Küken

Küken

Was schaust du denn so mürrisch? Reicht dir das nicht? Haut ihn weiter, Leute! Fridas zarte Stimme kippte fast ins Kreischen, und Daniel zog den Kopf zwischen die Schultern, während er unbeholfen die Fäuste hob.

Doch was brachte das schon? Wen sollte seine Haltung denn schon erschrecken? Dürr, klein, Arme und Beine wie Streichhölzer, und der Kopf wackelte auf dem dünnen Hals, als würde er gleich abfallen. Ein einziges Wort: Küken!

Diesen Spitznamen gab man ihm sofort, als er in seiner Pflegefamilie ankam.

Schau mal, Mama, er isst ja wie ein Küken! Er pickt das Essen direkt vom Teller!

Das hübsche, blonde Mädchen, das mehr wie eine zierliche Porzellanpuppe wirkte als ein Mensch, zog die Nase kraus und reichte ihm ihr Brötchen.

Nimm! Hier, iss! Hast du im Heim etwa nichts bekommen?

Daniel schüttelte nur den Kopf und nahm das Brötchen nicht. Seine Pflege-mutter, Ruth, stieß einen erschrockenen Laut aus sie fürchtete wohl, Daniels Kopf fiele dabei tatsächlich ab. Dabei wollte er ihnen nur nicht erklären, dass er gar keinen Hunger hatte. Im Heim gab es gutes Essen, doch viel aß er einfach nie. Das kam erst später. Irgendwann gewöhnte er sich an die großen Portionen, die Ruth mit großzügiger Hand auf die Teller legte, an den immer prall gefüllten Brotkorb, die Schale voller Äpfel und Plätzchen auf dem Tisch. Schließlich griff er auch nach Süßem, ohne zu fragen.

Ruth war anfangs den Tränen nahe, wenn Daniel zu ihr kam und fragte:
Darf ich einen Apfel nehmen? Nur einen, bitte

Natürlich, mein Lieber! Wieso fragst du denn? Nimm dir, iss nur, das tut dir gut!

Aber Daniel konnte nicht anders er brauchte die Erlaubnis. Nicht, dass ihm später jemand böse Blicke zuwarf und meinte, er habe sich einfach bedient.

Frida, das Porzellanmädchen, lachte über ihn. Doch anderen untersagte sie Spott zumindest eine Zeit lang. Daniel erkannte erst später, dass sie mit ihm spielte. Wie eine Katze mit einer Maus. Sie konnte Laune zeigen oder verzeihen alle im Haus von Ruth wurden irgendwann zu Fridas Spielzeug. Sie genoss es, wenn die Geschwister sich stritten.

Mariechen, du hast heute aber schöne Zöpfe! Und Mama hat sie wirklich toll geflochten! Warum sagt denn der Paul, dass du einen Misthaufen auf dem Kopf hast? Was ist eigentlich ein Misthaufen?

Die vierzehnjährige Marie, gutmütig wie Ruth, wurde zur Tigerin, wenn es um ihr Aussehen ging. Ihr Bruder Paul, den Ruth nach ihr aus dem Heim holte, brüllte, wenn er von der Schwester eine Ohrfeige kassierte und Frida lächelte nur. Was hatte sie Schlimmes gesagt? Eigentlich nichts! Einfach das in der Schule Gehörte wiederholt. Dass Paul so etwas nie gesagt hatte, war ja nur Nebensache vielleicht verwechselte Frida das Gespräch.

Oder Paul, der für den nächsten Vorlesewettbewerb übte, stellte sich vorm Spiegel hin und sagte Gedichte auf. Und schon war Frida zur Stelle:

Großartig, Paul, wirklich! Und warum behauptet Daniel, du wärst doof und könntest gar nichts?

Und Daniel, der mit der Zunge zwischen den Zähnen über der Deutschaufgabe brütete, wusste plötzlich selbst nicht, wie er auf dem Kinderzimmerboden gelandet war. Paul drosch auf ihn ein, achtete nicht darauf, dass Daniel sich die Zunge biss.

Und Frida stürmte schon zur Mutter in die Küche:
Mami! Die Jungs schlagen sich! Und Paul hat Daniel, glaube ich, richtig wehgetan!

Ruth rannte herbei Marie hatte zum Glück die Streithähne schon getrennt aber Ruth griff nach den Autoschlüsseln: ins Krankenhaus, man weiß ja nie!

Natürlich, Frida spann ihre kleinen Intrigen nicht tagtäglich. Das wäre zu durchschaubar. Nicht jeder sollte ahnen, worum es wirklich ging. Nein, sie war vorsichtig, ideenreich und manchmal hatte Daniel das Gefühl, Frida habe einen langen, rot schimmernden Fuchsschwanz, der siegreich wippte, wann immer sie wieder einen Streit entfachte.

Von allen Kindern Ruths, fünf insgesamt, war nur Niklas immun gegen Fridas Streiche. Was um ihn herum passierte, kümmerte ihn kaum. Niklas war ein Computerfreak mit eigenem Zimmer das hatte ihm Ruths ältester Sohn Simon überlassen. Dorthin kam kein Sterblicher freiwillig, aber Niklas war gar nicht böse; er ließ andere mal am PC mitspielen, erklärte Programme, zeigte neue Tricks, wenn er mal Zeit hatte. Sechzehn Jahre jung, aber ein begabter Programmierer, der schon Kopf und Kragen in “Arbeit” steckte. Jüngere zu betreuen, hätte er gern öfter gemacht aber wie kriegt man bloß mehr Stunden am Tag?

Daniel wusste längst, dass Niklas eine Freundin hatte für alle anderen noch geheim. Nur Ruth wusste Bescheid. Daniel durfte eines Tages sogar mitreden, als Niklas mit Katja per Skype sprach. Macht nichts, dass sie in verschiedenen Städten lebten und sich nur einmal am Bodensee gesehen hatten. Bald würden sie gemeinsam studieren, so hofft es Niklas. Und Daniel versteht ihn nur zu gut.

Denn er weiß, was Warten bedeutet.

Wenn man auf dem kalten Fensterbrett sitzt, die Beine dicht an den Körper gezogen und die Finger für Glück gekreuzt, leise flüsternd: So soll es sein! Bitte! Du kannst doch alles! Wer dieser geheimnisvolle “Du” war, dem Daniel all seine Sorgen anvertraute, wusste er selbst nicht doch irgendwie war ihm sicher: Da hört einer zu. Wenn Daniel bei Niklas im Zimmer sitzen durfte, still in der Ecke, den dicken, rot-getigerten Kater Aristoteles auf dem Schoß, dann wusste er hier ist er sicher. Niemand tut ihm etwas, niemand schimpft. Er konnte seinen Gedanken nachhängen, heimlich Reime fangen, dem schnurrenden Kater die Ohren kraulen und ganz ruhig sein. Niklas redete dann leise vor sich hin, mal zu ihm, mal zum Kater, mal zu sich selbst, tippte Programme, brummte oder fluchte vor sich hin, dann reckte er sich und rief mit ausladender Geste:

So, meine Herren! Jetzt wird erst mal was gegessen!

Daniel sauste dann selig Richtung Küche, stolperte fast über den umherschwänzelnden Kater, um Tee zu kochen, wie Ruth es ihm zeigte, und lauschte Niklas Geschichten: Vom Ferienlager, von der Uni, von Simon, der für Niklas zugleich großer Bruder, Mentor und bester Mensch der Welt war neben Ruth natürlich.

Simon war Ruths einziger leiblicher Sohn alle anderen waren offiziell Pflegekinder, doch längst Brüder und Schwestern geworden.

Simon, liebevoll nur Simi genannt, war schon lange erwachsen und wohnte nun in München. Er arbeitete an der Universität und besuchte seine Mutter zweimal im Jahr. Wenn Simi da war, war das Haus erfüllt von Frieden und Freude. Daniel hatte das erst zweimal erlebt, aber jedes Mal hätte er sich gewünscht, Simon bliebe für immer denn solange der große Bruder da war, wagte niemand jemanden zu kränken. Doch das ging nicht in München warteten Simons Familie, Arbeit und seine kleine Tochter. Die war so niedlich, dass Daniel beim ersten Aufeinandertreffen fast verlegen erschrak, als sie zu ihm auf den Schoß kletterte. Simons Frau, Katja, beruhigte ihn:

Keine Angst! Sie will dich einfach kennenlernen. Du bist ihr Onkel, ein starker Onkel. Sie deine Nichte.

Die Kleine tätschelte ihn an der Wange und schlang die Ärmchen um seinen Hals. Und Daniel brach hemmungslos in Tränen aus so laut, dass alle erschraken.

Zum Glück verstand Ruth sofort, was vorging. Sie drückte ihn an sich, hob ihn in den Arm, wie einst Simon seine Tochter gehalten hatte, und wiegte ihn, bis er sich wieder beruhigte.

Keiner lachte ihn damals aus nicht einmal Frida. Die stellte sich neben Ruth und streichelte ihm beruhigend den Rücken.

Weine nicht, Küken! Oh, entschuldige, Daniel! Alles wird gut!

Warum sie das tat, wusste Daniel nicht. Eben noch ärgerte sie ihn, dann tröstete sie ihn. Frida war seltsam, doch Daniel hatte schon ganz andere erlebt. Und es gab ja noch Niklas, Marie und Paul. Sie waren in Ordnung, nur noch unerfahren im Umgang miteinander.

Und dann war da noch Ruth Daniel nannte sie meist noch heimlich so, es fiel ihm schwer, sie einfach Mama zu nennen. Zu groß war die Angst, dass er missverstanden, zurückgeschickt werden könnte wie bei seiner ersten Pflegefamilie. Dort kam ein leibliches Kind, und Daniel war überflüssig geworden. Zwei fremde Frauen, die eine in Uniform, holten ihn ins Heim zurück. Bald erfuhr er, warum man so einen wie ihn nicht lieben sollte Die Erzieherinnen nahmen davon kaum Notiz. Sie hatten genug zu tun. Auch das begriff Daniel sehr früh.

Bei diesen Gedanken spürte er Kälte, als hätte ihn jemand mit schwarzen Farben bemalt, wie eine Puppe aus Pappe.

Er erzählte niemandem von solchen Ängsten nicht mal Niklas. Nur Aristoteles, dem Kater, vertraute Daniel manchmal an, was er auszusprechen fürchtete.

Meinst du, sie lassen mich hierbleiben?

Aristoteles zuckte mit den Ohren und warf sich kichernd auf den Rücken. Als ehemaliger Streuner wusste er, wie es ist, wenn man endgültig dazugehören darf man wird nicht mehr hergegeben, wird Teil der Familie. So war es ihm ergangen, und warum sollte Daniel weniger Glück haben?

Der Name Aristoteles kam von Ruth, die als Krankenschwester arbeitete. Sie fand ihn auf dem Weg nach Hause, ein schäbiges Fellbündel am Straßenrand. Der ehemals prächtige Kater sah aus wie ein nasser Lappen. Vom berühmten buschigen Schwanz blieb nur ein schmutziger Strick übrig.

Das Auto, das ihn angefahren hatte, war längst fort. Der Kater lag da, mit trüben, schmerzverzerrten Augen auf die andere Straßenseite blickend dort, wo er einst gewohnt hatte; wo ein offenes Fenster war, das das Dienstmädchen vergessen hatte zu schließen. Dort war der Baum, auf dem Meisen herumhüpften, bevor er ihm nachsprang Dann kam Panik, die Straße, Angst und der Durst, der ihn dazu trieb, aus einer schlammigen Pfütze zu trinken.

Und dann kam Licht und Schmerz. Er versuchte aufzustehen, aber die Beine wollten nicht mehr. Da schrie er, wie ein hilfloses Kätzchen.

Doch statt einer kalten Katzennase berührte ihn Ruths warme Hand.

Ihren Mantel bekam Ruth nach der Rettung nie mehr richtig sauber die Münchner Frühjahrsmatsche setze sich ins Gewebe und sie gab auf, nannte ihn von da an ihren Putzlappen. Neue Kleidung interessierte sie ohnehin wenig, lieber kaufte sie den Kindern Kleider:

Oh, das Kleid ist perfekt für Marie! Passt genau zu ihren Augen. Und das für Frida, so himmelblau! Meine Mädels werden die Schönsten! Aber klar, für die Jungs auch was Da, T-Shirts! Wunderbar!

Mama, und du? Marie drehte sich vor dem Spiegel im neuen Kleid.

Ach, ich komme schon klar. Mir reicht mein Schrank. Gefällt es dir? Dann nehmen wirs!

Der Mantel reiste bald aufs Wochenendgrundstück; Ruth besorgte sich eine neue Alltagsjacke, praktisch für ihren turbulenten Alltag.

Der Kater, den sie heimtrug, blieb ruhig, während Ruth die Kinder versorgte und später die Besitzerin von Aristoteles telefonisch zu erreichen versuchte. Damals hatte er noch einen komplizierten Züchter-Namen. Die frühere Besitzerin schnitt eine Grimasse:

Wird er jemals wieder laufen? Nein, so ein Kater ist nichts für mich. Lassen Sie ihn einschläfern oder tun Sie, was Sie wollen ich bezahle die Behandlung nicht, das ist ja teurer als ein neuer!

Der Tierarzt zwinkerte Ruth zu:
Dann unterschreiben Sie bitte, damit wir ihn einschläfern dürfen. Ist ein Standardformular.

Ein säuselndes Lächeln, und zack, war der Kater namenlos und obdachlos. Ruth streichelte ihm das breite rote Köpfchen, der Tierarzt fragte ernst:

Sie lassen ihn sicher nicht im Stich?

Nein, so ist es, Ruth nickte und drückte ein warmes Ohr.

Es folgte die Operation, doch für den Kater endete die Angst. Irgendwie wusste er: Das Schlimmste lag hinter ihm. Warum sonst hätte er überlebt? Und diese kleine resolute Frau mit der liebevollen Stimme ließ ihn nie zulassen, dass die Kinder ihn quälten, fütterte ihn aus der Hand und überredete ihn immer wieder zu einem Bissen mehr.

Ab und zu hinkte er noch auf der Vorderpfote, aber das störte ihn nicht hier war Glück und Wärme, soviel wie Lärm, Sorge und Kindergeschrei auch waren. Die Freude schob sich immer wieder hindurch.

Aristoteles Menschen-Papa, Georg, war Fernfahrer, selten zu Hause. Aber wenn er kam, schmiegte sich der Kater an seine Beine und ließ sich auf die großen warmen Hände legen. Da verschwand sogar der Schmerz, der manchmal vor Regen auftauchte, und der Kater wusste: Diese Hände schenken nicht nur ihm Trost. Dem kleinen Jungen Daniel würde Georg das erklären müssen, doch Daniel verstand den Kater ohnehin nie Ruth hingegen sehr wohl.

Georg, du solltest mal mit Daniel reden. Irgendwas passt da nicht zwischen den Kindern. Ich beobachte, kann den Grund aber nicht finden.
Er schweigt?
Ja. Die brauchen immer Zeit, bis sie reden.
Und die Kinder?
Schweigen auch. Nur Frida weint und bittet, Daniel nicht zu bestrafen. Sie nennt ihn Küken, stell dir vor!
Und das lässt du zu?
Aber sie sagt es doch sanft, Ruth runzelte die Stirn.
Das ist kein Spitzname für einen Jungen. Ermahne sie, bei den Namen zu bleiben wie alle. Schließlich ist Frida auch Frida und keine Prinzessin ohne Erbse mehr.
Du hast recht. Das war nachlässig von mir.
Und wie kommen die anderen mit Daniel klar?
Halb und halb. Niklas ist freundlich, nimmt ihn zu sich, zeigt ihm was am Rechner und meint, Daniel hätte einen sehr hellen Kopf, brauche aber Förderung.
Und Marie, Paul?
Da ist es schwieriger. Irgendwas ist da, was ich nicht zu deuten weiß. Vielleicht sollte ich Annika anrufen, sie eine Woche einladen sie kommt mit den Kindern gut klar.
Annika hat im Moment viel um die Ohren, Simon ist dienstlich unterwegs und die Kleine krank. Dort braucht man sie. Aber beraten kannst du dich ja.

Doch manchmal bringt das Leben seine Lösungen, bevor die Menschen ihre finden.

Die Prügelei, die Frida gewissenhaft eingefädelt hatte, kam trotzdem. Doch das Ergebnis enttäuschte sie.

Was steht ihr da! Er hat schlimme Sachen über Mama gesagt und ihr schaut zu! Frida sah Daniel an, der sich an die Wand drückte.

Nein, er schrie nicht, rief nicht um Hilfe Frida wusste das jetzt genau. Sie hatte lange getestet, wie der neue Bruder auf Gemeinheiten reagierte: beobachtet, provoziert. Beschweren konnte Daniel sich nicht. Warum auch? Wem hätte er je weinen sollen? Da war sie anders mit einer Träne und zitternder Lippe und dieser zerbrechlichen Stimme hatte sie ihre Wirkung immer erzielt.

Immer funktionierte das. Keiner beschuldigte sie. Den Menschen fiel es so leicht zu glauben, was sie glauben wollten

Daniel schloss die Augen, und plötzlich tat er Frida leid. So unbeholfen mit seinen Fäusten! Was sollte er gegen Marie und Paul schon ausrichten? Paul war obendrein ein Kopf größer. Und seine Hände kräftiger. Ruth hatte ihn gleich zum Judo geschickt, als sie ihn aus dem Heim holte so sollte seine Energie in friedliche Bahnen gelenkt werden. Jetzt jedoch schlug sie aus dem Rahmen. Paul würde Daniel mühelos vertrimmen. Und für Ruth gingen sie alle durchs Feuer. Wo wären sie ohne sie?

Frida schloss kurz die Augen. Ihre Kindheit war voller Lücken.

Sie erinnerte sich wie sie unter dem Tisch auf dem schmutzigen Boden saß, verängstigt den erwachsenen Stimmen lauschte, während sie verzweifelt Hunger litt. Die Beine vor ihren Augen wirkten wie ein unwirklicher Wald. Sie wusste nicht, was das bedeutete, aber mit kleinen Kindern hatte es nichts Gutes vor.

Das nächste Bild: Sie im Hof, wo sie einmal mit ihrer Mutter gewohnt hatte. Sie saß im kalten Dreck neben dem Schuppen und stopfte sich saures Hundefutter in den Mund ihre Mutter war seit Tagen weg. Zum Glück hatte sie die Haustür offen gelassen, und Frida konnte raus. Die Nachbarin, Frau Wiese, fütterte eigentlich den Hund, aber Frida wusste bald, durch welches Loch im Zaun sie Brotstücke bekam.

Bald kam das Jugendamt, und Frida landete im großen Schlafsaal mit Kindern, in sauberen Betten, mit gutem Essen. Sie genoss das Essen, ließ alles geduldig mit sich machen, wurde für ihre hellblonden Löckchen und himmelblauen Augen bewundert, für ihre Hilfsbereitschaft und ihr anpassungsfähiges Wesen. Aber nie war sie aufdringlich wie andere Kinder, rannte nie schreiend auf Fremde zu: Mama, bist du gekommen, mich zu holen?

Sie brauchte solche Auffälligkeit nicht. Sie wusste eines Tages würde jemand sie holen. Alle sagten das.

So ein süßes Kind, das wird sicher schnell adoptiert! Sieh sie dir an, wundervoll!

Und dann kamen Ruth und Georg.

Frida sah sie aufmerksam an und fragte ernst die Erzieherin:
Meine Mama kommt nicht mehr?
Die Erzieherin blickte zu Ruth und antwortete:
Nein, sie kommt nicht mehr.
Gut.

Frida nahm Ruths Hand und ließ sie nicht mehr los, bis sie zu Hause ankamen. Wenn die eine Mama sie nicht wollte, dann brauchte sie halt eine neue. Ruth war dafür genau richtig.

Es gab nur ein Problem. Eigentlich zwei: Simon und Niklas. Doch Simon stand eh kurz vor dem Auszug zur Uni, Niklas konnte Frida schnell einschätzen Georg allerdings durchschaute die ersten kleinen Sticheleien sofort und verbot ihr, Niklas auszuschließen:

Er ist dein Bruder, Frida, wenn du klug bist. Wir haben uns eine Tochter immer gewünscht. Überlege dir, ob du wirklich Streitereien brauchst.

Viel Freundschaft entwickelte sich aber nicht; sie lebten miteinander, duldeten einander. Manchmal half Niklas bei Hausaufgaben, und Frida lernte, den zerbrechlichen Familienfrieden zu schätzen.

Aber ihr Frieden brach, als erst Marie und dann noch Paul ins Haus kamen.

Warum? Sie presste die Tränen zurück, klammerte sich an die Fensterbank in Niklas’ Zimmer. Durchs Fenster sah sie, wie Ruth das neue Mädchen aus dem Auto half.
Vielleicht, weil noch jemand Familie braucht? warf Niklas hinter dem Monitor ein Viertelpack Taschentücher zu ihr hinüber. Wisch dir die Tränen ab.
Das ist meine Familie! flüsterte Frida so leise, dass Niklas es gar nicht hörte.

Mehr sagte Frida nicht. Sie lächelte brav, als Marie vorgestellt wurde, zeigte ihr das Zimmer, das ihr Königreich gewesen war, schenkte ihr Spangen, worüber sich Ruth freute.

Du kluge Maus!

Frida biss die Zähne zusammen ja, sie war klug. Sie würde schon dafür sorgen, dass das Mädchen wieder aus dem Haus verschwand.

Doch nichts funktionierte. Bald kam Paul, und Frida blieb nur, die Veränderungen zu ertragen. Sie stichelte, versuchte, Zwietracht zu säen und wartete auf was, wusste sie selbst nicht. Vielleicht hoffte sie, dass Ruth eines Tages aufwachen würde?

Aber Ruth dachte nicht daran. Daniel kam hinzu, und Fridas Geduld war am Ende.

Warum musste sie das alles ertragen? Reichten drei Kinder nicht? Simon zählte nicht der war erwachsen. Liebte sie ihre Eltern nicht genug? Immer war sie zur Stelle, glänzte in der Schule, half zu Hause. Warum noch mehr Kinder ins Haus holen wie einst Aristoteles? Das waren doch keine Katzen, sondern Menschen! Ruth würde sie alle lieben wie Frida. War das gerecht?

Fridas tiefblaue Augen wurden dunkler, das passierte nur, wenn sie sich sehr ärgerte. Gelang ihr Plan, wäre Daniel nicht mehr Teil der Familie, und alles würde wie früher, oder wenigstens ein bisschen so wie früher. Auch eine kleine Niederlage war eine Art Sieg.

Frida trat vor, packte Daniels Handgelenke und zischte:

Du bist hier nicht willkommen!

Daniel hielt ihrem Blick stand. Doch irgendwie war alles anders. Er hatte keine Angst mehr. Frida begriff das augenblicklich, als hinter ihr Paul und Marie lachten.

Ach, Frida, du bist doch unmöglich eifersüchtig! sagte eine ruhige Stimme. Es war der Vater.

Frida wagte nicht, sich umzudrehen. Nun würde sie bestimmt ins Heim zurückgeschickt, da blieben Daniel, Marie, Paul und Ruth

Daniel ruckte leicht und Frida ließ los, die Arme fielen schlaff herab. Sie wunderte sich nicht, als Paul sich neben Daniel stellte und fragte:

Hab ich dir wehgetan?
Nein, geht schon.
Musste sein.
Weiß ich.

Marie, die gerade mit Georg aus dessen letzter Tour zurückgekommen war, schüttelte den Kopf:

Papa, soll Mama davon wissen?

Eigentlich ja, aber ich glaube, ihr klärt das auch so, oder?

Marie nickte und nahm Daniel in den Arm.

Er ist kein Küken, kapiert? Er ist unser Bruder, genauso wie du unsere Schwester bist, Frida. Niemand wird ihm noch wehtun, wir sind nicht mehr so blind für deine Spielchen.

Und jetzt? Plötzlich seid ihr klüger? Frida flüsterte, wagte kaum zu atmen.

Ja, sagte Marie einfach. Wir sind jetzt in der Mehrheit. Du kannst dich noch querstellen, Mama wird dich vielleicht bemitleiden. Aber dann stehst du eben allein da. Und das schadet allen: Mama macht sich Sorgen, Papa muss ruhig fahren können, und auch uns tut das weh.

Die schicken mich nicht zurück? hauchte Frida, ballte die Fäuste, hob den Blick.
Marie lachte so hell, dass oben im Zimmer Niklas etwas fallen ließ und kurz darauf erschien.

Was ist denn hier los?

Frida glaubt, sie kommt wieder ins Heim!

Dieser Logik konnte ich noch nie folgen, Niklas winkte ab. Und jetzt bitte leise, ich muss noch was fürs Coding abgeben, und bei eurem Lärm hack ich noch Quatsch in den Code. Schafft ihr Stille?

Alle vier nickten, und Niklas verschwand. Die anderen gingen in die Küche, nur Frida blieb zurück, setzte sich auf die unterste Treppenstufe und zum ersten Mal wollte sie einfach nur weinen, so wie damals, als sie am Zaun bei Frau Wiese stand, in der Hoffnung auf Geborgenheit, die es dort, wo sie herkam, nie gegeben hatte.

Daniel setzte sich neben sie, holte ein angestoßenes Taschentuch hervor und fragte:

Ganz schlimm?

Und zum ersten Mal wollte Frida nicht schreien noch irgendwas Gemeines tun. Sie nickte, nahm das Taschentuch und sagte:

Danke, Küken Oh, entschuldige, Daniel!
Ach, macht nichts. Schlimmer als andere Spitznamen ist das auch nicht. Nase putzen! Komm schon!
Wohin?
Na wohin wohl? Essen. Marie hat schon die Suppe warm gemacht. Mama kommt gleich von der Arbeit, Papa ist sicher hungrig. Und du hockst hier herum am Heulen. Du Egoistin! Daniel musste grinsen.

Frida nestelte am Taschentuch, wagte kaum einen Blick, dann fragte sie:

Hast du Angst? So richtig, dass einem die Luft wegbleibt?
Ja, früher oft.
Und jetzt?
Jetzt habe ich hoffe ich ein Zuhause. Eltern. Niklas. Aristoteles. Weniger Angst. Und du?
Immer.
Warum? Du bist doch schon lange hier. Daniel hockte sich hin und schaute sie an. Was ist los?
Wenn mich schon niemand mochte, als ich allein war, warum sollten sie mich jetzt lieben, wo es so viele gibt? Marie, Paul, du Niklas zählt nicht, ist ja schon fast erwachsen.
Frida, du bist dumm.
Wieso?
Wer jemanden lieben will, dem reicht das Herz auch noch für andere. Schau mal, Ruth liebt Niklas wirklich willst du das bestreiten? Aber warum sollte sie dich oder Marie weniger lieben? Teilte sie je unter euch? Du weißt die Antwort besser als ich, auch wenn ich erst kurz hier lebe.
Nein. Sie teilte nie.
Also, was hast du?
Weiß nicht. Ich habe einfach Angst. Frida schniefte, riss sich aber wieder zusammen. Wirst du jetzt über mich lachen?
Nein. Daniel stand auf, hüpfte kurz, um die Beine zu lockern. Ich weiß, wie das ist, wenn andere dich auslachen. Ich will anders sein.
Ich auch flüsterte Frida.
Dann sei es das liegt an dir. Und jetzt los, essen! Heute gibts Eintopf und nicht Frida zum Mittag. Vor dir hat niemand Angst, weil du so zickig bist da hat dich eh keiner auf dem Teller.

Und Frida ging Daniel nach.

Einige Jahre später wird eine junge, hübsche Frau die Stufen eines alten Universitätsgebäudes hinunterstürmen. Sie wirft sich an den Hals eines hochgewachsenen, braunäugigen Mannes und ruft so laut, dass alle verblüfft stehenbleiben:

Küken! Ich habs geschafft, bestanden mein Diplom! Lass uns feiern!

Der junge Mann drückt sie an sich, zerzaust ihre Frisur:

Warte, du Wirbelwind, Paul kommt gleich, Niklas und Katja auch gleich.
Und Marie?
Hat heute Dienst, löst Mama ab.
Siehste! Mama bäckt Kuchen?
Schlaumeier! Der Kuchen ist im Ofen, Salat schon fertig. Kommt ihr?

Frida nickt, blickt zurück und ihre Augen werden wieder so blau wie ein ruhiger See. Das ist ihr Blick, wenn sie vollkommen glücklich ist. Sie nimmt ihren Bruder bei der Hand, der jetzt für immer das Kindheitskürzel “Küken” behält. Doch in dem Spitznamen steckt längst keine Kränkung mehr, sondern etwas ganz anderes das, was Menschen zusammenhält, das größte und schönste Wort: Liebe.

Autorin: Ludmila Lavrova
Übersetzung und Bearbeitung auf deutsche Kultur.

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