Die zweite Schwiegermutter
Eine Frau im Kittel der Reinigungskräfte lugte vorsichtig in das Büro des Besitzers der ästhetisch-chirurgischen Klinik Morgenstern. Sie hieß Jutta, und sie bemühte sich, so leise wie möglich zu sprechen, um die Chefetage nicht zu verärgern.
Ich habe gehört, es gibt eine Stelle als Junior-Masseurin?
Dr. Thomas Granich hob den Blick und sah sie streng an. In diesem Moment war er gereizt wie selten zuvor: Soeben hatte man ihm mitgeteilt, dass wichtige Verhandlungen mit Investoren gescheitert waren, und er hatte höllische Kopfschmerzen.
Und Sie wollen etwa, mit dem Wischmopp in der Hand, unsere Kunden massieren?
Nein, aber ich habe Online-Kurse besucht und sogar einen Lebenslauf geschrieben, sagte Jutta unsicher und reichte ihm ein ziemlich zerknittertes Blatt, das sie aus der Kitteltasche zog.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, betrat Granichs Stellvertreter, Levin Schuster, den Raum. Thomas massierte sich die Schläfen und fuhr ihn an:
Levin! Wieso treiben sich hier ständig Reinigungskräfte herum, wie es ihnen passt? Schmeiß sie bitte aus meinem Büro. Die Putzfrau hält sich wohl für eine große Masseurin! Raus mit ihr und klär das, damit so etwas nie wieder vorkommt!
Er griff nach Juttas Zettel, zerfetzte ihn in kleine Stücke und warf die Fetzen ihr vor die Füße.
Jutta kniff die Lippen zusammen, ging in die Hocke und begann, die traurigen Überreste einzusammeln. Tränen stiegen ihr in die Augen. Levin packte sie ohne Zögern am Arm, führte sie an Besuchern und Personal vorbei und schob sie in den Geräteraum.
Dort, am Rand einer alten, leergeräumten Sandkiste für Feuerlöscher, setzte sich Jutta mit letzter Kraft und brach in Tränen aus.
Erst seit kurzem arbeitete sie in der Morgenstern-Klinik. Von Putzen hatte Jutta nie geträumt; hier verdiente sie einfach mehr als anderswo. Und Dr. Thomas Nikolaus galt als angesehener Mann, ein Workaholic, selbst zum Erfolg gekommen, die Klinik eigenhändig aufgebaut.
Das stimmte tatsächlich: Granich war im Waisenhaus großgeworden. Seine Eltern kannte er nie; Zeit seines Lebens hatte er versucht, Spuren von ihnen zu finden, aber ohne Erfolg. Dafür war er erst Chirurg geworden und dann Meister im Bereich ästhetische Medizin. Prominente Schauspielerinnen und Gesellschaftsdamen reisten aus München oder sogar Berlin an und zahlten Unsummen für seine Behandlungen. Jedes Jahr erhöhte er die Preise und gönnte sich alles.
Deswegen hatte Jutta es überhaupt gewagt: Sie hatte von der freien Stelle gehört und entschieden, dass sie es wenigstens versuchen musste.
Sie träumte davon, Masseurin zu sein. Sie las Fachbücher, absolvierte ein Online-Medizinprogramm, so gut es eben ging. Aber weil ihr ein staatlich anerkanntes Diplom fehlte, durfte sie den Beruf nicht ausüben. Jutta sparte mühsam auf eine richtige Ausbildung, doch ihr Mann war eines Tages verschwunden mit dem gesamten Ersparten und ließ sie allein mit ihrer kleinen Tochter.
Erst später erfuhr sie, dass Sebastian ein Kleinkrimineller war, ein Hochstapler, der sich eine schicke Biografie zurechtgebastelt hatte. Die Scheidung zog sich lange hin: Er erschien nie zum Gerichtstermin. Für Svea erduldete Jutta alles, doch das war der Start ihrer Odyssee.
Mit Kind wurde sie nur zögerlich aufgenommen. Sie wohnten zu dritt in einer Einzimmerwohnung: Jutta, ihre Tochter und Mutter Annegret. Ein Luxusleben sieht anders aus manchmal lebten sie nur von der schmalen Rente der Mutter. Annegret war ein unverbesserlicher Optimist. Sie war früher Sportlerin, Geräteturnerin, willensstark und zäh. Sie kümmerte sich um die Enkelin, so dass Jutta wenigstens irgendwie arbeiten konnte.
Dann, ihrem Traum zuliebe, besuchte Jutta günstige Kurse. Das Zertifikat daraus lag nun in Fetzen Granich hatte es gerade zerrissen.
Sie wischte die Tränen ab, stand auf und putzte weiter. Einige Leute tuschelten, andere sahen weg. Zu Hause angekommen, begrüßte sie ihre Mutter mit einer guten Nachricht: Svea hatte im Kindergarten den Malwettbewerb gewonnen! Das Mädchen hatte eindeutig Talent, und Jutta versuchte, ihr gute Farben und Papier zu kaufen. Sie freute sich jedes Mal, wenn Svea sich in der Malschule entwickelte.
Der Putzeimer wurde immer schwerer. Als Jutta ihn ausschütten wollte, griff Bernd der Hausmeister nach dem Henkel. Er war der Einzige in der Klinik, der nicht von oben herabsah. Bernd war alt, sah Thomas Granich herablassend an und lächelte oft über dessen Überheblichkeit, als hätte er selbst vergessen, woher er kam.
Bernd war freundlich zu Jutta. Am Wochenende brachte er selbstgemachte Berliner mit, munterte sie auf, versuchte, sie aufzubauen. Durch ihn fand Jutta den Mut, mit diesem Lebenslauf zum Chef zu gehen.
Als sie ihn traf, brach sie erneut in Tränen aus.
Bernd tätschelte ihr den Arm.
Nicht weinen, Kindchen. Es wird alles anders.
Hätte ich nur nie gefragt Jetzt ist es noch schlimmer, schluchzte Jutta.
Granich ist heute nicht zurechnungsfähig. Versuch es ein andermal, schlug er vor.
Mir wurde verboten, ihn noch mal anzusprechen, murmelte sie. Was hab ich mir bloß gedacht? Ich glaubte, man kann sich hocharbeiten wie Granich Dabei ist er einfach nur ein arroganter Schnösel, stolz auf sein Diplom.
Bernd zuckte mit den Schultern. Jutta räumte das Putzzeug weg und ging nach Hause, mit Sorgen wegen Geld schon wieder zu knapp. Svea wollte ein teures Spielzeug woher nehmen?
Zuhause war nichts wie sonst. Annegret saß im Zimmer, versteckte die Tränen. Ein Stich durchfuhr Juttas Herz. Ihre Mutter war eine starke Frau, hatte viel durchgemacht. Weinte sie, dann war wirklich etwas geschehen.
Mama, was ist denn los? fragte sie leise.
Ach, alles gut, winkte Annegret ab.
Nun sag schon, drängte Jutta.
Die Mutter weinte.
Ich war heute beim Arzt. Bei der Routineuntersuchung vom Stadttheater mussten alle, selbst die aus der Garderobe. Und sie haben was gefunden. Es ist eine OP nötig. Sonst sagen sie, vielleicht bleibt mir noch ein Jahr. Die Warteliste ist riesig, Privat könnten wir das nie zahlen. Und die Tests müssen in München gemacht werden, hier fehlt das Gerät. Fahrten, Untersuchungen Ach, es ist so weit.
Mama, sprich nicht so, Jutta sprang auf. Wir finden eine Lösung.
Von deinem Putzgehalt und meiner Rente? lachte Annegret bitter. Klar, Kind. Aber weißt ja, aus Flicken näht man keine Hose.
Jutta konnte die ganze Nacht nicht schlafen, wälzte Möglichkeiten. Morgens stand ihr Entschluss: Sie musste noch einmal mit Granich reden, egal, was es kostete.
Aber an dem Tag ließ man sie gar nicht mehr herein. Sie sei wegen Personalabbau gekündigt. Man zahlte ihr drei Monatsgehälter zum Mindestlohn. Das wars.
Bernd, der Hausmeister, drängte sie noch, seine Nummer zu notieren. Mechanisch tippte Jutta die Ziffern, grübelte: Was nun? Einen Monat überstehen, und dann?
Aufgeben war sie nie gewohnt. Ihrer Mutter erzählte sie vom Jobverlust nur so nebenbei, als hätte sie selbst gekündigt, und begann neue Stellenanzeigen zu suchen. Ohne Qualifikation war das Gehalt überall niedrig. Dann fand sie eine neue Ausschreibung: Gesucht wurde eine Pflegehilfe. Keine medizinische Ausbildung nötig, es ging ums Kochen, Putzen, Begleiten.
Jutta seufzte. Peinlich war das nicht, schlimmer als Putzen auch nicht sie bewarb sich. Nach einer Stunde rief man sie zurück. Auftraggeberin sei eine wohlhabende, alleinstehende Dame.
Sie wurde gebeten, Lebenslauf und alle Papiere mitzubringen. Bald schon saß sie einer Frau namens Thea gegenüber, Leiterin der Personalvermittlung.
Ich sage es Ihnen offen: Keine Illusionen, erklärte Thea. Unsere Auftraggeberin ist schwierig. Sie wären die zehnte Pflegerin. Niemand hält es lange aus.
Jutta schluckte, schwieg aber.
Sie haben sicher den Namen schon gehört: Elsbeth Maria von Tannhof. Ein Pseudonym, sie hat den Namen oft gewechselt, ihr richtiger ist geheim. Sie war erster Star des Opernhauses. Sehr launenhaft dafür sehr vermögend. Man munkelt, einige reiche Verehrer haben ihr viel vererbt.
Mir ist das eigentlich gleich, sagte Jutta ruhig. Ich habe nicht den Luxus, zu wählerisch zu sein.
Falls Sie ein Kind haben: Kinder kann sie auf den Tod nicht ausstehen. Tiere genauso wenig. Sie selbst kann nur mit Rollator laufen, möchte aber von der Pflegerin im Rollstuhl gefahren werden. Probezeit sind drei Monate. Wenn Sie durchhalten, gibts einen Jahresvertrag plus Gehaltsverdopplung.
Jutta nickte. Schon das aktuelle Gehalt überstieg alles, was sie je verdiente. Es war die Chance, ihre Mutter zu retten sie wollte nicht scheitern.
Am nächsten Tag war Arbeitsbeginn um sieben.
Am Abend recherchierte Jutta schnell über von Tannhof. Sie fand alte Zeitungsartikel von vor zehn Jahren. Das Gesicht: Eine stämmige Frau mit rabenschwarzem Haar und strengem Blick. Die Fotos bereiteten sie nicht auf die Wirklichkeit vor.
Ein Security-Mitarbeiter öffnete die Türe. Elsbeth von Tannhof bewohnte eine prachtvolle Villa mitten in der Altstadt. Jutta war noch nie so einem Ambiente begegnet und fühlte sich fehl am Platz.
Was glotzt du so? Überlegst schon, was du klauen willst? krächzte eine Stimme.
Eine kostspielige E-Rollstuhl surrte ins Zentrum der großen Diele. Darin saß eine völlig ergraute, hagere Frau mit harten, überwachenden Augen.
Guten Tag, Frau von Tannhof stammelte Jutta.
Etwas lauter, kein Gebrummel! schnitt die Hausherrin ihr ab. Hände aus den Taschen, los! Und bloß keine Schuhabdrücke, mein Parkett ist unik! Da drüben sind Überzieher, anziehen! Zeit fürs Frühstück.
Hastig zog Jutta nicht die üblichen blauen Plastiküberzieher, sondern weiche aus Spezialstoff an, fast wie Operationshäubchen. Dann hastete sie hinterher.
Kämm mir die Haare. Aber vorsichtig! rief von Tannhof. Nicht so, um Himmels willen Was bist du denn für eine Tölpel?! Hier, das Haarnetz weg, dann erst den Perückenkopf bürsten!
Entschuldigen Sie, das war nicht eindeutig, Jutta war verunsichert.
Na herrlich, wieder so eine Stümperin, ätzte die Hausherrin. Wo machen die dich eigentlich, auf welcher Trottel-Fabrik? Bring Tee. Aber kalt. Sofort! Los!
Jutta verschwand Richtung Küche.
Nicht so trampeln! schrie von Tannhof hinterher. Der Boden wackelt unter dir, das hält ja kein Mensch aus!
Den Tee betrachtete die Hausherrin misstrauisch, als wolle sie Gift prüfen. Dann verzog sie das Gesicht und schüttete ihm Jutta über die Hände.
Du hast mit deinen Wurstfingern gegen meinen Ellenbogen gestoßen, selber schuld.
Jutta holte tief Luft.
Wo kann ich mich waschen?
Bad für Personal im Erdgeschoss, an der Tür. Und dann schielte sie herüber: Also, keine Widerworte?
Warum, erwiderte Jutta ruhig. Ich bin gespannt, wie viele Tricks Sie noch auf Lager haben.
Ha. Geh schon. Handtücher gibts da. Und nimm dir einen Gäste-Pyjama, deine Sachen kommen in die Wäsche.
Jutta tat, wie geheißen, und kam zurück. Bis zum Abend quälte von Tannhof sie mit ständigen Nörgeleien und kleinen Gemeinheiten. Jutta begriff rasch: Es war ein Test. Sie schwieg und hielt sich tapfer, sicher, dass der Fantasie der Hausherrin irgendwann die Luft ausgehen würde.
Gegen Abend beruhigte sich von Tannhof. Vor dem Schlafengehen bat sie um eine sanfte Massage. Als von Tannhof eingeschlafen war, brachte Jutta die Perücke weg und verabschiedete sich beim erstaunten Security.
Am andern Morgen begrüßte sie die nächste Schicht. Die war erstaunt und fragte:
Was Hast du gestern gemacht? Die pennt immer noch tief und fest, sagt unsere Putzfrau Gerda.
Nichts Besonderes, Jutta zuckte mit den Schultern. Vielleicht war sie einfach erschöpft.
An diesem Tag war von Tannhof munter und schnitt spitze Bemerkungen zu Juttas Kleidung und dass sie keinen Mann finde, wenn sie so wenig auf sich halte. Jutta nickte nur, bereitete alles für die Morgentoilette. Das mit der Perücke klappte besser.
Danach forderte von Tannhof, die Maniküre zu organisieren, sie in ein Kimono-artiges Hauskleid zu kleiden und in den Salon zu fahren.
Wem das diente, war bald klar.
Nachmittags erschien ein eleganter, graubärtiger Herr schmal, von einer Ballettänzerhaltung. Von Tannhof stellte ihn als alten Freund Oskar vor und verlangte Kaffee.
Jutta bereitete den Kaffee, hatte Angst, alles falsch zu machen, doch es gelang. In Anwesenheit des Gastes war die Hausherrin sehr manierlich.
Am Abend fragte sie plötzlich:
Was hast du gestern Abend mit mir gemacht?
Massage, erwiderte Jutta leise.
Ah, bist du Profi?
Nein, habe ich mir selbst beigebracht
Na gut, mach weiter, erlaubte von Tannhof gönnerhaft.
So endete auch dieser Tag mit Massage für die Hausherrin. Ihre Probezeit verflog so schnell, wie sie begonnen hatte. Jutta hatte nur einen freien Tag pro Woche, sah ihre Tochter kaum. Aber jetzt musste die Mutter nicht mehr arbeiten: Annegret war zu schwach für das Theater.
Mit der Hausherrin baute Jutta langsam ein Verhältnis auf. Von Tannhof beobachtete ihre Geduld und Charakter. Bald fragte sie:
Wie arrangiert deine Familie das? Du bist nur am Arbeiten.
Ich habe nur meine Mutter und meine Tochter. Wir haben keine Wahl.
Wie alt ist das Kind? Hat sie irgendwas, das ihr Spaß macht?
Sie ist fast sechs. Sie malt leidenschaftlich, Jutta blieb vorsichtig nach Theas Warnung.
Bring sie doch mal mit. Wir lernen uns kennen.
So durfte Svea manchmal mitkommen. Meist saß sie still in der Ecke, zeichnete mit Buntstiften oder Pastell. Einmal zeichnete sie Porträt von Frau von Tannhof so ähnlich, dass diese befahl, es rahmen und aufhängen zu lassen.
Nach und nach wuchs Vertrauen. Jutta hatte keine Angst mehr um ihren Job.
Von Tannhof litt an einer seltenen Gelenkerkrankung, die keiner Operation zugänglich war. Bei Schmerzattacken massierte Jutta besonders lange, es brachte Linderung. Eines Tages bat die Hausherrin Jutta, zusammen mit der Tochter zu bleiben, und gab ihnen das Gästezimmer für die Nacht.
Während Svea schlief, lag Jutta da und stellte sich vor, in dieser alten Villa zu leben der ganz besondere Geruch der Geschichte in jedem Raum.
Am nächsten Tag ging es von Tannhof besser. Sie und Svea frühstückten im Esszimmer, Jutta sollte ihr Büro allein reinigen: So etwas vertraue man nur ihr an!
Beim Staubwischen stieß Jutta auf ein altes, vergilbtes Fotoalbum. Nach getaner Arbeit brachte sie es ins Wohnzimmer.
Frau von Tannhof, darf ich reinschauen?
Die Zeiten und der Ruhm, schniefte von Tannhof. Los, zeig her. Hab ich lange nicht angesehen.
Sie setzten sich zu dritt an den Tisch. Erst kamen Bilder aus von Tannhofs Kindheit. Dann rief Svea aufgeregt:
Schaut mal, das ist doch Oma! Wir haben solch ein Foto zuhause!
Jutta traute ihren Augen nicht: Dort war tatsächlich Annegret als junge Frau.
Woher haben Sie das? hauchte Jutta.
Von Tannhof schaute lange in Juttas Gesicht.
Du bist Annies Tochter? fragte sie endlich. Ach, wie blind ich war. Ich fragte mich die ganze Zeit, an wen du mich erinnerst.
Warum ist das Foto meiner Mutter in Ihrem Album? Kannten Sie sich?
Natürlich, lachte von Tannhof schnaubend. Annie war meine Jugendfreundin. Gemeinsam geturnt, abends auf Walzer gegangen, im selben Hof gewohnt. Sie hatte mehr Talent fürs Geräteturnen. Ich ich wollte keine zweite Geige sein.
Und warum habt ihr euch entfremdet? Svea wurde neugierig.
So ist das Leben, seufzte die Hausherrin. Damals gabs einen gut aussehenden Trainer, Georg. Wegen ihm wurden wir Rivalinnen. Er blieb natürlich bei mir. Annie verlor die Nerven, flog aus dem Kader.
Das wusste ich nie Jutta war sprachlos. Aber wie war Ihr Name damals?
Ach, Siedler hieß ich. Und mein Georg hieß von Tannhof. Ich habe seinen Namen behalten, obwohl wir nach drei Monaten heiraten und scheiden ließen.
Von da an ließ Jutta nicht mehr locker: Sie musste die beiden alten Freundinnen zusammenbringen. Die Gelegenheit ergab sich bald.
Von Tannhof wollte, dass Jutta und Svea nochmal übernachten. Da Svea am nächsten Tag einen Ausflug hatte, holte Annegret sie ab.
Annegret kam im alten, geflickten Mantel ins Haus. Von Tannhof machte sich für die Nacht zurecht, ließ sich aber nochmal in die Diele fahren, wo Jutta Sveas Malkasten einpackte.
Wer ist da? Ich erwarte keinen, rief von Tannhof streng.
Guten Abend, Elsbeth, sagte Annegret ruhig. Es ist nicht so, dass ich mich über dich freue.
Gleichfalls, fauchte von Tannhof. Das Leben hat dich gezeichnet.
Wie andere auch, sagte Annegret. Aber ich hab wenigstens Tochter und Enkelin. Um dich kümmern sich fremde Leute. Hat dir die vielen Hochzeiten nichts gebracht?
Du hattest nie sowas, grinste von Tannhof. Und wie ich höre, lebst du noch mit deinem Mädchennamen?
Da lächelte Annegret sanft.
Ach, Elsie Du hast nie verstanden. Ich habe deine Karriere immer verfolgt. Sogar stolz auf dich, dass eines der Mädchen aus unserem Altbau Opernstar wurde. Und ich hab dir nie wehgetan. Erinnerst du dich an den Anruf vor fünf Jahren?
Von Tannhof wurde blass.
Damals, als ein junger Schauspieler dich umgarnte, fuhr Annegret fort. Du wolltest ihm beinahe die Villa überschreiben. Ich hörte, wie er backstage prahlte, er wolle dich in ein Altersheim stecken und hier mit seiner Neuen einziehen. Deshalb rief ich an, mit verstellter Stimme. Weiter nichts.
Das warst du du hast mich damals gerettet? hauchte von Tannhof.
Ich konnte dich nie hassen, seufzte Annegret. Ich hatte einfach Mitleid. Aber da konnte ich nicht anders.
Von Tannhof schlug die Augen nieder.
Du hast mir das Leben gerettet, sagte sie leise. Dieser Kerl hatte mir völlig den Kopf verdreht. Nach dem Anruf stellte ich einen Detektiv ein.
Gut gemacht, nickte Annegret. So, wir müssen gehen. Svea ist müde.
Bleib, Annie Wie gehts dir jetzt? hielt sie von Tannhof zurück.
Im Wohnklo, wie alle damals, Annegret seufzte. Keine Villa wie diese, aber wir kommen klar.
Also, genug, fuhr von Tannhof auf. Ab morgen zieht ihr hier ein. Zu viele Zimmer sind sowieso leer. Für Svea wollte ich längst ein richtiges Kinderzimmer. Und widersprich mir nicht. Uns bleibt nicht viel Zeit. Meinen Rest kenne ich.
Annegret sackte schwach auf eine Bank.
Noch etwa acht Monate.
Wovon redest du? fragte von Tannhof entsetzt. Krebs?
Das Herz. Aber für eine OP fehlt das Geld, winkte Annegret ab. Gesundheit kann man nicht kaufen. Nicht, wenn das Leben schon fast vorbei ist.
Also, der Umzug steht, dann sehen wir weiter, entschied von Tannhof. Ich schulde dir was. Und übrigens: Dass ich dir damals Georg ausgespannt habe, tut mir leid.
Erinnerst du dich an Vassili, den schönen aus der Schule? lachte Annegret. Heute fahren wir nach Hause. Morgen klären wir alles.
Mein Chauffeur bringt euch. Und morgen holen wir eure Sachen, Jutta hilft.
An diesem Abend konnte Frau von Tannhof kaum schlafen. Sie befragte Jutta über die Krankheit der Mutter, erinnerte sich an die eigene Jugend und bedauerte, wie sie ihr Leben vergeudet hatte. Der Edelmut ihrer alten Freundin rührte sie tief.
Eine Woche später erkannte man die Villa kaum wieder Handwerker, neue Tapeten, Möbelproben, alles wurde verschönert, als gelte es, eine Familie für immer einzuziehen.
Abends saßen von Tannhof und Annegret oft am großen ovalen Tisch, tranken Tee, erzählten sich Geschichten aus alten Zeiten. Und als nach kleineren Umbauten alles fertig war, verkündete von Tannhof beim Abendessen:
Annegret, ich habe deine Unterlagen einem Spezialisten gezeigt. In zwei Wochen wirst du operiert. Der Chirurg ein fantastischer junger Mann, Sohn eines Professors. Versprich, dass du ihn nicht zu sehr bezirzt.
Du hast etwa einen Platz bezahlt? Annegret war überwältigt. Aber wozu?
Doch kein Platz von der Kasse! Auf den wartest du ewig. Ich selbst habe alles bezahlt. Jetzt gibts kein Zurück, nur noch gesund werden. Svea braucht eine fitte Oma, immerhin ist ihre zweite Großmutter schon ein Krüppel.
Elsbeth, du bist verrückt Annegret kämpfte mit den Tränen. Das hättest du nicht tun müssen.
Was fang ich denn noch mit Geld an? Mitnehmen kann mans nicht. Du gehst ins Krankenhaus, Jutta betreut dich, und ich kümmer mich hier um Svea. Und übrigens, glaubs oder nicht, der Massage tut mir tatsächlich gut.
Zwei Wochen später lag Annegret in der VIP-Suite der städtischen Privatklinik. Operateur war Valentin Sieber ein junger, talentierter Herzchirurg, Sohn des bekannten Professors aus Frankfurt. Valentin war freundlich, bodenständig. Als er sah, wie Jutta sich kümmerte, sagte er mit warmer Stimme:
Ganz ehrlich: Solch innige Familien habe ich selten erlebt. Ihre Mutter hat großes Glück. Ich bin sicher Ihr Mann hätte auch Glück. Und die Kinder sowieso.
Ich habe nur meine Tochter, errötete Jutta. Aber sie ist die beste der Welt.
Das glaub ich sofort, lächelte Valentin. Ich hatte mal Pech. Habe jung geheiratet, obwohl die Eltern abraten. Sie wollte eigentlich den Professorensohn mit Geld Und ich landete in einer Miniwohnung in der Provinz. Damit wars vorbei mit der Liebe.
Sie werden Ihre Frau bestimmt noch finden, sagte Jutta still.
Vielleicht hab ich sie schon gefunden, flüsterte Valentin und blickte zum Fenster hinaus.
Jutta bemerkte selbst, dass sie den Arzt mit anderen Augen ansah. Kein strahlender Schönling wie Sebastian, aber ehrlich, ruhig, fürsorglich.
Die Reha von Annegret dauerte eine Woche. In dieser Zeit stand von Tannhof alles allein durch und kümmerte sich um Svea. Das Mädchen nannte sie jetzt schon Oma, sie wurde zur Familie.
Von Tannhof gab sich immer tapfer, doch abends, wenn Jutta massierte, spürte sie die Erschöpfung in den Muskeln der alten Dame. Selbst mit Rollstuhl fiel es ihr zusehends schwerer.
Eines Abends sagte von Tannhof:
Es ist Zeit, dass du nicht mehr für mich arbeitest.
Sie wollen jemand Neuen? Jutta erschrak.
Quatsch, lachte von Tannhof. Wozu eine Pflegerin, wenn das Haus sowieso voll ist? Du sollst endlich richtig Massage lernen. Ordentliche, anerkannte Ausbildung, mit Diplom. Schaffst du das?
Natürlich! Jutta strahlte. Nur Es kostet bestimmt viel.
Sieh mich als deine Fee, lächelte von Tannhof. Und einen Profi-Masseur im Haus zu haben ist praktisch. Ich übernehme die Ausbildung für medizinische Rehabilitationsmassage. Enttäusche mich nicht.
Jutta nahm an. Von Tannhof unterstützte die Familie nun ganz, doch Jutta wollte niemals nur von jemandem leben. Sie war sicher: Das wird sich für alle auszahlen.
Der Kursleiter war Herr Simon Bärwald, ein erfahrener Meister, der Jutta als Talent hervorhob. Bei der Diplomübergabe fragte er plötzlich:
Kennen Sie das SPA Vanille?
Natürlich, jeder will dort arbeiten der beste Ort in der Stadt, lächelte Jutta.
Ich habe es eröffnet, schmunzelte Bärwald. Ich fokussiere mich auf Reha nach Verletzungen. Es ist schwer, braucht starke Hände. Ihnen traue ich das zu. Wollen Sie bei mir anfangen?
Jutta nickte, den Tränen nah am Glück.
Nun lernte sie noch härter. Einen Teil der Weiterbildung zahlte Bärwald selbst als Stipendium. Nach kurzer Zeit arbeitete Jutta bei Vanille. Die Schichtzeiten waren familienfreundlich: Vormittags Arbeit, nachmittags Zeit für Mutter, von Tannhof und Svea.
Bald wollten die Gäste nicht nur zu Bärwald, sondern gezielt zu ihr.
Parallel vertieften sich die Gespräche mit Valentin. Erst freundschaftlich, dann immer wärmer. Er war seit einem Jahr in der Stadt, arbeitete als leitender Herzchirurg und träumte von Familie. Die drei gingen zusammen ins Theater, in den Park, ins Zirkuszelt.
Annegret kehrte zum Teilzeitjob zurück, doch von Tannhof lag immer häufiger krank im Bett. Die Schmerzen wurden schlimmer, Therapie half kaum, Massage linderte nur.
Valentin schickte nun auch Patienten zu Jutta in die Reha: Viele brauchten nach schlimmen Herzleiden gezielte Wiederherstellung. Sie fanden immer mehr gemeinsam.
Valentin war auch häufig Gast im Haus von Tannhof das Zuhause von Svea und Jutta und er bekam sogar so etwas wie den Segen der alten Dame.
Wage es bloß nicht, meine Mädchen je zu verletzen, bestimmte von Tannhof.




