– Herr Michael, es wird Zeit. Ich würde Ihnen raten, mal zum Arzt zu gehen und Ihr Herz untersuchen zu lassen. – Was soll denn mit meinem Herz nicht stimmen? – Ich habe den Eindruck, dass Sie gar keins haben!

Johannes, es wird Zeit. Ich würde Ihnen raten, mal zum Arzt zu gehen. Das Herz kontrollieren.
Was soll denn mit meinem Herz nicht stimmen?
Ich habe den Eindruck, Sie haben gar keins mehr!

Für Lotte war es ganz und gar absurd, warum die Eingangstür, durch die sie mit ihrer Besitzerin nach jedem Spaziergang zurückkehrte, heute verschlossen blieb. Die Welt war fremd und krumm.

Sie saß gegenüber der abgewetzten braunen Tür in einer endlosen, flackernden Hausflurwelt, und der Wind trug den alten Geruch vom Treppenhaus herüber.

Vielleicht hab ich mich doch geirrt?, dachte sie. Nein!, antwortete sie sich selbst mit seltsamer Deutlichkeit. Die Gerüche sagen: Das ist das Richtige.

Ich muss nur ein bisschen warten. Und meine Besitzerin wird sich daran erinnern, wie sie mich ins Auto packte und irgendwo im Wald ausgesetzt hat. Das ist sicher ein Spiel! Und jetzt, da ich zurückgefunden habe, werde ich gewiss belohnt.

Draußen begann es zu schneien. Lottes Pfoten wurden kälter und kälter, der Körper zitterte unkontrolliert, kaum schützte noch das Fell.

Nur nicht an den Hunger denken. Gleich werden sie mich sehen, dann strahlen sie, und ich bekomme einen riesen Knochen aus dem Metzgerladen…

Die kleine zitternde Hündin näherte sich einem Schneehaufen und schleckte Schnee. Er schmolz im Maul, der Durst wurde gestillt, die Kälte aber wurde noch stechender. Viel schlimmer konnte es nicht werden.

Nur noch ein bisschen. Gleich lassen sie mich rein, und ich lege mich direkt neben die große weiße Heizung. Aber erst kommt der Knochen. Und dann Suppe. Danach kann ich wieder knurren, das gehört dazu. Ich begreife schon, es ist alles ein Spiel. Sie haben mich trainiert.

Aber ich habe unseren Innenhof viele Nächte lang gesucht. Neulich bin ich durch eine offene Eingangstür in ein warmes Treppenhaus geschlüpft. Am Morgen hat mich dann der Hausmeister mit dem Fuß geweckt. Ich habe gewinselt. Nicht mal mehr gebissen habe ich ihn.

Menschen sind sonderbar. Wenn ich mit Leine und Frauchen laufe, lächeln die meisten auf der Straße und grüßen sie freundlich. Aber wenn ich allein bin, schauen alle voller Abneigung, einer hat mich sogar getreten. Jetzt schmerzt meine Seite.

Stundenlang starrte Lotte unbewegt auf die Haustür. Niemand kam, niemand ging. Sie begann zu wimmern. In ihrem Kopf war alles schon warm und satt.

Nur noch ein Moment Geduld. Nur noch ein bisschen.

Der Schneesturm tobte los. Lotte spürte kaum mehr ihre Pfoten. Sie rollte sich zusammen wie eine Brezel. Allmählich glitt ihr Bewusstsein fort, irgendwo weit, weit weg. Aufgabe erledigt, denkt sie. Sie hat ihr Zuhause gefunden. Gute Arbeit. Jetzt schlafen…

Herr Dietrich saß allein in seiner Wohnung. Die Aufgaben häufen sich: Fernsehschauen, Tee trinken, wieder Fernsehen, dann vielleicht noch ein Nickerchen und natürlich erneut Tee ach, und niemals den Tagesablauf ändern! So geht das nun schon seit Jahren.

Früher, ja früher! Da war er Lokführer. Fühlte sich wie ein Teil der Adern Berlins, brachte die Menschen aus den Randbezirken mitten ins Herz der Stadt. Er war wichtig.

Bald ist wieder Frühling!, sprach er sich zu. Dann kann ich auf meinem kleinen Balkon Tomaten anpflanzen. Die Zeit vergeht, der Sommer kommt bald. Die kalten Tage schaffe ich auch noch.

Er ging in die Küche, setzte das Wasser auf. Früher konnte man mit Nachbarn erzählen, wenn der Kessel pfiff, oder einfach murren. Aber heute so, als hätte ihn jemand überlistet. Zu früh, zu plötzlich, hat ihn alles zurückgelassen.

Das Wasser kochte. Dietrich griff automatisch zum Schränkchen, wo der lose Tee lag. Nichts da. Nur die leere Schachtel.

Ach, verdammt noch mal. Ausgerechnet jetzt ist der Tee alle. Na gut, dann muss ich wohl doch in den Supermarkt, freute er sich insgeheim über die Abwechslung. Flink zog er seinen Mantel an und verließ die Wohnung.

Im Treppenhaus war es dunkel. Die Glühbirne fehlte wieder mal oder gestohlen? Naja, auf dem Rückweg bring ich eine neue mit, dachte er.

Kaum hatte er die Haustür nach draußen geöffnet und einen Schritt gemacht, stolperte er über etwas und wäre beinahe gefallen.

Ach du meine Güte!, murmelte er. Da lag etwas im Schnee ein Hund. Vom Schnee zugedeckt, kein Dampf mehr, kein Zucken.

Lotte!, erkannte er den Hund der Nachbarn aus dem Erdgeschoss.

Lotte, was ist los? Ganz schlecht gehts dir! Moment, ich klingel eben bei deinen Leuten. Dietrich rannte zum Türsprechgerät, suchte die richtige Wohnung, aber niemand meldete sich. Schließlich rief er Nachbarschaft an. Dort meldete sich jemand.

Hier ist ihr Nachbar. Wissen Sie, wo die Leute aus Wohnung vier sind? Deren Hund liegt beinahe festgefroren vorm Haus!

Die sind ausgezogen. Scheidung, glaube ich. Wohnung steht zum Verkauf.

Das ist doch verrückt… Danke.

Dietrich zog seinen Daunenmantel aus, bettete Lotte darauf, streichelte vorsichtig ihren steifen Pelz und schleppte sie ins Haus, vor die große Heizung. Dann klopfte er an die nächstbeste Tür im Erdgeschoss. Jutta öffnete.

Dietrich, was ist passiert?

Jutta, der Hund… Können Sie bitte schnell eine Tierärztin anrufen und uns ein Taxi bestellen?

Eine flüchtige, wirre Telefonkette:
Hallo, Anja?
Ja? Wer spricht?
Hier ist Ihr Nachbar aus der Siebzig, Dietrich. Jutta gab mir Ihre Nummer.
Ach, hallo Dietrich.
Es geht um Lotte.
Das ist Paulas Sache. Ich wollte diesen blöden Köter nie.
Nun ja wir sind gerade zur Tierärztin unterwegs
Dietrich, mein Ex hats nicht mal geschafft, genug für die Miete zu verdienen UND dann sowas, kauft sich einen Hund. Jahre lang hab ich alles geschmissen. Ich hab gebeten, er solle das Vieh abgeben, aber nicht mal das klappt. Auf Wiedersehen!

Hallo, Paula? Dietrich hier. Ihr Hund ist nach Hause gekommen!

Sie irren sich. Unsere Lotte ist damals im Wald abhandengekommen.

Ich bin sicher, sie ist es!

Nein, das ist unmöglich.

Ja … man tut ihnen Unrecht.

Ich verstehe Sie nicht.

Doch, das tun Sie. Und ehrlich? Gott sei Dank bin ich nicht mehr Ihr Nachbar.

Lotte lebte nun schon einige Monate bei Dietrich im Altbau. Die Ohrenspitzen fehlten, und auf zwei Pfoten trat sie ungern, aber sie gewöhnte sich daran.

Sie begann zu ahnen, dass es nie ein Spiel gewesen war. Eher das makabere Spiel zweier Erwachsener, und die einzige Regel, die Lotte hören sollte, war Stirb. Wirklich.

Doch sie hatte jetzt jemanden neuen. Sie gingen dreimal täglich spazieren. Dietrich war nicht mehr der Jüngste, aber klammert sich ans Leben, also sorgte Lotte für Bewegung für beide.

Seltsam, diese Menschen. Damals lachten sie, wollten doch fast mein Leben loswerden. Der hier brummt ständig, schüttelt den Kopf, ist aber gutherzig und aufmerksam. Lotte ist nicht dumm: Die einen werden gebissen, dem hier schenkt man Liebe!”

Da klopfte es an Dietrichs Wohnungstür.

Herr Dietrich, Paula hier. Ich wohne jetzt mit einem Mann. Er hat eine Tochter, sie wünscht sich einen Hund. Kann ich Lotte wiederhaben? Es tut mir leid, wie alles gelaufen ist. Wie viel schulde ich Ihnen für die Tierärztin?

Paula, ich verstehe Sie nicht.

Es war halt so Ich habe wenig verdient und

Dem Hund ist doch egal, wie viel du verdienst Lotte ist eben im Wald verschwunden.

Aber Dietrich, da sie liegt doch auf dem Teppich.

Das da ist Greta. Lotte hast du damals verloren.

Lotte, komm!

Der Hund rührte sich nicht, zeigte nur die Zähne.

Johannes, es wird Zeit. Ich würde Ihnen raten, mal zum Arzt zu gehen. Ihr Herz kontrollieren lassen.

Was soll denn mit meinem Herz nicht stimmen?

Ich habe den Eindruck, Sie haben gar keins mehr!

Und, was denkt ihr dazu? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und lasst ein Like da!

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Homy
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