Ohne das Recht auf Schwäche

Ohne das Recht auf Schwäche

Komm bitte ich bin im Krankenhaus.

Marie verlor keine Zeit, sich umzuziehen. Sie zog hastig ihre Steppjacke über den weichen Hauspullover, der dabei etwas nach oben rutschte. An den Spiegel dachte sie nicht ihr Fokus lag auf der kurzen Nachricht, die von Albina vor einer halben Stunde eingetroffen war.

Ein Gefühl aus Angst und Ohnmacht legte sich wie Nebel auf Marie, als sie die Worte las. Eine Sekunde lang stand sie still, begriff nichts; dann schüttelte sie heftig den Kopf jetzt war es wichtiger, da zu sein, als sich Sorgen zu machen. Sie schnappte Schlüssel und Handy von der Kommode und lief zur Tür, schnürte im Gehen ihre Stiefel.

Der Weg ins Krankenhaus dehnte sich ins Unendliche: Ampeln sprangen absichtlich auf Rot, Busse krochen im Schritttempo, Passanten gingen quer und niemand schien ihre Eile zu bemerken. Immer wieder schaute Marie auf das Display, als könnte dadurch eine neue Nachricht erscheinen. In ihrem Kopf wiederholten sich Fragen Was ist passiert? Wie schlimm ist es? Warum Krankenhaus? doch das stumme Handy wuchs zur lastenden Drohung.

Langsam öffnete sie die Tür zur richtigen Station, betrat vorsichtig das Zimmer. Ihr Blick fiel gleich auf Albina, die reglos auf einem schmalen Krankenhausbett lag und an die Neonlichter im Deckenhimmel starrte, als suchte sie dort eine Antwort. Normalerweise trug Albina das Haar mit viel Sorgfalt und Stil, doch nun war es zerzaust, hing in Strähnen um die Stirn, hier und da verknotet wie ein unterbrochener Zopf.

Marie bemerkte weitere Details: Die Wangen von Albina wirkten fahl, dunkle Schatten brannten unter den Augen. Getrocknete Tränen zogen feine Bahnen über ihr Gesicht. Dieses Bild von innerem Ausnahmezustand ließ Maries Herz schmerzhaft eng werden.

Sie setzte sich leise und vorsichtig an den Bettrand, ihr Tonfall wurde fast flüsternd, als hätte sie Angst, ihre Worte könnten verletzen:

Albina, was ist passiert?

Träge wendete Albina den Kopf. Ihre Augen waren trocken, aber in ihrem Blick lag jene tiefe, schwer fassbare Traurigkeit, wie man sie nur aus den Schatten eines Alptraums kennt. Marie merkte plötzlich: Wie zerbrechlich ist ihre Freundin eigentlich?

Er ist weg, hauchte Albina, ihre Finger umklammerten das Laken wie einen Rettungsanker. Die Knöchel stachen weiß hervor, als wollte sie sich an das letzte Stück Vertrautheit krallen. Hat seine Sachen gepackt und gesagt, er kann nicht mehr.

Wer? Andreas? Maries Stimme überschlug sich, sie packte Albinas Hand ganz automatisch, als könnte sie sie einfach zurückholen aus dem Sog ihrer Gedanken.

Albina nickte stumm. Genau in dem Moment gewann eine einzige Träne die Oberhand, kroch langsam ihre Wange hinab, zeichnete einen feuchten Streif auf die matte Haut. Sie wischte sie nicht fort; für so einfache Bewegungen fehlte ihr offenbar jede Kraft.

Marie schluckte, ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie wollte Worte finden, erleichternde, tröstende, aber ihr Kopf war leer. Es schien ihr absurd: Der Mann, der sich so nach Kindern sehnte, hatte einfach aufgehört?

Im Raum war nur noch das Ticken der schmierigen Bahnhofsuhr zu hören, als ob sie zu jeder verstrichenen Sekunde Trostlosigkeit hinzufügen wollte. Albinas Schultern bebten, die Finger kämpften immer noch um Halt. Schließlich hob sie die Hände und bedeckte ihr Gesicht und in dieser simplen Geste lag eine Abgrundtiefe Müdigkeit, dass Marie die Luft für einen Moment wegblieb.

Minuten verstrichen, vielleicht auch Stunden Zeit besitzt im Traum eine andere Form. Allmählich wurde Albinas Zittern schwächer, der Atem ruhiger. Sie wischte die Tränen mit dem Handrücken ab, sah zu Marie in ihren Augen stand immer noch Schmerz, doch jetzt spiegelte sich darin etwas Bitteres, etwas endgültig Akzeptiertes.

Und der Grund? leise, fragil, fast zerbrechend kam Maries Frage. Sie jonglierte mit den Worten, wollte Wunden nicht wieder aufreißen und doch musste sie verstehen, um helfen zu können. Hat er es zumindest erklärt?

Albina verzog die Lippen zu einem Lächeln, das ohne Freude war, aus reiner Bitterkeit.

Die Kinder, die Stimme flackerte. Sagt, er kann nicht mehr: schlaflose Nächte, dauernder Lärm, immer diese Verantwortung. Stell es dir vor, Marie. Dabei hat er selbst gedrängt: Wir schaffen das, das ist unser Glück, wir müssen kämpfen!

Worte, noch vor kurzem ein Versprechen, klangen jetzt wie eine Parodie.

Wir sind von Arzt zu Arzt gerannt, Tests, Eingriffe Ich habe so viel durchgemacht, so viel Schmerz so viele Tränen!

Ihre Stimme erstarb, sie atmete tief, kämpfte sich zurück.

Ich dachte immer, wenn wir das gemeinsam durchstehen, bleibt auch alles zusammen. Komm, was wolle. Aber anscheinend habe ich mich getäuscht.

Sie blickte zum Fenster, draußen sammelte sich still das Altberliner Grau des Abends.

Zwölf Jahre. Acht Versuche. Und alles einfach vorbei?

*************************

Ihre Geschichte begann wie eine surreale Szene aus einem alten UFA-Film: mühelos, hell, Liebe auf den ersten Blick. Lena und Andreas trafen sich auf einer WG-Party im Prenzlauer Berg: Musik, Lachen, Stimmen, die sich zu einem einzigen Strom überlagerten. Andreas stand mit einem Glas Apfelsaft am Fenster, als eine lachende Lena mit geflochtenem Haar und Sommersprossen ins Zimmer wirbelte. Ihr Lächeln? Warm wie frisch gebackenes Brot am Sonntagmorgen.

Er ging hinüber: Das Gespräch floss sofort, als kannten sie sich seit immer. Sie redeten über alte Fassbinder-Filme, verhasste S-Bahnen, Urlaub in der Eifel. Die Zeit flog, und als die Party langsam verglühte, wollte Andreas sie nicht gehen lassen. Spaziergang? Sie bummelten durch das schläfrige, mit Gaslaternen erleuchtete Berlin, bis die Spree dunstig glitzerte.

Drei Monate später bezogen sie ihre Altbauwohnung. Bald stapelten sich seine Bücher neben ihren Skizzen auf dem Regal, ihre Lidschatten auf seiner Nachtkonsole, durcheinandergewirbelte Schuhe im Flur. Alles fügte sich wie ein Puzzle, natürlich fast zwangsläufig. Nach sechs Monaten heirateten sie. Die Feier war klein, Lachen, Schnaps, tanzen bis zum Umfallen.

Zum ersten Hochzeitstag saßen sie in Decken gehüllt auf dem Balkon, tranken Tee von KPM und knabberten Sahnetorte. Unvermittelt sah Andreas Lena an, griff nach ihrer Hand:

Ich will Kinder. Viele. Eine richtige Bundesliga-Mannschaft.

Sie lachte, umarmte ihn fest.

Aber ja, versprach sie. Unsere Familie wird groß und wild.

Alles erschien leicht und selbstverständlich: Liebe, Alltag, Kinder. Sie glaubten einfach daran.

Die ersten zwei Jahre ließen sie sich Zeit Lena entwarf Logos bei einer Kreuzberger Designagentur, Andreas kletterte in einem Münchener IT-Unternehmen aufwärts. Im Sommer fuhren sie an die Ostsee, im Winter in den Schwarzwald, am Wochenende mit der Bahn nach Leipzig oder Dresden. Sie teilten Erlebnisse, bauten einen eigenen kleinen Kosmos.

Dann beschlossen sie: Jetzt. Sie wollten eine Familie.

Die ersten Schwierigkeiten wirkten harmlos. Der Hausarzt meinte freundlich:

Machen Sie sich keinen Stress. Viele Paare brauchen etwas länger. Versuchen Sie es weiter.

Sie probierten es. Doch Monat um Monat blieb erfolglos, weitere Tests folgten. Endlose Blutentnahmen, Termine, neue Medikamente.

Vielleicht eine Behandlung sagte der Facharzt zurückhaltend.

Lena blieb optimistisch. Sie las Foren, führte Tabellen, lebte gesund Andreas begleitete sie tapfer ins Wartezimmer, blieb sanft und unterstützend.

Das Schicksal aber lachte schief. Beim ersten Mal, nach sechs Wochen Schwangerschaft, war alles mit einem Schlag vorbei kalter Klinikputz, ein Arzt im weißen Kittel schnarrte Neuigkeiten, Andreas umklammerte ihre Finger, Spuren blieben auf der Haut wie von Fenstersprossen.

Ein Jahr ging ins Land dann wieder. Fast identisch, nur wütender: Warum sie? Wo war der Fehler?

Sie gaben nicht auf. Neue Tests, andere Medikamente, stets die Hoffnung. Monat für Monat wurde die Stille nach jedem Versuch schwerer. Andreas war da, hielt ihre Hand, kochte Tee, schwieg, wenn Reden sinnlos war.

Die Diagnose Unfruchtbarkeit kam leise und beiläufig für Lena und Andreas ein tiefer, dumpfer Schlag. Sie saßen wie gelähmt in der Sprechstunde, nickten und fragten, aber im Innern war alles zu Staub.

Sie entschieden sich dennoch: Sie wollten es mit einer künstlichen Befruchtung versuchen. Erster Versuch. Zweiter. Dritter. Immer: Hoffen, fürchten, testen, in der Klinik warten, wieder hoffen, wieder bangen.

Dann wieder ein Rückschlag. Lena wirkte äußerlich ruhiger, aber Andreas sah, wie sie weniger lachte, wie sie auf den Spielplatz starrte oder nachdenklich am Fenster verharrte. Er erzählte Witze, kochte Kakao, versuchte Mut einzuflößen doch die Kräfte schwanden.

Wieder eine IVF. Wieder das monatelange, zermürbende Warten. Lena führte akribisch Listen, notierte jeden Wert. Andreas fuhr sie zu Terminen, drückte die Hand bei jedem Ultraschall, reichte Schokolade, wenn sie zu müde wurde.

Ihr Alltag musste trotzdem weiterlaufen: Arbeit, Freunde, kleine Ausflüge. Aber das Thema blieb wie eine Wolke über allem.

Eines Abends kam Lena einfach nicht aus dem Bad. Andreas klopfte, öffnete vorsichtig die Tür sie saß am Rand der Wanne und hielt einen Test in der Hand, ihre Augen blickten ins Graue.

Ich kann nicht mehr, sagte sie leise, ohne sich umzudrehen. Ich bin leer. Körperlich, seelisch Ich kann nicht mehr.

Andreas setzte sich einfach zu ihr, umarmte sie und schwieg. Er versuchte keinen Trost, keine Versprechen, hielt sie einfach still.

Nur noch ein Versuch. Letzter, bitte flüsterte er schließlich.

Lena schloss die Augen, atmete durch und nickte. Sie wusste: Es würde Schwerstarbeit. Aber Andreas Blick war voller Liebe, voller Hoffnung und sie stimmte zu. Für ihn. Für ihre Hoffnung.

Die achte Runde lief wie gewohnt: Untersuchungen, Blutabnahmen, Pläne. Lena wagte nicht zu träumen. Sie tat einfach, was Ärzte sagten.

Eingriff. Warten. Test. Und dann das Wunder: positiv.

Beim Ultraschall drückte sie Andreas’ Hand so fest, dass er zuckte, aber er zog nicht weg. Der Arzt fuhr über ihren Bauch, kommentierte, lächelte dann:

Sehen Sie. Zwei Herzschläge.

Lena wollte es kaum glauben. Auf dem Bildschirm zwei kleine, leuchtende, pochende Tupfer. Sie konnte sich vor Freude kaum mehr halten.

Ein Wunder hauchte sie.

Andreas wischte sich über das Gesicht und Lena sah: Er weinte. Wie am Tag ihrer Trauung. Glück, das so viele Jahre gebraucht hatte, um zu ihnen durchzusickern

Doch dann

Veränderte sich an einem gewöhnlichen Abend alles. Der Tag verlief ruhig, die Kinder glucksten, wurden gefüttert, gewickelt, sanft gebettet. Albina sang leise Schlaflieder, Milchduft und Fenistil mischten sich im halbdunklen Raum, das Nachtlicht projizierte ein Sternbild an die Wand.

Andreas kam später als sonst heim. Albina wunderte sich kaum; oft war er in letzter Zeit unterwegs. Sie hörte, wie er eintrat, Schuhe abstellte, Hände wusch. Dann wurde es still. Normalerweise spähte er ins Kinderzimmer, küsste die Mäuschen, fragte nach allem. Diesmal stand er einfach im Türrahmen und sah zu.

Sie spürte seinen Blick, schaute über die Schulter. Andreas hatte Schatten unter den Augen, Schulter schwer, die Handbewegungen hingen schlaff. Albina lächelte, wollte etwas sagen da kam es:

Ich gehe.

Albina erstarrte. Der Junge zappelte auf ihrem Arm, doch sie schaukelte ihn nicht, Zeit dehnte sich endlos.

Was? Ihr Kehlkopf quietschte, die Worte klangen fremd. Sag das nochmal.

Ich kann nicht mehr, wiederholte er nur. Die Nächte, der Lärm Ich halte das nicht durch.

Albina legte den Sohn sanft in sein Bettchen, drehte sich ganz zu ihrem Mann. Wie konnte man so etwas sagen, wenn man doch so lange gemeinsam alles erkämpft hat? Kinder das war doch ihr Ziel?

Aber wir haben gemeinsam so viele Jahre gestritten, ihr Ton zitterte. Du hast selbst gesagt, du gibst nie auf Erinnerst du dich? Wie du vor Freude geweint hast, als die Zwillinge bestätigt waren? Wie du die Namen ausgesucht hast fürs Kinderzimmer?

Andreas wich ihrem Blick aus, starrte auf den Boden.

Ich dachte, ich schaffe das. Aber es ist zu hart Ich kann einfach nicht mehr.

Albina machte einen Schritt suchte im Gesicht das Zögern, ein winziges Fünkchen Reue.

Und du verlässt uns? Mich, die Kinder?

Andreas atmete schwer, fuhr sich über die Stirn.

Ich brauche Zeit. Vielleicht kann ich zurückkommen aber jetzt geht es nicht.

Es kam ohne Schrei, ohne Krach, fast sanft. Das machte es so unerträglich. Albina stand einfach da, im Innern wurde ihr eiskalt; die Worte wie konnte es jemals so weit kommen? flackerten auf wie ein Irrlicht.

Im Kinderbett atmeten zwei kleine Menschen ruhig, ahnten nichts davon, dass ihr Universum gerade zerbrach.

Er ging. Die Tür klackte wie das Zuschlagen einer surrenden Jalousie und mit einem Mal war es ganz still, als wäre die Welt erstickt. Albina wartete. Sie hoffte, es sei ein böser Scherz und gleich tauchte Andreas mit einer Tasse Tee auf Doch der Flur blieb leer.

Schließlich trat sie ans Fenster, rückte die Gardine zurecht, sah wieder zu den Babys. Beide schliefen selig, ein Hauch auf ihren Wangen wie frischer Schnee. Sie kontrollierte die Händchen, tätschelte sanft: warm, weich. Dann zog sie sich zurück.

Die Wohnung war ordentlich, fast zu perfekt. Die Tasse Tee auf dem Küchentisch, die ausgelesene Brigitte auf dem Sofa, alles wie immer und doch war nichts mehr wie zuvor. Ohne Andreas war die Wohnung eine fremde, stille Hülle.

Albina ließ sich auf den Boden vor das Gitterbettchen gleiten, die Beine schwer, als sei sie zwanzig Kilometer gewandert. Sie schlang die Arme um ihre Tochter, die Kleine wärmte ihre Haut. Sonst tröstete sie dieses Gefühl immer, doch jetzt zitterte ihr Inneres.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich wirklich allein. Nicht nur müde, sondern vollkommen einsam. Früher, selbst an schlimmsten Tagen, stand Andreas wenigstens im Raum, brachte Tee oder hob das Baby auf einfach da. Nun: nichts.

Nur das gleichmäßige Schnaufen der Kinder füllte die Nacht. Albina beobachtete sie, suchte Gedanken, doch fand keinen einzigen. Wie sollte es weitergehen? Wie leben?

Die Tränen kamen langsam. Erst eine, dann zwei, dann viele stumm, ohne Schluchzen, rollten sie herunter, fielen auf den Schlafanzug der Tochter. Albina ließ es geschehen. Sie saß einfach da, hielt das Kind fest und weinte. Zum ersten Mal erlaubte sie sich, schwach zu sein.

Draußen versank der Tag langsam im Berliner Zwielicht. Aus dem Abend wurde Nacht, und Albina blieb einfach auf dem Boden sitzen, zu ängstlich, um diesen Moment der Ruhe zu beenden, den sie mit nichts außer sich selbst und ihren Kindern teilte.

****************************

Albina saß am Fenster der Krankenstation, die Knie fest umschlungen. Draußen taumelten Flocken auf den nassen Asphalt eines Traum-Berlins. Sie sah hindurch aber statt Schnees erlebte sie ein Panorama vergangener Jahre: lange Kämpfe, Hoffnungen, enttäuschte Freude. Immer wieder schallten Andreas letzte Worte in ihr nach, scharf wie Glassplitter.

Ich verstehe das einfach nicht, flüsterte sie, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. Wie kann jemand so einfach alles hinter sich lassen? Nach allem, was wir durchgemacht haben

Ihre Stimme war brüchig, aber sie weinte nicht mehr Tränen waren versiegt. Nur Fragen blieben. Unbeantwortet.

Marie, die bei ihr am Stuhl saß, erhob sich wortlos, umarmte ihre Freundin und hielt sie. Worte gab es keine. Andreas, der immer so liebevoll schien, war einfach weg und alles war anders.

Leise schüttelte Albina die Schultern, flüsterte:

Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll, sagte sie. Aber ich muss. Wegen ihnen.

Keine Heldinnenpose, sondern schlichte, unbeirrbare Festigkeit. Schlaflose Nächte, unzählige kleine Herausforderungen, Erschöpfung, die man niemandem zumuten konnte all das lag vor ihr. Aber ihre Kinder brauchten sie.

Marie drückte ihre Hand nur fester. Sie wusste ebenfalls nicht, wie man solche Wunden heilt aber in der Stille lag die Botschaft: Du bist nicht allein. Wir gehen zusammen weiter, Tag für Tag.

***********************

Einige Tage später schwebte ohne anzuklopfen Andreas Mutter in das Krankenzimmer. Sie hielt eine Tüte mit Äpfeln und Mandarinen in der Hand; eine Geste, die wie eine sarkastische Fußnote zu ihrem abwesenden Gesicht wirkte. Kurz analysierte sie das Zimmer, dann Albina.

Na ja, sagte sie, während sie langsam näher kam, du hast dich ja eingerichtet

Der Ton war nicht böse, aber distanziert als spräche sie zu einer Mieterin, nicht zur Schwiegertochter. Albina antwortete nicht, sie wartete ab.

Andreas Mutter legte die Tüte ab, stellte sich an den Tisch, Arme verschränkt, den Blick musternd.

Du weißt ja, dass das unausweichlich war, meinte sie. Andreas hat immer seinen Freiraum gebraucht. Zwei Babys, Krach, Müdigkeit Da hält nicht jeder durch.

Albina seufzte. Sie wollte protestieren, an Erinnerungen erinnern, an die Träume von Andreas. Aber sie schwieg es war ohnehin zwecklos.

Langsam drückte sie sich auf den Bettrand, spürte die Schwäche, die jede Bewegung zu einer Prüfung machte aber sie zwang sich, Haltung zu bewahren. Im Brustkorb breitete sich eine eisige Kälte aus, schwer wie Stahl. Sie sah Andreas Mutter an, wartete auf mehr Klärung, auf irgendeinen Sinn.

Du musst verstehen, fuhr die Frau fort, immer noch stehend, Andreas will nicht Vater sein. Aber materielle Hilfe bekommst du.

Albina umklammerte das Laken, versuchte alles zu sortieren aber ihre Gedanken waren sprunghaft.

Was meinen Sie? fragte sie vorsichtig, Ton fast ruhig.

Die ältere Frau sah kurz zum Fenster, als fiele es ihr schwer, Albina direkt anzublicken.

Andreas überlässt euch seinen Anteil an der Wohnung, formulierte sie sachlich. Das gilt ab jetzt als Unterhalt auf lange Sicht. Er will nicht zurückkommen, will aber, dass ihr keine Not leidet.

Im Zimmer lag nun kaltes Schweigen. Durch den Flur hallten Schwesterngespräche, draußen rollte die Straßenbahn aber für Albina war alles verdampft. Nur der kühle Klang ihrer Schwiegermutter und ihre kreisenden Gedanken blieben.

Sie krallte sich ins Laken, Knöchel weiß wie Schnee.

Er will also zahlen, um weg zu sein? fragte sie tonlos. Nicht Wut lag darin, sondern bitteres Entsetzen.

Tatjana hob das Kinn, sprach kalt:

Sei fair. Er tut, was er kann. Es ist eine schwere Phase. Verantwortung will er schon übernehmen aber eben nicht als Vater im Alltag.

Sie sagte das, als sei es das Natürlichste. Für Albina war das ein Schock. Hielten sie es wirklich für einen gerechten Kompromiss, das Leben eines Vaters gegen ein paar Quadrate Parkett? Lässt sich Liebe mit Geld ersetzen?

Glauben Sie wirklich, das funktioniert? fragte sie leise, fest. Einfach eine Schlüsselübergabe, und alles ist gut?

Die Frau zuckte die Schultern, als ginge es um ein Möbelstück.

Besser als nichts. Andreas lässt euch nicht hängen. Er hat seine Grenzen erkannt, und das ist das Leben. Daran muss man sich gewöhnen.

Und ich? fragte Albina vorsichtig, nach zwölf Jahren? Nach allem was wir durchgemacht haben?

Im Raum sammelte sich die Schwere unausgesprochener Geschichten Ärztebesuche, Hoffnung, Enttäuschungen, lange Nächte am Gitterbett. Alles so fern und doch sofort schmerzhaft präsent.

Das war deine Entscheidung, sagte Tatjana eisig. Aber ich warne dich: Ruf Andreas nicht dauernd an, mach kein Drama, lass die Scheidung laufen. Sonst

Die Andeutung hing wie eine Wolke im Raum. Albina zwang sich, den Blick zu halten.

Sonst? fragte sie leise.

Die Frau hob ihr Kinn noch einmal, als wolle sie die Lage prüfen.

Sonst gefährdest du diese Unterstützung. Und vielleicht auch die Kinder. Andreas hat sehr gute Anwälte. Er will keinen Streit aber falls du Krawall machst

Mit jener kalten Präzision lag die Drohung im Raum. Albina war wie betäubt. Sollte man jetzt auch noch Angst haben?

Ich überbringe nur seine Vorstellungen, sagte die Mutter, weicher nun, aber ohne Funken Mitgefühl. Sie stellte die Obsttüte aufs Nachttischchen, ordnete sie gewissenhaft. Überleg dir das. Besser geht es nicht.

Dann ging sie Tür zu, Stille.

Zurück blieb das schwache Parfum, das sie mitgebracht hatte, tauchte die Luft in einen eisigen Geruch, der so langsam verflog, wie ein letzter Schnipsel Erinnerung.

Allein. Albina blickte von der Tüte zum Fenster. Draußen legte sich der Abend über Berlin, Himmel färbte sich lila, dann nachtblau. Die länglichen Schatten formten Ornamente auf dem Asphalt, und in diesem lautlosen Niedergang entzweite sich Albinass Leben in ein Vorher und Nachher.

Sie saß lange so, das Fenster zwischen sich und der Dämmerung, die Gedanken ein Schwarm zielloser Schwalben. Dann griff sie nach dem Handy, zitternd aber entschieden, als fürchtete sie den Moment der Schwäche, wenn sie jetzt aufgab.

Marie, ihre Stimme war ruhig und klar komm bitte. Ich muss mit jemandem sprechen.

Marie tauchte bald auf als hätte sie alles stehen lassen. Als sie ins Zimmer schwebte, saß Albina schon aufrecht am Bettrand, Schultern gerade, Blick trocken. Keine Aufgesetztheit es war die Haltung jener, die sich am eigenen Willen festhalten.

Marie setzte sich dazu, berührte sanft die Hand ihrer Freundin. Albina wandte leicht den Kopf, sah ins Leere, begann zu reden ruhig, wie nach langem Überlegen:

Weißt du, Marie, ich lasse mich nicht mehr einschüchtern. Ich habe zu viel hinter mir, um jetzt klein beizugeben. Er kann gern die Wohnung lassen, er kann Geld schicken. Aber die Kinder nimmt er mir nicht. Ich schaffe das. Ich bin stark. Für sie.

Kein Zorn, keine Drohung reine, klare Bestimmtheit. Albina suchte nicht mehr nach Erklärungen, rechtfertigte nichts. Alles, was sie je gequält hatte, war in der alten Welt geblieben: im Davor.

Marie sagte keine großen Worte. Sie nickte bloß, drückte die Hand.

Natürlich schaffst du das. Ich bin bei dir. Wir beide.

Endlich wandte sich Albina ihr zu. Die Augen klar, voller Willen. Sie wusste: Daheim, bei der Großmutter, warteten zwei kleine Menschen, für die sie alles ausgehalten hatte. Sie waren ihr Glück, ihr Halt, ihre Kraft.

Und diesmal wusste sie niemand nimmt ihr das weg. Was auch kommt sie geht ihm entgegen. Denn sie ist Mutter. Und das bedeutet: Sie ist stärker als jede Bedrohung, jedes Geld, jedes kalte Wort.

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Homy
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Verstehen und Loslassen (Kurzgeschichte)