Die zweite Mutter
– Die Papiere, die Sie mir jetzt unterschieben wollen, Frau Hannelore Becker, habe ich bereits gesehen. Ein zweites Mal wird es nicht funktionieren.
Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stand in der Tür meiner eigenen Küche, in ihrem beigen Mantel mit Perlmuttknöpfen, die Handtasche elegant am Ellenbogen, als käme sie zu einem Empfang und nicht, um das Leben eines anderen Menschen niederzutreten. Ein Hauch teures Parfüm lag in der Luft, das, was sie zum Geburtstag von Thomas aus München bekommen hatte für das sie ihn überschwänglich geküsst und gelobt hatte, weil er angeblich mehr Geschmack bewies als manche andere.
– Annemarie, du hast das alles falsch verstanden, sagte sie in diesem Tonfall, den ich längst zu lesen gelernt hatte wie ein offenes Buch. Oben weich, innen wie Granit. Ich will nur dein Bestes. Nur das Beste.
Ich stellte die Tasse ab. Meine Hände zitterten nicht. Das war neu, denn noch vor einem Jahr hätte ihr Blick gereicht, damit ich die Zehen vor Angst krümmte.
– Sie haben schon so viel Bestes für mich gewollt, dass ich ein ganzes Jahr aus der Depression nicht herauskam. Es reicht, denke ich.
Sie verengte die Augen. Hinter diesem Blick kam immer etwas Unangenehmes. Ich kannte das inzwischen in- und auswendig, nach sieben Jahren Bekanntschaft.
– Du bist erschöpft, ich verstehe das. Diese Behandlungen, die Ärzte, das ewige Hin und Her in den Kliniken. Deshalb bin ich gekommen, um zu helfen. Das ist nur ein kleines Formular, damit du
– Was ummelden?
– Nun, einige Unterlagen. Finanziell. Damit du, falls etwas passiert, abgesichert bist.
Ich sah sie an. Ihre Hände mit den feinen Ringen. Die Mappe, die sie hielt wie einen Blumenstrauß.
– Geben Sie her, sagte ich.
Und zum ersten Mal im Leben stockte sie kurz.
Dann reichte sie mir doch die Mappe. Ich schlug sie am Tisch auf, stellte mich nicht einmal hin. Erstes Blatt. Zweites. Beim dritten hielt ich inne, las zweimal, weil ich es zuerst gar nicht glauben konnte.
Es war ein Scheidungsantrag. Fertig ausgefüllt, sauber abgetippt, mit meinem Namen und Nachnamen. Es fehlte nur noch meine Unterschrift.
Die Stille in der Küche wurde so dicht, dass ich draußen auf der Straße ein Auto vorbeifahren hörte, und irgendwo weit weg ein Kind schreien.
– Sie ich fand erst keine Worte. Sie sind hergekommen, damit ich selbst die Scheidung von meinem eigenen Mann unterschreibe. Und das nennen Sie nur mein Bestes wollen.
– Annemarie, du verstehst nicht. Thomas braucht eine Familie. Eine richtige Familie. Kinder. Und du kannst sie ihm nicht schenken. Seit Jahren Versuche, Geld, Hoffnung und nichts. Du quälst dich und ihn. Lass ihn los. Das wäre edel von dir.
Ich schloss die Mappe. Legte sie langsam, fast zärtlich, ab, obwohl es in mir brannte.
– Verlassen Sie mein Haus, sagte ich.
– Annemarie…
– Bitte, gehen Sie.
Sie ging. Und ich blieb allein in der Küche, mit dieser Mappe, dem Duft ihres Parfüms und dem seltsamen Gefühl, gerade am Abgrund gestanden und im letzten Moment einen Schritt zurück gemacht zu haben. Nur einen Zentimeter. Im allerletzten Moment.
Damals war ich dreißig. Thomas zweiunddreißig. Seit fünf Jahren verheiratet, vier davon versuchen wir, Eltern zu werden. Für Außenstehende ist das wohl ein es klappt einfach nicht. Aber sie wissen nicht, was das heißt. Jede Hoffnung, jeder Absturz. Blutuntersuchungen, Protokolle, Spritzen jeden Morgen in den Bauch und nicht weinen, denn Stress ist schädlich, und nicht ärgern, Stress ist schädlich, überhaupt: ruhig bleiben und an Gutes denken.
Ich versuchte es. Strengte mich an. Doch währenddessen ging meine Schwiegermutter zu Bekannten und erzählte, ihre Schwiegertochter sei nicht ganz zurechnungsfähig und habe sich gehen lassen. Das wusste ich. Die Stadt war klein, alles sprach sich herum.
Thomas war damals dienstlich unterwegs. Er war oft weg eine Baufirma, Objekte überall in Bayern. Ich beklagte mich nie. Er rief abends an, wir sprachen lange, ich hörte, dass er müde war, und verschwieg das Schlechte. Schonte ihn. Oder mich. Ich weiß es nicht mehr.
An dem Abend, als Hannelore Becker gegangen war, saß ich lange am Fenster. Schaute raus. Draußen war es typischer Herbst, schon November kahle Bäume und nasser Asphalt. Menschen mit Einkaufstaschen gingen vorbei. Eine Frau führte ein kleines Mädchen an der Hand in eien roten Overall. Das Kind sprang durch Pfützen und lachte. Die Frau war nicht böse, hielt sie nur fester.
Ich sah sie an und dachte: Das ist alles, was ich mir wünsche. Nichts Großes. Nur ein Kind, das durch Pfützen springt. Einfach eine Hand in meiner.
Thomas sagte ich an dem Abend nichts. Ich wollte nicht, dass er sich tausend Kilometer entfernt Sorgen machte. Sagte nur, ich vermisse ihn. Er meinte, er käme bald heim, in einer Woche. Ich liebe dich. Und ich glaubte ihm. Ich hatte ihm immer geglaubt.
Dann kam diese Woche, die alles änderte.
Am Mittwoch rief mich meine Schulfreundin Luise Steiner an, mit einer Stimme, als trüge sie etwas schweres und hätte Angst, es zu zerbrechen.
– Anne, hast du schon gehört, was sie erzählen?
– Was?
– Über dich. In der Arztpraxis. Beim Friseur in der Bahnhofsstraße. Sie meinen, du hättest na ja, einen anderen Mann.
Ich schwieg drei Sekunden. So lange brauchte ich zu verstehen, woher das kam. Lange grübeln musste ich nicht.
– Von wem kommt das, Luise?
Sie zögerte.
– Deine Schwiegermutter hat es, glaube ich, bei Sabine ihren Geburtstag fallen lassen Anne, ich glaube kein Wort. Das weißt du. Aber du solltest es wissen.
– Sollte ich, ja. Danke.
Ich weinte nicht. Saß auf dem Sofa in meiner ruhigen Wohnung und verstand nicht, warum. Ich hatte ihr nie etwas getan. Niemals war ich frech, habe widersprochen oder Aufbegehren gezeigt. Ich habe ihr Geschenke gemacht, wie sie sie mochte immer nach Thomas gefragt. Ich sagte stets Frau Becker. Immer. Auch für mich allein, in Gedanken.
Warum hasste sie mich so? Einfach weil ich neben ihrem Sohn lebte? Oder weil ich keine Kinder bekam? Oder weil ich ihr zu gewöhnlich war? Thomas, der Ingenieur, Abteilungsleiter, voller Perspektiven. Und ich: Grundschullehrerin in der Schillerstraße. Vielleicht lag es daran.
Ich fand keine Antwort. Damals nicht und auch später nicht.
Am Freitag fuhr ich in die Hoffnung-Klinik zum regulären Untersuchungstermin. Frau Dr. Susanne Krüger, meine Ärztin dort, war mir inzwischen schon fast wie Familie. Eine stille, gewissenhafte Frau. Nach jedem gescheiterten Versuch erklärte sie Neues, forschte weiter, suchte Gründe. Es gab keine. Bei beiden alles im Normalbereich. Unerklärliche Unfruchtbarkeit. Da zucken die Ärzte nur mit den Schultern und sagen: Die Medizin weiß es auch nicht. Versuchen Sie weiter.
Ich saß im Wartezimmer und blätterte in einer Illustrierten, ohne zu lesen. Neben mir eine junge, schwangere Frau rundum glücklich. Ich sah sie an, war nicht neidisch. Das war wichtig. Ich wollte einfach nur dasselbe.
Da hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme.
Ich drehte mich um und konnte es kaum fassen. Thomas stand am Empfang, sprach mit der jungen Dame dort. Lebendig, mit Reisetasche über der Schulter, in der grauen Jacke, die ich ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.
– Thomas?
Er sah auf, war kurz überrascht, dann kam er schnell zu mir, nahm mich in die Arme und ich vergrub die Nase in seiner Jacke, roch nach Straße, Müdigkeit und Heimat.
– Du wolltest doch erst in drei Tagen kommen, murmelte ich.
– Ich war früher fertig. Wollte dich überraschen. War zu Hause, du warst weg, hab angerufen und du gingst nicht ran.
– Handy lag in der Tasche.
– Da habe ich mir gedacht, wo du bist.
Er nahm meine Hand, wir setzten uns beiseite. Und ich konnte nicht anders ich erzählte ihm alles. Den Scheidungsantrag. Die Gerüchte über einen Liebhaber. Und dass ich nicht mehr so tue, als wenn nichts passiert.
Er hörte stumm zu. Sehr stumm. Ich sah die Muskeln an seinem Kiefer spielen auch das konnte ich lesen. Er hielt etwas zurück.
– Warum hast du mir das nicht sofort gesagt? fragte er schließlich.
– Ich wollte dich nicht belasten.
– Anne.
– Du bist unterwegs, hast Stress, ich
– Anne, sagte er, und ich hörte an dem Ton, dass er nicht böse war, sondern traurig. Ich bin dein Mann. Erstens. Zweitens: Wir hätten längst ernsthaft über meine Mutter sprechen müssen. Ich weiß, dass sie nicht immer
– Sie hasst mich, Thomas.
Er schwieg. Das war schon Antwort genug.
Dann rief Susanne Krüger mich ins Sprechzimmer. Thomas kam mit. Und dann passierte etwas völlig Unerwartetes.
Die Ärztin wirkte angespannt, sah auf den Monitor und dann auf uns, blätterte in meiner Akte.
– Anne, ich muss Sie ehrlich fragen: Haben Sie zwischen den Behandlungen eigenmächtig Medikamente genommen, ohne mein Wissen?
Ich verstand erst nicht.
– Nein, nie. Immer nur nach Ihren Vorgaben.
Sie nickte langsam. Dann:
– Jemand ist damals an uns herangetreten, mit dem Angebot, Ihre Laborwerte zu manipulieren. Leicht, aber gezielt. Gegen ein Honorar.
Es wurde sehr still.
– Ich habe abgelehnt, sagte Frau Dr. Krüger. Aber in einer anderen Klinik, wo Sie die ersten zwei Versuche hatten, wurde wohl nicht abgelehnt. Ich kann das offiziell nicht beweisen. Aber eine Kollegin von mir, die dort arbeitete, hat mir das kürzlich erzählt. Es ließ ihr keine Ruhe mehr.
Thomas stand auf.
– Wer war das? Wer hat das Ihnen angeboten?
Susanne Krüger blickte erst ihn, dann mich an, dann wieder ihn.
– Ich weiß es nicht sicher. Der Anruf kam anonym, weibliche Stimme, nicht jung, aber sehr selbstbewusst.
Ich hörte neben mir, wie Thomas langsam ausatmete. Ich starrte aus dem Fenster; da draußen ein kleiner Hof, eine kahle Birke stand dort, der Herbst war kahl.
Ich dachte: Vielleicht werde ich verrückt. Das gibt es doch gar nicht! Eine Mutter! Eine eigene Mutter! Das ist jenseits aller Vorstellung.
Aber irgendwo in mir, in der allertiefsten Ecke, wusste ich es. Ich wusste es schon lange. Ich hatte es nur nie gedacht.
– Wir müssen reden, sagte Thomas.
Wir verließen die Klinik, setzten uns ins Auto. Er startete nicht gleich, blickte nur stumm auf die nasse Straße.
– Thomas…
– Bitte, sprich jetzt nicht. Eine Minute nur.
Ich schwieg. Draußen prasselte der Regen an die Scheiben.
– Es war sie, sagte er schließlich. Er fragte nicht, er stellte fest.
– Ich weiß es nicht sicher…
– Ich weiß es. Seine Stimme war ruhig, fast emotionslos. Das war schlimmer als ein Schrei. Ich weiß es, weil ich ein Idiot war. Denn vor einem Jahr erzählte sie mir, sie habe Bekannte unter den Ärzten, die sich Sorgen machten. Ich dachte, das sei ihr Weg, sich wichtig zu machen. Ich habe nicht nachgedacht.
Er brach ab.
– Mein Gott, Anne. Vier Jahre.
Ich weinte nicht. Ich hatte es längst gelernt: Da, wo ich eigentlich weinen wollte, blieb ich ruhig. Ich nahm seine Hand vom Lenkrad. Hand in Hand.
– Was tun wir jetzt, fragte ich.
Er drehte sich zu mir.
– Zuerst sag mir glaubst du mir? Dass ich nichts davon wusste?
Ich sah ihm in die Augen. Braun, müde, gerötet vom schlechten Schlaf unterwegs. So vertraut, es tat fast weh.
– Ich glaube dir, sagte ich. Und es war wahr.
Lange saßen wir so, sprachen überlegt. Wohin gehen? Zur Polizei? Aber mit was? Einem Bericht einer Ärztin ohne Beweis? Einem Scheidungsantrag, den ich nicht unterschrieben hatte? Es gibt kein Strafgesetz dafür nur Wort gegen Wort.
Wir brauchten Beweise.
Da fiel mir Luise ein, ihr Sommerhaus in den Wäldern bei Bad Tölz, dreißig Kilometer von unserer Stadt. Sie hatte es nie verkauft, kümmerte sich aber kaum darum. Letztes Jahr waren wir mal dagewesen ich hatte noch den Schlüssel.
– Ich glaube, wir sollten erstmal weg, sagte ich.
– Wohin?
– Dorthin, wo sie uns nicht sofort findet. Wo wir über alles nachdenken und in Ruhe planen können. Wenn wir direkt konfrontieren, dreht sie alles um. Das kann sie perfekt du weißt das.
Thomas nickte.
Wir fuhren nach Hause. Ich packte in zwanzig Minuten, Kleidung, Ladekabel, Dokumente. Thomas nahm Laptop, Akten. Uns sah niemand oder es fiel zumindest niemandem auf.
Im Auto rief ich Luise an.
– Luise, ich muss dich nicht fragen, sind meine Schlüssel von Bad Tölz noch gültig?
– Klar, Anne. Ist alles da. Geht es dir gut?
– Nicht ganz. Erzähle ich später.
– Fahrt ruhig hin, Holz und Gas sind da, Decken im Schrank. Schau nur, ob Mäuse da sind.
– Danke.
– Pass auf dich auf.
Fragen musste ich nicht, was sie meinte. Ich verstand es.
Wir fuhren im Dunkeln Richtung Wald. Regen schlug an die Scheiben, Thomas fuhr schweigend, ich sah aus dem Fenster in die Nacht. Ich hatte Angst. Nicht vor Nacht oder Flucht, sondern vor der Frage, wie kann ein Mensch so sein? Wie kann jemand wissen, dass seine Schwiegertochter seit Jahren leidet, sich jeden zweiten Tag spritzt, heimlich nachts weint und dann bezahlt man jemandem, das alles umsonst sein zu lassen?
Toxische Familienverhältnisse. Früher hatte ich das mal in Magazinen gelesen klang wie aus einer anderen Welt. Jetzt wusste ich: Es ist meine Welt.
Das Häuschen war kalt, aber in Ordnung. Es roch nach altem Holz, nach Herbst. Thomas heizte ein, ich entdeckte Decken muffig, aber warm. Wir tranken Tee aus Luises Tassen mit Mühlenmotiv und redeten. Lange. Das erste Mal richtig seit Langem.
– Erzähl mir alles, bat Thomas. Vom Anfang an.
Ich erzählte. Die kleinen Nadelstiche, Telefonate am Tag wichtiger Behandlungen ich nahm immer ab, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Wie die Ärztin in der ersten Klinik immer zerstreut, immer klappte das Protokoll aus technischen Gründen nicht. Einmal Gerät defekt, einmal Werte nicht rechtzeitig, einmal Medikament aus anderer Charge. Ich dachte: So spielt das Leben. Dachte, ich habe einfach Pech.
Thomas hörte still zu. Manchmal schloss er die Augen.
– Sie hat mir erzählt, du würdest dich nicht an Regeln halten, sagte er leise. Isst, was du willst, bist zu nervös. Die Ärzte hätten ihr gesagt: Die Ursache bist du.
– Und du hast es geglaubt?
Er schwieg lange.
– Nicht geglaubt. Aber auch nicht widersprochen. Ich wollte einfach, dass es sich von selbst löst. Feige, ich weiß.
– Nein. Du hast sie nur geliebt. Das ist nicht dasselbe.
Er sah mich an mir wurde es eng ums Herz.
Am nächsten Morgen schmiedeten wir Pläne. Klar war: Wenn wir sie direkt konfrontieren, leugnet sie alles. Bis man selbst an seiner Wahrnehmung zweifelt. Ich kannte dieses Gefühl.
Wir brauchten ein Geständnis. Ihre Stimme.
– Sie wird kommen, sagte Thomas bestimmt. Sobald sie merkt, dass wir verschwunden sind, dass ich früher da bin, sucht sie uns. Und sie findet uns.
– Woher weißt du das?
– Ich bin ihr Sohn. Für sie ist das alles eine Frage von Kontrolle. Sie duldet keinen Kontrollverlust.
Wir richteten alles her. Thomas hatte ein gutes Diktiergerät auf dem Handy. Wir übten es, legten es unauffällig in die Hemdtasche. Wir verabredeten, ich würde das Gespräch führen offen, direkt.
Wir warteten drei Tage in dieser alten Hütte, redeten, kochten, gingen abends in den Wald. In diesen Tagen veränderte sich etwas bei uns. Nicht zum Schlechten, einfach das Wesentliche blieb. Ohne Masken. Ohne Taktieren.
Einmal umarmte Thomas mich in der Küche von hinten. Flüsterte:
– Nach all dem gehen wir weg. Fangen neu an, anderswo.
– Wirklich?
– In München gibt es eine Stelle. Ich hatte wegen meiner Mutter nie gewechselt. Jetzt sehe ich es anders.
Ich antwortete nicht, legte nur meine Hand auf seine.
Sie kam am vierten Tag. Sonntag nachmittags. Wir hörten gleich das Auto auf der Schotterauffahrt. Thomas ließ sofort das Handy mitlaufen.
– Bist du bereit? fragte er.
– Ja, sagte ich, und diesmal stimmte es.
Sie betrat das Haus, als gehörte es ihr. Sah sich um, erblickte uns beide.
– Thomas. Der Ton gespannt, aber ruhig. Sie konnte ihr Gesicht wahren. Ich wusste nicht, dass du da bist.
– Natürlich. Du hast wohl gedacht, ich sei noch unterwegs.
Sie sah mich an, lange, prüfend.
– Anne. Warum hast du ihn hierher geschleppt? Was hast du ihm erzählt?
– Nur, was ich weiß, Frau Becker.
– Was weißt du? Du fantasierst doch immer. Stress, sagen die Ärzte doch auch
– Welche Ärzte? fragte ich leise. Die, denen Sie bezahlt haben, damit unsere Behandlungen nie Erfolg haben?
Pause. Ganz kurz, aber ich sah sie.
– So ein Unsinn, entgegnete sie. Die Stimme wurde härter.
– Unsinn? Ich blieb stehen. In der Isar-Klinik arbeitete Frau Dr. Neuhaus vor zwei Jahren. Erinnern Sie sich?
Sie schwieg.
– Sie hat Frau Krüger alles erzählt. Es wurde angeboten, die Ergebnisse zu manipulieren und sie hat zugestimmt. Frau Becker, ich rede jetzt nicht lange drumherum: Ist das wahr?
– Du spinnst.
– Mama, sagte Thomas. Und in dem Wort lag so viel, dass ich ihn nicht ansehen konnte. Du weißt, dass ich merke, wann du lügst. Mein ganzes Leben lang. Antworte Annemarie.
Etwas brach in ihr. Nicht nach außen da blieb sie stolz in ihrem Mantel mit den Perlmuttknöpfen. Aber innen. Das spürte ich.
– Ich tat es für dich, sagte sie. Aber nicht zu mir. Zu Thomas. Sie ist nicht die Richtige für dich. Keine ordentliche Familie, keine Verbindungen, Lehrerin nur. Du verdienst mehr. Ich habe so viel in dich investiert
– Mama.
– Ich wollte nur, dass du es selbst einsiehst. Ohne Krach. Niemand hat gelitten
– Niemand gelitten, wiederholte ich. Ich erkannte meine Stimme nicht. Vier Jahre, jeden Monat hoffen, verlieren. Spritzen, alle drei Tage Blut. Kein scharfes Essen, kein Kaffee, nichts Schweres heben. Ich glaubte, ich bin schuld. Dass mit mir was nicht stimmt. Niemand gelitten?
Sie sah mich an. Zum ersten Mal nach sieben Jahren, sah ich so etwas wie nicht Mitleid, aber etwas Lebendiges in ihrem Blick.
– Sie haben mir vier Jahre gestohlen, sagte ich. Und nennen das Fürsorge für Ihren Sohn.
– Ich bin seine Mutter, sagte sie ganz leise.
– Und ich seine Frau, sagte ich.
Thomas trat neben mich, Schulter an Schulter.
– Wir haben das Gespräch aufgenommen, sagte er. Alles.
Sie sah ihn lange an, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.
– Gibst du das der Polizei? fragte sie ruhig, geschäftsmäßig fast.
– Ja.
– Ich bin deine Mutter.
– Ich weiß.
Sie blieb noch einen Moment, dann ging sie zur Tür.
– Warten Sie, rief ich ihr hinterher. Ich weiß nicht, warum.
Sie blieb stehen, drehte sich nicht um.
– Haben Sie ihn je wirklich geliebt? Oder wollten Sie ihn nur besitzen?
Keine Antwort. Sie ging. Die Tür fiel zu.
Thomas sah noch einen Moment an den leeren Fleck, fuhr sich durchs Gesicht, stellte die Aufnahme ab.
– Ich rufe Michael an, sagte er. Michael sein alter Freund, heute bei der Kripo. Er weiß, wie wir weiter vorgehen.
– In Ordnung.
Ich trat vor die Hütte. Es war kalt, roch nach Tannennadeln und nassem Laub. Das Auto der Schwiegermutter war schon weg, im Sand nur noch Reifenspuren.
Ich stand da und atmete. Bloß atmen.
Das Weitere war nicht mehr unsere Sache wir übergaben, was wir hatten, den Rest erledigte die Justiz. Aufnahme, Aussage von Frau Dr. Krüger, und auch Dr. Neuhaus war nach ihrem Geständnis bereit, ihr Gewissen zu erleichtern. Sie hatte das Geld genommen, aber ein Gewissen lässt sich nicht verkaufen.
Zwei Wochen später wurde Frau Becker zu Hause festgenommen. Michael informierte Thomas. Thomas saß lange schweigend da, das Handy in der Hand.
– Wie geht es dir? fragte ich.
– Ich weiß es nicht, antwortete er.
– Das ist normal.
– Es ist meine Mutter, Anne.
– Ich weiß, Thomas.
Er ging auf und ab. Nahm irgendein Buch, stellte es wieder ins Regal.
– Weißt du, was das Schlimmste ist? sagte er. Dass ich nicht schockiert bin. Dass ein Teil von mir immer wusste, zu was sie fähig ist vielleicht nicht genau das, aber etwas Ähnliches. Und dass ich es trotzdem nicht sehen wollte. Weil es die eigene Mutter ist. Weil das doch nicht sein kann. Weil ich mir sagte: Du übertreibst.
– So wirken solche Beziehungen, sagte ich. Nie geradeheraus. Langsam, bis man an sich selbst zweifelt.
Er sah mich an.
– Hast du das alles begriffen?
– Nein. Ich war einfach nur sehr müde, Thomas. Müdigkeit macht entweder klüger oder zynischer. Ich weiß nicht was.
Drei Wochen später zogen wir aus Bad Tölz fort. In unsere alte Wohnung kehrten wir nicht zurück. Thomas holte die Sachen, ich war solange bei Luise. Dann gaben wir den Schlüssel zurück, und fuhren nach München.
Dort war der Herbst milder, heller. Palmen säumten den Weg fast unwirklich. Wir mieteten eine Wohnung in einem ruhigen Stadtteil, Thomas trat seine neue Stelle an. Ich arbeitete anfangs nicht, wohnte mich ein, ging auf den Markt, kochte Suppen, gewöhnte mich an das neue Leben.
Susanne Krüger gab uns eine Empfehlung zu einer Kollegin. Frau Dr. Andrea Vogel. Eine resolute, freundliche Ärztin, die nach der ersten Untersuchung sagte: Alles ist möglich, geben Sie niemals auf.
Wir machten neue Untersuchungen. Alles begann von vorn diesmal ohne fremde Hände, ohne sabotierte Ergebnisse.
Beim dritten Versuch klappte es.
Ich erfuhr es im Februar. Thomas war zu Hause. Ich stand im Bad mit dem Test, zwei Streifen. Ich trat zu ihm. Er war gerade auf dem Sofa, sah auf.
Ich sagte nichts, gab ihm nur den Test.
Er sah lange darauf, dann mich. Seine Augen waren rot.
– Anne…
– Ja, sagte ich.
Er stand auf, umarmte mich so fest, dass es fast zu eng war. Aber ich bat ihn nicht, loszulassen.
Erik wurde im Oktober geboren. Drei Kilo fünfhundert, zweiundfünfzig Zentimeter. Mit dunklen Haaren und einem so ernsten Gesicht, dass alle im Krankenhaus lachten: Da ist ein kleiner Professor! geboren.
Ich weinte. Nicht weil es schmerzte, obwohl das so war. Sondern weil, als er auf meiner Brust lag, alles, was ich vier Jahre getragen hatte, etwas leichter wurde.
Nicht weg. Solche Dinge verschwinden nie. Aber sie sind nicht mehr das Schlimmste.
Thomas hielt meine Hand. Immer noch. Wie damals am Auto an der Klinik.
Er war drei Monate, als wir uns das erste Mal einen ganz ruhigen Abend gönnten. Erik schlief, wir saßen in der Küche, tranken Tee. Ein Lichtlein auf dem Fensterbrett. Draußen rauschte das Münchner Herbstlaub.
– Thomas, sagte ich.
– Mhm.
– Denkst du manchmal an sie?
Er wusste, wen ich meinte.
– Manchmal. Weniger als früher.
– Ich auch. Manchmal denke ich, wie kann so etwas möglich sein. Und dann sehe ich Erik in seinem Bettchen und denke: Egal. Wir sind hier. Wir leben.
– Bist du böse auf mich? fragte er leise. Vorsichtig. Wie jemand, der lange zu fragen zögerte.
– Weswegen?
– Dass ich es nicht gesehen habe. Oder nicht sehen wollte.
Ich überlegte eine Weile. Ehrlich, nicht für eine hübsche Antwort.
– Nein, sagte ich schließlich. Ich bin nicht böse. Aber etwas bleibt. Wie ein Splitter, kaum spürbar, aber man weiß, er ist da.
Er nickte. Rechtfertigte sich nicht. Nahm es einfach an.
– Das ist fair, sagte er.
– Ich will ehrlich sein. Ich bin es leid, so zu tun, als wäre alles gut. Wenn nicht alles gut ist.
– Ist jetzt alles gut?
– Fast alles. Erik ist gesund, du bist da, wir haben ein Zuhause. Ich hielt meine Tasse, wärmte die Finger. Wir sind anders, Thomas. Nach all dem. Ob das besser ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist es einfach so.
Er sah in die Flamme, die ruhig zitterte.
– Weißt du noch, als sie in Bad Tölz ging und du auf der Stufe standest?
– Ich weiß es noch.
– Ich sah dich durchs Fenster: dachte, wie trägt sie das alles? Jahrelang. Und steht immer noch.
– Ich bin oft genug gebrochen. Nur nicht immer bei dir.
– Ich weiß. Tut mir leid.
– Thomas. Ich legte meine Hand auf seine. Wir hätten beide vieles anders machen können. Lassen wir es gut sein.
Im Nebenzimmer murmelte Erik im Schlaf, wir lauschten.
Stille.
– Er schläft, sagte Thomas.
– Ja.
Wir schwiegen. Das gute Schweigen, das es nur unter Vertrauten gibt Worte sind unnötig, gehen will man aber auch nicht.
– Bist du glücklich? fragte er plötzlich.
Ich dachte wirklich nach.
– Ja, sagte ich. Nur fühlt das Glück sich jetzt anders an, als ich früher dachte. Ich dachte immer, Glück sei: Es tut nie weh. Aber eigentlich ist Glück: Es ist gut, auch wenn einiges noch weh tut. Und du willst, dass dieser Tag nie zu Ende geht.
Er lächelte langsam, wie einer, der das Lächeln verlernt hatte.
– Ein guter Geschmack, sagte er.
– Ja, sagte ich. Mit einer leichten Bitternote aber gut.





