Also, ich muss dir unbedingt erzählen, was mir im letzten Jahr passiert ist. Das klingt fast wie aus einem alten Roman oder einem schlechten Fernsehfilm, aber so ist das Leben manchmal.
Stell dir vor: Mein Mann, Dieter, lebte im Schlafzimmer, und der neue Freund meiner Frau im Wohnzimmer. Ich schwöre, das ist kein Witz.
Es fing in einer ganz gewöhnlichen Woche an. Ich saß am Küchentisch in unserer Altbauwohnung in Köln-Sülz, las die Zeit, als Ingrid, meine Frau seit fünfunddreißig Jahren, plötzlich in der Küchentür stand. Sie stützte sich mit der Schulter an den Rahmen und sagte ganz ruhig:
Dieter, reg dich nicht auf, hör mir zu. Thomas wird demnächst bei uns einziehen. Am Wochenende bringt er seine Sachen.
Ich habe wirklich geglaubt, ich hätte mich verhört. Ich legte die Zeitung weg, rieb mir wie immer, wenn ich nervös bin den Nasenrücken unter der Brille, zog sie wieder an und blickte sie an, aber das Gesicht war wie aus Stein.
Meinst du das ernst? Wo soll er denn schlafen, auf dem Balkon?, stammelte ich.
Sie zuckte nur mit den Schultern und sagte: Nein, natürlich in der Stube. Wir haben ja den ausziehbaren Sofa. Gewöhn dich besser daran. Es ist für alle das Beste.
Ihr Ton war so, als würde sie mir berichten, sie habe einen neuen Kühlschrank bestellt. Ich war ehrlich sprachlos. Fünfundsechzig Jahre alt, das Gehör schon nicht mehr das Beste hab ich richtig verstanden? Ingrid, willst du, dass dein Thomas hier wohnt, mit in unserer Wohnung in Köln?
Nicht dein Thomas, sondern einfach Thomas, korrigierte sie, jetzt mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Kühle. Er zieht hier ein, Dieter. Die Wohnung ist groß genug. Du hast dein Zimmer, ich meins, und Thomas wirds sich im Wohnzimmer gemütlich machen. Du schaust so, als ob ich dich gefragt hätte.
Ich hatte keine Worte. Im Kopf nur Durcheinander. Wir sind fünfunddreißig Jahre verheiratet, weißt du? Ich war Jahrzehnte Maschinenbauingenieur bei Ford, bin seit drei Jahren in Rente. Ingrid hat Musik unterrichtet in der Musikschule Harmonie, hat dort den Kinderchor geleitet. Ruhiges Leben, naja, vielleicht ein wenig langweilig, wie sie später mal sagte. Ich hab meine Modelleisenbahn zusammengebaut, abends auf dem Balkon Pfeife geraucht, Ingrid hat Socken gestrickt oder irgendwelche skandinavischen Krimis verschlungen. Die Kinder sind längst aus dem Haus. Jan lebt in Hamburg, Claudia in München ein Anruf zum Geburtstag, das wars.
Und plötzlich alles anders. Vor einem halben Jahr fing Ingrid an, sich plötzlich die Haare zu färben, kaufte sich teure französische Parfums, hing ständig am Handy. Ich dachte erst, das wäre so eine späte Midlife-Krise. Dann sagte sie irgendwann, sie habe sich verliebt. In Thomas. Einen Fernfahrer, zehn Jahre jünger. Sie wolle nochmal neu anfangen, das Leben genießen, bevor es vorbei ist. Sie schlug sogar vor, sich scheiden zu lassen aber ich wollte das nicht. Ich dachte, du, das geht vorbei. Die Frau ist doch keine zwanzig mehr, sie wird sich einkriegen.
Tja, und dann steht dieser Satz im Raum:
Thomas zieht bei uns ein.
Ich frage sie noch: Bist du dir klar, was das ist? Ich kann ja irgendwie den Seitensprung ertragen, aber dass er hier wohnen soll, vor meinen Augen?
Sie zuckt wieder nur mit den Schultern. Ob vor dir oder nicht, was macht das für einen Unterschied? Du hockst doch eh in deinem Zimmer mit deinen Modellen. Dann hock halt weiter. Thomas ist ein netter Kerl, besser als manch anderer.
Ich hatte die Fäuste unter dem Tisch geballt. Am liebsten hätte ich was geschrien, irgendwas geworfen. Aber ich war nie einer für laute Töne. War schon immer sachlich, ein typischer Rheinländer eben. Aber es half nichts. Sie hatte entschieden.
Ich werde das nicht zulassen, sagte ich noch, wie ein kleines trotziges Kind. Das hier ist auch meine Wohnung.
Unsere, Dieter, meinte sie trocken. Du kannst mich nicht rauswerfen, und wenn du ausziehst, teilen wir die Wohnung auf oder verkaufen sie. So oder so, ich bleibe mit Thomas zusammen. Da war die Falle. Wo sollte ich mit meiner Rente hin? Nach Hamburg zum Sohn? Die Familie dort hat schon genug um die Ohren. Und warum sollte ich alles aufgeben?
Samstag zieht er ein, sagte Ingrid nur noch und ging.
Ich hab mir zum Trotz erst mal eine Tasse Schwarztee gemacht (natürlich in meiner Lieblingstasse Bester Ingenieur), im Wohnzimmer meine Pfeife geraucht, obwohl sie das immer hasste. Mir wars jetzt egal.
Samstag früh klingelt es an der Tür. Ich mach auf. Da steht dieser Typ: Thomas. Groß, mit breiten Schultern, Rucksack auf dem Rücken, Sporttasche in der Hand. So um die fünfzig, wie Ingrid sagte. Mit wettergegerbtem Gesicht, kräftigen Arbeiterhänden, Jeans und kariertem Hemd. Er lächelt, reicht mir die Hand.
Dieter, grüß dich, ich bin Thomas. Ingrid hat ja sicher schon alles erzählt. Ich gehe zur Seite, lasse ihn rein, schüttle die Hand aber nicht. Ingrid kommt strahlend angelaufen. Super, dass du da bist! Siehst du, Dieter wartet schon.
Warten das ist auch ein Ausdruck, oder? Ich gehe in die Küche, gieße mir Tee ein, höre, wie sie ihm das Sofa im Wohnzimmer zeigt. Dann kommen beide in die Küche. Ingrid nimmt meine Lieblingstasse aus dem Schrank, gießt für ihn ein. Mein Kinn klappt fast runter.
Wollt ihr auch Tee?, frage ich trocken. Macht euch selbst.
Thomas lächelt nur: Machen wir.
So zog hier also alles ein. Thomas Werkzeug in der Diele, seine Klamotten im Wohnzimmer, seine rasierwassergetränkten Duschgels im Bad. Und alles mit Ingrids Segen.
Erste Woche habe ich mich fast gar nicht aus meinem Zimmer getraut. Meine Insel: Bett, Bücherregal, Modelle. Da habe ich früher Jans Kinderzimmer ausgebaut. Ich hörte sie lachen, fernsehen, reden im Wohnzimmer abends schloss ich meine Tür, drehte das Radio lauter, damit ich sie nicht höre. Ganz ehrlich, ich habe mich wie ein Geist in meiner eigenen Wohnung gefühlt. Ingrid rief mich manchmal zum Abendessen, aber ich aß lieber Brot mit Wurst und trank Tee am Schreibtisch.
Doch irgendwann begegneten wir uns zwangsläufig. Die Wohnung ist nicht groß. Eines Morgens stehe ich in der Küche, will mir Spiegeleier machen. Da brät sie gerade Bacon, Thomas liest MEINE Zeitung am Küchentisch.
Guten Morgen, murmelte ich.
Morgen, Dieter! Na, magst du mit uns frühstücken?, lachte Ingrid.
Nein, danke.
Ich klopfe also mein Ei auf, brate es in einer eigenen Pfanne. Da fragt Thomas plötzlich: Sag mal, Dieter, wo ist deine Pfeife? Ich würde jetzt auch rauchen.
Ich sehe ihn entgeistert an. Die ist bei mir. Und bleibt es auch.
Ach komm, sei mal nicht so, lacht er. Wir können doch Freunde sein.
Wir sind keine Freunde und werden es nie sein, sagte ich nur.
Ingrid schüttelt den Kopf: Thomas meint es nur nett.
Ich hab die Pfanne stehenlassen, bin rüber ins Zimmer und habe meine halbgaren Eier in den Müll geschmissen, so frustriert war ich.
Es wurde immer schlimmer. Thomas machte es sich richtig bequem: Er montierte ein eigenes Schlüsselbrett in der Diele, stellte die Möbel im Wohnzimmer um, mein alter Stehlampe musste auf den Balkon (passt nicht rein, meinte er). Ingrid unterstützte das alles. Im Bad drängten sich seine brutalen Duschgele zu meinen, im Kühlschrank lagen ihre Spezialjoghurts und seine Lieblingswurst, meine Sachen waren ganz unten und wurden weniger.
Das Gerede im Haus ging natürlich auch los. Frau Lehmann von gegenüber, über siebzig, drückte mir irgendwann ihre Anteilnahme aus: Ach Dieter…wir haben gehört halt die Ohren steif, Junge.
Ich nickte müde. Was hätte ich sagen sollen? Und dann kam noch der Spruch der Nachbarin Stock tiefer: Dietchen, du musst mehr auf den Tisch hauen! Männer haben das Sagen!
Bin einfach weitergegangen. Die Frau ist siebzig und meint, es ist einfach, den Neuen rauszuwerfen. Ich bin über sechzig, das Herz macht schon Mucken und Thomas ist so ein Schrank. Da kann ich wenig machen.
Abends am Küchentisch, sie sitzen im Wohnzimmer, trinken Rotwein, lachen. Ich hab keine Butter mehr im Kühlschrank, alles ist voll mit ihren Lebensmitteln. Ich koche mir einen Tee, esse mein trockenes Brot und schaue aus dem Fenster. Da draußen lebt die Welt normal weiter, nur bei mir nicht.
Irgendwann packte Thomas morgens dann meinen Bademantel aus dem Schrank. Mein alter karierten, fünfzehn Jahre alt.
Was soll das?, fragte ich.
Ach, der Bademantel? Ingrid hat gesagt, den brauchst du eh nicht mehr.
Doch, den brauche ich. Aber lass mal, trag ihn ruhig, sagte ich und ging raus. Ingrid lachte. Über mich.
Einmal ging ich ins Wohnzimmer zum Bücherregal da sitzen sie eng umschlungen, sie schaut ihn verliebt an. Ich will nur ein Buch holen.
Nimms ruhig, Dieter, sagt Ingrid.
Ich nehme Tschechow, sie küssen sich vor meinen Augen. Ich fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen. Die Demütigung war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Nicht nur betrogen, sondern auch vorgeführt. Was ist aus uns geworden? Früher: Parksparziergänge in der Südstadt, Sonntagskuchen, Nachrichten im Ersten zusammen.
Nach und nach wurde ich unsichtbar. Ich stand früher auf, ging raus, spazierte im Volksgarten, las in der Stadtbibliothek. Abends zurück, Tür zu. Aber ein bisschen Alltag blieb leider. Küche, Bad man kommt nicht aus.
Dann kam Ingrid abends zu mir ins Zimmer, ohne anzuklopfen, setzte sich an mein Bett. Dieter, wie lange willst du so weiter machen? Deine beleidigte Art bringt doch nichts. Wir sind alle erwachsen.
Ingrid, du hast deinen Freund in mein Leben geholt, wohnst mit ihm und willst, dass ich so tu als seis normal.
Versuch doch mal, dich anzupassen. Menschen ändern sich, das Leben auch. Ich habe dir das früher alles nicht gesagt, aber ich war nie wirklich glücklich. Klar, wir hatten Familie, ich habe dich auch gern, aber mir fehlte was.
Und ich? fragte ich.
Du hast doch deinen Kram Modelle bauen, Pfeife rauchen, deine Bücher. Eintönig halt. Ich wollte noch was anderes erleben.
Ich drehte mich zum Fenster. Und warum warst du dann so lange mit mir verheiratet?
Weil ich damals dachte, es geht nicht anders. Aber heute kann ich wählen.
Sie ging. Ich blieb sitzen, fühlte mich leer. Sie hatte auch irgendwo recht. Ich war nie aufregend. Aber ich dachte, das reicht, wenn alles verlässlich ist. Offenbar nicht.
Einige Tage später kam sie dann mit den Papieren für die Scheidung.
Wir verkaufen die Wohnung, Dieter. Ich bleibe mit Thomas zusammen, du bekommst deinen Anteil. Du kannst in eine kleine Mietwohnung ziehen oder zu Jan oder Claudia. Überleg es dir.
Ich unterschrieb aus Routine, nicht aus Überzeugung. Was hätte ich noch kämpfen sollen? Mein Anteil reichte für eine Einzimmerwohnung in Chorweiler-Ecke oder vielleicht flatterte ich als Untermieter bei irgendwem unter.
In der letzten Nacht in der alten Wohnung ging ich alle Zimmer ab, erinnerte mich, wie wir hier gelebt hatten das Kinderzimmer, die Familienfeste, Weihnachtsabende. Alles vorbei.
Am nächsten Tag packte ich meine Modelle, Bücher, ein paar Pullover, alles in drei Kisten. Taxi bestellt, Fahrer trug mir alles hoch fünfter Stock ohne Aufzug, irgendwo in Mülheim. Aber wenigstens: endlich Ruhe.
Ich wusste nicht, was kommt. Aber zum ersten Mal seit Monaten war da so eine Art Erleichterung. Keine Türgespräche mehr. Kein Fremder im Bademantel.
Meine neue Bude war klein, aber mein. Ich stellte die Modelle auf, stapelte die Bücher ins Regal, saß abends mit Tee und Pfeife vorm Fenster, hörte den Kindern auf dem Hof beim Spielen zu.
Wenige Tage später meldete sich Claudia, meine Tochter. Papa, Mama hat gesagt, ihr wohnt jetzt getrennt. Was ist los?
Ich wollte ihr nichts sagen, sie hat ihren Alltag. Ich murmelte nur, das Leben verändere sich eben.
Langsam gewöhnte ich mich an den Rhythmus. Spaziergänge entlang des Rheins, Buch aus der Bücherei. Sogar im Gemeinschaftsgarten habe ich ein, zwei Gespräche mit Nachbarn geführt.
Eines Tages traf ich dort eine ältere Dame, sie hieß Helga. Wir setzten uns in die Sonne, sprachen über Musik, das Wetter. Sie war auch geschieden. Kein Roman, keine Romanze aber mal wieder reden tat gut.
Ingrid rief noch einmal an. Dieter, Thomas ist weg. Sagt, ich sei ihm zu alt. Ich weiß gar nicht mehr weiter.
Ich hörte sie weinen. Irgendwie tat sie mir sogar leid. Aber ich fühlte hauptsächlich eine große Leere. Ingrid, sagte ich leise, ich wünsch dir trotzdem alles Gute. Aber helfen kann ich dir nicht.
Ich legte auf.
Abends saß ich bei offenem Fenster, hörte, wie die Straße ruhig wurde. Es war kalt, aber mir war warm. Draußen fiel der erste Schnee. Kids bauten unten einen Schneemann, lachten, riefen durcheinander. Das Leben war nicht vorbei es hatte sich nur verändert.
Und weißt du was? Das Leben ging weiter. Nach und nach wurde das Zimmer wohnlicher, ich kaufte mir einen gemütlichen Sessel, streichte die Wand in warmem Gelb. Helga kam ab und zu vorbei. Wir tranken Kaffee, sprachen über die Bücher, die sie gerade las. Kein Hollywood-Ende, kein neues Glück aber ein friedlicher Alltag.
Manchmal dachte ich zurück an den Anfang. An den Abend, als Ingrid sagte: Dieter, Thomas zieht bei uns ein. Gewöhn dich dran.
Ich habe mich dran gewöhnt nur anders als sie dachte. Ich habe gelernt, alleine zu leben, mir ein neues Zuhause zu schaffen. Nicht weil ich es wollte, sondern weil es nötig war und das ist okay. Es war kein Ende, sondern ein Neuanfang. Das Alte blieb in der Sülzer Wohnung. Das Neue begann in Mülheim, mit Pfeife am Fenster, neuen Bekanntschaften und ganz viel Zeit für mich selbst.
Heute weiß ich, es war das Beste, was mir passieren konnte. Auch, wenns verdammt weh tat. Aber jetzt bin ich angekommen. Und das ist eigentlch das Wichtigste.





