Er hat sich nicht für mich entschieden
Anna schob ihren Einkaufswagen gemächlich durch die weiten Gänge des Edekas am Rande von München. Ein feiner Duft von frischen Brötchen und Mandarinen lag in der Luft typisch für Samstagvormittag. Es war gerade mal zehn Uhr, die meisten Münchner schnupperten wohl noch unter der Bettdecke oder sortierten die Wäsche, und so herrschte im Laden eine wohltuende Ruhe. Keine Schlangen an der Kasse, niemand packte Hektik aus, auch das übliche Stimmengewirr fehlte. Nur einige wenige Kundinnen und Kunden schlenderten durch die Regale, prüften nachdenklich Joghurts oder Pasta und schoben sich freundlich aneinander vorbei.
Anna fühlte sich an solchen Tagen irgendwie frei. Sie hatte es sich längst zur Routine gemacht, einmal in der Woche einen Großeinkauf zu erledigen. Danach konnte sie beruhigt wissen: Das, was für das Sonntagsfrühstück oder den Abend fehlt, ist im Haus kein hektischer Sprint durch die überfüllten Supermärkte unter der Woche nötig. Ihr Wagen war schon teils befüllt: knackige Gurken und Tomaten, ein Bund frische Petersilie, ein Netz Kartoffeln, Haferflocken, Vollkornbrot und zwei Becher Biojoghurt. In ihrer Hand die Einkaufsliste, auf der sie gedanklich abhakend weiterzog und doch schweifte ihr Blick immer wieder über die bunten Verpackungen, auf der Suche nach etwas, das ihr Herz spontan begehren könnte.
Gerade war sie bei den Konservendosen angekommen, als sie unvermittelt auf ein vertrautes Gesicht stieß. Zuerst glaubte sie, sich zu irren, aber beim zweiten Hinsehen war klar: Das war er wirklich.
Felix? Entglitt es ihr viel lauter, als sie wollte.
Felix stand tatsächlich ein Stück weiter beim Regal für Dosengemüse, in Begleitung einer älteren Dame, offensichtlich seiner Mutter. Die Dame inspizierte konzentriert die Etiketten, setzte gelegentlich ihre Brille auf und ab, stellte ihrem Sohn leise Fragen und Felix beugte sich geduldig zu ihr herab, beantwortete alles mit ruhiger Stimme.
Als Felix Annas Stimme hörte, drehte er sich um. Für einen Moment lag Irritation in seinem Gesicht, anscheinend sortierte er im Kopf, woher er diese Frau kannte. Dann legte sich ein bemühtes Lächeln auf seine Lippen.
Anna? Servus! Mit dir hätte ich jetzt echt nicht gerechnet. Seine Stimme klang angenehmer, als sie es sich eingestehen wollte.
Sie schluckte, zwang sich aber zur Fassung. Ein kleiner Schubs, und sie rollte ihren Wagen ein Stück zur Seite, um den Weg nicht zu blockieren. Ja, ist ewig her, oder? Wie läufts bei dir?
Nach ihrem letzten Treffen, fiel Anna auf, war tatsächlich über ein Jahrzehnt vergangen. Die vergangenen Jahre hingen plötzlich spürbar zwischen ihnen andere Zeiten, andere Menschen, andere Träume.
Ach, alles beim Alten. Arbeit, Zuhause, ganz die Routine halt, antwortete Felix, und zuckte mit den Schultern.
Jetzt richtete seine Mutter ihre volle Aufmerksamkeit auf sie. Sie musterte Anna mit leichtem Argwohn, der deutlich zeigte, dass sie sich fragte, wer diese Frau an der Seite ihres Sohnes war oder gewesen war.
Mama, das ist Anna. Wir hatten früher was miteinander zu tun. Felix wirkte, als müsste er erst im Kopf sortieren, wie er es am besten sagen sollte.
Ein leichtes Hm kam zurück, das deutlicher kaum heißen konnte: Hier interessieren nur Tomaten in Dosen. Felix, nimm doch bitte die hier, sind heute im Angebot. Mit einem Nicken zeigte sie auf ein Preisschild mit -30 %.
Also griff er automatisch zu, legte zwei Dosen in den Korb. Anna beobachtete sich selbst dabei, wie sie diesen Alltag betrachtete und fühlte dabei fast nichts mehr, jedenfalls keinen Knoten im Bauch, wie früher. Es war, als betrachte sie eine Szene von außen neugierig, aber ohne echte Verletzlichkeit.
War schön, dich mal wiederzusehen, sagte Anna schließlich und nickte zum Abschied. Und das war keine Floskel. Sie und Felix hatten mal sehr viel miteinander geteilt, auch wenn der Bruch damals tief war. Aber zu wissen, dass es ihm gut ging, war in Ordnung. Sie dachte an ihre damaligen Prognosen, und ja, sie war ohne jegliche Schadenfreude bestätigt worden. Machs gut.
Danke, du auch, erwiderte Felix mit demselben leicht gequälten Lächeln, wie zu Beginn des Gesprächs. Alles Gute.
Anna schob den Wagen weiter, sah, wie die Sonderangebote blitzten und doch war sie mit den Gedanken wieder ganz im alten Film, als hätte jemand ein vergessenes Polaroidbild aus dem Schrank geholt. Ihre Erinnerung war immer besonders eifrig, wenn es um solche Momente ging bunte Schnipsel, noch ein bisschen schmerzhaft, aber viel weniger brennend als früher.
Damals, in diesen Jahren, war alles so verheißungsvoll, so richtig Sie waren ein Jahr zusammen gewesen: Kaffee in kleinen Münchner Cafés, Kinodates mal waren es romantische Komödien, mal ernsthafte Dramen, und später diskutierten sie bis tief in die Nacht über die Handlung. Ihr liebster Zeitvertreib waren jedoch ihre endlosen Spaziergänge an der Isar oder durch Haidhausen ohne Ziel Zeit füreinander, Zeit fürs Reden und gemeinsames Schweigen.
Oft dachte Anna, dass das nun das berüchtigte für immer und ewig sei, von dem alle reden. Sie malte sich das so aus eine Wohnung voller Lachen und Wärme, Reisen, gemeinsame Erlebnisse. Es fühlte sich so stimmig und selbstverständlich an.
Bis das Leben, wie es halt ist, einen anderen Plan hatte.
Die ersten Störgeräusche kamen kaum merklich. Lange hatte sie überlegt, wie sie das Thema ansprechen könnte und irgendwann, bei Kerzenschein und Rotwein, tastete sie sich heran: Sag mal, willst du nicht, dass wir zusammenziehen? Wir sind ohnehin ständig beieinander, fast jedes Wochenende und unter der Woche auch oft
Sie ließ das Ende offen, gab ihm Raum. In Annas Augen blitzte leise Hoffnung: Sie wollte endlich ihr eigenes Zuhause mit ihm. Wer wünscht sich das nicht morgens Kaffee kochen nicht nur für sich, sondern auch für den Lieblingsmenschen? Ein gemeinsamer Abend, nicht mehr allein auf der Couch Das war doch nicht zu viel verlangt! Manche Paare heiraten nach ein paar Monaten!
Felix wurde zögerlich. Mit einem Mal klammerte sich seine Hand an die Tischkante, der Blick wanderte über die Zimmerpflanzen am Fenster. Nach spürbarer Pause brachte er heraus: Anna, du weißt doch, meine Mutter ist allein Sie braucht mich abends einfach. Sie ist es so gewöhnt.
Da war kein Vorwurf, keine Diskussion nur diese kindliche Überforderung angesichts eines Dilemmas.
Anna atmete tief durch. Sie verstand seine Verbundenheit zur Mutter und akzeptierte es. Aber sie glaubte, dass ein Gleichgewicht möglich sein müsste.
Wir lassen sie doch nicht im Stich, sagte sie sanft. Du kannst sie täglich anrufen, besuchen, ihr helfen aber unser Leben wäre unser eigenes. Möchtest du denn nie Kinder? Mal einen Hund haben, ohne dass jemand gleich einen Allergieanfall fürchtet?
Felix senkte den Blick, brummte etwas Unverständliches und murmelte dann: Sie hat mich ganz alleine groß-gezogen Ich bin alles für sie. Ich kann sie doch nicht plötzlich vor den Kopf stoßen. Lass uns noch ein wenig warten.
Da war einfach Fakt, kein Jammern. Felix Kosmos das war seine Mutter, ohne Einschränkung.
Anna ließ ihn gewähren. Er sagte kein klares Nein, aber auch kein echtes Ja. Damals dachte sie, besser so als gar nichts, immerhin sprach er oft und gerne von Hochzeit, Familie, Kind und Hund. Aber mit seiner Mutter im selben Haus? Undenkbar. Dafür war diese Frau viel zu vereinnahmend.
Also lächelte Anna. Okay, wir hetzen nicht. Später dann.
Der Abend verlief weiter nett. Aber tief drin fühlte sich Anna schon unruhig: Was, wenn dieses später nie kommt?
Und dann geschah das mit der Krankheit.
Völlig aus dem Nichts. Sie war abends wie gewohnt nach Hause gekommen, hatte gekocht, eine Folge ihres Lieblingskrimis geschaut und sich schlafen gelegt.
Am nächsten Morgen war sie einfach erledigt. Der Körper fühlte sich an wie mit Gewichten beschwert, jeder Knochen schmerzte, der Hals brannte, der Kopf hämmerte. Die Stirn glühte, ihr war kalt und heiß. Zitternd griff Anna zum Handy.
Sie rief Felix an, die Stimme schwach: Mir gehts richtig schlecht, ich kann kaum aufstehen. Kannst du Kannst du ein paar Tage kommen? Ich bräuchte einfach jemanden.
Felix zögerte nicht: Natürlich! Ich pack meine Sachen, brauchst du was aus der Apotheke?
Ich glaub, ich hab alles. Danke
Eine halbe Stunde später stand er tatsächlich da, eine Netztüte Orangen und Pfefferminztee unterm Arm. Anna, in den Lieblingspulli gewickelt und mit roter Nase, war einfach nur froh, nicht allein zu sein.
Felix war den ganzen Tag für sie da. Kochen, Tee machen, Temperatur messen, ihr die Medikamente bringen, an die sie selbst nie gedacht hätte. Sobald sie aufstehen wollte, schickte er sie zurück aufs Sofa: Lieber auskurieren! Ich mach das schon.
Am Abend fühlte sich Anna wirklich etwas besser. Sie hörte Felix klappern und spülen in der Küche und spürte, wie sie ruhiger wurde. Da war jemand, der blieb, wenn es schwierig wurde. Sie hatte das Gefühl, auf nichts verzichten zu müssen endlich.
Tja, bis zum Morgen.
Als Anna die Augen aufschlug, war sie allein. Kein Felix, keine Tasche, nix. Das Handy lag da aber ohne Anruf oder Nachricht. Noch halb verschlafen wählte sie seine Nummer.
Wo bist du?
Felix räusperte sich. Zu Hause Sorry. Mama gings gar nicht gut, sie war panisch, dass ich einfach wegbleibe, hat gleich hohen Blutdruck bekommen. Ich konnte sie einfach nicht allein lassen.
Anna stockte. Im Hals tats weg, aber sie biss sich auf die Zunge. Du lässt deine kranke Freundin sitzen, weil deine Mutter lieber will, dass du bei ihr bist?
Das ist nicht so gemeint Anna sie braucht mich halt. Ich kann nach der Arbeit vorbeikommen, bringe dir Medikamente, Essen, alles was du brauchst
Er redete ruhig, als wäre das eine logische Lösung. Für Anna war es schlicht das Signal, dass sie in seinem Lebensplan keinen Platz fand.
Und wie soll das in Zukunft laufen? Wenn wir wirklich mal heiraten? Ziehst du dann auch immer zu deiner Mama rüber, sobald sie Pieps sagt?
Felix klang beinahe beleidigt: Natürlich! Ich verlasse sie doch nicht. Wir würden ja eh bei ihr wohnen Was ist so schlimm daran? Sie hat nur mich.
Anna richtete sich im Bett auf, jetzt war sie wach und klar: Das ist nicht Familie. Wir sind keine Kinder mehr ich will eine eigene Wohnung, eigene Regeln. Nicht ständig jemanden im Nacken.
Ach komm. Meine Mutter wird immer an erster Stelle stehen! Du weißt doch, Mütter gibts nur einmal. Frauen viele aber Mama ist unersetzlich. Jetzt war da ein kurzer Ton von Ablehnung und gewisser Schulterzuckerei.
Anna schwieg einen Moment, dann ganz leise, ganz gefasst: Weißt du was, Felix? Dann brauchst du mich auch nicht mehr besuchen. Such dir doch eine, die mit euch im Dreierpack lebt.
Jetzt sei nicht kindisch, murmelte er, deutlich überrumpelt.
Anna beendete das Gespräch ruhig: Das wars wirklich. Vielleicht denkst du irgendwann um. Aber ich will mein Leben nicht warten und dann zusehen, wie ich doch immer zweite Geige spiele.
Er legte auf, nach kurzem, hilflosem Smalltalk. Und Anna? Sie kroch in ihren Lieblingssessel am Fenster, packte sich in einen Wollschal, wählte die Nummer ihrer besten Freundin und bat einfach nur: Bitte komm schnell, ich halt das hier nicht allein aus.
Zehn Jahre später, bei der Käsetheke im Edeka, dachte Anna wieder daran zurück. Und plötzlich war sie stolz auf sich, auf den Mut, ihren Weg gegangen zu sein.
Es war längst nicht alles einfach gewesen. Doch indem sie sich für sich entschied, öffnete sich ihr Leben neu.
Der Master an der LMU war anstrengend, aber sie zog es durch und bekam bald eine Stelle in einer großen Werbeagentur. Die Arbeit war anspruchsvoll, aber erfüllend, sie lernte tolle Kolleginnen kennen, neue Freundschaften entstanden. Reisen waren nun auch endlich möglich: Erst Prag, dann Strandurlaub in Portugal, Wochen in Italien Anna saugte die neuen Eindrücke geradezu auf.
In einer Tierhandlung sie wollte Futter für die Nachbarskatze besorgen verliebte sie sich spontan in ein quirliges, zierliches Kätzchen. Der bekam natürlich einen ehrwürdigen Namen: Ludwig. Fortan wartete Ludwig abends schnurrend und kletterte Anna im Morgengrauen auf den Bauch.
Und die Sache mit dem Kaffee? Nachdem sie alle Cafés in Schwabing durchgetestet hatte, legte Anna sich ihre eigene Baristaecke an, perfektionierte die Cappuccinokunst, weil: Wenn schon, denn schon.
Das größte Geschenk des Lebens kam dann auf einem Weihnachtsfest der Firma: Moritz, Kollege aus der IT-Abteilung, bodenständig, humorvoll, mit blitzender Ironie und dem Herz an der richtigen Stelle. Erst waren es nur lockere Gespräche über Technik und Romane, dann immer öfter gemeinsame Mittagspausen, irgendwann tranken sie morgens ihren Kaffee gemeinsam. Nach einem Jahr zogen sie zusammen, nach zweien wurde geheiratet im engsten Kreis, ganz ohne Tamtam.
Heute stand Anna an der Käsetheke, in Vorfreude auf den Geburtstagsabend. Bald würden sie zu dritt sein der Gedanke an das neue Familienmitglied ließ sie vor Aufregung fast kichern. Sie konnte kaum erwarten, dem kleinen Menschen all die Geschichten zu erzählen, ihn Mut zu lehren und Einfachheit zu lieben.
Mit einer Packung Ziegenkäse, Moritz heimlichen Favoriten, im Korb lächelte Anna. Dieser Samstagmorgen war schöner als jeder aus ihrer Vergangenheit und auch wenn nicht alles so gekommen war, wie sie es einst geträumt hatte, war ihr Herz ruhig.
Alles okay?, fragte Moritz plötzlich von hinten. Seine Hand landete leicht auf ihrer Schulter, und mit dem Klang seiner Stimme war die Welt wieder klar und ganz.
Ja, sagte Anna und schob sich an ihn. Ich musste nur kurz in die Vergangenheit reisen.
Wars ein schöner Ausflug? Ein Augenzwinkern, keine Eifersucht, nur ehrliches Interesse.
Ein lehrreicher, meinte Anna und betrachtete kurz ihr Spiegelbild im Käseglas. Manchmal muss man einen Umweg gehen, damit man weiß, was einem wirklich fehlt und was man nie gebraucht hat.
Moritz nickte. Der Grund, warum sie sich bei ihm so zuhause fühlte: Keine Fragen, kein Drängen. War sie bereit zu reden, hörte er einfach zu.
Jetzt flott heim, sonst ist mein Apfelstrudel kalt, grinste er. Du weißt doch, wie empfindlich ich da bin.
Anna lachte herzlich, offen, leicht. Eine Prise Normalität, genau das, was glücklich macht. Na klar! Und den Schokokuchen nehmen wir auch mit. Nur für dich!
Sie schoben gemeinsam den Wagen zum nächsten Regal, erledigten den Rest der Einkäufe. Zwischen ihnen war ein unausgesprochenes Einverständnis, und jeder Handgriff, jede Bemerkung, war eingespielt und leicht.
Und ein paar Gänge weiter, an den gewohnten Konserven, sortierte Felix noch immer die Dosen, seine Mutter im Rücken, alles nach ihrer Reihenfolge wie immer eben. Keine Veränderungen, kein Funken Nervosität; alle im eigenen Kosmos.
So war’s, so bliebs. Und Anna? Die durfte genau das leben, wovon sie als junge Frau geträumt hatte auch wenn der Weg dahin ein Umweg war.





