Das Recht zu schweigen

Das Recht zu schweigen

Der Duft von Parfüm im Auto war zu intensiv. Klara kurbelte das Fenster ein Stück herunter, und eine frische Brise, vermischt mit trockener Landluft und dem Aroma von heißem Asphalt, strich herein. Es war ein drückender, endlos schwüler Juni, wie es ihn schon lange nicht mehr gegeben hatte, ohne einen einzigen Tropfen Regen.

Du schweigst schon wieder, sagte Matthias, ohne den Blick von der Straße zu nehmen.

Ich schweige nicht. Ich denke nach.

Worüber denn? Alles ist vorbereitet, alles bezahlt. Entspann dich.

Klara betrachtete seine Hände am Lenkrad. Gepflegte Hände, Nägel ordentlich gekürzt. Architektenhände. Sie hatte nie verstanden, warum die Hände eines Architekten immer so makellos wirkten, als hätten sie nie richtig gearbeitet.

Matthias, meine Mutter sieht in diesem Kleid Sie hat es auf dem Wochenmarkt gekauft. Sie hat sich Mühe gegeben. Aber deine Gäste

Meine Gäste sind normale Leute.

Normale Leute können sehr genau hinschauen, wenn jemand nicht in ihr Schema passt.

Er atmete leise durch die Nase aus. Klara kannte diesen Laut bereits nach zwei Jahren. Es bedeutete: Ich bin müde, dir das Offensichtliche zu erklären.

Klara, wir fahren zur Hochzeit. Zu unserer Hochzeit. Kannst du nicht wenigstens heute aufhören, Probleme zu suchen, wo keine sind?

Sie sind da. Ich spüre es einfach.

Du spürst ständig irgendwas.

Das klang nach allem, nur nicht wie ein Kompliment.

Ein Schild flog vorbei: Restaurant Zum Goldenen Ährenfeld, noch 2 km. Klara rückte den Schleier zurecht. Aus feinem Tüll, mit kleinen Perlen am Saum, edel und teuer ausgesucht von Gabriele von Kronenberg im Salon an der Friedrichstraße. Klara hatte nicht widersprochen. Sie hatte in den vergangenen Monaten ohnehin vieles einfach nicht wahrgenommen. Sie hatte sich auf die Hochzeit konzentriert und versucht, daran zu glauben, dass alles gut werden würde.

Papa ist nervös, sagte sie leise. Er war noch nie in so einem Restaurant.

Klara

Was?

Lass es. Bitte.

Sie schwieg. Schaute aus dem Fenster auf die grünen, vollen Felder zu beiden Seiten der Landstraße. Irgendwo, hinter dem Horizont, lag das Dorf Fichtenau. Dort stand das kleine Haus mit blauen Fensterläden, in dem sie aufgewachsen war. In dem Oma Hannelore immer am Fenster saß, das Stickrahmen in der Hand, und sagte: Klarchen, die Nadel ist mehr als nur ein Werkzeug. Es ist ein Gespräch mit dem Stoff. Hör hin, er antwortet dir.

Matthias parkte vor dem Restaurant. Er stieg aus und öffnete ihr galant die Tür. Solche Dinge konnte er elegante Gesten, schöne Worte zum richtigen Zeitpunkt. Klara hakte sich bei ihm ein und lächelte. Was hätte sie sonst tun sollen?

Ihre Eltern waren bereits im Saal. Klara entdeckte sie sofort. Hildegard und Walter Weber standen am Rand, etwas abseits der anderen Gäste, wie zwei Spatzen, die sich aus Versehen in eine Papageienvoliere verirrt hatten.

Die Mutter trug ein dunkelblaues Kleid mit Spitzenkragen, der Rock länger als heutzutage üblich, die Haare geföhnt, zart gedrehte Locken, kleine Ohrringe mit blauen Steinen ein Geschenk von Walter zum fünfundzwanzigsten Hochzeitstag. Sie hielt die Tasche mit beiden Händen vor dem Bauch und betrachtete die Kronleuchter mit einer Mischung aus Bewunderung und Fremdheit, wie Kinder, die etwas Wunderschönes und doch Unbekanntes sehen.

Walter trug einen grauen, breitschultrigen Anzug, den Klara nur von alten Fotos kannte, er hatte ihn damals in den Neunzigern gekauft, Bügelfalten wie mit dem Lineal gezogen, die Krawatte saß etwas schief.

Klarchen!, Mathers Mutter machte einen Schritt auf sie zu, zögerte, um das Kleid nicht zu zerknittern, und nahm nur sanft die Hände der Tochter. Du bist wunderschön.

Du auch, Mama.

Hildegard lachte leise, entschuldigend, wie immer, wenn sie meinte: Ach, so schlimm ist es nicht.

Walter umarmte seine Tochter vorsichtig nur mit einer Hand, um nicht alles zu zerdrücken.

Fein gemacht, mein Mädchen, murmelte er. Mehr sagte er nie unnötige Worte hielt er für überflüssig.

Zehn Minuten später kam Gabriele von Kronenberg herein. Sie betrat den Saal so, wie es Menschen tun, die gewohnt sind, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt: ein dunkelrotes Seidenkleid, Perlen in mehreren Reihen, das Haar perfekt gelegt. Fünfundfünfzig, aber keiner hätte ihr mehr als achtundvierzig gegeben. Und sie wusste das.

Klarchen, küsste sie demonstrativ in die Luft neben Klaras Wange. Du bist bezaubernd. Wirklich bezaubernd. Matthias, pass bloß gut auf.

Matthias lächelte. Es war das offizielle Lächeln, das Klara schon von Business-Meetings kannte.

Gabriele wandte sich an Klaras Eltern. Ein besonderer Blick, ruhig, prüfend nicht herablassend, nur messend. Wie ein Scanner, der alles aufnimmt.

Frau Weber, Herr Weber, schön, Sie kennenzulernen. Matthias hat so viel erzählt.

Hildegard nickte höflich, Walter schüttelte ihr die Hand.

Sie platzierten Klaras Eltern am Ende der langen Tafel, direkt neben einem Cousin von Matthias und dessen Frau, die den ganzen Abend über wenig Interesse an Gesprächen außerhalb ihrer eigenen Umbauarbeiten im neuen Neubaugebiet zeigten.

Klara beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Die Mutter aß vorsichtig, beinahe angespannt, suchte die richtige Gabel wie jemand, der Angst hat, sich zu blamieren. Der Vater kippte ein Glas Korn runter und schaute danach stumm aus dem Fenster auf die untergehende Stadt. Zwischendurch wechselten sie Blicke, in denen so viel lag, dass Klara wegsehen musste.

Die Trinksprüche folgten. Zuerst Matthias’ Trauzeuge, jung, gut angezogen, teure Uhr. Dann Klaras vermeintliche Freundin Jutta, die sie nur aus dem Nähkurs in der Stadt kannte. Weitere Redner schlossen sich an. Der Sekt war ausgezeichnet, das Essen schön angerichtet. Die Kellner schwebten fast lautlos durch den Raum.

Gabriele griff gegen halb neun zum Mikrofon. Sie erhob sich langsam, würdevoll. Es wurde still.

Ich möchte ein paar Worte sagen, begann sie mit ihrer klaren, tragenden Stimme, die gewohnt war, Sitzungen zu leiten. Der Toast der Schwiegermutter ist immer besonders.

Einige lachten zustimmend.

Mein Matthias war immer ein Mensch mit großem Herzen, sagte sie nach einer sorgfältig gesetzten Pause. Schon als Kind hat er Kätzchen aufgesammelt, den Nachbarskindern bei den Hausaufgaben geholfen. Das hat er von seinem Vater Gott hab ihn selig und ein wenig auch von mir. Sie ließ ein gezähmtes Lachen hören. Als er mir Klara vorstellte, war ich überrascht. Unser Matthias hätte nun, er hatte immer viele Möglichkeiten. Aber er hat sie gewählt ein Mädchen aus einem kleinen Dorf, aus einer ausgesprochen einfachen Familie. Ich denke, das ist wahre Herzensgüte.

Klara spürte, wie Matthias neben ihr für einen Moment ganz steif wurde. Doch er rührte sich nicht.

Klaras Eltern, Gabriele blickte ans entgegengesetzte Ende des Tisches, sind fleißige Menschen. Wir respektieren Arbeit. Putzfrau, Fahrer das sind wichtige Berufe. Jeder Mensch zählt an seinem Platz. Wieder eine Pause. Aber sagen wir ehrlich: Nicht jede Mutter unter diesen bescheidenen Gästen hätte ihre Tochter in so ein Leben ziehen lassen. Es ist mutig. Ich beneide diese Einfachheit sogar. Wissen Sie, wenn man keine Ansprüche an die Welt hat, lebt es sich leichter. Oder?

Der Applaus war verhalten; viele sahen einfach in ihre Teller.

Auf Matthias und Klara!, hob Gabriele ihr Glas. Viel Glück und Liebe. Und unsere Klara soll nie vergessen, woher sie kommt es macht sie eben besonders.

Das Kristall klirrte.

Klara trank nicht. Sie hielt ihr Glas und blickte starr vor sich hin. In ihrer Brust war es ruhig und eiskalt, wie Anfang Dezember, wenn der Schnee noch fehlt, aber die Erde bereits gefroren ist.

Sie sah zur Mutter.

Hildegard lächelte. Dieses Lächeln war das Schlimmste, was Klara je gesehen hatte: höflich, angespannt, das Gesicht wie in Marmor gemeißelt. Das Lächeln eines Menschen, der gerade mit Worten verletzt wurde eingepackt in freundliche Floskeln und weder Kraft noch Recht hat zu widersprechen.

Vater blickte auf seinen Teller. Die Krawatte verrutscht.

Klara stellte ihr Glas ab.

Dann stand sie auf.

Darf ich auch etwas sagen? Ihre Stimme war leise, aber in der Stille im Saal hörten es alle.

Matthias drehte sich zu ihr, und in seinen Augen lag irgendetwas vielleicht Angst, vielleicht eine Bitte.

Klara nahm das Mikrofon.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die heute hier sind. Ihre Stimme zitterte nicht und sie war selbst erstaunt darüber. Vor allem aber danke ich meinen Eltern. Meiner Mutter, Hildegard Weber, die seit dreißig Jahren fremde Wohnungen putzt und trotzdem unser Zuhause sauberer hält als jedes Restaurant. Und meinem Vater, Walter Weber, der bei jedem Wetter sich hinters Steuer setzt, damit unsere Familie nie etwas entbehrt. Sie sind nicht hier, weil ihnen die Tür geöffnet wurde. Sondern weil sie meine Eltern sind. Und ich ihre Tochter. Nicht das einfache Mädchen vom Land. Nicht ein Objekt der Wohltätigkeit. Ihre Tochter.

Im Saal herrschte Stille. Gabriele hielt ihr Glas weiter erhoben und fixierte Klara mit einem Ausdruck, den man kaum beschreiben konnte.

Würde, fuhr Klara fort, hängt nicht davon ab, in welchem Restaurant du isst oder welches Auto du fährst. Ich weiß das, weil ich sie jeden Tag bei Menschen gesehen habe, die gerade eben als einfach bezeichnet wurden. Einfach Sie kostete das Wort nachdenklich. Ja, sie sind einfach. Einfach wie Brot. Wie Wasser. Wie Aufrichtigkeit.

Sie legte das Mikrofon ganz ruhig auf den Tisch.

Dann nahm sie den Schleier ab. Die feinen Tüllflügel fielen auf das Tischtuch, neben dem vollen Glas Sekt.

Matthias, sagte sie, schlicht. Und schaute ihn an.

Er hob die Augen nicht.

Das genügte.

Klara trat zu ihrer Mutter, nahm ihre Hand. Dann nickte sie dem Vater zu. Walter stand auf, rückte den Jackettärmel zurecht.

Sie verließen den Saal zu dritt. Nicht hastend. Mit geraden Rücken.

Draußen war es mild und es roch nach Flieder. Aus einem Hinterhof drang Musik volkstümlich, sommervoll, mit Akkordeon.

Klarchen, begann die Mutter.

Mama nicht nötig. Es ist alles gut.

Wohin nun?

Nach Hause, sagte Klara. Papa, alles ok?

Walter zupfte an der schief gebundenen Krawatte und lächelte schief.

Bestens, sagte er leise.

Sie stiegen in Vaters alten Opel Kadett, so alt wie Klara selbst. Der Motor sprang röchelnd an, hustete kurz und lief dann gleichmäßig.

Der Weg nach Fichtenau dauerte dreieinhalb Stunden.

Die Mutter schlummerte auf dem Rücksitz ein. Vater schwieg. Klara starrte aus dem Fenster auf die nächtlichen Felder und hatte keinen einzigen Gedanken im Kopf nur diese Stille, so schwer, dass man darin hätte ertrinken können.

Erst im Morgengrauen, als am Horizont das Licht aufflammte, fragte Walter:

Wirst du es bereuen?

Klara überlegte.

Ich weiß nicht, antwortete sie aufrichtig.

Er nickte nur. Weiter fragte er nicht.

Das Haus begrüßte sie mit dem Duft von altem Holz und Flieder aus dem Vorgarten. Die Katze Mütze saß auf der Veranda und schaute sie an, als hätte sie gewusst, dass sie zurückkommen würden.

Die erste Woche verließ Klara ihr Zimmer kaum. Nicht aus Scham obwohl Scham da war, irgendwo zwischen den Rippen, dumpf und stechend. Sie wusste einfach nicht, was sie anfangen sollte. Fünf Jahre Stadtleben, zwei Jahre mit Matthias plötzlich war alles vorbei, als hätte jemand den Film ausgeknipst.

Sie schaltete das Handy am zweiten Tag aus. Matthias hatte zwölfmal versucht, sie zu erreichen. Dann gab er wohl auf. Sie schaltete das Handy nicht mehr ein sie wollte nichts wissen.

Die Mutter brachte Tee und stellte keine Fragen die seltene mütterliche Gabe, so zuzuhören, dass die Stille Trost spendet.

Vater reparierte am Gartenzaun. Der Hammer schlug gleichmäßig, beruhigend. Klara hörte es durchs Fenster und dachte: So muss das sein. Man nimmt das Werkzeug und macht einfach weiter.

Am achten Tag stand sie früh auf, vor dem Frühstück, und ging auf den Dachboden.

Dort, im alten Truhe unter Zeitschriften, lagen die Stickrahmen von Oma Hannelore, glattgeschliffen von Jahrzehnten. Und Dutzende Garnrollen, ordentlich aufgereiht, als käme Oma jeden Augenblick zurück.

Klara trug alles herunter. Sie stellte den Stickrahmen ans Fenster.

Ihre Mutter hielt in der Tür inne.

Omas Sachen, sagte sie leise.

Ja.

Sie hat dir viel beigebracht. Erinnerst du dich?

Alles, flüsterte Klara.

Sie nahm die Nadel, zog den Faden durch. Der erste Stich geriet krumm, die Hand zitterte leicht. Der zweite war schon besser. Der dritte perfekt.

Klara hatte seit Kindesbeinen gestickt. Es lag ihr im Blut, wenn man so will. Oma Hannelore sagte immer: Sticken ist ein Gespräch. Jeder Stich ein Wort. Jede Farbe ein Gefühl. Wer stickt, schweigt nie wirklich, selbst wenn es ringsum ganz still ist.

In den ersten Tagen stickte Klara planlos einfach, weil die Hände den Weg fanden. Rotes Garn, dann blaues, später goldenes. Aus dem Durcheinander entstanden am Ende Blätter, eine Vogelgestalt, schließlich die Blume mit acht Blütenblättern Omas Glückssymbol.

Nach einer Woche stand die Nachbarin Frau Ziegler auf der Schwelle, angeblich um die im Frühling geborgte Schere zurückzugeben.

Klara, darf ich mal schauen?, fragte sie und deutete auf den Rahmen.

Klara zeigte es ihr.

Frau Ziegler schwieg lange, streichelte das Tuch.

Das solltest du verkaufen, Mädchen. Das ist nichts, was in der Truhe vergammelt.

Wer will das schon?

Ich. Ich will. Was willst du für den Vogel?

Klara stutzte.

Ach, ach das ist doch nicht nötig, Frau Ziegler.

Doch! Ich biete dir Geld, nicht Mitleid. Das ist ein Unterschied.

Das überzeugte Klara. Ehrliches Interesse und Mitleid zwei sehr verschiedene Dinge.

Im September hatte sie sechs fertige Werke: Zwei gestickte Handtücher mit traditionellem Muster, ein Wandbild mit Sommerblumen, ein kleines Landschaftsbild aus Erinnerungen an den Wald hinter der Siedlung und zwei Servietten mit Vögeln.

Frau Ziegler kaufte eine der Vogelservietten und ein Handtuch. Klara nahm nur wenig Geld dafür symbolisch. Es waren die ersten Euro, die sie mit eigener Hand verdient hatte, und sie fühlten sich anders an als die Lohnabrechnung aus dem Atelier der Stadt.

Im Oktober kam Paul vorbei.

Klara stickte am Fenster, als die Mutter sie rief: Klara, Besuch für dich!

Draußen stand ein Mann Mitte dreißig, in einfacher Jacke und Arbeitsschuhen. Groß, schwarzhaarig, mit richtigen Arbeiterhänden im Gegensatz zu Matthias.

Guten Tag, sagte er. Paul. Aus Birkenhain, dem Nachbardorf. Frau Ziegler meinte, Sie besticken Handtücher?

Tue ich.

Ich suche ein Handtuch für meine Mutter zum Namenstag im November. Es soll etwas Besonderes sein. Handgemacht. Keine Fabrikware. Sie hat früher selber gestickt, sie erkennt den Unterschied.

Klara schaute ihn an. Ein ganz normaler, ehrlicher Mensch. Keinerlei Überheblichkeit, keine Bewertung einfach direkt.

Kommen Sie rein, ich zeig Ihnen, was ich da habe. Oder ich fertige etwas nach Ihren Wünschen.

Paul betrachtete die ausgelegten Arbeiten mit Bedacht, nahm sich Zeit, strich über Muster und Kanten.

Und dieses Muster?, fragte er und deutete auf ein Handtuch mit rot-schwarzem Ornament.

Das ist ein typisch fränkisches. Meine Oma hat es mir beigebracht. Es steht für Schutz und Fruchtbarkeit.

Und Sie sind von hier?

Ja. Aus Fichtenau. Aber war einige Jahre in der Stadt.

Er nickte. Ohne nachzufragen, warum sie zurückgekommen war. Klara mochte das.

Ich nehme dieses hier und das andere. Eines für meine Mutter, eines einfach fürs Haus. Meine Tochter mag schöne Sachen, sie ist acht vielleicht wird sie mal Künstlerin.

Wie heißt sie?

Greta.

Sie besprachen den Preis Paul handelte nicht, obwohl Klara wenig verlangte.

Am Ausgang fragte er freundlich:

Sind Ihre Arbeiten nur für Nachbarn oder könnte ich noch mal kommen?

Sie sind willkommen.

Greta wünscht sich etwas mit Pferden. Sie liebt Pferde.

Klara musste lächeln.

Bekommen Sie.

Er ging. Die Mutter tauchte in der Tür auf alles mitgehört aber sie fragte später.

Ein anständiger Mann, sagte sie.

Mama

Was? Ich sage nur die Wahrheit.

Paul kam zwei Wochen darauf wieder, um das bestickte Handtuch für die Mutter abzuholen. Er brachte Greta mit. Sie war schüchtern, dunkelhaarig, mit großen ernsten Augen. Sie steuerte sofort auf die Stickrahmen zu und betrachtete das noch unfertige Tuch.

Ist das schon ein Pferd?, fragte sie.

Noch nicht. Erst der Anfang.

Wann wird es fertig sein?

In einer Woche.

Greta nickte, als merkte sie es sich.

Paul trank Tee mit Hildegard in der Küche, man redete ruhig über Wetter, Ernte, den frühen Blattfall.

Am Ende sagte er zu Klara:

Sie machen das sehr gut. Auch wenn ich mich nicht auskenne, sieht man, ob etwas mit Herz gemacht wurde.

Danke.

Sie könnten das auch online verkaufen. Im Internet gibt es Plattformen für solche Handarbeiten. Meine verstorbene Frau hat dort Keramik verkauft. Es lief gut.

Klara schwieg kurz.

Ich habe darüber nachgedacht Nur weiß ich nicht, wie und wo anfangen.

Ich helfe Ihnen gern. Ein Freund von mir kennt sich aus, zeigt Ihnen alles.

Warum tun Sie das?

Paul sah sie unbeeindruckt an.

Ohne Grund. Gutes sollte nicht versteckt bleiben.

Oktober war arbeitsreich. Klara stickte täglich stundenlang. Greta kam oft mit Paul oder alleine vorbei, saß da und sah zu ruhig, aufmerksam.

Paul half Klara beim Einrichten einer Online-Seite. Sie fotografierte ihre Werke, schrieb Beschreibungen dazu. Der erste Auftrag kam nach drei Tagen, dann noch mehr. Ende Oktober waren es sieben.

Klara arbeitete und dachte selten an Matthias fast nie. Nachts holte sie die Bitterkeit manchmal ein, wie ein Medikament, das plötzlich wirkt. Sie lag wach, das Bild von Matthias’ gesenktem Blick und seinem Schweigen war das, was am meisten schmerzte.

Im November, als der erste Schnee fiel, hielt ein grauer SUV im Dorf. Klara sah ihn vom Fenster aus.

Zuerst dachte sie: Fremde, haben sich verfahren.

Aber aus dem Auto stieg Gabriele von Kronenberg, im langen Mantel und Stiefeln mit Absätzen, die sofort im aufgeweichten Schnee versanken. Dahinter Matthias, den Kragen hochgestellt, beide Hände in den Taschen.

Klara ging nicht zur Tür. Der Vater öffnete.

Guten Tag, sagte Gabriele. Wir würden Klara gern sprechen.

Sie ist zu Hause, entgegnete Walter.

Rufen Sie sie?

Nach einer Pause: Klara! Zu dir.

Klara trat neben ihn, in altem Pulli und Jeans, die Hände rau von der Nadel.

Klara, begann Gabriele, und ihre Stimme war viel leiser als damals. Wir möchten reden. Ganz offen.

Reden Sie.

Darf ich reinkommen?

Klara schwieg, blickte zu Matthias, der die schiefe Gartenpforte anstarrte.

Hier ist gut.

Gabriele seufzte und verlagerte das Gewicht von einem Bein aufs andere die Absätze versanken tiefer.

Klara, ich weiß, der Abend ist unglücklich verlaufen. Vielleicht habe ich mehr gesagt, als nötig gewesen wäre. Aber du bist doch klug. Du verstehst: Es sind Momente, Emotionen. Daraus macht man doch keinen Bruch.

Einen Bruch von was?

Von eurem Leben, deinem und Matthias. Die Wohnung ist fertig. Dein Arbeitsplatz wartet, im Atelier, stilvoll. Mit Verantwortung. Ein Auto bekommst du auch.

Klara schwieg.

Matthias?, sagte Gabriele, als letzte Trumpfkarte.

Endlich sah Matthias sie an.

Klara, sagte er. Überlegs dir, bitte. Wir können neu anfangen.

Du hast geschwiegen, sagte Klara leise.

Was?

Damals. Im Restaurant. Du hast geschwiegen. Die Augen gesenkt.

Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

Ich wusste nicht, was ich sagen soll.

Ich wusste es. Ich habe es gesagt.

Stille. Hinterm Haus krähte ein Hahn. Walter stand fest neben Klara, schweigend, verlässlich wie der reparierte Zaun.

Frau von Kronenberg, sagte Klara ruhig, ich wünsche Ihnen alles Gute. Aber ich komme nicht zurück. Nicht aus Stolz, nicht aus Trotz. Sondern weil ich jetzt weiß, was ich will.

Und was denn?, fragte Gabriele. Es blitzte kurz das alte in der Stimme auf.

Mein eigenes Leben leben, antwortete Klara leise.

Diesmal nickte Gabriele anders. Nicht überheblich, sondern fast respektvoll.

Nun gut, sagte sie.

Sie fuhren ab. Der SUV wendete nur mit Mühe, streifte fast den Fliederbusch, und verschwand.

Walter seufzte.

Schwamm drüber, stellte er fest.

Sie gingen zurück ins Haus. Die Mutter lehnte im Flur an der Wand. Sie hatte alles gehört.

Richtig so, mein Mädchen, sagte sie. Mehr war nicht nötig.

Klara ging zurück zum Stickrahmen, griff zur Nadel, fand die letzte Stelle. Stich. Noch einer.

Dezember, Januar verstrichen mit Bestellungen und Arbeit. Im Februar hatte Klara dreiundzwanzig Auftraggeber, aus verschiedenen Orten. Eine Frau aus dem Norden schrieb einen langen Brief: Ihr erhaltenes Handtuch zum Hochzeitstag sei das wertvollste Geschenk in zwanzig Jahren Ehe weil es lebt.

Paul kam wöchentlich, manchmal mit Greta, nie mit leeren Händen: Milch von den eigenen Kühen, Honig, Brennholz fürs Haus.

Sie redeten lange. Über Greta. Über ihr Aufwachsen, ihre Sehnsucht nach der verstorbenen Mutter, die sie kaum kannte sie war drei, als sie starb. Über Pauls Hof, über Pläne für den Frühling. Im Nachbardorf war ein kleiner Handwerksmarkt eröffnet worden, man suchte Künstler.

Gehen Sie hin, sagte Paul. Die Leute kaufen sowas.

Ich hab Angst.

Wovor?

Klara überlegte.

Die werden sagen: Dorftrottel

Paul sah sie ernst an. Er meinte es.

Klara. Wer das sagt, ist selbst dumm. Ihre Arbeiten sind mehr wert als jedes Wort.

Im Februar fuhr sie zum Markt.

Sie nahm acht Arbeiten mit, legt sie auf ein großes Leinentuch aus. Blieb stehen und wartete.

Nach fünf Minuten kam die erste Käuferin ältere Dame im dicken Parka, Tragetasche umgehängt. Sie hielt das Handtuch befühlend in der Hand.

Selbst gemacht?

Ja.

Das sieht man. Hier steckt Leben drin.

Sie kaufte zwei Handtücher, ein kleines Bild.

Am Ende blieben drei Arbeiten übrig. Im Portemonnaie lag Geld richtiges Geld, nicht Gehalt oder Geschenk, sondern Lohn echter Hände und Seele.

Auf dem Heimweg, Paul am Steuer des Lieferwagens, fragte er:

Und?

Gut, sagte Klara und lachte. Ganz unwillkürlich.

Auch Paul lachte.

Greta knabberte an einem Laugenkringel, sagte: Klara, bringst du mir das Sticken mit den Vögeln bei?

Natürlich. Versprochen.

Draußen tobte der Schneesturm. Die Straße war weiß, die Scheinwerfer schnitten Licht in die Nacht. Klara starrte nach vorne ins Licht und in ihr war etwas Neues. Still und warm, wie das Feuer in einem sicheren Ofen.

Im Frühling geschah, wovon man nie spricht, ehe es sicher ist.

Paul kam an einem Abend, nicht am normalen Wochentag. Die Mutter verschwand schnell in die Küche, Mütter spüren solche Dinge.

Er setzte sich Klara gegenüber, schwieg lange. Dann sagte er:

Ich bin ein direkter Mensch. Ich sage es, wie es ist.

Sags.

Mit dir ist es schön. Für mich für Greta auch. Ich will nichts überstürzen. Nur dass du es weißt. Dass ich ehrlich meine.

Klara sah seine ruhigen Hände.

Ich weiß, sagte sie.

Und?

Mir gehts genauso.

Er nickte, stand auf, nahm seine Mütze.

Dann komme ich morgen wieder. Wenns recht ist.

Komm.

Im Mai zog Klara nach Birkenhain.

Die Hochzeit fand im Juni statt ein Jahr nach jenem ersten Juni. Klara merkte es still.

Die Feier am Fluss, die Tische auf Blumenwiese, mit Leinentüchern. Das Essen gemeinsam gekocht: Hildegard buk Kraut- und Apfeltaschen, Nachbarinnen brachten mit, was sie hatten. Pauls Mutter, Gerda, klein, kräftig, mit lachendem Blick, organisierte alles.

Nur enge Familie und Freunde, Nachbarn aus Fichtenau, Pauls Verwandte, Frau Ziegler mit Mann. Greta trug ein blaues Kleid und trug einen Strauß Wildblumen.

Herr Schröder, der Dorfmusikant, spielte auf dem Akkordeon. Alt, mit roten Backen, aber er brachte alle zum Tanzen.

Klara trug ein einfaches weißes Leinenkleid mit selbst gesticktem Muster am Saum Vögel, Blätter, die Blume mit acht Blütenblättern. Den Schleier hatte sie selbst genäht: feiner Tüll, am Rand kleine blaue Vergissmeinnicht.

Nicht jener vom Restaurant ihr eigener.

Walter führte sie zum Fluss, zu Paul, das Gesicht ernst. Hildegard suchte nach dem Taschentuch wollte weinen, musste aber noch Apfeltaschen warmstellen.

Gerdas Aufnahme in die Familie war leise: Du bist hier gebraucht. Aber vergiss nie am meisten brauchst du dich selbst.

Klara umarmte sie.

Herr Schröder spielte etwas Altes, Langsames. Paul nahm Klara behutsam an der Hand, als hielte er etwas Kostbares. Greta tanzte unbeholfen in ihrer Nähe.

Der Fluss glitzerte, die Sonne ging golden unter. Alles war warm, echt.

Hildegard saß bei Walter, er hielt ihre Hand wie vor dreißig Jahren. Sie sah ihre Tochter an ohne Tränen, aber mit einem Blick, der alles sagte.

Das war keine ausgedachte Geschichte das war wirkliches Leben.

Im Herbst eröffnete Klara ihre eigene Werkstatt.

Paul baute die alte Scheune aus: warm, hell, mit großen Fenstern nach Süden. Langer Arbeitstisch, Regale für Garn, gutes Licht. Greta zeichnete einen roten Vogel auf die Tür etwas schief, aber lebendig.

Klara nahm zwei Schülerinnen: Doro, fünfzehnjährige Nachbarstochter mit staunenden Augen, und Frau Meier, zweiundfünfzig, pensionierte Lehrerin, die immer sticken wollte, aber nie dazu kam.

Sie eröffneten einen kleinen Laden. Bestellungen kamen übers Internet, Touristen kamen vorbei, Einheimische auch.

Einmal war das Regionalfernsehen da, bald ein Sender aus München. Klara erfuhr davon von Frau Ziegler: Klara, schnell, du bist im Fernsehen!

Aber Klara arbeitete mit den Mädchen in der Werkstatt. Schau ich mir später an, sagte sie und schaute nie.

Zur gleichen Zeit, zweihundert Kilometer weiter, saß eine Frau in ihrer großen Münchner Altbauwohnung vorm Fernseher.

Die Wohnung war nobel, mit hohen Decken, Designer-Möbeln, Kunst an den Wänden, frischen Orchideen in der Vase.

Gabriele von Kronenberg saß im Sessel, im Kaschmir-Morgenmantel, ein Glas Rotwein in der Hand, trank kaum davon.

Matthias war auf Dienstreise oder auch nicht. Sie fragte kaum noch. Er war ein erwachsener Mann. Seit der Sache mit Klara hatte sich in ihm etwas verändert er sprach weniger, sah öfter weg.

Macht nichts. Es wird schon.

Im Fernsehen lief ein Magazin über ländliches Handwerk. Gabriele hörte nur nebenbei zu der Fernseher lief, weil die Stille zu groß war.

Dann hörte sie Klaras Stimme: ruhig, mit melodischen Klang. Gabriele blickte hoch.

Klara war im Bild.

Sie stand in einem hellen Raum, hinterm großen Arbeitstisch mit dem Stickrahmen in der Hand, die Ärmel aufgekrempelt, das Haar zurückgebunden, Schülerinnen saßen dabei, in der Ecke zeichnete Greta.

Wie begann Ihr Weg mit der Stickerei?, fragte der Reporter.

Mit meiner Großmutter, sagte Klara, lächelte ehrlich. Sie meinte, die Nadel ist kein Werkzeug, sondern ein Gespräch.

Der Reporter hakte nach:

Ihre Werkstatt besteht erst ein Jahr Bestellungen kommen aus ganz Deutschland. Was ist für Sie das Wichtigste?

Klara dachte nach.

Dass es lebt. Jedes fertige Stück trägt etwas Echtes. So sehe ich das.

Die Kamera schwenkte zurück, Paul trat ins Bild, legte entspannt die Hand auf Klaras Schulter. Greta winkte beflissen.

Klara lachte aus tiefstem Herzen.

Gabriele rührte sich nicht.

Das Glas blieb fast unberührt.

Die Sendung lief weiter. Über Stickmuster, Symbolik, andere Künstler. Gabriele hörte nichts mehr. Sie schaute auf den Schirm, und doch sah sie nicht das, was gezeigt wurde.

Sie griff zur Fernbedienung und stellte den Fernseher ab.

Es wurde still.

Sehr still. In dieser Wohnung war immer Stille. Sie glaubte, sich daran gewöhnt zu haben.

Sie stellte das Glas ab, betrachtete ihre Hände. An der rechten schimmerte der große Diamantring, den sie sich selbst zum Geburtstag gekauft hatte. Niemand hatte ihr jemals so etwas geschenkt.

Der Stein fing das Licht der Leselampe ein, warf einen kleinen Glanzpunkt an die Decke.

Gabriele betrachtete diesen Lichtfleck.

Dachte sie an Klara? Nein. Nicht an Klara.

Sie dachte daran, wie sie selbst vor vielen Jahren jung gewesen war. Was hatte sie gewollt? Sie wusste es nicht mehr genau. Wenn nur Geld da wäre, dachte sie damals, käme alles andere von allein. Erst Erfolg, dann Zeit dann ja, was?

Das Geld kam. Die Firma wuchs. Die Zeit war plötzlich im Überfluss da, besonders an den langen Abenden, wenn Matthias sich nicht meldete, die Orchideen frisch und makellos dastehen und der Fernseher abgeschaltet werden kann, ohne dass es leerer wird als ohnehin.

Freundinnen? Früher. Mal Geschäftspartnerinnen, Kolleginnen. Grüße an Feiertagen.

Sie erinnerte sich an jenen Abend im Restaurant, an ihren Toast. Sie hatte von Wohltätigkeit gesprochen, von Einfachheit und dachte, das sei schlau, charmant, witzig. Der Saal hatte unsicher gelacht.

Dann stand dieses Mädchen auf.

Das Mädchen im weißen Kleid mit dem gekauften Schleier sprach aus, was sie dachte. Gerade heraus. Ohne Trotz. Und ging.

Gabriele dachte damals: Naiv. Blöd, auf dieses Glück zu verzichten.

Jetzt dachte sie an was eigentlich?

Nicht daran, Unrecht gehabt zu haben. Das wäre zu einfach.

Sie fragte sich: Habe ich je etwas wirklich mit meinen Händen geschaffen? Nicht gekauft, nicht organisiert, nicht beauftragt. Selbst gemacht damit es warm in den Händen liegt?

Die Firma? Das sind Zahlen, Verträge, Kalkulationen clever, profitabel. Aber nicht mit den Händen.

Matthias? Ja, großgezogen, natürlich. Versorgt, gefördert. Aber mehr organisiert als Wann hatte sie zuletzt einfach nur neben ihm gesessen still? Wann hatte er ihr zuletzt etwas anvertraut?

Die Orchideen auf dem Tisch waren weiß und kalt wie Porzellan.

Gabriele stand auf, ging durchs Wohnzimmer, von einem Zimmer ins nächste. Es war überall schön. Richtig. Wie es sein sollte.

Sie blieb am Fenster stehen. Die Stadt funkelte unten. Tausende Lichter, in jedem Fenster ein anderes Leben. Irgendwo wurden Apfelkuchen gebacken, gestritten, versöhnt, gelernt und gelacht. Irgendwo, 200 Kilometer entfernt, führte ein Mädchen ein stilles Gespräch mit Stoff und Nadel.

Dummkopf, sagte Gabriele leise.

Wem hatte sie das gesagt? Vielleicht sich selbst.

Sie ging zurück, nahm das Glas, nippte kaum.

Der Wein war gut. Teuer. Für Kenner.

Sie stellte das Glas ab.

Na und, sagte sie zu sich. Na und?

Na und. Ein interessanter Gedanke.

Sie hatte alles richtig gemacht. Nach ihren eigenen Regeln. Arbeit. Unabhängigkeit. Keine Blicke von oben. Immer vorn, immer die Beste. Ein Zeichen nach außen: Erfolg.

Sie hatte es geboten. Alles gekauft.

Nun saß sie im Kaschmirmantel in der leeren, edlen Wohnung und schaute in den schwarzen Fernseher.

Der Diamantring fing das Licht noch einmal, funkelte kalt.

Was freust du dich, sagte sie zu dem Ring. Ohne Bitterkeit. Nur so.

Draußen rauschte das Leben weiter. Lachen auf der Straße. Junge Stimmen, leichtfüßig, unbeschwert. Sie schaute nicht hin.

Sie dachte an ihre Mutter.

Die war lange tot, schon bevor Matthias vierzehn wurde. Eine einfache Frau, vom Land, die als Verkäuferin in die Stadt gegangen war. Rauh die Hände sie hatte sich ihrer geschämt.

Gabriele erinnerte sich: Am Wochenende zu Besuch, Mutters bestes Essen auf den Tisch, Kartoffeln, Gurken, vielleicht Wurst, und dabei dieser tiefe Stolz im Blick. Du schaffst es, Kind. Du schaffst alles.

Sie hatte es geschafft.

Was würde die Mutter jetzt sagen?

Gabriele stellte es sich vor: Die Mutter im blauen Hauskleid, die Küche riecht nach gebratenen Zwiebeln. Die Mutter, die wenig Worte machte. Die so schweigen konnte, dass es reichte.

Was würde sie tun?

Wahrscheinlich gar nichts. Einfach Tee kochen. Hinstellen.

Gabriele spürte plötzlich etwas im Hals trocken, eng. Keine Träne. Sie hatte lange nicht geweint. Es war eben so.

Na gut, sagte sie. Zu sich. In die Stille.

Sie räumte das Glas weg, schaute ins Fensterspiegelbild: ein kluges, älteres, einsames Gesicht.

Nicht unglücklich.

Aber auch nicht glücklich.

Nur das Gesicht einer Frau, die viel über den Preis der Dinge weiß wenig aber über den Wert dessen, was keinen Preis hat.

Das Licht aus, sie ging schlafen.

In der Werkstatt in Birkenhain brannte unterdessen die letzte Kerze herunter. Klara räumte ihre Sachen ordentlich weg. Im Nebenzimmer las Paul Greta noch eine Geschichte vor ihr Lachen war leise, schläfrig.

Klara löschte die Kerze.

Die Dunkelheit war heimisch, warm. Es roch nach Leinen, Wachs, ein bisschen nach Heu.

Sie trat ans Fenster.

Der Oktoberhimmel war voller Sterne. Jeder an seinem Platz. Jeder glühte für sich.

Sie ging nach Hause zu ihrem Mann, zu ihrer Tochter, zu dem Leben, das sie selbst gewählt hatte.

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Homy
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Das Recht zu schweigen
Der Gutschein mit dem Link auf… „Ich brauche nichts!“, rief Julia, als ihr eine junge Frau im Engelskostüm – weißer Umhang, zerzauste gelbliche Flügel, ein Heiligenschein aus goldener Drahtgirlande – den Weg versperrte und ihr einen Zettel hinhielt. „Doch, Sie brauchen etwas“, entgegnete die Frau, „nehmen Sie den Gutschein, werfen Sie ihn nicht weg, sondern lesen Sie ihn aufmerksam.“ Julia nahm den Zettel, murmelte „Danke“, ging an der Frau vorbei und eilte zur Bushaltestelle. Es war ein harter Tag, Montag ist ohnehin schwer, die Leute sind nach dem Wochenende missmutig, niemand will arbeiten, aber alle müssen, quälen sich früh aus dem Bett, waschen sich, ziehen sich an und verlassen die Wohnung. Montags sind die Menschen gereizt und nervös, sie fragen sich, wann das alles endlich vorbei ist, wann sie ihr Leben genießen können, wann sie nicht mehr vom Wecker aus dem Schlaf gerissen werden und rechnen verzweifelt, wie lange es noch bis zur Rente dauert. Schon der kleinste Anlass reicht, und jemand explodiert, lässt seinen Ärger an anderen aus – Julia wusste das besser als jeder andere. Sie arbeitete in der Kantine gegenüber dem Werkstor der örtlichen Fabrik, und die Menschen strömten vor Arbeitsbeginn hinein und verlangten Kaffee. Morgens diente die Kantine fast ausschließlich dazu, den Kaffeedurst zu stillen. Die Kaffeemühle brummte, mehrere Maschinen kochten aromatischen Kaffee – Espressokocher, Kannen, Kapselmaschinen, alles war dabei. Die Leute tranken die ersten Schlucke direkt an der Theke und machten Platz für die nächsten Wartenden. Kurz vor sieben betrat Julia durch die Hintertür die Kantine, roch den Kaffee, stieg die Stufen hinauf, zog im Gehen die Jacke aus, wechselte in der Umkleide die Kleidung, seufzte wie immer beim Anblick der zerknitterten Uniform – die einzige Buslinie zur Fabrik war morgens immer überfüllt, und nie gelang es, die Uniform unversehrt zur Arbeit zu bringen. Der Tag zog sich, die Menschen kamen und gingen, der große Ansturm in der Mittagspause war vorbei, aber es waren immer noch viele Gäste da, besonders jetzt, wo es draußen kalt war. „Vertrete mich mal fünfzehn Minuten“, bat Julia den Koch Michael, „ich muss dringend eine rauchen, ich halte es nicht mehr aus, und ich habe noch eine Stunde vor mir.“ „Geh ruhig“, nickte Michael, zog die weiße Schürze und Mütze aus, legte die schwarze Kellnerschürze und Bandana an und schlurfte in den Gastraum. Julia zog die Jacke an und trat nach draußen. „Herrlich frisch hier“, dachte sie, atmete tief durch und holte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche. Sie setzte sich auf ein dickes Brett auf der obersten Stufe, griff nach der Feuerzeug und spürte dabei das zerknitterte Papier. Sie zog Feuerzeug und Zettel heraus, warf den Zettel auf die Stufe, zündete die Zigarette an, sog den Rauch ein, entspannte sich kurz, blickte nach unten und sah das Papier mit dem Aufdruck „Gutschein“. „Was bieten die Engel denn an?“, murmelte Julia lächelnd, hob den Zettel auf und glättete ihn, „vielleicht ist ja was Interessantes dabei?“ Sie überflog den Kleingedruckten Text und lachte. „Mit diesem Gutschein haben Sie das Recht auf die Erfüllung eines Ihrer Wünsche. Um Ihren Wunsch zu erfüllen, scannen Sie den QR-Code, gehen Sie auf die Website und folgen Sie den Anweisungen. Wichtig: Lesen Sie die Anleitung sorgfältig, bevor Sie das Formular ausfüllen! Abteilung für die Erfüllung Herzenswünsche!“ „Witzbolde“, murmelte Julia, „aber warum nicht, so bringen sie die Leute zum Lachen. Wer den Gutschein liest, schmunzelt, und die Welt wird ein bisschen freundlicher.“ Julia drückte die Zigarette aus, ging zurück in die Kantine, wusch sich die Hände, holte ein kleines Fläschchen Parfüm aus der Tasche, rieb die Hände, berührte das Gesicht und arbeitete weiter. Julia hatte keine Schicht, die Schichtarbeiter arbeiteten von sieben bis elf Uhr abends im Wechsel, sie selbst von sieben bis drei, ohne Mittagspause, Samstag und Sonntag frei. Sie brachte das Tablett in die Spülküche, warf einen Blick auf die Uhr – 14:54 –, suchte Katja, die bis elf blieb, übergab ihr das Bestellbuch und ging in die Umkleide. Nach Feierabend schlenderte Julia zur Bushaltestelle. „Vielleicht fahre ich zu Mama?“, überlegte sie, „zu Hause gibt’s nichts zu tun, ich könnte sie besuchen. Ja, das sollte ich, ich bin so selten bei ihr… obwohl…“ Vor ihrem inneren Auge tauchte das Bild des kleinen Zimmers mit dem Bett und der kränklichen, blassen Frau auf. „Arme Mama“, dachte Julia, blieb stehen, holte die Zigaretten aus der einen Tasche, griff in die andere und spürte wieder das zerknitterte Papier. Sie zog Feuerzeug und Zettel heraus, glättete ihn, sah „Gutschein“ und starrte – sie war sicher, den Zettel in den Mülleimer vor der Kantine geworfen zu haben. „Seltsam“, dachte Julia, suchte nach dem Mülleimer, sah aber keinen, nur die Buslinie in der Ferne. Sie steckte die Zigarette zurück in die Schachtel und rannte zur Haltestelle. Im Bus, auf dem Sitz hinter dem Fahrer, holte Julia ihr Handy hervor, wollte durch die Timeline scrollen, erinnerte sich an den Gutschein, lächelte, zog das Papier aus der Tasche und nach wenigen Sekunden lud die Seite auf ihrem Handy. „Wenn Sie stolzer Besitzer eines Gutscheins sind, haben Sie die Möglichkeit, Ihren Herzenswunsch zu erfüllen! Füllen Sie das Formular unten aus und senden Sie es ab. Der Wunsch wird sofort erfüllt!“ Julia schmunzelte und las weiter. „Wichtige Hinweise: 1) Die Beschreibung des Wunsches darf 200 Zeichen nicht überschreiten. 2) Der Wunsch darf niemandem schaden. 3) Der Wunsch muss REALISTISCH sein! Wünsche wie ‚Elon Musk werden, auf einen anderen Planeten fliegen, mit Gott zu Mittag essen, unsterblich werden, Millionär (Milliardär, berühmter Schauspieler, Sänger, Politiker) werden, einen Haufen Geld (Schatz) gewinnen (finden)‘ werden NICHT erfüllt! 4) Bevor Sie auf ‚Senden‘ klicken, lesen Sie Ihren Wunsch noch einmal und überlegen Sie gut, ob Sie das wirklich wollen!“ „Na gut“, dachte Julia lächelnd, „spielen wir mit. Was würde ich mir wünschen? Viel Geld geht nicht, was dann?“ Die ganze Fahrt überlegte Julia, was sie sich wünschen sollte. Einen guten Job? Aber sie war zufrieden, das Gehalt reichte, der Arbeitsplan war angenehm, um drei war sie frei, sie aß kostenlos in der Kantine und nahm auch etwas mit nach Hause. Gesundheit? Ja, das wäre ein guter Wunsch. Sie war gesund, nichts tat weh, das Aussehen war auch okay, keine Schönheit, kein Model, aber durchaus ansehnlich. Was sonst? Glück? Glück ist unberechenbar… und was ist Glück überhaupt? Wenn man nicht weiß, wofür man Glück braucht, macht es keinen Sinn, es zu wünschen. Einen Prinzen treffen? Mit vierundvierzig wohl kaum, und Prinzen gibt es sowieso nicht genug, und wozu überhaupt? Als junge Frau will man Liebe, einen Prinzen im weißen Mercedes, aber mit vierundvierzig weiß man, dass es nicht so einfach ist, dass hinter der Maske des Prinzen oft ein fauler Kerl steckt! Julia wurde aus ihren Gedanken gerissen, als der Bus in der Nähe von Mamas Haus hielt, sie steckte das Handy in die Tasche und stieg aus. „Wie geht’s ihr?“, fragte Julia ihre Mutter, als sie sich in der Küche an den Tisch setzte. „Alles wie immer“, antwortete die Mutter, „nicht besser, nicht schlechter. Der Arzt sagt, die Werte sind okay, sie braucht eine gute Massage.“ „Soll ich zu dir ziehen?“, fragte Julia, „dann kann ich dir im Haushalt helfen.“ „Nein“, antwortete die Mutter schnell, „du hast dein eigenes Leben, such dir lieber einen Mann. Sie ist meine Tochter, ich muss das tragen.“ „Du musst gar nichts!“, rief Julia, „sie hat Mist gebaut, und du…“ „Julia, hör auf!“, unterbrach die Mutter, „ich weiß, dass sie selbst schuld ist, aber sie ist meine Tochter, ich kann sie nicht ins Heim geben.“ „Sie ist betrunken gefahren“, flüsterte Julia, „hat vier Menschen getötet, meinen Vater…“ „Julia, bitte!“, flüsterte die Mutter. „Sie kann noch zwanzig Jahre leben“, sagte Julia wütend, „die Pflege bringt dich ins Grab, du…“ „Julia, geh nach Hause“, sagte die Mutter, stand auf und verließ die Küche. Julias Besuche endeten immer gleich, sie nahm sich hundertmal vor, zu schweigen, aber es gelang ihr nie. Ihre Schwester Lena hatte vor drei Jahren die Kontrolle verloren, war in eine Bushaltestelle gerast, hatte Menschen und den Vater getötet und eine schwere Rückenverletzung erlitten. Nun würde sie nie wieder laufen können, und die Mutter musste sie pflegen, baden, drehen, in den Rollstuhl setzen, füttern… Julia stand auf, ging in den Flur, zog die Jacke an, schlich zur Schlafzimmertür und sah Lena im Rollstuhl, den Kopf zur Seite geneigt, fernsehend. „Mörderin“, schrie Julia innerlich und verließ leise die Wohnung. Draußen zündete sie eine Zigarette an, griff in die Tasche und spürte wieder das zerknitterte Papier. Wütend warf sie den Zettel auf den Boden, zündete die Zigarette an, blies den Rauch aus, blickte nachdenklich auf das Papier, holte das Handy heraus, öffnete die Wunschseite und tippte schnell: „Ich wünsche, dass sich Mamas innigster Wunsch erfüllt.“ Julia wusste, dass ihre Mutter sich am meisten wünschte, dass Lena gesund wird – also sollte ihr Wunsch in Erfüllung gehen. Sie selbst wollte das nicht wünschen, konnte und wollte es nicht, aber für die Mutter… sie liebte ihre Mutter und wollte nicht, dass sie ihr Leben mit der Pflege einer Schwerkranken verbringt! Julia drückte auf „Senden“, steckte das Handy ein und ging rasch zur Bushaltestelle. Im Bus, hinter dem Fahrer, legte sie die Tasche auf die Knie und hörte das Handy im Mantel klingeln. „Ja, Mama?“, meldete sich Julia. „Lena ist tot“, sagte die Mutter und legte auf. Julia starrte eine Weile auf das Handy, dann begriff sie. „Darum hast du dir das gewünscht“, dachte Julia, verwarf den Gedanken aber gleich wieder, hielt alles für Zufall, steckte das Handy weg und stieg an der nächsten Haltestelle aus, um zu Fuß zurück zur Mutter zu gehen.