Schritt für Schritt

Schritt für Schritt

Bist du zuhause? fragte Konstantin knapp, während seiner Mittagspause am Telefon.

Ja, erwiderte Johanna tonlos, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. Die Heldin des Fernsehfilms schluchzte auf dem Monitor eine dramatische Szene, Tränen schimmerten, die Lippen zitterten, leise Abschiedsworte fielen. Doch Johanna konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wie die Frau auf dem Bildschirm hieß, obwohl sie den Film schon mindestens zweimal gesehen hatte.

Die letzten zwei Monate hatten sich für Johanna in einen endlosen, aschgrauen Tag verwandelt. Zeit war bedeutungslos geworden; morgens wurde es irgendwann dunkel, die Nacht zerfloss in Schlaflosigkeit, in der es immer noch keinen Morgen gab. Dabei war sie doch noch vor Kurzem so glücklich gewesen.

Alles begann mit einer Nachricht voller Erwartung Johanna und Konstantin bekamen ein Kind. Es war ihre erste Schwangerschaft, erträumt, erhofft, eingefordert von jedem Tag neuen Hoffen. Wie viele Arztpraxen sie besucht hatten, wie oft sie auf Testergebnisse gewartet, sich an kleine Zeichen der Hoffnung geklammert! Jeder negative Streifen auf dem Test ein kleiner Hieb, jede nüchterne Stimme des Arztes, noch nicht, ein stummer Grund zum Weinen im Kissen.

Doch dann, plötzlich zwei Streifen! Johanna erinnerte sich an jede Einzelheit: wie die zittrigen Finger den Test aus der Verpackung zogen, die Ungläubigkeit, als sie noch zwei weitere Tests hinterher machte, wie sie dann zu Konstantin stürmte und nur noch wortlos die Tests zeigte. Sein Gesicht war von so viel Glück erleuchtet, dass es ihr selbst fast den Atem verschlug.

Sie planten ihre Zukunft, malten sich aus, wie sie Eltern sein würden Da standen sie vor der Wiege diskutierten über die Farbe, streichelten das glatte Holz, stellten sich das kleine Wesen darin vor. Dann ein Spaziergang im goldenen Herbstlicht: Konstantin schob den Kinderwagen, sie lief daneben, linste hinein um sich zu vergewissern ja, ihr Kind schlief ruhig unter der weichen Decke. Und dann irgendwo ein erstes Mama, zart und unbeholfen, das das Herz stillstehen und die Augen überlaufen ließ.

Doch jetzt erschienen diese Träume fern, wie Ausschnitte aus einem fremden Leben. Der Bildschirm flackerte, das Drama darauf spielte ungerührt weiter, und Johanna saß im Halbdunkel, die Arme um die Knie geschlungen, die Schultern schwer unter der Last der Mattigkeit.

Alles zerbrach in der neunten Woche. Erst kamen Schmerzen stechend, erschreckend, der Atem stockte. Erst wollte Johanna sich selbst beruhigen, sich einreden, es seien nur Krämpfe, gleich wär es vorbei, aber der Schmerz wurde schärfer. Konstantin erschrak, als er ihr blasses Gesicht, die bebenden Hände sah, und rief sofort einen Rettungswagen. Im Krankenwagen umklammerte sie seine Hand so fest, dass ihren Nägel rote Halbmonde hinterließen.

Krankenhaus. Weiße Wände, grelles Licht, hastende Schritte. Ärzte sprachen, machten Untersuchungen, legten Infusionen, sie erinnerte sich nur noch an Fetzen: erhalten Chancen leider Und dann dieses leise, erbarmungslose Wir konnten das Kind nicht retten. Zwei Worte und ihr Leben kippte. Sie hatten doch schon einen Namen überlegt, ein hübsches Bettchen ausgesucht, Möbel für das Kinderzimmer bestellt Was bedeutete das nun? Wie weiterleben?

Die Ärzte erklärten geduldig: So etwas kommt vor, sie sei nicht schuld, manchmal stoße der Körper eine Schwangerschaft scheinbar grundlos ab. Sie redeten von Erholung, Geduld, möglichen weiteren Kindern. Aber wie akzeptiert man, dass das kleine Leben, dem man schon einen Namen gegeben und in der Fantasie hunderte Bilder gemalt hatte, nun fort war? Wie hält man es aus, dass die Träume zu Asche zerfallen sind?

Johanna hörte auf, die Wohnung zu verlassen. Anfangs aus Unlust, dann wurde es zur Gewohnheit. Kochen? Warum, wenn alles nach Sand schmeckte und jeder Bissen im Hals stecken blieb? Putzen? War denn ein Stäubchen auf dem Regal nun noch von Belang? Sie lag den ganzen Tag auf der Couch, in eine graue Decke gehüllt, schaute einen tragischen Film nach dem anderen, nicht des Gefallens wegen, sondern weil ihr Schmerz ihr so vertraut erschienen. Manchmal weinte sie leise, manchmal schluchzte sie, bis keine Träne mehr übrig war. Manchmal schlief sie im Bademantel ein, ohne sich zu waschen oder die Haare zu kämmen. Dann wachte sie auf und griff nur wieder nach der Fernbedienung, neue Handlung, neues Dramaschicksal, fremdes Leid, um von ihrem eigenen abzulenken.

Die Hausarbeit türmte sich wie ein riesiger Berg, der allein durch seine Existenz schon verärgerte. Die Schmutzwäsche stapelte sich in der Ecke, Briefe und Rechnungen verstreut auf dem Tisch, die Blumen auf der Fensterbank hingen schlapp die Köpfe. Johanna nahm das nur am Rande wahr, aber Energie, etwas zu unternehmen, fehlte ihr völlig. Alles war in ihr sinnlos geworden.

Heute nun die merkwürdige Episode: Ihr Handy klingelte.

Sie werden gleich klingeln, lass die Frau rein, wies Konstantin an.

Welche Frau? Johanna runzelte verwundert die Stirn. Wozu jemand empfangen? Sie wollte doch niemanden sehen.

Bitte. Nur die Tür öffnen, sagte Konstantin behutsam und legte auf.

Johanna starrte auf das schwarze Display, das Handy noch in der Hand. Sie wollte noch fragen vielleicht, wer die Frau sei, wieso sie kommt, weshalb Konstantin das nicht ordentlich erklärte aber es war zu spät.

Langsam legte sie das Telefon zur Seite. Alles erschien fern, unwichtig verglichen mit dem Schmerz, der in ihr wohnte. Sie ließ sich in das Sofa zurücksinken, starrte an die Decke. Irgendwo spielten die Nachbarn Musik, draußen fuhren Autos vorbei, das Leben lief weiter für sie aber war die Zeit stehen geblieben.

Nach zehn Minuten läutete es an der Tür. Das Geräusch drang scharf, durchschneidend ins Halbwache, schreckte sie auf. Der Klingelton wiederholte sich drängend. Mit Mühe stand Johanna auf, die Beine fühlten sich schwer und fremd an. Sie warf einen verblichenen Morgenmantel über und schlurfte in den Flur.

Vor der Tür stand eine Frau von etwa fünfzig Jahren. Ihr Gesicht war freundlich, die Augen müde und gütig zugleich, das Lächeln leuchtete fast befremdlich bunt in dieser grauen Wohnung. In der Hand hielt sie eine riesige Tasche, aus der es leise klimperte.

Grüß Gott! Ich bin von der Reinigungsfirma. Ihr Mann hat mich bestellt, verkündete sie mit einem robusten, aber taktvollen Tonfall, als sei sie allerhand verschiedene Reaktionen gewohnt.

Johanna trat wortlos zur Seite und ließ sie herein. Sie konnte sich weder zu einer Frage noch zu einem Einwurf oder auch nur zu einer höflichen Geste durchringen, tat einfach einen Schritt zurück, hielt den Bademantel zusammen und sah die Unbekannte mit leerem Blick an.

Die Frau warf einen geübten Blick durch die Wohnung. Kein Tadel, kein Mitleid, nur ein ruhiger, professioneller Pragmatismus, wie er jahrzehntelangem Putzen eigen ist. Sie legte den Kopf schief, musterte das Chaos, nickte sich selbst zu.

Oha, hier gibt’s einiges zu tun macht aber nichts, das kriegen wir hin! verkündete sie mit Elan, stelle ihre Tasche ab und begann, Gummihandschuhe überzustreifen. Die Bewegungen wirkten so sicher wie ein Ritual: Verpackung auf, schnell die Hände hineingeschoben. Sie ruhen sich bitte aus, ich fange schon mal an. In ein, zwei Stunden ist hier alles wie neu, Sie werden sehen!

Johanna antwortete nicht. Sie stand einfach abseits und beobachtete, wie die Frau aus ihrer Tasche Lappen, Flaschen und Schwämme holte. Es war seltsam: ein Fremder wirbelte durch ihren Raum, in dem seit Wochen nur Stille und Unordnung geherrscht hatten. Aber nicht einmal das konnte in ihr jetzt Ärger oder Neugier wecken nur endlose Gleichgültigkeit.

Wieder auf der Couch, fiel es ihr schwer, sich auf den Film zu konzentrieren. Der Bildschirm flackerte, Dialoge liefen, doch ihre Gedanken wurden von dem, was in der Küche vor sich ging, übertönt. Wasserrauschen, Klirren von Geschirr, und immer wieder eine leise, fröhliche Melodie, gepfiffen von der Putzfrau.

Anfangs nervten diese Geräusche als dränge sich die fremde Frau in ihren Trauerraum. Doch nach und nach wandelte sich der Lärm. Das Klappern wurde zu einem ruhigen, wiegenden Hintergrund, monoton, ja fast tröstlich. Johanna schlief ein, und es war der erste ruhige Schlaf seit Wochen, ohne die düsteren Träume, die sie seit jenem Tag verfolgten.

Am Abend leuchtete die Wohnung. Die Putzfrau hatte ganze Arbeit geleistet: Oberflächen glänzten, der Duft von Reinigungsmitteln erfüllte die Zimmer, die Fenster waren so klar, dass Johanna zusammenzucken musste so hell war es plötzlich im Raum. Es kam ihr vor, als hätte jemand die graue Schicht abgestaubt nicht nur von den Möbeln, sondern auch von ihrer eigenen Sicht auf die Welt.

Die Frau hinterließ einen Hauch von Frische, verabschiedete sich herzlich und versprach, nächste Woche wiederzukommen. Johanna blieb auf dem frischen Sofa sitzen und betrachtete den ungewohnt aufgeräumten Raum. Sie strich über die glatte Tischplatte, berührte das blitzende Glas einer Vase und atmete den blumigen Duft ein. Es fühlte sich gut an irgendwie.

Wieder klingelte es an der Tür. Johanna fuhr erschrocken zusammen die Stille des Tages hatte den Glockenton fremd gemacht. Sie stand langsam auf, öffnete. Konstantin stand im Flur, in der Hand eine große, dampfende Plastikdose.

Ich habe dir deinen Lieblingssuppe mit Hackfleischklößchen gebracht, sagte er, stellte den Behälter auf den Tisch. Seine Stimme war weich, voll leiser Sorge, wie sie sonst nur in seinen Gesten steckte. Und einen Salat mit Krabben, so wie du ihn magst.

Johanna sah ihn lange an. In ihren Augen standen Tränen aus Erschöpfung, vielleicht aus Überrumpelung durch die Fürsorge, vielleicht auch wegen jenes vorsichtigen Gefühls, das irgendwo in ihr aufkeimte. Sie wusste selbst nicht, was es war: Erleichterung, Dankbarkeit oder nur ein erster Hauch Hoffnung.

Danke flüsterte sie, zögernd, als müsse sie erst wieder lernen zu sprechen.

Iss, solange es warm ist, erwiderte er, setzte sich zu ihr, zwang sie nicht zum Reden, sondern ließ die Stille wirken. Und weißt du was? Du brauchst dich um nichts mehr zu sorgen, kein Kochen, kein Putzen. Ich kümmere mich um alles.

Seine Worte schwebten im Raum, füllten ihn mit etwas Neuem. Johanna betrachtete die Suppe, den sorgsam verpackten Salat, die glänzenden Flächen und zum ersten Mal fühlte sie, dass sie in ihrem Schmerz vielleicht doch nicht allein war. Dass da jemand war, der ihren Kummer mittrug und ihr helfen wollte, wieder aufzustehen.

So begann ihre langsame Rückkehr ins Leben nicht mit einem Ruck, sondern wie beim Erwachen; warm, nach und nach, Schritt für Schritt. Zunächst war es die Wärme der Suppe in den Händen, dann der Geschmack, der sich wieder einstellte. Später, am nächsten Morgen, vielleicht das Fenster öffnen, ein tiefes Durchatmen, ein kleines bisschen mehr Licht.

Jeden Abend kam Konstantin heim, brachte das Essen in Dosen mit. Er merkte sich, was sie mochte, wechselte durch: hin und wieder eine duftende Erbsensuppe mit Sauerrahm, gebratene Hähnchenbrust mit Gemüse, und einmal fand er sogar Rhabarberkuchen von der Bäckerei aus Charlottenburg, die sie aus ihrer Kindheit kannte.

Probier mal, ist ganz besonders, sagte er, wenn er Teller auf den Tisch stellte. Tante Liesel hat mir erzählt, dass du das als Kind geliebt hast.

Anfangs aß Johanna mechanisch, ohne Hunger. Doch nach und nach spürte sie wieder ein Gefühl von Sattheit, dann sogar leises Vergnügen. Einmal musste sie sogar ein wenig lächeln, als ihr der vertraute Duft aus Jugendtagen entgegenströmte.

Einmal pro Woche kam immer dieselbe Putzfrau vorbei die mit dem warmen Lächeln und unerschütterlichen Optimismus. Sie stocherte nicht nur im Chaos herum: Mit flinken Händen, Staubtuch und Lappen brachte sie alles in Ordnung und schaffte es, Johanna ins Gespräch zu ziehen. Mal erzählte sie einen Schwank vom Enkel, der die Küche unter Wasser setzte, weil er Kompott kochen wollte; mal von einer Panne auf der Arbeit, dann fragte sie einfach, wie es Johanna gehe nie aufdringlich, sondern mit echter Herzlichkeit.

Wissen Sie, sagte sie einmal, während sie eine Vase polierte, das Leben ist wie Putzen. Erst glaubt man, das Chaos ist überall, keine Chance. Dann fängt man mit einer Ecke an, räumt ein Fach auf, wischt ein Board. Und siehe da, mit jedem Schritt wird es heller, freundlicher.

Johanna hörte zu, nickte ab und an, manchmal entwich ihr sogar ein Satz. Die Besuche wurden zum Ritual ein kleines, sicheres Stückchen Alltag.

Nach zwei Wochen kam Konstantin mit einem eigentümlich glänzenden Blick ins Wohnzimmer.

Heute kommt jemand zu dir, für Maniküre und Pediküre. Direkt nach Hause.

Wozu? fragte Johanna überrascht, blätterte gedankenverloren durch ein Buch.

Weil du Pflege verdienst. Und ein bisschen Schönheit, antwortete Konstantin, mit einer Wärme im Blick, die er sonst lieber in Gesten als in Worten zeigte.

Die Kosmetikerin war eine stille, freundliche Frau mit geschickten Händen. Sie drängte nicht, redete aber auch nicht ununterbrochen, erzählte zwischendrin von neuen Nagellackfarben, kleinen Anekdoten aus ihrem Alltag, alles ohne aufzudrängen. Während die Nägel gefeilt und lackiert wurden, während Hände massiert und gepflegt wurden, empfand Johanna erstmals seit Langem wieder tiefe Entspannung ein vergessenes, wohltuendes Gefühl, entfacht durch das warme Handbad, den Duft der Cremes und rhythmische, sachkundige Handgriffe.

Am Folgetag klingelte der Friseur. Johanna erstarrte, verwundert über den erneuten Besuch. Konstantin, der ihren fragenden Blick sah, erklärte:

Ich dachte, du möchtest vielleicht etwas ändern. Wenn nicht, geht er wieder. Ich wollte dir nur die Möglichkeit geben.

Johanna saß im Stuhl, den Rücken gekrümmt, fingerte fahrig an ihren Haaren. Die langen Strähnen waren stumpf, verfilzt, seit Wochen nicht gebürstet, immer nur zu einem Knoten hochgesteckt. Im Spiegel erkannte sie ein vertrautes, aber irgendwie fremd gewordenes, ausgezehrtes Gesicht.

Plötzlich spürte sie einen kleinen Impuls keine große Entschlossenheit, nur einen Funken Interesse. Sie sah den Friseur an, der ruhig wartete, Kamm und Schere in der Hand.

Ich will es kurz. Ganz kurz, sagte sie leise, aber sehr bestimmt als hätte das Vorhaben lange in ihr geschlummert, nun war es soweit.

Der Friseur nickte, kein Erstaunen, kein Nachfragen solche Augenblicke kannte er. Wann immer Menschen versuchten, den inneren Wandel auch äußerlich sichtbar zu machen.

Er begann zu schneiden. Die Schere glitt sanft, lange Haare sanken lautlos herab. Der Friseur nahm sich Zeit, trat zurück, prüfte das Ergebnis, arbeitete geschmeidig weiter. Johanna beobachtete im Spiegel, wie ihr altes Ich mit jedem Zug verschwand. Erst verschwanden die Länge, dann die Seiten, zuletzt sank eine glatte Stirnfransen nach vorn.

Als er fertig war, entfernte der Friseur das Tuch, drehte sie leicht. Johanna erkannte sich kaum:

Im Spiegel sah sie selbst sie aber doch viel leichter, lebendiger, als hätte sie mit dem Haarballast den Kummer abgestreift. Das neue Bob schnitt das Gesicht klarer aus, ließ es offener wirken. Johanna strich darüber, feingliedrig, zögernd. Die Leichtigkeit war plötzlich nicht nur auf dem Kopf, sondern auch in der Brust.

Und? Gefällts? fragte der Friseur, beim Zusammenpacken.

Johanna nickte, suchte noch nach Worten.

Ja danke.

Als der Friseur fort war, trat Konstantin durchs Zimmer. Er hielt inne und betrachtete Johanna still, dann erschien ein stilles, warmes Lächeln.

Das steht dir wunderbar, sagte er einfach.

Johanna wusste, dass er ihre langen Haare geliebt hatte, sein Lachen, wenn er sie durch seine Finger zog, hatte sie noch im Ohr. Doch jetzt lag in seinen Augen keine Trauer, sondern aufrichtige Freude, Zuversicht und beinahe Stolz.

Wirklich? fragte sie leise, konnte kaum glauben, dass dieses Spiegelbild jetzt wirklich sie war.

Wirklich, bestätigte Konstantin, trat näher, Du siehst lebendig aus.

Die Worte trafen sie mit einer seltsamen Klarheit. Keine neue Wunde, kein Schmerz eher etwas, das Hoffnung hieß.

Langsam wurden die Tage länger, dehnten sich aus zu Wochen. Johanna war weiterhin traurig die Erinnerungen an ihren Verlust verblassten nicht, doch der Schmerz war nicht mehr allesverschlingend finster, sondern wurde stiller, lichter. Er lähmte nicht mehr, sondern zeigte, dass ihre Fähigkeit, zu lieben, zu träumen, zu fühlen, noch immer da war.

Oft stand Johanna lange am Fenster, sah Kindern beim Spielen zu, Nachbarn mit Hunden, wie der Herbst sich mit goldenem Licht in die Blätter schlich. In solchen Momenten spürte sie, fast unmerklich, doch stetig, das Neue in sich wachsen kein Ersatz, sondern eine andere Form von Lebenswillen, in der Trauer und Hoffnung, kleine Freuden und leise Sehnsucht Platz hatten.

Eines Morgens wachte Johanna nicht durch einen Wecker oder aus Pflicht auf. Sie erwachte, weil sie das Verlangen hatte: heute etwas zu tun, nur etwas. Kein Muss, keine Pflicht, sondern ein Wunsch. Sie blieb liegen, lauschte in sich hinein ja, sie wollte es tatsächlich. Sie zog eine dünne wollene Rollkragen mit zarten Schneeflockenstickereien über ein Geschenk ihrer Mutter vom letzten Weihnachtsfest. Der Stoff schmiegte sich weich und tröstlich an. Johanna ging durch die Wohnung, verweilte kurz am Fenster, schaute in den lebendig werdenden Hof, dann in die Küche.

Draußen, aus dem Kühlschrank, blickten sie Champignons, Sauerrahm und frische Petersilie an. Pilzsuppe. Konstantin liebt sie, dachte sie. Johanna legte die Zutaten bereit, begann sie zu schneiden, schälte Zwiebeln, röstete alles langsam an. An den Handgriffen haftete noch Unsicherheit, aber mit jedem Schritt wurde es vertrauter. Die Wohnung füllte sich mit dem würzigen Duft, alles wirkte wärmer, heimeliger.

Als Konstantin heimkam, blieb er am Kücheneingang stehen und sog beglückt die Luft ein.

Was riecht denn hier so gut? fragte er ungläubig. Johanna stand an der Kochstelle, rührte mit der Holzkelle in der Suppe, so konzentriert, wie er sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatte.

Deine Lieblings-Pilzsuppe, sagte Johanna, blickte auf und lächelte ein echtes Lächeln, warm, lebendig, mit Glanz in den Augen. Ich habe gekocht.

Konstantin schlang die Arme um sie, drückte seine Wange an ihre Schulter. Schweigend genoss er den Augenblick, sog ihn tief ein.

Danke, flüsterte er, und in dem Wort lag mehr als die Dankbarkeit für das Essen.

An diesem Abend saßen sie gemeinsam am gedeckten Tisch, die Suppe war so, wie Konstantin sie geliebt hatte: voller Pilzaroma, sämig, vertraut wie Kindheit. Er aß langsam, genoss jeden Löffel, blickte Johanna immer wieder an sie aß ebenfalls, nicht hektisch, sondern selig, wie jemand, der mit sich und seiner Arbeit zufrieden ist.

Nach dem Tee stellte Johanna die Tasse ab, schaute Konstantin an, und sagte:

Weißt du, was ich begriffen habe?

Er schaute aufmerksam, ließ ihr Zeit.

Was denn?

Du hast mich trauern lassen. Mich nicht gedrängt, mich nicht mit Phrasen wie reiß dich zusammen überschüttet. Du warst einfach da und hast gemacht, was mir helfen konnte. Und das hat mich wirklich getragen.

Ihre Stimme war ruhig, doch in ihrem Ton lag tiefe Strahlkraft gewachsen nach endlosen Tagen des Schweigens und Schmerzes.

Konstantin nahm ihre Hand und hielt sie, die Finger leicht zitternd, den Blick fest.

Ich wollte einfach, dass du weißt: Du bist nicht allein. Ich liebe dich egal wie du bist, mit jedem Haar, mit jedem Gefühl, in jedem Zustand.

Johanna spürte wie ihr die Tränen kamen. Aber sie waren wie Tau keine brennenden, verzweifelten Tropfen, sondern leichte, warme, voller Dankbarkeit. Sie drückte Konstantins Hand, und in diesem Griff lag mehr als Worte fassen konnten.

Von da an kehrte Johanna, Schritt für Schritt, zurück ins Leben. Jede Tätigkeit war ein kleiner Sieg, ein Wieder-Lernen des Einfachen. Sie war nicht mehr streng mit sich, tat nur, wozu sie Kraft hatte.

Zuerst das Kochen nicht um des Essens willen, sondern um wieder Freude daran zu entdecken. Sie experimentierte mit Rezepten, kaufte Zutaten ein, ließ Musik laufen, stand an der Herdplatte und beobachtete Bratengeruch, knackiges Gemüse, den Dampf von Saucen. Nicht immer gelang alles gleich doch Konstantin aß jedes Gericht, als sei es das köstlichste. Nie ein kritisches Wort, nur Lob und immer wieder:

Was habe ich deine Kochkunst vermisst.

Dann begann Johanna nach und nach den Haushalt zu übernehmen immer ein bisschen mehr, erst einmal das Nötigste. Abwaschen, Staub wischen, eine Vase umstellen. Konstantin half weiterhin, brachte den Müll raus, saugte, wusch Wäsche doch Johanna konnte wieder sagen: Heute wische ich den Boden oder Frühstück mache ich, und es erschien nicht mehr unüberwindbar.

Bald folgten kleine Spaziergänge, erst ums Haus, dann bis zum Park. Johanna nahm wahr, wie der Herbst kam: goldene Blätter, Sonnenstrahlen, Vogelschwärme hoch oben. Diese Schritte waren kleine Meditationen Rhythmus, Atem, Stadtgeräusch, alles trug sie zurück ins Jetzt.

Langsam wuchs auch das Bedürfnis, Freundinnen zu treffen. Anfangs war es nur ein kurzer Anruf, später ein Treffen im Café. Niemand drängte, es war Platz zum Reden über Filme, Wetter, kleine Alltagspannen. Johanna spürte allmählich, dass sie lachen konnte, sich interessierte, wieder Teil von etwas größerem Ganzen wurde.

Das Wichtigste aber: Johanna spürte wieder das Bedürfnis, für Konstantin da zu sein. Sie kochte nicht mehr, weil sie musste, sondern weil sie ihn erfreuen wollte. Begrüßte ihn lächelnd, ehrlich, so dass es beide innen wärmer machte. Fragte ihn nach seinem Tag, hörte wirklich zu, fragte nach, wurde wieder mitfühlend.

An einem verregneten Abend saßen sie schließlich eng umschlungen auf dem Sofa. Draußen tickte der Regen ans Fenster, warme Lampe beleuchtete den Raum, auf dem Tisch dampfte Tee. Johannas Skizzenblock lag offen auf ihrem Schoss, die Linien darin warteten noch. Sie schmiegte sich an Konstantins Schulter, schloss die Augen, seufzte leise:

Danke. Für alles.

Er schwieg, küsste sie sacht aufs Haar, legte den Arm fester um sie.

Ich danke dir. Dafür, dass du da bist. Dafür, dass du zurückgekehrt bist.

So saßen sie, hörten auf das Ticken der Uhr, den Regen, ihre Herzschläge jetzt schon wieder im Gleichklang. Das Leben ging weiter, und darin war Platz für Trauer, Hoffnung, Liebe und für neue, zarte Wege zurück ins Licht.

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Homy
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Wenn niemand zur Hilfe kommt (mystische Erzählung)