„Ich wollte doch kein Kind!“ – rief Alexander seiner Frau im Eifer des Streits zu, ohne zu ahnen, dass ihr Sohn hinter der Tür steht. (Erzählung)

Ich wollte kein Kind! ruft Alexander seiner Frau im Eifer eines Streits entgegen, nicht ahnend, dass ihr Sohn hinter der Tür steht. (Erzählung)

Die Tür fällt ins Schloss, das Geräusch hallt durch die Wohnung. Anna steht in der Küche, rührt in der abgekühlten Suppe, die schon längst keinen Sinn mehr hat aufzuwärmen. Die Wanduhr zeigt kurz vor eins in der Nacht.

Warum schläfst du noch nicht?, Alexanders Stimme klingt gereizt, als wäre sie schuld daran, dass er schon wieder so spät heimkommt.

Anna dreht sich um. Ihr Mann lehnt im Türrahmen, die obersten Hemdknöpfe offen, der Geruch von fremden Parfum und Zigaretten hängt an ihm.

Moritz hat gefragt, wo sein Papa ist. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen soll.

Hättest du einfach gar nichts sagen sollen, sagt Alexander und geht zum Kühlschrank, zieht eine Flasche Mineralwasser heraus.

Bis ein Uhr nachts an einem Freitag?, Anna ist selbst über den Mut erstaunt, mit dem sie das sagt. Früher hat sie seine späten Heimkehrten und Ausreden immer still hingenommen.

Fang jetzt bitte nicht wieder an, okay?, er trinkt direkt aus der Flasche. Ich hab viel Arbeit. Ein großes Projekt.

Welches Projekt, Alex? Dein Vater selbst hat mir gesagt, dass du die letzten Tage kaum im Büro warst.

Alexander erstarrt kurz, stellt die Flasche langsam auf den Tisch, blickt sie an, als würde er sie das erste Mal sehen.

Du bist zu meinem Vater gegangen? Dich beschweren?

Ich habe mich nicht beschwert. Herr Wagner hat selbst angerufen, gefragt, ob alles in Ordnung ist. Ich wusste nicht, was ich antworten soll.

Na toll, Alexander fährt sich nervös durch die Haare. Jetzt hetzt du auch noch die Eltern gegen mich auf.

Ich hetze niemanden auf! Ich will einfach verstehen, was mit uns los ist. Wir waren doch mal glücklich. Erinnerst du dich?

Er schweigt, geht an ihr vorbei. Anna spürt, wie sich alles in ihr zusammenzieht vor Hilflosigkeit.

Alexander, warte. Lass uns reden. Ohne Vorwürfe, ohne Geschrei. Ich liebe dich. Ich will, dass unsere Familie funktioniert für uns, für Moritz.

Nicht jetzt. Ich bin müde, murmelt er.

Wann dann? Wir reden seit Monaten kaum. Du kommst spät. Gehst früh. Am Wochenende bist du gar nicht da. Moritz hat nächste Woche Geburtstag, du hast nicht einmal gefragt, was er sich wünscht!

Alexander hält inne. In seinen Augen blitzt Traurigkeit auf, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Ich kauf ihm was. Etwas Schönes.

Ihm ist ein Geschenk egal. Er will seinen Papa.

Seinen Vater hat er doch. Und der sorgt immerhin für diese Familie. Drei Zimmer hier in München, dir fehlt es an nichts. Was erwartest du noch?

Anna sieht ihn an und denkt daran, wie alles einmal war. Kennengelernt im elften Schuljahr, damals war Alexander ein ganz anderer. Still, aufmerksam, konnte zuhören. Sie hatten stundenlang auf der Bank vor der Schule gesessen und einfach geredet über die Zukunft, Vorstellungen, Träume. Er wollte Architekt werden, sie plante das Pädagogikstudium und Kinder-Theatergruppen zu leiten.

Dann ging alles schnell Abitur, Schwangerschaft, Hochzeit. Seine Eltern beharrten darauf, dass sie sofort heiraten. Herr Wagner hatte damals gesagt, in ihrer Familie trägt man Verantwortung für sein Handeln. Ein Mann steht dazu, sagte er.

Die Hochzeit war klein, nur die engste Familie. Annas Mutter weinte, als sie sie zum Standesamt brachte. Du warst immer so gut in der Schule, hättest studieren können Aber Anna glaubte damals, dass Liebe das Wichtigste ist, dass sie alles zusammen schaffen würden.

Herr Wagner schenkte ihnen diese Wohnung. Groß, hell, guter Stadtteil. Alexander stieg in die Firma seines Vaters ein, auf einer unteren Position, von unten, wie ich auch mal, hatte Herr Wagner gesagt. Anna war dankbar. Sie wollte gute Schwiegertochter, Hausfrau, Mutter sein. Sie kochte, putzte, sorgte für Ordnung. Als Moritz geboren wurde, wurde ihr Kosmos zum kleinen, warmen Familiennest.

Die ersten Jahre waren glücklich. Viel Geld hatten sie nicht, aber sie kamen zurecht. Alexander machte beruflich Schritte nach vorne, Herr Wagner half, aber hielt sich zurück. Ein Mann muss selbst kämpfen, wiederholte er. Alexander ärgerte sich manchmal, wenn sein Vater eine Bitte ablehnte aber Anna fand das damals unwichtig.

Vor zwei Jahren änderte sich alles. Herr Wagner expandierte, eröffnete einen neuen Bereich. Alexander bekam ein Team, Firmenwagen, mehr Geld. Anna freute sich doch mit der neuen Verantwortung kamen auch Dienstreisen, Spätschichten, Geschäftsessen. Alexander wurde reizbar, distanziert. Als ob das Familienleben ihn gar nicht mehr interessierte.

Anna, ich will jetzt nicht mehr diskutieren. Seine Stimme reißt sie aus den Gedanken. Geh schlafen.

Und du?

Ich arbeite noch.

Er verschwindet ins Arbeitszimmer, Anna hört das Schloss. Sie bleibt in der hellen Küche zurück, nur der kalte Suppentopf und die Leere.

Am nächsten Morgen verschwindet Alexander früh, lässt sogar das Frühstück stehen. Anna wird wach, als Moritz zu ihr ins Bett krabbelt.

Mama, warum hat Papa nicht Tschüss gesagt?

Papa hattes eilig, Schatz. Musste zur Arbeit.

Er hat immer eilig Gehen wir heute raus?

Natürlich! Wohin möchtest du?

Auf den Spielplatz! Die haben neue Schaukeln!

Anna sieht ihren Sohn an sieben Jahre alt, blond wie Alexander, graue, wache Augen wie sie selbst. Ein kluger, sanfter Junge. Er erinnert sie so an den Alexander, den sie damals liebte.

Sie gehen raus. Es ist ein milder Frühlingstag. Auf dem Spielplatz tummeln sich viele Kinder. Moritz läuft zu den Schaukeln, Anna setzt sich zu den anderen Müttern auf die Bank. Sie unterhalten sich, lachen leise. Anna hört nur halb zu, beobachtet ihren Sohn.

Na, wie läufts bei euch? Immer noch alles Arbeit, Arbeit?, fragt sie eine rundliche, rotgelockte Frau, Frau Gärtner, vom Spielplatz bereits bekannt.

Arbeit, Arbeit, ja, antwortet Anna gezwungen lächelnd.

Männer heute alles für den Job. Familie ist Nebensache, seufzt Frau Gärtner. Meiner kommt auch spät, kaum ein Wort. Und wundert sich dann, warum ich so gucke.

Eine jüngere Frau mit Kinderwagen nickt: Bei mir genauso. Ich bitte ihn, mal mit der Kleinen rauszugehen, irgendwas zu machen. Aber solange er Geld verdient, meint er, damit sei seine Pflicht getan.

Anna schweigt. Sie möchte ihr Leben nicht mit halbfremden Menschen teilen. Aber in den Aussagen der Frauen klingt ein Schmerz an, der ihr vertraut vorkommt.

Mama, schau!, ruft Moritz und winkt von der Rutsche. Ich kanns alleine!

Super, mein Schatz!, ruft Anna zurück und merkt, wie Tränen aufsteigen. Sie wischt sie schnell mit dem Ärmel weg.

Am Abend, nachdem Moritz eingeschlafen ist, sitzt Anna lange in der Küche und betrachtet alte Fotos: die Hochzeit, schlichtes weißes Kleid, sein Anzug, beide lachen, strahlen einander an. Später: Alexander mit dem neugeborenen Moritz im Arm, aufgeregt und glücklich. Dann ein Bild am Meer, Moritz drei Jahre alt, sie bauen Sandburgen gemeinsam.

Wann ist das alles kaputt gegangen? Wann sind sie zu Fremden geworden, die nur noch unter einem Dach wohnen?

Alexander kommt gegen Mitternacht nach Hause. Anna liegt schon im Bett, ist aber wach. Sie hört ihn ins Bad gehen, dann ins Arbeitszimmer. Licht in ihrem Schlafzimmer bleibt aus.

Am Sonntag fasst Anna Mut. Sie ruft Herrn Wagner an, bittet um ein Gespräch. Der Schwiegervater sagt sofort zu, will zu Besuch kommen.

Gegen Mittag steht er vor der Tür: ein großer, würdevoller Mann, grau werdendes Haar, scharfer Blick. Herr Wagner war immer fair zu Anna. Als er von der Schwangerschaft hörte, blieb er ruhig: So hat das Schicksal entschieden. Wir ziehen das durch.

Hallo, meine Liebe! Wo ist mein Lieblingsenkel?

Bei meinen Eltern. Ich habe sie gebeten, ihn heute zu nehmen.

Herr Wagner setzt sich an den Küchentisch, Anna schenkt Tee ein, stellt einen Kuchen hin, den sie gebacken hat. Dann setzt auch sie sich, weiß nicht, wie sie anfangen soll.

Anna, ich weiß ungefähr, was los ist. Alexander hat sich gehen lassen, richtig?

Anna nickt, Tränen laufen ihr über die Wangen.

Er ist nicht mehr wirklich Teil unserer Familie. Kommt spät, geht früh. Wir reden kaum. Moritz fragt schon, warum sein Papa ihn nicht beachtet. Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll.

Und wie lange schon?

Seit über einem Jahr. Besonders schlimm die letzten Monate.

Herr Wagner seufzt schwer.

Anna, ich habe Fehler gemacht. Habe ihn zu sehr verwöhnt. Dachte, er soll sich hocharbeiten wie ich. Doch als es lief, wollte ich helfen mit Position, Gehalt. Doch er war noch nicht bereit.

Sie wollten es gut machen

Gewollt reicht nicht. Ich sehe, wie er sich verändert hat. Eingebildet, Überheblichkeit. Sogar im Betrieb gibt es Probleme. Zuerst war ich still, hoffte, er fängt sich.

Sie schweigen eine Weile.

Anna, ich muss dir noch was sagen, fährt Herr Wagner fort. Es gibt wohl eine Affäre bei ihm. Mit seiner Assistentin, Jana. Ich wollte es dir eigentlich ersparen.

Anna fühlt, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Verdacht hatte sie gehabt fremder Duft, Distanz, die Ausreden. Aber es jetzt zu hören, tut weh.

Ich weiß nicht, was ich tun soll, flüstert sie. Ich liebe ihn. Oder liebte ihn zumindest. Wir haben ein Kind. Ich kann nicht einfach gehen.

Geh nicht, sagt Herr Wagner ruhig. Es ist auch deine Wohnung. Wenn einer gehen muss, dann er.

Aber ich möchte nicht, dass Moritz ohne Vater aufwächst

Im Moment wächst er ohne Vater auf. So wie Alexander sich benimmt, ist das schädlich für das Kind.

Anna weiß, er hat recht. Aber was soll sie tun Alexander vor die Wahl stellen? Was, wenn er die Familie nicht wählt?

Du bist jung, klug und engagiert. Du hast alles für die Familie gegeben. Aber darauf darf ein Mann sich nicht ausruhen, sagt Herr Wagner. Du wolltest doch immer Pädagogik studieren.

Ich habe nie Moritz bereut, nie. Aber manchmal frage ich mich

Es ist nicht zu spät. Moritz geht in die Schule du hast Zeit. Ich unterstütze dich beim Studium, wenn du möchtest.

Da fällt die Tür Alexander kommt nach Hause. Bleibt an der Küche stehen überrascht.

Papa? Was machst du hier?

Meinen Enkel besuchen. Und dich. Wo warst du?

Arbeiten, kommt es schnell.

An einem Sonntag? Amüsant, schmunzelt Herr Wagner.

Alexander will sich herausreden, aber Herr Wagner macht klar: Jetzt geht es um die Familie. Anna hat einen Partner verdient, Moritz einen Vater, nicht bloß einen Versorger.

Du bist doch nur noch unterwegs, Alex. Wo warst du die letzten Abende? Nur Arbeit?

Was willst du hören?, fragt Alexander und schaut Anna ärgerlich an. Hast du alles gesteckt? Deinen Eltern weinend erzählt, wie schlimm ich bin?

Ich wollte nur reden, sagt Anna leise.

Ein Wort gibt das andere. Am Ende droht Herr Wagner offen: Entweder, du reißt dich zusammen, oder ich nehme dir alles Job, Wagen, das Geld. Anna kann die Scheidung einreichen und bekommt Unterhalt, die Wohnung gehört ihr.

Alexander ist fassungslos.

Anna bleibt ruhig: Wir wollen, dass du zurückkommst. Zu uns. Ins Leben.

Aber Alexander geht. Lässt sie stehen.

Nach dem Streit will Anna mit ihm reden, doch es eskaliert. Alexander wirft ihr vor, ihn einzusperren, empfindet das Familienleben als Last, als Gefängnis. Er schreit: Ich wollte kein Kind!, und verstummt, erschrocken über sich selbst.

Anna wird blass. Sie stützt sich am Stuhl.

Plötzlich steht Moritz im Schlafanzug im Flur. Er hat alles gehört.

Papa, du wolltest mich nicht? Du liebst mich nicht? fragt er mit erstaunlich erwachsenem Ernst. Du bist nie da, immer weg zu dieser Jana!

Alexander ist getroffen. Will sich rechtfertigen, aber Moritz rennt unter Tränen in sein Zimmer.

Anna und Alexander bleiben zurück.

Die Schuldzuweisungen schaukeln sich hoch Anna vorwurfsvoll, Alexander fühlt sich angegriffen. Am Ende packt Alexander seine Sachen, sagt, er gehe für ein paar Tage. Anna versucht ihn aufzuhalten: Moritz braucht dich!

Von mir fürchtet er sich ja angeblich!, ruft Alexander und verlässt die Wohnung. Die Tür fällt mit einem dumpfen Grollen ins Schloss.

Anna steht noch immer im dunklen Flur, macht sich dann zu Moritz auf, der weinend im Bett liegt. Sie legt sich zu ihm, hält ihn.

Mama, stimmt es? Papa wollte mich nicht?

Nein, Schatz. Er war damals jung und überfordert. Aber als du geboren wurdest, hat er dich geliebt. Ganz sicher.

Moritz fragt, ob sie sich scheiden lassen werden. Anna weiß keine Antwort, sagt ehrlich: Ich weiß es nicht. Moritz schluchzt: Ich will aber, dass Papa bei uns bleibt.

Die nächsten Tage erscheint Alexander nicht. Anna versucht ihn zu erreichen, aber er meldet sich nicht. Moritz fragt jeden Tag nach ihm.

Schließlich kommt Alexander eines Abends zurück, fertig, müde, betrunken. Die Affäre Jana hat ihn verlassen, weil das Geld ausblieb. Alexander bricht auf dem Sofa zusammen, jammert über alles. Anna ist fassungslos, sieht den Mann nicht mehr, den sie einmal liebte.

Geh duschen, trink einen Kaffee. Moritz darf dich so nicht erleben.

Nach dem Duschen ist Alexander etwas klarer. Er entschuldigt sich.

Ich wollte, du könntest mich wieder respektieren. Ich hab alles falsch gemacht.

Anna bittet: Beweise es mit Taten, nicht Worten.

Er sagt, er wolle sich bei Moritz entschuldigen am nächsten Tag ist er jedoch schon vor Sonnenaufgang verschwunden.

Anna ruft verzweifelt wieder bei Herrn Wagner an. Sie treffen sich im Café. Der Schwiegervater sagt klar: Lass dich scheiden, Anna. Ich stehe hinter dir, helfe mit Wohnung, Studium, Geld.

Sie weiß, er hat recht aber will noch einmal einen Versuch wagen und gibt Alexander Bescheid: Komm Sonntag. Wir müssen in Ruhe reden.

Er antwortet nach einem Tag: Komme.

Am Sonntag ist Alexander pünktlich da. Anna sagt: So kann es nicht weitergehen. Wir versuchen es nochmal oder trennen uns.

Alexander gibt zu: Ich will, aber habe Angst, wieder zu versagen.

Anna bleibt hart: Handel, nicht reden. Bis dahin lebst du woanders. Für Moritz.

Alexander nickt. Die nächsten Wochen bemüht er sich: ruft Moritz täglich an, kommt am Wochenende, macht mit ihm Ausflüge. Anna merkt: Er bemüht sich wirklich, ist geduldiger, aufmerksamer.

Alexander erzählt, dass sein Vater ihn gekündigt hat. Er arbeitet jetzt als Helfer auf dem Bau. Wenn man abends totmüde ist, kommt man nicht mehr auf dumme Gedanken, sagt er. Anna sieht, dass der Alltag ihn verändert hat.

Sie selbst hat sich an der Hochschule eingeschrieben, das Studium Pädagogik begonnen. Herr Wagner zahlt die Gebühren. Anna organisiert Kinderfeste, wird gelobt, erhält kleine Aufträge verdient zum ersten Mal selbst.

Der kleine Moritz ist stolz auf seine Mama, hilft oft beim Basteln. Sie sind ein Team geworden. Familie ist eben nicht immer Vater, Mutter, Kind unter einem Dach, denkt Anna sondern ein Ort, an dem man sich unterstützt und respektiert.

Drei Monate vergehen. Die Beziehung zwischen Anna und Alexander ist freundschaftlich, noch distanziert. Dann, eines Tages, lädt er sie mit Moritz zum Spaziergang in den Englischen Garten ein.

Nach einigem Zögern gesteht Alexander: Ich habe verstanden, was zählt. Nicht Status, nicht Geld, sondern euch. Ich will zurück nicht ins Alte, sondern in ein neues Leben mit euch, als Partner, nicht als Chef.

Anna braucht Zeit. Doch sie spürt, dass in ihm etwas gewachsen ist Reue, echte Bereitschaft, sich zu ändern.

Langsam nähern sich Anna und Alexander wieder an. Er bleibt ab und zu über Nacht auf der Couch, hilft im Alltag, spricht mit ihr wie früher. Langsame Schritte, aber der Blick nach vorne.

Ein halbes Jahr ist vergangen. Anna ist sich sicher Alexander verdient eine neue Chance, weil er es beweist: kleine Dinge jeden Tag, Geduld, Aufmerksamkeit.

Wieder gehen sie zusammen in den Englischen Garten, wie zu Beginn. Moritz rennt voraus.

Ich habe nachgedacht. Du hast die Chance verdient. Aber wir bauen alles neu auf auf Respekt, Vertrauen, gegenseitiger Unterstützung, sagt Anna.

Ich will es so. Danke dir.

Moritz ruft von der Schaukel: Mama, Papa, schaut mal!

Sie nehmen sich an die Hand kein Pathos, nur Nähe. Anna denkt: Vielleicht ist das Familie nicht perfekt, mit Fehlern, Schmerz, Hoffnung. Aber echt. Wo alle wachsen, sich verändern, vergeben können.

Abends, als sie heimkommen, sagt Anna zögernd: Willst du zum Abendessen bleiben? Alexander lacht erleichtert: Gerne. Ich helf beim Tischdecken.

Gemeinsam, zu dritt, essen sie einen einfachen Abendbrot. Moritz erzählt von der Schule, Alexander hört zu und fragt nach. Anna beobachtet die beiden und spürt, dass sich der Frost langsam auflöst.

Als Moritz schläft, verabschieden sich Anna und Alexander an der Tür. Danke für heute. Ich werde es weiterhin zeigen. Jeden Tag. Ich will euer Vertrauen zurück, sagt er leise.

Anna nickt. Wir werden sehen.

Später trifft sie sich nochmal mit Herrn Wagner. Er fragt: Vertraust du ihm wieder? Sie antwortet: Ich will es. Noch nicht ganz aber ich sehe, dass er sich bemüht. Wirklich.

Herr Wagner nickt und rät: Auch als Familie muss man manchmal loslassen und neue Wege gehen.

Zeiten vergehen. Eines Tages wird Moritz krank nichts Schlimmes, doch Anna ist am Ende ihrer Kräfte. Alexander kommt abends, bleibt die Nacht. Macht Frühstück, spielt mit Moritz.

Am Morgen fragt Moritz erstaunt: Papa, du bleibst richtig da?

Alexander nickt. Ich will für euch da sein.

Anna beobachtet sie, Tränen in den Augen diesmal vor Glück.

Schritt für Schritt wächst zusammen, was zerbrochen war. Gespräche bis in die Nacht, ehrliche Fragen, neue Ziele, neue Wertschätzung. Alexander hat aus seinen Fehlern gelernt, Anna ihre eigene Stärke entdeckt.

Im Frühling sitzen sie wieder zu dritt im Park. Moritz spielt, Anna und Alexander halten sich an der Hand. Ein Ausflug, ganz gewöhnlich, und doch besonders.

Weißt du, was ich mir wünsche?, fragt Alexander leise.

Was?

Dass wir jeden Sonntag gemeinsam hier sind. Ohne Pläne, einfach das Leben spüren.

Anna lächelt. Abgemacht. Jede Woche.

Und so laufen sie, gemeinsam, in einen neuen Alltag ohne Garantie, aber mit Willen, es diesmal besser zu machen. Das ist wahre Familie.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

„Ich wollte doch kein Kind!“ – rief Alexander seiner Frau im Eifer des Streits zu, ohne zu ahnen, dass ihr Sohn hinter der Tür steht. (Erzählung)
„Willst du dazu eigentlich mal was sagen?“ – fragte sie, während sie in meiner Küche stand Es war vor anderthalb Jahren im Winter, mein Sohn war 5 Monate alt. Der Bruder meines Mannes bat darum, mit seiner Freundin eine Woche bei uns bleiben zu dürfen. Wie kann man da nein sagen? Begeistert war ich nicht – schließlich war unser Baby gerade geboren, ich hatte kaum Zeit zum Schlafen oder Essen und die Verwandten sorgten nicht gerade für Entspannung. Aber gut, ich dachte, vielleicht helfen sie mir, ich kann mich etwas ausruhen und endlich wieder mit jemandem Tee trinken und reden. Sie kamen mit leeren Händen, um eine Woche bei uns zu wohnen – wenigstens ein kleines Geschenk fürs Baby hätte angebracht gewesen! Ich habe die Regel: In ein Zuhause mit Baby geht man nicht mit leeren Händen – so wurde ich erzogen. Aber offenbar herrschte bei ihnen eine andere Auffassung. Sie kamen geschäftlich, verrieten aber nicht, worum es genau ging. Ich gab mir Mühe, eine gute Gastgeberin zu sein: kochte, putzte, lernte sie besser kennen. Alles schien okay, doch während der Tage in unserem Haus bot sie mir kein einziges Mal Hilfe an – weder beim Kochen noch beim Putzen, noch bei der Versorgung des Babys, wenn ich Hausarbeit machte. Sie verschwand morgens für ihre eigenen Angelegenheiten, ihr Freund schlief bis mittags, mein Mann war bei der Arbeit – und ich rannte mit dem Baby durch die Wohnung. Sie kam wieder, legte sich auf die Couch, relaxte oder sah fern, während ich mich mit dem Säugling und dem Haushalt abmühte: draußen war Matsch, überall Dreckspuren im Flur, dazu musste gekocht, das Kind gefüttert und gebadet werden. Am dritten Tag war ich schon mit meinen Nerven am Ende. Ich sprach meinen Mann auf meine Beschwerden an, doch er zuckte nur mit den Schultern: „In Frauenangelegenheiten mischt sich ein Mann nicht ein.“ Am vierten Tag kam mein Mann nach der Arbeit, und die lieben Gäste fuhren ins Kino. Wir vier kochten gemeinsam etwas, aßen zusammen, dann kamen die beiden wieder, diesmal mit jeder Menge Bier und Knabbereien – natürlich nichts, was für eine stillende Mutter geeignet wäre. Wenigstens ein Stück Kuchen hätten sie besorgen können… Das glückliche Paar aß mit, dann schauten sie einen Film und riefen meinen Mann dazu. Da war ich gekränkt und holte sie zum Gespräch: – Entschuldige, aber könntest du mir nicht wenigstens einmal deine Hilfe anbieten? Du siehst doch, ich habe ein kleines Kind und bin total erschöpft. Du könntest wenigstens mal Kartoffeln schälen oder generell mal fragen, ob du helfen kannst. – Willst du mich etwa ermahnen? Ich glaube nicht, dass das angemessen ist! Ich bin doch auch erschöpft. (Wieso eigentlich – vom Sofa?) – Schau mal, Liebling, du bist in MEINER Wohnung, nicht umgekehrt. Ich bin nicht deine Gastgeberin, du bist mein Gast. – Ich habe keine Lust, mir das anzuhören! – Weißt du was, meine Liebe, pack deine Sachen und geh bitte! Sie packten und waren weg. Ich habe danach noch lange wegen des Ganzen geweint. Wie seht ihr das? Ist so ein Verhalten normal?