mir etwas zu erzählen. Sag einfach die Wahrheit.
Er blickte erst auf den Tisch, dann auf seine Hände, dann zu mir.
Woher weißt du das.
Kein Fragezeichen, nur Worte.
Ihr Parfum. Wochenlang. Heute habe ich es erkannt.
Thomas atmete langsam aus, fuhr sich übers Gesicht.
Nina. Das ist
Wie lange schon?
Was?
Wie lange?
Pause.
Ein halbes Jahr, murmelte er.
Ich nickte, nahm meine Tasse, trank. Der Tee war fast zu heiß.
Liebst du sie? fragte ich ruhig.
Eine lange Pause.
Ich weiß es nicht.
Verstehe.
Nina, warte bitte. Das heißt nicht, dass ich alles zerstören will. Es war… etwas anderes. Das hat nichts mit uns zu tun.
Doch, das hat alles mit uns zu tun.
Ich wollte dich nicht verletzen.
Ich weiß. Das willst du nie. Du machst es einfach.
Er stand auf, lief nervös herum.
Lass uns jetzt keine Entscheidungen treffen. Nicht im Affekt.
Ich bin nicht im Affekt. Ich bin sehr ruhig.
Wir müssten richtig reden. Morgen. Oder in ein paar Tagen. Nachdenken.
Worüber genau?
Er stoppte. Sah mich an.
Du willst gehen.
Ja.
Nina. Sein Ton wurde härter. Überleg doch, was du sagst. Wohnung, Garten, das alles gehört uns beiden. Du arbeitest schon ewig nicht mehr, hast nur deinen Garten, deine Kurse. Wohin willst du?
Ist das eine Drohung?
Das ist die Realität. Ich sage nur, was ist.
Die Realität höre ich. Und trotzdem gehe ich.
Bist du verrückt? Für ein halbes Jahr?
Für dreiundzwanzig Jahre.
Er schwieg. Im Haus war es ganz still. Draußen fuhr ein Auto vorbei.
Nina, bitte. Ich weiß, ich habe dich verletzt. Aber eine Familie zerbricht man deswegen nicht. Andere kriegen das auch hin.
Ich weiß, dass andere das schaffen. Ich wähle für mich anders.
Und Marie?
Marie ist erwachsen. Sie kommt klar.
Du denkst nur an dich.
Ja. Zum ersten Mal, richtig.
Thomas setzte sich wieder. Sah mich lange an, als sähe er zum ersten Mal etwas Neues.
Warst du glücklich? fragte er, seltsam deplaziert.
Es gab Momente.
Ich war kein schlechter Ehemann.
Nein. Du warst normal. Das war zu wenig.
Ich stellte den Rest des Tees weg, setzte die Tasse ab.
Ich schlafe heute bei Larissa. Morgen reden wir in Ruhe über alles Organisatorische.
Nina. Geh jetzt nicht. Das ist unüberlegt.
Vielleicht.
Wohin willst du um diese Zeit?
Larissa wartet.
Schon Bescheid gegeben?
Ja.
Dann hast du das schon längst entschieden.
Ich habs heute Abend im Hotel entschieden. Als ich ihren Duft roch.
Er sah mich an. Da war etwas darin, was ich nie zuvor kannte. Oder nie benannt habe eine Art Hilflosigkeit.
Bist du sicher?
Ja.
Ich nahm Tasche, Jacke, Schlüssel. Blieb in der Tür stehen.
Weißt du, was mich am meisten wundert? sage ich. Nicht, dass du fremdgegangen bist. Oder gelogen hast. Sondern dass du dachtest, ich merke es nicht. Nach dreiundzwanzig Jahren.
Er schwieg.
Ich ging.
Draußen war es kalt, aber trocken. Klare Nacht, ein paar Sterne. Ich lief zum Auto. Es war nicht unheimlich. Seltsam aber wichtig. Nicht unheimlich, nicht ängstlich. Ungewohnt, ja. Unsicher, was nun folgt aber nicht ängstlich.
Bei Larissa brannte Licht. Sie öffnete schon, ehe ich klingelte.
Komm rein, sagte sie.
Ich bin da, murmelte ich.
Tee?
Ja. Und irgendwas zu essen, falls noch was da ist. Ich hab auf dem Empfang fast nichts gegessen.
Es gibt Suppe. Und Brot.
Perfekt.
Wir saßen in der Küche. Ich aß Suppe, sie schwieg. Keine Fragen. Einfach nur da. Das war genau, was ich brauchte.
Hat ers zugegeben? fragte sie schließlich leise.
Ja. Halbes Jahr. Sabine aus seiner Abteilung.
Larissa schwieg.
Und du?
Ich esse Suppe. Gute Suppe.
Nina
Larissa, mir gehts wirklich okay. Nicht im Sinne von alles gut. Sondern im Sinn: Ich weiß, was ich tue.
Larissa nickte.
Bleib so lange, wie du willst.
Danke.
Die Bettwäsche liegt im Schrank, du weißt ja.
Weiß ich.
Ich aß auf, spülte. Wir saßen noch etwas, redeten kaum einfach gemeinsam. Draußen war stille Novembernacht, es roch nach nassem Asphalt und entfernt nach Holz.
Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Lag in Larissas Wohnzimmer und dachte nach. Nicht über Wohnung, das würde noch kommen. Sondern: Wie lange war es her, dass mein erster Gedanke am Morgen nicht Thomas war? Was er anzieht, wann er heimkommt, ob er an den Termin denkt. Jetzt waren es die Ringelblumen, die ich vor dem Frost retten müsste.
Komisch. Schön komisch.
Ich stand auf, wusch mich, machte Kaffee. Larissa schlief noch. Ich suchte mir Kaffee, kochte, schaute aus dem Fenster. Draußen dämmerte es, der Himmel war grau und normal wie mein neues Leben.
Ich schrieb Marie: Melde dich bitte, wenn du Zeit hast. Ich muss mit dir reden. Dann schob ich hinterher: Alles gut. Nur reden.
Kaffee einschenken. Durchschnaufen.
Ein paar Wochen später treffe ich Larissa beim Einkaufen.
Nicht, dass wir uns selten sehen; wir wohnen nah beieinander. Aber dieser Morgen im Laden war besonders. Ich stand beim Tee und entdeckte ein vergessenes Parfumfläschchen zwischen den Teeregalen. Kein Karton, grünes Glas, fast leer.
Ich nahm es, drehte den Deckel ab, schnupperte.
Nicht der Geruch. Ganz anders. Leicht, grün, fast kräutrig, wie Waldluft.
Mir gefiel es.
Was ist das? fragte Larissa, schaute über meine Schulter.
Keine Ahnung. Jemand hats hier vergessen.
Riecht gut.
Ja. Riecht gut.
Ich stellte das Fläschchen zurück, nahm meinen Tee und ging zur Kasse. Draußen wars kalt und roch nach dem ersten Schnee, der lange schon in der Luft lag, bevor er fiel.
Einen Monat später meldete sich Thomas. Ich war am Landhaus, sah auf die verschneiten Beete mit einer Tasse Kaffee in der Hand.
Nina. Wie gehts dir?
Gut. Und dir?
Auch. Nina sie ist weg. Sabine. Gekündigt, weggezogen.
Ich schaute auf den Schnee draußen.
Hörst du mich? sagte er.
Ja.
Das ändert nichts, oder?
Lange Pause. Draußen ruhte der Schnee.
Nein.
Hab ich mir gedacht. Wollte es nur sagen.
Wozu?
Pause.
Weiß nicht. Damit dus weißt.
Weiß ich. Danke für den Anruf.
Nina.
Ja?
Bereust du es?
Ich überlegte. Nahm mir Zeit.
Was genau?
Alles.
Nein, sagte ich. Dann: Oder noch nicht. Ich weiß es noch nicht.
Ehrlich.
Ich bemühe mich.
Wir schwiegen, verabschiedeten uns. Ich legte das Handy aufs Fensterbrett. Draußen Schnee. Es roch nach Holzhaus, etwas Harz, etwas getrocknete Kräuter vom Herbst.
Mein Geruch. Leise. Mir ganz eigen.
Ich hob die Tasse und trank.




