Ich habe keine Maultaschen versprochen

Ich habe keine Maultaschen versprochen

Greta, hörst du mir überhaupt zu? Die Stimme von Brunhilde Weber durchschneidet die Stille am Telefon, als stünde sie nicht in Bremen, sondern direkt hinter Grete. Machst du die Maultaschen nun oder nicht? Ruth hat gesagt, du hast Maultaschen versprochen!

Ich habe keine Maultaschen versprochen.

Wie, hast du nicht? Sie hat das eindeutig so verstanden. Zu Silvester hast du doch die Maultaschen gemacht. Alle waren begeistert. Siebzig, Grete! So ein Geburtstag ist nicht alle Tage.

Brunhilde, ich habe schon Sülze vorbereitet, zwei Sorten Salat, Ente, Krautkuchen und den Mohnstrudel. Die Maultaschen schaffe ich wirklich nicht mehr.

Na gut, na gut. Aber wenigstens gibts zur Sülze Meerrettich?

Mit Meerrettich.

Beim letzten Mal gab es keinen, Viktor redet heute noch davon. Und nimm bitte eine weiße Tischdecke, nicht dieses Wachstuch. Eine weiße Tischdecke gehört einfach zu einem Jubiläum, das weiß doch jeder.

Gut.

Und hol noch schöne Kerzen. Nicht die alten Reste, bitte. Grete, hörst du?

Greta Elisabeth Schuster hört zu. Sie steht am Küchenfenster im fünften Stock der Bremer Plattenbausiedlung, schaut hinaus in den Hof, wo der Oktoberwind die Blätter über die Pflastersteine jagt und hört zu. Sie ist achtundvierzig Jahre alt. Ihr Herz schmerzt, seit dem Frühjahr.

***

Noch sechs Tage bis zum Jubiläum. Fünfundzwanzig Gäste. Brunhilde hat schon im August die Gästeliste mit akkurat geschwungener Lehrerschrift auf Karopapier geschickt. Greta hat sie an den Kühlschrank gehängt und schaut sie jeden Morgen beim Kaffeekochen an.

Fünfundzwanzig Leute. Das sind Brunhildes Mann, Onkel Viktor, der schwer hört und laut lacht. Das sind die drei Söhne der Schwiegermutter aus zwei Ehen, dazu ihr Mann Hans, natürlich. Das sind deren Frauen, also Schwiegertöchter, und Greta, selbstverständlich auch. Es sind Kinder, Enkel, große und kleine. Die Cousine aus Hannover mit ihrem Mann. Die Jugendfreundin, Rosa Bergmann, die nur Gekochtes mag und Zwiebeln nicht abkann. Der Nachbar vom Schrebergarten warum auch immer eingeladen.

Fünfundzwanzig Leute, und alles organisiert Greta.

Sie weiß selbst nicht, wann das zur Norm wurde. Vielleicht gleich nach dem ersten Fest bei der Schwiegermutter vor zwanzig Jahren, als sie, als junge Schwiegertochter, helfen wollte, um zu gefallen. Vielleicht spätestens, als Brunhilde eines Tages vor allen sagte: Greta hat goldene Hände, sie kann alles. Diese Worte waren so herzlich, Greta wurde ganz warm davon. Sie blieb. Am Herd, am Tisch, am Kühlschrank, mit dem Lappen in der Hand.

Zwanzig Jahre später. Die Hände noch immer golden, aber das Herz nicht mehr das alte.

***

Die Kardiologin, Frau Dr. Natalie Krüger, ist dienstags und donnerstags in der Stadtteilpraxis. Kleines Zimmer, zwei Stühle, eine kleine Liege mit frischem Papier. Sie betrachtet Gretas Ergebnisse über den Rand ihrer Brille.

Frau Schuster, ich sage es offen Sie können nicht so weitermachen. Chronischer Stress, das zeigt sich überall. Sie sollten in eine Kurklinik. Mindestens zwei, besser drei Wochen. Kardiologisch, Ruhe, Anwendungen, frische Luft.

Nach Weihnachten schaffe ich das vielleicht.

Frau Schuster.

In einer Woche ist der Siebzigste. Fünfundzwanzig Gäste.

Frau Krüger zieht die Brille ab, legt sie auf den Tisch.

Ich meine das ernst. Sie sind nicht einfach erschöpft. Wenn Sie das ignorieren, kann das ernste Folgen haben.

Ich verstehe. Nach dem Jubiläum, bestimmt.

Nach dem Jubiläum, nach Weihnachten ich höre das jeden Tag. Bitte, setzen Sie sich einmal an die erste Stelle, wenigstens für zwei Wochen.

Greta nickt, nimmt das Überweisungsformular. Zu Hause steckt sie es in die Schublade, unter alte Quittungen.

***

Montag. Greta bereitet Sülze zu. Vier Töpfe, fünfundzwanzig essen viel Sülze. Sie rührt und schöpft Schaum ab, drei Stunden stehend am Herd. Die Küche ist beschlagen. Draußen dämmert es schon.

Hans kommt gegen acht, schlüpft in die Hausschuhe, hängt die Jacke an die Garderobe.

Was gibts zu Abend? fragt er in der Küche.

Suppe, im kleinen Topf.

Und was kochst du da?

Sülze, für den Geburtstag.

Er brummt, gießt sich Suppe auf, setzt sich ins Wohnzimmer vor den Fernseher. Kommt nicht zurück.

Erst kurz vor Mitternacht schaltet Greta den Herd aus, stellt die Deckel drauf, geht schlafen. Die Beine schmerzen, die linke Brustseite pocht wie immer, wenn sie lange steht. Sie liegt auf der Seite, schließt die Augen.

Hans kommt später ins Bett, schläft sofort und schnarcht. Greta liegt wach, zählt durch, was noch zu tun ist. Kuchen. Strudel. Salate. Ente. Einkaufen. Putzen. Die weiße Decke, Kerzen, Meerrettich.

Erst um zwei schläft sie ein.

***

Brunhilde ruft am Dienstagmorgen an.

Grete, meinst du, ein paar eingelegte Pilze wären noch nett? Ich bringe ein Glas mit. Und meine Gewürzgurken.

Bring gerne mit.

Und noch was. Lydia kommt, erinnerst du dich? Kostjas Frau, meine Cousine. Sie isst kein Schweinefleisch. Kannst du was anderes für sie?

Ich mache Ente. Ist kein Schwein.

Ente ist ihr zu fett. Sie will abnehmen.

Ich mache einen Hähnchensalat, ohne Mayonnaise.

Du bist ein Schatz. Ich wusste, du findest was.

Greta legt auf, schaut auf die Liste am Kühlschrank. Sie schreibt mit Bleistift dazu: Lydia, Hähnchensalat ohne Mayo.

***

Zur Wochenmitte fährt Greta auf den Wochenmarkt. Schleppte zwei schwere Taschen, nimmt den Bus. Der Arm taub bis zur Schulter. Zu Hause sortiert sie, zählt durch, stellt fest, dass sie die saure Sahne vergessen hat also noch einmal zum Supermarkt.

Donnerstag ist Putzen dran. Sie wischt Böden, reinigt Bad, entstaubt sogar die Fußleisten denn Brunhilde hat beim letzten Mal vor allen etwas zu Staub an den Leisten gesagt.

Hans legt sich nach der Arbeit aufs Sofa und schaut Fußball.

Hans, kannst du die Lampe abwischen?

Greta, ich bin kaputt. Den ganzen Tag auf den Beinen.

Ich auch.

Dann ruh dich halt aus.

Greta holt die Leiter selbst. Steigt hoch, reibt, steigt runter. Das Herz stolpert ein paar Sekunden aus dem Takt, sie hält sich fest, wartet ab.

***

Freitag. Kuchen. Strudel. Zwei Salate, einer für Lydia mit Hähnchen. Die Ente mariniert sie abends, am Morgen kommt sie in den Ofen. Die Küche ist zum Mittag voller Wärme und Duft. Die Nachbarin, Frau Sailer, ruft durch die Tür: Greta, du backst heute Kuchen?

Genau.

Deine Schwiegermutter kann froh sein, so eine Schwiegertochter zu haben!

Greta lächelt und schließt die Tür.

Das hat sie sich wohl verdient ohne Lächeln, diesmal.

Am Abend ist alles fertig. Sülze steif im Kühlschrank, Kuchen unter einem Tuch, Ente kühl, Strudel aufgeschnitten. Salate nur noch anrichten, später.

Greta sitzt auf dem Hocker am Küchentisch und schaut in die Runde. Die Hände auf den Knien. Der Rücken schmerzt, sie kann kaum aufrecht sitzen.

Im Flur klingelt das Telefon. Brunhilde.

Grete, wir kommen morgen um neun los, sind um elf da. Gäste kommen um zwölf. Bekommst du das hin?

Ich kriege das hin.

Deck den Tisch früher, der Raum ist so klein. Hans soll dabei helfen.

Gut.

Dann entspann dich. Morgen ist Festtag.

Greta legt auf und macht noch den Abwasch.

Hans schläft schon. Freitag, wie immer vor elf ins Bett. Samstags kann er ausschlafen.

***

Samstag beginnt um halb fünf. Greta liegt wach, weiß, dass sie nicht wieder einschlafen wird. Zieht den Bademantel an, geht in die Küche. Setzt Wasser auf. Während es kocht, steht sie am Fenster.

Der Oktobermorgen ist noch dunkel. Im Hof steht nur eine Straßenlaterne. Darunter ein einsamer Busch. Sonst nichts.

Greta nimmt ihre Tasse mit Tee und setzt sich. Sie blickt auf die Schürze am Haken neben dem Herd. Die blaue mit weißen Punkten, seit drei Jahren hat sie die allmählich fransig am Rand.

Sie schaut zum Kühlschrank. Auf die karierte Liste. Auf die Gabeln, frisch poliert auf dem Handtuch.

Was passiert da? Nicht draußen, sondern in ihr drin. Leise, wie wenn ein Faden im Stoff reißt und es geht einfach auseinander. Greta spürt das körperlich irgendwo oberhalb vom Herzen, aber nicht da, wo es wehtut. Etwas lässt los.

Sie sitzt und denkt. Ohne Panik, ohne Tränen in völliger Ruhe.

Wie viele Jahre macht sie das jetzt? Zwanzig Jahre kocht, putzt, hört sie zu, stellt sich stets hinten an. Sie steht bei jedem Fest als Erste auf, geht zuletzt ins Bett. Sie hört: Grete, du bist so fleißig, Grete mit den goldenen Händen diese Worte sind Ersatz für Danke, für Soll ich helfen?, für Wie geht es dir eigentlich?

Nie hat jemand gefragt, wie es ihr geht. Nicht einmal Hans. Die Ärztin sagte klipp und klar Kurklinik, Herz, ernst Greta kam nach Hause, Hans sagte: Frag besser einen anderen Arzt, die übertreiben immer.

Sie ist nicht zu einem anderen Arzt gegangen. Sie hat Sülze gekocht.

Morgen sitzen fünfundzwanzig Leute an ihrem Tisch, essen, was sie fünf Tage vorbereitet hat. Sie sitzen sauber, der Tisch gedeckt, die Lampe geputzt, der Boden frisch gewischt. Sie gehen und hinterlassen einen Berg Geschirr. Greta spült ab, sammelt Reste ein, bringt Müll raus, geht um Mitternacht ins Bett.

Keiner. Nicht einer von fünfundzwanzig. Wird fragen, wie es ihr geht.

Greta trinkt den Tee aus. Stellt die Tasse ab. Steht auf. Geht zum Haken am Herd. Nimmt die Schürze. Hält sie in der Hand. Hängt sie nicht zurück. Legt sie auf den Tisch.

Geht ins Schlafzimmer, leise, um Hans nicht zu wecken. Holt den großen blauen Koffer vom Schrank. Reinsortieren: warme Sachen, Buch, Kosmetiktasche, Dokumente, Kontoauszug, auf den ihr Gehalt eingeht sie arbeitet als Buchhalterin in einer kleinen Firma, verdient wenig, aber es reicht.

Hans schläft. Atmet regelmäßig, Gesicht entspannt wie ein Kind.

Greta sieht ihn ein paar Sekunden an. Ohne Zorn und ohne Mitleid. Einfach so. Dann nimmt sie den Koffer, zieht sich an, schlüpft in die Schuhe, nimmt Zettel und Kugelschreiber von der Küche.

Sülze im großen Topf. Kuchen unter dem Tuch. Ente im Ofen bei 180 Grad aufwärmen. Strudel auf der Platte. Salate mit Sauerrahm anmachen. Tisch ans Fenster rücken. Ich bin auf Kur, wie die Ärztin verordnet hat. Schalte das Handy aus. Greta.

Sie klemmt den Zettel an den Kühlschrank, unter den Magneten vom Schwarzwald, von ihrer Dienstreise 2015.

Nimmt den Koffer. Geht. Schließt die Tür.

***

Das Sanatorium Birkenhain liegt rund 120 Kilometer südlich von Bremen, im Teutoburger Wald. Greta hat es schon im September recherchiert, als die Ärztin erstmals Ruhe empfahl. Preise angeschaut, Tab zugeklappt. Jetzt sitzt sie im Bus, nimmt dann eine Regionalbahn, wandert schließlich 15 Minuten durch den Wald.

In der Rezeption riecht es nach Holz. Die Dame hinter dem Tresen schaut Greta an.

Haben Sie reserviert?

Nein, ich bin einfach gekommen. Gibt es ein Zimmer?

Ein Einzelzimmer für vierzehn Tage wäre frei kardiologisch?

Genau.

Greta füllt die Bögen aus, zahlt mit Karte. Das Zimmer ist klein, sauber, weiße Bettwäsche, Blick in die Birken, Nachttisch, Lampe. Sie legt sich aufs Bett. Schläft vier Stunden.

Wacht um zwei nachmittags auf. Zieht sich um, nimmt ein Bad, läuft in den Garten, schlendert zwischen den Birken herum. Kalte, frische Waldluft. Der Himmel ist weiß, bewegungslos.

Im Speisesaal isst sie heißen Eintopf. Keiner fragt sie etwas. Sie kann schweigen.

Abends schläft sie um acht und wacht um acht wieder auf. Zwölf Stunden.

***

Am dritten Tag erscheint ein neuer Tischnachbar im Aufenthaltsraum. Kommt mit Tablett, überfliegt den Saal, fragt:

Ist hier noch frei?

Bitte.

Mitte fünfzig, etwas korpulent, graue Schläfen, freundliches Gesicht. Er heißt Andreas Nickel.

Zum ersten Mal hier? fragt er.

Ja, und Sie?

Schon das zweite Mal. War letztes Jahr da. Ein guter Ort.

Sie essen schweigend.

Was führt Sie her? fragt er dann.

Das Herz. Bei Ihnen?

Auch sowas, sagt er ruhig. Blutdruck, Nerven, alles was kommt, wenn man zu lange nicht das eigene Leben lebt.

Greta sieht zu ihm hin.

Das ist ziemlich genau formuliert.

Ich hatte Zeit, drüber nachzudenken. Letztes Jahr habe ich zwei Wochen lang alles überdacht. Dann einiges geändert.

Hat es geholfen?

Zur Hälfte. Die andere Hälfte ändere ich gerade.

Sie essen, gehen ihrer Wege. Am nächsten Tag sitzen sie wieder zusammen ohne zu fragen.

***

Greta schaltet ihr Handy sieben Tage lang nicht ein.

Sie schläft zehn, manchmal elf Stunden. Nimmt Bäder, wie die Ärztin anordnete. Geht zu Anwendungen, liegt unter Geräten, die leise summen. Wandert stundenlang durch den Wald. Liest endlich ihr Buch zu Ende, das seit Mai unvollendet liegt.

Abends sitzt sie manchmal mit Andreas im Aufenthaltsraum auf Holzstühlen am Fenster. Trinken Tee aus seiner Thermoskanne.

Sie sind doch ziemlich spontan gekommen, oder? fragt er einmal.

Woher wissen Sie das?

Sie sehen aus wie jemand, der nicht geplant hat. Kenne ich genau, ich war letztes Jahr genauso.

Greta schmunzelt.

Was ist passiert wenn ich fragen darf?

Klar. Ich war 22 Jahre Filialleiter einer Baufirma. Alles für die Arbeit. Kaum zu Hause. Mein Sohn ist groß geworden, ich kenne ihn kaum. Frau ist vor fünf Jahren gegangen, zu Recht. Dann eines Morgens kann ich nicht mehr zur Arbeit. Nicht keine Lust, sondern wirklich nicht können. Nach drei Tagen sagt der Arzt: Erschöpfung. Ich habe gekündigt. Dann neu sortiert.

Und wie lebt es sich jetzt?

Bin noch dabei. Habe mir ein kleines Häuschen gekauft, halte Kaninchen. Das klingt harmlos aber sie sind zufrieden und brauchen nicht viel.

Kaninchen?

Die fordern nichts. Und sie verlangen kein Mitleid.

Greta lacht. Das erste Mal seit langem, weil sie will, nicht weil sie muss.

***

Nach sieben Tagen schaltet sie ihr Handy ein. Seit letzter Woche Samstag war es aus. Sie drückt den Knopf, der Bildschirm leuchtet Nachrichten trudeln ein.

Zuerst zählt sie, dann lässt sie es. Es werden immer mehr. Von Hans. Von Brunhilde. Von Ruth, der Schwiegertochter. Von Verwandten.

Sie liest ruhig, scrollt durch.

Hans schreibt am ersten Tag sieben Mal. Erst: Greta, was ist los, ruf an! Dann: Greta, die Gäste sind da, wie wärmt man die Ente? Dann: Mama fragt, wo du bist. Dann: Das ist unfair, sowas macht man nicht. Dann: Wo sind meine Hemden? Dann: Denkst du überhaupt an andere, oder nur an dich? Dann schweigt er. Am nächsten Tag wieder: Ruf an.

Brunhilde schreibt dreimal. Greta, was sollte das? Erklär dich. Das Fest war vermasselt, Hans ist enttäuscht. Ich bin fassungslos, das hätte ich nie gedacht.

Ruth schreibt einmal: Hättest dich wenigstens richtig abmelden können.

Kein Einziger. Keine Nachricht, keine Zeile fragt: Greta, wie geht es dir? Was ist passiert? Bist du okay?

Sie packt das Handy weg und schaltet es noch eine Woche nicht ein.

***

Dienstag. Sie und Andreas gehen nach dem Frühstück im Wald spazieren. Er ist langsamer, hat manchmal Knieschmerzen. Greta passt ihr Tempo an einfach so, es ist angenehm, sich für jemanden Zeit zu nehmen, ohne müssen.

Haben Sie das Handy eingeschaltet? fragt er.

Ja, nach sieben Tagen.

Und?

Viele Nachrichten: vermasseltes Fest, Hemden, aber niemand fragt nach mir.

Er schweigt. Dann sagt er:

Manchmal lebt man Jahre zusammen und wird trotzdem nicht gesehen. Sie sehen die Leistung, nicht den Menschen.

Ich bin auch schuld. Ich habe das 20 Jahre so zugelassen.

Sie sind nicht schuld. Sie haben es beigebracht bekommen: So macht es eine gute Frau, so eine gute Schwiegertochter.

So hat man mich erzogen, sagt sie. Und dann merkt man, das war keine eigene Existenz sondern Dienst. Auf Arbeit kriegt man wenigstens Geld.

Er sieht sie an.

Und, was machen Sie, wenn Sie zurückkommen?

Ich weiß noch nicht. Aber das alles räume ich nicht mehr für sie weg. Und für 25 Leute werde ich auch nicht mehr kochen.

Sie erreichen eine Lichtung. Birken kahl, Blätter feucht auf dem Gras, der Himmel grau, ruhig.

Ich mag es, wie Sie das jetzt sagen, meint er.

Früher hatte ich Zorn, während ich am Herd stand. Jetzt ist da nur Müdigkeit.

Das Wort ist besser. Müdigkeit vergeht. Zorn ist gefährlicher.

***

Die letzten drei Tage im Sanatorium verbringt Greta meistens schweigend. Sie macht noch Anwendungen, geht spazieren, liest ihr Buch zu Ende. Isst, schläft. Die Ärztin sagt: Blutdruck viel besser, die Arrhythmie weniger.

Am Donnerstagabend, ihrem letzten Abend, sitzen sie und Andreas nochmal im Aufenthaltsraum. Er reist freitags ab, sie samstags.

Darf ich Sie anrufen? fragt er.

Ja.

Ich lasse Ihnen etwas Zeit, sich Zuhause wieder einzufinden. Aber ich rufe an.

Gerne.

Haben Sie Angst?

Wovor?

Vor Zuhause. Vor dem, was kommt?

Greta überlegt.

Vor einer Woche hätte ich Angst gehabt. Jetzt nicht mehr. Jetzt ist es eher Neugier, was passiert, wenn ich sage, was ich wirklich meine.

Und was wollen Sie sagen?

Dass ich das alles nicht mehr mache. Dass, wenn man zusammenleben will, es anders gehen muss. Dass ich müde bin. Dass ich abends um 10 ins Bett will und bis 7 schlafen. Dass ich am Wochenende spazieren gehen will, statt in der Küche zu stehen. Dass ich gefragt werden will, bevor 25 Leute in meine Wohnung eingeladen werden.

Andreas hört zu. Unterbricht sie nicht. Nimmt sie ernst.

Werden Sie das auch sagen?

Ja. Ich schreibe es mir sogar auf, damit ich nichts vergesse.

***

Sie kommt am Samstagmittag nach Hause. Aufgeschlossen: In der Wohnung liegt diese muffige Stille, die entsteht, wenn niemand länger sauber gemacht hat.

In der Küche stapeln sich die Teller in der Spüle. Nicht von letzter Woche, aber wohl vom Essen der letzten Tage. Auf dem Tisch eine Zeitung, ein Glas. Der Boden ungekehrt.

Greta stellt den Koffer ab. Geht rum. Im Schlafzimmer ist das Bettzeug zu einem Haufen geknüllt. Im Bad ein schmutziges Handtuch auf dem Boden. Im Wohnzimmer Decke, Fernbedienung.

Han findet sie in der Küche. Er trinkt Tee, starrt auf sein Handy. Schaut auf.

Da bist du ja.

Genau.

Weißt du eigentlich, was du da angerichtet hast?

Ja.

Mama ist immer noch sauer. Das Fest war ruiniert. Ich wusste nicht, wie das alles geht.

Ich habe es doch aufgeschrieben.

Ein Zettel! Du hast einfach einen Zettel hinterlassen.

Ich bin zur Kur, wie verordnet. Erinnerst du dich ans Herz?

Er schweigt.

Ja, du hast davon erzählt. Aber so macht man das nicht.

Wie macht man es denn?

Man lässt die Familie nicht zum Fest im Stich.

Hans, sagt Greta ruhig. Heute räum ich nichts auf. Ich packe erst aus, gehe baden. Dann reden wir.

Er sieht sie an, als spräche sie eine fremde Sprache.

***

Den Zettel schreibt sie zwei Tage vor dem Gespräch, ganz ruhig, am Küchentisch, auf kariertem Papier. Dann tippt sie ihn sauber am PC ab:

Gleiche Aufteilung der Hausarbeit. Klare Liste, wer was wann macht. Keine Feste mit mehr als zwölf Leuten in der Wohnung und nur mit meiner Zustimmung. Getrennte Finanzen, ab jetzt bespreche ich, bevor mein Gehalt in die Familienkasse fließt. Mindestens einmal im Jahr echte Erholung für mich wirklich, nicht später.

Sie legt Hans das Blatt hin.

Er liest lange. Dann legt er ab.

Ein Ultimatum?

Bedingungen. Damit es uns beiden gutgehen kann. Dazu muss sich was ändern.

Du hast das immer gemacht. Niemand hat dich gezwungen.

Darauf kommt es an?

Du hast immer alles auf dich genommen. Hat dich niemand drum gebeten.

Doch. Deine Mutter hat gebeten. Deine Brüder erwarteten es. Du hast geschwiegen und Schweigen ist auch eine Aufforderung. Ich habe aufgehört, nein zu sagen, und das wurde zur Norm. Jetzt will ich die Norm ändern.

Ich kann nicht nach Listen leben.

Gut. Dann weiß ich nicht, wie wir zusammen leben sollen.

Er steht auf, läuft unruhig durch die Küche.

Du erpresst mich.

Nein. Ich sage dir ehrlich: Ich bin müde. Mein Herz schmerzt vor Erschöpfung und Stress. Die Ärztin hat mir das schon im September gesagt, da habe ich trotzdem Sülze gekocht. Ich will keine Sülze mehr für Leute kochen, denen egal ist, ob ich überhaupt noch da bin.

Mama ist es nicht egal.

Sie hat mir drei Nachrichten geschrieben. In keiner fragt sie nach meinem Befinden. Es ging nur um das vermasselte Fest. Kein Wort zu meinen Gefühlen, zu meinem Herzinfarkt, der keiner war, aber jederzeit hätte passieren können.

Hans schweigt.

***

Sie reden noch öfter, lange, manchmal ohne Frieden. Hans wird wütend, dann wortkarg, wieder wütend. Einmal kommt Brunhilde, sitzt still in der Küche, trinkt Tee, betrachtet Greta, wie zum ersten Mal.

Du bist anders, stellt sie schließlich fest.

Ich bin müde, Brunhilde.

Müde sind wir alle. Das ist das Leben.

Nein. Manche sind müder, weil sie mehr tragen. Ich habe zu lange zu viel allein geschultert. Das ist nicht einfach nur Leben.

Die Schwiegermutter schweigt, trinkt aus.

Bist du böse auf mich?

Nein. Keine Wut mehr. Ich will nur nicht, dass es so weitergeht.

Für Hans ist das schwer.

Für mich war es auch schwer, was zu ändern. Jetzt habe ich es getan.

Brunhilde geht. Greta weiß nicht, was sie denkt. Wahrscheinlich nichts Gutes. Oder etwas Schweres, das sie selbst nicht benennen kann.

***

Im Februar lassen sie sich scheiden. Ohne Drama. Sie gehen zum Amt, unterschreiben, trennen sich. Die Wohnung bleibt bei Hans, sie gehörte ihm schon vor der Ehe. Greta bekommt den gesetzlichen Ausgleich für zwanzig Jahre Investition. Nicht viel, aber fair.

Sie mietet eine Einzimmerwohnung in der Nachbarschaft kleiner, zweiter Stock, mit Fenster zum Innenhof. Ein roter Kater ohne Besitzer wartet oft an der Haustür. Bald füttert sie ihn, dann wohnt er bei ihr.

Im Frühjahr wechselt sie den Job Buchhaltung, in einer größeren Firma, mit besseren Arbeitszeiten. Das Gehalt steigt. Sie spart nicht mehr für alle Fälle, sondern gönnt sich was. Kauft sich einen Mantel, den sie seit drei Jahren anschmachtet. Und eine hochwertige Kaffeemaschine.

Alle drei Monate geht sie zu Frau Dr. Krüger. Die schaut auf die Werte, setzt die Brille ab.

Sehr viel besser, Frau Schuster. Was haben Sie gemacht?

Einiges geändert.

Weiter so!

Andreas meldet sich im Dezember, wie versprochen, gibt ihr Zeit. Sie reden lange am Telefon, wie es ihr erging. Er hört zu, unaufdringlich, herzlich. Sagt: Sie machen das richtig und es klingt anders als früher: ehrlich.

Sie treffen sich gelegentlich. Er kommt aus seinem Haus am Stadtrand, sie gehen in Cafés, ins Kino, einmal ins Museum, in dem Greta ewig nicht war. Alles ruhig, ohne Druck, ohne das ständige Gefühl, wieder etwas verdienen zu müssen.

Einmal lädt er sie in seinen Garten ein, zu den Kaninchen.

Das ist eine große Einladung, sagt sie.

Die größte, sagt er. Meine Kaninchen zeige ich nicht jedem.

Sie lachen.

***

Ein Jahr ist vergangen. Oktober wieder, der Wind fegt Blätter über den Hof diesmal unter dem Fenster einer anderen Wohnung.

Greta Elisabeth Schuster sitzt am kleinen Küchentisch in ihrer Wohnung. Trinkt Kaffee aus der neuen Maschine. Auf dem Tisch ein Buch, Der Kater liegt neben ihr, Kopf auf ihrem Bein.

Das Telefon klingelt. Sie sieht aufs Display. Hans ruft an. Sie nimmt nicht ab. Überlegt dann und hebt doch ab.

Hallo.

Greta, hallo. Wie geht’s dir?

Gut. Was ist los?

Ach, nichts. Ich wollte nur sagen also Mama feiert schon wieder irgendwie Jubiläum, irgendein runder Geburtstag.

Ich weiß, siebzig ist vorbei, ein Jahr drauf ist kein runder mehr.

Sie will trotzdem. Ruth meinte, du machst die beste Sülze. Sie hat mich gebeten, dich zu fragen

Greta blickt aus dem Fenster. Hof, Bäume, Himmel. Alles ist wie früher und doch ganz anders.

Hans, nein.

Greta, es ist doch für Mama…

Hans, nein. Nicht aus Ärger, nicht aus Prinzip. Einfach nein.

Er schweigt lange.

Bist du glücklich? fragt er leise. Nicht vorwurfsvoll, nicht traurig. Einfach so.

Greta denkt nach. Nur eine Sekunde.

Ja, Hans. Zum ersten Mal seit langem.

Wegen jemandem?

Wegen mir.

Schweigen.

Na gut, sagt er finally. Ich verstehe.

Tschüss.

Tschüss.

Sie legt das Handy weg. Der Kater hebt kurz den Kopf, sieht sie an, legt sich wieder hin.

Es klingelt. Andreas hat angekündigt, zum Mittagessen zu kommen. Sie öffnet.

Wie gehts dir? fragt er an der Tür, wie immer als Erstes.

Gut, antwortet sie. Komm rein, der Kaffee ist noch warm.

Er tritt ein. Die Tür fällt zu. Der Kater schnuppert an seinem Bein.

Draußen ist Herbst derselbe und doch ein anderer.

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Homy
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Ich habe keine Maultaschen versprochen
„Du ziehst aus ihm einen Waschlappen groß“ — Warum hast du ihn denn in die Musikschule geschickt? Ludmila Petrowna marschierte an ihrer Schwiegertochter vorbei und zog unterwegs die Handschuhe aus. — Guten Tag, Frau Petrowna. Treten Sie doch ein. Ich freue mich auch sehr, Sie zu sehen. Die Ironie prallte am Ziel vorbei. Die Schwiegermutter warf die Handschuhe auf die Kommode und drehte sich zu Maria um. — Kostja hat mir schon am Telefon erzählt. Ganz begeistert, sagt er – ich darf jetzt Klavier spielen! Was soll das denn bitte? Ist er etwa ein Mädchen? Maria schloss langsam, vorsichtig die Haustür. Hauptsache, sie verliert nicht die Fassung und schreit nicht alles raus. — Das heißt, Ihr Enkel wird Musik lernen. Es gefällt ihm wirklich sehr. — Gefällt ihm! – Frau Petrowna spottete, als hätte Maria den größten Unsinn erzählt. – Er ist sechs! Er weiß doch selbst nicht, was ihm gefällt. Du musst ihm sagen, was richtig ist. Ein Junge, ein Erbe, mein Enkel – und was machst du aus ihm? Frau Petrowna ging in die Küche, stellte routiniert den Wasserkocher an. Maria folgte ihr, die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihr schon die Kiefer schmerzten. — Ich ziehe aus ihm ein glückliches Kind groß. — Du ziehst aus ihm einen Waschlappen und Schwächling! – Frau Petrowna stemmte die Hände in die Hüften. – Du hättest ihn zum Fußball schicken sollen! Oder zum Ringen! Damit aus ihm ein richtiger Mann wird, und nicht… nicht irgendein Klavierspieler! Maria lehnte sich an den Türrahmen. Zählte bis fünf. Es half nichts. — Kostja wollte es von sich aus. Wirklich. Er liebt Musik. — Der liebt das! – Die Schwiegermutter winkte ab. – Sergej hat in dem Alter mit den Jungs auf dem Hof getobt, Eishockey gespielt! Und deiner? Wird Tonleitern üben? Peinlich! Da riss bei Maria innerlich etwas. Sie stieß sich vom Rahmen ab und ging auf ihre Schwiegermutter zu. — Sind Sie jetzt fertig? — Nein, noch lange nicht! Ich wollte Ihnen schon sagen… — Und ich wollte Ihnen längst sagen – Kostja ist mein Sohn. Meiner. Und ich bestimme allein, wie ich ihn erziehe. Und Sie halten sich da raus. Ludmila Petrowna wurde feuerrot. — Wie redest du mit mir?! — Verlassen Sie bitte mein Haus. — Was?! Maria ging zur Garderobe, riss ihren Mantel vom Haken und drückte ihn Ludmila Petrowna in die Hand. — Raus aus meinem Haus. — Du schmeißt mich raus?! Mich?! Maria öffnete die Haustür, packte Ihre Schwiegermutter am Arm und zerrte sie zur Tür. Ludmila Petrowna wehrte sich, wollte sich losreißen, doch Maria blieb hartnäckig und bugsierte sie nach draußen. — Ich krieg, was ich will! – Ludmila Petrowna drehte sich auf der Treppe um, das Gesicht vor Wut verzerrt. – Du wirst mir nicht erlauben, meinen einzigen Enkel zu verderben! — Auf Wiedersehen, Frau Petrowna. — Sergej erfährt von allem! Ich erzähl’ ihm alles! Maria knallte die Tür zu, lehnte sich dagegen und atmete aus. Lange, langsam, bis alles raus war. Noch eine Weile hörte man hinter der Tür gedämpfte Schreie, dann Schritte die Treppe hinunter. Nach zwei Minuten war alles still. Die Schwiegermutter hatte endgültig genug. Ihre ständigen Einmischungen, Ratschläge, Vorhaltungen: Wie man erzieht, was man füttert, was man anzieht – und Sergej sieht das nicht als Problem: „Sie meint es nur gut“, „Sie ist erfahren“, „Stell dich doch nicht so an“. Seine Mutter war für ihn unantastbar, jedes Wort von ihr Gesetz. Maria musste das tagtäglich aushalten. Wieder und wieder. Aber nicht heute. Sergej kam gegen acht von der Arbeit heim. Maria hörte das Klackern des Schlosses und wusste sofort, dass die Schwiegermutter schon angerufen hatte. Daran, wie der Mann die Schlüssel auf die Kommode knallte. Daran, wie er schwerfällig in die Küche ging, ohne ins Kinderzimmer zu schauen, wo Kostja Cartoons sah. — Kostja, Liebling, bleib kurz hier, – Maria hockte sich zu ihrem Sohn, stülpte ihm die Kopfhörer aufs Ohr, startete auf dem Tablet seine Lieblingsserie mit Robotern. – Papa und ich müssen reden. Kostja nickte, schaute auf den Bildschirm. Maria schloss vorsichtig die Tür zum Kinderzimmer und ging in die Küche. Sergej stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt. Er drehte sich nicht um, als Maria eintrat. — Du hast meine Mutter rausgeschmissen. Keine Frage. Eine Feststellung. — Ich habe sie gebeten zu gehen. — Du hast sie rausgeworfen! – Sergej fuhr herum, die Kiefermuskeln mahlten. – Zwei Stunden hat sie am Telefon geheult! Zwei Stunden, Maria! Maria setzte sich an den Tisch. Die Beine schmerzten nach dem Arbeitstag, und jetzt das auch noch. — Und es stört dich nicht, dass sie mich verletzt hat? Sergej stockte kurz, winkte dann ab. — Sie sorgt sich nur um ihren Enkel. Was ist daran so schlimm? — Sie hat unseren Sohn als Weichei und Schwächling bezeichnet. Unseren Sohn, Sergej. Ein sechsjähriges Kind. — Na, sie hat sich halt im Ton vergriffen, kommt vor. Aber in dem Punkt hat Mama Recht, Maria. Ein Junge braucht Sport. Teamgeist, Durchhaltevermögen… Maria sah den Mann lange an, bis er den Blick senkte. — Ich musste als Kind zur Gymnastik gehen. Meine Mutter hat entschieden: Du wirst Turnerin, basta. Fünf Jahre, Sergej. Fünf Jahre habe ich vor jedem Training geweint. Spagat durch Schmerzen, abgenommen vom Stress, habe sie angefleht, mich rauszunehmen. Sergej schwieg. — Ich kann bis heute keine Turnhallen ertragen. Bis heute. Und meinem Sohn tue ich sowas nie an. Will er zum Fußball – gerne. Aber nur, wenn er wirklich will. Gegen seinen Willen? Niemals. — Mama meint es nur gut… — Dann soll sie sich noch ein Kind kriegen und erziehen, wie sie will – Maria stand auf. – Bei Kostja lasse ich sie ab jetzt nicht mehr rein. Und dich auch nicht, wenn du weiter auf ihrer Seite bist. Sergej wollte etwas sagen, doch Maria verließ die Küche. Den Rest des Abends schwiegen sie. Maria brachte Kostja ins Bett, saß noch lange im Dunkeln bei ihm und lauschte seinem ruhigen Atem. Die nächsten zwei Tage verstrichen wortlos, dann machte Sergej beim Abendessen einen Scherz, Maria lächelte – das Eis begann zu brechen. Bis Freitag redeten sie wieder normal, aber das Thema Schwiegermutter mieden beide sorgfältig. Am Samstagmorgen fuhr Maria plötzlich hoch. Sie blieb liegen, blinzelte auf die Uhr – acht Uhr. Zu früh für einen freien Tag. Sergej schlief neben ihr, Kostja wohl auch noch. Was war das? Dann dieses leise metallische Geräusch aus der Diele. Der Schlüssel dreht sich. Maria sprang auf, das Herz klopfte bis zum Hals. Einbrecher? Am helllichten Tag? Sie schnappte ihr Handy, schlich auf Zehenspitzen in den Flur. Die Haustür flog auf. Vor der Tür stand Ludmila Petrowna. In der Hand ein Schlüsselbund. Im Gesicht ein siegessicheres Grinsen. — Guten Morgen, Schwiegertöchterchen. Maria stand barfuß auf dem kalten Flur, die ausgebeulte T-Shirt und Pyjamahose, während die Schwiegermutter sie ansah, als ob sie alles Recht der Welt hätte, am Samstag um acht Uhr fremde Wohnungen zu betreten. — Woher haben Sie die Schlüssel? Ludmila Petrowna schwenkte triumphierend das Bund. — Sergej hat sie mir gegeben. Vorgestern vorbeigebracht. Hat gesagt: Mama, vergib ihr, sie wollte dich nicht verletzen. So hat er für deine Ausfälle Abbitte geleistet. Maria blinzelte. Einmal. Noch mal. Versuchte das Gehörte zu fassen. — Was wollen Sie hier? So früh? — Ich hole meinen Enkel ab, – Schwiegermutter legte schon den Mantel auf den Haken. – Mach dich fertig, Kostja! Die Oma hat dich zum Fußball angemeldet, heute ist das erste Training! Die Wut überflutete sie wie Feuer. Heiß, stickig, blendend, rasend. Maria stürmte ins Schlafzimmer. Sergej lag abgewandt, tat so als schliefe er – Maria sah, dass die Schultern unter der Decke angespannt waren. — Steh auf! — Maria, bitte nicht jetzt… Maria riss ihm die Decke weg, griff nach seiner Hand und schleifte ihn ins Wohnzimmer. Sergej stolperte, wollte sich losreißen, doch Maria ließ ihn nicht weg. Ludmila Petrowna thronte bereits auf dem Sofa, ein Bein über das andere, blätterte in der Zeitschrift vom Couchtisch. — Du hast ihr den Schlüssel gegeben, – Maria blieb mitten im Zimmer stehen, immer noch die Hand des Mannes umklammert. – Von meiner Wohnung. Sergej schwieg. Stand unruhig hin und her. — Das ist meine Wohnung, Sergej. Meine. Ich habe sie vor der Ehe gekauft. Von meinem eigenen Geld. Wie konntest du deiner Mutter den Schlüssel zu meinem Haus geben? — Ach wie kleinlich du bist! – Ludmila Petrowna warf die Zeitschrift weg. – Meins, deins… Du denkst nur an dich! Aber Sergej denkt wenigstens an seinen Sohn. Deshalb hat er mir die Schlüssel gegeben. Damit ich mit meinem Enkel richtig Kontakt halten kann, seitdem du mich nicht mehr reinlässt. — Halten Sie den Mund! Ludmila Petrowna schnappte nach Luft, aber Maria sah nur noch ihren Mann an. — Kostja geht auf KEINEN Fußball. Solange er es nicht will. — Das hast du nicht zu entscheiden! – Schwiegermutter sprang vom Sofa auf. – Du bist niemand! Nur eine Übergangslösung für meinen Sohn! Glaubst du, du bist die Einzige? Die Unersetzbare? Sergej erträgt dich nur wegen des Kindes! Stille. Maria drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Er stand da, gesenkter Kopf. Schwieg. — Sergej? Nichts. Kein einziges Wort zu ihrem Schutz. Keine Silbe. — Gut, – Maria nickte. Kalte Klarheit überkam sie. – Übergangslösung. Und diese Lösung endet jetzt. Nehmen Sie ruhig Ihren Sohn mit, Frau Petrowna. Das ist nicht mehr mein Mann. — Das wagst du nicht! – Die Schwiegermutter wurde bleich. – Du hast gar nicht das Recht, ihn einfach zu verlassen! — Sergej, – Maria sprach ruhig und sah ihrem Mann in die Augen. – Du hast eine halbe Stunde. Pack deine Sachen und geh. Oder ich werf dich im Schlafanzug raus – ist mir egal. — Maria, bitte, lass uns reden… — Wir haben schon alles gesagt. Sie blickte zur Schwiegermutter und lächelte schief. — Den Schlüssel können Sie behalten. Ich lasse heute die Schlösser austauschen. …Die Scheidung dauerte vier Monate. Sergej versuchte zurückzukommen, rief an, schrieb, kam mit Blumen. Ludmila Petrowna drohte mit Gericht, Jugendamt, und Verbindungen. Maria engagierte einen guten Anwalt und stellte das Handy aus. Zwei Jahre vergingen viel zu schnell… …Der Festsaal der Musikschule vibrierte vor Stimmen. Maria saß in der dritten Reihe, krallte sich in das Programmheft. „Konstantin Voronow, 8 Jahre. Beethoven, Ode an die Freude“. Kostja trat auf die Bühne – ernst, konzentriert, im weißen Hemd und schwarzen Hosen. Setzte sich ans Klavier, legte die Hände auf die Tasten. Die ersten Töne erfüllten den Saal, und Maria hielt den Atem an. Ihr Junge spielte Beethoven. Ihr achtjähriger Sohn, der von sich aus in die Musikschule wollte, der stundenlang übt, der dieses Stück für den Auftritt ausgesucht hat. Als der letzte Akkord verklang, brach Applaus los. Kostja erhob sich, verbeugte sich, entdeckte seine Mutter im Publikum und lächelte – breit, glücklich. Maria klatschte mit allen anderen, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Genau richtig. Sie hatte alles richtig gemacht. Sie hatte ihren Sohn an erste Stelle gesetzt – vor fremder Meinung, vor der Ehe, vor ihrer Angst, allein zu bleiben. Genau so muss eine Mutter sein…