Alte Sachen von der Schwiegertochter
Helene Berger rief damals um halb acht am Morgen an.
Käthchen, hast du die Brosche nicht vergessen?
Katharina war gerade dabei, den Reißverschluss ihrer Handtasche zu schließen. Die Brosche lag darin, in einem eigenen kleinen Fach, eingewickelt in weichen Samt. Sie hatte sie schon am Vorabend hineingelegt und sicherheitshalber dreimal kontrolliert.
Mama, ich hab’ alles.
Sei vorsichtig damit. Sie ist alt.
Ich weiß, Mama.
Da ist echter Topas drin. Kein Glas, hörst du?
Ja, ich weiß, antwortete Katharina, jetzt schon etwas leiser. Dann fügte sie hinzu: Schlaf weiter, es ist noch zu früh.
Schlafen tu ich eh nicht mehr. Helene Berger machte eine Pause. Hast du das Kleid auch angezogen?
Ja, hab ich.
Und? Sieht es gut aus?
Katharina betrachtete ihr Spiegelbild. Das Kleid war altrosafarben, etwas unterhalb der Knie, sanft fallende Falten an der Taille. Es stammte noch aus Mamas alter Kommode, aus Zeiten der DDR. Katharina hatte es vor zwei Wochen umgearbeitet, die Schultern enger gemacht, den Saum etwas gekürzt, eine unnötige Rüsche entfernt. Schlicht war es geworden. Aber doch in Ordnung. Doch?
Es sieht gut aus, sagte sie.
Sei nicht nervös.
Bin ich nicht.
Doch, bist du. Ich höre das.
Katharina lächelte. Ihre Mutter hatte dieses Gespür immer gehabt. Am Telefon, durch jedes Geräusch, durch all die Jahre, die sie schon trennten.
Mama, das schaffe ich schon.
Natürlich schaffst du das. Du bist klug.
Katharina verabschiedete sich, legte das Handy in ihre Tasche. Sie stand einen Moment am Fenster. München unten erwachte bereits, Autos rollten, Menschen gingen, irgendwo brummte die U-Bahn. Sie war erst vor zwei Tagen angekommen und hatte sich noch nicht an diesen Lärm gewöhnt. In Großriedental hörte man morgens nur die Nachbarskuh muhen und eine Krähe im Birnbaum am Weg.
Noch einmal drückte sie das Fach mit der Brosche fest. Noch da. Gut.
Das Restaurant Goldener Fasan lag ganz zentral, in einer Seitengasse zwischen zwei alten Bürgerhäusern. Johannes hatte ihr ein Taxi bestellt. Er schrieb: Taxi ist um 18:30 da, bitte sei pünktlich. Meine Mutter mag es nicht, wenn man zu spät kommt. Katharina las die Nachricht und dachte: Gut, dass er Bescheid sagt. Sie ging um 18:15 hinaus.
Im Taxi saß sie still und blickte hinaus; der Fahrer stellte keine Fragen, und Katharina war ihm dankbar dafür. Sie ging noch einmal durch, wie sie sich vorstellen würde. Guten Abend, Frau Dr. Meinhardt, ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Oder: Guten Abend, Frau Dr. Meinhardt, Johannes hat viel von Ihnen erzählt. Oder einfach schweigend die Hand geben, freundlich lächeln. Lächeln konnte sie ehrlich. Ihre Mutter sagte immer: Das ist deine größte Gabe.
Im Restaurant war es groß und eindrucksvoll. Hohe Stuckdecken, gedämpftes warmes Licht, dunkle Holztische, schneeweiße, gestärkte Tischdecken. Schon viele Menschen waren da. Frauen in feinen Roben, Männer in Anzügen. Katharina blieb kurz in der Tür stehen und ließ den Blick schweifen. Die teuren Kleider, wie aus Modezeitschriften, kannte sie sonst nur aus Schaufenstern. Sie erkannte Schnitte von Haus Dietrich, Etiketten vom Atelier Ruppert an gewissen Details. Eine Dame war in ein dunkles Smaragdkleid gehüllt Kollektion von Mennhofer. So eins hatte sie im Schaufenster in der Maximilianstraße mal angeschaut.
Sie spürte, wie ihre Handflächen warm wurden und wie leicht schwitzig. Nur ein bisschen.
Johannes kam selbst auf sie zu, stand auf vom Tisch am Fenster, kam rasch herüber, nahm sie bei der Hand.
Du bist da. Gut. Er sagte es etwas hastig, als müsse er sich selbst Mut machen. Du siehst sehr gut aus.
Danke, sagte Katharina und sah ihn an. Er trug einen dunkelblauen Anzug, silberne Krawatte, das Haar akkurat frisiert. Fast fremd. Zu viel München.
Mama steht dort, am Haupttisch, er deutete mit dem Kopf. Sie ist heute etwas angespannt. So viele Gäste, so viel Aufregung. Mach dir nichts draus, falls…
Katharina sah ihn fragend an.
Falls was?
Johannes wurde kurz verlegen.
Sie ist manchmal… direkt. Das meint sie nicht böse.
Das meint sie nicht böse, wiederholte Katharina innerlich. Gut. Verstanden.
Sie gingen zum Haupttisch. Dort stand Frau Dr. Meinhardt, umgeben von drei Damen, wohl aus ihrem Bekanntenkreis. Groß, aufrecht, elegant für ihr Alter, in einem pflaumenfarbenen Kleid und mit auffälligen, funkelnden Ohrringen. Das Haar ganz exakt frisiert, wie aus einer Zeitschrift. Sie lachte gerade mit den Freundinnen das Lachen einer Frau, die gewohnt ist, Mittelpunkt zu sein.
Dann sah sie Katharina.
Das Lachen wurde nicht schlagartig weniger, es wurde leiser, wie ein Radio, das auf leise gedreht wird. Frau Dr. Meinhardt betrachtete Katharina. Erst ins Gesicht. Dann musterte sie von oben bis unten und wieder zurück ins Gesicht.
Johannes, das also ist deine… Sie ließ den Satz kurz schweben. Katharina?
Ja, Mama. Darf ich vorstellen?
Katharina machte einen Schritt vor.
Guten Abend, Frau Dr. Meinhardt. Es freut mich sehr.
Frau Dr. Meinhardt streckte ihr die Hand entgegen leicht, wie zum Handkuss, nicht um richtig zu schütteln. Katharina drückte die Hand fest. Ganz normal.
Ja, guten Abend. Frau Dr. Meinhardt betrachtete sie erneut. Und du bist also aus… wie heißt das Kaff noch?
Großriedental. Das liegt in Niederbayern.
Ja, ja, hab ich schon gehört.
Die Freundinnen von Frau Dr. Meinhardt tauschten Blicke, Katharina bemerkte es, ließ sich aber nichts anmerken.
Da holte Katharina die Brosche hervor. Sie hatte beschlossen, das Geschenk gleich zu überreichen, bevor die Unruhe des Abendessens begann. Sie wickelte den Samt vorsichtig auf.
Die Brosche war schön. Katharina hatte das schon als Kind gefunden. Das Silber war im Lauf der Jahrzehnte nachgedunkelt, hatte dabei aber nur an Charakter gewonnen, wie der Himmel bei Sonnenuntergang im frühen Herbst. In der Mitte ein blauer Topas, klein, rein, ohne einen einzigen Einschluss. Ringsum feine Gravur, Ornamente wie kleine Blätter. Alte, liebevolle Handwerkskunst.
Für Sie, Frau Dr. Meinhardt, sagte Katharina leise, reichte die Brosche auf der geöffneten Hand. Sie ist ein Erbstück. Meiner Ururgroßmutter wurde sie in den 1870er Jahren geschenkt. Vom Verlobten. Sie wurde weitergegeben, immer von Mutter zu Tochter. Meine Mama hat sie mir für heute mitgegeben.
Frau Dr. Meinhardt sah auf die Brosche. Sie nahm sie nicht, betrachtete nur.
Dann verzog sie die Mundwinkel kaum merklich.
Was ist das denn für Großmutterkrimskrams? fragte sie leise, doch es wurde am Haupttisch plötzlich ruhiger. Das ist doch nur altes Zeug.
Katharina verstand nicht gleich, was geschehen war. Sie hatte die Worte gehört, aber sie sickerten erst langsam zu ihr durch. Noch hielt sie die Brosche offen auf der Hand und starrte Frau Dr. Meinhardt an.
Es ist Silber, sagte Katharina. Ganz ruhig, weil sie es noch nicht verarbeitete.
Ja, Silber halt, antwortete Frau Dr. Meinhardt, lauter nun. Neben ihr standen die Freundinnen, am Nachbartisch drehten sich Leute um. Angeschwärzt. Solche Broschen gibts auf jedem Wochenmarkt auf dem Dorf für zehn Euro das Stück.
Eine der Damen kicherte leise.
Mama, murmelte Johannes.
Was denn, Mama? Ich sag einfach, was ist, nun sprach Frau Dr. Meinhardt zum ganzen Tisch, oder so schien es Katharina jedenfalls. Deine Mutter läuft mit Gummistiefeln herum, aber protzen will sie mit Schmuck, als wäre sie Gräfin. Ihre Augen wurden schmaler. Katharina, weißt du überhaupt, wohin du hier gekommen bist? Das sind nicht die Bauernabende im Dorf. Hier verkehrt ein anderes Niveau.
Da spürte Katharina etwas in sich. Nicht Zorn. Nicht Traurigkeit. Etwas anderes. Als stünde sie erst noch sicher, und plötzlich wird der Boden unter den Füßen weich und ungewiss.
Sie blickte Johannes nicht an. Nicht aus Angst. Sie war einfach noch nicht so weit.
Doch dann blickte sie ihn an.
Er stand ganz nah bei ihr, einen halben Meter entfernt. Sein Gesicht war… leer. Nicht feindselig, nicht verwundert. Leer. Er blickte irgendwohin zwischen Mutter und Katharina und schwieg. Es vergingen einige Sekunden. Eine. Zwei. Drei.
Dieses Schweigen war schwerer als jedes Wort.
Katharina schloss die Finger um die Brosche. Das Metall fühlte sich kalt und fest an. Vertraut.
Jetzt ging es ihr wirklich schlecht. Nicht wegen der Worte von Frau Dr. Meinhardt. Wegen seines Schweigens.
Ihr Vater war gestorben, als Katharina zwölf war. Sie erinnerte sich nicht an den ganzen Tag, nur an Fetzen. Sie wusste noch, dass ihre Mutter lange in der Küche weinte und sie selbst draußen saß, die Tür nur angelehnt, und sich nicht traute, hineinzugehen. Nachts aber kam die Mutter dann raus, wischte sich das Gesicht ab und sagte: So, meine Tochter, jetzt sind wir zu zweit. Und ab da weinte sie nie wieder vor Katharina.
Helene Berger war von jener Sorte Mensch, die nie brechen. Nicht weil sie nichts spüren, sondern weil es in ihnen so angelegt ist. Katharina wuchs bei so einer Mutter auf und glaubte, auch so zu sein.
Anscheinend war sie es.
Sie sah Frau Dr. Meinhardt direkt an. Nicht böse. Einfach gerade. Nahm BEDACHTSAM das Samttuch zurück und legte die Brosche wieder ein.
Im Raum war es nicht völlig still, rechts lachten Leute an der Bar, anderenorts wurde gesprochen. Doch rund um diesen Tisch war die Luft wie erstarrt.
Frau Dr. Meinhardt, begann Katharina.
Ihre Stimme war ruhig. Umsomehr war ihr das selbst ein Wunder.
Ich möchte Ihnen etwas sagen. Nicht um zu streiten. Nur, damit Sie es wissen.
Frau Dr. Meinhardt hob die Braue ein wenig, sie hatte nicht mit so einem Anfang gerechnet, das sah man.
Diese Brosche ist über 150 Jahre alt. Gefertigt von einem Goldschmied, dessen Namen wir längst nicht mehr kennen. Sie war ein Geschenk an ein junges Mädchen, die später meine Ururgroßmutter wurde. Jede Frau in unserer Familie, die sie weitertrug, wusste: Es ist nicht einfach ein Ding. Es ist Erinnerung. Etwas, das wichtiger ist als Geld und als alles, was im Laden zu kaufen ist. Katharina sprach langsam. Nicht, um Eindruck zu schinden. Es ergab sich so. Ich bin heute hierher gekommen, um sie Ihnen zu schenken. Weil Sie die Mutter von Johannes sind. Weil ich dachte, dass Menschen, die ihm wichtig sind, auch mir wichtig sein sollten. Ich habe mich geirrt.
Frau Dr. Meinhardt klappte den Mund auf, dann wieder zu.
Reichtum, Frau Dr. Meinhardt, ist nichts Schlechtes. Ich bin nicht dagegen. Katharina neigte den Kopf. Aber reich sein und keinen Respekt für die Erinnerungen anderer zu haben, nicht verstehen, was echte Familienwerte sind das ist eine andere Armut. Die sieht man nicht sofort, aber sie ist da.
Am Nachbartisch verstummte ein Gespräch.
Meine Großmutter hätte dieses Schmuckstück nie jemandem gegeben, der nicht lieben kann.
Sie steckte den Samt wieder in die Tasche. Zog den Reißverschluss zu.
Schaute noch einmal Frau Dr. Meinhardt an, die steif dastand, als wüsste sie gerade selbst nicht, was jetzt das richtige Gesicht wäre.
Dann richtete sich Katharinas Blick auf Johannes.
Er sah sie an, nun anders als vorhin. Da hatte sich in ihm etwas verändert. Was genau, das wollte Katharina in dem Moment nicht benennen. Nicht jetzt.
Auf Wiedersehen, sagte sie leise.
Und sie ging zum Ausgang.
Der Weg durch das Restaurant zog sich. Sie kam sich vor, als würde er nie enden, dabei waren es nur etwa zwanzig Meter. Sie schritt aufrecht, nicht hastig, sie blickte geradeaus. Von der Seite bemerkte sie, wie Leute sie ansahen. Sah, wie die junge Kellnerin am anderen Ende mit dem Tablett in der Hand stehen geblieben war und zu ihr rüberschaute. Ihr Gesicht… Katharina konnte es nicht zu Ende deuten, denn da war schon die Tür.
Draußen war der Abend. Noch nicht spät, aber schon dunkel. Laternen warfen Licht auf den nassen Asphalt nach einem Regenschauer. Irgendwo in der Nähe rauschte der Altstadtring.
Katharina blieb auf der Treppe stehen. Atmete durch. Die Luft war feucht und roch nach nassem Laub.
Jetzt ging es ihr wirklich schlecht.
Sie dachte an ihre Mutter. Daran, wie Helene Berger die Brosche vorsichtig aus der kleinen Kiste nahm, wie sie sie mit beiden Händen hielt. Sagte: Käthe, das ist nicht bloß ein Schmuckstück. Das ist unsere Geschichte. Gib sie an einen guten Menschen weiter.
Sie hatte sie weitergeben wollen.
Ihr linkes Bein zitterte ein wenig. Das fiel ihr auf und sie ärgerte sich: Lass das sein. Ist nicht nötig.
Da öffnete sich hinter ihr die Tür.
Katharina.
Es war Johannes.
Sie wandte sich nicht gleich um, schaute weiter hinaus. Auf die Straße, wo gerade ein Paar Arm in Arm vorbeiging und die Frau laut lachte.
Katharina, warte.
Sie drehte sich.
Er stand auf der Treppe, ohne Jackett, die Krawatte ein wenig verrutscht. Sein Gesicht… anders als drinnen. Lebendiger, irgendwie. Oder das Licht lag anders.
Hör mir kurz zu, sagte er.
Ich höre.
Ich… Er fuhr sich über die Stirn. Ich habe drinnen geschwiegen. Ich weiß das. Ich stand da wie… Ich hab einfach Angst gehabt. Das ist nun mal so. Sie ist meine Mutter, und vor ihr hatte ich mein ganzes Leben lang Hemmungen. So ist das eben.
Katharina schwieg.
Es ist keine Entschuldigung, sagte er schnell. Ich will nichts entschuldigen. So ist es halt passiert. Es ist feige, dass ich den Mund gehalten habe. So ist das leider.
Seine Schuhsohlen glänzten auf dem nassen Stein. Irgendwo fiel Regen vom Dach.
Johannes, sagte Katharina.
Ja?
Warum bist du rausgekommen?
Er sah sie lange an, dann trat er von der Treppe herunter, stellte sich neben sie. Fast gleich groß, er einen Tick größer.
Ich will nicht wieder rein, sagte er leise.
Da sind deine Mutter, die Gäste, ihr Geburtstag.
Ich weiß.
Du kannst nicht einfach weggehen.
Warum eigentlich nicht?
Katharina schwieg. Das war eine gute Frage. Warum eigentlich nicht.
Johannes.
Hör zu. Er nahm ihre Hand. Sanft, nicht fordernd, einfach nur so. Ich habe immer getan, was sie wollte. Ich arbeite im Betrieb meines Vaters, weil sie das so entschieden hat. Ich wohne in der Wohnung, die sie ausgesucht hat. Ich habe nur Leute eingeladen, die sie genehm gefunden hat. Alles. Immer. Seine Stimme wurde gleichmütiger, leiser. Dann begegnete ich dir. Sie sah dich, und dann tat sie das. Vor allen. Er schüttelte den Kopf. Und ich habe still dagestanden und es geschehen lassen. Nichts gesagt, nichts getan erst mal.
Katharina blickte ihn an.
Das ist wichtig, sagte sie langsam. Was du jetzt sagst. Dass erst mal.
Denn jetzt kann ich.
Sie schwiegen, irgendwo in der Nacht rauschte ein Auto.
Wohin willst du fahren? fragte Katharina.
Nach Großriedental.
Sie blinzelte.
Was?
Nach Großriedental, zu deiner Mutter. Er lächelte nicht, sondern sagte es ganz ernst. Ich will sie aufrichtig kennenlernen. Richtig. Hinfahren, ihr sagen, wer ich bin. Mich entschuldigen. Nicht mal genau wofür, aber auf jeden Fall für das heute.
Lange schwieg Katharina.
Johannes, das ist Dorf. Da gibt’s Ofenheizung und Gemüsebeet.
Ich weiß das.
Meine Mutter steht um fünf Uhr auf. Und die Nachbarskuh muht direkt unterm Fenster.
Ich steh auch um fünf auf.
Katharina sah ihn an, dann zum Restaurant, wo hinter dunklen Fenstern Licht brannte und alles weiterlief, wie immer.
Weißt du, dass Mama… dass sie dich mustert. Sie kann genau hinschauen.
Soll sie nur.
Und sie fragt, warum du da bist.
Ich sage ihr die Wahrheit.
Und welche?
Johannes dachte nach.
Dass ich dich liebe. Aufrichtig. Dass ich vielleicht nicht weiß, wie man das zeigt. Aber dass es so ist. Er sah sie an. Dass es Wichtigeres als Geld gibt und ich das endlich begriffen habe. Vielleicht spät, aber immerhin.
Katharina blickte auf ihre Handtasche. Dort lag die Brosche. Im Samt, im kleinen Fach. Sie drückte von außen dagegen. Hart, klein, inzwischen warm von ihrer Berührung.
Die Ururgroßmutter hatte sie in der Hand gehalten. Wahrscheinlich an den Bräutigam gedacht, was sie gefühlt hatte, wusste keiner mehr. Einfach gelebt. Einfach geliebt oder Angst gehabt, oder sich gefreut. Einfach gewesen.
Familienwerte, das wusste Katharina schon als Kind, halten sich nicht an große Worte. Seit jenem Tag, als ihre Mutter in der Küche weinte und dann sagte: Wir zwei. Sie halten sich an Handlungen. Daran, was man macht, wenn’s schwierig wird.
Gut, sagte Katharina.
Er hob den Kopf.
Wir fahren, sie ließ die Hand von der Tasche. Aber ich muss mich zuerst noch setzen. Und was Warmes trinken. Die Beine machen sonst nicht mehr mit, ehrlich.
Er atmete aus. Kurz, fast wie ein Lachen.
Hier in der Nähe gibt’s so ein kleines Café. Ruhig. Ohne Tamtam.
Klingt gut.
Sie gingen los. Seite an Seite, aber nicht an der Hand. Einfach zusammen. Der Asphalt spiegelte die Laternen, und Katharina war, als ginge sie über stilles, schwarzes Wasser, das nicht schaukelt.
Das war ein Gefühl, das keinen richtigen Namen hat. Nicht Freude. Nicht Erleichterung. Eher wie das, wenn man lange etwas Schweres hält und endlich absetzt. Nicht, weil man aufgibt. Sondern weil man entschieden hat.
Das Café lag in einem halben Keller, ein paar Stufen hinunter, niedrige Decke, Holztische, Kerzen in einfachen Gläsern, sanfte Musik. Keine Stuckdecken und gestärkten Tischtücher.
Katharina fühlte sich sofort ruhiger.
Sie saßen am Fenster. Draußen vor dem Glas liefen Beine vorbei schnelle, langsame, zwischen Sneakers und Hackenschuhen. Eine eigene Welt, auf halber Höhe durchschnitten.
Johannes bestellte Tee. Katharina auch.
Sie schwiegen. Nicht weil sie nichts zu sagen gehabt hätten. Aber sie konnten gerade einfach schweigen.
Schließlich fragte Katharina:
Wird sie dich anrufen?
Meine Mutter?
Ja.
Johannes drehte den Löffel zwischen den Fingern.
Sie ruft immer an. Er hielt inne. Aber heute geh ich nicht ran.
Katharina nickte.
Und morgen?
Keine Ahnung. Mal sehen.
Der Tee kam. Katharina fasste das Glas mit beiden Händen. Heiß. Gut.
Johannes, ich muss dich was fragen.
Bitte.
Da im Saal. Als sie das alles sagte. Woran hast du gedacht?
Er schwieg lange, starrte ins Glas.
Ich hab gedacht, ich muss jetzt was sagen. Seine Stimme war leise. Konnte aber nicht. Wie wenn man im Traum schreien will und es geht nicht. Ich stand und dachte: Tu was, stoppe sie, sie liegt falsch. Aber ich war wie gelähmt. Dann hast du selbst gesprochen. Und ich… ich fühlte mich schuldig. Und noch etwas. Bewunderung vielleicht, dass du das gekonnt hast, ich nicht.
Stolz?
Nein. Er schüttelte leicht den Kopf. Nicht das. Eher… dass ich dich da wirklich gesehen habe. Menschlich. Und ich stand daneben und war stumm. Kein gutes Gefühl.
Katharina betrachtete sein Gesicht im Kerzenschein. Er log nicht. Das konnte sie erkennen. Zumindest glaubte sie das.
Ich bin nicht perfekt, Johannes. Es kam ohne Einleitung. Ich hatte ziemlich Angst da. Meine Knie zitterten. Echt. Ich stand und überlegte: einfach gehen und nichts sagen, oder bleiben und sprechen. Wenn ich einfach schweige, denkt sie, ich bin das dumme Landei, das gar nicht antworten kann. Wenn ich bleibe, könnte ich was Falsches sagen, dir wehtun oder es schlimmer machen.
Du hast nichts Falsches gesagt.
Das wusste ich da nicht. Ich habe einfach gesprochen.
Er sah sie an.
Weißt du, woran man merkt, dass jemand einen liebt? sagte Katharina leise, mehr zu sich. Nicht an schönen Worten. Sondern daran, ob er dir trotzdem nachkommt. Sie hob den Blick. Ich meine das nicht nur auf dich bezogen. Das ist einfach so.
Er lachte kurz und verlegen.
Hast du mir das vergeben?
Ich denke noch darüber nach. Noch.
Das ist ehrlich.
Ich versuche es.
Draußen gingen Füße in roten Schuhen hastig vorbei, das Klappern der Absätze auf nassem Stein war kurz zu hören dann war sie weg.
Katharina dachte an Frau Dr. Meinhardt. Sie saß nun im Goldenen Fasan, mitten in ihren Gästen, den Kleidern vom Haus Dietrich und Atelier Ruppert, mit Sekt aus Würzburg und gestärkten Tischdecken. Was sie wohl nun ihren Freundinnen erzählte? Oder erklärte sie gar nichts, lächelte einfach und sagte: Ach, die Jugend… Und innen?
Katharina wusste es nicht. Und war sicher, jetzt wollte sie es auch gar nicht wissen.
Stolz einer Frau darüber wurde und wird viel geschrieben. Was das ist, hatte sie immer nach eigener Art verstanden. Nicht das Kinn heben. Nicht alles hinnehmen, was nicht sein muss. Nicht sich entschuldigen, weil man ist, wie man ist. Helene Berger hatte nie solche Worte ausgesprochen. Sie lebte es einfach. Katharina hatte hingesehen und daraus gelernt.
Erzähl mir von deiner Mutter, sagte Johannes unvermittelt.
Katharina war überrascht.
Von meiner Mama?
Ja. Von Helene Berger. Wie ist sie?
Katharina überlegte.
Sie ist… Sie lächelte sacht. Sie ist klein. Mindestens einen Kopf kleiner als ich. Ihre Hände sind von Arbeit rau, das stört sie nicht. Am Telefon redet sie ungern, sagt, eine Stimme ohne Gesicht sei ihr fremd. Sie kann herrlichen Apfelkuchen backen. Sie sagt nie Ich hab dich lieb, aber immer landet das größte Stück Kuchen auf deinem Teller, während sie zuschaut, ob dus auch isst.
Johannes hörte aufmerksam zu.
Nimmt sie mich auf?
Sie schaut dich erstmal genau an.
Und dann?
Dann wird sie Tee anbieten oder eben nicht. Das ist die Antwort.
Versteht.
Sie urteilt nicht nach Worten. Katharina stellte das Glas ab. Red lieber nicht zu viel. Sei einfach da.
Ich geb mein Bestes.
Versuch nicht zu sehr. Bleib einfach du.
Er nickte. Schwieg einen Moment. Dann:
Wie weiß man, was wirklich Familienwerte sind?
Katharina sah ihn an.
Fragst du das ernsthaft?
Ja. Ich bin aufgewachsen in einer Familie, in der Geld immer das letzte Wort hatte. Wir kaufen das. Wir regeln alles. So hat meine Mutter jedes Problem gelöst. Und ich dachte, so sei das normal. Dass das richtig sei. Aber dann… Er stockte.
Aber dann hast du gemerkt, dass es nicht so ist, sagte Katharina.
Ja.
Familienwerte, sprach Katharina langsam, das ist, wenn eine Mutter nicht vor dem Kind weint, weil sie will, dass du keine Angst hast. Wenn eine Brosche über 150 Jahre aufbewahrt wird, nicht wegen Wert, sondern weil sie dir sagt, wer du bist. Wenn du weißt, was wichtiger ist als Geld, ohne dass es jemand erklären muss.
Er schwieg.
Das ist nicht schwierig, sagte sie noch. Nicht alle lernen es.
Draußen wurde es dunkler, die Straße leerte sich, es wurde Nacht in München.
Wir müssen los, sagte Johannes. Der Zug geht um halb elf, falls du heute noch fahren willst.
Ich will heute fahren.
Dann jetzt. Er nahm sein Jackett, half ihr beim Mäntelchen. Ein Taxi zum Bahnhof.
Katharina stand auf, überprüfte die Tasche, das Fach mit der Brosche. Alles da.
Draußen war es frischer, der Nachtwind roch nach nassem Stein.
Johannes stoppte das Taxi rasch, ein dunkler BMW, innen Leder und ein Hauch von Fichtennadeln vom Duftbäumchen am Spiegel.
Sie setzten sich hinten hinein. Der Fahrer nannte die Fahrtzeit, fuhr los.
München glitt vorbei. Lichter, Brücken, die dunkle Isar, alles flackerte vorbei. Schön eigentlich. Katharina dachte: So eine Geschichte von Schwiegertochter und Schwiegermutter wollte sie eigentlich nie selber erleben und nun war sie mitten drin. Zuerst schien alles gegen sie, jetzt… Wer weiß.
Katharina, flüsterte Johannes.
Ja?
Danke, dass du dich nicht hast unterkriegen lassen.
Sie sah ihn lange an.
Ich war nahe dran.
Aber nicht gefallen.
Nein.
Er sagte nichts weiter. Er nahm einfach nur ihre Hand. Behutsam, als hielte er etwas Zerbrechliches. Katharina ließ es zu.
Sie fuhren. Die Stadtlichter zogen vorbei. Der Fahrer schwieg. Irgendwo voraus war der Hauptbahnhof, dann der Zug, zwei Stunden Fahrt, dann Großriedental und Helene Berger, die am nächsten Morgen um fünf Uhr den Wasserkocher anstellen würde.
Katharina dachte: Habe ich das Richtige getan? Nicht bezüglich des Restaurants, da war sie sich sicher. Aber jetzt: Dass sie selbst die Hand gereicht hatte, diesem Menschen eine Chance gab, ohne gleich ein Versprechen abzugeben.
Sie wusste es nicht. Ganz ehrlich.
Die Geschichte von Schwiegertochter und Schwiegermutter endet nicht im Restaurant. Sie beginnt dort erst. Morgen ist Helene Berger mit ihrem stillen Blick, es gibt Tee oder keinen, Johannes, der vielleicht anders ist, als sie dachte. Beziehungen zwischen Mutter und Sohn brauchen Jahre, die fügen sich nicht in zwei Wochen, wie ein Kleid genäht wird.
Wahre Liebe. Auch das ist nur ein Wort. Man muss es prüfen. Immer wieder.
Katharina sah aus dem Fenster die Lichter wurden seltener. Es war schon der Stadtrand.
Johannes, sagte sie.
Ja?
Deine Mutter wird dich noch anrufen. Hast du gesagt.
Ja, wird sie.
Und was sagst du dann?
Er zögerte. Sieht hinaus.
Weiß ich noch nicht. Irgendwas. Noch eine Pause. Vielleicht einfach, dass ich sie liebe. Dass sie meine Mutter ist, ich aber nicht weglaufe sondern mein eigenes Leben aufbaue. Kurze Pause. Vielleicht versteht sie es. Vielleicht nicht. Ich weiß es nicht.
Sie versteht es nicht gleich.
Ich weiß.
Es wird ihr weh tun.
Ja. Er sagte es nicht gleichgültig. Im Gegenteil, das hörte man. Aber das heißt nicht, dass es falsch ist.
Katharina nickte. Ja. Das stimmt.
Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, vor allem wenn die Mutter klammert wie eine Unterschrift unter Verträgen, reißt sich nicht einfach los. Da tut es auf beiden Seiten weh. Das muss Johannes wissen.
Doch das ist ein anderes Thema. Nicht für jetzt.
Jetzt war Nacht, ein Taxi, Lichter, und ihre Hand in seiner.
Die Tasche lag auf Katharinas Schoß. Darin die Brosche. Blauer Topas, Silber, filigrane Blattgravur. Hundertfünfzig Jahre. Die Ururgroßmutter hatte sie gehalten. Die Mutter. Nun Katharina.
Sie dachte: Vielleicht wird sie eines Tages ihrer Tochter die Brosche schenken. Oder einer Nichte. Vielleicht behält sie sie. Sie muss sie niemandem geben, wenn sie nicht will.
Stolz einer Frau heißt nicht immer, in den Kampf zu gehen. Es heißt, den eigenen Wert zu kennen. Leise. Ohne Geschrei.
Heute, meinte sie, hatte sie das gewusst.
Das Taxi hielt am Bahnhof. Johannes bezahlte, stieg aus und öffnete ihr die Tür.
Im Bahnhof war selbst nachts noch viel los. Lautsprecherdurchsagen, Leute mit Taschen, manche rannten, andere standen einfach nur da.
Sie fanden auf der Anzeige ihren Zug. Gleis acht, Abfahrt in zwanzig Minuten.
Sie gingen gemeinsam, Johannes trug ihre kleine Tasche. Er selbst hatte nichts dabei, keinen Koffer, keine Tasche. Er verließ München mit leeren Händen, in derselben Kleidung, wie zum Geburtstag ohne Vorwarnung, ohne Plan.
Katharina dachte: So spielt das Leben also.
Holst du gar nichts mehr aus der Wohnung? fragte sie.
Später mal. Er lief einfach weiter. Eilt nicht.
Hat deine Mutter einen Ersatzschlüssel?
Ja.
Na, dann.
Am Bahnsteig nahmen sie einen Wagon, setzten sich am Fenster. Es war ruhig, nur wenige andere Leute saßen darin, einige schliefen schon.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Erst langsam, dann schneller. München verschwand. Lichter, dunkle Umrisse von Häusern, dann Bäume, dann nur noch Nacht.
Katharina schaute hinaus. Woher sollte sie wissen, ob das Liebe war? Es gibt keine Formel. Nur das, was passiert. So wie jetzt: Er kommt mit ihr aufs Land, in die Nacht, ohne Gepäck und ohne Sicherheit, dass es klappt.
Das heißt etwas. Oder?
Morgen fahren sie zu Helene Berger. Die Mutter öffnet die Tür, mustert Johannes mit ihrem stillen Blick. Sagt etwas Kurzes, wie sie es immer tat. Vielleicht lädt sie zum Tee ein. Vielleicht nicht. Das ist die Antwort.
Johannes schlief ein. Katharina spürte an seinem Schulterdruck, dass er nickte. Sie zog sich nicht weg.
Der Zug fuhr durch die Nacht. Hier und da flackerte ein Licht eines Dorfes auf, bahnhofshelle Minuten, dann wieder Dunkelheit.
Die Brosche lag im Fach der Tasche. Warm inzwischen, klein, vertraut.
Johannes, sagte sie leise.
Er blinzelte.
Hm?
Bereust du es?
Kurze Pause.
Nein, sagte er. Ganz schlicht. Und du?
Katharina überlegte. Schaute ins dunkle Fenster.
Ich frag dich morgen noch mal, antwortete sie schließlich.
Er schloss wieder die Augen.
Katharina blieb wach und sah hinaus ins Nichts. Der Zug fuhr. Vor ihnen lag Großriedental, und die Mutter, und der Morgen. Was jenseits davon kam, wusste sie nicht. Aber fürs Erste fuhr sie weiter.





