Leere in der Leitung
Du kommst nicht, sagte Katrin. Sie fragte nicht. Sie sagte es einfach.
Am anderen Ende herrschte einen Moment Stille, dann räusperte sich Harald so, wie Leute das tun, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen, aber schon längst wissen, was sie sagen werden.
Katja, bitte versteh mich. Ich bin auf Dienstreise. Ich kann doch nicht einfach so
Mama liegt im Krankenhaus. Nach dem Schlaganfall. Bist du dir dessen bewusst?
Ja, das weiß ich. Aber da sind Ärzte, und du bist ja da. Was soll ich tun, wenn ich komme?
Katrin gab keine Antwort. Sie stand auf dem Gang der Klinik, das Handy ans Ohr gedrückt, und blickte hinaus in einen tristen Novemberhof, zu drei kahlen Linden und einer Bank mit abgeblätterter Farbe. Irgendwo am Ende des Flurs knallte eine Tür. Eine Schwester balancierte einen Tablett vorbei, würdigte Katrin keines Blickes.
Hallo?, sagte Harald. Hörst du mich?
Ja.
Also. Du bist doch eine vernünftige Frau. In zehn Tagen bin ich wieder da, dann klären wir alles. Wir engagieren eine Pflegekraft, falls nötig. Ich überweise dir das Geld.
Geld, wiederholte Katrin leise.
Ja. Was du brauchst, bekommst du. Sag einfach Bescheid.
Sie legte auf. Nicht aus Wut. Sie konnte das Telefon einfach nicht mehr am Ohr halten, konnte seine Stimme nicht mehr hören so ruhig, so vernünftig, so weit weg.
Harald war ihr Bruder. Der Ältere. Sechs Jahre älter. Ihr ganzes Leben hatte Katrin angenommen, er ist das Oberhaupt weil er ein Mann war, der Ältere, und weil er das selbst so entschieden hatte. Und jetzt lag ihre Mutter, Helga Riemann, dreiundsiebzig, im Zimmer hinter dieser Tür; die rechte Hand bewegte sich nicht mehr, die Sprache war gekommen und gegangen, und der Blick ihrer Mutter machte jedes Mal etwas Enges in Katrins Brust.
Katrin war siebenundfünfzig. Sie arbeitete als Buchhalterin in einer kleinen Baufirma, lebte in Leipzig, auf der Eisenbahnstraße in einer Zweizimmerwohnung zur Miete. Seit drei Jahren war sie alleine, nachdem Thomas gegangen war. Kinder hatte sie nie. Harald lebte in München, Eigentumswohnung, fuhr einen VW Touareg, hatte eine neue, jüngere Frau Anja die Katrin nicht mochte und das nie verbarg.
Die Mutter wohnte ebenfalls in Leipzig, nur fünfzehn Minuten entfernt. Sie sahen sich jedes Wochenende, manchmal öfter. Katrin brachte Lebensmittel, half im Haushalt, begleitete zum Arzt. Harald kam zu Weihnachten und zu Mamas Geburtstag. Manchmal vergaß er selbst diesen.
***
Helga Riemann kam am Freitagabend ins Krankenhaus. Katrin wollte am Samstag sowieso ins Büro, das Quartalsabschluss verlangt keinen Aufschub, da rief die Nachbarin, Frau Schulze, an achtzig, rüstig, spitzzüngig.
Katja, komm mal rüber. Mit deiner Mutter stimmt was nicht.
Katrin war in zwanzig Minuten dort. Die Mutter saß in der Küche, am Tisch abgestützt, starrte ins Leere. Die rechte Hand lag schlaff wie fremd auf der Tischplatte. Als Katrin sie rief, drehte sie den Kopf und versuchte etwas zu sagen, doch es kam nur ein undeutliches Brummen heraus, wie nn-ne.
Der Rettungswagen war schnell da. Zwei junge Helfer, einer mit rötlichem Bart, legten die Mutter routiniert aufs Tragetuch, maßen den Blutdruck, meinten trocken: Ischämischer Schlaganfall, vermutlich und fuhren los.
Katrin fuhr im Taxi hinterher. Die ganze Zeit dachte sie an das Telefonat am Vortag. Die Mutter hatte angerufen und gefragt, ob sie im Wohnzimmer lieber sandfarbene oder blaue Gardinen wolle. Katrin: Blau, Mama, blau ist schöner. Na gut, dann eben blau. Aber die Gardinen hatte sie nicht mehr gewechselt.
***
Die ersten Tage waren die härtesten. Katrin nahm Überstunden, dann unbezahlten Urlaub, verbrachte ihre Tage im Krankenhaus. Die Ärztin, Frau Dr. Lehmann, Mitte fünfzig, ein müdes, aber freundliches Gesicht, erklärte vorsichtig optimistisch: Die Sprache kann wiederkommen, vielleicht auch die Hand. Man brauche Zeit, Geduld und die Unterstützung eines Reha-Therapeuten.
Wichtig ist, dass sie nicht alleine ist, sagte Frau Dr. Lehmann. Die Anwesenheit der Familie ist entscheidend. Das sage ich nicht nur so.
Katrin nickte.
Am dritten Tag rief Harald von sich aus an.
Wie gehts ihr?
Besser als am ersten Tag. Reden fällt schwer. Die Hand tut nicht, was sie soll.
Hast du eine Pflegekraft engagiert?
Bis jetzt mache ich alles selbst. Ich hab Urlaub genommen.
Katja, das hältst du nicht durch. Hol jemanden, ich zahle das.
Sie will keine Fremden. Sie weint, wenn ich gehe.
Wieder Stille.
Tut mir leid, aber ich kann jetzt wirklich nicht. Das Projekt hier ist wichtig, Anja ist krank, es kam alles auf einmal.
Verstehe.
Bist du böse?
Nein.
Also dann. Melde dich, wenn es ernst wird.
Katrin steckte das Handy weg und ging ins Zimmer ihrer Mutter.
Die lag unter dem dünnen Krankenhausbettlaken, plötzlich kleiner als sonst. Die Augen offen, und als Katrin eintrat, drehte die Mutter langsam den Kopf und machte eine hilflose Bewegung mit der linken Hand, als wollte sie sich nach ihr ausstrecken.
Ich bin da, Mama, sagte Katrin, nahm die gesunde Hand und drückte sie. Ihre Mutter drückte zurück.
Sie saßen so schweigend. Draußen wurde es langsam dunkel, das Licht im Zimmer war warm und gelb, halb Krankenhaus, halb Zuhause.
***
Am sechsten Tag kam eine Frau ins Zimmer, die Katrin nicht kannte. Groß, etwa sechzig, kurze graue Haare, aufrechte Haltung. Sie ging direkt ans Nachbarbett, zu einer anderen Patientin, Frau Schwarz, achtundsechzig, still, etwas verloren.
Mama, sagte die Fremde ruhig, stellte Tupperdosen auf den Nachttisch, holte ein Essen nach dem anderen hervor.
Katrin beobachtete sie aus dem Augenwinkel. Die Frau strahlte eine stille Sicherheit aus. Sie fütterte ihre Mutter, half beim Umsetzen, kontrollierte die Kissen, sprach sanft und verschwand nach einer Stunde, mit dem Versprechen auf morgen.
Am nächsten Tag kam sie wieder. Und am nächsten. Immer mit Essen, immer gelassen.
Nach drei Tagen sprachen sie zum ersten Mal miteinander.
Wie lange liegt Ihre Mutter schon hier?, fragte die Frau, während sie nebeneinander dasaßen, nur ein Nachttisch und eineinhalb Meter trennten sie.
Zehn Tage nun schon, murmelte Katrin.
Meine seit vier. Auch Schlaganfall?
Ja.
Wie geht sie damit um?
Wechselnd. Heute hat sie von allein gegessen, das ist schon was.
Die Frau nickte.
Ich heiße Margot, stellte sie sich vor.
Katrin.
Sie schüttelten sich lachend über die Betten hinweg die Hand.
***
Margot war Deutschlehrerin im Ruhestand, vierzig Jahre an der Gesamtschule. Sie wohnte in Leipzig, am Ring, gleich beim Krankenhaus. Ihre Mutter, Frau Schwarz, war vor wenigen Jahren noch eine aufgeweckte Gartenfreundin gewesen, jetzt lag sie da, weinte manchmal leise, wenn sie dachte, dass niemand sie beobachtete.
Haben Sie Geschwister? fragte Margot abends, als sie gemeinsam im Gang Tee aus Margots Thermoskanne tranken.
Einen Bruder. In München.
Kommt er vorbei?
Katrin rührte im Tee.
Bislang nicht.
Margot blickte ihr direkt in die Augen.
Ich habe zwei Schwestern. Eine in Hamburg, eine direkt hier im Viertel. Die hier hat einmal angerufen: Braucht ihr Hilfe? Ich habe gesagt: Nein, ich schaffe das. Sie: Gut, dann nicht. Seitdem Funkstille.
Warum haben Sie das gesagt?
Was?
Dass Sie es alleine schaffen.
Margot blieb kurz still.
Vielleicht, weil ich nie gerne bitte. Bitten ist schwierig. Vor allem, wenn jemand eh nicht helfen will.
Katrin begriff, dass das genau war, was sie all die Zeit selbst gedacht, aber nie ausgesprochen hatte.
***
Zwei Wochen gingen vorbei. Helga Riemann ging es langsam besser. Die Sprache kam zurück wie wenn sie die Wörter neu lernte: erst die ganz einfachen wie ja, nein, trinken. Dann Katja, weh, nach Hause. Bald darauf erste Sätze, kurz und holprig, aber immer verständlicher.
Die rechte Hand blieb schwach, aber erste Finger konnten sich wieder bewegen. Die Reha-Therapeutin, eine junge Frau namens Maren, kam täglich, arbeitete mit Helga ruhig, zielstrebig, fast wie ein Uhrmacher.
Sie machen das großartig, lobte Maren Katrin. Viele Angehörige kommen nicht so oft. Dabei ist das so wichtig.
Katrin hörte das gerne. Aber irgendwie suchte sie nicht gut gemacht!, sondern etwas anderes nur wusste sie nicht, was.
Harald rief wieder an, zwölf Tage nach dem ersten Gespräch. Er fragte nach der Sprache, nach einer Pflegekraft, bot wieder Geld an.
Harald, ich brauche kein Geld, sagte Katrin.
Was dann?
Sie wollte es sagen. Öffnete den Mund und schwieg dann doch.
Nichts. Alles okay.
Na dann, sagte er. Genau wie Margots Schwester.
Nach dem Gespräch stellte sich Katrin vor das Krankenhaus. Es waren vielleicht fünf Grad, es roch nach dem ersten Schnee, den man noch nicht sieht, aber schon spürt. Sie beobachtete die vorbeifahrenden Autos, die Leute auf dem Weg nach Hause und dachte: Verrat, das ist nicht immer etwas Lautes. Manchmal ist es einfach eine Stimme in der Leitung, die sagt: Na dann, und nicht mehr an dich denkt.
***
Nach dreiundzwanzig Tagen wurde ihre Mutter entlassen. Dr. Lehmann fand den Genesungsprozess gut, empfahl jedoch Kontrolle daheim, tägliche leichte Gymnastik, Medikamente pünktlich, einen strikten Therapieplan, und auf keinen Fall Stress.
Ziehen Sie bei ihr ein? fragte die Ärztin.
Ich werde bei ihr wohnen, antwortete Katrin, auch wenn sie sich erst eine Stunde zuvor dazu entschieden hatte.
Sie rief im Büro an. Die Hauptbuchhalterin, Frau König, streng, aber fair, erlaubte ihr zwei Wochen länger frei, dann müsse sie zurück. Katrin: Klar.
Dann rief sie ihre Vermieterin an, Frau Meißner, und bat um einen Monat Zahlungsaufschub. Die schimpfte, aber willigte ein.
Anschließend verabschiedete sie sich von Margot, deren Mutter noch bleiben musste.
Ich gebe Ihnen meine Nummer, sagte Margot. Melden Sie sich ruhig.
Danke, sagte Katrin. Sie hatte das Danke inzwischen so drauf wie jemand, der weiß, dass Worte wenig ändern. Doch Margot sah ihr nachdrücklich in die Augen und sagte:
Ich sag das nicht einfach so. Ich meine das.
Katrin nickte.
Ich ruf an, wenn was ist.
***
Mit der Mutter zu leben war zugleich schwerer und leichter, als Katrin es erwartet hatte. Körperlich war es kräftezehrend. Die Mutter war auf Hilfe angewiesen; beide fanden das ungewohnt. Ihr Leben lang waren sie eng, aber immer auf Abstand nun half Katrin beim Waschen, Anziehen, Kämmen. Die Mutter ertrug es mit Würde, doch manchmal blitzten Tränen auf, die Katrin übersah.
Dafür fiel etwas anderes leichter: die Gespräche. Echte Gespräche, langsam, denn manchmal brauchte die Mutter Zeit, um die Worte zu finden. In diesem Warten war plötzlich Vertrautheit, die so noch nie da war. Die Mutter berichtete aus ihrer Kindheit, von Katrins Vater, den Katrin kaum kannte, da er früh ging, von der Arbeit im VEB, von ihrer Freundin Sabine, die wegzog und nie aufhörte zu schreiben.
Du wusstest nicht, sagte Helga, dass ich tanzen konnte. Walzer. Ganz gut.
Wirklich?
Sie haben mich gelobt. Haben gesagt schön getanzt.
Katrin betrachtete sie klein, grau, der Mund leicht schief seit dem Schlaganfall. Und versuchte, sich die junge Helga vorzustellen, tanzend.
Mama, bereust du etwas?
Die Mutter dachte lange nach.
Was sollte ich bereuen? Ich habe gelebt, wie ich konnte.
Nein, ich meine ernsthaft.
Ich auch. Ich hätte bereut, wenn ich anders gelebt hätte. Aber ich weiß ja nicht, wie das geht.
Katrin verstand es nicht völlig. Fragte aber nicht weiter nach.
***
Eine Woche später rief Margot an. Wie gehts der Mutter, und dir? Ihre eigene Mutter sei jetzt auch zu Hause, die ersten Tage schwierig, jetzt besser. Sie redeten zwanzig Minuten. Katrin war überrascht, wie angenehm das war nicht höflich-angenehm, sondern wirklich. Weil da jemand war, der verstand, ohne dass man alles erklären musste.
Treffen wir uns mal auf einen Kaffee? schlug Margot vor.
Klar, sagte Katrin.
Samstag trafen sie sich in einem kleinen Café in der Innenstadt, das Gemütlich hieß und, wie der Name sagt, wirklich nett war: Holztische, warmes Licht, der Duft von frischen Brötchen. Katrin war zu früh da, saß am Fenster.
Margot kam pünktlich, sah sich um, winkte und setzte sich.
Sie sehen viel besser aus als im Krankenhaus, lachte Margot.
Sie auch, erwiderte Katrin.
Da drin sieht jeder schlecht aus.
Sie bestellten Kaffee und Apfelkuchen, unterhielten sich: erst über die Mütter, Medizin, dann über anderes. Margot erzählte von ihrem Leben als Lehrerin, wie schwierig es zum Schluss geworden war, weil alles im Wandel war, die Schüler, die Kolleg*innen, man sollte sich dauernd anpassen, auch wenn man sechzig ist.
Vor drei Jahren bin ich in Rente und wusste erstmal nicht, wohin mit mir. Vierzig Jahre Schule, und dann plötzlich: nichts.
Und dann?
Ich habe gelesen. Viel. Dann bin ich zur Aquarellgruppe gegangen. Ich dachte, ich male schlecht. Stimmt auch, ist aber egal. Hauptsache, es macht Freude.
Katrin lächelte.
Ich hab sowas nie ausprobiert.
Arbeiten Sie noch?
Buchhalterin. Ja, bin wieder eingestiegen.
Gefällt Ihnen das?
Katrin überlegte.
Ich hab mich dran gewöhnt. Ist was anderes.
Ja, nickte Margot. Ist halt was anderes.
***
Die Wochen vergingen. Katrin war zurück im Büro. Zusammen mit Margot koordinierte sie, dass immer einer bei ihrer Mutter vorbeischaute. Margot wohnte ja um die Ecke und kam alle zwei, drei Tage vorbei. Erst lehnte Katrin das aus Pflichtgefühl ab, irgendwann ließ sie es einfach zu.
Die Mutter mochte Margot.
Deine Mama ist klug, sagte Margot einmal. Und hat Humor! Heute sagte sie zu mir: Margot, Sie sind sehr korrekt. Vor solchen Leuten hatte ich immer Angst. Ich musste so lachen.
Ja, Mama hat Humor, bestätigte Katrin.
Das hilft, wissen Sie. Mehr als man denkt.
Harald meldete sich Anfang Dezember. Fragte nach, sagte, vielleicht kommt er zu Weihnachten. Katrin: Wenn du kommst, ist schön. Wenn nicht, auch okay. Er schwieg, meinte dann: Du bist komisch geworden. Sie stritt nicht ab.
Nach dem Gespräch saß Katrin lange alleine in Mutters Küche. Es schneite, zum ersten Mal richtig, ganz still. Sie schaute hinaus und dachte: Der Riss im Verhältnis zu Harald war nicht neu, sondern alt. Man sieht ihn nur jetzt, wie Risse, die erst sichtbar werden, wenn das Haus arbeitet. Früher hat sie weggeschaut.
Sie dachte, was echte Gefühle sind nicht Worte, sondern eben Gefühle. Harald liebte Mama vielleicht. Auf seine Weise. So wie sie. Aber seine Liebe war wie ein Pokal im Regal, den man nicht benutzt, damit er nicht verstaubt.
Vielleicht täuscht sie sich. Vielleicht hat jeder seine eigene Dosis er gibt, was er kann. Und mehr kann man nicht verlangen. Aber trotzdem tut es weh. Leise, ohne Drama, einfach nur weh.
***
Eines Abends, es war Mitte Dezember, kam Katrin spät nach Hause. Ihre Mutter saß am Küchentisch und telefonierte.
Ja ich höre. Ist gut. Harald, du machst das prima.
Pause.
Nein, sie ist nicht böse. Sie ist einfach nur müde. Komm, wenn du kannst.
Noch eine Pause.
Ja. Bis bald.
Die Mutter legte auf und sah Katrin an.
Dein Bruder hat angerufen, sagte sie ruhig.
Habs gehört.
Er macht sich Sorgen.
Katrin ging zum Kühlschrank, öffnete ihn planlos.
Wer sich sorgt, der kommt.
Katrin.
Ja?
Ich sage nicht, dass er alles richtig macht. Aber er sorgt sich. Das ist nicht dasselbe.
Katrin schloss die Tür. Drehte sich um.
Mama, das fällt mir schwer zu hören.
Ich weiß, sagte sie. Für dich war es immer schwerer als für ihn. Hat er nie verstanden.
Warum?
Die Mutter schwieg.
Ich habe es nie gesagt. Ich dachte: Ihr regelt das unter euch. Habt ihr nicht geschafft.
Katrin spürte eine abgrundtiefe Müdigkeit von Arbeit, Gesprächen, vom Gefühl, alles allein zu schultern. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, legte den Kopf auf die Arme.
Mama, ich weiß nicht, wie das weitergehen soll.
Die Mutter stand nach einer Weile auf, kam langsam, legte die gesunde Hand auf Katrins Schulter.
So, sagte sie. Genau so. Tag für Tag.
***
Silvester feierten sie zu dritt. Margot brachte einen Kartoffelsalat und Traubensaft mit. Die Mutter trug ihr bestes nachtblaues Kleid, Katrin half beim Frisieren. Sie deckten den Tisch, schalteten das Fernsehen ein, saßen bis halb eins zusammen, redeten über früher. Die Mutter erinnerte sich an Silvester aus ihrer Jugend, mit Tanz und Musik. Margot erzählte von ihren Schülern, von einem Jungen, der in der sechsten Klasse ein Aufsatz schrieb, er wolle Bibliothekar werden, weil es dort ruhig ist und man denken kann.
Da wusste ich, dass der besonders war, sagte Margot. Jetzt ist er Historiker, schreibt manchmal noch.
Schön, wenn sich jemand erinnert, meinte Helga.
Ja, sagte Margot.
Katrin schaute die beiden an zwei ältere Frauen, die vor kurzem noch Fremde waren, jetzt am selben Tisch, wie alte Freundinnen. Das Leben kann sowas. Nicht immer aber manchmal.
Harald rief zu Neujahr nicht an. Erst am Morgen.
Frohes neues Jahr, Katja.
Dir auch.
Wie gehts Mama?
Gut. Wir haben gemeinsam gefeiert, mit einer Freundin.
Du, pass auch auf dich auf.
Versuch ich.
Kurze Pause.
Im Februar komme ich vielleicht vorbei.
Ist gut.
Bist du böse?
Nein.
Das stimmte. Die Wut war im November im Krankenhaus verblasst. Was jetzt blieb, war was anderes. Kein Vergeben, sondern so etwas wie Anerkennen: Er ist eben so. Das wird sich nicht ändern. Das macht es nicht leichter, aber klarer. Man erwartet dann nicht mehr das Unmögliche.
***
Im Januar, nach den Ferien, tat Katrin erstmals seit Ewigkeiten etwas für sich selbst. Margot lud sie ein, in die kleine Aquarell-Ausstellung im Kulturhaus zu gehen. Katrin wollte erst absagen, zu müde, sie müsse zur Mutter. Margot: Deine Mutter schafft schon vier Stunden ohne dich. Das weißt du.
Katrin lachte und ging mit.
Drinnen waren etwa dreißig Leute. Die Bilder waren unterschiedlich manches einfach, manches überraschend schön. Katrin blieb an einem hängen: eine kleine Winterbirkenlandschaft, Silber und Blau, etwas darin ließ sie nicht los.
Gefällt es dir?, fragte Margot.
Sehr.
Ist von mir, gestand Margot schüchtern.
Katrin starrte.
Echt jetzt?
Hab doch gesagt, ich male. Schlecht aber egal.
Margot, das ist nicht schlecht. Das ist schön.
Margot zuckte die Schultern, aber man merkte, dass ihr das gut tat.
Danach tranken sie einen Tee, unterhielten sich lange über Unterstützung in schwierigen Zeiten, über kleine Gesten. Manchmal reicht es, dass jemand einfach nur da ist.
Weißt du, sagte Katrin, ich habe in diesen drei Monaten was Wichtiges kapiert. Nicht über Mama oder Harald.
Sondern?
Über mich. Dass ich schon ewig so lebe, als dürfte ich keine Hilfe annehmen. Als wär das was Peinliches. Und wenn ich dann Hilfe brauchte, habe ich still gehalten oder gesagt: Geht schon, wie du damals im Krankenhaus.
Margot nickte.
Kommt mir bekannt vor.
Was macht man dagegen?
Man übt, es einfach zu sagen. Zu sagen: Ich hab Angst. Komm, ich brauch dich. Es ist hart. Aber es geht.
Du hast das gelernt?
Margot dachte kurz nach.
Ich bin auf dem Weg. Mit sechzig. Besser spät als nie.
***
Im Februar kam Harald tatsächlich. Meldete sich drei Tage vorher, stand am Samstag auf der Matte. Katrin empfing ihn in Mamas Wohnung. Er war wie immer: groß, etwas füllig, teurer Mantel, teures Parfum. Bringt Pralinen für die Mutter, eine Flasche Saft für Katrin.
Die Mutter freute sich. Plapperte ungewohnt schnell los, stotterte, wurde nervös, als die Worte fehlten. Harald war sichtlich überfordert mit ihrem Sprechen, mit der ganzen Krankheit. Er war das nicht gewohnt.
Mama, lass dir Zeit, sagte er.
Ich habe Zeit, sagte sie. Du nie. Schon immer.
Harald lachte unsicher.
Sie aßen gemeinsam zu Mittag Suppe und Frikadellen, von Katrin gekocht. Anfangs war es steif, dann löste es sich. Harald berichtete von München, von der Arbeit, Anja war krank und jetzt wieder fit, in den Ferien wollten sie eine Reise machen. Die Mutter hörte zu. Katrin schwieg meistens.
Nach dem Essen spülte Harald das Geschirr wie immer, wenn er zu Besuch war, das hatte er schon als Kind getan.
Katja, bist du noch sauer?, fragte er auf der Küche.
Katrin stellte die Tasse ab.
Harald, ich hab dir schon gesagt: Nein.
Irgendwas ist trotzdem.
Ja. Aber das ist keine Wut.
Was dann?
Sie sah ihn an ganz ernst, ohne Ironie.
Enttäuschung, glaub ich. Ich dachte, du kommst einfach. Von selbst. Nicht erst auf Bitte.
Ich kann das nicht, sagte Harald leise. Ich weiß, das klingt nach Ausrede. Ist aber so.
Ich verstehs.
Bist du enttäuscht, dass ich es nicht kann?
Nein, ehrlich. Die Wut ist lange weg. Ich habe dich einfach neu gesehen. Nicht schlechter. Einfach anders als gedacht.
Harald schwieg. Dann: Du hast wahrscheinlich recht.
Es war wichtig. Nicht, weil er was versprach sondern weil er wahrscheinlich sagte. Ohne Widerspruch.
Er fuhr Sonntagabend zurück. Küsste Mama, umarmte Katrin unsicher. Versprach, öfter anzurufen.
Katrin vertagte ihre Zweifel. Sie musste nicht mehr alles für bare Münze nehmen.
***
Mit dem Tauwetter kam der März. Die Mutter wurde merklich fitter. Die rechte Hand arbeitete wieder, wenn auch schwächer. Die Sprache fast komplett zurück. Dr. Lehmann lobte bei der Kontrolle: Das läuft besser als der Durchschnitt! Weil sie nicht allein war.
Das ist Ihr Verdienst, sagte die Ärztin.
Nicht nur meiner, entgegnete Katrin.
Sie dachte an Margot. Daran, wie diese immer mal die Mutter besuchte, gemeinsam mit ihr Gymnastik machte, einfache Gerichte kochte.
Katrin fragte die Mutter einmal: Stört es dich, dass eine Fremde so oft da ist?
Die Mutter überlegte kurz.
Margot ist keine Fremde. Fremd ist, wer sich nicht kümmert. Sie kümmert sich.
Das merkte Katrin sich gut. Nähe, Hilfe das hat nichts mit Familie oder alten Geschichten zu tun. Nur damit, ob mans ernst meint.
***
Im März passierte noch etwas. Katrin telefonierte mit Margot, sagte plötzlich: Weißt du, ich hab in den Monaten eine richtige Freundin gefunden. Mit siebenundfünfzig. Schon seltsam.
Ist doch nicht komisch, entgegnete Margot.
Doch, schon. In dem Alter denkt man doch, das geht nicht mehr.
Blödsinn. Die Leute kommen, wenn man offen ist nicht, wenn man jung ist.
Ich war früher nicht so offen.
Ich auch nicht, gab Margot zu. Ich hielt mich immer für unabhängig. Mutter, Arbeit, Bücher. Und dann kamst du. Plötzlich verstehst du: Das war Einsamkeit, nur eben schöner verpackt.
Katrin lachte.
Stimmt. So fühlt es sich an.
Eben. Glück gehabt, wir beide.
Sie spürte: Ja. Wirklich. Echtes Vertrauen, das durch Zufall und Not entsteht ist wertvoller als das, was von selbst kommt.
***
Im April schaffte die Mutter es zum ersten Mal wieder hinaus. Katrin stützte sie, langsam gingen sie bis ans Ende der Straße und zurück. Hinterher war die Mutter erschöpft, aber zufrieden.
Das fühlt sich gut an, sagte sie beim Tee.
Und wie! meinte Katrin.
Katja, sagte die Mutter plötzlich, du gehst bald wieder zurück zu dir?
Katrin sah sie an.
Wir hatten vereinbart: Noch einen Monat, dann schauen wir. Du wirst selbstständiger.
Ist mir klar. Aber ich will einfach sagen, wie gut es war, dass du da warst. Ich habe das nie gesagt.
Mama
Lass mich. Ich dachte immer, Gefühle sagt man nicht. Die merkt man doch. Aber das ist Unsinn. Keiner kann Gedanken lesen. Man muss es sagen.
Katrin hatte Tränen in den Augen. Sie drehte sich nicht weg.
Ehrlich: Mir wars auch wichtig.
Sie schwiegen. Gutes Schweigen.
***
Im April rief Harald zweimal an. Redete jeweils zuerst mit der Mutter, dann kurz mit Katrin, fragte nach Tabletten, nach Werten. Es gab keine Spannungen mehr irgendwas hatte sich verändert. Nicht Harald eher Katrins Erwartungen. Sie wartete nicht mehr auf Dinge, die er nicht leisten konnte. Das war befreiend.
Einmal meinte er:
Katja, du bist echt klasse. Ehrlich.
Sagen mir einige inzwischen.
Na und?
Vielleicht stimmts ja sogar.
Er lachte. Sie lachte. Es war leicht fast wie in Kindertagen.
***
Im Mai machte die Mutter selbstständig Übungen. Katrin überrascht sie beim Training: Am Tisch sitzt sie und stapelt Knöpfe von einer Schale in die andere mit der rechten Hand. Maren hatte es ihr gezeigt. Die Mutter war konzentriert, wie ein Kind beim Schreibenlernen.
Guck, sagte sie eines Tages und ballte ganz leicht die rechte Hand zur Faust.
Mama!
Nicht wirklich fest, aber immerhin.
Toll gemacht, Mama. Wirklich.
Ich hab mich bemüht, sagte sie schlicht. Ohne Pathos.
Katrin dachte: Genau das ist Stärke. Kein großes Gerede, sondern Knöpfe hin- und herlegen egal wie schwer.
***
Ende Mai entschied Katrin, nach Hause zurückzuziehen. Die Mutter war selbstständig genug, Margot kam öfter, Frau Schulze aus dem Erdgeschoss war aufmerksam, Katrin wohnte um die Ecke.
Mama, ich geh zurück zu mir.
Ich weiß.
Bist du traurig?
Ein bisschen. Aber ich versteh dich. Du hast auch dein Leben.
Ich komme jedes Wochenende. Das verspreche ich.
Weiß ich. Helga hielt inne. Katrin, leb bitte auch nicht nur für mich. Lebe für dich.
Kurz darauf saßen sie abends noch lange zusammen. Tranken Tee, redeten, lachten. Die Mutter erinnerte sich an lustige Kindheitsszenen. Dann erwähnte sie wieder das Tanzen.
Mama, bringst dus mir bei?
Was?
Den Walzer.
Die Mutter lächelte erst überrascht, dann warm.
Probieren wir.
Sie standen in der Küche, die Mutter etwas unsicher, aber sie zeigte: eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Katrin folgte.
Sie tanzten langsam und ungelenk durch die Küche, lachten. Die Nachbarn hätten sich sicher gewundert. Für sie war nur das jetzt wichtig.
***
Katrin kehrte zurück auf die Eisenbahnstraße. Die Wohnung empfing sie mit Stille und abgestandenem Geruch. Fenster auf war Freitag, morgen frei.
Sie packte aus, machte Tee, rief die Mutter an. Die sagte, alles okay, Frau Schulze sei schon da gewesen, jetzt wolle sie schlafen.
Gute Nacht, Mama.
Gute Nacht. Schlaf schön.
Schrieb Margot: Zurück zu Hause. Danke für alles.
Margot beantwortete sofort: Nicht dafür. Samstag Kaffee?
Katrin legte das Handy zum Laden ans Fenster. Draußen war Maiabend, das Laub glänzte, Leute spazierten, Kinder jagten auf Rollern. Jungen Pärchen, Großeltern mit Enkeln, Lachen.
Sie sah hinaus und spürte: Die Monate haben sie verändert. Kein ganz neuer Mensch, aber sie blickte klarer auf die Welt als hätte sie endlich die richtige Brille gefunden.
Das Materielle und das Zwischenmenschliche das sind zwei unterschiedliche Schichten, eins ersetzt das andere nicht. Das wusste sie vorher schon. Aber jetzt spürte sie es.
Hilfe kommt oft von unerwarteter Seite. Erwartet hatte sie es vom Bruder, bekommen von einer Fremden mit aufrechter Haltung und Tee im Thermos. So ist das Leben: Es gibt nicht immer, was du willst aber oft, was du brauchst.
***
Zwei Wochen nach ihrem Auszug rief die Mutter morgens um halb neun an, während Katrin im Büro stand.
Katrin, dein Bruder ist da.
Was?
Er ist einfach aufgetaucht. Ohne Ankündigung.
Einfach so?
Einfach so. Steht hier und schaut mich an, wie verloren.
Was sagt er?
Sagt nur: Mama, ich habe dich vermisst.
Katrin wusste nicht, was sie erwidern sollte.
Ist doch gut, Mama. Ist doch gut.
Sie legte auf, ging zum Schreibtisch zurück. Draußen Alltag, die Sonne warf helle Streifen aufs Fensterbrett.
Ihre Chefin lief vorbei: Krause, ist der Bericht endlich fertig?
Gleich, sagte Katrin.
Sie dachte an Harald. Er war einfach gefahren, ohne Vorankündigung, ohne Anlass. Was in ihm passiert war die letzten Monate, wusste sie nicht. Vielleicht hatte sich etwas gelöst. Vielleicht gar nichts. Vielleicht hatte Anja die richtigen Fragen gestellt. Vielleicht hatte er selbst etwas verstanden.
Es war letztlich egal, warum. Wichtig war: Er war gekommen.
Ob das die alten Fragen klärte, wusste sie. Nicht wirklich.
***
An diesem Abend traf sie sich mit Margot mittlerweile nicht mehr nur wegen der Mütter. Sie setzten sich ins Gemütlich, bestellten Kaffee.
Harald ist da, sagte Katrin.
Weiß ich. Deine Mutter hat gleich angerufen.
Die ruft dich an?
Ja. Sie informiert mich gern.
Katrin schüttelte den Kopf und lachte.
Und wie fühlst du dich?
Komisch. Bin das Alleinsein gewohnt. Du warst da, Margot. Jetzt er.
Und stört dich das?
Nein, aber ich weiß nicht, ob das was bedeutet. Ob er sich wirklich verändert hat. Ein Besuch heißt noch nichts.
Stimmt. Aber es ist ein Anfang.
Denkst du?
Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt er öfter. Vielleicht nicht. Menschen ändern sich langsam. Nicht immer so, wie wir es wollen. Aber manchmal schon.
Katrin hielt die Kaffeetasse mit beiden Händen. Ganz still im Café, am Fenster las eine Frau.
Weißt du, sagte sie, im Krankenhaus habe ich dich beneidet. Nicht um das, was du hast, sondern ums Dasein. So ruhig. Nicht gehetzt.
Ich habe gehalten, sagte Margot lächelnd. Nach außen wirkt das wie Stabilität, drinnen war es aber selten so.
Wir sind ähnlich, oder?
Schon. Nicht gleich, aber ähnlich.
Stille die gute Art von Stille.
Meine Mutter hat gesagt: Leb. Nicht nur für mich. Sei lebendig.
Klug.
Fällt mir erst jetzt auf, wie sehr.
Draußen heller früher Sommer. Die Frau am Fenster blätterte um. Ein Telefon klingelte in der Ferne.
Ziehst du zu deiner Mutter zurück?, fragte Margot.
Nein. Ich bleib nah. Das ist nicht das Gleiche.
Hast du das erst jetzt verstanden?
Ich glaube, ja.
Margot hob die Tasse.
Darauf.
Auf was?
Darauf, dass wir manchmal verstehen.
Katrin hob die ihre.
***
Spätabends, sie las, vibrierte das Telefon. Harald.
Ja, sagte Katrin.
Katja, bist du wach?
Ja. Lese gerade.
Ich bleibe heute Nacht hier bei Mama. Sie hat mich gebeten.
Gut.
Ich wollte etwas sagen. Ich war im Herbst nicht richtig. Dass ich nicht gekommen bin.
Katrin klappte das Buch zu.
Harald?
Ja?
Ich habs gehört.
Pause.
Sagst du jetzt, alles ist okay?
Nein, erwiderte sie ruhig. Es war nicht okay. Aber ich sage auch nicht, dass ichs nicht verzeihe. Das stimmt auch nicht.
Was stimmt dann?
Katrin zögerte.
Dass wir beide einfach nur Menschen sind. Mit Schwächen. Dass Mama lebt, und das ist das Wichtigste. Und dass wir vielleicht öfter wirklich reden sollten.
Ja, sagte Harald.
Und danke, dass du gekommen bist.
Meinst du das?
Ja.
Pause. Dann leise:
Wir gehen morgen mit Mama raus. Sie meint, sie kommt jetzt bis zum Ende der Straße.
Weiter sogar. Das sagt sie nicht, aber ich weiß es.
Du weißt immer alles über sie.
Ich war ja die ganze Zeit da.
Noch ein kurzes Schweigen.
Ja, sagte er. Du warst da.
Katrin schwieg. Harald auch. Manchmal muss nichts mehr gesagt werden.
Gute Nacht, Katja.
Gute Nacht, Harald.
Sie legte auf, öffnete das Buch wieder, las einen Abschnitt. Dann legte sie das Buch weg und saß einfach still.
Draußen war milde Nacht. Irgendwo fuhr eine Straßenbahn vorbei. Das Fenster war offen, der Duft von Gras und Regen, der noch kommen würde, lag in der Luft.
Katrin dachte: So lebt man also. Nicht, wenn alles gelöst ist. Nicht, wenn alle Fragen beantwortet sind. Sondern so Tag für Tag, wie Mama sagt. Solange jemand da ist. Solange man lernt, dankbar zu sein nicht immer auf das zu schauen, was fehlt.
Ob sich Harald ändern würde, wusste sie nicht. Ob die Mutter gesund würde, auch nicht. Und was sie selbst erwarte wer weiß?
Aber jetzt, diese Nacht, dachte sie nur daran, wie die Mutter Knöpfe sortierte, an Margots Winterwald, an Tee auf dem Krankenhausflur.
Und daran, dass jemand mal sagte: Leben heißt nicht warten, bis alles gut wird. Leben ist das, was passiert, während du wartest.
Vielleicht stimmt das.





