Der Preis einer zweiten Chance

Der Preis einer zweiten Chance

Sebastian stand vor Katharina, hatte sich leicht nach vorne gebeugt und drängte sie sanft, alles zu erzählen. Seine Stimme war ruhig, fast zärtlich als ob er Angst hätte, seine Frau mit nur einem falschen Wort aufzuschrecken.

Erzähl mir doch einfach! Ich verspreche, ich werde nicht böse, sagte er, aber sein Blick verriet, dass seine Stimmung nicht mit dem Tonfall übereinstimmte. Katharina zuckte instinktiv zusammen in seinen Augen sah sie wieder diesen alten, misstrauischen Schatten, von dem ihr immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken lief. Außerdem waren wir damals ja getrennt, fügte er leiser hinzu.

Katharina seufzte schwer und biss sich nervös auf die Lippe. In ihr kochte eine Mischung aus Wut und Erschöpfung wie oft noch? Immer und immer wieder die gleichen Fragen, die gleichen Zweifel Sie versuchte, sich zusammenzureißen, aber die Emotionen bahnten sich ihren Weg ins Freie.

Gar nichts. Da war nichts! Ich kann diese endlosen Fragen nicht mehr hören, erwiderte sie lauter, als sie eigentlich wollte. Ein bitterer Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Warum hatte sie überhaupt zugestimmt, es noch einmal zu versuchen? Ihre Freundinnen hatten sie gewarnt, dass Männer wie Sebastian sich kaum ändern. Aber damals hatte sie geglaubt, dass ihre Liebe alles überwinden könnte und alle Warnungen in den Wind geschlagen.

Plötzlich war alle Sanftheit aus Sebastians Stimme verschwunden; jetzt klang er schneidend gereizt.

Ich kann ja auch Leonie fragen, sagte er entschlossen. Unsere Tochter wird mich ja wohl nicht anlügen.

Diese Worte trafen Katharina wie ein Schlag, ihr Gesicht wurde heiß, und ihre Stimme zitterte vor Empörung:

Nur zu! Aber vergiss nicht: Sie ist fünf Jahre alt und wurde das ganze Jahr über abwechselnd von allen möglichen Leuten betreut, sie richtete sich auf und ballte die Fäuste. Der Gedanke, dass ihr Mann nun auch noch ihre Tochter in ihren Streit hineinziehen wollte, empörte sie zutiefst. Ich musste arbeiten, um uns zu ernähren! Wen ich getroffen habe oder kennengelernt habe das geht dich nichts an, Sebastian! Ehrlich, du gehst mir langsam wirklich auf die Nerven! Ich habe dich schon einmal verlassen, was glaubst du, dass ich es kein zweites Mal schaffe?

Einen Moment lang schien Sebastian überrascht von ihrer plötzlichen Heftigkeit. In seinem Gesicht flackerte Verunsicherung auf, aber gleich darauf sagte er spöttisch:

Hast du überhaupt genug Geld für ein Ticket?

Doch als er bemerkte, wie abrupt Katharina erbleichte, ruderte er schnell zurück:

Entschuldige, das wollte ich nicht sagen. Ich war nur überrascht von deinem Widerstand. Ich hab doch versprochen, dass ich nicht eifersüchtig sein werde. Überleg dir das bitte nochmal.

Katharina überlegte nicht lange; sie griff nach dem erstbesten Gegenstand, der Sofakissen, und warf es in Richtung ihres davoneilenden Mannes. Natürlich richtete es keinen Schaden an, es streifte nur leicht seinen Stolz. Sebastian öffnete gerade den Mund, um etwas Giftiges zu entgegnen, da erschien Leonie im Türrahmen.

Das Mädchen mit dem rosa Rüschenkleidchen stürmte sofort fröhlich auf ihren Vater zu. Ihre Augen leuchteten, sie lachte und klammerte sich an sein Bein.

Papa! Bist du endlich wieder da? Ich hab dich so vermisst!

Sebastian warf Katharina einen triumphierenden Blick zu, als wolle er sagen: Siehst du, wen das Kind mehr liebt? Aber sein Gesicht wurde weicher, als er sich zu Leonie hinunterbeugte und sie in die Arme nahm.

Komm, mein Schatz, wir gehen ein bisschen spielen, sagte er liebevoll und hob sie hoch. Leonie lachte ausgelassen, als er sie in die Luft warf und wieder auffing. Die Mama braucht jetzt mal ein bisschen Ruhe.

Katharina stand am Spülbecken und krallte sich so fest an das Geschirrtuch, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. In ihr brannte es vor Enttäuschung: Super, jetzt wendet er auch noch die Tochter gegen mich, schoss es ihr durch den Kopf. Sie kämpfte gegen die Tränen an. Nein, jetzt reicht es ich gehe.

Sie hatte innerlich längst entschieden: In einer Woche würde sie das Zertifikat für ihre Fortbildung bekommen der Kurs war fast vorbei, das Dokument musste sie nur noch abholen. Dann würde sie sofort ein Flugticket kaufen. Wohin auch immer, nur weit weg von hier. Sebastian glaubte wohl, ich hätte kein Geld und könnte nicht weg. Dabei leben wir im 21. Jahrhundert mit ein paar Klicks findet man einen Homeoffice-Job, Angebote gibt es mehr als genug.

Langsam löste sie sich vom Spülbecken, ließ das Tuch los und trat ans Fenster. Ihr Blick glitt hinaus auf die belebte Straße Menschen unterwegs, Autos im dichten Verkehr, die Schaufenster begannen schon, im abendlichen Licht zu leuchten.

Wenigstens eines ist gut, dass wir hierhergezogen sind, murmelte sie. Hier gelten die Abschlüsse was, einen Job zu finden wird keine große Sache. Und zur Not: in jeder Stadt.

Zum ersten Mal seit Langem wurde ihr etwas leichter ums Herz sie fühlte sich nicht verzweifelt, sondern entschlossen. Der Plan stand, die Entscheidung war endgültig. Bald nur noch das Zertifikat abholen, Sachen packen und einen Neuanfang wagen

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Warum, fragt sich Katharina selbst, hatte sie Sebastian überhaupt eine zweite Chance gegeben? Wahrscheinlich, weil er so überzeugend von seiner Veränderung gesprochen hatte: nie wieder die alten Fehler, versicherte er, und wolle der beste Mann und Vater werden, den es gibt. Damals war sein Blick hoffnungsvoll gewesen, seine Stimme voller Emotion ihr blieb nichts anderes übrig, als zu glauben. Sie malte sich eine glückliche Familie aus, Spaziergänge zu dritt im Stadtpark, gemeinsame Feste, Zukunftspläne

Nur: Es blieb bei Versprechungen. Die ersten Wochen war Sebastian noch freundlich half mit der Tochter, kochte sogar, freute sich, wenn Katharina von ihren kurzen Spaziergängen zurückkam. Aber bald kehrte der alte Trott zurück. Die Vorwürfe fingen wieder an, das Misstrauen, die endlosen Fragen: Wo warst du?, Wieso hast du so lange gebraucht?, Mit wem hast du am Telefon gesprochen?

Warum sie sich damals überhaupt getrennt hatten? Untreue war es nie, weder von ihm, noch von ihr. Aber Sebastians Eifersucht durchdrang alles gegenüber jedem Mann, ja, manchmal schien es, als wäre schon der Briefträger zu viel. Katharina konnte keinen Job antreten irgendwo waren immer männliche Kollegen, und das war bereits Anlass für Krach. Selbst ein Besuch bei den Eltern wurde problematisch, weil da ein alleinstehender Nachbar wohnte, der höflich die Tür aufhielt Sebastian hatte das als Beweis für Interesse gewertet.

Treffen mit ihren Freundinnen? Unmöglich. Erst schmollte er, dann regte er sich immer heftiger auf:

Deine Freundinnen wollen doch sowieso nur eins Männer anflirten.

Sie dürfen das doch, sie sind Single! konterte Katharina. Ihr tat es leid um ihre Freundinnen, die einfach mal austauschen oder Ablenkung wollten. Sie wünschen sich schließlich auch einen Partner!

Dann sollen sie das allein machen! Verheirateten Frauen brauchen sie kein schlechtes Beispiel zu geben, schnappte Sebastian beleidigt.

Mit der Zeit riefen die Freundinnen seltener an dann gar nicht mehr. Katharina versuchte, ihnen die Situation zu erklären, aber sie verstanden es nicht: Wie, du darfst dich nicht mal für zwei Stunden mit uns treffen? Wie meint er das? Am Ende verlor sich der Kontakt, und Katharina war isoliert. Mit wem sollte sie überhaupt noch reden? Ihre Eltern wohnten in einer anderen Stadt, Freunde gabs keine mehr, Kolleg:innen auch nicht sie kümmerte sich nur noch um die Tochter, die ständig Hunger hatte, getröstet und bespielt werden wollte.

Eines Abends, beim Abendessen, platzte Sebastian raus:

Zeit für ein zweites Kind.

Katharina erstarrte mit dem Löffel in der Hand. Eben hatte sie fast eine halbe Stunde gebraucht, um Leonie zwei Löffel Brei einzuflößen; das Mädchen murrte, schmollte, wollte dann gar nichts mehr und lachte ausgelassen, als sie den Teller umkippte. Katharina wischte erschöpft den Tisch, blickte ihren Mann an. Er sah, wie fertig sie war, dass sie fast schon am Ende war und schlug trotzdem ernst vor, ein zweites Kind zu bekommen. Ihr wurde kalt ums Herz: Wie konnte er so etwas verlangen, wenn sie sich mit einem Kind schon am Limit fühlte?

Du scheinst ja neuerdings jede Menge Zeit zu haben, fügte Sebastian noch spöttisch hinzu, legte sein Besteck beiseite und verschränkte die Arme. Du hast doch über die Fortbildung mit deiner Schwester geschrieben. Aber wozu? Arbeiten wirst du ja sowieso nicht gehen.

Katharina fühlte, wie ihr die Kehle eng wurde. Sie ballte unter dem Tisch die Tischdecke in der Hand zusammen und bemühte sich um Fassung. Sie wollte so gerne weiterkommen, Neues lernen das war ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Ich möchte mich weiterentwickeln, was ist so schlimm daran?, fragte sie leise, mit zitternder Stimme, schaute ihrem Mann aber dabei direkt in die Augen.

Siehst du zu viel Freizeit. Warte, wenn der Sohn erst da ist, dann hast du keine Zeit mehr für Hirngespinste, erwiderte Sebastian und machte damit klar, dass er die Entscheidung längst für sie beide getroffen hatte.

Mit diesem Vorschlag war Katharina völlig überrumpelt. Noch ein Kind? Sie kam doch mit einem kaum zurecht! Ihr Alltag war ein Endloslauf: Leonie füttern, bespaßen, beruhigen, ins Bett bringen Und Sebastian meinte es ernst in seinem Blick lag kein Anflug von Humor.

In ihrem Innersten beschloss sie: Ab sofort muss sie heimlich verhüten, Zeit gewinnen, einen Plan machen um sich und Leonie zu schützen. Sie wusste jetzt: So geht es nicht weiter.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war Sebastians Verbot, zum Geburtstag ihres Bruders zu fahren. Zu viele fremde Männer dabei, angeblich zu gefährlich. Sie versuchte es ihm zu erklären, dass es ihr eigener Bruder war, dass fast nur Familie da wäre doch er stellte sich taub.

Da hielt sie es nicht mehr aus.

Während Sebastian auf der Arbeit war, packte Katharina resolut alle Sachen von sich und ihrer Tochter. Ihre Hände zitterten leicht, aber sie versuchte, systematisch zu bleiben. Dann rief sie ihren Bruder an der verstand sie sofort und kam ohne Zögern, half beim Tragen und mietete einen kleinen Transporter.

Leise und beinahe heimlich verließ sie die alte Wohnung. Sie ließ einen Zettel auf dem Küchentisch zurück: Es tut mir leid, so geht es einfach nicht mehr. Ich will, dass Leonie in Ruhe und Frieden aufwächst.

Am gleichen Tag reichte Katharina die Scheidung ein.

Das Ganze ging natürlich vor Gericht. Sebastian forderte eine Versöhnungsfrist, warf mit Vorwürfen nur so um sich nannte sie eine schlechte Mutter, behauptete, sie würde seine Fürsorge nicht schätzen, denke nur an sich. Er fuhr ihr ständig ins Wort, ließ sie kaum zu Wort kommen.

Die Richterin eine ältere Dame mit müden Augen hörte beide Seiten an, unterbrach Sebastian mehrmals, bat um einen sachlichen Ton. Sie lehnte die Versöhnungsfrist ab und sprach die Scheidung noch am selben Tag aus.

Ich sehe keine Basis mehr, diese Ehe fortzusetzen, erklärte sie klar. Und ich habe großes Mitgefühl mit Ihnen, Katharina. Fünf Jahre in so einer belastenden Situation zu überstehen das ist wirklich schwer.

Katharina nickte nur. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich erleichtert, sie hatte das Richtige getan.

Nach der Scheidung zog Katharina zu ihren Eltern, suchte sich einen Job und fing langsam an, wieder glücklich zu leben. Der Umzug war nicht leicht das Packen, die Fahrt mit Leonie, die Gespräche mit der Familie Aber als sie das Haus ihrer Kindheit betrat, war es, als würde eine riesige Last von ihren Schultern fallen.

Sie meldete sich zum Kurs für Grafikdesign an davon hatte sie lange geträumt, aber früher hatte Sebastian solche Interessen immer als Zeitverschwendung abgetan. Jetzt stürzte sich Katharina mit Feuereifer ins Lernen: Sie übte Programme, zeichnete erste Designs, experimentierte mit Farben und Schriften. Das Lernen gab ihr Energie und machte sie zuversichtlich.

Nach und nach fand sie neue Freunde: Zwei Frauen aus dem Kurs, Kolleginnen, die Mutter eines von Leonies Spielkameraden, die sie auf dem Spielplatz kennengelernt hatte Katharina begann sogar, sich auf Kaffee-Dates zu treffen, ganz entspannt, einfach zum Plaudern. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wirklich frei keine Verbote mehr, kein Druck, keine Überwachung.

Abends saß sie gern auf der Veranda ihrer Eltern, trank Pfefferminztee aus ihrer Lieblingstasse mit Blumenmuster. Draußen im Garten spielten Leonie und ihre Cousins und Cousinen sie jagten sich, bauten Buden aus Brettern, fütterten Tauben mit Brotkrumen. Leonie lachte unbeschwert, und Katharina spürte, wie ihr Herz warm wurde. Wenn sie ihre Tochter beobachtete, wusste sie, dass alles richtig war.

So muss es sein, dachte sie beim Teeschlürfen. Ohne Geschrei, ohne Verdächtigungen, ohne Angst, das Falsche zu sagen. Einfach nur leben, sich freuen und miterleben, wie das eigene Kind glücklich aufwächst.

Allmählich kam Zuversicht zurück. Sie schmiedete Pläne: Den Kurs beenden, kleine Aufträge annehmen, vielleicht bald eine eigene Wohnung unweit der Eltern Aber nach einem Jahr tauchte Sebastian wieder in ihrem Leben auf.

Katharina schlenderte gerade über den Wochenmarkt, suchte schöne Äpfel für einen Kuchen. Sie prüfte jede Frucht, wählte die schönsten rot-gelbe, knackige Exemplare. Die geschäftige, freundliche Marktatmosphäre tat ihr gut.

Plötzlich spürte sie einen starrenden Blick im Rücken. Sie drehte sich um und da stand Sebastian, nur ein paar Meter entfernt.

Er sah verändert aus: abgemagert, schärfere Gesichtszüge, tiefe Augenringe. Die Kleidung hing an ihm, aber der Blick war wie immer: prüfend, stets darauf bedacht, jede Regung zu deuten.

Katharina , sagte er leise und machte einen Schritt auf sie zu. Seine Stimme war ungewohnt weich, fast unsicher. Ich habe dich überall gesucht.

Unwillkürlich wich Katharina mit ihrem Einkaufskorb zurück, klammerte sich daran wie an einen Schutzschild.

Warum?, fragte sie mit zittriger Stimme, blieb aber äußerlich gefasst, während ihr Herz raste.

Ich habe mich verändert, kam Sebastian näher, aber blieb auf Abstand, als hätte er Angst, sie zu verschrecken. Wirklich. Ich habe gemerkt, was ich verloren habe. Und ohne euch kann ich nicht leben.

Ein Kloß stieg ihr in den Hals, Erinnerungen überfluteten sie: ihr erster Tanz im Sommerregen, Leonies Freudenquietschen im Kinderwagen, die gemütlichen Abende am Kamin, als Sebastian der Tochter vorlas und sie dabei an ihrem Schal strickte All das war licht und fern.

Gib mir nur eine Chance, flehte Sebastian. In seinen Augen lag Hoffnung, echt und unverstellt. Nur die Eine. Ich werde alles anders machen. Du wirst sehen.

Er schaffte es, sie irgendwie zu erweichen und Leonie vermisste ihren Vater sehr, das war nicht zu übersehen. Das Mädchen fragte oft: Wann kommt Papa?, Hat er uns vergessen?, oder malte Bilder, auf denen sie zu dritt händchenhaltend zu sehen waren. Katharinas Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

Schließlich sagte Katharina zu, gab aber klare Bedingungen: keine neue Heirat, zumindest zwei Jahre lang nicht. Sie sah Sebastian dabei fest an:

Keine Urkunde, kein neues Jawort. Nicht, bevor ich merke, dass es wirklich anders ist. Ich will frei mit Freunden und Familie reden, arbeiten ohne Kontrolle. Einverstanden?

Natürlich, na klar, antwortete Sebastian sofort eifrig, fast zu eifrig, und Katharina wurde misstrauisch.

Er zog mit seiner Familie ans andere Ende Deutschlands. Zuerst war Katharina begeistert neue Stadt, neue Eindrücke, alles auf Null. Doch bald bemerkte sie Seltsames: Sie war vollkommen isoliert. Keine Freunde, keine Bekannten, keine Kolleginnen alles lag zurück in der alten Heimat. Dank Zeitverschiebung rutschten Telefonate mit den Eltern meist auf die Wochenenden, und immer war Sebastian dabei.

Er schlug unverbindlich vor:

Ruf deine Eltern doch abends an, da ist es bei ihnen früh, oder wartest noch bis zum Sonntag?

Immer, wenn Katharina das Telefon nahm, war Sebastian zufällig im Zimmer und fragte: Was hat deine Mutter gesagt? Wie fand dein Vater unsere neue Wohnung?

Vor allem aber ließ ihn die Vorstellung nicht los, dass Katharina in dem Jahr der Trennung jemanden hatte und er hakte pausenlos nach:

Komm schon, sei ehrlich war da jemand? Ich verspreche, ich bin nicht eifersüchtig. Nur die Wahrheit.

Egal was Katharina sagte, er glaubte ihr nicht. Sie erklärte, dass sie nur mit Leonie und dem Job zu tun hatte, keine Zeit und Lust auf andere Männer doch Sebastian schüttelte nur den Kopf:

Ach komm, du bist nicht mehr wie vorher. Da war jemand, stimmts?

Er kontrollierte ihr Handy, lauschte Telefonaten, befragte sie nach jedem Kontakt mit Nachbarn oder Paketboten:

Worüber habt ihr gesprochen? Wieso hat das so lange gedauert? Was wollte er?

Katharina erklärte sachlich, dass der Paketbote nur nach dem Namen gefragt hatte oder die Nachbarin wegen Urlaub Ersatz suchte, aber Sebastian grummelte misstrauisch:

Komisch, immer diese Zufälle.

Eines Abends Leonie schlief schon , eskalierte es:

Du schreibst schon wieder mit jemandem!, fuhr Sebastian sie an und riss ihr unvermittelt das Handy aus der Hand. Wer ist das? Dein Liebhaber?

Gib sofort her!, rief Katharina und sprang auf, der Kopf wurde heiß, die Hände zitterten. Das ist Steffi, meine Freundin! Wir wollten uns morgen mit den Kindern im Park treffen! Ich hab dir von ihr erzählt!

Klar doch, Freundin, meinte Sebastian zynisch, ließ dabei das Handy nicht los und checkte die Nachrichten. Und warum dann Smileys? Schon wieder am Flirten?

Was stimmt eigentlich mit dir nicht?!, schrie sie auf, zügelte sich dann aber, um die Tochter nicht zu wecken, und wurde leiser: Warum kannst du mir nicht einfach vertrauen? Ich hab dir vertraut, dass du dich änderst und jetzt geht das alles wieder von vorn los! Kontrolle, Eifersucht, Druck Es hat sich nichts verändert!

Sebastian verharrte mit dem Handy, einen Moment lang schien er wirklich zu merken, wie das alles auf sie wirkte, doch gleich war sein Gesicht wieder hart und die Stimme eisig.

Wenn du nichts zu verbergen hast, zeig mir die Nachrichten oder hast du Angst?

Nein! Katharina riss ihm das Handy aus der Hand, trat einen Schritt zurück und hielt es schützend an die Brust. Schluss jetzt. Ich habe ganz klar gesagt: Keine Kontrolle mehr, keine Verhöre. Wir hatten eine Abmachung, und du brichst sie!

Was willst du denn machen?, fragte Sebastian mit Drohung im Ton und trat einen Schritt näher. Du hast doch kein Geld, keinen Job Du kannst nicht einmal eine Wohnung mieten!

Da irrst du dich, entgegnete sie ruhig. Katharina richtete sich auf, schaute ihm tief in die Augen. Sie spürte Kraft, die sie lange verloren geglaubt hatte. Ich hab Grafikdesign gelernt, habe ein Portfolio. Steffi hat mir schon die ersten kleinen Aufträge verschafft das ist erst der Anfang. Weißt du was? Ich habe keine Angst mehr. Ich weiß, ich kann es alleine schaffen.

In diesem Moment hörte Katharina das verschlafene Rufen ihrer Tochter aus dem Kinderzimmer:

Mama? Warum schreist du?

Ohne Zögern lief sie hinein, setzte sich an Leonies Bett, schlang die Arme um sie und vergrub das Gesicht in ihrem weichen Haar.

Alles gut, Liebling, flüsterte sie sanft. Mama hat entschieden: Wir gehen auf eine Reise. In eine Stadt, wo die Sonne scheint und du so viel draußen spielen kannst, wie du willst. Möchtest du das?

Leonie lächelte schläfrig und schmiegte sich an sie.

Sebastian stand in der Tür, wirkte auf einmal verloren, ja ratlos. Zum ersten Mal seit Jahren schien er zu begreifen, dass Katharina wirklich gehen könnte und diesmal für immer.

Willst du wirklich gehen?, fragte er leise, ohne Drohung, ohne Ärger, nur fassungslos.

Ja, antwortete Katharina unbeirrt, streichelte Leonie und sah Sebastian fest in die Augen. Diesmal gehe ich endgültig. Für Leonie und mich. Wir brauchen Ruhe und Geborgenheit. Mit dir ist das nicht möglich. Es tut mir leid.

***********************

Sebastian versuchte alles erst tobte er, dann flehte er, wechselte zwischen Versöhnung und Drohungen. Doch Katharina blieb standhaft. Sie ließ keine Diskussion mehr zu, bei jedem Kontaktversuch blieb sie bei denselben Worten: Es ist vorbei. Es bleibt dabei.

Leonie hatte anfangs sehr unter der Trennung gelitten. In den ersten Tagen fragte sie oft: Kommt Papa noch? Sehen wir ihn wieder?, manchmal weinte sie im Arm ihrer Mutter. Doch Katharina versuchte, sie liebevoll abzulenken. Sie fanden eine kleine Wohnung am Rand eines großen Parks hell, geräumig, mit Fenstern zum Grün. Neue Tapeten im Kinderzimmer, bunte Kissen, Regale für Spielzeug langsam wich die Traurigkeit.

Katharina meldete Leonie in einer Kunstschule in der Nähe an. Das Mädchen war begeistert schon nach dem dritten Mal hatte sie neue Freundinnen gefunden. Sie lachten, teilten Stifte, planten, welches Bild sie nächstes Mal malen würden. Leonie dachte immer seltener an die Streitereien der Eltern und konnte wieder Freude empfinden.

Anfangs rief der Vater täglich an. Fragte nach dem Tag, nach den Bildern, was Mama und sie erlebt hatten. Leonie erzählte gerne, von neuen Freundinnen, von Spaziergängen im Park. Aber nach und nach wurden die Anrufe weniger: erst jeden zweiten Tag, dann zweimal pro Woche, schließlich nur noch alle paar Tage.

Nach einem Monat schrieb Sebastian nur noch unverbindliche Nachrichten: Hallo Sonnenschein, wie geht’s?, Schönen Tag, meine Prinzessin! und überwies kleine Unterhaltsbeträge, die kaum die Malutensilien abdeckten. Bald war klar: Über die Tochter würde er Katharina kein zweites Mal erreichen. Mit seinen manipulativen Versuchen kam er nicht mehr durch Katharina blieb konsequent, und Leonie gewöhnte sich an das neue Leben.

Und endlich fühlte sich Katharina frei. Zum ersten Mal seit Jahren konnte sie aufatmen. Abends gingen sie und Leonie im Park spazieren: fütterten Enten am Weiher, sammelten bunte Herbstblätter, ließen gemeinsam einen Drachen steigen, den Leonie selbst ausgesucht hatte. Das Mädchen rannte lachend über die Wege, zeigte ihr jeden besonders schönen Ahornzweig und Katharinas Herz wurde leicht. Sie konnte sich nicht erinnern, ihre Tochter je so unbeschwert erlebt zu haben.

Und immer, wenn sie dieses Lächeln sah, wusste sie: Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Der Weg war steinig, den Neubeginn musste sie sich erkämpfen, aber die Freiheit, die Ruhe, das neue Glück waren es wert. Nun hatten sie ihren eigenen, sicheren, fröhlichen Kosmos ohne Angst, Misstrauen oder ständiges Misstrauen. Nur neue Chancen. Neue Freude. Ein echtes Leben in Freiheit.

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Homy
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Dreister Ultimatum