Mama ist erschöpft

Mama ist ausgebrannt

Birgit schrie so laut auf die Kassiererin ein, dass deren Hände zitterten.

Wie lange brauchen Sie noch?! Können Sie Ihren Job nicht vernünftig machen, bleiben Sie doch zu Hause!

Entschuldigung, sagte die ältere Frau und zog die Waren schon so schnell über den Scanner, wie sie nur konnte, schaffte es aber dennoch, sich noch mehr zu beeilen.

Birgit, mein Vater, Martin, tippte vorsichtig meine Mutter am Ellenbogen an, lass es gut sein, komm, wir gehen.

Sie fuhr ihn scharf an:

Halt du dich raus! Hat dich jemand gefragt?

Mein Vater senkte schuldbewusst den Blick und schwieg. Er schwieg immer.

***

Zuhause roch es nach würzigem Hähnchen. Meine Schwiegermutter, Helga Müller, stand am Herd und rührte in der Suppe.

Ach, ihr seid da! Ich hab eine schöne Hühnersuppe mit Nudeln gekocht. Setzt euch doch, ich mach euch was Warmes.

Ich habe schon hundert Mal gesagt, nicht einfach in meiner Küche herumzuwirtschaften, zischte Birgit. Wohnt ihr jetzt hier, oder seid ihr nur zu Besuch?

Helga Müller wurde ganz blass und stellte den Löffel beiseite.

Ich wollte doch nur helfen…

Brauch ich nicht! Ich schaffe das sehr wohl alleine!

Da rannte meine siebenjährige Tochter Annika aus ihrem Zimmer:

Mama, hallo! Die Lisa aus dem Nachbarhaus hat gesagt, ich sei schwach! Aber das stimmt doch gar nicht, oder?

Lass mich in Ruhe, bellte Birgit. Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?

Annika blieb stehen. Sie blickte hilfesuchend zu Helga. Die schaute weg.

Birgit zog sich knallend zurück in ihr Zimmer.

***

So lebten wir immer.

Jeder Tag glich dem anderen. Birgit wachte schlechtgelaunt auf, ging abends genauso ins Bett, und dazwischen schrie sie jeden an, der ihr über den Weg lief. Den Mann, die Schwiegermutter, die Tochter, die Kassiererinnen, die Kollegen, selbst die Fremden auf der Straße.

Ganz selten kam sie ins Grübeln: Herrgott, was mach ich hier eigentlich? Doch der Gedanke verschwand im schwarzen Loch der Leere, aus dem kein Entkommen schien.

Martin hielt durch. Er war es gewohnt. Zehn Jahre Ehe hatten ihn eins gelehrt: schweigen und sich unsichtbar machen.

Er arbeitete in zwei Jobs, brachte das Geld heim, machte alles, was sie sagte. Nachts, wenn Birgit schlief, saß er an der Küchenbank, trank Tee und starrte lange ins Nichts. Dachte nach.

Helga Müller war seit drei Monaten da, um mit Annika zu helfen, während wir beide arbeiteten.

Sie war einverstanden obwohl sie täglich Birgits vorwurfsvolle Blicke zu ertragen hatte.

Annika… Annika lebte einfach. Rannte, spielte, wollte wissen. Jedes Mal, wenn sie sich der Mutter näherte, prallte sie an einer Mauer ab.

Früher weinte sie dann. Jetzt nicht mehr. Sie ging zu Oma und setzte sich still daneben da war es ruhiger.

***

Am Freitag geschah, was schon oft geschah.

Birgit kam stinksauer von der Arbeit: Ihr Chef hatte sie zusammengestaucht, die Kollegin sie hintergangen, in der U-Bahn hatte ihr jemand auf den Fuß getreten.

Kurz vor ihrer Heimkehr verschüttete Annika Saft auf das neue, beige Sofa, das wir auf Raten gekauft hatten.

Sie stand neben dem leeren Glas, starrte mit Panik auf den roten Fleck.

Was hast du denn angestellt?! kreischte Birgit beim Reinkommen. Weißt du, was dieses Sofa gekostet hat?!

Das war keine Absicht, Mama. Bitte, schrei nicht. Ich hab Angst vor dir

Hat Angst!, schrie Birgit nur noch mehr. Du kannst nur alles kaputtmachen und mir das Leben schwer machen!

Mama, bitte verzeih…

Geh in dein Zimmer! Ich will dich nicht mehr sehen!

Annika trottete weg. Birgit schrie noch ewig in die Leere, bis ihre Stimme versagte.

***

Nachts konnte sie nicht schlafen. Sie ging in die Küche, setzte sich ans Fenster. Draußen rieselte ein feiner Regen.

Sie schaute den Tropfen am Glas zu, dachte daran, wie leid ihr alles war. Wie gerne sie hätte, dass alles endlich vorbei wäre. Dass alle einfach aufhörten, sie zu bedrängen. Und Stille einkehrte.

Sie merkte gar nicht, dass sie am Tisch eingeschlafen war.

Gegen vier Uhr morgens wurde sie von Kälte wach.

Im Haus war es still. Martin schlief, Helga schlief, Annika schlief.

Sie stand auf, ging ins Bad. Beim Zurückgehen blieb sie an Annikas Tür stehen, die angelehnt war. Sie guckte, ob Annika vielleicht aufgedeckt war.

Annika lag zusammengerollt, die Arme um ihr Kissen. Auf dem Schreibtisch lag ein Heft, kariert, bemalt mit Panzern.

Birgit wollte schon gehen, da sah sie auf einer Seite:

Mama

Sie nahm das Heft, setzte sich auf Annikas Bett. Las.

Es war ein Tagebuch.

Der erste Eintrag war im September.

Heute hat Mama wieder geschrien. Papa sagt, sie ist müde. Ich wollte sie umarmen, aber sie hat mich weggeschoben. Weil ich wohl schlecht bin.
Birgit schluckte. Blätterte um.

Oktober. Heute hat Oma Geburtstag. Ich habe ihr eine Karte gemalt, mit Blumen. Wollte sie morgens schenken. Aber Mama hat wieder Papa angeschrien, und ich habs gelassen. Hab sie unter mein Kissen gelegt. Vielleicht schenke ich sie morgen, wenn Mama nicht da ist.
Weiter.

November. Ich habe mein Spielzeugauto kaputtgemacht, das Papa mir geschenkt hatte. Mit Absicht. Ich dachte, wenn ich was von mir kaputtmache, dann schreit Mama nicht. Aber sie hat trotzdem geschrien. Sie sagt, ich kann nichts wertschätzen. Und dass ich dumm bin.
Birgit zitterten die Hände.

Dezember. Bald ist Weihnachten. Ich habe dem Weihnachtsmann geschrieben, dass ich mir wünsche, dass Mama nicht mehr schreit. Aber so was kann man wohl nicht schenken.

Januar. In der Schule sollten wir aufschreiben, was wir einmal werden wollen. Ich habe geschrieben, ich will unsichtbar werden. Damit Mama mich nie sieht und nie mehr schreit. Die Lehrerin fand das komisch und hat Papa angerufen. Papa kam, hat mit mir geredet. Er sagt, Mama ist eigentlich lieb, nur ist alles für sie schwer. Ich weiß das. Ich erinnere mich auch, wie sie früher war. Sie hat mich umarmt. Gelacht. Jetzt lacht sie nie mehr.
Birgit saß wie erstarrt da. Tränen tropften ins Heft, verwischten die Tinte.

Februar. Heute hab ich Saft auf das Sofa gekippt. Mama hat ganz lange geschrien.
Wenn sie schreit, fühle ich mich, als würde ich Stück für Stück sterben. Erst die Ohren, dann das Herz, dann die Seele. Ich habe mich einfach hingelegt und die Augen zugemacht. Ich dachte: Wenn ich jetzt im Schlaf sterbe, wird sie wohl weinen? Oder nur sagen: Weniger Ärger wenigstens?
Das Heft fiel Birgit aus den Händen. Ihre Schultern bebten, sie gab keinen Laut von sich. Zu viel Angst, Annika könnte wach werden. Zu viel Angst, ihr so gesehen zu werden. Angst vor allem.

So saß sie lange. Zwanzig Minuten, vielleicht eine Stunde. Dann legte sie das Heft wieder zurück und verließ das Zimmer.

Zurück zu sich, legte sie sich neben Martin. Stumm starrte sie an die Decke, bis der Morgen dämmerte.

***

Annika wachte als erste auf.

Sie blinzelte, setzte sich auf, sah die angelehnte Tür und erinnerte sich an gestern. Seufzte.

Im Flur war es ungewohnt ruhig. Nicht wie sonst, wenn Mama alle auf Trab und die Töpfe zum Klimpern bringt und schimpft, dass alle schlafen wie die Murmeltiere.

Sie schaute in die Küche.

Mama saß am Tisch. Kein Gebrüll, kein Chaos. Sie starrte einfach nur aus dem Fenster. Vor sich eine längst kalte Tasse Tee.

Mama? fragte Annika leise.

Ihre Mutter drehte sich um. Ihr Gesicht war seltsam. Nicht wütend, nicht erschöpft, einfach anders. Annika konnte es nicht beschreiben.

Guten Morgen, sagte Birgit leise. Komm, frühstück.

Sie setzte sich. Mama stellte ihr eine Schüssel Haferbrei hin, setzte sich gegenüber.

Annika aß und beobachtete sie vorsichtig. Sie wartete auf das Gewohnte. Aber es kam nichts.

Mama, sagte sie schließlich, was ist los?

Nichts.

Warum bist du so still?

Ich denke nach.

Worüber?

Birgit sah Annika lange an. Dann legte sie ihr die Hand auf den Kopf. Einfach so, ohne Grund.

Über dich, sagte sie. Über uns.

Annika blieb mit dem Löffel im Mund stehen.

Bist du krank, Mama?

Nein, Liebling. Im Gegenteil ich werde wieder gesund.

Sie verstand es nicht, nickte aber. Hauptsache, Mama schrie nicht.

Iss auf, sagte Birgit. Es wird Zeit für die Schule.

Annika trank ihren Kakao aus, stand auf und ging ihre Sachen holen. An der Tür stoppte sie.

Mama, murmelte sie verlegen Und heute Abend also schreist du da wieder nicht?

Birgit kam zu ihr, kniete sich hin.

Hör zu, sagte sie ernst. Ich weiß nicht, ob ichs schaffe. Aber ich werde alles tun, damit ich nicht mehr schreie. Damit du nie mehr Angst hast. Verstanden?

Annika nickte.

Und wenns nicht klappt? flüsterte sie.

Dann sagst du mir: Du schon wieder? Dann erinnere ich mich daran.

Woran?

An alles, sie gab Annika einen Kuss auf die Stirn. Geh jetzt.

Annika verschwand.

Birgit blieb im Flur stehen, hörte, wie der Fahrstuhl die Tür schloss. Dann war es ganz still.

Martin kam verschlafen aus dem Schlafzimmer.

Du bist schon wach? fragte er.

Ich konnte nicht schlafen.

Er sah sie prüfend an.

Alles in Ordnung?

Ja, antwortete Birgit. Geh frühstücken.

Er setzte sich in die Küche. Birgit folgte.

Sie saßen beisammen, Martin goss sich Tee ein

Martin, sagte Birgit plötzlich. Warum liebst du mich eigentlich?

Er verschluckte sich fast.

Wie bitte?

Warum liebst du mich? Ich ich bin doch ein Monster.

Martin stellte die Tasse ab. Schaute ihr lange in die Augen.

Du bist kein Monster, sagte er. Du hast nur vergessen, wer du bist.

Und wer bin ich?

Vieles, lächelte Martin schief. Ich erinnere mich. Du kannst warmherzig, witzig, liebevoll sein. Wenn du umarmst, knackts oft fast in den Knochen Ich erinnere mich an alles, Birgit. Nur du scheinst es vergessen zu haben

Birgit schwieg.

Weißt du, ich hoffe so sehr, dass du wieder zu dir findest, sagte Martin. Ich warte so lange, wie es dauert.

Birgit griff nach seiner Hand, drückte sie.

***

An diesem Tag schrie sie zum ersten Mal niemanden an.

Annika kam aus der Schule. Rucksack in die Ecke, stürmte hin und umarmte ihre Mutter einfach so.

Mama, ich hab heut eine Eins bekommen!

Super, lächelte Birgit. Ich bin stolz auf dich!

Annika erstarrte, sah sie erstaunt an.

Wirklich?

Wirklich.

Sie strahlte. So breit, wie ich es lange nicht mehr gesehen hatte.

Mama, weißt du, sagte Annika. Ich habe heute gehofft, du würdest mich vielleicht doch mal abends umarmen. Und jetzt hast dus wirklich getan.

Du dumme Nuss, Birgit drückte ihre Tochter fest an sich. Ab jetzt umarme ich dich jeden Tag!

***

Abends ging Birgit in Annikas Zimmer. Sie schlief schon. Auf dem Schreibtisch lag das Heft.

Birgit nahm es, öffnete die letzte Seite. Sie holte einen Stift heraus und schrieb unten, unter Annikas Zeilen:

Mein Herz, ich liebe dich unendlich. Es tut mir leid. Ich werde alles tun, damit es besser wird.
Mama.

Ich weiß heute: Man vergisst manchmal, wie sehr Worte und Taten andere verletzen können selbst, wenn man sich selbst gar nicht mehr spürt. Aber eines kann man immer tun: Um Entschuldigung bitten und sich ändern. Und das habe ich gelernt.

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Homy
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