Der Künstler

Dieser Kater ist wirklich ein Satansbraten, Else! Den musst du endlich loswerden! Ilse Schwanbeck verzog angewidert das Gesicht, als sie auf den einohrigen, rotgetigerten Kater runtersah, der sich um die Beine ihrer Schwester schnurrte.

Was redest du denn da, Ilse?! Else keuchte entsetzt auf. Der ist doch ein Lebewesen!

Lebewesen? Genau das! Das trifft es auf den Punkt! Ist dir nicht aufgefallen, Else, dass er sich ganz schön viel erlaubt?

Der Kater fauchte genau in dem Moment, als wollte er Ilse bestätigen. Mit hohem Rücken und schleichend nahm er Kurs auf die vermeintliche Eindringlingin.

Siehst du! rief Ilse triumphierend, stieß den Zeigefinger in Richtung des Katers und machte einen Schritt zurück. Was hab ich gesagt?!

Else seufzte tief und rief ihren Beschützer zu sich: Maxl, mein Lieber, ist gut! Alles in Ordnung!

Der Kater drehte sich kurz um, warf seiner Besitzerin einen Blick zu und beruhigte sich sofort. Er rollte sich wieder zu Elses Füßen zusammen und drückte sich sanft gegen ihr schmerzendes Knie. Damit war klar, dass er sie trotzdem im Auge behielt.

Bandit! zischte Ilse, als sie sich vorsichtig am Kater vorbeischob. Und du bemitleidest den auch noch!

Irgendwer muss ihn ja bemitleiden, seufzte Else.

Maxl war vor drei Jahren bei ihr eingezogen. Es war bei Else eine schwere Zeit: Kaum hatte sie sich von ihrem Mann verabschiedet, starb auch noch der einzige Sohn, und Else blieb allein zurück bis auf ihre Schwester und ein paar Bekannte. Echte Freundinnen hatte sie nie.

Da war Ilse. Die Schwester.

Ilse war die Ältere. Der Altersunterschied war nicht groß, aber die Eltern hatten immer fest betont: Unsere Ilse ist die Ältere, unheimlich vernünftig! Ihr kann man alles anvertrauen, sie bringt es immer zu Ende und richtig! Und Else Else, das ist unser Engelchen, ein Trost fürs Herz. Ein Wunder von Kind aber leider total zerstreut!

Beide wuchsen mit der tiefen Überzeugung auf: Ilse war klug, hübsch und der Star, Else hingegen die liebenswerte Chaotin.

Warum loben sie dich eigentlich dauernd? Das versteh ich nicht! schnaubte Ilse, wenn Else mit guten Noten aus der Schule kam. Lernen ist doch wohl selbstverständlich! Was gibts daran zu feiern?!

Ilse, aber ich bin bei weitem nicht so klug wie du! Du hast lauter Einsen, ich hab auch mal ne Drei.

Eben! Und trotzdem loben sie dich! schmollte Ilse, während Else sich das Lachen verkneifen musste, um ihre Schwester nicht noch mehr zu reizen.

Ilse schloss das Gymnasium mit Bravour ab, studierte, und ließ sich kaum noch zu Hause blicken.

Wie läufts, Ilse? nutzte Else die seltenen Gelegenheiten, um in Ilses Leben auf dem Laufenden zu bleiben.

Läuft! Nur zu langsam. Ich bräuchte dringend mehr Stunden am Tag!

Wozu? Zum Lernen? fragte Else fürsorglich.

Nix Lernen! fauchte Ilse. Mir fehlt die Zeit fürs Privatleben! Wie soll man da vernünftig jemanden kennenlernen, wenn man ständig wie eine Irre durch die Gegend rennt, weils sonst mit der Karriere nichts wird?!

Oh, Ilse! Darüber hab ich noch nie nachgedacht

Hast du überhaupt mal nachgedacht, kleines Schwesterherz?! lachte Ilse und merkte nicht, wie sehr sie Else mit solchen Sätzen verletzte. Dafür bist du doch noch zu jung!

Else schluckte den Frust runter, zog sich zurück, und freute sich heimlich für Ilse, wenn ihr was gelang. Die Schwester war eben die leuchtende Sternschnuppe und Else liebte es, im sanften Schein mitzuschwimmen.

Am Ende des Studiums war Ilse immer noch allein. Die Jungs machten einen Bogen um sie sie fürchteten ihren scharfen Verstand und noch schärferen Ton. Und auch die ständigen Tipps ihrer Mutter halfen nicht.

Mama, was willst du von mir? Soll ich wie son altes Fräulein im Eck sitzen und Pause, Kopf runter, aufs Thema konzentrieren üben? Lächerlich! Das ist nichts für mich das kann Else machen!

Mein Schatz, niemand will dich komplett ändern! Geh ein bisschen weicher mit den jungen Männern um, das mögen die!

Ach Mama, du hast ja keine Ahnung, worauf heutige Typen stehen. Die Zeiten ändern sich!

Na, vielleicht hast du ja recht Wer weiß das heute schon, Ilse

Wie aus heiterem Himmel betrat Else dann mit ihrem Verlobten die Szene nachdem alle zu ihr gesagt hatten, Abitur sei unnötig und eine Ausbildung wie Schneiderin schon mehr als genug.

Darf ich vorstellen? Das ist mein Ben

Benjamin überzeugte Elses Eltern sofort. Attraktiv, klug, engagiert. Als Journalist machte er erste erfolgreiche Schritte beim ZDF und war auf bestem Wege nach oben.

Das Beste aber: Er war über beide Ohren in Else verliebt. In die stille, scheinbar unauffällige Else, die in einer gewöhnlichen Berufsschule lernte.

Else hatte einfach immer schon eine Leidenschaft fürs Nähen und für schöne Stoffe. Daher war der Beruf der Schneiderin naheliegend.

Else, ernsthaft Schneiderin? Ilse verzog unzufrieden das Gesicht.

Ilse, ich bin halt nicht so schlau wie du. Aber mal eben so einen tollen Rock oder eine ausgefallene Bluse zu erfinden, schaffen die wenigsten. Ich will, dass die Welt ein bisschen schöner ist, wenn ich schöne Sachen für Menschen mache.

Als ob! Was hast du denn für nen Käse im Kopf?

Keine Ahnung. Aber dein Kleid, das ich gestern fertiggenäht hab, das ist doch was geworden!

Für wen?

Für dich! Und für mich! Für alle, die dich sehen und denken: Wow sieht die gut aus! Ist doch toll, oder?

Hm. Manche wollen zum Mond fliegen, und meine Schwester tja, Else bleibt halt Else!

Wieder stand Else da und fragte sich, was sie falsch machte. Ihre Schwester trug die handgenähten Kleider allerdings mit Stolz. Denn das waren alles Eigenkreationen. Else stickte sogar nachts noch Blümchen an Ilses Röcke und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn ihre Schwester begeistert im Spiegel Pirouetten drehte.

Designtechnisch war Else so gut, dass Ilses Kleider häufiger zum Stadtgespräch wurden. Aber Ilse sagte nie, dass die ihre Schwester entworfen hatte.

Das bleibt mein Geheimnis!

Echt jetzt? Woher hast du die Sachen? Hast du Verwandte im Ausland, Ilse?

Sag ich nicht! Das ist ein ganz altes Geheimnis! Und nicht mal meins! druckste Ilse herum dennoch war sie insgeheim ein bisschen stolz.

Dass Ben dann tatsächlich Elses Mann wurde, traf Ilse wie ein Schlag.

Wie konnte es sein, dass ausgerechnet sie keine Karriere, keine überwältigende Schönheit vor ihr heiratete?! Unglaublich!

Bei der Hochzeit saß Ilse wie versteinert da. Familie und Freunde verstanden die Welt nicht mehr: Else, atemberaubend in ihrem selbstgenähten Kleid, stand plötzlich im Rampenlicht.

Sie sieht fantastisch aus! Und ihr Kerl erst! Die passen perfekt! Hoffentlich werden sie glücklich!

Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben spürte Ilse richtige Eifersucht, wie ein Kloß im Hals, der sich tiefer und tiefer fraß.

Die Schwester mit dem schönen Mann! Und du? Niemand weit und breit!

Die Eltern umschwärmen Else, reden schon von Enkeln! Und du? Vergiss es! Mit Kindern brauchst du gar nicht ankommen!

Else strahlt plötzlich heller als du, als hätte sie deinen Schein übernommen! Selber schuld!

Ilse hielt es beim Fest nicht aus und schlich sich heimlich davon. In ihrem Zimmer lag sie dann in die Kissen gebissen und verfluchte ihr bisheriges Leben.

Nachdem ihre Mutter wieder auftauchte, fing sie sich sofort.

Gehts dir gut, Ilse?

Perfekt! Mach dir keine Sorgen!

Ein halbes Jahr später heiratete Ilse quasi den Erstbesten. Ihr Mann war älter, etwas rundlich, vorn schon kahl, aber gescheit. Er wusste sofort: Ich geb dir, was du willst, Ilse aber das ist eine sachliche Angelegenheit.

Bedingungen?

Du bekommst von mir ein Kind, vielleicht auch zwei. Ich sorge für Karriere, Nanny, Haushalt alles, was du brauchst. Einzige Bedingung: absolute Treue. Ich dulde keinen Seitensprung. Außerdem: Ein gutes Essen, ein ordentliches Bett, Gemütlichkeit und keine Reibereien. Ich brauche Ruhe. Ist das klar?

Ilse zögerte keine Sekunde.

Alles klar!

Und es funktionierte tatsächlich. Keine Leidenschaft wie bei Else und Ben aber eine solide Ehe mit Sicherheit und Berechenbarkeit.

Sie bekam einen Sohn, dann eine Tochter, ganz nach Plan. Die Kinder wuchsen unter den Augen der Nanny auf, nach Zeitplan und Ilses Excel-Tabelle. Ilse war meist beschäftigt: Dissertation, Arbeit, Empfänge, wo sie in selbstgeschneiderten Outfits glänzte, von Else natürlich.

Else dagegen hetzte nicht durchs Leben. Sie nähte in den wilden Neunzigern zu Hause. Ihre Kundinnen kamen durch Empfehlung, den neuen gab man heimlich die Adresse weiter.

Die Frau ist ein Naturtalent! Aber nimmt kaum jemand Neues Stammkundschaft satt!

So gut?

Unglaublich! Mein rosa Kleid? Das war sie!

Unfassbar! Ich dachte, das ist von einem Designer!

Tja, die Stars fingen auch mal klein an! Und Else schafft es, wenn sie mutig bleibt pass nur auf!

Unter ihren Kundinnen waren Politikerinnen, die Frauen von Geschäftsleuten, viele aus dem Theatermilieu. Und sie wiederholte nie ein Kleid sie wusste genau, welchen Skandal es gäbe, wenn auf einem Empfang gleich zwei Frauen die gleiche Kreation tragen würden.

Später eröffnete Else ein kleines Atelier in München ein echtes Mode-Studio, Treffpunkt für Tratschtanten genauso wie für diskrete Stammkundinnen. Ilse fand für die Schwester die Räumlichkeiten in einem Altbau, ließ umbauen und gab ihr einen großzügigen Kredit.

Wir rechnen am Ende ab!

Für Ilse war klar: Ihre Schwester brauchte einen festen Boden. Wenn Ilse an Elses Schicksal dachte, plagte sie sich mit schlechtem Gewissen sie war überzeugt, ihr alter Neid hatte das Strahlen von Else fast ausgelöscht. Ihr gingen die Erfolge ständig auf die Nerven, und als sie ihre gesunden, klugen Kinder anschaute, dachte sie plötzlich an Else und ihren einzigen Sohn, ihr Sonnenscheinchen, der mit einer schweren Behinderung geboren wurde.

Sonnenschein Irgendjemand hatte das einmal gesagt, und Ilse übernahm es sofort. Ihren Neffen nannte sie bei jedem Besuch nur noch so.

Du bist mein süßer Schatz, mein Sonnenschein! Schau mal, was ich dir mitgebracht habe!

Und ihr wurde mit so viel ehrlicher Freude begegnet, dass sie am liebsten die ganze Welt dafür auf den Kopf gestellt hätte, damit das Kind ein wenig Glück erlebte.

Ilse, du liebst meinen Tom mehr als deine eigenen Kinder! staunte Else, wenn sie ihren Sohn ausnahmsweise mal umarmen sah. Er hat so auf dich gewartet

Stimmte nicht ganz, aber Else wollte gern daran glauben.

Ilse kümmerte sich dann bei aller Arbeit auch darum, die passende Nanny zu finden, unterstützte beim Atelier und gab Else neuen Lebensmut.

Arbeite ruhig, Else! Das brauchst du! Ben ist eh dauernd auf Dreharbeiten, kaum mal zu Hause. Du verkommst doch sonst!

Ich kann doch nicht, Ilse! Ich hab Tom!

Such dir eine große Ecke im Atelier, richte eine Spielecke ein, stelle ein paar Mitarbeiterinnen ein, um dich zu entlasten und für die Nanny sorge ich! Dann bist du bei Tom und in deiner Welt!

Ilse, was würde ich ohne dich machen?

Dafür sind Schwestern da! Jetzt heul nicht ich hab mich heute extra geschminkt. Ich hab gleich noch einen Termin!

Und so ging es weiter.

Ilse behielt Else und Tom immer im Blick, suchte Spezialärzte, kümmerte sich. Tom war schwach, hatte Herzprobleme, der Körper insgesamt angeschlagen.

Ilse, ich versteh das nicht weinte Else, wenn sie mit der Schwester allein war. Was hab ich nur falsch gemacht, dass ausgerechnet Tom so krank auf die Welt kam?

Du hast gar nichts falsch gemacht, Else. Das ist Schicksal! Das Leben prüft dich und uns. Kein Grund zu heulen! Wir schaffen das. Gesund wird er nie, das wissen wir. Aber dass er zufrieden und glücklich sein kann, das schaffen wir! Mehr braucht es nicht: Familie, Geborgenheit, Liebe.

Vielleicht schaffen wir das

Also los, wir packen’s! Ich hab einen neuen Neurologen gefunden. Dauert mit dem Termin zwar, aber ich hab euch schon angemeldet. Mal sehen, wie der hilft.

Ilse

Jetzt sei ruhig, schenk mir Tee nach und reich mir ein belegtes Brötchen. Ich hab heute noch nichts gegessen.

Auf Ilses Mann konnte sie sich auch dabei verlassen.

Schade, dass man dem Jungen nicht besser helfen kann. Aber du würdest auch einen Stern vom Himmel holen. Wenn du was brauchst, meld dich.

Mehr an Zuneigung, als Ilse je als Worte bekommen hatte. Sie hatte längst gemerkt, dass sie ihren Mann liebte auf eine ruhige, hoffnungsvolle, erwachsene Weise.

Die Kinder wurden größer, die Eltern älter, und zwischen den Schwestern verschwanden die alten Eifersüchteleien für immer.

Mit wem sonst teilt man Sorgen, wenn nicht mit der Schwester?

Else tat auch einiges für Ilse. Als sie von Problemen im Job ihres Schwagers erfuhr, bat sie Ben, zu helfen. Die Recherche zog sich lange hin, wurde gefährlich, und Else erfuhr erst Jahre später, dass es beinahe Bens Leben gekostet hätte aber Ilse war ihm für immer dankbar.

Else, du weißt nicht einmal, was du mir und meiner Familie damit gegeben hast! Aber ich verspreche dir: Du, Ben, Tom solange ich da bin, müsst ihr euch um nichts Sorgen machen.

Und Ilse hielt Wort.

Sie war an Elses Seite, als Ben schwer erkrankte. Er ging langsam, und Else klammerte sich an ihre Schwester, weinend: Warum er? Warum so früh?! Er war noch so jung!

Ilse wich nicht von ihrer Seite, half ihr nach dem Verlust immer wieder auf die Beine damit sie wenigstens für Tom stark sein konnte.

Und dann, als auch Toms Herz aufhörte zu schlagen, saßen die Schwestern zusammen und weinten nicht einmal mehr, als die Ärzte ihnen alles erklärten. Sie gingen schweigend quer durch München nach Hause, Hand in Hand.

Das gelbe T-Shirt und die roten Turnschuhe

Ja

Beide wussten sofort, was das bedeutete. Sie nahmen Abschied, so wie Tom es sich gewünscht hätte.

Danach ging es Else rapide schlecht. Sie arbeitete wie ferngesteuert, delegierte alles, war zu nichts mehr fähig. Ilse sah oft durchs Atelierfenster, wie ihre Schwester alleine am Tisch saß, Hände im Schoß, nicht einmal mehr eine Linie auf Papier bringen konnte.

Else

Gleich Ich muss mich nur etwas ausruhen, Ilse Und ihr Blick war matt und leer.

So geht das nicht, Ilse hatte Tränen in den Augen.

Jetzt ist alles egal murmelte Else nur, mit einem müden Lächeln.

Der Wendepunkt kam an dem Tag, als der Kater ins Atelier kam.

Keiner wusste, woher. Zerzaust, schmutzig, mit einem zerfetzten Ohr. In der belebten Ecke von München selten ein Streuner.

Er wollte rein, wurde verjagt.

Wohin denn, Katerchen? Verschwinde!

Da tat er das einzig Richtige: Er legte sich erschöpft auf die oberste Treppenstufe vor dem Eingang, baumelte mit den Pfoten, ließ den Kopf hängen und tat so, als wäre er ein altes Stück Stoff. In dieser Lage fand ihn Else, als sie mal wieder zu spät ins Atelier kam.

Was ist das denn? Else betrachtete den Meister der tragischen Pose.

Ein Kater, Frau Schwanbeck! Ist einfach gekommen und weigert sich, zu gehen!

Atmet der überhaupt noch? Else stupste mit der Schuhspitze.

Der Kater blinzelte, seufzte wie ein alter Mensch, ließ die Zunge raushängen, als würde er sagen:

Na toll, Leute! Ich bin fix und fertig. Bin schon seit einer Woche unterwegs, kein bisschen Glück, kaum was zu essen. Und ihr jagt mich auch noch davon! Kein bisschen Herz in euch

Else lächelte zum ersten Mal seit Ewigkeiten:

Was für ein Schauspieler! Ihr seht doch, was für ein Talent er ist! Na gut! Komm rein. Es gibt was zu fressen und ne extra Portion Streicheleinheiten.

Sie hob ihn sanft hoch, musterte das Ohr, schüttelte den Kopf.

Nee, erstmal zum Tierarzt! Das Ohr sieht nicht gut aus.

Der Kater protestierte nicht, ließ alles mit sich machen, fauchte nur einmal, als die Spritze kam. Nach dem Tierarztbesuch stolzierte er mit hoch erhobenem Schwanz hinter seiner neuen Besitzerin her.

Tja, Maxl. Ich hatte nie einen Kater wie machen wir das jetzt?

Unbeteiligt fixierte er die vorbeifahrenden Autos, während Else schmunzelte:

Verstehe wir werden uns schon irgendwie arrangieren. Mal sehen, was Ilse dazu sagt

Ilse war natürlich alles andere als begeistert. Sie jagte Maxl im Haus herum, ärgerte ihn, achtete aber dabei genau auf Else. Zum ersten Mal seit langer Zeit blitzte wieder Leben in Elses Augen auf. Sie hatte endlich wieder jemanden, um den sie sich kümmern durfte so sehr, dass sie sogar sich selbst vergaß.

Else, der guckt dich total merkwürdig an!

Lass ihn, Ilse. Seit hundert Jahren hat mich niemand so angesehen!

Wie denn?

Mit Liebe!

Durchtriebener Kerl! Der lügt dich an!

Ach, soll er ruhig! Hauptsache, er wärmt meine Füße abends und schaut mit mir zusammen fern. Und du glaubst es nicht der schaut so aufmerksam, als ob er wirklich was verstehen würde!

Selber schuld! Den hätte man wenigstens Hansi oder Moritz nennen können. Was ist denn das für ein Name Maxl!

Er ist eben ein Künstler! Else lachte, und Ilse wurde ganz warm ums Herz.

Ihre Schwester hatte wieder das Strahlen zurück! Ilse hätte Maxl dafür alles verziehen.

Aber wirklich akzeptierte sie den Kater erst, als sie fast Else verloren hätte.

Es war Samstag, sie hatte keinen Termin mit Else, beschloss aber spontan vorbeizuschauen vielleicht war die Schwester spät dran mit einer Bestellung? Seit Maxl da war, hatte Else einen kreativen Schub; die Leute rissen sich um die neuen Kollektionen. Im Atelier brannte Licht, Ilse sperrte mit ihrem Schlüssel auf.

Else, ich bin da!

Ein roter Blitz schoß ihr entgegen, Maxl sprang direkt auf ihre Beine und riss die Strumpfhose: Maxl! Hast du sie noch alle? Was tust du?!

Etwas stimmte nicht. Die Augen des Katers glühten unheimlich. Ilse machte einen Schritt zurück.

Bist du tollwütig, oder was?!

Sie schnappte sich ein Lineal vom Zuschneidetisch und wollte gerade ausholen, da maunzte Maxl erbärmlich und rannte dann von ihr zur Tür des Kinderzimmers Kirils altes Reich, das Else nie verändern konnte.

Was ist da?! flüsterte Ilse dem Kater zu. Wo ist Else?!

Sie stürmte zum Zimmer, vergaß Maxl, und schrie auf, als sie Else auf dem Boden liegen sah, die das Bild von Tom im Arm hielt.

Else!

Krankenwagen, Notaufnahme, fast 24 Stunden Intensivstation

Ilse tigerte durch die Klinikflure, betete still:

Nimm mir nicht auch noch sie weg! Lass sie bitte leben!

Sie ahnte erst später, dass Maxl währenddessen im Atelier wie verrückt umherlief, eingesperrt von Elses Mitarbeiterinnen, klagend und suchend mit einer Stimme, die nur zu hören war, wenn er nach seiner Besitzerin rief. Erst, als Else wieder zu sich kam, kehrte Ruhe ein. Er rollte sich in der Ecke zusammen und trank nur ein wenig Wasser.

Else konnte nach drei Wochen raus.

Ilse, erst ins Atelier!

Else, du brauchst den Kater nicht abzuholen, ich bring ihn dir!

Nein, ich will ihn sehen!

Mit Mühe stieg Else die Treppe hoch. Die Mädels lachten los, als das rote Fellknäuel ihr um die Füße strich, beide Vorderpfoten umklammernd und laut schnurrend.

Ach, Maxl!

Else hob ihn hoch, kraulte das alte Ohr und meinte:

Er hat mich gerufen, Ilse. Ich habs gehört. Erst ihn, dann dich kurz bevor ich ins Krankenhaus kam. Und danach wieder

Wie meinst du das? Da drin?

Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Erst hab ich Ben und Tom gehört, aber dann drängte sich der Kater dazwischen Dann nur noch ihn und dann wieder dich

Komisch Ilse wusste nicht, was sie sagen sollte.

Aber Maxl, der wusste es offenbar. Er stupste Else ans Kinn, warf Ilse einen zufriedenen Blick zu und machte es sich im Schoß seiner Besitzerin gemütlich.

Ich glaub, ich hab grad bestanden, Ilse lächelte unsicher. Keine Ahnung, wobei. Aber wohlwollend beurteilt.

Maxl kneift ein Auge zu und schnurrt, laut wie ein Traktor, vertreibt die Sorgen und bringt Frieden mit. Und Else lächelt endlich wieder was Ilses Herz vor Glück hüpfen lässt.

Was braucht ein Mensch eigentlich noch? Nur die, die man liebt, und einen ruhigen Moment im Herzen.

So wenig und doch alles.

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Homy
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Der Künstler
Als der Schlüssel sich im Schloss drehte, schlug sein Herz ihm beinahe bis zum Hals, während seine Seele ihr entgegeneilte… .🤔 – Wie oft willst du noch Fehler machen?! Und immer so dumme! Wirklich, was soll das?! – Alice Eduardovna stach mit ihrem perfektem, künstlich verlängerten Nagel so heftig auf den Monatsbericht, dass ihr schöner Nagel fast brach. – Gehen Sie! Machen Sie das neu! Oder, wenn Sie es nicht schaffen – kündigen Sie! – Ihre Chefin war zwar eine gepflegte und attraktive Frau, aber wenn sie wütend wurde, wurde sie fast zum Dämon. Lisa verließ schweigend das Büro. Nur knapp mehr als eine Stunde bis Feierabend – sie musste es schaffen. Die Prämie war ohnehin schon gestrichen. Dies war so ein typischer Tiefpunkt im Leben. Und als ob das nicht genug wäre, gab es auch noch Hindernisse: Vor einer Woche rief sie ihre Mutter an, die wie so oft schlecht gelaunt war, aus dem Nichts einen Streit begann, die Tochter für alles beschuldigte und dann einfach auflegte. Daran konnte sich Elisabeth einfach nicht gewöhnen – sie litt jedes Mal sehr und hatte inzwischen richtig Angst, ihre Mutter anzurufen. Vor zwei Tagen verlor sie ihre EC-Karte und musste sie sperren und neu bestellen. Gestern war dann auch noch ihre einzige lebendige Seele – Fenja, ihre dreifarbige einjährige Katze – für einen Vogel auf den Balkon geklettert und vom dritten Stock gefallen. Lisa sah noch, wie sie sich vom zerdrückten Blumenbeet aufrappelte, sich schüttelte und fortlief. Doch als sie im Hof nachsah, war Fenja wie vom Erdboden verschluckt. Sie blieb verschwunden, kam auch auf Rufen nicht zurück. Mit Ach und Krach gab Lisa den verhassten Bericht ab und machte sich auf den Heimweg. Nicht einmal zum Supermarkt wollte sie noch gehen. Zu Hause warf sie sich auf das Sofa und brach in bittere Tränen aus. Nach einer halben Stunde waren die Tränen versiegt – aber leichter wurde es nicht. Schwarze Gedanken krochen wie Schlangen heran. Für wen lebte sie eigentlich? Die Mutter wollte sie nicht, eine eigene Familie hatte sie nicht. Sogar die Katze war weg. Und aus irgendeinem Grund wurde ihr plötzlich leichter ums Herz, als sie einen folgenschweren Entschluss fasste. „Sollen sie doch dann selber gucken, wie sie klarkommen!“, dachte sie grimmig. „Dann ist es halt zu spät.“ Es war fast erleichternd zu wissen, dass sie morgen nicht zur Arbeit musste, nicht bei der Mutter anrufen und sich für Dinge entschuldigen, die sie nicht getan hatte. Plötzlich packte sie eine seltsame, ausgelassene Euphorie. Und genau als sie im Begriff war, den letzten Schritt zu tun, klingelte das Telefon. Unbekannte Nummer. Sie wollte nicht rangehen, aber irgendwo dachte sie: Was, wenn das der letzte menschliche Stimme ist, die ich höre? – Hallo… – Drüben antwortete niemand. – Warum rufen Sie an, wenn Sie nichts sagen? – Das machte sie langsam wütend. – Guten Tag… – Eine tiefe Männerstimme klang schließlich durch den Hörer. – Bitte legen Sie nicht auf. – Wer sind Sie? Was wollen Sie? – Lisa hatte es eilig, schließlich wollte sie etwas Lebenswichtiges tun! – Ich wollte einfach nur eine menschliche Stimme hören… Ich habe seit einer Woche mit niemandem gesprochen. Ich dachte, wenn sich heute wieder niemand meldet, dann… – Er rang um Fassung. – Wie das? Sie können doch rausgehen, in den Park, jemanden treffen. So schwer ist das doch nicht! – Lisa kletterte mit den Füßen aufs Fensterbrett. – Das geht leider nicht. Ich wohne im fünften Stock. Vor einer Woche ist meine Frau gegangen… – Seine Stimme wurde leiser. – Kein Wunder, bei so einer Einstellung! Bist du überhaupt ein Mann?! – Lisa konnte seine Probleme nicht nachvollziehen. – Ich bin querschnittsgelähmt. Seit weniger als einem Jahr. Ich schaff das nicht, fünf Stockwerke hoch und runter, es gibt keinen Aufzug im Haus. – Seine Stimme wurde selbstbewusster. – Du kannst nicht laufen?! – Lisa war erschrocken. Zu spät merkte sie, wie unangebracht ihre Frage war. – Nein, Verletzung am Rücken. Ich kann nicht mehr gehen. – Lisa meinte, ein leichtes Seufzen und sogar Lächeln herauszuhören. Eine halbe Stunde sprachen sie noch. Dann schrieb Lisa seine Adresse auf. Und eine Stunde später stand sie mit zwei riesigen Einkaufstüten vor seiner Tür. Ein junger, sympathischer Mann im Rollstuhl öffnete. – Ich bin Lisa! – Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie nicht einmal seinen Namen kannte. – Arsenij! – Er strahlte so, als hätte er ein Leben lang auf diesen Moment gewartet. Sie wohnten gar nicht so weit voneinander entfernt. Bald besuchte Lisa ihn jeden Tag. Sie begriff schnell: Ihre schlechten Zeiten waren im Vergleich zu seinem Schicksal Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, wegen denen sie schon nicht mehr leben wollte. Ihr Charakter änderte sich. Sie kümmerte sich um ihn, wurde stärker, mutiger, entschlossener. Wie durch ein Wunder tauchte Fenja wieder auf, saß einfach auf der Fußmatte und wartete, bis Lisa Feierabend hatte. Die Chefin versuchte wieder, an Lisa ihr Missfallen abzulassen. Diesmal hörte Lisa aber nicht zu: – Alice Eduardovna, wie kommen Sie dazu, mich anzuschreien und zu demütigen? Ich kann unter solchen Bedingungen nicht arbeiten. Schon fast hab ich Migräne – dann geh ich eben auf Krankenschein. Wo wollen Sie so schnell Ersatz für mich holen? – Die Kolleginnen kicherten. Die Chefin verließ schweigend das Zimmer. Bald meldete sich auch Lisas Mutter wieder, konnte die Funkstille nicht mehr ertragen: – Hallo, Tochter! Warum meldest du dich nicht? Ist dir egal, wie es deiner Mutter geht? Du bist so hartherzig! Undankbare! Elisabeth, ich rede mit dir! – Ihre Mutter schrie ins Telefon. – Hallo Mama. Ich diskutiere in dem Ton nie wieder – sagte Lisa ganz ruhig. – Wie kannst du es wagen! Ich lege jetzt auf! – Die Mutter schrie hysterisch. – Mach doch… – sagte Lisa gleichgültig. Zwei Tage später rief die Mutter erneut an. Entschuldigte sich nicht – das war nicht ihre Art – aber sie blieb ruhig und höflich. Einen Monat später zog Lisa zu Arsenij. Sie vermietete ihre Wohnung. Aus Freundschaft wurde mehr: Zärtlichkeit, Vertrauen, Dankbarkeit – so entsteht wohl Liebe. Mit dem Geld aus der Vermietung engagierte Lisa einen Masseur für Arsenij und meldete ihn am Wochenende zum Schwimmen an. Und tatsächlich: Nach und nach kehrte das Gefühl in seine Beine zurück. Er konnte schon die Zehen bewegen. Dann wurde Lisas Mutter krank. Sie bat im Büro um zwei Tage frei und fuhr zu ihr. Arsenij wartete voller Sehnsucht. Tagein, tagaus lag er wie ein treuer Hund auf dem Sofa und wartete. Februar. An jenem Tag tobte draußen ein Schneesturm. Er wusste genau, wann der Bus ankommen sollte, rechnete aus, wie lange die Fahrt und der Weg nach Hause dauern würde. Die Zeit verstrich, aber Lisa kam nicht. Arsenij setzte sich im Rollstuhl ans Fenster. Aber draußen war nur weiß. Ihr Telefon war längst aus. So vergingen eine, zwei, drei Stunden… Als sich endlich der Schlüssel im Schloss drehte, sprang sein Herz fast aus der Brust, und seine Seele eilte ihr entgegen. – Senja, unser Bus blieb im Schnee stecken, wir mussten stundenlang auf den Räumdienst warten… Das Handy hatte keinen Akku mehr – rief sie schon von der Garderobe aus – Senja! – Sie stürmte ins Wohnzimmer und blieb stehen. Er stand zwei Schritte vom Rollstuhl entfernt und lächelte.