Elfriede Scholz erfuhr, dass ihr Mann sich mit der Nachbarin von der Schrebergartenkolonie traf, als sie eines Sommertages Salz borgen wollte, um Gurken einzulegen.
Die Tür öffnete Johann. Ihr Johann. In geblümten Unterhosen und einem alten Unterhemd.
Hans? brachte sie nur heraus, kurzatmig vor Überraschung.
Er wurde erst bleich, dann rot, dann wieder bleich.
Elli… Ich kann dir alles erklären, ganz ruhig…
Hinter seinem Rücken tauchte Frau Gertrud auf, die Nachbarin, seit Jahren schon Witwe. Sie trug nur einen Bademantel, offensichtlich hastig übergeworfen.
Hans, wer ist da? fragte sie und erblickte Elfriede. Oh…
Drei Menschen standen sich gegenüber, verstummt. Dann drehte sich Elfriede um und marschierte zum Gartentor. Rasch, beinahe laufend.
Elli! Warte! Johann stürzte hinterher, vergaß Unterhemd und Unterhose ganz.
Die ganze Gartenstraße, in der zwölf Parzellen lagen, strömte nach draußen, neugierig.
Johann Scholz, der angesehene Vorsitzende der Schrebergartenkolonie, jagte ohne Hose die Straße entlang hinter seiner Frau her.
Jetzt fehlt nur noch das Zirkuszelt, murmelte Nachbar links, Manfred.
Elfriede rannte in das Gartenhaus, schloss sich von innen ein. Johann rüttelte an der Tür.
Elli, mach auf! Bitte, lass mich erklären!
Wie lange? schrie sie durch die Tür.
Was?
Wie lange läuft das schon?
Johann verstummte. Dann ganz leise:
Achtzehn Jahre.
Elfriede glitt an der Tür zu Boden. Achtzehn Jahre. Gerade so alt, wie der jüngere Sohn, Sebastian, geworden war.
Das Tor quietschte, und Gertrud betrat den Hof. Sie hatte sich inzwischen angezogen und ordentlich das Haar gekämmt.
Elfriede, komm raus. Wir müssen reden.
Verschwinde, du Schlange!
Elfriede, wir sind doch erwachsene Menschen. Kein Grund für ein Theater.
Elfriede riss sich zusammen, trat heraus. Setzte sich auf die Stufen. Gertrud nahm neben ihr Platz. Johann trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.
Achtzehn Jahre , sagte Elfriede. Wie konnte es dazu kommen?
Erinnerst du dich an deinen Rücken? Damals, als du zwei Monate im Krankenhaus lagst?
Sie erinnerte sich. Die OP, die lange Genesung. Johann ließ damals alle Gurken vertrocknen, die Tomaten verfaulten. Sie hatte sich ohnehin gewundert, wie er das alles schaffte, ohne sie.
Ich habe ihm geholfen, fuhr Gertrud fort. Im Garten, beim Kochen. Tja, und dann…
Dann ist es passiert, murmelte Johann.
Achtzehn Jahre! Elfriede sprang auf. Achtzehn Jahre habt ihr mich zum Narren gehalten!
Niemand hat dich für dumm gehalten, Gertrud stand ebenfalls auf. Du hast dein Leben gelebt, wir unseres.
Eures? Er ist mein Ehemann! Vater meiner Kinder!
Und? Ist er weniger dein Mann geworden? Sind die Kinder nicht immer satt gewesen? Ist der Garten nicht gepflegt?
Elfriede holte aus, doch Johann hielt ihre Hand fest.
Elli, bitte nicht.
Fass mich nicht an!
Sie riss sich los und ging ins Haus zurück. Draußen sammelte sich schon eine kleine Meute. Neuigkeiten verbreiten sich schnell zwischen den Lauben.
Weitergehen! fuhr Johann die Menge an. Die Vorstellung ist vorbei!
Doch keiner ging. Sie standen, tuschelten. Lieselotte von Parzelle drei rief laut:
Ich habs immer gewusst! Ich hab sie gesehen!
Unsinn, brummte ihr Mann. Du bist doch blind wie ein Maulwurf.
Du bist der Maulwurf! Ich sehe alles!
Abends saß Elfriede auf der Veranda. Johann ging seine Runden.
Elli, sag doch was.
Was soll ich sagen? Scheidung?!
Was denn für eine Scheidung? Wir sind beide über sechzig!
Und? Nach sechzig scheiden sich doch auch Leute.
Elli, sei nicht kindisch. Wir sind vierzig Jahre verheiratet!
Davon hast du achtzehn mit Gertrud gelebt.
Ich habe mit dir gelebt! Bin halt manchmal zu ihr rüber.
Manchmal?
Naja… zweimal pro Woche?
Zweimal die Woche, achtzehn Jahre lang nennst du das manchmal? Das ist ein System, Hans.
Er setzte sich ihr gegenüber.
Elli, versteh doch. Ich liebe dich. Aber Gerti… sie ist anders.
Besser?
Nicht besser. Einfach anders. Mit dir bin ich zuhause, Familie, Alltag. Bei ihr… fühle ich mich frei. Mal raus aus allem.
Frei, sagt er! Ich will auch mal frei sein! Aber ich leg Gurken ein!
Eben! Du bist immer beschäftigt! Gurken, Tomaten, Marmelade! Und ich will manchmal einfach nur dasitzen, ein Bier trinken, reden.
Mit mir kann man nicht reden?
Mit dir spreche ich über Kinder, Enkel, den Garten. Mit ihr reden wir über das Leben, über Bücher.
Die liest Bücher? Elfriede war erstaunt.
Sie kannte Gertrud als eine einfache Frau vom Dorf.
Ja, sie liest. Gedichte sogar. Sie mag die Klassiker.
Fast hätte Elfriede gelacht. Johann und Klassiker.
Und jetzt?
Weiß nicht. Du entscheidest.
Ich? Und du?
Ich… Elli, ich bin zweiundsechzig. Was für Entscheidungen noch? Man will die letzten Jahre in Ruhe verbringen.
Mit wem? Mit mir oder mit ihr?
Johann sagte nichts. Dann:
Geht es vielleicht mit beiden?
Elfriede griff nach dem ersten, was greifbar war ein Glas mit eingelegten Gurken. Sie warf es nach ihm. Traf nicht. Das Glas zerschellte an der Wand.
Raus hier!
Johann ging. Natürlich zu Gertrud.
In der Nacht schlief Elfriede nicht. Sie dachte nach. Vierzig Jahre gemeinsam, zwei Kinder, Enkel, gemeinsam das Haus gebaut, den Garten angelegt.
Und achtzehn Jahre Lüge.
Oder war es überhaupt eine Lüge? Treue hatte er nie geschworen. Nie ewige Liebe. Er hatte einfach gelebt. Mit ihr gelebt, mit Gertrud gelebt.
Am nächsten Morgen kam Hildegard von Parzelle fünf vorbei mit einem Kuchen.
Elfriede, halt die Ohren steif.
Danke.
Wenn du willst, mein Mann könnte dem Hans mal die Meinung sagen.
Ach was. Wir sind doch keine Kinder.
Und was machst du jetzt? Was hast du vor?
Ich weiß es noch nicht.
Ich hätte ihn rausgeschmissen. Ein Betrüger!
Hilde, geht dein Mann eigentlich nicht zu Lieselotte auf Parzelle drei?
Hilde wurde rot.
Wie kommst du darauf?
Ich sah euch beiden im Himbeergarten.
Das… das war nicht das, wonach es aussah!
Und was dann?
Sie haben über Beete gesprochen!
Umarmend?
Hilde stapfte beleidigt davon und schlug die Tür hinter sich zu.
Bis Mittag kam Manfred.
Frau Scholz, äh… soll ich den Acker umgraben? Brauchen Sie Hilfe?
Danke, nein.
Ach, übrigens, Johann hat gesagt, er kommt abends, um Sachen zu holen.
Welche Sachen? Seine geblümte Unterhose?
Öhm… weiß nicht. Ich sollte es nur ausrichten.
Ausgerichtet. Dankeschön.
Manfred trat von einem Bein aufs andere und verschwand.
Abends kam Johann tatsächlich. Mit gesenktem Kopf.
Ich hole meine Sachen.
Dann geh.
Er ging ins Haus. Elfriede folgte ihm.
Hans, warum eigentlich Gertrud? Was ist so besonders an ihr?
Er blieb stehen.
Ich weiß nicht. Es ist einfach… mit ihr ist es leicht.
Mit mir ist es schwer?
Nicht schwer. Aber… du weißt immer alles. Wie man Gurken einlegt, wann die Kartoffeln in die Erde müssen, wie viel die Enkel zum Geburtstag kriegen sie weiß nichts, fragt mich.
So fühlst du dich klug?
Eher gebraucht.
Elfriede setzte sich aufs Bett.
Hans, ich weiß auch nicht alles. Ich wüsste zum Beispiel nicht, wie man lebt, nachdem der Ehemann achtzehn Jahre die Nachbarin besucht.
Elli…
Ich weiß auch nicht, wie ich den Kindern ins Gesicht sehen soll. Was sage ich den Enkeln, warum Opa jetzt bei der Nachbarin wohnt?
Musst du nichts erklären!
Doch, Hans. Morgen kommt Sebastian mit Frau und Kind. Was sage ich?
Sag, wir hätten gestritten.
Johann setzte sich dazu.
Elli, lass es uns vergessen. Ganz einfach.
Wie das?
Wir tun so, als wäre nichts geschehen.
Klar. Gerti übern Zaun, du siehst sie täglich und wir tun so, als wär nichts?
Was schlägst du vor?
Elfriede trat ans Fenster. Hinterm Zaun goss Gertrud Gurkenpflanzen. Im selben Bademantel.
Weißt du was? Wohn wo du willst. Aber die Enkel erklärst du selber.
Elli!
Und die Gurken dieses Jahr legst du selbst ein.
Ich kann das nicht!
Gerti hilft dir. Ist doch gebildet, kriegt sie schon hin.
Johann ging mit seinem Bündel. Wieder guckten alle Nachbarn.
Nachts weckte ein Geräusch Elfriede. Jemand schlich im Garten; jemand fluchte. Sie trat nach draußen. Johann stand an den Tomaten.
Was machst du da?
Die Tomaten prüfen. Morgen solls heiß werden, da müssen sie gelüftet werden.
Hans, du bist doch ausgezogen.
Ausgezogen. Aber die Tomaten sind trotzdem meine! Die hab ich gepflanzt!
Na und?
Na und! Ich lass sie doch nicht vertrocknen!
Er öffnete das Gewächshaus und verschwand über den Zaun.
Am nächsten Morgen kam Sebastian mit seiner Familie.
Mama, wo ist Papa?
Bei der Nachbarin.
Zu Besuch?
Er wohnt dort.
Sebastian setzte sich.
Wie bitte?
Elfriede erzählte ihm alles, kurz und knapp.
Achtzehn Jahre!? Mama, das heißt…?
Ja, seitdem Sebastian geboren wurde.
Sebastian ging zu Gertrud. Elfriede hörte Lärm, dann schlug das Tor zu. Der Sohn kam zurück.
Papa sagt, er liebt euch beide.
Uns ist das Glück hold…
Mama, vielleicht stimmt das ja. Vielleicht liebt er euch wirklich.
Sebastian, könntest du das? Zwei Frauen lieben?
Ich? Niemals. Aber ich bin ja auch nicht Papa. Der ist eben… besonders.
So ist es wohl.
Der Enkel kam aus dem Garten gerannt.
Oma, warum wohnt Opa jetzt bei Frau Gerti?
Weil Opa ihr bei der Gartenarbeit hilft, erklärte Elfriede.
Sebastian lachte laut auf.
Mama, du bist spitze!…
Wieder Lärm in der Nacht. Elfriede trat hinaus. Johann goss die Beete.
Hans, bist du verrückt geworden?
Dürre! Sonst geht alles kaputt!
Deine neue Familie kann gießen, gieß dort.
Gerti hat ihren eigenen Garten!
Dann gieß den!
Aber diesen hier ist mir auch lieb!
Elfriede nahm den Schlauch.
Komm, dann helf ich dir. Sonst stehst du bis Mittag.
Sie gossen schweigend, setzten sich danach auf die Bank.
Hans, ehrlich, wen liebst du mehr?
Elli, was sind das für Fragen?
Ganz normale Fragen. Wen?
Johann dachte nach.
Euch beide. Aber auf verschiedene Art.
Wie meinst du das?
Du bist für mich wie die rechte Hand. Vertraut, selbstverständlich. Ohne dich gehts nicht. Sie ist wie ein Feiertag. Selten, aber besonders.
Hans, und wenn es mich nicht mehr gäbe?
Pfui! Was redest du!
Nein, im Ernst. Würdest du sie heiraten?
Weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht.
Warum nicht?
Weil sie dann auch zur rechten Hand werden würde. Und die Feiertage verschwänden.
Du brauchst also beide?
Sieht so aus.
Sie saßen, blickten zu den Sternen.
Hans, vielleicht brauche ich ja auch einen Feiertag.
Johann fuhr hoch.
Was? Einen anderen Mann?
Wer weiß? Manfred hat seine Hilfe angeboten.
Manfred?! Dem zeig ichs!..
Was willst du tun? Du wohnst doch bei Gerti.
Das ist was anderes!
Was ist da anders?
Elli, du bist nicht so!
Woher weißt du das? Vielleicht lese ich auch Klassiker!
Tust du nicht.
Dann fange ich halt an.
Johann stand auf.
Elli, jetzt mal ernsthaft. Was willst du?
Was wollte sie? Dass alles wie früher wird? Aber wie früher würde es nicht mehr werden. Nie wieder.
Ich will einfach in Ruhe leben. Gurken einlegen. Enkel hüten.
Und?
Und sonst nichts. Wohn, wo du willst.
Wie meinst du das?
Wenn du zu Gerti willst, geh. Willst du nach Hause, komm. Aber lüg mich nie wieder an.
Und wenn Manfred zu dir kommt?
Der kommt nicht. Er hat was mit Hannelore von Parzelle neun.
Woher weißt du das?
Hans, ich bin nicht blind. Ich habe nur geschwiegen. Wie alle anderen auch.
Am nächsten Morgen kam Johann mit seinem Bündel.
Elli, darf ich wirklich zurück?
Die Liege steht im Schuppen. Pumpe die Matratze auf und schlaf dort. Wird schon passen.
Er stellte das Bündel ab und holte die Luftpumpe.
Die Nachbarn schauten, tuschelten. Gertrud goss die Gurken, tat aber, als wäre nichts.
Sebastian trat auf die Veranda.
Mama, ist Papa zurück?
Er pumpt die Matratze im Schuppen auf.
Du bist wohl heilig? Hast du ihm verziehen?
Ich bin nicht heilig, eher dumm. Und ändern kann man sich jetzt eh nicht mehr.
Nach einer Woche zog Johann vom Schuppen wieder ins Haus. Nach einem Monat merkte Elfriede gar nicht mehr, dass er weiterhin zweimal pro Woche zu Gertrud ging. Nach einem Jahr redete niemand mehr im Schrebergarten darüber.
Es kamen neue Geschichten auf. Lieselotte von Parzelle drei ging zu Peter auf Parzelle fünf, und Hildegard zog zu Lieselottes Mann.
Elfriede legte wieder Gurken ein. Johann baute ein neues Gewächshaus. Gertrud las ein Buch hinterm Zaun.
Am Ende: Was ist Liebe? Vierzig Jahre zusammenleben, Kinder großziehen, ein Haus bauen, einen Apfelbaum pflanzen.
Und akzeptieren, dass nichts vollkommen ist. Nicht einmal die Liebe.
Schon gar nicht die Liebe.




