Einfach nur ein Außenstehender

Nur ein Fremder

Es ist schon viele Jahre her, dass ich an jenem Frühlingstag im Wohnzimmer meiner Mutter stand, voller Vorfreude und Hoffnung. Damals hieß ich noch Anna-Maria, meine Mutter hieß Ingrid, und mein Stiefvater war für mich stets Herr Riedel auch wenn ich ihn manchmal aus alter Gewohnheit Papa nannte.

Kaum war mein Verlobter aus der Altbauwohnung im Münchner Glockenbachviertel verschwunden, wendete ich mich, ungeduldig wie immer, an meine Mutter.

Na, Mama, was meinst du? Mein Herz klopfte, als hätte ich gerade ein großes Abenteuer hinter mir. Er ist wirklich großartig, findest du nicht? Er gibt mir das Gefühl, beschützt zu sein!

Ich reckte das Kinn, als stünde ich schon mit weißem Kleid und Brautstrauß auf dem Standesamt. Ich erwartete beinahe, dass Ingrid mein Schwärmen teilen würde.

Sie saß jedoch ganz ruhig im Ohrensessel, den alten Stern aufgeschlagen, und sah mich forschend an.

Es ist deine Entscheidung, Anna-Maria. Rein äußerlich sympathisch, gut erzogen, ehrgeizig. Wenn seine Einkünfte wirklich so sind, wie er sagt warum nicht? Aber ob du glücklich wirst, das liegt bei dir.

Im selben Moment breitete sich ein glückliches Strahlen auf meinem Gesicht aus, wie bei jemandem, dem ein großer Stein vom Herzen fällt. Ich machte einen kleinen Freudensprung.

Ich habs gewusst! Du bist auf meiner Seite!

Mein Blick wanderte zu Herrn Riedel. Er hatte sich in einem anderen Sessel niedergelassen, das Smartphone in der Hand, die Brille auf der Nasenspitze. Er sah mich lange an, als überlege er, wie viel er sagen sollte.

Und, was meinen Sie dazu? Drängelte ich, gespannt auf eine männliche Meinung.

Er schmunzelte beinahe spöttisch und lehnte sich zurück.

Dein Felix ist eitel, von sich überzeugt und in erster Linie an seinem eigenen Vorteil interessiert, erwiderte er ruhig, direkt in meinem Tonfall. Du idealisierst ihn und weigert dich, seine Schwächen zu sehen. Wenn du ihn heiratest, wirst du es nach ein, zwei Jahren bitter bereuen.

Seine Worte hallten nach im Raum war nur noch das Ticken der alten Junghans-Uhr zu hören.

Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. Immer, wenn jemand meine Entscheidungen infrage stellte und ganz besonders Herr Riedel , traf mich das wie ein Nackenschlag. Ich verschränkte die Arme und war den Tränen nahe.

Du bist ja der große Lebensberater! Nur du weißt, wie ich leben soll, ja? Es rauschte mir in den Ohren.

Herr Riedel zuckte nicht mal mit der Wimper. Er war mein Temperament gewöhnt; nach all den Jahren konnte ihn das nicht mehr beeindrucken.

Ja, da kenn ich mich besser aus als du. Du bist im Kopf noch ein Kind, auch wenn du zwanzig bist. Und wenn ich mir anschaue, mit wem du deinen Umgang pflegst, muss ich leider sagen, dass du kein Händchen für Menschen hast. Überlege dir gut, was du tust.

Er hatte Recht. Leider. Meine Freunde waren selten so, wie sie taten: In finanziellen Notlagen waren sie auf einmal verschwunden, einige hatten mich schon reingelegt und doch ließ ich mich immer wieder von nettem Lächeln oder schönen Worten blenden.

Lediglich meine beste Freundin, Katharina, hielt wirklich zu mir. Und manchmal was ich nie zugeben wollte stimmte sie mit Herrn Riedel überein, was Felix betraf. Aber in meinen Augen war Felix einfach perfekt: groß, tatkräftig, charmant. Alles andere blendete ich aus.

Ich kenne mich nicht aus? Wirklich jetzt? Meine Stimme überschlug sich und ich war kurz davor, auszuflippen. Warum frage ich dich überhaupt, du bist doch nur irgendein Kerl, den Mama halt ein bisschen länger behalten hat als die anderen! Du bist mir völlig egal! Und du hast mir nichts zu sagen!

Es war alles nur Empörung und Trotz, ungefiltert und unüberlegt.

Herr Riedel senkte ruhig den Blick, atmete tief durch. Dann sah er mich fest an.

Ich habe dich großgezogen, seit du fünf Jahre alt warst. Ich habe dir bei den Hausaufgaben geholfen, war am Spielplatz dein Vorbild, habe dir Geschichten erzählt. Und jetzt bin ich für dich nur noch irgendwer? Weshalb zuletzt hast du mich Papa genannt, wenn ich dir nichts bedeute?

Die Worte kamen schwer über seine Lippen. Es war selten, dass er sich verletzlich zeigte, aber diesmal nicht zu sprechen hätte er nicht gekonnt.

Ich hielt inne. Ich wollte eine bissige Antwort geben, doch dann stockte ich, mein Blick schweifte zu den vertrauten Möbeln im Wohnzimmer.

Weil Mama das halt so wollte!, sagte ich, die Lippen zusammengepresst. Die Erinnerung an meinen leiblichen Vater, den ich selten gesehen und der sich nie für mich interessiert hatte, tauchte in mir auf. Sicher, er war nicht zuverlässig, aber wenigstens ist er mein Vater. Und Sie bleiben trotzdem ein Fremder!

Ich sagte es schärfer, als ich es eigentlich fühlte. Ganz ehrlich: Teil von mir wusste, dass Herr Riedel am Ende wirklich für mich da gewesen war. Er war viel eher ein Vater für mich gewesen als mein leiblicher Vater. Aber ich konnte es nicht zugeben; nicht jetzt.

Die Kränkung saß tief. Und ich wollte nicht zeigen, wie sehr mich seine ablehnende Haltung gegenüber Felix verletzte auch, weil ich fürchtete, dass er Recht hatte. Den Stiefvater störte immer, dass ich mich von ihm eingeengt fühlte und er sich überall einmischte. So war es schon seit meiner Pubertät: Nicht zu spät heimkommen, Mit denen solltest du dich nicht abgeben, Mach erst die Hausaufgaben, dann kannst du rausgehen. immer wieder neue Forderungen, immer strenger.

Für mich war das Kontrolle. Und mit Katharina sprach ich oft darüber. Sie versuchte, mich zu beschwichtigen: Das machen alle Väter so, Anna-Maria. Sie meinen es nur gut. Aber ich sah das anders: Herr Riedel war eben nicht mein leiblicher Vater und hatte mir nichts vorschreiben.

Mama dagegen war ganz anders: entspannt, verständnisvoll, mischte sich kaum ein. Sie war nie nachtragend, ließ mir Freiraum, zwang mir nichts auf.

In jenem Moment, mitten im Streit, blieb Herr Riedel wie versteinert sitzen. Sein Gesicht wurde aschgrau, die Schultern fielen, sein Blick, sonst offen und bestimmt, wurde leer. Leise fragte er:

Fremd?

Kein Zorn lag in seiner Stimme, nur blankes Entsetzen.

Alle diese Jahre hatte er alles getan, um mir Vater zu sein. Viele Male hätte er gehen können seine Ehe mit Mama war schon lange nicht mehr glücklich. Er blieb nur wegen mir. Aus Verantwortung, vielleicht auch aus Liebe.

Genau, fremd!, rief ich noch einmal, doch da sah ich, wie sehr ihn das getroffen hatte. Sein Gesicht verlor an Farbe, der Körper sackte etwas zusammen, die Augen blickten leer. Ich bekam ein ungutes Gefühl.

Ingrid, bis dahin stumme Beobachterin, räusperte sich und blätterte weiter in ihrem Magazin, als ginge sie das alles nichts an.

Sie hat schon ein bisschen Recht, meinte sie trocken. Du bist nie offiziell Vater geworden. Da kannst du nicht viel erwarten.

Das traf Herrn Riedel wie ein Peitschenhieb. Er stand langsam auf, wankte leicht, doch sein Stolz hielt ihn aufrecht.

Wenn ich für euch beide tatsächlich nur ein Fremder bin, dann macht es keinen Sinn mehr, zusammenzuleben, sagte er mit brüchiger Stimme. Ich reiche die Scheidung ein. Ihr habt 24 Stunden, um eure Sachen zu packen. Das ist mein Haus.

Er ging wortlos ins Gästezimmer und schloss die Tür, der Klang des Schnappschlosses hallte durch die Wohnung, so endgültig, dass selbst ich einen Moment lang erstarrte.

Im Dunkel des Gästezimmers, nur das Ticken der Uhr hörend, saß er lange und dachte nach. All die Jahre hatte er mich als seine Tochter gesehen, war auf Elternabenden, half beim Fahrradfahren lernen, hat meine Tränen getrocknet. Für nichts? Nun war alles aus: ein abgeschobener, einsamer Mann.

Als Mama sich endlich aufraffte und es versuchte, ihn zurückzugewinnen, sprach sie nur von Alltagskomfort, nicht von Gefühlen. Wir sind doch seit fünfzehn Jahren zusammen, das zählt doch was! Sei nicht nachtragend sie hat sich halt im Zorn vergriffen Aber es war zu spät.

Schon am Abend erkannte ich: Herr Riedel war für mich kein bloßer Mitbewohner er war tatsächlich meine Familie gewesen. Doch der Gedanke kam zu spät.

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Die Scheidung verlief ohne großes Drama, zügig und sauber. In wenigen Wochen war alles unter Dach und Fach. Mama musste zurück in ihre alte Wohnung am Isarring eine abgewohnte 2-Zimmer-Bleibe aus besseren Zeiten, mit abplatzendem Putz, knarrenden Dielen und klappernder Heizung. Wildfremde Stimmen, Straßenlärm, kein Vergleich zu unserem alten Zuhause.

Mir fiel das schwer. Jahrelang hatte ich mein eigenes Zimmer, moderne Möbel, einen großen Spiegel, einen riesigen Schrank. Nun saß ich in einem winzigen, von Nikotin verfärbten Zimmer.
Erst hoffte ich, es werde sich einrichten aber die Enge, der Lärm, das Gefühl, eingepfercht zu sein, machten alles schlimmer.

Felix mein Verlobter rückte jetzt in meinen Fokus. Ich wollte unbedingt aus diesem Loch und heiratete ihn überhastet. Die standesamtliche Trauung war schlicht, essen waren wir in einem kleinen bayerischen Wirtshaus, bloß mit den Allerengsten.

Doch schon nach einigen Monaten keimte Zweifel auf: Herr Riedel hatte leider recht gehabt. Felix wurde kühler, weniger aufmerksam. Geschenke blieben aus, Spaß und Unternehmungen wurden zur Last. Und plötzlich hieß es: Zeit, dass du auch Geld reinbringst. Anna, eine Familie lebt von beiden Seiten. Jeder muss etwas beitragen. Also arbeitete ich neben dem Studium, Felix wurde immer geiziger.

Es folgten Streit, Vorwürfe wegen Kleinigkeiten, Diskussionen ums Geld, um Aufgabenverteilung, um Zukunftspläne. Ich redete mir ein, ein Kind könne vielleicht alles besser machen. Felix blockte ab: Jetzt doch nicht, ist doch noch gar nicht alles geregelt! Irgendwann kam die Tochter trotzdem Leni wurde geboren.

Doch jetzt tat jeder Schritt doppelt weh. Felix verlor endgültig das Interesse, ich fühlte mich alleingelassen, unverstanden, einsam. Es war nicht mehr zu ertragen. Eines Morgens, als Felix arbeiten war, packte ich das Notwendigste zusammen: ein paar Kleider, Papiere, Windeln, ein bisschen Spielzeug. Ich verließ die gemeinsame Wohnung.

Zurück zu Mama in die kleine, laute Wohnung. Drei Wochen lang hielt sie noch durch, dann platzte ihr der Kragen.

Anna-Maria, so geht es nicht weiter. Ich kann mit dem ständigen Kindergeschrei nicht leben. Du musst dir etwas Eigenes suchen!

Mama, wie denn? Die Krippe nimmt Leni erst ab einem Jahr, und ich finde als Freiberuflerin kaum einen Job, von dem wir leben könnten!

Das ist nicht mein Problem, sagte sie kühl. Ich hab dich großgezogen, das war mein Part. Jetzt musst du dir selbst helfen. Für Enkelkinder war das nie der Plan.

Nachsatz, als sie mir ein paar Fünfzig-Euro-Scheine auf den Küchenstuhl legte: Ich helfe ein wenig aber auf Dauer kann ich das nicht mehr. Ich will mein Leben zurück, Anna.

Was blieb mir übrig? Homeoffice-Jobs: Texten, kleine Übersetzungen, irgendwas mit Online-Shops. Einkünfte bescheiden, alles auf Sparflamme. Ich zählte jeden Cent; aber auf eine neue Wohnung reichte es nicht.

Und dann fiel mir zum ersten Mal seit langer Zeit Herr Riedel ein. Vielleicht vielleicht würde er ja wenigstens Leni sehen wollen. Vielleicht öffnete sich für uns doch eine Tür?

Ich zog Leni das schönste Kleidchen an, packte ein paar Windeln und primelte mich auf, so gut es ging.

Herr Riedel öffnete mit überraschter, aber kühler Miene. Er trug bequeme Hausschuhe, hatte einen Tee in der Hand.

Hallo, stotterte ich, beugte mich vor und stellte die Kleine in den Mittelpunkt. Ich wollte dich deinen Enkel kennenlernen lassen.

Er stellte den Becher beiseite, sah auf Leni, dann auf mich. Kein Lächeln, kein Ausdruck.

Ich verstehe. Was willst du von mir, Anna-Maria? Ich bin für dich doch ein Fremder, damals war das zumindest so. Und sie ist mir ebenso fremd wie du. Ruhig, aber schneidend.

Mir stockte der Atem. Ich rang einen Moment nach Worten, die freundlich und reumütig klingen sollten.

Ich habe mich damals geirrt, flüsterte ich. Du warst immer für mich da, näher als jeder andere

Er schnitt mir das Wort ab. Du warst mir so nah, dass du dich jahrelang nicht gemeldet hast? Ein bisschen spät für Entschuldigungen, findest du nicht? Damals vielleicht, ja. Jetzt erwarte ich nichts mehr.

Er wich zurück, verschränkte die Arme. Es war klar, er würde mir nicht helfen. Beschämt, ein Kloß im Hals, wandte ich mich ab und schob die Kinderkarre zurück durch den Flur.

Draußen war die Abendluft kühl. Ich lief durch Haidhausen, unter kahlen Kastanien, und mein Herz war schwer, so schwer wie nie.

Leni nörgelte in der Karre, ich zog ihr das Deckchen zurecht. Mir wurde klar: jetzt war ich wirklich ganz auf mich gestellt.

Die Nacht war still, nur das Geräusch der Straßenbahn entfernte sich. Ich lief einfach immer weiter, ohne Ziel. Doch dann hielt ich inne, atmete tief durch und schwor mir: Für Leni werde ich kämpfen, das Leben noch einmal ganz neu aufbauen mit meinen eigenen Händen.

Am nächsten Tag setzte ich mich an den alten Laptop, den ich aus der Wohnung mitgenommen hatte. Ich schrieb meine festen Auftraggeber an, bat um einen kleinen Vorschuss. Einer zahlte rasch, für den anderen sollte ich noch eine Woche warten. Ich suchte eine einfache Bleibe, groß war der Anspruch nicht. Dann meldete ich mich im nächsten sozialen Beratungszentrum, um nach Unterstützung für Alleinerziehende zu fragen.

Nach wenigen Tagen fand ich eine kleine Dachkammer am Stadtrand. Kein Luxus, aber sauber, warm und wenigstens hatte Leni einen eigenen Platz zum Schlafen.

Die ersten Monate waren ein Kampf. Manchmal reichten die Euros nur für das Nötigste. Aber mit der Zeit wurde alles ein wenig leichter. Ich baute mir ein Netzwerk von Kunden auf, lernte, das Geld einzuteilen, fand hin und wieder eine Tagesmutter.

Leni und ich machten daraus das Beste: sonntags gingen wir Enten füttern, sammelten Kastanien in der Au. Ich lernte, glücklich zu sein über kleine Dinge: warmen Tee, ein Lächeln, Lenis erste Schritte.

Eines Tages sah ich Herrn Riedel auf einer Bank im Park beim Zeitunglesen. Ich ging weiter. Er bemerkte mich wohl, aber sagte kein Wort. Und ich merkte plötzlich: Ich habe es auch ohne ihn geschafft.

Nicht perfekt, nicht einfach, aber ich war weitergegangen und hatte für meine Tochter gesorgt. Und ich wusste: Solange wir zwei zusammen sind, gibt es immer einen Weg nach vorne komme, was wolle.

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Homy
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Das Missverständnis