Wassertropfen

Tropfen

Und sie ist überhaupt nicht gruselig! Sie ist schön! Max, sag ihnen das!

Sascha hielt eine abgemagerte, zerrupfte Katze eng an sich gedrückt und heulte so laut, dass die Nachbarn, die sich im Hof versammelt hatten, sich die Ohren zuhalten mussten.

Sascha mit vollem Namen Alexandra war die Lauteste im ganzen Haus, wie alle Kinder ihrer großen Familie. Mit fünf Jahren konnte sie so schreien, dass sogar die Fensterscheiben zitterten. Niemand nahm mehr großen Anstoß daran alle kannten die Geißlers, mit ihren vielen Kindern, und wussten, dass es nicht immer leicht für ihre Mutter, Tatjana, war, Ordnung in diese Rasselbande zu bringen.

Tatjana arbeitete im Schichtdienst in einer Fabrik am Stadtrand von Leipzig ein Job, bei dem jede andere Frau schon längst die Segel gestrichen hätte. Dabei war Tatjana für den schönen, geschmiedeten Zaun, der das alte Mehrfamilienhaus vom Rest der Heinrichstraße trennte, mitverantwortlich. Jeden Frühling strichen alle Nachbarn und sie gemeinsam den Zaun an, und so hatte sie, scherzte sie, das Recht, sich so lange daran festzuklammern, wie sie wollte.

Aber dafür hatte sie zu selten Zeit und seufzte über ihr Leben:
Wir sind wie schwere Zugpferde klug, kräftig und doch läuft alles auf unseren Schultern. Was dir gehört, nimmt dir niemand ab. Ich bin ein unsterbliches Pony, drehe meine Runden und weiß oft selbst nicht, wohin es gehen soll, aber wofür das habe ich schon längst verstanden. Abends träume ich davon, dass alle Kinder satt, sauber und glücklich in ihren Betten liegen und das Spülbecken endlich frei von Geschirr ist, weil es schon jemand abgewaschen hat. Für manche mag das seltsam sein, aber für mich ist genau diese Leere das ist Glück

Trotz all der Sorgen hatte Tatjana eine beneidenswerte Ausstrahlung und war eine schöne Frau. Doch wer interessiert sich schon für eine alleinerziehende Mutter von sechs Kindern? Ihr Leben hatte sie längst der Familie gewidmet Zeit für Romanzen blieb da eh nicht.

Sechs Kinder das ist kein Zuckerschlecken!

Niemand machte ihr Vorwürfe, alle kannten die Geschichte der Familie Geißler. Drei der Kinder waren adoptiert, allerdings nicht wie heldenhafte Retter aus dem Kinderheim, sondern als Lebensentscheidung, als ihre Schwester und danach auch noch ihre Cousine plötzlich aus dem Leben gerissen wurden. Verwandtschaft verpflichtet, fand Tatjana und sie stand dazu.

Das war keine Großherzigkeit aus dem Märchenbuch, sondern die Konsequenz ihrer eigenen Geschichte. Tatjana war ein echtes Kind der Neunziger. In Kleinstadtgrenzen, ihrer Heimatstadt, galt ihre Mutter einmal als schönste Frau weit und breit die Hochzeit ein Stadtgespräch, das Kleid legendär, und ihr Vater so geschäftstüchtig, dass man lieber nie nachfragte, wie er an sein Geld kam.

Tatjanas Eltern starben jung. Sie selbst besuchte mit der Großmutter das Familiengrab auf dem Südfriedhof streichelte als Kind das Foto der Eltern und erzählte ihnen heimlich, wie es in der Schule lief, ob sie wieder ein Bild gemalt hatte oder im Musikunterricht gelobt wurde.

Mit sechzehn erfuhr Tatjana, wie ihre Eltern wirklich ums Leben kamen.
Dein Vater war in krummen Geschäften, mein Mädchen. Ist viel zu früh gegangen und hat meine Tochter mitgenommen. Den kann ich nie verzeihen, so sehr ichs auch versuchen mag. Als sie zu ihm gezogen ist, habe ich Rotz und Wasser geheult, sie angefleht, aber Liebe macht blind Am Ende hat er sie wohl beschützt, er hat sich wohl geopfert. Wenigstens dich haben sie geliebt. Du bist meine letzte Freude.

Und da begriff Tatjana, was das für seltsame Typen gewesen waren, die hin und wieder bei der Oma auftauchten stumm im Flur standen, eine Tasse Tee tranken, großzügige goldene Euro-Briefumschläge daließen und wieder verschwanden.

Ihre Großmutter nahm das Geld an, sparte eisern und kaufte Tatjana nach dem Abitur eine weiträumige Wohnung mitten in Leipzig.
Schau, mein Kind, ein Erbe. Von deiner Mama, von deinem Vater für dich.

Aber Tatjana wollte nicht allein in die schicke Altbauwohnung ziehen.
Warum denn, Tatjana? Das Haus ist wunderschön, zentral, Gymnasium nebenan! Was sperrst du dich?

Ich will nicht ohne dich! Zieh mit mir, oder wir bleiben, wo wir sind!

Die Großmutter ließ sich irgendwann breitschlagen, nachdem Galina, Tatjanas Cousine, sie überredet hatte:
Tanja, darf ich mit meinen Kindern in deine Wohnung? Ich zahl auch Miete, wir brauchen die Adresse für den Kindergarten.

Galina war eine echte Draufgängerin, zielstrebig und großzügig, aber die Oma war skeptisch:
Lass dich bloß nicht ausnehmen, Tanja! Sie ist meine Nichte, aber der traue ich nicht über den Weg!

Doch Tatjana von Kindheit an mit schlechtem Gewissen ausgestattet konnte Galinas Kinder nicht abweisen. Sie hingen wie Kletten an ihr, ihre Wärme war für alle spürbar.

So ist das nicht richtig, sagte die Oma irgendwann. Teilen ja, aber nicht alles sofort hergeben. Wenn du ihnen jetzt die Wohnung gibst, bekommst du sie nie wieder zurück und du fühlst dich ein Leben lang verpflichtet. Jeder Mensch muss selbst lernen zu kämpfen, galant sein, aber keine Fische verschenken nur eine Angel.

Diese Weisheit der Großmutter blieb haften. Und tatsächlich, Galina akzeptierte, dass sie nur übergangsweise bleiben konnte später sollte sie es zu etwas Eigenem bringen.

Mit der Zeit wurde die Wohnung getauscht die Großmutter zog doch mit ein, und Tatjana versorgte die Familie neu. Aber das Glück war nicht von Dauer. Die Oma wurde krank Arztbesuche, Krankenhausgänge, alles nahm zu.
Eines kalten Wintertages hatte es wieder Glatteis. Die Oma stürzte in der Nähe der Klinik, keiner hielt an, keiner half. Ein Taxifahrer fand Tatjanas Nummer in ihrer Tasche, informierte sie, doch es war zu spät. Zwei Tage später starb die Großmutter. Tanja verbrachte Stunde um Stunde im Krankenhausflur an Galinas Seite, die sofort zu ihr geeilt war. Galina sagte:

Was immer passiert, du bist nicht allein. Deine Oma wollte, dass du stark bleibst!
Und so wurde es.

Oft fragte ich mich, wie es ohne meine Oma weitergehen sollte. Ich vermisste sie schmerzlich. Aber wie es immer im Leben ist es kam, wie es kommen musste.

Bald kam Oskar wir lebten fünf Jahre zusammen, und als es vorbei war, hinterließ er zumindest keine Verbitterung. Oskar war immer ehrlich. Als er eine andere Frau kennenlernte, machte er Schluss, versprach aber, immer für unsere beiden Kinder da zu sein.

Er hielt Wort ein Segen, den nicht jeder kennt, wie ich von Galina wusste, deren Ex-Mann nach der Scheidung nur noch für den Mindestunterhalt sorgte und zu keinem Besuchstag kam.

So stand ich eines Abends wieder am Anfang, rief Galina an, die nun als Leitende Krankenschwester arbeitete und sofort auflegte, um zu mir zu kommen.

Weine nicht, Tanja! Der Typ wars nicht wert. Männer wie ihn gibt es zu viele, aber wenigstens bleibt er für die Kinder.

Ich war kein bisschen weniger verzweifelt, aber ich wusste, dass sie recht hatte.
Trotzdem ging das Leben weiter. Oskar kümmerte sich um die Kinder, und sogar, als er mir berichtete, dass in seiner neuen Familie noch ein Kind kommt, spürte ich, dass die Zeit meine Verletzungen heilte.

Dann, eines Tages, beichtete mir Galina, dass sie wieder schwanger war, und noch dazu mit Zwillingen vom Vater keine Spur, der hatte sich schnell verdrückt.

Was soll ich bloß tun? fragte Galina unter Tränen, ihre Kinder musste sie doch irgendwie großziehen, und nun noch zwei mehr?

Ich wusste, was zu tun war. Ich schenkte ihr die Wohnung, die ich von meiner Mutter geerbt hatte:

Es ist richtig so, Galina. Die Oma hätte es genau so gemacht.

Galina brachte ihre Zwillingstöchter, Alexandra und Maria, wohlbehalten zur Welt. Wir empfingen sie mit offenen Armen. Und doch kaum war sie mit den Babys nach Hause gekommen, bekam sie gesundheitliche Probleme. Sie bat ihren Sohn Max, auf die Zwillinge aufzupassen, bis die Notärztin kam. Ihr Herz versagte, sie wurde nicht mehr gesund.

Ich stand vor der schwersten Entscheidung meines Lebens: Sollte ich Max, Lisa und die Neugeborenen in unterschiedliche Familien stecken lassen oder zusammenhalten? Für mich war das keine Frage.
Mit Hilfe von Oskar, der einen guten Anwalt besorgte und mit den Kindern auf sie aufpasste, kämpfte ich um das Sorgerecht. Schließlich war ich nicht allein: Oskar half, Freunde, Nachbarn, alle waren da.

Sechs Kinder das macht Angst, natürlich. An manchen Nächten konnte ich nicht schlafen, weinte leise ins Kopfkissen und fragte meine verstorbene Oma um Rat.

Und immer wieder fand ich eine Lösung nicht nach einem festen Plan, aber mit genügend Zuversicht, dass alles gut wurde. Die Kinder wuchsen zusammen auf, wie eine richtige Familie. Sie wussten: Egal, was passiert, sie konnten zu mir kommen. Ich würde alles versuchen, ihnen zu helfen, so wie ich es von meiner Oma gelernt hatte.

Und so war es auch heute wieder:
Sascha drückte ein abgerissenes, dürreres Kätzchen an sich und widersprach der Nachbarin, die motzte:

Sie wird dich samt der Katze rauswerfen, Tatjana! Schau sie dir an, sie ist verwahrlost und vielleicht krank!

Nein! rief Sascha, blickte hilfesuchend zu Max und dann zum Hauseingang.

An diesem Tag wollte ich die Kinder eigentlich in den Zoo bringen. Frühstück, Rucksäcke, alles war vorbereitet. Nur schnell noch nach den alten Turnschuhen suchen … Und so schickte ich die Kleinen mit Max in den Hof.

Ich schaute noch einmal ins Spiegel und dachte: Selbst an so einem hektischen Tag kann ich mir erlauben, Lippenstift zu tragen. Warum sollte ich nicht auch gut aussehen, nur weil ich sechs Kinder habe? Ich beschloss, den Tag zu genießen so wie damals, als ich mit meiner Oma im Zoo war.
Heute kochte ich selbst den Kompott, packte Brote ein und nahm mir vor, diesen Tag nicht im Ärger zu verlieren, sondern an der Freude zu wachsen.

Ich rannte aus dem Haus die Nachbarin kam mir entgegen, grinste süffisant:
Da wartet schon ein Überraschung auf dich, Tatjana!

Sascha kam angerannt, das Kätzchen auf dem Arm:
Mama! Schau mal, ist sie nicht schön?

Was sollte ich sagen? Ich nahm das Kätzchen, seufzte und sagte schließlich:
Zoo fällt aus. Wir haben ab sofort unseren eigenen Haustiger. Max, wo ist hier die nächste Tierarztpraxis? Auf gehts!

Es wurde dennoch ein schöner Tag. Aus dem mageren Kätzchen wurde mit der Zeit eine prachtvolle, verschmuste Schmusekatze, die unserem lebhaften Zuhause noch eine weitere Prise Glück ja, ein kleines Meer von Glücksmomenten bescherte.

Und niemand wunderte sich. Liebe das haben wir gelernt davon gibt es nie zu viel. Je mehr man teilt, desto mehr wird sie. Ich habe verstanden, dass jede kleine Geste, jede Hilfe, jede kleine Liebe, wie meine Oma immer sagte, das Leben reicher macht.

Und das ist meine Lektion.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: