Die Falle des Vertrauens
Kannst du dir vorstellen? Die Vermieterin der Wohnung, die ich dummerweise gemietet habe, will mich rausschmeißen! Almut stürmte regelrecht in die Wohnung ihrer Freundin und warf sich wütend aufs Sofa, als wäre die Zimmerdecke selbst schuld an ihrem ganzen Pech.
Friederike sah ihre Besucherin mit einem tiefen Seufzer an. Almut sah aus, als sei die Welt untergegangen die Augen glänzten feucht, die Lippen bebten… einfach ein unglückliches, von allen zum Opfer gemachtes Kind.
Sie gibt mir nur zwei Tage! fuhr Almut aufgebracht fort und schlug die Hände zusammen. Was soll das überhaupt? Soll ich jetzt etwa auf der Straße schlafen?
Friederike runzelte die Stirn. Sie kannte Frau Rosenberg die Vermieterin als eine ruhige, umsichtige Frau. Was konnte sie nur dazu gebracht haben, so zu handeln?
Was ist denn passiert zwischen euch? fragte Friederike vorsichtig und ging dabei ans Fenster. Frau Rosenberg ist mir immer sehr vernünftig und gerecht vorgekommen.
Wieder ließ sie ihren Blick in den Innenhof schweifen zum fünften Mal in dieser Stunde. Das passte Almut gar nicht. Wie konnte ihre Freundin es wagen, jetzt nicht zuzuhören?
Hörst du mir überhaupt zu? Ich schütte dir mein Herz aus, und du glotzt zum Fenster raus!
Entschuldige, sagte Friederike verlegen und wandte sich ab. Ich warte auf jemanden… Aber erzähl ruhig weiter, ich höre zu.
Almut schnaubte, fuhr aber gestenreich fort:
Sie ist eifersüchtig, stell dir vor! Auf ihren eigenen Mann! sie hielt inne, sammelte kurz Luft und redete weiter, jetzt schneller. Er war da, weil der Wasserhahn wieder tagelang getropft hat. Klack-klack-klack Tag und Nacht! Ich war schon kurz davor, das Ding eigenhändig rauszureißen, Hauptsache, das hört endlich auf!
Friederike musste schmunzeln bei der Vorstellung, wie ihre Freundin kämpferisch mit dem Wasserhahn rang. Doch Almut bemerkte das Lächeln gar nicht sie war viel zu sehr in ihren Ärger vertieft.
Also, Almut fuhr fort, er kam morgens. Ich war gerade erst aufgewacht, hatte kaum die Augen offen. Also hab ich ihm im Bademantel die Tür geöffnet na und? Ist ja nicht so, dass ich nackt dastehe! Sie nahm einen Schluck Tee, um die trockene Kehle zu befeuchten. Und dann kam, Almut senkte die Stimme dramatisch, plötzlich Frau Rosenberg selbst! Wie aus dem Nichts. Sie findet mich und ihren Mann er im Blaumann, ich im Bademantel. Ihr Blick, du weißt schon…
Jetzt konnte Friederike endlich etwas einwenden:
Denkst du, sie glaubt, dass da was zwischen euch läuft?
Natürlich! fuchtelte Almut aufgebracht. Dabei ist der gar nicht mein Typ Geheimratsecken, Bauchansatz, redet nur von Rohren und Ventilen. Woher soll sie denn wissen, dass mich das alles nicht interessiert? Sie hat hingeschaut und direkt ihr Urteil gefällt.
Sie ließ sich zurück ins Sofa fallen, verschränkte die Arme.
Jetzt soll ich also innerhalb von zwei Tagen ausziehen, um ihre Wohnung nicht zu kompromittieren. Kompromittieren! Almut schüttelte sich. Als hätte ich da was Unmoralisches gemacht. Wo soll ich denn jetzt unterkommen?
Und du bist wirklich die ganze Zeit nicht raus aus dem Bademantel? fragte Friederike und lenkte den Blick ihrer Freundin auf diese anscheinend unwichtige Tatsache.
Almut winkte ab und ließ sich auf dem Sofa zurücksinken:
Ach, ich hatte einfach keine Lust! Hab halt geöffnet, so wie ich war. Ist doch nur ein Bademantel, nichts Besonderes.
Friederike schmunzelte unwillkürlich. Sie erinnerte sich noch gut, wie sie sich zusammen genau diesen Bademantel ausgesucht hatten. Almut hatte damals im Laden im Spiegel pirouettiert und gesagt: Schau mal, wie elegant das aussieht! So feminin, so sofistischiert! In Wahrheit war der Bademantel halb durchsichtig, mit zarter Spitze und hörte schon auf halber Oberschenkelhöhe auf.
Ich kenn deine Morgenmäntel, murmelte Friederike mit einem Anflug von Ironie. Kein Wunder, dass der arme Mann plötzlich ins Schwitzen kam und wohl kaum noch aufs Wasserrohr achten konnte. Du weißt schon, wie du Wirkung erzielst.
Almut zog die Brauen hoch, halb beleidigt:
Auf wessen Seite stehst du eigentlich? Ich stehe kurz vor dem Rauswurf und du machst dumme Sprüche!
Friederike rieb sich mit der Hand übers Gesicht, als wollte sie Albträume vertreiben. Sie sah, wie geschockt und wütend ihre Freundin war aber ihre eigenen Sorgen wollten sie einfach nicht loslassen.
Almut, tut mir leid. Ich bin gerade kein guter Zuhörer Es geht um Konstantin.
Sie schwieg kurz, suchte nach Worten. Almut wechselte sofort den Ton, rückte näher.
Deinen ExMann? fragte sie mitfühlend. Hast du etwa schon bereut, dass du dich getrennt hast? Ich hab dir doch gesagt, überleg dir das gut! Jetzt ist es zu spät, Konstantin wird nie wieder verzeihen, dass du ihn verlassen hast.
Es klang nicht böse mehr wie eine leise Anklage, ganz so, als sei Almut sicher, dass auf sie gehört zu haben alles verhindert hätte. In ihrer Stimme lag ein unterschwelliges Ich hab’s dir ja gesagt.
Friederike richtete sich auf, blickte ihrer Freundin ernst in die Augen. Wie konnte sie so reden, nach allem, was passiert war?
Ich. BEREUE. NICHTS, artikulierte sie scharf und langsam. Keine einzige Sekunde! Das kannst du mir glauben.
Ihre Stimme war fest, beinahe kalt, und selbst der scharfe Neigungswinkel ihres Kopfes zeigte, dass dies kein einfaches Trotz war sondern eine endgültige Entscheidung.
Almut zuckte zurück, ließ die Arme verschränkt, auf ihrem Gesicht ein skeptischer Ausdruck.
Na, du wirst schon sehen. Gute Männer sind rar.
So gut war er auch nicht, brachte Friederike mit bitterem Unterton hervor.
Das Gespräch versiegte. Friederike wandte sich abermals dem Fenster zu ein Anflug von Rastlosigkeit, wie er sie seit Tagen nicht losließ. Instinktiv spürte sie, dass Ärger in der Luft lag. Ihr Blick glitt über die Straße und plötzlich blieb sie wie erstarrt.
Unten im Hof stand ein weißer Golf. Exakt dasselbe Modell, wie Konstantin es fuhr. Friederike spürte, wie Panik in ihr aufstieg. Die Hände wurden schweißnass und das Herz pochte, als würde es zerspringen. Hastig wendete sie sich ab, lief in der Wohnung herum, die Augen suchten verzweifelt Sofa, Tisch, Boden ab.
Wo ist mein Handy. Wo ist es murmelte sie, die Stimme brüchig.
Sie kniete hin, blickte unter den Couchtisch, sprang dann auf und riss das Bücherregal auf. Ihre Finger zitterten unnatürlich.
Almut beobachtete das hektische Treiben mit wachsendem Unverständnis. Eigentlich hätte sie helfen sollen aber stattdessen hob sie nur eine Braue, den Kopf schief gelegt: Und? Was soll das alles?
Endlich fand Friederike das Handy es klemmte hinter einem Sofakissen. Mit zitternden Händen tippte sie den Code ein. Ihr Gesicht war kreidebleich, die Augen weit aufgerissen vor Angst.
Das alles hielt Almut dann doch nicht mehr aus der Ton ihrer Freundin und diese nervösen Bewegungen machten sie wütend:
Reiß dich mal zusammen! rief sie und erhob sich. Was hast du denn gesehen etwa ein Gespenst?
Sie ging zum Fenster, blinzelte hinaus. Weißer Golf, ganz gewöhnlich. Völlig unspektakulär. Sie drehte sich zu Friederike, die mit dem Handy wie an einem Rettungsanker klammernd mitten im Raum stand.
Und? fragte Almut ratlos. Was ist denn?
Das Auto flüsterte Friederike, die Stimme zitterte. Sie traute sich nicht einmal, ans Fenster zu treten. Das ist genau Konstantins Modell. Was, wenn er das ist?
Almut schaute noch einmal konzentriert hinaus. Hinter dem Steuer saß eine junge Frau mit blonden Haaren, Sonnenbrille, gepflegt bis in die Fingerspitzen. Daneben ein rundlicher Mann im hellen Hemd, auffälliger Bauchansatz. Kein bisschen Ähnlichkeit mit Konstantin, den Almut kannte sportlich, akkurate Frisur, immer im Anzug.
Warum sollte der herkommen? sagte Almut nun schon sanfter. Und das ist eindeutig nicht sein Auto. Da sitzt eine Frau am Steuer, und der Mann ist nun gar nicht dein Ex. Entspann dich.
Langsam ließ Friederike die Hände sinken; doch die Angst fiel nicht von ihr ab, sondern nistete sich nur tiefer ein. Ziellos tastete sie nach der Wasserflasche, kriegte aber kaum den Deckel auf, so sehr zitterten die Hände. Tränen stiegen in ihre Augen.
Konstantin hat mir nach der Gerichtsverhandlung angedroht, brachte sie schließlich hervor, kaum hörbar. Er hat gesagt ich würde es bereuen, ihn so bloßgestellt zu haben.
Schließlich schaffte sie es, die Flasche zu öffnen, trank hastig, aber die zitternden Finger blieben. Sie stellte die Flasche ab, bevor sie ihr aus der Hand glitt.
Almut trat näher, berührte sie vorsichtig an der Schulter.
Du glaubst, er würde wirklich etwas tun? fragte sie leise. Wahrscheinlich will er dich nur einschüchtern, damit du Angst hast. Das ist doch ein typischer Trick, um wieder Kontrolle über dich zu gewinnen.
Friederike verzog den Mund zu einem harten, müden Lächeln. Kein fröhliches sondern eines, in dem noch der Schmerz der letzten Monate lag. Sie atmete tief durch, sammelte sich.
Anfangs hatte er nur Nachrichten geschickt. Immer gehässiger, immer direkter Du wirst noch sehen, So leicht wirst du mich nicht los, Das verzeihe ich dir nie. Erst nahm sie es nicht ernst. Doch die Worte wurden immer konkreter, die Drohungen schärfer.
Ihre Scheidung war ein öffentlicher Skandal. Sie musste medizinische Gutachten vorlegen dort waren zahlreiche Verletzungen dokumentiert, Prellungen, Platzwunden, sogar Knochenbrüche. Ein Muster wurde sichtbar alles begann in dem Moment, als Friederike begriff, dass sie niemals so weiterleben wollte.
Zuerst versuchte sie, mit Konstantin ruhig zu reden. Sagte, wie eingesperrt sie sich fühlte. Doch er lachte nur oder explodierte. Dann fingen die Schikanen an zerstörte Gegenstände, Drohungen, Wutausbrüche. Sie lebte in ständiger Angst, verbarrikadierte sich zu Hause, traute sich kaum noch raus.
Bis ihr Bruder Hendrik, ehemaliger Bundeswehrsoldat, zu Besuch kam. Als Konstantin Friederike wieder bedrohte, griff Hendrik ein. Die Situation eskalierte am Ende musste Konstantin mit gebrochenen Rippen ins Krankenhaus.
Das war die Wende. Während Konstantin im Krankenhaus lag, packte Friederike ihre Sachen, kündigte und zog zurück in ihre Heimatstadt, zu ihren Eltern.
Die ersten Wochen verbrachte sie dort, fühlte sich beschämt, als hätte sie als Erwachsene versagt. Als dann ihre Großmutter starb, zog sie in deren kleine Dreizimmerwohnung, richtete sie liebevoll ein. Ein sicherer Hafen und vor allem, Konstantin kannte die Adresse nicht.
Zum ersten Mal seit Monaten konnte sie durchatmen. Hier fühlte sie sich anonym, unsichtbar. Sie sperrte nachts nicht mehr ständig die Tür zu, kontrollierte nicht mehr jede kleine Bewegung im Hausflur. Ein fragile Gefühl von Sicherheit, aber immerhin.
Doch das Glück war nicht von Dauer. Eines Tages klingelte es: Ein Paket. Sie erwartete Bücher vom Versand also öffnete sie arglos die Tür.
Der Bote reichte ihr das Päckchen, Friederike trug es in die Küche, schnitt es auf und erstarrte.
Drin lag ein Teddybär genau der, den sie als Kind auf dem Hamburger Winterdom gekauft hatte. Hellbraun, mit Knopf als Nase. Kopf abgerissen. Darunter ein Zettel: Willst du enden wie er? Ich kann das organisieren.
Sie fühlte, wie ihr Eiswasser über den Rücken lief. Er wusste also, wo sie war. Hatte ihre Sachen durchstöbert, sich in ihre Vergangenheit geschlichen.
Sie verließ kaum noch ihre Wohnung, schlief schlecht, schrieb ihrer Familie ständig updates: Alles okay, bin zu Hause.
Eine Woche später kam eine neue Sendung: Ein altes Klassenfoto, ihr Gesicht fett durchgestrichen, auf der Rückseite: Du kannst dich nicht verstecken.
Angst lähmte sie mehr und mehr. Hendrik kam fast jeden Abend vorbei, kontrollierte die Schlösser, inspizierte den Innenhof aber auch sein starkes Auftreten half nicht wirklich gegen das Zittern in Friederikes Seele.
Und dann passierte das Schlimmste. Eines Morgens, sie lugte aus dem Fenster, stand Konstantin im Hof. Die Hände in den Taschen, blick suchend. Herzrasen, eiskalte Hände.
Sie rief sofort die 110. Die Streife kam, sprach mit Konstantin, kontrollierte die Papiere aber konnte nichts tun, er sagte, er wolle nur spazieren gehen.
Er blieb stehen, sah zu ihrem Fenster, winkte höhnisch, hauchte stumm ein Ich komme wieder. Als er schließlich ging, sackte Friederike an der Wand zusammen, zitternd, erstarrt von Kälte und Ohnmacht. Sie wusste das war nicht das Ende
Sie schwieg, ließ die Hände sinken, die immer noch zitterten. Sie atmete tief, versuchte sich zu fassen:
Bald fürchte ich schon den eigenen Schatten, flüsterte sie, ich weiß nicht, was ich noch von ihm erwarten soll.
Ihre Stimme war erschöpft, der sonst so kämpferische Ton zersprang im Nebel des Terrors.
Almut rutschte unruhig auf dem Stuhl umher, schämte sich für ihre vorherigen, kleinen Klagen. Endlich verstand sie, warum Friederike so häufig Treffen absagte, so verschlossen lebte.
Ich war so sauer, als du nicht rauskommen wolltest… begann Almut zögernd, bemüht, Mitgefühl in ihre Stimme zu legen. Entschuldige. Meine Sorgen wirken jetzt lächerlich.
Sie wollte mehr sagen, aber fand keine Worte. Stattdessen griff sie über den Tisch und drückte Friederikes Hand.
Friederike lächelte schwach höfliches Lächeln, kein befreites. In Gedanken war sie immer noch in ihrer Angst gefangen. Dann fiel ihr etwas ein, ihre Haltung veränderte sich:
Weißt du was? Wohn doch ein paar Monate bei mir, solange, bis du eine neue Bleibe hast und ich mit meinem Papierkram wegen des Wohnungsverkaufs durch bin. So bist du nicht auf der Straße und ehrlich gesagt, hab ich dann auch weniger Angst allein.
Das Angebot war spontan, doch als Friederike es aussprach, erschien es ihr ganz logisch. Zumindest würde sie dann nicht mehr alleine mit den Geistern der Nacht wohnen.
Was, du verkaufst wirklich die Wohnung? fragte Almut verblüfft, zum ersten Mal voller echtem Interesse. Aber das ist doch eine Traumwohnung! Groß, toll gelegen… Und irgendwann vergisst Konstantin dich auch, er findet schon eine andere.
Sie konnte nicht verstehen, wie Friederike so einen Rückzugsort aufgeben konnte. Alles war perfekt: großer Flur, helle Wohnzimmer, ruhiger Balkon.
Friederike atmete durch, fuhr gedankenverloren mit dem Finger über die Tasse.
Ich will endlich in eine andere Stadt. Einfach raus, weit weg. Konstantin lässt mir keine Ruhe, und ich will wieder leben können, ohne überall Gefahr zu wittern. Glücklich einfach, rausgehen, schlafen, durchatmen.
Sie klang nicht panisch, aber so fest entschlossen wie nie.
Wohin willst du? fragte Almut leise.
Weiß ich noch nicht endgültig. Entweder Lübeck, da ist das Meer ganz nah, oder Freiburg. Da habe ich Bekannte, die helfen können. Hauptsache weit weg, Neuanfang.
Almut sah sie wortlos an, versuchte zu begreifen, wie es ist, alles hinter sich zu lassen. Aber irgendwie verstand sie Friederikes Entschluss.
Kommst du also wirklich mit? Ein paar Monate gemeinsam, und wenn alles geregelt ist, siehst du weiter.
Almut überlegte kurz. Irgendwie war das ideal. Keine Miete mehr und in Gesellschaft fühlt sich alles leichter an. Andererseits… was, wenn Konstantin wirklich so gefährlich war?
Danke… sagte sie leise. Das ist wahrscheinlich das Sinnvollste.
Die nächste Woche war unerwartet ruhig. Friederike erschrak kaum noch bei jedem Klingeln oder nächtlichen Geräusch. Konstantin schickte mal wieder ein, zwei fiese, aber harmlose Nachrichten. Kein Paket, keine zufälligen Begegnungen.
Langsam fiel die Angst von ihr ab eine sanfte Skepsis aber blieb. Vielleicht hat er wirklich aufgegeben?, fragte sie sich immer wieder, als sie auf den stillen, sonnigen Hof schaute.
Eines Morgens, als Licht durch die Vorhänge fiel, fühlte Friederike sich mutig genug, allein einkaufen zu gehen nur kurz zum Bäcker. Viele Leute, alles öffentlich, was sollte passieren?
Almut nickte ihr zu:
Richtig so! Man kann ja nicht für immer im Versteck leben.
Fünf Minuten Fußweg, der Wind angenehm, alles wirkte leichter. Der Verkäufer grüßte freundlich, es roch nach frischen Semmeln, aus dem Radio kamen harmlose Charts.
Friederike packte Kuchen, Brot, Schokolade, Joghurt in den Einkaufskorb wie früher, als ihr Herz noch nicht voller Furcht war.
An der Kasse stand der Stammkunde, der im Haus auch als Sicherheitskraft tätig war, grüßte herzlich:
Na, Friederike! Lange nicht gesehen! Alles in Ordnung?
Ja, alles gut, log sie und spürte, wie die Normalität wohltat. Ich glaub, ich habe mich endlich gesammelt.
Im Plausch tauschten sie noch zwei, drei Worte. Dann trat sie auf die Straße hinaus, ihr Herz etwas leichter und das Gesicht in der Frühlingssonne.
Doch nur wenige Schritte vom Eingang entfernt, packte sie urplötzlich eine starke Hand am Arm. Eisenhart, bedrohlich. Friederike fuhr herum und spürte den Albtraum zurückkehren.
Vor ihr stand Konstantin. Das Gesicht verzerrt vor Hass, die Augen glühten kalt.
Hast du gedacht, ich finde dich nicht? zischte er ihr ins Ohr, und Schauer liefen ihren Rücken hinab. Komm schön leise mit mir, sonst passiert etwas, was du bereuen wirst.
Für einen Moment war Friederike wie gelähmt. Die Gedanken sprangen, das Herz jagte.
Der Sicherheitsmann, der ihre veränderte Körpersprache bemerkt hatte, kam sofort alarmiert nach draußen.
Gibt’s ein Problem? fragte er laut und trat energisch näher.
Konstantin veränderte blitzartig seinen Ton:
Kein Problem. Kein Grund, sich einzumischen, ich spreche nur mit meiner Frau!
Ihre Frau möchte das offenbar nicht? wandte sich der Sicherheitsmann an Friederike; sie schüttelte heftig den Kopf.
NEIN! Ich will das nicht, KEIN bisschen!
Konstantin zog die Lippen zu einer Fratze:
Und wer fragt dich?
Ich rufe gleich die Polizei, sagte der Sicherheitsmann.
Konstantin riss Friederike ein letztes Mal an sich und stieß sie dann auf den Gehsteig. Sie knallte auf die Knie, spürte die Schmerzen, aber ließ keinen Ton heraus.
Wir sehen uns wieder, warf er über die Schulter, den Blick voller Drohung, ehe er ging.
Lassen Sie mich Ihnen helfen… Der Sicherheitsmann eilte herbei, reichte ihr die Hand. Haben Sie sich verletzt?
Friederike nickte nur. Die Hände bluteten, die Knie waren aufgeschürft alles nebensächlich gegenüber dem Entsetzen, das sich erneut in ihr festfraß. Sie blickte Konstantin nach und wusste: Das war erst der Anfang…
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Die Nacht brachte keine Ruhe, kein Vergessen. Friederike lag wach und starrte in die Dunkelheit, vor ihrem inneren Auge liefen die Szenen immer wieder ab: Konstantins Hand am Arm, das zischende Drohen, der rettende Eingriff
Eines ließ ihr keine Ruhe: Woher wusste er, dass sie genau heute im Laden sein würde? War er doch heimlich um die Wohnung geschlichen?
“Kaffee oder Tee. Süßes. Alles, was hilft.” Friederike stieg vorsichtig aus dem Bett, um Almut nicht zu wecken, schlich in den Flur.
Doch als sie die Küche fast erreicht hatte, erklang aus Almuts Zimmer eine gedämpfte Stimme. Almut telefonierte leise, verschwörerisch.
Friederike hielt inne. Erst dachte sie: “Redet sie mit einem Freund?” Aber etwas an Almuts Tonfall ließ sie weiterhorchen.
Konstantin, sei nicht so blöd. Musstest du sie gleich am Laden packen? Jetzt kriegt sie Panik und hockt wieder wochenlang in der Wohnung. Warte einfach und wenn’s soweit ist, schicke ich dir die Adresse. Vielleicht krieg ich sie ja in die Psychiatrie eingewiesen…
Die Worte trafen Friederike wie ein Schlag. Sie erstarrte, die Hand am Mund, unfähig, einen Laut hervorzubringen. Almut ihre Freundin, der einzige Mensch, dem sie vertraute!
Okay, sprach Almut weiter, aber verpatz es nicht noch mal…
Friederike wich zurück. Sie wusste: Sie muss sich sofort in Sicherheit bringen, ihren Bruder anrufen.
Sie flitzte zurück ins Zimmer, schloss ab, griff zum Handy mit zitternden Fingern und rief Hendrik an.
“Bitte, bitte, geh ran” In der Dunkelheit tippte sie die Nummer, Tränen brannten in den Augen.
Fünfzehn Minuten später klingelte die Tür. Sie hastete zum Spion, Erleichterung, als sie Hendrik erkannte.
Du bist es, Gott sei Dank! Sie schloss ihn in die Arme, das Zittern wich erst langsam.
Wer ist so früh am Morgen schon da? maulte Almut verschlafen aus ihrem Zimmer, kam im Bademantel in den Flur: Was ist denn los?
Mein Bruder, sagte Friederike schneidend ruhig. Sag mal, Almut, wie lange schon bist du mit Konstantin in Kontakt? Versuch gar nicht erst zu lügen ich hab euer Gespräch eben gehört.
Almut hielt inne. Einen Moment lang blitzte Unsicherheit auf, dann zuckte sie arrogant die Schultern:
Er hat mir Geld geboten. Weißt du, wie schwer das ist ohne eigene Wohnung? Ich wollte endlich unabhängig sein, und du du lebst hier, vertraust mir alles an und ich… hatte einfach die Chance, es mal besser zu haben.
Ich hätte meine Freundin niemals verraten, sagte Friederike leise.
Tja, steh erst mal selbst an meiner Stelle, fauchte Almut. Konstantin hat gutes Geld geboten, da sag ich nicht nein! Und dich will sowieso niemand in Schutz nehmen das siehst du doch.
Schon wieder dieser Konstantin! knurrte Hendrik, der seine Schwester enger an sich zog. Vielleicht sollte ich ihm ein paar Gliedmaßen brechen, dann haben wir endlich Ruhe!
Es war halb ernst, halb Wut, aber die Drohung war nicht zu überhören.
Damit du eingesperrt wirst? Friederike blickte ihn an. Wir verschwinden, und zwar für immer dann findet er mich nie mehr!
Sie wandte sich noch einmal an Almut, in ihrer Haltung lag nichts als eisige Konsequenz:
Pack deine Sachen. Ich geb dir 30 Minuten.
Es ist mitten in der Nacht! Wohin denn?
Zu Konstantin. Oder wohin auch immer mir egal!
Hendrik verschränkte die Arme, sein Blick ließ keinen Zweifel: Wenn Almut nicht freiwillig ging, würde er nachhelfen.
Stille. Almut sah noch einen Moment von einem zum anderen, aber dann knallte sie die Tür hinter sich zu.
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Friederike zog mit ihrer Familie Mutter, Vater, Brüder ans andere Ende Deutschlands. Sie wählten einen kleinen, malerischen Ort an der Nordseeküste, niemand wusste, wohin es sie verschlagen hatte. Sie änderte ihren Mädchennamen, löschte alle Profile, war wie verschwunden.
Konstantin gab zunächst nicht auf, suchte über Bekannte, beauftragte dubiose Privatdetektive vergeblich. Bald schon verlor er die Spur komplett.
Sein eigenes Leben geriet aus den Fugen. Er fand eine neue Freundin Lena. Anfangs war alles gut, doch bei der ersten Streit eskalierte Konstantin, schlug zu aber Lenas Familie hatte Einfluss. Die Anzeige wurde nicht stillschweigend abgewimmelt, sondern bis zum bitteren Ende verfolgt. Konstantin bekam eine Gefängnisstrafe.
Almut hatte es nicht besser. Nach ihrer Vertreibung war sie obdachlos, suchte verzweifelt nach einem reichen Mann. Sie ließ sich in einen Autohändler ein, der allerdings verheiratet war. Dessen Ehefrau engagierte, ohne großes Aufsehen, zwei stämmige Herren: Nach einem kurzen Gespräch war für Almut alles vorbei sie verbrachte eine Woche mit gebrochener Nase daheim. Seitdem war ihr Ruf ruiniert, ihr Gesicht verunstaltet.
Sie landete irgendwann bei einem Mann namens Uwe einfacher Arbeiter, trank zu viel, schlug und brüllte. Sie konnte nicht mehr weg, dazu fehlte Geld, Freunde, Perspektive und jedes Mal, wenn sie in den Spiegel sah, erinnerte sie sich an ihr Leben zuvor.
Friederike indes erholte sich langsam. Sie begann als Buchhalterin in einer kleinen Firma, fand neue Freunde, lernte die Schönheit des Nordens lieben: das Salz in der Luft, das Lachen der Menschen, die Abende am Strand. Ihr Alltag wurde ruhig, sicher, freundlich. Sie besuchte mit Kollegen das Kino, las Romane im Park, genoss ihr neues Leben.
Ab und zu kamen Erinnerungen, aber sie wusste: Das war alles vorbei.
Sie hatte ein neues Leben und in diesem Leben war für solche Menschen kein Platz mehr.





